Ein Schleifauftrag · Lyrik
Lyrik schreiben ist kein Gefühl. Es ist ein Schlag ins Gesicht.

Mittwoch, 21:05 Uhr, eine kleine Werkstatt im alten Güterschuppen am Bahnhof.
Katrin legt ein Blatt auf die Werkbank, vierzig Zeilen, und sagt: „Ich will Lyrik schreiben, die trifft.“
Wim schaut nicht auf, er hat die Lupe noch im Auge.
Er war vierzig Jahre Diamantschleifer, und abends treffen sich bei ihm drei Leute zum Schreiben.
Katrins Gedicht beginnt mit einem Mond, der sanft am Himmelszelt schwebt.
In Zeile sieben kommt ein Ozean der Liebe dazu.
Wim liest es zweimal, dann legt er es unter die Lampe.
„Das ist ein Rohstein“, sagt er.
„Mit ordentlich Einschlüssen.“
„Und was mache ich damit?“
„Schleifen“, sagt Wim, und er klingt dabei fast fröhlich.
Katrin und Wim sind erfunden. Aber das Handwerk des Schleifens gibt es wirklich, und es erklärt erstaunlich gut, was beim Schreiben eines Gedichts passiert.
Kennst du das?
Du sitzt vor dem leeren Blatt, der Cursor blinkt, und du schreibst eine Zeile über den Mond.
Du löschst sie und schreibst eine über die Liebe, die wie ein Ozean ist.
Innerlich weißt du, dass das nichts ist.
Aber es fühlt sich sicher an, weil es schön klingt und dich niemand dafür angreifen kann.
Genau da liegt das Problem.
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Rohstein-Karte · Abbau am Küchentisch
Abbauzeit 15 Minuten, Wecker stellen
Werkzeug Stift, Papier, kein Löschknopf
Regel 1 Nicht korrigieren
Regel 2 Nicht anhalten, auch nicht bei Unsinn
Regel 3 Erst morgen lesen
Rohsteine sehen aus wie Kiesel. Das ist normal.
Ein Rohdiamant sieht aus wie ein trüber Kiesel.
Niemand würde ihn sich um den Hals hängen.
Das Funkeln entsteht erst durch Arbeit.
Genau so ist es beim Lyrik schreiben.
Dein erster Entwurf ist ein Rohstein, und er darf aussehen wie Kies.
Er ist nicht fürs Publikum da, sondern für dich, damit du herausfindest, was du eigentlich sagen willst.
Deshalb holst du ihn so, wie man Rohsteine holt: mit Ausdauer statt mit Warten.
Setz dich hin und schreib fünfzehn Minuten ohne Pause.
Keine Korrekturen, keine Überlegungen, alles, was kommt, auch wenn es klingt wie Unsinn.
Morgen liest du es und suchst nach dem einen Stück, das anders schimmert.
Kein Gefühl, sondern Verdichtung
Arbeitsgang · vom Rohstein zum Gedicht
1 · Anzeichnen
Den Kern finden: Welcher eine Satz trägt das Gedicht?
2 · Spalten
Mit einem Schlag den Anlauf abtrennen.
3 · Sägen
Die Grobform: Wo bricht die Zeile, wo die Strophe?
4 · Reiben
Die Kanten runden, bis sich der Text laut lesen lässt.
5 · Facettieren
Klang, Rhythmus, Pause, jedes Wort ein kleiner Spiegel.
6 · Prüfen
Unter die Lupe und vor ein ehrliches Ohr.
Erinnerst du dich an den Deutschunterricht?
Irgendwann stand vorne jemand und sagte, Lyrik sei Ausdruck von Gefühlen.
Das ist nicht falsch, aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Gefühle hat jeder.
Lyrik macht aus einem Gefühl etwas, das andere sehen, hören und spüren können.
Dafür braucht es kein schönes Wort, sondern ein genaues.
Ein Gedicht ist verdichtete Sprache, so wenig wie möglich, so genau wie nötig.
Und Verdichtung ist Handwerk, kein Zustand, in den man zufällig gerät.
Der Mond am Himmelszelt ist nicht falsch, weil er kitschig ist.
