Poetry Slam über Identität: die eigene Spurweite

Wer bin ich?
Das ist vielleicht die älteste Frage der Welt.
Und die schwerste.
Jeder stellt sie sich irgendwann.
Meist mehr als einmal.
Genau darum ist Identität ein starkes Slam-Thema.
Es geht jeden an.
Und es geht tief.
Aber es ist auch heikel.
Denn schnell wird es zu abstrakt.
Zu viele große Worte über das Ich.
In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du über Identität schreibst.
Konkret statt abstrakt.
Ehrlich statt gewollt.
Und wie du deine eigene Spurweite findest.
Die Spur, auf der nur du läufst.
Fangen wir an.
Über Identität schreiben: die Frage, wer man ist
Identität klingt nach einem großen Wort.
Nach Philosophie.
Aber im Kern ist es ganz einfach.
Es ist die Frage: Wer bin ich?
Und: Wer will ich sein?
Diese Frage stellt sich in vielen Momenten.
In der Jugend, wenn man sich sucht.
Bei einem Umbruch, wenn das Alte nicht mehr passt.
Zwischen zwei Kulturen, wenn man nirgends ganz dazugehört.
Wenn andere dir sagen, wer du zu sein hast.
Genau diese Momente sind dein Stoff.
Denn Identität zeigt sich nicht als Begriff.
Sie zeigt sich in Situationen.
In dem Moment, in dem du dich fremd fühlst.
In dem Moment, in dem du dich zum ersten Mal ganz du fühlst.
Schreib nicht über Identität als Idee.
Schreib über den Moment, in dem sie zur Frage wurde.
Da liegt die Kraft.
Im konkreten Erleben.
Nicht in der klugen Erklärung.
Die eigene Spurweite: die Spur, auf der nur du läufst
Nicht alle Gleise sind gleich breit.
Es gibt verschiedene Spurweiten.
Der Abstand zwischen den Schienen ist nicht überall gleich.
Ein Zug, der für eine Spur gebaut ist, passt auf keine andere.
Er braucht genau seine Weite.
Sonst entgleist er.
Genau so ist es mit der Identität.
Du hast deine eigene Spurweite.
Deine ganz eigene Art zu sein.
Sie passt vielleicht nicht auf jedes Gleis.
Nicht in jede Erwartung.
Nicht in jede Schublade.
Und das ist gut so.
Denn auf deiner Spurweite läuft nur dein Zug.
Aber der läuft.
Sicher und rund.
Das Problem beginnt, wenn man sich zwingt.
Auf eine fremde Spur zu passen.
Dann ruckelt es.
Dann entgleist man.
Die Kunst ist, die eigene Spurweite zu finden.
Und zu ihr zu stehen.
Auch wenn sie ungewöhnlich ist.
Dieses Bild trägt einen ganzen Text.
Über das Recht, anders zu laufen.
Vincent van Gogh: der eigenen Spur folgen
Denk an Vincent van Gogh.
Als junger Mann sucht er verzweifelt seinen Platz.
Er arbeitet als Kunsthändler. Es passt nicht.
Er will Prediger werden. Es passt nicht.
Er versucht sich als Lehrer. Es passt nicht.
Immer wieder will er auf eine fremde Spur.
Und immer wieder entgleist er.
Erst spät findet er das Malen.
Mit siebenundzwanzig.
Und plötzlich hat er seine Spur.
Aber es ist eine ungewöhnliche.
Er malt anders als alle anderen.
Wilde Farben, dicke Striche, ein flirrendes Licht.
Niemand versteht ihn.
Zu Lebzeiten verkauft er fast kein Bild.
Er bleibt arm und einsam.
Aber er bleibt auf seiner Spur.
Er malt weiter, gegen allen Zweifel.
Weil er weiß: Das ist meine Spurweite.
Und heute?
Heute hängen seine Bilder in den größten Museen.
Millionen Menschen lieben sie.
Seine eigene Spur war am Ende die richtige.
Was lernst du daraus?
Dass die eigene Spurweite einsam machen kann.
Aber dass sie am Ende trägt.
Weiter als jede geliehene.
Zwischen zwei Kulturen
Für viele Menschen ist Identität eine Frage der Herkunft.
Sie leben zwischen zwei Kulturen.
