Ein Antragsformular · Identität
Poetry Slam über Identität: die eigene Spurweite

Dienstag, 9:40 Uhr.
Bürgeramt, Wartebereich, Nummer 147.
Aylin, 22, braucht einen neuen Personalausweis.
Der alte ist abgelaufen, und das Foto darauf zeigt eine Sechzehnjährige mit sehr viel Kajal.
Am Schalter geht alles ganz schnell.
Größe: 164.
Augenfarbe: braun.
Unterschrift hier, und hier, und bitte noch einmal hier.
Die Sachbearbeiterin ist freundlich und erzählt vom Regen.
Aylin antwortet in breitestem Nordhessisch.
Dann dreht sie sich um.
Der Mann mit der Nummer 148 lächelt sie an.
„Sie sprechen aber gut Deutsch“, sagt er.
„Woher kommen Sie denn wirklich?“
Aylin atmet ein.
Sie hat diese Frage so oft gehört, dass sie die Antworten auswendig kann.
„Aus Kassel.“
„Nein, ich meine ursprünglich.“
„Aus dem Klinikum Kassel, Kreißsaal zwei.“
Der Mann lacht unsicher.
Aylin lacht nicht.
Auf dem Heimweg im Bus merkt sie, wie müde sie ist.
Nicht wütend.
Müde.
Seit zweiundzwanzig Jahren füllen andere Leute ein Formular über sie aus.
Heute Abend dreht sie den Spieß um.
Aylin und der Mann mit der Nummer 148 sind erfunden. Aber diese Frage fällt jeden Tag in echten Wartebereichen, Hörsälen und Küchen.
Kennst du das?
Jemand will wissen, wer du bist.
Aber eigentlich will er nur wissen, in welche Schublade du gehörst.
Und dann stehst du da und denkst …
Wer bin ich denn eigentlich?
Wie erklärt man das in einem Satz?
Und warum muss ich das überhaupt erklären?
Vielleicht hat dich gar nicht so eine Frage hierher gebracht.
Vielleicht weißt du einfach nicht mehr, wer du ohne deine Rollen bist.
Tochter, Studentin, Kollegin, die Lustige in der Clique.
Egal, warum du hier bist: Identität ist eines der stärksten Themen, die es auf einer Slam-Bühne gibt.
Und eines der schwierigsten.
Denn fast jeder Text darüber endet entweder als Belehrung oder als Kalenderspruch.
Ich zeig dir einen anderen Weg.
Aylin hat an diesem Abend ein Formular entworfen.
Einen Antrag auf einen Ausweis für ihr Inneres.
Du füllst ihn mit ihr zusammen aus.
Feld für Feld.
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Jetzt Kanal folgenFeld 1: der Name
Formular I · Abschnitt 1
Aylin fängt mit dem Einfachsten an.
Dachte sie.
Denn schon beim Namen merkt sie, wie viel Geschichte in zwei Silben steckt.
Wer ihn ausgesucht hat.
Wie lange darüber gestritten wurde.
Wie oft er falsch geschrieben wird, und was sie jedes Mal dabei fühlt.
Genau das ist der Trick.
Dein Name ist die kleinste Einheit deiner Identität.
Und die älteste.
Er war schon da, bevor du irgendetwas entscheiden konntest.
Also merke: Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, fang bei deinem Namen an.
Frag, wer ihn ausgesucht hat und warum.
Schreib auf, wie er klingt, wenn deine Mutter wütend ist.
Und wie er klingt, wenn ihn jemand zum ersten Mal richtig ausspricht.
Allein daraus kannst du drei Minuten Bühne bauen.
Feld 2: die Herkunft
Formular I · Abschnitt 2
Woher kommen Sie? Zutreffendes bitte ankreuzen. Mehrfachnennung möglich.
Bei diesem Feld hat Aylin am längsten gesessen.
Nicht weil sie keine Antwort hatte.
Sondern weil sie so viele hatte.
Das ist das Seltsame an der Frage „Woher kommst du?“.
Sie tut so, als gäbe es nur eine richtige Antwort.
Einen Punkt auf der Landkarte.
Dabei kommt jeder Mensch aus hundert Orten gleichzeitig.
Aus einer Küche, einem Schulhof, einem Lieblingslied.
Aus einem Fensterplatz im Bus, von dem aus man dreizehn Jahre lang die Stadt vorbeiziehen sah.
Welche zweite Sprache in Aylins Küche gesprochen wird, steht übrigens nirgends in diesem Beitrag.
Mit Absicht.
Denn genau darum geht es.
Aylin ist mehr als die Antwort auf diese eine Frage.
Und du bist es auch.
Feld 3: besondere Kennzeichen
Formular I · Abschnitt 3
Merkst du, was hier passiert?
Kein einziges dieser Kennzeichen passt in eine Schublade.
Die Narbe am Knie hat nichts mit Herkunft zu tun.
Das Lachen vor der Pointe auch nicht.
Und trotzdem erzählen sie mehr über Aylin als jede Landkarte.
Kein Bullshit: Die stärksten Identitäts-Texte leben von solchen Einzelheiten.
Nicht von großen Begriffen wie Kultur, Wurzeln oder Heimat.
Sondern von dem Lied, das jemand beim Bügeln summt.
Von dem Wort, das es nur in deiner Familie gibt.
Von der Art, wie du die Treppe hochrennst, wenn du spät dran bist.
Große Begriffe gehören allen.
Einzelheiten gehören dir.
Hier ist ein Text, der schlicht „Identität“ heißt.
