
Du hast eine Idee. Und zwar sofort.
Und zwar eine gute: Bei der Stelle mit dem Großvater setzt du seinen Hut auf.
Das Publikum wird das lieben. Denkst du.
Wird es aber nicht. Und gleich verstehst du auch, warum.
Bei mir war es zunächst Münster. Backstage, zwanzig Minuten vor der Vorrunde.
Also mache ich meinen Koffer auf. Ja, einen Koffer.
Drin lagen: ein Hut. Eine Plastikrose. Eine Sonnenbrille. Eine Taschenlampe. Und ein Kuscheltier.
Die Moderatorin kam rein, sah in den Koffer und stellte genau eine Frage.
Also fing ich an zu erklären. Der Hut für den Großvater. Die Rose für die Liebesszene. Die Taschenlampe für den nächtlichen Teil.
Sie hat mich ausreden lassen. Und ehrlich: Das war fast das Schlimmste.
„Requisiten sind hier nicht erlaubt. Steht in den Regeln. Und ehrlich? Du brauchst die auch nicht.“
Den ersten Teil fand ich unfair. Den zweiten habe ich erst zwei Jahre später verstanden.
Asservat 00
Poetry Slam Requisiten: die kurze und die lange Antwort
Zuerst die kurze Antwort, denn deswegen bist du hier.
Nein. Requisiten sind bei den allermeisten Slams nicht erlaubt.
Das gilt für Hüte, Instrumente, Kostüme, Kuscheltiere und die Plastikrose.
Erlaubt ist dagegen praktisch überall genau eins: dein Text auf Papier. Also Blatt, Heft, Mappe oder Handy.
Doch jetzt die lange Antwort, denn die ist die eigentlich interessante.
Selbst wenn Requisiten erlaubt wären, solltest du keine benutzen.
Denn jede Requisite nimmt deinem Text eine Aufgabe ab.
Denn ein Text, dem man Aufgaben abnimmt, wird schwächer. Nicht stärker.
Was du hier lernst
Woher das Verbot kommt und warum es dir hilft. Zehn Gegenstände mit klarem Urteil. Das Prinzip von Tschechows Gewehr. Fünf Dinge, die Requisiten deinem Text antun. Zehn Techniken, die jede Requisite ersetzen. Zehn Szenen mit Vorher und Nachher. Und die Ausnahmen, in denen es doch geht.
Das Beweisverzeichnis
Asservat 01
Woher das Verbot für Poetry Slam Requisiten kommt
Denn das Verbot ist keine Schikane. Sondern der Kern der ganzen Veranstaltungsform.
Der Poetry Slam entstand in den Achtzigerjahren in Chicago. Aus einer sehr einfachen Idee heraus.
Nämlich: Alle bekommen exakt dieselben Mittel.
Also fünf Minuten, ein Mikro und kein Budget.
Damit war es plötzlich egal, ob du Geld hast oder eine Schauspielausbildung.
Und genau das macht die Sache fair. Und genau das ruinierst du mit einem Koffer.
Die drei Gründe hinter der Regel
Erstens die Fairness. Wer eine Gitarre mitbringt, spielt ein anderes Spiel als der, der nur einen Zettel hat. Und beide werden mit denselben Punkten bewertet.
Zweitens die Praxis. Ein Slam hat oft zwölf Auftretende und harte Umbauzeiten. Wenn drei Leute etwas aufbauen müssen, kippt der ganze Abend.
Drittens die Kunstform selbst. Beim Slam geht es um Sprache. Sobald ein Gegenstand dazukommt, bewertet der Saal auch die Idee mit dem Gegenstand. Und nicht mehr nur den Text.
Übrigens variieren die Regeln von Stadt zu Stadt. Frag im Zweifel die Moderation, bevor du etwas mitbringst.
Aber verlass dich darauf: Die Antwort ist fast immer nein.
Asservat 02
Zehn Asservate, zehn Urteile
Also die häufigsten Fälle. Mit klarem Urteil, ohne Wenn und Aber.