Er ist falsch, weil man ihn schon tausendmal gesehen hat und deshalb nichts mehr sieht.
Lyrik schreiben heißt, genauer hinzuschauen als alle anderen.
Keine Muse, sondern Routine
Offene Wunde · nicht schleifen
Es ist gerade erst passiert.
Beim Schreiben kippt der Boden weg.
Du brauchst Hilfe, keine Pointe.
Narbe · gutes Material
Es tut noch weh, aber du stehst.
Du kannst darüber sprechen, ohne zu fallen.
Du entscheidest, was das Publikum sieht.
Viele warten auf die Muse, auf den Abend, an dem die Wörter einfach fließen.
Romantischer Unsinn.
Oft wird dazu ein Satz zitiert, nach dem man sich zum Schreiben nur hinsetzen und bluten müsse, angeblich von Ernest Hemingway.
In Hemingways Werken und Briefen findet sich dieser Satz nicht.
Er wurde ihm erst Jahre nach seinem Tod zugeschrieben und stammt wohl aus dem Umfeld amerikanischer Sportjournalisten.
Und er hat noch ein zweites Problem.
Er verklärt Schmerz zur Bedingung für Kunst.
Die Geschichte vom Dichter, der an seinem Werk zugrunde geht, ist ein gefährlicher Mythos.
Depression ist eine Krankheit, keine Muse.
Du musst nicht leiden, um gute Gedichte zu schreiben.
Du musst genau hinschauen und regelmäßig arbeiten.
Wenn du über Schmerzhaftes schreibst, dann aus der Narbe und nicht aus der offenen Wunde.
Eine Narbe tut noch weh, aber du stehst, und du entscheidest, was das Publikum sieht.
Wenn es dir beim Schreiben den Boden wegzieht, brauchst du keine Pointe, sondern Menschen, die dir helfen.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Der Spaltschlag: den Anlauf abtrennen
Der Spaltschlag · Vorlauf abtrennen
Der Mond schwebt sanft am Himmelszelt,
und ich denk an dich, du bist meine Welt,
die Nacht ist lang, die Liebe tief …
Am Bahnübergang zählst du die Waggons,
als könnte man Abschied in Achsen messen.
Beim Diamantschleifen gibt es einen Moment, der alles entscheidet.
Der Schleifer setzt eine Klinge in eine eingeritzte Kerbe und führt einen einzigen Schlag.
Sitzt er, teilt sich der Stein entlang seiner natürlichen Ebene.
Als 1908 in Amsterdam der riesige Rohdiamant Cullinan gespalten werden sollte, brach beim ersten Schlag die Klinge, und der Stein blieb ganz.
Einige Tage später gelang es mit neuem Werkzeug.
Dass der Schleifer Joseph Asscher danach in Ohnmacht gefallen sein soll, wird gern erzählt, ist aber vermutlich eine Legende.
Dein Spaltschlag trifft den Anfang deines Gedichts.
Die ersten Zeilen eines Entwurfs sind fast immer Anlauf, du wärmst dich warm, und das Publikum wärmt sich mit.
Also trenn den Anlauf ab.
Streich so lange von oben, bis die erste Zeile schon mitten im Gedicht steht.
Das ist der Schlag ins Gesicht aus dem Titel.
Nicht Gewalt, sondern ein erster Satz, der ohne Umweg trifft.
Katrin streicht an diesem Abend ihre ersten neun Zeilen.
Der Mond ist weg, und plötzlich beginnt ihr Gedicht an einem Bahnübergang.

Lupenprüfung: Einschlüsse finden
Lupenprüfung · Befund
Einschluss 1: „Der Mond schwebt sanft“: tausendmal gesehen, nichts Eigenes.
Einschluss 2: „Ozean der Liebe“: ein Bild, das niemand mehr sieht.
Einschluss 3: Füllwörter: irgendwie, einfach, total, so.
Einschluss 4: Adjektivkette: tief, dunkel, unergründlich.
Einschluss 5: Letzte Zeile erklärt, was das Gedicht schon gezeigt hat.
Diamanten werden mit einer Lupe mit zehnfacher Vergrößerung geprüft.