Die Eltern kommen aus einem Land.
Sie selbst wachsen in einem anderen auf.
Zu Hause die eine Welt, draußen die andere.
Zwei Sprachen, zwei Küchen, zwei Feste.
Und oft die Frage: Wo gehöre ich hin?
Hier heißt es, du bist von dort.
Dort heißt es, du bist von hier.
Nirgends ganz zu Hause.
Das ist ein starkes, wichtiges Thema.
Denn so viele Menschen leben genau das.
Zwei Spurweiten in einem Zug.
Aber diese Zwischenlage ist nicht nur Last.
Sie ist auch ein Reichtum.
Man kennt zwei Welten.
Man sieht mehr.
Man kann übersetzen, zwischen den Ufern.
Wer zwischen den Kulturen lebt, hat eine eigene, dritte Spur.
Nicht die eine, nicht die andere.
Sondern eine ganz neue.
Genau davon erzählt das nächste Video.
Von der Frage: Deutscher oder etwas anderes?
„Identität“ · Viet Phuong
Konkret werden: die Momente des Andersseins
Identität zeigt sich oft im Moment des Andersseins.
Wenn man merkt: Ich bin nicht wie die anderen.
Solche Momente sind starker Stoff.
Weil sie konkret sind.
Der Tag, an dem dein Name falsch ausgesprochen wurde.
Wieder und wieder.
Das Essen in deiner Dose, das anders roch als das der anderen.
Die Frage: Wo kommst du eigentlich wirklich her?
Der Blick, wenn du etwas sagst, das nicht ins Bild passt.
Diese kleinen Szenen tragen die ganze Frage der Identität.
Ohne dass du das Wort benutzen musst.
Denk an deine eigenen Momente.
Wann hast du dich anders gefühlt?
Fremd, unpassend, herausgestochen?
Vielleicht wegen deiner Herkunft.
Vielleicht wegen deiner Interessen.
Vielleicht, weil du liebst, wie du liebst.
Vielleicht einfach, weil du anders tickst.
Nimm einen solchen Moment.
Und erzähl ihn genau.
In ihm steckt deine ganze Spurweite.
Das Anderssein.
Und die Kraft, die daraus wachsen kann.
Die Schubladen der anderen
Menschen stecken einander gern in Schubladen.
Das ist bequem.
Man muss dann nicht mehr genau hinsehen.
Du bist der Ruhige.
Du bist die Lustige.
Du bist der von woanders.
Diese Etiketten sitzen fest.
Und sie engen ein.
Denn niemand passt ganz in eine Schublade.
Jeder ist mehr.
Über diese Schubladen zu schreiben, ist stark.
Zeig ein Etikett, das man dir aufgeklebt hat.
Und zeig, was darunter wirklich ist.
Der Ruhige, der innen tobt.
Die Lustige, die auch weint.
Der Fremde, der sich längst zu Hause fühlt.
Dieser Kontrast ist spannend.
Zwischen dem Etikett und der Wahrheit.
Ein guter Identitäts-Text sprengt die Schublade.
Er sagt: Ich bin nicht, wofür ihr mich haltet.
Ich bin mehr.
Ich habe meine eigene Spurweite.
Und die passt in keine eurer Schubladen.

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Jetzt Kanal folgenDer Name und die Identität
Der Name ist oft der erste Teil der Identität.
Er wurde uns gegeben, bevor wir wählen konnten.
Manche lieben ihren Namen.
Manche hadern mit ihm.
Ein Name kann eine Last sein.
Wenn er ständig falsch ausgesprochen wird.
Wenn er verrät, woher man kommt.
Wenn er nicht zu dem passt, wer man sein will.
Über den eigenen Namen zu schreiben, ist ein toller Einstieg.
Was bedeutet er?
Wer hat ihn dir gegeben?
Wie klingt er in verschiedenen Mündern?
Der Name ist ein Bahnsteigschild.
Das Erste, was andere von dir lesen.
Manche Menschen ändern ihren Namen.
Sie wählen einen neuen, der besser passt.
Wie van Gogh, der nur mit Vincent signierte.
Nicht mit dem vollen Namen.
Das ist eine starke Geste.
Sich selbst zu benennen.
Schreib über deinen Namen.
Über das Verhältnis, das du zu ihm hast.