Achte beim Zuschauen darauf, wie viele Einzelheiten vorkommen.
Gegenstände, Orte, Namen, Geräusche.
Und frag dich danach: Welche davon hätte nur dieser eine Mensch erzählen können?
Feld 4: Größe und Augenfarbe
Formular I · Abschnitt 4
Größe und Augenfarbe stehen in jedem Ausweis.
Sie beschreiben, wie du aussiehst.
Aber sie sagen nichts darüber, wie du schaust.
Aylin hat deshalb ein zweites Feld dazugeschrieben: Blick auf die Welt.
Das ist vielleicht das wichtigste Feld im ganzen Formular.
Denn Identität ist nicht nur, was andere an dir sehen.
Sie ist auch, was du siehst.
Worüber du lachst.
Wo du hinschaust, wenn alle anderen wegschauen.
Welche Ungerechtigkeit dich nachts wach hält.
Wenn du darüber schreibst, schreibst du automatisch über dich.
Ohne ein einziges Mal „ich bin“ zu sagen.
Das wirkt Wunder!

Anlage: die eigene Spurweite
Formular I · Anlage B
Spur A
Spur B
Spurweite nennt man den Abstand zwischen den beiden Schienen eines Gleises.
An manchen Grenzen in Europa treffen unterschiedliche Spurweiten aufeinander, etwa zwischen Spanien und Frankreich.
Für solche Übergänge gibt es Züge, die ihre Radsätze verstellen können, während sie langsam durch eine Umspuranlage rollen.
Sie müssen sich nicht für eine Spur entscheiden.
Handschriftlich ergänzt: Ich auch nicht.
Dieses Bild hat Aylin in einer Doku über Nachtzüge gefunden.
Und es hat sie nicht mehr losgelassen.
Jahrelang hat man ihr ein anderes Bild angeboten: zwischen zwei Stühlen.
Als wäre sie ein Mensch, der nirgends richtig sitzen kann.
Das Bild vom Zug gefällt ihr besser.
Ein Zug, der sich nicht entscheiden muss.
Der auf beiden Spuren fährt.
Langsam, wenn es sein muss.
Aber er fährt.
Aber hier kommt der Haken:
Dieses Bild ist ihres.
Es passt zu ihr, weil sie Züge liebt und nachts gern Dokus schaut.
Dein Bild muss zu dir passen.
Vielleicht ist es kein Zug.
Vielleicht ist es eine Sprache, die du beim Kochen erfunden hast.
Oder ein Schlüsselbund mit Schlüsseln für drei Wohnungen.
Such so lange, bis du ein Bild findest, das niemand für dich ausgesucht hat.
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Jetzt Kanal folgenAnkreuzfeld: was du nicht bist
Formular I · Abschnitt 5
Bitte genau eine Schublade ankreuzen.
Randnotiz: Kein Kreuz. Begründung folgt.
Das Feld mit den Schubladen hat Aylin mit Absicht ins Formular gesetzt.
Weil sie weiß, dass es im echten Leben immer da ist.
Und weil sie endlich einmal die sein wollte, die das Feld leer lässt.
Wenn du über Identität schreibst, darfst du sagen, was du nicht bist.
Das ist befreiend.
Aber pass auf, dass dein Text nicht nur aus Abwehr besteht.
Eine Minute „Ich bin nicht das, was ihr denkt“ ist stark.
Drei Minuten davon sind ein Vortrag.
Der Ton, der trägt, ist suchend.
Nicht dozierend.
Du musst am Ende nicht wissen, wer du bist.
Es reicht, wenn das Publikum dich beim Suchen begleiten darf.
Dieser Text trägt die große Frage schon im Titel.
Achte darauf, ob der Text am Ende eine Antwort gibt.
Oder ob er dich mit einer besseren Frage nach Hause schickt.
Beides kann funktionieren.
Aber nur eins davon wirst du morgen noch im Kopf haben.
Stempel und Unterschrift
Drei Wochen später.
Uni-Slam im großen Hörsaal, dreihundert Plätze, die Hälfte besetzt.
Aylin steht mit einem Blatt Papier auf der Bühne.
Es ist das Formular.
Sie liest es vor, Feld für Feld.
Den Namen und die Kaffeebecher.
Die Küche, in der zwei Sprachen gleichzeitig kochen.
Die Narbe am Knie.
Den Blick auf die Welt.
Beim Feld mit den Schubladen macht sie eine lange Pause.
Dann liefert sie die Begründung nach.
Ich bin keine Schublade. Ich bin der ganze Schrank.
Der Saal lacht.
Dann klatscht er.
Zum Schluss kommt die Unterschrift.
Aylin zieht einen Kugelschreiber aus der Jackentasche und unterschreibt vor allen Leuten.
Ihr Formular füllt niemand mehr für sie aus.
Das macht sie jetzt selbst.
Formular I · Abschnitt 6
Hiermit erkläre ich, dass meine Angaben vollständig sind, soweit man einen Menschen vollständig angeben kann.
Zwei Wochen danach holt sie ihren neuen Personalausweis ab.
Die Sachbearbeiterin schiebt ihn über den Tresen.
„Schöne Unterschrift“, sagt sie.
Aylin lächelt.
Sie hat jetzt zwei Ausweise.
Einen fürs Amt.
Und einen für sich.
Und du?
Wer füllt dein Formular aus?
Nimm dir heute Abend ein leeres Blatt.
Schreib oben drüber: Antrag auf einen Ausweis für mein Inneres.
Und dann fang an.
Feld für Feld.
