
Duisburg. Eine Kneipe mit Bühne im Hinterzimmer, sechzig Leute, Dienstagabend.
Dabei habe ich einen Text dabei, der mir wichtiger ist als alles, was ich vorher geschrieben habe.
Es geht um den Mann, der meinen Vater rausgeworfen hat. Nach neunzehn Jahren, im Oktober, drei Wochen vor Weihnachten.
Also vier Minuten purer Zorn.
Doch ich habe sie gebrüllt. Vom ersten bis zum letzten Wort.
Ich war rot im Gesicht, meine Stimme kippte zweimal weg, und am Ende war ich so außer Atem, dass ich mich am Mikroständer festhalten musste.
Danach war der Applaus höflich.
Später an der Theke kam jemand zu mir. Nett gemeint, ehrlich gemeint, und der schlimmste Satz des Abends.
„Ich hab jetzt inhaltlich nicht so viel mitgekriegt. Aber du warst echt laut.“
Vier Minuten Zorn über meinen Vater. Und übrig blieb: Lautstärke.
Grad 00
Warum Brüllen jeden Text über Wut auffrisst
Der Grund dafür ist unangenehm simpel.
Denn ein Publikum kann Lautstärke und Bedeutung nicht gleichzeitig verarbeiten.
Wenn du schreist, ist das Schreien das Ereignis. Deine Sätze werden zum Trägermaterial, und niemand hört mehr, was eigentlich drinsteht.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der noch fieser ist.
Denn Brüllen nutzt sich ab. Nach dreißig Sekunden auf Maximum hat dein Saal sich daran gewöhnt, und du hast keine Steigerung mehr übrig.
Also stehst du vier Minuten lang auf demselben Ton und wunderst dich, warum nichts mehr passiert.
Und drittens, das ist der eigentliche Verlust: Ein Mensch, der brüllt, wirkt nicht bedrohlich. Er wirkt überfordert.
Denn wer die Kontrolle behält, wirkt gefährlich. Wer sie verliert, wirkt bemitleidenswert.

Die Kurzfassung
Wut wird nicht durch Lautstärke stark, sondern durch Genauigkeit. Über Wut schreiben heißt deshalb: das Gefühlswort streichen und den Gegenstand hinstellen. In dieser Messreihe findest du das Temperaturgesetz, den kältesten Wuttext der Literaturgeschichte, Audre Lordes Gedanken zur Wut als Information, eine Skala von sechs Temperaturen, zehn Werkzeuge, vier Stimmen, die es können, und sieben Fehler, die deinen Zorn ruinieren.
Die Messreihe
Grad 01
Das Temperaturgesetz
Es gibt eine einzige Regel, die über jeden Wuttext entscheidet, und sie ist kontraintuitiv.
Je heißer das Gefühl, desto kälter die Sprache.
Dabei ist das kein Stilgeschmack, sondern Arbeitsteilung.
Denn die Wut soll im Publikum entstehen, nicht auf der Bühne stattfinden.
Wenn du sie komplett selbst auslebst, bleibt für den Saal nichts zu tun. Er sieht dir beim Wütendsein zu, so wie man jemandem beim Sport zuschaut.
Wenn du sie dagegen zurückhältst, muss der Saal sie selbst herstellen. Und was er selbst herstellt, gehört ihm.
Der eine Handgriff, um kälter über Wut zu schreiben
Nun also der praktische Teil, und er ist mit einem Textmarker erledigt.
Der eine Tipp
Streich jedes Gefühlswort und setz ein Detail an seine Stelle. Also raus mit „wütend“, „empört“, „unfassbar“, „widerlich“. Und rein mit dem, was du tatsächlich gesehen hast: der Uhrzeit, der Formulierung, dem Gegenstand, der Zahl. Ein Gefühlswort behauptet die Wut. Ein Detail beweist sie.
Zwar klingt der Unterschied klein, dabei ist er gewaltig.
Denn „Es war unfassbar demütigend“ ist eine Behauptung, die dein Publikum glauben darf oder eben nicht.
„Er ließ ihn den Spind selbst ausräumen, während zwei Kollegen zusahen“ ist dagegen ein Bild, gegen das niemand argumentieren kann.
