111 Zeilenanfänge für Tage, an denen dir nichts einfällt [+ Vorlage]

Eine Kursbuch-Seite · 111 Abfahrten

111 Zeilenanfänge für Tage, an denen dir nichts einfällt [+ Vorlage]

Waschbär auf dem Fensterbrett eines alten Fahrkartenschalters – Satzanfänge für deinen Text
Am alten Fahrkartenschalter · bahn-slam.de

Dienstag, 18:55 Uhr, Stadtteilbibliothek, Raum 2.

Fenja, 33, leitet hier jede Woche eine Schreibwerkstatt.

Heute bringt sie keine Themen mit, sondern Satzanfänge, aus denen jeder seinen eigenen Text bauen kann.

Einhundertelf Stück, auf Papierstreifen, in einer alten Keksdose.

Denn heute ist einer dieser Tage.

Auch ihr fällt nichts ein.

In der letzten Reihe sitzt Jupp, 74.

Er kommt seit einem halben Jahr jeden Dienstag.

Und er hat noch keine einzige Zeile geschrieben.

„Mir fällt nichts ein“, sagt er, wie jede Woche.

Fenja schiebt ihm die Dose hin.

„Heute musst du dir nichts ausdenken“, sagt sie.

„Heute ziehst du nur eine Abfahrt.“

Jupp lacht.

Er hat dreißig Jahre lang bei der Bahn Fahrpläne gemacht.

„Ein Kursbuch mit Sätzen“, sagt er.

„Na dann.“

Er zieht einen Streifen, ohne hinzuschauen.

Welche Nummer draufsteht und was danach passiert, erfährst du am Ende.

Fenja und Jupp gibt es so nicht. Aber Tage, an denen einem einfach nichts einfällt, kennt jeder, der schreibt.

Kennst du das?

Du willst schreiben.

Du hast sogar Zeit.

Und dann sitzt du vor dem leeren Blatt und wartest.

Auf Inspiration.

Auf einen Einfall.

Auf den Moment, in dem du weißt, worum es gehen soll.

Der Moment kommt manchmal.

Nur leider nie dann, wenn du Zeit hast.

Kein Zug fährt los, weil der Lokführer Lust hat.

Er fährt los, weil ein Signal auf Fahrt geht.

Heute bekommst du einhundertelf Abfahrten.

Acht Strecken, ein ganzes Kursbuch.

Und dazu eine Vorlage, mit der du deine eigene Strecke baust.

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Satzanfänge für deinen Text: so funktioniert das Kursbuch

Zeichenerklärung

…Kein Anfang ist ein ganzer Satz. Ein halber zieht dich weiter.
◐Blind ziehen statt aussuchen.
✂Am Ende meistens wieder streichen. Er war nur Anfahrhilfe.
★Einsteigerstrecke: KBS 4, Gegenstände.
▲Nur mit Übung: KBS 5 und KBS 8.

Das Prinzip ist simpel.

Du nimmst einen Anfang, schreibst ihn ab und schreibst weiter, ohne nachzudenken.

Nach ein paar Zeilen merkst du meistens gar nicht mehr, dass der Anfang nicht von dir war.

Wichtig: Das hier ist keine Themensammlung.

Kein einziger dieser Anfänge sagt dir, worüber du schreiben sollst.

Ein Anfang ist eine Tür, kein Ziel.

Er entscheidet, durch welche Öffnung du in den Raum kommst.

Nicht, was im Raum steht.

Deshalb kannst du dieselbe Geschichte mit vierzehn Anfängen aus diesem Kursbuch erzählen.

Und bekommst vierzehn verschiedene Texte.

Die Pünktchen am Ende jeder Zeile sind Absicht.

Ein halber Satz zieht dich weiter.

Ein ganzer lässt dich stehen.

Und noch etwas: Zieh blind.

Wer aussucht, nimmt immer den Anfang, der zu dem passt, was er ohnehin schreiben wollte.

