Requisiten im Slam: Erlaubt, verboten, überflüssig?

Asservatenkammer Bahn-Slam

Requisiten im Slam: Erlaubt, verboten, überflüssig?

Hut, Zettel, Gitarre – was ist im Poetry Slam eigentlich erlaubt? Die klare Antwort auf die Frage nach Poetry Slam Requisiten und warum dein bestes Werkzeug du selbst bist.

Poetry Slam Requisiten im Koffer: was davon darf mit auf die Bühne
ASSERVAT 01 · Alles beschlagnahmt. Und du merkst es nicht mal.

Du hast eine Idee. Und zwar sofort.

Und zwar eine gute: Bei der Stelle mit dem Großvater setzt du seinen Hut auf.

Das Publikum wird das lieben. Denkst du.

Wird es aber nicht. Und gleich verstehst du auch, warum.

Bei mir war es zunächst Münster. Backstage, zwanzig Minuten vor der Vorrunde.

Also mache ich meinen Koffer auf. Ja, einen Koffer.

Drin lagen: ein Hut. Eine Plastikrose. Eine Sonnenbrille. Eine Taschenlampe. Und ein Kuscheltier.

Die Moderatorin kam rein, sah in den Koffer und stellte genau eine Frage.

Also fing ich an zu erklären. Der Hut für den Großvater. Die Rose für die Liebesszene. Die Taschenlampe für den nächtlichen Teil.

Sie hat mich ausreden lassen. Und ehrlich: Das war fast das Schlimmste.

„Requisiten sind hier nicht erlaubt. Steht in den Regeln. Und ehrlich? Du brauchst die auch nicht.“

Den ersten Teil fand ich unfair. Den zweiten habe ich erst zwei Jahre später verstanden.

Asservat 00

Poetry Slam Requisiten: die kurze und die lange Antwort

Zuerst die kurze Antwort, denn deswegen bist du hier.

Nein. Requisiten sind bei den allermeisten Slams nicht erlaubt.

Das gilt für Hüte, Instrumente, Kostüme, Kuscheltiere und die Plastikrose.

Erlaubt ist dagegen praktisch überall genau eins: dein Text auf Papier. Also Blatt, Heft, Mappe oder Handy.

Doch jetzt die lange Antwort, denn die ist die eigentlich interessante.

Selbst wenn Requisiten erlaubt wären, solltest du keine benutzen.

Denn jede Requisite nimmt deinem Text eine Aufgabe ab.

Denn ein Text, dem man Aufgaben abnimmt, wird schwächer. Nicht stärker.

Was du hier lernst

Woher das Verbot kommt und warum es dir hilft. Zehn Gegenstände mit klarem Urteil. Das Prinzip von Tschechows Gewehr. Fünf Dinge, die Requisiten deinem Text antun. Zehn Techniken, die jede Requisite ersetzen. Zehn Szenen mit Vorher und Nachher. Und die Ausnahmen, in denen es doch geht.

Asservat 01

Woher das Verbot für Poetry Slam Requisiten kommt

Denn das Verbot ist keine Schikane. Sondern der Kern der ganzen Veranstaltungsform.

Der Poetry Slam entstand in den Achtzigerjahren in Chicago. Aus einer sehr einfachen Idee heraus.

Nämlich: Alle bekommen exakt dieselben Mittel.

Also fünf Minuten, ein Mikro und kein Budget.

Damit war es plötzlich egal, ob du Geld hast oder eine Schauspielausbildung.

Und genau das macht die Sache fair. Und genau das ruinierst du mit einem Koffer.

Die drei Gründe hinter der Regel

Erstens die Fairness. Wer eine Gitarre mitbringt, spielt ein anderes Spiel als der, der nur einen Zettel hat. Und beide werden mit denselben Punkten bewertet.

Zweitens die Praxis. Ein Slam hat oft zwölf Auftretende und harte Umbauzeiten. Wenn drei Leute etwas aufbauen müssen, kippt der ganze Abend.

Drittens die Kunstform selbst. Beim Slam geht es um Sprache. Sobald ein Gegenstand dazukommt, bewertet der Saal auch die Idee mit dem Gegenstand. Und nicht mehr nur den Text.

Übrigens variieren die Regeln von Stadt zu Stadt. Frag im Zweifel die Moderation, bevor du etwas mitbringst.