Im zweiten Fall entsteht die Empörung im Kopf des Zuhörers. Und genau dort soll sie hin.
Übrigens hat mein Duisburger Text das Wort „Wut“ elfmal enthalten. Elfmal in vier Minuten.
Es ist ein bisschen so, als würdest du einen Witz erzählen und danach elfmal „lustig“ sagen.

Grad 02
Der kälteste Wuttext der Literaturgeschichte
Dublin, 1729. Irland hungert, die Armut ist katastrophal, und die englische Verwaltung diskutiert das Problem in Ausschüssen.
Der Schriftsteller Jonathan Swift schreibt daraufhin einen kleinen Text mit dem harmlosesten Titel der Welt: einen bescheidenen Vorschlag.
Darin schlägt er in aller Ruhe vor, die Kinder der irischen Armen als Nahrungsmittel zu verkaufen.
Dabei bleibt er im Tonfall eines nüchternen Wirtschaftsberaters. Mit Zahlen. Mit Kalkulationen. Mit Überlegungen zur besten Zubereitung.
Kein einziges Mal wird er laut. Kein einziges Mal sagt er, dass er wütend ist.
Und trotzdem ist das seit fast dreihundert Jahren einer der zornigsten Texte, die je geschrieben wurden.
Warum das so brutal funktioniert
Denn Swift benutzt genau die Sprache, die er angreift.
Er redet über Menschen so, wie die Verwaltung über Menschen redete: als Posten, als Kostenfaktor, als Rechengröße.
Und dadurch entlarvt er diese Sprache, ohne ein einziges Urteil auszusprechen.
Also muss der Leser die Empörung selbst leisten. Deshalb sitzt sie so tief.
Die stärkste Anklage ist die, die der Zuhörer selbst formuliert.
Was du davon auf deine Bühne holst
Du musst dafür keine Satire im großen Stil bauen. Der Trick funktioniert auch im Kleinen.
Dafür nimmst du die Sprache derjenigen, über die du schreibst, und stell sie einfach unkommentiert hin.
Die Vokabeln aus dem Kündigungsschreiben. Die Formulierung aus der Absage. Den Satz, mit dem dich jemand abgefertigt hat.
Danach zitierst du das trocken und gehst weiter, ohne es zu bewerten.
Der Saal erledigt den Rest, und zwar zuverlässiger, als du es je könntest.
Grad 03
Wut als Information, nicht als Lärm
Juni 1981, Storrs im US-Bundesstaat Connecticut. Auf einer großen Konferenz hält die Dichterin Audre Lorde die Eröffnungsrede.
Der Titel lautet sinngemäß: vom Nutzen der Wut.
Dabei ist ihre Grundthese für Schreibende bis heute brauchbar, egal worüber sie schreiben.
Nämlich: Wut ist keine Störung, sondern eine Reaktion mit Inhalt. Sie zeigt präzise an, wo etwas nicht stimmt.
Lorde beschreibt außerdem, dass sie lange gelernt habe, mit dieser Wut umzugehen, statt sie sich zerstören zu lassen. Und dass die Angst vor der Wut niemandem etwas beibringt.
Für deinen Text folgt daraus eine ziemlich konkrete Frage.
Die Frage, bevor du über Wut schreiben kannst
Nun lautet sie: Worüber informiert mich diese Wut eigentlich?
Denn hinter jedem Zorn steckt eine verletzte Erwartung, und die ist immer konkreter als das Gefühl selbst.
Bei meinem Duisburger Text war die Antwort nicht „Ich bin wütend auf diesen Mann“.
Die Antwort war: Mein Vater hat neunzehn Jahre lang geglaubt, dass Verlässlichkeit erwidert wird. Und dann war sie es nicht.
Also das ist ein Text. Das andere war dagegen nur Lautstärke.
Beantworte diese Frage schriftlich, bevor du die erste Zeile schreibst. Ein Satz reicht, aber er muss ehrlich sein.
Alles, was danach kommt, wird dadurch besser.

Grad 04
Sechs Temperaturen, über Wut zu schreiben
Nun derselbe Vorfall, sechsmal formuliert. Von ganz heiß bis unter null.