Strecke 1 bis 3: Menschen, Geräusche, Zahlen

KBS 1 · MenschenAnfänge 1–14
Nr.Abfahrt mit …
1Mein Vater hat nie …
2Sie war die Erste, die …
3Der Mann im Zug hatte …
4Meine Nachbarin sagt immer …
5Es gibt einen Menschen, der …
6Als ich zwölf war, kannte ich jemanden, der …
7Er hat mir das nie erzählt, aber …
8Die Frau an der Kasse hat …
9Ich habe einmal eine Person getroffen, die …
10Meine Mutter räumt auf, wenn …
11Es war der Kollege, der …
12Sie hat aufgehört, bevor …
13Der Junge von gegenüber …
14Wir haben uns geduzt, seit …
Verkehrt täglich · sicherste Strecke · Anfang darf stehen bleiben

Die verlässlichste Strecke.

Ein Publikum hängt sich sofort an Personen.

Und hier darfst du den Anfang ausnahmsweise stehen lassen.

Ein Text, der mit einem Menschen beginnt und mit demselben Menschen endet, hat automatisch eine Form.

KBS 2 · GeräuscheAnfänge 15–28
Nr.Abfahrt mit …
15Der Schlüssel im Schloss klingt anders, wenn …
16Man hört in dieser Wohnung immer …
17Das Erste, was ich morgens höre, ist …
18Es hat geklopft, und …
19Der Kühlschrank ist das lauteste Gerät in …
20Sie hat den Fernseher angelassen, weil …
21Als der Zug einfuhr, war …
22Zwischen zwei Durchsagen liegt …
23Das Handy hat vibriert, während …
24In der Stille danach hörte man …
25Es gibt ein Geräusch, das ich nicht mehr …
26Der Regen auf dem Vordach klang wie …
27Jemand hat gelacht, und dann …
28Ich habe die Tür zugemacht, damit …
Verkehrt täglich · stellt den Saal in einer Sekunde in den Raum

Geräusche gehen einen Umweg.

Sie liefern erst eine Wahrnehmung und danach die Situation.

Genau das macht den Saal neugierig.

KBS 3 · ZahlenAnfänge 29–42
Nr.Abfahrt mit …
29Es waren vierzehn Minuten, bis …
30Dreimal habe ich versucht, …
31Sieben Jahre lang stand …
32Zwischen uns lagen zwei Stationen und …
33Der Zettel lag da seit …
34Ich war der Vierte in der Schlange, als …
35Es kostete elf Euro und …
36Nach dem dritten Anruf …
37Wir haben fünfzehn Kilometer gebraucht, um …
38Zwei Wochen später stand …
39Es gab genau einen Abend, an dem …
40Von hundert Leuten haben drei …
41Um Viertel nach sechs ist …
42Der Zug hatte achtzehn Minuten, und …
Verkehrt täglich · Genauigkeit klingt nach Wahrheit

Zahlen behaupten Genauigkeit.

Und Genauigkeit klingt nach Wahrheit.

„Es waren vierzehn Minuten“ wirkt stärker als „Es hat lange gedauert“, obwohl beides dasselbe sagt.

Ein Publikum muss in den ersten Sekunden drei Fragen beantwortet bekommen, ohne dass sie jemand stellt.

Wo bin ich?

Wer ist da?

Und warum sollte mich das interessieren?

Jede Strecke beantwortet diese Fragen in einer anderen Reihenfolge.

Strecke 4 bis 6: Gegenstände, Behauptungen, Anweisungen

KBS 4 · GegenständeAnfänge 43–56
Nr.Abfahrt mit …
43In der Schublade liegt noch …
44Der Mantel hängt seit …
45Ich habe die Tasse behalten, weil …
46Auf dem Kühlschrank klebt …
47Sein Werkzeug liegt immer noch so, wie …
48Der Schlüssel passt nirgends mehr, aber …
49Es gibt ein Foto, auf dem …
50Die Fahrkarte war noch in …
51Sie hat mir ein Buch geliehen, in dem …
52Auf dem Tisch stand ein Glas, das …
53Die Uhr geht vor, seit …
54In seiner Jackentasche war …
55Das Radio läuft immer noch auf …
56Ich habe die Nummer nicht gelöscht, weil …
★ Einsteigerstrecke · hier anfangen

Hier fängst du am besten an.