Fünf Fälle, die als Poetry Slam Requisiten durchgehen

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Asservat 03
Tschechows Gewehr, oder: warum dein Hut eine Lüge ist
Übrigens gibt es eine alte Regel aus dem Theater. Und sie erklärt dein Requisitenproblem besser als alles andere.
Anton Tschechow hat sie sinngemäß so formuliert: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im letzten abgefeuert werden.
Andernfalls gehört es nämlich nicht dorthin.
Was das für dich bedeutet
Denn jeder sichtbare Gegenstand ist ein Versprechen.
Denn sobald der Saal ihn sieht, fängt er an, ihn einzuordnen. Wozu ist der Hut da? Was passiert damit?
Und diese Frage läuft im Hintergrund weiter, während du sprichst.
Das heißt: Dein Gegenstand kostet dich Aufmerksamkeit, noch bevor du ihn benutzt.
Ein Gegenstand auf der Bühne ist nie neutral. Er ist immer eine offene Frage.
Doch jetzt der eigentliche Haken.
Wenn du den Hut aufsetzt und wieder abnimmst, hast du das Versprechen eingelöst. Aber winzig.
Denn der Saal hat drei Sekunden lang auf ein Ereignis gewartet und ein Accessoire bekommen.
Deshalb funktioniert das nie so gut, wie du es dir vorstellst.
Asservat 04
Fünf Dinge, die Requisiten deinem Text antun
S1 · Sie nehmen dem Text die Arbeit ab
Wenn der Hut den Großvater zeigt, muss deine Sprache ihn nicht mehr zeigen. Also lässt du die Beschreibung weg. Und genau diese Beschreibung wäre der bessere Teil gewesen.
S2 · Sie machen dich zum Handwerker
Aufsetzen, absetzen, ablegen, wiederfinden. Jede dieser Bewegungen ist Logistik. Und Logistik auf der Bühne sieht immer nach Arbeit aus, nie nach Kunst.
S3 · Sie erzeugen Erwartungen, die du nicht einlöst
Der Saal sieht deinen Koffer und rechnet mit einer Nummer. Bekommt er einen normalen Text mit Requisitenbeigabe, ist er enttäuscht. Obwohl der Text vielleicht gut war.
S4 · Sie kosten dich Zeit
Fünf Minuten sind wenig. Wer davon zwanzig Sekunden für Hantieren verbraucht, hat sieben Prozent seiner Bühnenzeit verschenkt. Für einen Hut.
S5 · Sie verraten Unsicherheit
Das ist der bittere Teil. Denn ein Gegenstand in der Hand ist meistens ein Rettungsring. Wer nichts hält, muss allein wirken. Und genau das ist die Fähigkeit, die du eigentlich trainieren willst.
Merkst du dabei das Muster?
Jeder einzelne Punkt läuft auf dasselbe hinaus: Die Requisite ersetzt etwas, das dein Text besser könnte.
Asservat 05
Zehn Techniken, die jede Requisite ersetzen
Nun der praktische Teil. Denn du brauchst ja trotzdem eine Lösung.
T1 · Die Handhaltung
Du hältst nichts und formst trotzdem die Hand um einen Gegenstand. Die Größe, das Gewicht, die Art zu greifen. Der Saal ergänzt das Objekt automatisch, und zwar präziser, als du es mitbringen könntest.
T2 · Das eine Detail
Statt den Hut zu zeigen, beschreibst du den Schweißrand im Futter. Ein einziges konkretes Detail erzeugt mehr Bild als der ganze echte Gegenstand.
T3 · Der Positionswechsel
Für Figurenwechsel brauchst du keinen Hut, sondern einen halben Schritt zur Seite. Das ist schneller, sauberer und lenkt nicht ab.
T4 · Die Stimmfarbe
Eine andere Figur bekommt eine andere Tonlage oder ein anderes Tempo. Nicht übertrieben verstellt, nur leicht verschoben. Das reicht völlig.
T5 · Der Blick auf das Nichts
Du schaust auf eine Stelle, an der nichts ist, als läge dort etwas. Der Saal folgt deinem Blick und sieht mit. Das ist der billigste Spezialeffekt der Welt.