Dabei besteht die Kunst nicht darin, immer auf Stufe sechs zu bleiben.
Sondern darin, unten zu bauen und ganz selten kurz nach oben zu gehen.
Ein einziger lauter Satz nach drei Minuten Kälte wirkt wie ein Schlag. Vier Minuten Lautstärke wirken wie eine Heizung.
Grad 05
Zehn Werkzeuge, um kalt über Wut zu schreiben
W1 · Die Uhrzeit
Nenne, wann es passiert ist. Nicht „irgendwann“, sondern „um zwanzig nach elf“. Eine Uhrzeit macht aus einer Behauptung ein Protokoll, und Protokolle glaubt man. Außerdem zwingt sie dich selbst zur Genauigkeit, weil du dich erinnern musst, statt zu dramatisieren.
W2 · Der Gegenstand
Such einen konkreten Gegenstand, an dem die Sache hängt. Der Karton. Die Kaffeetasse mit dem Firmenlogo. Der Schlüssel, den er zurückgeben musste. Dinge halten Emotionen fest, ohne sie auszusprechen, und dein Publikum kann sie sehen.
W3 · Die Untertreibung
Sag weniger, als die Sache verdient. „Das war nicht optimal“ über etwas Ungeheuerliches erzeugt eine Lücke, und in dieser Lücke sitzt die Wut. Der Saal merkt sofort, dass du dich zurückhältst, und rechnet den Rest selbst dazu.
W4 · Die Aufzählung
Reih die Fakten ohne Bindewörter aneinander. Kein „und“, kein „außerdem“, kein „dann auch noch“. Eine nüchterne Liste wirkt wie eine Anklageschrift, gerade weil sie so unbeteiligt klingt. Drei bis fünf Punkte reichen, danach nutzt sich der Effekt ab.
W5 · Die Wiederholung
Nimm eine kurze Formulierung und bring sie mehrfach an derselben Stelle im Satzbau. Die Wiederholung erzeugt Druck, ohne dass du lauter werden musst. Sie ist das einzige Mittel, das Steigerung erlaubt, während die Lautstärke gleich bleibt.
W6 · Der Perspektivwechsel
Erzähl einen Abschnitt aus der Sicht dessen, über den du wütend bist. Nicht um ihn zu entschuldigen, sondern um zu zeigen, wie normal ihm das alles vorkam. Nichts ist erschütternder als die Beiläufigkeit auf der anderen Seite.
W7 · Die Höflichkeitsform
Bleib formell. Sprich von „dem Herrn“ statt von „diesem Typen“. Kalte Distanz klingt souveräner als Beschimpfung und lässt den Angesprochenen kleiner wirken, nicht größer. Eine Beleidigung adelt ihr Ziel, eine höfliche Formel erledigt es.
W8 · Die Auslassung
Lass das schlimmste Detail weg und deute es nur an. Was du verschweigst, malt sich dein Publikum schlimmer aus, als du es je schreiben könntest. Und es hat dabei das Gefühl, etwas verstanden zu haben, das nicht dastand.
W9 · Der kurze Satz
Wut braucht kurze Sätze. Lange Sätze wirken erklärend, kurze wirken entschieden. Und wenn du nach mehreren kurzen einmal einen langen bringst, hat der plötzlich enormes Gewicht. Wie du das rhythmisch baust, steht hier: Rhythmuswechsel.
W10 · Die letzte Zeile
Der Schluss eines Wuttextes darf nie die lauteste Stelle sein. Geh am Ende runter, nicht rauf. Ein leiser Schlusssatz nach vier Minuten Druck ist der einzige Moment, in dem ein Saal wirklich still wird.

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Vier Stimmen, die über Wut schreiben können
James Baldwin: Zorn mit Zimmertemperatur
Der amerikanische Schriftsteller James Baldwin hat über Rassismus geschrieben und gesprochen, ohne dabei jemals die Stimme zu heben.
Wer alte Aufnahmen von ihm sieht, merkt sofort, was da passiert: Er spricht ruhig, fast beiläufig, mit langen Pausen. Und der Inhalt ist gnadenlos.