In ihm steckt schon ein ganzes Stück Identität.
Identität ist nicht fest
Ein wichtiger Gedanke: Identität ist nicht in Stein gemeißelt.
Sie verändert sich.
Ein Leben lang.
Der Mensch, der du mit fünfzehn warst, ist nicht der von heute.
Und der von heute ist nicht der von morgen.
Das ist keine Schwäche.
Das ist Wachstum.
Man darf sich verändern.
Man darf die Spur wechseln.
Man darf jemand Neues werden.
Viele glauben, sie müssten sich festlegen.
Ein für alle Mal wissen, wer sie sind.
Aber Identität ist eher eine Reise als ein Ziel.
Ein langer Zug durch verschiedene Landschaften.
Man bleibt derselbe Zug.
Und fährt doch durch immer neues Land.
Darüber zu schreiben, ist befreiend.
Es nimmt den Druck, sich festlegen zu müssen.
Zeig, wie du dich verändert hast.
Wer du warst und wer du geworden bist.
Diese Bewegung ist spannend.
Und sie gibt dem Text einen Bogen.
Die Masken, die wir tragen
Jeder trägt Masken.
Verschiedene für verschiedene Menschen.
Eine für die Arbeit.
Eine für die Familie.
Eine für die Fremden im Zug.
Das ist normal.
Und es ist ein spannendes Thema.
Denn die Frage ist: Wo bist du du selbst?
Hinter welcher Maske steckt das echte Gesicht?
Manche Menschen tragen so lange eine Maske, dass sie selbst nicht mehr wissen, wer darunter ist.
Sie haben sich verloren.
Zwischen lauter Erwartungen.
Darüber zu schreiben, ist tief.
Zeig eine Maske, die du trägst.
Und den Moment, in dem sie fällt.
Wenn du ganz du selbst bist.
Allein, oder bei einem Menschen, dem du vertraust.
Dieser Moment ist kostbar.
Denn da läufst du auf deiner eigenen Spurweite.
Ohne Verstellung.
Ein guter Identitäts-Text sehnt sich nach diesem Moment.
Nach dem Ablegen der Masken.
Nach dem einfachen, mutigen: Das bin ich.
Selbstannahme: zur eigenen Spur stehen
Der Kern des Identitäts-Themas ist die Selbstannahme.
Zu dem stehen, was man ist.
Auch wenn es nicht ins Bild passt.
Das ist schwer.
Denn wir wollen dazugehören.
Wir passen uns an.
Wir biegen unsere Spur, bis sie zur fremden passt.
Und dann ruckelt es.
Weil wir gegen unsere eigene Natur fahren.
Die Selbstannahme ist der Moment, in dem man aufhört, sich zu verbiegen.
In dem man sagt: Ich bin so.
Und das ist in Ordnung.
Dieser Moment ist ein starker Text.
Zeig den Weg dorthin.
Das lange Anpassen.
Das Unbehagen dabei.
Und den befreienden Augenblick der Annahme.
Als du aufhörtest, jemand anderes sein zu wollen.
Das ist kein Aufgeben.
Das ist Ankommen.
Bei dir selbst.
Auf deiner eigenen Spurweite.
Und dort, endlich, läuft der Zug rund.
Identität und Zugehörigkeit
Identität hat zwei Seiten.
Die eine sagt: Ich bin einzigartig.
Die andere sagt: Ich gehöre dazu.
Beides braucht der Mensch.
Ganz allein auf der eigenen Spur zu laufen, macht einsam.
Sich ganz anzupassen, macht unsichtbar.
Die Kunst liegt dazwischen.
Du selbst sein.
Und trotzdem dazugehören.
Das Schöne ist: Es gibt für jeden eine Gruppe.
Menschen, die dieselbe Spurweite haben.
Die einen verstehen, ohne dass man sich erklären muss.
Viele finden das erst spät.
Nach Jahren des Sich-fremd-Fühlens.
Und dann, plötzlich, ist da eine Gruppe.
Ein Verein, eine Szene, eine Bühne.
Wo man endlich passt.
Der Poetry Slam ist für viele so ein Ort.
Wo die Andersartigen zusammenkommen.
Und feststellen: Ich bin nicht allein.
Schreib über diesen Moment des Ankommens.