Jeder Mensch hat eine Wohnung voller Dinge, die dort aus einem Grund liegen.

Dinge tragen Geschichten, ohne dass man sie erklären muss.

Wie weit ein einziger Anfang tragen kann, hat Fenja in ihrer Werkstatt erlebt.

Vier Leute haben Anfang 46 gezogen: „Auf dem Kühlschrank klebt …“

Heraus kamen vier Texte ohne ein gemeinsames Thema.

Ein Einkaufszettel, den seit dem Tod der Mutter niemand abgenommen hat.

Ein Kinderbild, das niemand aufgehängt hat und das trotzdem alle verteidigen.

Ein Magnet aus einem Urlaubsort, an dem beide nie waren.

Eine Telefonnummer, deren Besitzer niemand mehr kennt.

Alle vier fangen mit einem Gegenstand an.

Und alle vier handeln von einem Menschen.

Genau diese Bewegung löst ein guter Anfang aus.

KBS 5 · BehauptungenAnfänge 57–70
Nr.Abfahrt mit …
57Es gibt keinen guten Zeitpunkt für …
58Niemand sagt einem, dass …
59Das Schlimmste daran ist nicht …
60Man kann alles verlieren außer …
61Ich habe lange geglaubt, dass …
62Es hätte anders laufen können, wenn …
63Die meisten Leute halten das für …
64Niemand hätte gedacht, dass ausgerechnet …
65Es dauert genau so lange, bis …
66Man merkt es immer erst, wenn …
67Das Gegenteil von Angst ist nicht …
68Es gibt zwei Sorten von …
69Am Ende bleibt fast nie …
70Ich habe aufgehört zu glauben, dass …
▲ Nur mit Übung · spätestens im dritten Satz Ort und Person nachliefern

Achtung, Behauptungen sind für später.

Sie beantworten zuerst die dritte Frage und lassen offen, wo wir sind und wer spricht.

Ohne Ort und ohne Person schaltet ein Saal schnell ab.

Ziehst du blind eine Behauptung und bist noch unsicher, darfst du einmal neu ziehen.

Das ist die einzige erlaubte Ausnahme.

KBS 6 · AnweisungenAnfänge 71–84
Nr.Abfahrt mit …
71Nehmen Sie zuerst …
72Achten Sie darauf, dass …
73Bewahren Sie dieses Schreiben auf, falls …
74Vor Gebrauch bitte …
75Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit …
76Gefunden wurde: ein …
77Zutaten für vier Personen: …
78Bei Nichtgefallen wenden Sie sich an …
79Wir bitten um Verständnis, dass …
80Bitte beachten Sie die folgenden …
81Ihre Anfrage vom …
82Nebenwirkungen können sein: …
83Der Aufenthalt verkürzt sich um …
84Hiermit kündige ich …
Verkehrt täglich · gut für komische und für schwere Texte

Anweisungen bringen eine fertige Form mit.

Die Spannung zwischen nüchterner Form und persönlichem Inhalt arbeitet von allein.

Ein Beipackzettel über Liebeskummer ist ein alter Trick.

Und funktioniert trotzdem jedes Mal.

Bonus: Mit dieser Strecke kannst du auch über schwere Dinge schreiben, ohne pathetisch zu werden.

Die nüchterne Form hält den Text unten.

Waschbär auf einem Stapel alter Bahnschwellen am Gleis – Satzanfänge für deinen Text
Wo die Strecke weitergeht · bahn-slam.de

Strecke 7 und 8: Orte und Fragen

KBS 7 · OrteAnfänge 85–98
Nr.Abfahrt mit …
85Im Treppenhaus riecht es nach …
86Diese Stadt hat genau eine …
87Am Bahnsteig 3 steht seit Jahren …
88In der Küche meiner Großmutter …
89Das Wartezimmer war voll, und …
90Hinter dem Supermarkt gibt es …
91Auf dem Parkplatz stand …
92Der letzte Bus fährt um …
93In diesem Zimmer wurde nie …
94Der Weg zur Schule ging vorbei an …
95Im Zug nach Norden sitzt immer …
96Vor der Tür lag …
97An der Bushaltestelle wartet jemand, der …
98In dieser Wohnung ist es nachts …
Verkehrt täglich · sicher, aber unauffällig

Orte beantworten die ersten beiden Fragen sofort.