Aber verlass dich darauf: Die Antwort ist fast immer nein.

Asservat 02

Zehn Asservate, zehn Urteile

Also die häufigsten Fälle. Mit klarem Urteil, ohne Wenn und Aber.

ASSERVAT A FREIGEGEBEN

Das Textblatt

Überall erlaubt. Und keine Schande, egal was dir jemand erzählt. Denn niemand vergibt Punkte fürs Auswendigkönnen. Halt es auf Brusthöhe statt vors Gesicht, nummerier die Seiten, nimm eine Mappe statt loser Blätter. Und markier dir die drei Stellen, an denen du wirklich hinschaust.

ASSERVAT B BESCHLAGNAHMT

Der Hut

Der Klassiker unter den Sündenfällen. Du setzt ihn auf, um eine Figur zu markieren. Das Problem: Ab dem Moment schaut der Saal auf den Hut und nicht mehr auf dich. Und wenn du ihn wieder abnimmst, dauert das drei Sekunden, in denen dein Text stillsteht. Ein Positionswechsel erledigt dasselbe in einer halben Sekunde.

ASSERVAT C BESCHLAGNAHMT

Das Musikinstrument

Gitarre, Ukulele, Melodica. Fast überall verboten, und zwar aus gutem Grund: Es verschiebt die Bewertung. Der Saal bewertet dann Musik plus Text und nicht mehr Text. Wenn du singen willst, geh zu einer offenen Bühne oder einem Musikslam. Da ist es richtig aufgehoben.

ASSERVAT D BESCHLAGNAHMT

Das Kostüm

Verkleidung ist Theater, nicht Slam. Ausnahme: Deine normale Kleidung darf natürlich aussehen, wie du willst. Der Unterschied liegt in der Absicht. Wer im Anzug kommt, weil er Anzüge trägt, ist fein raus. Wer im Anzug kommt, weil er im Text einen Bankberater spielt, hat ein Kostüm an.

ASSERVAT E GRENZFALL

Die Sonnenbrille

Formal keine Requisite, wenn du sie ohnehin trägst. Praktisch aber ein schweres Handicap, denn sie nimmt dir die Augen. Und die Augen sind dein wichtigstes Werkzeug. Wer sie aus Nervosität aufsetzt, versteckt sich. Und der Saal merkt das sofort.

Fünf Fälle, die als Poetry Slam Requisiten durchgehen

ASSERVAT F FREIGEGEBEN

Das Handy als Textquelle

Völlig in Ordnung und praktisch obendrein. Zwei Hinweise: Stell die Helligkeit hoch, sonst siehst du im Bühnenlicht nichts. Und schalte den Flugmodus ein. Denn ein Anruf mitten im Text ist eine Panne, die du dir schenken kannst.

ASSERVAT G FREIGEGEBEN

Das Wasserglas

Erlaubt, sinnvoll und trotzdem mit Vorsicht zu genießen. Nimm es nur, wenn du es wirklich brauchst. Denn ein Glas in der Hand ist eine Hand weniger, und ein Glas auf einem wackligen Hocker ist eine Panne, die auf ihren Auftritt wartet.

ASSERVAT H GRENZFALL

Der Gegenstand als Erinnerungsstück

Der schwerste Fall. Du hältst die Uhr deines Vaters in der Hand, während du über ihn sprichst. Formal ist das eine Requisite. Menschlich ist es etwas anderes. Frag die Moderation vorher. Und frag dich ehrlich, ob du das Ding für den Text brauchst oder für dich selbst.

ASSERVAT I BESCHLAGNAHMT

Das Kuscheltier

Mein eigenes Asservat aus Münster. Gedacht als rührender Moment, gelesen als Behauptung von Rührung. Denn ein Gegenstand kann kein Gefühl erzeugen, das im Text nicht steht. Er kann es nur ankündigen. Und angekündigte Rührung ist keine.

ASSERVAT J FREIGEGEBEN

Die Requisite, die es nicht gibt

Der einzige Gegenstand, den du wirklich brauchst: der behauptete. Du hältst nichts in der Hand und beschreibst trotzdem, wie schwer es ist. Der Saal sieht es. Das kostet nichts, geht durch jede Regel und funktioniert besser als jedes echte Ding.