Als du deine Leute gefunden hast.
Es ist einer der schönsten im ganzen Thema.
„Wer bin ich?“ · Natascha Bienert
Übung: die drei Schubladen
Hier eine Übung für deinen Identitäts-Text.
Schreib drei Etiketten auf, die andere dir geben.
Die Schubladen, in die man dich steckt.
Der Ruhige. Die Zugezogene. Der Streber.
Was auch immer man über dich sagt.
Und dann schreib unter jedes Etikett die Wahrheit.
Was wirklich dahintersteckt.
Der Ruhige, der nachts Lieder schreibt.
Die Zugezogene, die zwei Heimaten im Herzen trägt.
Der Streber, der einfach Angst vor dem Versagen hat.
Dieser Gegensatz ist dein Text.
Das Etikett und die Wahrheit.
Der Deckel und das, was darunter liegt.
Du kannst den Text sogar so bauen.
Immer erst das Etikett.
Dann die Wahrheit.
Das gibt ihm eine klare Struktur.
Und eine starke Bewegung.
Vom fremden Blick zur eigenen Stimme.
Probier es aus.
In welche Schubladen steckt man dich?
Und was bist du wirklich?
Häufige Fehler beim Identitäts-Text
Sammeln wir die Stolperfallen.
Fehler eins: zu abstrakt werden.
Zeig konkrete Momente, keine Philosophie.
Fehler zwei: die großen Ich-Behauptungen.
Ich bin ich, das sagt nichts.
Fehler drei: sich zum Opfer machen.
Zeig auch die Kraft, nicht nur die Wunde.
Fehler vier: alles erklären wollen.
Ein Bild wirkt stärker als eine Analyse.
Fehler fünf: das Thema zu groß fassen.
Nimm einen Aspekt, nicht die ganze Identität.
Fehler sechs: kein roter Faden.
Nimm die eigene Spurweite und halt sie durch.
Fehler sieben: nur klagen über das Anderssein.
Zeig, dass das Anderssein auch ein Geschenk ist.
Wer diese Fehler kennt, schreibt einen Text, der trägt.
Einen, der eine echte Person zeigt.
Nicht eine Idee vom Ich.
Sondern dich, ganz konkret.
Der Ton: suchend, nicht dozierend
Der Ton beim Identitäts-Text ist heikel.
Die Gefahr ist das Dozieren.
Große Sätze über das Wesen des Menschen.
Das wirkt schnell hohl.
Der bessere Ton ist suchend.
Er hat nicht alle Antworten.
Er tastet sich vor.
Er fragt: Wer bin ich eigentlich?
Und gibt zu, dass er es selbst nicht ganz weiß.
Diese Ehrlichkeit ist stark.
Denn Identität ist keine fertige Antwort.
Sie ist eine ständige Frage.
Ein guter Text bleibt in dieser Frage.
Er löst sie nicht auf in einer klugen Formel.
Er zeigt das Suchen selbst.
Und das Suchen kennt jeder.
Bleib also bei deinen konkreten Erfahrungen.
Bei deinen Fragen, nicht bei fertigen Antworten.
Ein suchender Text ist ehrlicher als ein wissender.
Und er lässt dem Publikum Raum, selbst zu suchen.
Nach der eigenen Spurweite.
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Jetzt Kanal folgenDer erste und der letzte Satz
Anfang und Ende tragen viel.
Fang nicht mit einer Definition an.
Nicht mit „Identität ist…“.
Fang mit einer Szene an.
„Zum dritten Mal fragt sie, wo ich wirklich herkomme.“
Schon ist das Publikum dabei.
Der letzte Satz bleibt.
Spar dir dafür dein stärkstes Bild auf.
Vielleicht die eigene Spur, die endlich rund läuft.
Vielleicht das schlichte, mutige: Das bin ich.
Und dann sei still.
Lass den Satz wirken.
Zwischen Anfang und Ende läuft dein Text.
Wie ein Zug auf seiner eigenen Spurweite.
Wenn beide Sätze sitzen, hält die ganze Fahrt.
Übe sie besonders.
Sie tragen die Last des schweren Themas.
Identität und Körper
Ein Teil der Identität ist der Körper.
Wie man aussieht.
Wie andere einen deshalb sehen.
Die Hautfarbe, die Größe, das Gewicht.