Sie sind die sichersten Anfänge.

Und deshalb auch die unauffälligsten.

KBS 8 · FragenAnfänge 99–111
Nr.Abfahrt mit …
99Wie lange dauert es, bis …
100Wer entscheidet eigentlich, ob …
101Was passiert mit den Dingen, die …
102Warum sagt niemand, dass …
103Woran erkennt man, dass jemand …
104Was hätte ich sagen sollen, als …
105Wohin gehen Menschen, die …
106Wann hört man auf, …
107Wem gehört eigentlich …
108Was macht man mit einem Menschen, der …
109Wie oft muss etwas passieren, bis …
110Was bleibt übrig, wenn …
111Und wenn doch alles …
▲ Nur mit Übung · nur Fragen, deren Antwort du selbst nicht kennst

Die Fragen stehen am Schluss, weil sie am riskantesten sind.

Sie funktionieren großartig oder gar nicht.

Klingt die Frage rhetorisch, schaltet der Saal ab.

Sie funktioniert nur, wenn du die Antwort selbst nicht kennst.

Das hört man an der Stimme.

Und deshalb kann man es nicht spielen.

Vier Arten, das Kursbuch zu benutzen

Vier Verfahren

1Blind ziehen
Augen zu, Finger aufs Kursbuch, den Anfang darunter nehmen.
2Zwei kombinieren
Einer wird der erste Satz, der andere der letzte. Dazwischen muss etwas passieren, das beide verbindet.
3Einer, fünfmal
Fünf Fortsetzungen zu einer Zeile, je zwei Minuten. Ab der dritten wird es interessant.
4Als Kartenset
Ausdrucken, in Streifen schneiden, in eine Dose. Ziehen, schreiben, nicht diskutieren.

Das vierte Verfahren klingt nach Bastelstunde.

Und ist trotzdem das beste.

Weil es die Entscheidung vollständig aus deinem Kopf nimmt.

Genau dieses Prinzip haben zwei Männer in den Siebzigern berühmt gemacht.

1975 veröffentlichten der Musiker Brian Eno und der Maler Peter Schmidt ein Kartenset namens „Oblique Strategies“.

Auf jeder Karte steht ein knapper, oft rätselhafter Satz, der nichts erklärt und keine Lösung anbietet.

Wer im Studio feststeckt, zieht eine Karte und befolgt sie.

Die Idee dahinter: Unter Druck greift man immer auf dieselben Gewohnheiten zurück.

Eine fremde Vorgabe unterbricht genau diesen Reflex.

BBC Click · „Brian Eno: How To Beat Creative Block“

Achte darauf, wie Eno über Gewohnheiten spricht.

Der Unterschied zu diesem Kursbuch ist nur die Ebene.

Eno unterbricht die Arbeitsweise.

Diese Anfänge unterbrechen den ersten Satz.

soundlearn · „The story behind Brian Eno’s $400+ deck of cards“

Hier geht es um die Geschichte des Kartensets.

Achte darauf, welche Karte dich selbst am meisten ärgern würde.

Genau die solltest du einmal befolgen.

Die andere Richtung: eigene Regeln

Zugausfall · diese drei Abfahrten fehlen mit Absicht

Der Wetteranfang

„Es regnete an diesem Tag …“

Sagt dem Saal, dass es noch dauert, bis etwas passiert.

Der Definitionsanfang

„Liebe ist, wenn …“

Den hat der Saal an einem Abend oft schon gehört.