Poetry Slam Requisiten einzeln geprüft und bewertet
ASSERVAT 02 · Zehn Fälle. Sieben davon bleiben zu Hause.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Asservat 03

Tschechows Gewehr, oder: warum dein Hut eine Lüge ist

Übrigens gibt es eine alte Regel aus dem Theater. Und sie erklärt dein Requisitenproblem besser als alles andere.

Anton Tschechow hat sie sinngemäß so formuliert: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im letzten abgefeuert werden.

Andernfalls gehört es nämlich nicht dorthin.

Was das für dich bedeutet

Denn jeder sichtbare Gegenstand ist ein Versprechen.

Denn sobald der Saal ihn sieht, fängt er an, ihn einzuordnen. Wozu ist der Hut da? Was passiert damit?

Und diese Frage läuft im Hintergrund weiter, während du sprichst.

Das heißt: Dein Gegenstand kostet dich Aufmerksamkeit, noch bevor du ihn benutzt.

Ein Gegenstand auf der Bühne ist nie neutral. Er ist immer eine offene Frage.

Doch jetzt der eigentliche Haken.

Wenn du den Hut aufsetzt und wieder abnimmst, hast du das Versprechen eingelöst. Aber winzig.

Denn der Saal hat drei Sekunden lang auf ein Ereignis gewartet und ein Accessoire bekommen.

Deshalb funktioniert das nie so gut, wie du es dir vorstellst.

Asservat 04

Fünf Dinge, die Requisiten deinem Text antun

S1 · Sie nehmen dem Text die Arbeit ab

Wenn der Hut den Großvater zeigt, muss deine Sprache ihn nicht mehr zeigen. Also lässt du die Beschreibung weg. Und genau diese Beschreibung wäre der bessere Teil gewesen.

S2 · Sie machen dich zum Handwerker

Aufsetzen, absetzen, ablegen, wiederfinden. Jede dieser Bewegungen ist Logistik. Und Logistik auf der Bühne sieht immer nach Arbeit aus, nie nach Kunst.

S3 · Sie erzeugen Erwartungen, die du nicht einlöst

Der Saal sieht deinen Koffer und rechnet mit einer Nummer. Bekommt er einen normalen Text mit Requisitenbeigabe, ist er enttäuscht. Obwohl der Text vielleicht gut war.

S4 · Sie kosten dich Zeit

Fünf Minuten sind wenig. Wer davon zwanzig Sekunden für Hantieren verbraucht, hat sieben Prozent seiner Bühnenzeit verschenkt. Für einen Hut.

S5 · Sie verraten Unsicherheit

Das ist der bittere Teil. Denn ein Gegenstand in der Hand ist meistens ein Rettungsring. Wer nichts hält, muss allein wirken. Und genau das ist die Fähigkeit, die du eigentlich trainieren willst.

Merkst du dabei das Muster?

Jeder einzelne Punkt läuft auf dasselbe hinaus: Die Requisite ersetzt etwas, das dein Text besser könnte.

Asservat 05

Zehn Techniken, die jede Requisite ersetzen

Nun der praktische Teil. Denn du brauchst ja trotzdem eine Lösung.

T1 · Die Handhaltung

Du hältst nichts und formst trotzdem die Hand um einen Gegenstand. Die Größe, das Gewicht, die Art zu greifen. Der Saal ergänzt das Objekt automatisch, und zwar präziser, als du es mitbringen könntest.

T2 · Das eine Detail

Statt den Hut zu zeigen, beschreibst du den Schweißrand im Futter. Ein einziges konkretes Detail erzeugt mehr Bild als der ganze echte Gegenstand.

T3 · Der Positionswechsel

Für Figurenwechsel brauchst du keinen Hut, sondern einen halben Schritt zur Seite. Das ist schneller, sauberer und lenkt nicht ab.

T4 · Die Stimmfarbe

Eine andere Figur bekommt eine andere Tonlage oder ein anderes Tempo. Nicht übertrieben verstellt, nur leicht verschoben. Das reicht völlig.

T5 · Der Blick auf das Nichts

Du schaust auf eine Stelle, an der nichts ist, als läge dort etwas. Der Saal folgt deinem Blick und sieht mit. Das ist der billigste Spezialeffekt der Welt.