Die Narbe, die man versteckt.
Das, was man im Spiegel nicht mag.
Der Körper ist oft die erste Schublade.
Man wird gesehen, bevor man ein Wort gesagt hat.
Und einsortiert.
Darüber zu schreiben, ist mutig.
Und es berührt viele.
Denn fast jeder hadert mit etwas an sich.
Zeig einen Moment, in dem dein Körper zum Thema wurde.
Ein Blick, ein Kommentar, ein Ausschluss.
Und zeig den Weg zur Annahme.
Zum Frieden mit dem eigenen Körper.
Denn auch der Körper ist ein Teil deiner Spurweite.
Er ist der Wagen, in dem du durchs Leben fährst.
Es lohnt sich, ihn anzunehmen.
Statt ein Leben lang gegen ihn zu kämpfen.
Ein solcher Text kann anderen Mut machen.
Zur Versöhnung mit dem eigenen Spiegelbild.
Identität und Sprache
Auch die Sprache gehört zur Identität.
Der Dialekt, mit dem man aufwuchs.
Die Sprache der Eltern.
Die Wörter, die nur die eigene Familie kennt.
Sprache verrät, woher man kommt.
Manche verstecken ihren Dialekt.
Um dazuzugehören.
Manche sind stolz darauf.
Und wer mehrere Sprachen hat, hat mehrere Zuhause.
Und manchmal keines ganz.
Über Sprache und Identität zu schreiben, ist reich.
Zeig, in welcher Sprache du träumst.
In welcher du fluchst.
In welcher du liebst.
Oft sind das verschiedene.
Und genau darin steckt eine ganze Geschichte.
Beim Slam kannst du sogar mit Sprachen spielen.
Einen Satz im Dialekt einbauen.
Ein Wort aus der Sprache deiner Eltern.
Das macht deinen Text unverwechselbar.
Und zeigt deine Spurweite.
Hörbar.
Wenn andere dir sagen, wer du bist
Es ist ein seltsames Gefühl.
Wenn andere besser zu wissen glauben, wer du bist.
Du müsstest doch, sagen sie.
Als jemand von dort.
Als jemand wie du.
Sie stecken dich in eine Rolle.
Und erwarten, dass du sie spielst.
Das engt ein.
Denn du bist nicht, was sie in dir sehen.
Du bist, was du bist.
Über diesen Kampf zu schreiben, ist stark.
Der Kampf um das eigene Bild.
Gegen das Bild, das andere von dir malen.
Zeig einen Moment, in dem dir jemand sagte, wer du zu sein hast.
Und wie es sich anfühlte.
Und wie du dich dagegen gestellt hast.
Oder es dir gewünscht hättest.
Denn Identität heißt auch: das eigene Bild verteidigen.
Gegen die vielen fremden Zuschreibungen.
Du bestimmst deine Spurweite.
Nicht die anderen.
Das ist ein mutiger, wichtiger Text.
Die Suche in der Jugend
Am heftigsten sucht man in der Jugend.
Da probiert man alles aus.
Verschiedene Stile, verschiedene Gruppen.
Mal ist man der eine, mal der andere.
Man legt Masken an und wieder ab.
Man kopiert Vorbilder.
Und sucht darunter das eigene Gesicht.
Diese Suche ist oft peinlich im Rückblick.
Die Phasen, für die man sich heute schämt.
Aber genau das ist guter Stoff.
Und meist auch lustig.
Schreib über deine Suche als Jugendlicher.
Über die Phase, in der du unbedingt dazugehören wolltest.
Über die Kleidung, die Musik, die Sprache, die du kopiertest.
Und über den langsamen Weg zu dir selbst.
Diese Suche ist bei jedem anders.
Und doch kennt jeder das Gefühl.
Das Ausprobieren verschiedener Spuren.
Bis man die eigene findet.
Das ist ehrlich und oft zum Schmunzeln.
Und es zeigt: Niemand hat seine Spur von Anfang an.
Man muss sie suchen.
Vorbilder und die eigene Spur
Vorbilder helfen bei der Suche.
Man schaut sich etwas ab.
Von Menschen, die man bewundert.
Das ist gut und normal.
Aber es gibt eine Grenze.
Ein Vorbild zeigt dir eine Richtung.