Was man dabei im Stein findet, heißt Einschluss.
Ein Gedicht hat auch Einschlüsse, und die meisten sind leicht zu finden, wenn man weiß, wonach man sucht.
Bilder, die man schon hundertmal gelesen hat.
Füllwörter wie irgendwie, einfach und total.
Ketten aus drei Adjektiven, wo ein genaues Substantiv gereicht hätte.
Und die letzte Zeile, die noch einmal erklärt, was das Gedicht längst gezeigt hat.
Lies deinen Text laut und streich jede Zeile, die nur da ist, um schön zu klingen.
Übrig bleiben die Zeilen, die etwas tun.
Beim Schleifen geht oft ein großer Teil des Rohsteins verloren, und kein Schleifer trauert dem Staub nach.
Achte beim Anschauen darauf, welche Aufgaben eines Gedichts genannt werden, und prüf dann, welche davon dein eigener Text schon erfüllt.
Facettieren: Klang, Rhythmus und Stille
Facettenplan · Draufsicht Brillant
In der Mitte der Kern, der eine Satz. Jede Facette ringsum wirft sein Licht in eine andere Richtung.
Jetzt kommt das Feine.
Ein Brillant hat in der klassischen Form 57 Facetten, und jede lenkt das Licht ein wenig anders.
Beim Gedicht sind die Facetten Klang, Rhythmus, Bild, Wendung und Pause.
Lies deinen Text laut und achte darauf, wo er stockt und wo er fließt.
Verkürze Sätze, wo es schnell werden soll, und lass andere länger laufen.
Dass ein Text vor allem durch seinen Klang wirkt, hat die Schwedische Akademie 2016 sehr ernst genommen.
Den Literaturnobelpreis bekam in jenem Jahr Bob Dylan, für neue poetische Ausdrucksformen in der großen amerikanischen Songtradition.
Und dann die Stille.
Samuel Beckett hat in „Warten auf Godot“ immer wieder Pausen ausdrücklich ins Stück geschrieben.
Die Stille zwischen den Sätzen gehört zum Text.
Markier in deinem Gedicht die Stellen, an denen das Publikum schlucken soll.
Und dann halt dort wirklich den Mund.
Das Zertifikat: der ehrliche Blick von außen
Ein Diamant bekommt sein Zertifikat nicht vom Schleifer, sondern von jemandem, der ihn unabhängig prüft.
Dein Gedicht braucht das auch.
Zeig es einem Menschen, der dich nicht schont.
Nicht der besten Freundin, die alles toll findet, sondern jemandem, der ehrlich und genau liest.
Dann hör zu.
Argumentiere nicht, rechtfertige dich nicht, schreib mit.
Entscheiden, was du änderst, tust du selbst, und zwar erst am nächsten Tag.
Denn es bleibt dein Stein.
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Schleifzertifikat
„Bahnübergang“
Rohgewicht: 40 Zeilen
Endgewicht: 11 Zeilen
Schleifverlust: 29 Zeilen, keine davon vermisst
Reinheit: nicht lupenrein, aber klar
Glanzprüfung: laut gelesen, dreimal
Geprüft: Wim, Schleifer · Katrin, Autorin
Drei Wochen später sitzt Katrin wieder an der Werkbank.
Aus vierzig Zeilen sind elf geworden.
Der Mond, der Ozean und die Adjektivketten liegen im Schleifstaub.
Das Gedicht heißt jetzt „Bahnübergang“ und beginnt mit dem Satz, den sie in der ersten Nacht gefunden hat.
Wim liest es ohne Lupe.
Dann nimmt er einen Zettel und schreibt ein Zertifikat, mit krakeliger Schrift und viel Ernst.
Am Freitag liest Katrin die elf Zeilen bei der offenen Bühne im Bahnhofscafé.
Nach der zweiten Zeile wird es still, nach der achten hält sie eine Pause, und niemand hustet.
Hinterher fragt eine Frau, ob sie das Gedicht abfotografieren darf.
Also merke: Lyrik schreiben ist kein Gefühl, das dich überfällt.
Es ist ein Handwerk, das aus einem trüben Stein etwas macht, in dem sich andere wiedererkennen.