Fünf weitere Wege ohne Poetry Slam Requisiten
T6 · Das Geräusch im Text
Statt eine Taschenlampe anzuknipsen, beschreibst du das Klicken. Sprache kann Geräusche transportieren, und im Kopf klingen sie besser als in echt.
T7 · Die Zeitangabe statt der Szene
Statt Dunkelheit herzustellen, sagst du: kurz nach drei. Der Saal baut die Nacht selbst. Und zwar seine eigene, was besser wirkt als deine.
T8 · Das Gewicht in der Stimme
Wenn du etwas Schweres beschreibst, verlangsame und geh in der Tonhöhe runter. Der Körper überträgt Gewicht auch ohne Gegenstand.
T9 · Die Aussparung
Beschreib den Gegenstand gar nicht, sondern nur, was er anrichtet. Nicht die Uhr, sondern den weißen Streifen am Handgelenk. Das ist stärker und du sparst dir das Ding.
T10 · Der Rhythmuswechsel
An der Stelle, an der du eine Requisite eingesetzt hättest, wechselst du stattdessen das Tempo. Mehr dazu hier: Rhythmuswechsel.

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Zehn Szenen: Gegenstand gegen Sprache
Also zehnmal dieselbe Idee. Einmal mit Ding, einmal mit Worten.
SZENE 01 · DER GROSSVATER
Du willst zeigen, dass jetzt der Großvater spricht.
Mit Gegenstand: Hut aufsetzen. Drei Sekunden Hantieren, danach schaut der Saal auf den Hut.
Mit Sprache: halber Schritt zur Seite, Stimme eine Spur tiefer und langsamer. Eine halbe Sekunde, kein Requisit, sofort verstanden.
SZENE 02 · DIE LIEBESSZENE
Du willst eine Rose übergeben.
Mit Gegenstand: Plastikrose aus der Tasche ziehen. Wirkt sofort billig, weil sie aus Plastik ist. Und das sieht man von der ersten Reihe aus.
Mit Sprache: beschreib, wie die Dornen abgeschnitten waren. Ein Detail sagt mehr über die Geste als die ganze Blume.
SZENE 03 · DIE NACHT
Du willst Dunkelheit herstellen.
Mit Gegenstand: Taschenlampe anknipsen. Kostet Zeit, funktioniert bei hellem Bühnenlicht nicht und sieht nach Bastelstunde aus.
Mit Sprache: „Kurz nach drei, und die Straßenlaterne vor dem Haus war seit Wochen kaputt.“ Der Saal baut die Nacht selbst.
Drei Klassiker, die ohne Requisiten besser laufen
SZENE 04 · DER BRIEF
Du willst einen Brief vorlesen.
Mit Gegenstand: echtes Papier hochhalten. Das Publikum sieht dein Textblatt und den Brief und weiß nicht mehr, was was ist.
Mit Sprache: Tonwechsel. Sprich den Brief langsamer und formeller. Damit ist klar, dass jetzt jemand anderes formuliert hat.
SZENE 05 · DAS TELEFONAT
Du willst ein Gespräch am Telefon zeigen.
Mit Gegenstand: Handy ans Ohr halten. Der Saal sieht dein Handy und denkt an dein Handy, nicht an die Szene.
Mit Sprache: Pausen an den Stellen, an denen die andere Person spricht. Reagier auf etwas, das niemand hört. Eine der stärksten Techniken überhaupt.
SZENE 06 · DER AUSZUG
Du willst zeigen, dass jemand geht.
Mit Gegenstand: echten Koffer hinstellen. Der steht dann die ganze Zeit da und stellt Fragen, die dein Text nicht beantwortet.
Mit Sprache: beschreib, was hineinpasst und was nicht. „Neunzehn Jahre passen in einen Karton, wenn man die Bücher weglässt.“
Vier schwierige Fälle ohne Poetry Slam Requisiten
SZENE 07 · DAS KIND
Du willst ein Baby im Arm zeigen.
Mit Gegenstand: Puppe oder Kuscheltier. Wirkt fast immer unfreiwillig komisch, weil das Publikum sofort den Stoff sieht.