Der Ankündigungsanfang

„Ich möchte heute über etwas sprechen, das …“

Eine ganze Zeile dafür, dass gleich etwas kommt.

Drei Abfahrten fehlen in diesem Kursbuch mit Absicht.

Der Schriftsteller Elmore Leonard hat das Wetter sogar zur ersten seiner zehn Schreibregeln gemacht: nie mit dem Wetter anfangen.

Solche Regeln kannst du dir auch selbst geben.

Das ist der zweite Weg, sich in Gang zu setzen, und er geht genau andersherum.

Jack Kerouac hat das vorgemacht.

1959 erschien in der Zeitschrift Evergreen Review seine Liste „Belief and Technique for Modern Prose“, dreißig knappe Punkte, die er für sich notiert hatte.

Sein Verfahren nannte er spontane Prosa: schreiben, ohne anzuhalten und ohne zurückzugehen.

Die erste Fassung von „On the Road“ tippte er 1951 auf eine lange Papierrolle, damit er zum Blattwechsel nicht anhalten musste.

Die Rolle ist erhalten und wurde 2001 versteigert.

Zwischen Eno und Kerouac liegt der ganze Raum, in dem du arbeiten kannst.

Der eine lässt sich von außen unterbrechen, der andere setzt sich selbst unter Regeln.

Beide lösen dasselbe Problem: die Lähmung vor dem ersten Satz.

„Aber dann ist es doch nicht mein eigener Text!“

Doch.

Alle einhundertelf Zeilen sind unvollständig.

Was nach den Pünktchen kommt, kann dir niemand vorgeben.

„Mein Vater hat nie …“ führt bei zwanzig Leuten zu zwanzig völlig verschiedenen Texten.

Und meistens streichst du den geliehenen Anfang am Ende sowieso.

Also merke: Ein Anfang muss nicht gut sein.

Er muss nur verhindern, dass du weiter auf einen guten wartest.

Trägt der Anfang? Drei Zeichen nach zwei Minuten

Kontrolle nach zwei Minuten

✓Du schreibst schneller als sonst.
Tempo entsteht, wenn du weiterweißt.
✓Eine zweite Person taucht auf.
Solange nur du vorkommst, ist es ein Tagebucheintrag. Ab der zweiten Person entsteht Spannung.
✕Du erklärst den Anfang.
Begründet dein dritter Satz, warum der erste dasteht, war es der falsche. Weglegen, neu ziehen: Das kostet zehn Sekunden und spart eine halbe Stunde.

Nicht jeder gezogene Anfang funktioniert.

Manche führen nach zwei Minuten in eine Sackgasse.

Das ist kein Problem, solange du es rechtzeitig merkst.

Weglegen fühlt sich am Anfang nach Scheitern an.

Ist es nicht.

Es ist Sortieren.

Kurze Streckenprobe

Nach zwei Minuten merkst du: Dein dritter Satz erklärt, warum der erste dasteht. Was tust du?

Auflösung anzeigen

Weglegen und neu ziehen. Wer den Anfang erklären muss, hat den falschen erwischt. Das kostet dich zehn Sekunden und spart eine halbe Stunde Reparatur.

Noch ein Zusammenhang, den man erst sieht, wenn ihn jemand zeigt.

Ein Publikum erinnert sich vor allem an Anfang und Ende.

Deshalb nimmt der stärkste Schluss fast immer den Anfang noch einmal auf.

Verändert.

Fängt dein Text mit einem Kühlschrank an, steht am Ende wieder ein Kühlschrank.

Nur nicht derselbe.

Mit der Zeit wirst du Lieblingsstrecken haben.

Das ist ein gutes Zeichen, denn du entwickelst eine Handschrift.

Aber hier kommt der Haken: Nimm ab und zu bewusst eine andere Strecke.

Sonst wird aus der Handschrift eine Masche.