Fünf weitere Wege ohne Poetry Slam Requisiten

T6 · Das Geräusch im Text

Statt eine Taschenlampe anzuknipsen, beschreibst du das Klicken. Sprache kann Geräusche transportieren, und im Kopf klingen sie besser als in echt.

T7 · Die Zeitangabe statt der Szene

Statt Dunkelheit herzustellen, sagst du: kurz nach drei. Der Saal baut die Nacht selbst. Und zwar seine eigene, was besser wirkt als deine.

T8 · Das Gewicht in der Stimme

Wenn du etwas Schweres beschreibst, verlangsame und geh in der Tonhöhe runter. Der Körper überträgt Gewicht auch ohne Gegenstand.

T9 · Die Aussparung

Beschreib den Gegenstand gar nicht, sondern nur, was er anrichtet. Nicht die Uhr, sondern den weißen Streifen am Handgelenk. Das ist stärker und du sparst dir das Ding.

T10 · Der Rhythmuswechsel

An der Stelle, an der du eine Requisite eingesetzt hättest, wechselst du stattdessen das Tempo. Mehr dazu hier: Rhythmuswechsel.

Ohne Poetry Slam Requisiten arbeiten und stattdessen Sprache nutzen
ASSERVAT 03 · Die beste Requisite ist die, die nur im Kopf existiert.

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Asservat 06

Zehn Szenen: Gegenstand gegen Sprache

Also zehnmal dieselbe Idee. Einmal mit Ding, einmal mit Worten.

SZENE 01 · DER GROSSVATER

Du willst zeigen, dass jetzt der Großvater spricht.

Mit Gegenstand: Hut aufsetzen. Drei Sekunden Hantieren, danach schaut der Saal auf den Hut.

Mit Sprache: halber Schritt zur Seite, Stimme eine Spur tiefer und langsamer. Eine halbe Sekunde, kein Requisit, sofort verstanden.

SZENE 02 · DIE LIEBESSZENE

Du willst eine Rose übergeben.

Mit Gegenstand: Plastikrose aus der Tasche ziehen. Wirkt sofort billig, weil sie aus Plastik ist. Und das sieht man von der ersten Reihe aus.

Mit Sprache: beschreib, wie die Dornen abgeschnitten waren. Ein Detail sagt mehr über die Geste als die ganze Blume.

SZENE 03 · DIE NACHT

Du willst Dunkelheit herstellen.

Mit Gegenstand: Taschenlampe anknipsen. Kostet Zeit, funktioniert bei hellem Bühnenlicht nicht und sieht nach Bastelstunde aus.

Mit Sprache: „Kurz nach drei, und die Straßenlaterne vor dem Haus war seit Wochen kaputt.“ Der Saal baut die Nacht selbst.

Drei Klassiker, die ohne Requisiten besser laufen

SZENE 04 · DER BRIEF

Du willst einen Brief vorlesen.

Mit Gegenstand: echtes Papier hochhalten. Das Publikum sieht dein Textblatt und den Brief und weiß nicht mehr, was was ist.

Mit Sprache: Tonwechsel. Sprich den Brief langsamer und formeller. Damit ist klar, dass jetzt jemand anderes formuliert hat.

SZENE 05 · DAS TELEFONAT

Du willst ein Gespräch am Telefon zeigen.

Mit Gegenstand: Handy ans Ohr halten. Der Saal sieht dein Handy und denkt an dein Handy, nicht an die Szene.

Mit Sprache: Pausen an den Stellen, an denen die andere Person spricht. Reagier auf etwas, das niemand hört. Eine der stärksten Techniken überhaupt.

SZENE 06 · DER AUSZUG

Du willst zeigen, dass jemand geht.

Mit Gegenstand: echten Koffer hinstellen. Der steht dann die ganze Zeit da und stellt Fragen, die dein Text nicht beantwortet.

Mit Sprache: beschreib, was hineinpasst und was nicht. „Neunzehn Jahre passen in einen Karton, wenn man die Bücher weglässt.“

Vier schwierige Fälle ohne Poetry Slam Requisiten

SZENE 07 · DAS KIND

Du willst ein Baby im Arm zeigen.

Mit Gegenstand: Puppe oder Kuscheltier. Wirkt fast immer unfreiwillig komisch, weil das Publikum sofort den Stoff sieht.