Mit Sprache: die Armhaltung und ein Detail: wie schwer der Kopf ist, wie warm der Nacken. Zwei Sätze, und jeder im Saal hält mit.
SZENE 08 · DIE ZIGARETTE
Du willst rauchen.
Mit Gegenstand: echte Zigarette. In fast allen Räumen verboten, in allen anderen eine Ablenkung.
Mit Sprache: die Bewegung ohne Objekt, dazu ein Geräusch im Text. Das Klicken des Feuerzeugs, das Einatmen. Beschreiben schlägt vormachen.
SZENE 09 · DIE BEDROHUNG
Du willst zeigen, dass jemand gefährlich wird.
Mit Gegenstand: selbst eine Attrappe ist hier ein Fehler, denn sie erzeugt echtes Unbehagen im Saal. Und zwar das falsche.
Mit Sprache: beschreib die Reaktion statt des Gegenstands. Wie still es wurde. Wo die Hände der anderen waren. Das ist bedrohlicher als jedes Objekt.
SZENE 10 · DER ABSCHIED
Du willst eine Beerdigung zeigen.
Mit Gegenstand: die Urne oder die Blume macht die Szene sofort kitschig, weil sie zu deutlich ist.
Mit Sprache: das Gewicht in den Händen, die Temperatur, die Frage, wohin damit. Der Saal weiß, was du hältst, ohne dass du es benennst.
Asservat 07
Drei Zeugen, drei Lehren
Marc Kelly Smith: der Mann, der die Regeln gemacht hat
Denn der Poetry Slam geht auf einen Bauarbeiter aus Chicago zurück. Marc Kelly Smith hat ihn Mitte der Achtzigerjahre erfunden.
ZEUGE 01 · Der Erfinder über den Kern der Sache.
Die Grundidee war Gleichheit. Jeder bekommt dieselben Mittel, jeder wird von zufälligen Leuten aus dem Publikum bewertet.
Genau deshalb ist die Requisitenfrage keine Formalie. Denn sie betrifft den Kern der Sache.
Sarah Kay: was ein Mensch ohne alles kann
Ein Vortrag, in dem eine Person auf einer leeren Bühne steht. Kein Gegenstand, kein Bühnenbild, nichts.
ZEUGE 02 · Leere Bühne. Und trotzdem siehst du alles.
Achte darauf, wie oft du beim Zuschauen Dinge siehst, die gar nicht da sind.
Das ist der ganze Beweis. Mehr braucht es nicht.
Die Requisitenkomiker: warum es dort funktioniert
Fairerweise gibt es allerdings Bühnenkunst, die ohne Gegenstände nicht existieren würde.
Comedians wie Carrot Top oder früher Gallagher haben ganze Karrieren auf Requisiten gebaut. Koffer voller Dinge, ein Gag pro Objekt.
Und das funktioniert. Aber nur, weil der Gegenstand dort die Pointe ist und nicht ihre Illustration.
Genau da liegt der Unterschied zu deinem Hut.
Ist dein Gegenstand die Pointe, baust du Requisitenkomik. Zeigt er nur, was der Text schon sagt, baust du eine Doppelung.
Und Doppelungen sind im Slam immer die schwächere Lösung.

Asservat 08
Wo Poetry Slam Requisiten doch erlaubt sind
Damit du nicht denkst, ich mache es mir zu einfach: Es gibt durchaus Ausnahmen.
A1 · Der Themenslam
Manche Veranstaltungen lockern die Regeln bewusst, etwa an Halloween oder Silvester. Dann steht das aber in der Ausschreibung. Und du fragst trotzdem vorher nach.
A2 · Die offene Bühne
Kein Wettbewerb, keine Punkte, oft keine Regeln. Hier kannst du fast alles ausprobieren. Und genau dafür sind offene Bühnen da.
A3 · Der Musikslam oder das Mischformat
Es gibt Formate, in denen Instrumente ausdrücklich dazugehören. Wenn du singen willst, such dir eins davon statt gegen die Slam-Regeln zu arbeiten.