Aber es kann nicht deine Spur sein.
Wer nur kopiert, verliert sich.
Er läuft auf einer fremden Spurweite.
Und wundert sich, dass es ruckelt.
Die Kunst ist, vom Vorbild zu lernen.
Und dann die eigene Spur zu finden.
Denk an van Gogh.
Auch er hatte Vorbilder.
Er hat andere Maler studiert.
Aber dann malte er ganz anders.
Auf seine eigene, wilde Weise.
Genau das machte ihn unsterblich.
Nicht die Nachahmung.
Sondern die eigene Spur.
Zeig in deinem Text, wen du bewundert hast.
Und wie du davon zu dir selbst gefunden hast.
Vom Kopieren zum eigenen Klang.
Identität und Mut
Zur eigenen Spur zu stehen, braucht Mut.
Denn es ist leichter, sich anzupassen.
Mitzuschwimmen.
Zu sein, was erwartet wird.
Anders zu sein, kostet Kraft.
Man erntet Blicke.
Man muss sich erklären.
Man steht manchmal allein.
Genau darum ist Mut ein Kern des Themas.
Der Mut, sichtbar anders zu sein.
Der Mut, die eigene Spur zu fahren.
Auch wenn sie einsam ist.
Zeig diesen Mut in deinem Text.
Den Moment, in dem du dich getraut hast.
Zu dem zu stehen, was du bist.
Vielleicht hast du dich geoutet.
Vielleicht einen ungewöhnlichen Weg gewählt.
Vielleicht einfach Nein gesagt zu einer Erwartung.
Solche Momente sind stark.
Denn sie zeigen einen Menschen, der sich traut.
Und sie machen anderen Mut.
Die noch auf ihrer fremden Spur ruckeln.
Und sich nach der eigenen sehnen.
Was du nicht bist
Manchmal findet man sich über das Gegenteil.
Man weiß erst, was man nicht ist.
Und tastet sich von dort zu dem, was man ist.
Das ist ein spannender Weg für einen Text.
Zähl auf, was du nicht bist.
Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet.
Ich bin nicht das Etikett auf meiner Stirn.
Ich bin nicht die Erwartung meiner Eltern.
Diese Abgrenzung hat Kraft.
Sie räumt auf.
Sie schiebt das Fremde beiseite.
Und macht Platz für das Eigene.
Am Ende einer solchen Aufzählung kann das Eigene stehen.
Klein und klar.
Ich bin nicht dies, nicht das, nicht jenes.
Ich bin einfach ich.
Diese Bewegung vom Nein zum Ja ist stark.
Vom Abgrenzen zum Ankommen.
Probier diesen Aufbau.
Erst das viele, was du nicht bist.
Dann das eine, was du bist.
Das Publikum wird den Weg mitgehen.
Was ein Identitäts-Text auslöst
Ein Text über Identität trifft tief.
Denn jeder sucht sich selbst.
Mal mehr, mal weniger.
Aber die Frage kennt jeder.
Wer bin ich wirklich?
Wenn du ehrlich über deine Suche schreibst, denkt jeder an seine.
An die eigenen Schubladen.
An die eigenen Masken.
An das Ringen um die eigene Spur.
Besonders trifft dein Text die, die sich fremd fühlen.
Die zwischen zwei Kulturen leben.
Die anders sind und darunter leiden.
Ihnen sagt dein Text: Du bist nicht allein.
Deine Spur ist gültig.
Das ist eine große Wirkung.
Ein Identitäts-Text kann Menschen bestärken.
Zu dem zu stehen, was sie sind.
Und ihre eigene Spurweite zu fahren.
Mutig und aufrecht.
Mehr kann ein Text kaum erreichen.
Er gibt anderen den Mut, sie selbst zu sein.
Die vielen Ichs in dir
Man ist nicht nur ein Ich.
Man ist viele.
Das Ich bei der Arbeit.
Das Ich unter Freunden.
Das Ich, das nur nachts existiert.
Das Ich der Kindheit, das noch in dir steckt.
Diese vielen Ichs sind kein Widerspruch.
Sie sind alle du.
Wie ein Zug mit vielen Wagen.
Jeder anders, aber alle gehören zusammen.
Darüber zu schreiben, ist spannend.
Denn viele denken, sie müssten nur ein Ich sein.