Denn sein Mittel war die Präzision. Er sagte nicht, dass etwas ungerecht sei, sondern beschrieb den Mechanismus so genau, dass die Ungerechtigkeit unübersehbar wurde.
Am deutlichsten siehst du das in seiner berühmtesten Aufnahme: dem Streitgespräch an der Cambridge Union am 18. Februar 1965, das die BBC übertrug.
AUFNAHME 01 · Cambridge Union, 18. Februar 1965. Baldwins Beitrag beginnt bei Minute 14.
Achte weniger auf den Inhalt als auf das Tempo. Er lässt sich Zeit, er sucht Wörter, er wartet.
Und der Saal wird mit jeder Minute stiller.
Das ist die schwerste Übung von allen. Und die wirksamste.
Thomas Bernhard: die Wut als Endlosschleife
Der österreichische Autor Thomas Bernhard hat eine andere Lösung gefunden, und sie ist ebenso brauchbar.
Dabei schimpfen seine Erzähler seitenlang, ohne Absätze, in immer neuen Wiederholungen derselben Vorwürfe.
Der Trick dabei: Die Übertreibung wird so weit getrieben, bis sie komisch wird. Und dann kippt sie zurück ins Bittere.
Bernhard nannte das selbst eine Kunst der Übertreibung. Für die Bühne heißt das: Wenn du schon laut wirst, dann übertreib so maßlos, dass klar wird, du meinst es ernst und gleichzeitig nicht.
Das ist der einzige Weg, auf dem lautes Schimpfen im Slam funktioniert. Nämlich als Form, nicht als Ausbruch.
Joan Didion: das kalte Auge
Die amerikanische Journalistin und Autorin Joan Didion hat über Katastrophen, Zusammenbrüche und Verlogenheit geschrieben, als würde sie ein Protokoll führen.
Also keine Ausrufezeichen und keine Empörungsvokabeln. Stattdessen Details, Beobachtungen, Sätze wie mit dem Skalpell gesetzt.
Und genau dadurch entsteht beim Lesen ein Frösteln, das kein lauter Text erzeugen könnte.
Ihre Lektion für dich lautet: Beschreib, was war. Das reicht.
Harold Pinter: die Pause als Drohung
Der britische Dramatiker Harold Pinter hat die Pause zu einem eigenen Werkzeug gemacht. In seinen Stücken steht sie ausdrücklich in den Regieanweisungen.
Denn seine Figuren sagen harmlose Dinge, und dazwischen liegt Schweigen, in dem alles Bedrohliche wohnt.
Für deinen Wuttext ist das die praktischste aller Techniken, weil du sie sofort anwenden kannst.
Wie das in der Praxis klingt, zeigt seine Nobelvorlesung vom 7. Dezember 2005. Pinter war zu krank für die Reise nach Stockholm, deshalb sprach er die sechsundvierzig Minuten vorab vor eine Kamera.
AUFNAHME 02 · Nobelvorlesung 2005, vorab aufgezeichnet. Inhaltlich stark umstritten, handwerklich eine Lehrstunde.
Der politische Inhalt dieser Rede wurde damals heftig diskutiert und wird es bis heute. Darum geht es hier aber nicht.
Interessant ist, wie er spricht: sehr leise, sehr langsam, mit Pausen, die unangenehm lang stehen bleiben.
Ein Mann im Sessel, ohne Publikum, ohne Bühne. Und trotzdem kaum auszuhalten.
Setz vor deinen härtesten Satz eine Pause von zwei Sekunden. Nicht danach, sondern davor. Der Saal spürt, dass etwas kommt, und ist bereits angespannt, bevor du überhaupt sprichst.
Die Probe, bevor du den Text mitnimmst
Zum Schluss dieser Werkzeugliste noch ein Test, der zwei Minuten dauert und dir ganze Abende erspart.
Lies deinen Text laut vor und zwar bewusst mit völlig monotoner Stimme. Ohne jede Betonung, ohne Lautstärke, wie eine Durchsage.
Denn wenn er dann immer noch trifft, ist er gut geschrieben.
Falls er dagegen flach wirkt, hast du die Wirkung bisher mit deiner Stimme erzeugt und nicht mit dem Text. Und genau das fällt auf der Bühne irgendwann auseinander.