Mit Sprache: die Armhaltung und ein Detail: wie schwer der Kopf ist, wie warm der Nacken. Zwei Sätze, und jeder im Saal hält mit.

SZENE 08 · DIE ZIGARETTE

Du willst rauchen.

Mit Gegenstand: echte Zigarette. In fast allen Räumen verboten, in allen anderen eine Ablenkung.

Mit Sprache: die Bewegung ohne Objekt, dazu ein Geräusch im Text. Das Klicken des Feuerzeugs, das Einatmen. Beschreiben schlägt vormachen.

SZENE 09 · DIE BEDROHUNG

Du willst zeigen, dass jemand gefährlich wird.

Mit Gegenstand: selbst eine Attrappe ist hier ein Fehler, denn sie erzeugt echtes Unbehagen im Saal. Und zwar das falsche.

Mit Sprache: beschreib die Reaktion statt des Gegenstands. Wie still es wurde. Wo die Hände der anderen waren. Das ist bedrohlicher als jedes Objekt.

SZENE 10 · DER ABSCHIED

Du willst eine Beerdigung zeigen.

Mit Gegenstand: die Urne oder die Blume macht die Szene sofort kitschig, weil sie zu deutlich ist.

Mit Sprache: das Gewicht in den Händen, die Temperatur, die Frage, wohin damit. Der Saal weiß, was du hältst, ohne dass du es benennst.

Asservat 07

Drei Zeugen, drei Lehren

Marc Kelly Smith: der Mann, der die Regeln gemacht hat

Denn der Poetry Slam geht auf einen Bauarbeiter aus Chicago zurück. Marc Kelly Smith hat ihn Mitte der Achtzigerjahre erfunden.

ZEUGE 01 · Der Erfinder über den Kern der Sache.

Die Grundidee war Gleichheit. Jeder bekommt dieselben Mittel, jeder wird von zufälligen Leuten aus dem Publikum bewertet.

Genau deshalb ist die Requisitenfrage keine Formalie. Denn sie betrifft den Kern der Sache.

Sarah Kay: was ein Mensch ohne alles kann

Ein Vortrag, in dem eine Person auf einer leeren Bühne steht. Kein Gegenstand, kein Bühnenbild, nichts.

ZEUGE 02 · Leere Bühne. Und trotzdem siehst du alles.

Achte darauf, wie oft du beim Zuschauen Dinge siehst, die gar nicht da sind.

Das ist der ganze Beweis. Mehr braucht es nicht.

Die Requisitenkomiker: warum es dort funktioniert

Fairerweise gibt es allerdings Bühnenkunst, die ohne Gegenstände nicht existieren würde.

Comedians wie Carrot Top oder früher Gallagher haben ganze Karrieren auf Requisiten gebaut. Koffer voller Dinge, ein Gag pro Objekt.

Und das funktioniert. Aber nur, weil der Gegenstand dort die Pointe ist und nicht ihre Illustration.

Genau da liegt der Unterschied zu deinem Hut.

Ist dein Gegenstand die Pointe, baust du Requisitenkomik. Zeigt er nur, was der Text schon sagt, baust du eine Doppelung.

Und Doppelungen sind im Slam immer die schwächere Lösung.

Ohne Poetry Slam Requisiten allein auf der Bühne bestehen
ASSERVAT 04 · Eine leere Bühne ist kein Mangel. Sie ist der Punkt.

Asservat 08

Wo Poetry Slam Requisiten doch erlaubt sind

Damit du nicht denkst, ich mache es mir zu einfach: Es gibt durchaus Ausnahmen.

A1 · Der Themenslam

Manche Veranstaltungen lockern die Regeln bewusst, etwa an Halloween oder Silvester. Dann steht das aber in der Ausschreibung. Und du fragst trotzdem vorher nach.

A2 · Die offene Bühne

Kein Wettbewerb, keine Punkte, oft keine Regeln. Hier kannst du fast alles ausprobieren. Und genau dafür sind offene Bühnen da.

A3 · Der Musikslam oder das Mischformat

Es gibt Formate, in denen Instrumente ausdrücklich dazugehören. Wenn du singen willst, such dir eins davon statt gegen die Slam-Regeln zu arbeiten.