Eindeutig, klar, immer gleich.
Aber das ist nicht menschlich.
Menschen sind vielschichtig.
Manchmal sogar widersprüchlich.
Zeig die verschiedenen Seiten in dir.
Die laute und die stille.
Die mutige und die ängstliche.
Sie alle sind Teil deiner Spurweite.
Die Kunst ist nicht, sich auf ein Ich zu reduzieren.
Die Kunst ist, alle Wagen an einen Zug zu kuppeln.
Und als ein Ganzes zu fahren.
Widersprüchlich und doch eins.
Identität ist auch, was man tut
Identität ist nicht nur ein Gefühl.
Sie ist auch das, was man tut.
Man wird, was man immer wieder macht.
Wer jeden Tag schreibt, wird zum Schreibenden.
Wer jeden Tag hilft, wird zum Helfenden.
Das ist ein tröstlicher Gedanke.
Denn er heißt: Du kannst deine Identität formen.
Durch das, was du tust.
Du bist nicht festgelegt.
Du baust dich, Tag für Tag.
Durch deine Handlungen.
Denk an van Gogh.
Er wurde nicht als Maler geboren.
Er wurde zum Maler, indem er malte.
Jeden Tag, gegen allen Zweifel.
Bis das Malen seine Identität war.
Zeig in deinem Text, was du immer wieder tust.
Und wie es dich formt.
Vielleicht ist genau das Slammen ein Teil davon.
Wer auf die Bühne geht und seine Wahrheit sagt, formt sich.
Er wird mutiger, klarer, mehr er selbst.
Mit jedem Auftritt.
Identität ist ein Tun.
Der Frieden mit sich selbst
Am Ende der Suche steht ein Ziel.
Der Frieden mit sich selbst.
Nicht mehr gegen sich kämpfen.
Nicht mehr jemand anderes sein wollen.
Sondern die eigene Spur annehmen.
Mit allem, was dazugehört.
Den Stärken und den Macken.
Dem Schönen und dem Schwierigen.
Dieser Frieden kommt selten früh.
Oft erst nach langem Suchen.
Nach vielen falschen Spuren.
Aber er kommt.
Und er ist ein wunderbarer Schluss für einen Text.
Nicht ein lautes Ich bin toll.
Sondern ein leises Ich bin okay, so wie ich bin.
Das ist stärker als jede Angeberei.
Weil es echt ist.
Und weil so viele sich danach sehnen.
Nach diesem Frieden.
Zeig, wie du zu ihm gefunden hast.
Oder wie du ihn noch suchst.
Beides ist wahr.
Und beides berührt.
Würzburg, die eigene Spurweite und dein Text
Stell dir zum Schluss den Bahnhof von Würzburg vor.
Züge aus vielen Richtungen treffen sich hier.
Und jeder läuft auf seiner Spur.
Die meisten auf der gleichen Weite.
Aber stell dir einen Zug vor, der eine eigene Spurweite hat.
Er passt auf kein fremdes Gleis.
Nur auf sein eigenes.
Lange dachte er, mit ihm stimme etwas nicht.
Warum passe ich nirgends?
Bis er begriff: Ich brauche einfach meine Spur.
Und auf meiner Spur laufe ich rund.
Genau das ist deine Identität.
Deine eigene Spurweite.
Sie passt vielleicht nicht in jede Erwartung.
Nicht in jede Schublade.
Und das ist gut so.
Denk an van Gogh.
Seine Spur war einsam und ungewöhnlich.
Und am Ende die richtige.
Genau darüber kannst du schreiben.
Über einen Moment des Andersseins.
Über ein Etikett und die Wahrheit darunter.
Über die lange Suche und das leise Ankommen.
Bleib konkret, bleib suchend, bleib ehrlich.
Und zeig deine eigene Spurweite.
Die Spur, auf der nur du läufst.
Aber auf der du rund und sicher fährst.
Steh zu ihr.
Denn niemand sonst kann auf ihr fahren.
Sie ist nur für dich gebaut.
Das ist keine Einsamkeit.
Das ist Freiheit.
Die Freiheit, ganz du zu sein.
Fang mit einer einzigen ehrlichen Zeile an.
Und lass deinen Zug auf deiner Spur losrollen.
Gute Fahrt.