A4 · Das eigene Programm
Sobald du einen abendfüllenden Auftritt spielst, gelten deine Regeln. Da darfst du bauen, was du willst. Nur eben nicht im Wettbewerb.
A5 · Der Sonderfall Kleidung
Deine Kleidung ist keine Requisite, solange sie deine Kleidung ist. Die Grenze verläuft bei der Absicht: Wer sich verkleidet, um eine Figur zu spielen, ist drüber.
Und noch etwas Wichtiges zur Praxis: Die Regeln sind lokal verschieden.
Frag also die Moderation, bevor du etwas mitbringst. Das kostet dich eine Nachricht und erspart dir eine Diskussion zwanzig Minuten vor deinem Auftritt.


Asservat 09
Räum deinen Koffer aus
Nun der praktische Teil. Nimm also deinen Text und geh ihn durch.
Schritt 1 · Markier jede geplante Requisite
Jeden Gegenstand, jede Verkleidung, jedes Hilfsmittel. Auch die, die du nur im Kopf hattest.
Schritt 2 · Stell zu jedem eine Frage
Die Frage lautet nämlich: Was genau soll dieser Gegenstand zeigen?
Schreib die Antwort in einem Satz auf. Zum Beispiel: Er soll zeigen, dass jetzt der Großvater spricht.
Schritt 3 · Ersetz die Antwort durch Sprache
Nun schreibst du zwei bis drei Zeilen, die dasselbe leisten.
Und meistens wirst du merken: Diese Zeilen sind besser als der Gegenstand.
Denn sie liefern nicht nur die Information, sondern auch ein Bild und einen Ton.
Schritt 4 · Zähl, was übrig bleibt
Bei mir waren es am Ende übrigens null Gegenstände. Von fünf.
Und der Text war um vier Zeilen länger und deutlich besser.
Drei Übungen für heute Abend
→ Der Figurentest: Sprich zwei Figuren nur über Position und Tempo. Ohne Stimmenverstellen, ohne Hut.
→ Die Streichprobe: Nimm einen alten Text mit Requisitenidee und schreib die Stelle neu. Vergleich die beiden Fassungen laut.

Asservat 10
Zehn Fehler im Umgang mit Dingen
F1 · Nicht vorher fragen
Der teuerste Fehler. Du baust deinen Text um eine Requisite und erfährst zwanzig Minuten vorher, dass sie verboten ist. Frag vorher.
F2 · Den Gegenstand die Arbeit machen lassen
Du kürzt die Beschreibung, weil man das Ding ja sieht. Damit streichst du genau den Teil, der den Text gut gemacht hätte.
F3 · Hantieren während des Sprechens
Aufsetzen, umgreifen, ablegen. Jede dieser Bewegungen zieht Aufmerksamkeit ab. Wenn schon, dann in einer Pause.
F4 · Den Gegenstand liegen lassen
Was einmal sichtbar war, stellt weiter Fragen. Wer den Hut nach der Szene auf den Boden legt, hat ihn den Rest des Textes im Bild.
F5 · Requisite statt Vorbereitung
Ein Gegenstand ersetzt kein Üben. Wer unsicher ist, wird mit Hut nicht sicherer. Nur beschäftigter.
F6 · Das Textblatt als Versteck
Das Blatt ist erlaubt, aber es ist kein Schild. Wer es vors Gesicht hält, nimmt sich selbst aus dem Spiel.
F7 · Die Requisite als Entschuldigung
„Eigentlich hätte ich hier eine Gitarre gebraucht.“ Sag das nie. Denn damit erklärst du deinen eigenen Text für unvollständig.
F8 · Zu viele Dinge
Mein Koffer hatte fünf. Selbst wenn alle erlaubt gewesen wären: Fünf Gegenstände in vier Minuten sind keine Dramaturgie, sondern ein Flohmarkt.
F9 · Die Requisite im Publikum
Etwas verteilen, jemandem etwas geben, ins Publikum werfen. Das kostet Zeit, erzeugt Unruhe und die meisten Moderationen mögen es gar nicht.