A4 · Das eigene Programm

Sobald du einen abendfüllenden Auftritt spielst, gelten deine Regeln. Da darfst du bauen, was du willst. Nur eben nicht im Wettbewerb.

A5 · Der Sonderfall Kleidung

Deine Kleidung ist keine Requisite, solange sie deine Kleidung ist. Die Grenze verläuft bei der Absicht: Wer sich verkleidet, um eine Figur zu spielen, ist drüber.

Und noch etwas Wichtiges zur Praxis: Die Regeln sind lokal verschieden.

Frag also die Moderation, bevor du etwas mitbringst. Das kostet dich eine Nachricht und erspart dir eine Diskussion zwanzig Minuten vor deinem Auftritt.

Ausnahmen von der Regel für Poetry Slam Requisiten
ASSERVAT 05 · Ausnahmen gibt es. Frag vorher, nicht danach.
Den Koffer mit Poetry Slam Requisiten ausräumen
ASSERVAT 06 · Räum ihn aus. Jedes Stück einzeln.

Asservat 09

Räum deinen Koffer aus

Nun der praktische Teil. Nimm also deinen Text und geh ihn durch.

Schritt 1 · Markier jede geplante Requisite

Jeden Gegenstand, jede Verkleidung, jedes Hilfsmittel. Auch die, die du nur im Kopf hattest.

Schritt 2 · Stell zu jedem eine Frage

Die Frage lautet nämlich: Was genau soll dieser Gegenstand zeigen?

Schreib die Antwort in einem Satz auf. Zum Beispiel: Er soll zeigen, dass jetzt der Großvater spricht.

Schritt 3 · Ersetz die Antwort durch Sprache

Nun schreibst du zwei bis drei Zeilen, die dasselbe leisten.

Und meistens wirst du merken: Diese Zeilen sind besser als der Gegenstand.

Denn sie liefern nicht nur die Information, sondern auch ein Bild und einen Ton.

Schritt 4 · Zähl, was übrig bleibt

Bei mir waren es am Ende übrigens null Gegenstände. Von fünf.

Und der Text war um vier Zeilen länger und deutlich besser.

Drei Übungen für heute Abend

Die leere Hand: Beschreib einen Gegenstand so genau, dass jemand ihn zeichnen könnte. Ohne ihn zu zeigen.
Der Figurentest: Sprich zwei Figuren nur über Position und Tempo. Ohne Stimmenverstellen, ohne Hut.
Die Streichprobe: Nimm einen alten Text mit Requisitenidee und schreib die Stelle neu. Vergleich die beiden Fassungen laut.
Typische Fehler im Umgang mit Poetry Slam Requisiten
ASSERVAT 07 · Zehn Fälle, in denen das Ding gewinnt und du verlierst.

Asservat 10

Zehn Fehler im Umgang mit Dingen

F1 · Nicht vorher fragen

Der teuerste Fehler. Du baust deinen Text um eine Requisite und erfährst zwanzig Minuten vorher, dass sie verboten ist. Frag vorher.

F2 · Den Gegenstand die Arbeit machen lassen

Du kürzt die Beschreibung, weil man das Ding ja sieht. Damit streichst du genau den Teil, der den Text gut gemacht hätte.

F3 · Hantieren während des Sprechens

Aufsetzen, umgreifen, ablegen. Jede dieser Bewegungen zieht Aufmerksamkeit ab. Wenn schon, dann in einer Pause.

F4 · Den Gegenstand liegen lassen

Was einmal sichtbar war, stellt weiter Fragen. Wer den Hut nach der Szene auf den Boden legt, hat ihn den Rest des Textes im Bild.

F5 · Requisite statt Vorbereitung

Ein Gegenstand ersetzt kein Üben. Wer unsicher ist, wird mit Hut nicht sicherer. Nur beschäftigter.

F6 · Das Textblatt als Versteck

Das Blatt ist erlaubt, aber es ist kein Schild. Wer es vors Gesicht hält, nimmt sich selbst aus dem Spiel.

F7 · Die Requisite als Entschuldigung

„Eigentlich hätte ich hier eine Gitarre gebraucht.“ Sag das nie. Denn damit erklärst du deinen eigenen Text für unvollständig.