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Die Vorlage: deine eigene Strecke

Vorlage · KBS 9 · Deine StreckeAnfänge 112–120
Gehört: Sätze, die echte Menschen gesagt haben, wörtlich, mit Fehlern.
Gesehen: Bilder aus deinem Alltag, als halber Satz.
Gefragt: Fragen, auf die du selbst keine Antwort hast.
112Gehört
113Gesehen
114Gefragt
115Gehört
116Gesehen
117Gefragt
118Gehört
119Gesehen
120Gefragt

Zum Ausdrucken: Seite drucken, diese Tafel ausschneiden, ins Notizbuch kleben.

Diese einhundertelf sind ein Anfang, im doppelten Sinn.

Das eigentliche Werkzeug entsteht, wenn du eigene dazuschreibst.

Trag pro Woche drei Zeilen ein, eine pro Spalte.

Nach einem Jahr hast du ein eigenes Kursbuch mit weit über hundert Abfahrten.

Und dieses Kursbuch schlägt jede Liste im Netz.

Weil es aus Material besteht, das nur du gesehen und gehört hast.

Das Schönste daran passiert nebenbei.

Wer ein paar Wochen mit fremden Anfängen arbeitet, fängt an, im Alltag eigene zu sammeln.

Ein halber Satz in der Bahn.

Ein Zettel an einer Laterne.

Ab dem Moment brauchst du keine Liste mehr, nur noch ein Notizbuch.

Nichts wird gespeichert. Übertrag es in die Vorlage oder ins Notizbuch.

„Merkt das Publikum, dass der Anfang geliehen ist?“

Nein.

Nach dem dritten Satz ist von der Vorgabe nichts mehr übrig.

„Und wenn mir nach drei Zeilen wieder nichts einfällt?“

Dann zieh einen zweiten Anfang und schreib ihn mitten hinein, ohne Übergang.

Der Bruch zwingt dich, eine Verbindung zu finden.

Genau daraus entstehen Stellen, die du dir vorher nie hättest ausdenken können.

„Darf ich einen Anfang zweimal benutzen?“

Unbedingt, am besten mit einem halben Jahr Abstand.

Du siehst dabei, was sich in dir verändert hat.

Dein Abfahrt-Check

Und Jupp?

Jupps Streifen · blind gezogen

KBS 8 · Nr. 104

Was hätte ich sagen sollen, als …

Zurück in Raum 2.

Jupp hat den Streifen umgedreht.

Nummer 104.

Er schreibt vier Minuten lang.

Dann legt er den Stift hin, steht auf und geht raus auf den Flur.

Fenja sieht durch die Glastür, dass er telefoniert.

Lange.

Als er zurückkommt, setzt er sich wieder in die letzte Reihe.

„Mein Bruder“, sagt er.

„Wir haben elf Jahre nicht geredet.“

„Ich wusste die Antwort, sobald der Satz auf dem Papier stand.“

Am nächsten Dienstag bringt Jupp zum ersten Mal eine ganze Seite mit.

Sie fängt nicht mehr mit Nummer 104 an.

Den Anfang hat er gestrichen.

Er hatte seine Arbeit getan.

Deshalb bleibt diese Zeile im Kursbuch, auch wenn sie manchmal mehr auslöst als einen Text.

Sie zeigt, was ein halber Satz kann.

Kein Bullshit: Dein Problem ist fast nie ein Mangel an Ideen.

Fast jeder hat mehr Material, als er in Jahren verarbeiten könnte.

Das Problem ist der Startvorgang.

Ein Zug mit vollem Tank und ohne Signal steht genauso still wie einer ohne Tank.

Dein Auftrag für diese Woche?

Zieh drei Anfänge, ohne zu schauen, aus drei verschiedenen Strecken.

Schreib zu jedem zehn Minuten weiter, ohne anzuhalten und ohne zu korrigieren.

Oft ist danach einer Ausschuss, einer brauchbar, und einer überrascht dich.

Genau deshalb nimmst du drei und nicht einen.

Und speicher dir diesen Beitrag so, dass du ihn in dreißig Sekunden wiederfindest.

Denn der Moment, in dem du so ein Kursbuch brauchst, ist immer derselbe.

Zwanzig Minuten, ein leeres Blatt, keine Lust auf Suchen.


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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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