Anschließend zählst du zwei Dinge: die Gefühlswörter und die konkreten Details.
Das Verhältnis sollte deutlich zugunsten der Details ausfallen. Bei mir liegt es heute ungefähr bei eins zu zehn.
Übrigens funktioniert dieser Test auch bei traurigen Texten. Denn dort gilt genau dasselbe Gesetz.
Grad 07
Wie du den Text sprichst, ohne zu brüllen
Zwar kann ein kalt geschriebener Text auf der Bühne heiß werden, wenn du ihn falsch sprichst.
Deshalb hier die vier Dinge, die beim Vortrag zählen.
Langsamer statt lauter
Der Reflex bei Wut heißt Tempo. Dagegen ist Langsamkeit das eigentliche Druckmittel.
Wer langsam spricht, wirkt, als hätte er alle Zeit der Welt. Und genau das ist bedrohlich.
Die Lautstärke absenken statt anheben
Geh an deinen härtesten Stellen nach unten, nicht nach oben. Der Saal muss sich dann anstrengen, und Anstrengung erzeugt Aufmerksamkeit.
Mehr zu diesem Prinzip findest du hier: Lautstärke auf der Bühne.
Den Körper ruhig halten
Keine ausladenden Gesten, kein Auf-und-ab-Gehen, kein Fuchteln. Steh still.
Denn Bewegung lässt die Spannung ab, die dein Text gerade aufbaut. Und du willst sie behalten.
Einen einzigen Ausbruch erlauben
Also genau einen. Such dir eine Stelle im Text, an der du kurz die Kontrolle abgibst.
Dieser eine Moment wirkt nur deshalb, weil alles davor beherrscht war. Das ist derselbe Mechanismus wie bei der Mimik: Die Veränderung trägt die Wirkung, nicht der Dauerzustand.
Drei Übungen, um über Wut zu schreiben
Diese drei Übungen kosten dich zusammen keine Stunde. Und sie verändern dauerhaft, wie du solche Texte baust.
Drei Übungen für daheim
→ Der Aktenvermerk: Schreib deinen Vorfall einmal komplett als nüchternes Protokoll. Nur Fakten, Uhrzeiten, Gegenstände. Erstaunlich oft ist diese Fassung die bessere.
→ Die Gegenseite: Schreib eine halbe Seite aus der Sicht dessen, über den du wütend bist. Nicht als Entschuldigung, sondern um zu sehen, wie beiläufig ihm alles vorkam.
Die dritte Übung ist die unangenehmste und bringt am meisten.
Denn sobald du die Beiläufigkeit der Gegenseite erst einmal formuliert hast, brauchst du kein einziges Schimpfwort mehr.
Zumal diese Beiläufigkeit ohnehin das Schlimmste an der ganzen Sache ist.

Grad 08
Sieben Fehler im Zorn
F1 · Das Gefühlswort
Du schreibst „wütend“, „empörend“, „unfassbar“ und glaubst, damit sei die Arbeit erledigt. Ist sie nicht. Ein Gefühlswort ist eine Rechnung ohne Deckung.
F2 · Der Dauerpegel
Vier Minuten auf demselben hohen Ton. Nach einer halben Minute hat sich der Saal daran gewöhnt, und danach hörst du auf zu wirken, ohne es zu merken.
F3 · Die Beschimpfung
Schimpfwörter machen dein Ziel größer, nicht kleiner. Wer beleidigt, gibt zu, dass ihm die Argumente ausgegangen sind. Eine höfliche Formulierung tut mehr weh.
F4 · Die Rechtfertigung
Du erklärst, warum du wütend sein darfst. Damit bittest du um Erlaubnis. Ein Wuttext, der um Zustimmung wirbt, hat schon verloren. Behaupte dein Recht nicht, nimm es dir.
F5 · Die Verallgemeinerung
Du machst aus deinem Fall ein Gesellschaftsproblem, weil es größer wirkt. Es wirkt aber kleiner. Der einzelne Karton auf dem einzelnen Schreibtisch schlägt jede Systemkritik.
F6 · Die Abrechnung ohne Distanz
Du schreibst mitten in der frischen Wut. Das fühlt sich richtig an und liest sich schlecht. Warte, bis du den Vorfall beschreiben kannst, ohne dass dir dabei die Hände zittern.