F8 · Zu viele Dinge

Mein Koffer hatte fünf. Selbst wenn alle erlaubt gewesen wären: Fünf Gegenstände in vier Minuten sind keine Dramaturgie, sondern ein Flohmarkt.

F9 · Die Requisite im Publikum

Etwas verteilen, jemandem etwas geben, ins Publikum werfen. Das kostet Zeit, erzeugt Unruhe und die meisten Moderationen mögen es gar nicht.

F10 · Nicht merken, dass es besser ohne ging

Der stillste Fehler. Du hast den Auftritt mit Requisite gespielt, er lief okay, also behältst du sie. Probier den Text einmal ohne. Dann weißt du es.

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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
— Stephan Pinkwart —
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Asservat 11

Häufige Fragen zu Poetry Slam Requisiten

Sind Poetry Slam Requisiten grundsätzlich verboten?

Bei den allermeisten Slams ja. Erlaubt ist praktisch überall nur dein Text auf Papier oder Handy. Die Regeln sind allerdings lokal verschieden, also frag im Zweifel die Moderation.

Darf ich mein Textblatt mit auf die Bühne nehmen?

Ja, überall. Und niemand vergibt Punkte fürs Auswendigkönnen. Halt es auf Brusthöhe, nummerier die Seiten und benutz es als Netz statt als Teleprompter.

Darf ich vom Handy ablesen?

Ja, das ist heute völlig üblich. Zwei Tipps: Helligkeit hochstellen, weil du im Bühnenlicht sonst nichts siehst. Und Flugmodus einschalten.

Zählt meine Kleidung als Requisite?

Nein, solange es deine Kleidung ist. Die Grenze verläuft bei der Absicht. Wer sich verkleidet, um eine Figur darzustellen, hat ein Kostüm an und damit eine Requisite.

Warum sind Requisiten überhaupt verboten?

Aus drei Gründen: Fairness, weil alle dieselben Mittel haben sollen. Praxis, weil ein Slam-Abend keine Umbauzeiten hat. Und weil beim Slam die Sprache bewertet wird, nicht die Ausstattung.

Wie zeige ich eine Figur ohne Hut?

Über Position und Stimme. Ein halber Schritt zur Seite plus eine leicht veränderte Tonlage reicht völlig. Das geht schneller als jedes Hantieren und lenkt nicht ab.

Darf ich ein Instrument mitbringen?

Bei klassischen Slams fast nie. Denn es verschiebt die Bewertung von Text auf Musik. Such dir stattdessen einen Musikslam oder eine offene Bühne.

Was ist mit einem persönlichen Erinnerungsstück?

Der schwierigste Fall. Formal ist es eine Requisite. Frag die Moderation vorher und frag dich ehrlich, ob du es für den Text brauchst oder für dich selbst.

Darf ich etwas ins Publikum geben?

Meistens nicht gern gesehen. Es kostet Zeit, erzeugt Unruhe und die Moderation muss den Abend im Takt halten. Verzichte darauf.

Wie ersetze ich einen Gegenstand am besten?

Durch ein einziges konkretes Detail. Nicht den Hut zeigen, sondern den Schweißrand im Futter beschreiben. Ein Detail erzeugt mehr Bild als das echte Objekt.

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Was aus dem Koffer wurde

Übrigens bin ich damals ohne den Koffer aufgetreten.

Zwar nicht freiwillig, sondern weil ich musste.

Und die ersten dreißig Sekunden waren die unangenehmsten meines Slammer-Lebens. Denn ich wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit den Händen.

Danach kam die Stelle mit dem Großvater.

Also ohne Hut. Stattdessen habe ich einen halben Schritt zur Seite gemacht und die Stimme etwas tiefer genommen.

Daraufhin haben zwei Leute in der zweiten Reihe gelacht. Genau an der Stelle, an der ich es wollte.

Mit Hut hatte an dieser Stelle nie jemand gelacht.

Übrigens steht der Koffer heute noch bei mir im Keller. Mit allem drin.

Und ich habe ihn nie wieder aufgemacht.

Denn ich hatte alles dabei, was ich brauchte. Es lag nur nicht im Koffer.

Ohne Poetry Slam Requisiten auftreten und trotzdem alles zeigen
ASSERVAT 08 · Ohne Koffer. Und zum ersten Mal richtig da.

Du brauchst keine Requisiten. Du bist die Requisite.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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