F10 · Nicht merken, dass es besser ohne ging
Der stillste Fehler. Du hast den Auftritt mit Requisite gespielt, er lief okay, also behältst du sie. Probier den Text einmal ohne. Dann weißt du es.
Achtung, Werbung
Der Koffer, den du wirklich brauchst
Du brauchst keinen Hut. Sondern Werkzeug im Kopf.
Denn alles, was eine Requisite leisten soll, kann Sprache besser. Wenn du weißt, wie.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder schlepp weiter einen Koffer mit Plastikrose durch die Republik.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Asservat 11
Häufige Fragen zu Poetry Slam Requisiten
Sind Poetry Slam Requisiten grundsätzlich verboten?
Bei den allermeisten Slams ja. Erlaubt ist praktisch überall nur dein Text auf Papier oder Handy. Die Regeln sind allerdings lokal verschieden, also frag im Zweifel die Moderation.
Darf ich mein Textblatt mit auf die Bühne nehmen?
Ja, überall. Und niemand vergibt Punkte fürs Auswendigkönnen. Halt es auf Brusthöhe, nummerier die Seiten und benutz es als Netz statt als Teleprompter.
Darf ich vom Handy ablesen?
Ja, das ist heute völlig üblich. Zwei Tipps: Helligkeit hochstellen, weil du im Bühnenlicht sonst nichts siehst. Und Flugmodus einschalten.
Zählt meine Kleidung als Requisite?
Nein, solange es deine Kleidung ist. Die Grenze verläuft bei der Absicht. Wer sich verkleidet, um eine Figur darzustellen, hat ein Kostüm an und damit eine Requisite.
Warum sind Requisiten überhaupt verboten?
Aus drei Gründen: Fairness, weil alle dieselben Mittel haben sollen. Praxis, weil ein Slam-Abend keine Umbauzeiten hat. Und weil beim Slam die Sprache bewertet wird, nicht die Ausstattung.
Wie zeige ich eine Figur ohne Hut?
Über Position und Stimme. Ein halber Schritt zur Seite plus eine leicht veränderte Tonlage reicht völlig. Das geht schneller als jedes Hantieren und lenkt nicht ab.
Darf ich ein Instrument mitbringen?
Bei klassischen Slams fast nie. Denn es verschiebt die Bewertung von Text auf Musik. Such dir stattdessen einen Musikslam oder eine offene Bühne.
Was ist mit einem persönlichen Erinnerungsstück?
Der schwierigste Fall. Formal ist es eine Requisite. Frag die Moderation vorher und frag dich ehrlich, ob du es für den Text brauchst oder für dich selbst.
Darf ich etwas ins Publikum geben?
Meistens nicht gern gesehen. Es kostet Zeit, erzeugt Unruhe und die Moderation muss den Abend im Takt halten. Verzichte darauf.
Wie ersetze ich einen Gegenstand am besten?
Durch ein einziges konkretes Detail. Nicht den Hut zeigen, sondern den Schweißrand im Futter beschreiben. Ein Detail erzeugt mehr Bild als das echte Objekt.
Letztes Asservat
Was aus dem Koffer wurde
Übrigens bin ich damals ohne den Koffer aufgetreten.
Zwar nicht freiwillig, sondern weil ich musste.
Und die ersten dreißig Sekunden waren die unangenehmsten meines Slammer-Lebens. Denn ich wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit den Händen.
Danach kam die Stelle mit dem Großvater.
Also ohne Hut. Stattdessen habe ich einen halben Schritt zur Seite gemacht und die Stimme etwas tiefer genommen.
Daraufhin haben zwei Leute in der zweiten Reihe gelacht. Genau an der Stelle, an der ich es wollte.
Mit Hut hatte an dieser Stelle nie jemand gelacht.
Übrigens steht der Koffer heute noch bei mir im Keller. Mit allem drin.
Und ich habe ihn nie wieder aufgemacht.
Denn ich hatte alles dabei, was ich brauchte. Es lag nur nicht im Koffer.

Du brauchst keine Requisiten. Du bist die Requisite.
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