F7 · Der laute Schluss
Du gehst am Ende auf Maximum, weil es sich nach Finale anfühlt. Dabei ist der leise Schluss der einzige, nach dem ein Saal wirklich schweigt. Geh runter, nicht rauf.
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Wenn dir das Gefühl allein nicht reicht
Zwar ist Wut zu haben keine Kunst. Die hat jeder, der morgens die Nachrichten liest.
Die Kunst ist, sie so zu bauen, dass sie bei jemand anderem ankommt.
Der Poetry Master ist genau dafür da: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also alles, was aus einem Gefühl einen Text macht.
Hol dir den Poetry Master – oder brüll weiter gegen einen Saal an, der nur die Lautstärke mitbekommt.
Grad 09
Häufige Fragen dazu, wie du über Wut schreiben kannst
Darf ich in einem Wuttext überhaupt nie laut werden?
Doch, aber genau einmal. Ein einziger lauter Satz nach Minuten der Beherrschung wirkt wie ein Schlag. Dauerlautstärke dagegen nutzt sich nach etwa dreißig Sekunden ab und lässt dir keine Steigerung mehr.
Wie lange soll ich nach einem Vorfall warten?
So lange, bis du den Vorfall in ruhigen Sätzen beschreiben kannst. Solange du beim Schreiben zitterst, schreibst du gegen jemanden. Sobald du kalt beschreiben kannst, schreibst du für dein Publikum.
Muss ich die Person schützen, über die ich schreibe?
Ja, und zwar aus zwei Gründen. Erstens rechtlich, weil erkennbare reale Personen auf einer öffentlichen Bühne heikel sind. Zweitens künstlerisch, weil ein anonymer Gegner universeller wirkt. Ändere Namen, Orte und Branche, aber behalte die Details.
Wirkt kalte Wut nicht einfach kalt und unnahbar?
Nur, wenn die Details fehlen. Kälte in der Sprache bei größter Genauigkeit im Bild ergibt Nähe. Kälte ohne Details ergibt tatsächlich nichts. Der Unterschied liegt im Konkreten, nicht im Ton.
Wie finde ich heraus, worum es in meiner Wut wirklich geht?
Schreib vor dem Text einen einzigen Satz auf, der die verletzte Erwartung benennt. Also nicht das Gefühl, sondern das, was du geglaubt hattest und was sich als falsch herausstellte. Dieser Satz ist der Kern deines Textes.
Wie erkenne ich, ob mein Text zu heiß geraten ist?
Zähl die Gefühlswörter und die Ausrufezeichen. Kommst du bei vier Minuten Text über eine Handvoll, ist er zu heiß. Streich sie und ersetz jedes durch eine Beobachtung, dann misst du noch einmal.
Letzte Messung
Zurück nach Duisburg
Übrigens stand ich drei Jahre später wieder in demselben Hinterzimmer.
Derselbe Vorfall, derselbe Mann, dieselbe Geschichte über meinen Vater.
Aber diesmal kam das Wort „Wut“ kein einziges Mal darin vor.
Stattdessen kam ein Dienstagmorgen vor. Eine offene Bürotür. Ein Karton, in den nicht viel hineinpasste.
Und neunzehn Jahre, die sich in vier Minuten erledigen ließen.
Zunächst habe ich leise angefangen und bin dann leiser geworden.
Genau einmal, ungefähr in der Mitte, bin ich laut geworden. Ein Satz.
Und der letzte Satz war der leiseste des ganzen Textes. Nämlich der, in dem sich dieser Mann Jahre später höflich nach der Gesundheit meines Vaters erkundigt.
Danach war es still. Und zwar nicht kurz still, sondern unangenehm lange.
An der Theke kam später wieder jemand zu mir. Diesmal sagte er nichts über Lautstärke.
Er sagte: „Ich musste die ganze Zeit an meinen Onkel denken.“
Dabei war es exakt dieselbe Wut wie beim ersten Mal.
Ich hatte nur aufgehört, sie zu behaupten.

Wut, die brüllt, hört man. Wut, die genau ist, glaubt man.
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