Eine Kursbuch-Seite · 111 Abfahrten
111 Zeilenanfänge für Tage, an denen dir nichts einfällt [+ Vorlage]

Dienstag, 18:55 Uhr, Stadtteilbibliothek, Raum 2.
Fenja, 33, leitet hier jede Woche eine Schreibwerkstatt.
Heute bringt sie keine Themen mit, sondern Satzanfänge, aus denen jeder seinen eigenen Text bauen kann.
Einhundertelf Stück, auf Papierstreifen, in einer alten Keksdose.
Denn heute ist einer dieser Tage.
Auch ihr fällt nichts ein.
In der letzten Reihe sitzt Jupp, 74.
Er kommt seit einem halben Jahr jeden Dienstag.
Und er hat noch keine einzige Zeile geschrieben.
„Mir fällt nichts ein“, sagt er, wie jede Woche.
Fenja schiebt ihm die Dose hin.
„Heute musst du dir nichts ausdenken“, sagt sie.
„Heute ziehst du nur eine Abfahrt.“
Jupp lacht.
Er hat dreißig Jahre lang bei der Bahn Fahrpläne gemacht.
„Ein Kursbuch mit Sätzen“, sagt er.
„Na dann.“
Er zieht einen Streifen, ohne hinzuschauen.
Welche Nummer draufsteht und was danach passiert, erfährst du am Ende.
Fenja und Jupp gibt es so nicht. Aber Tage, an denen einem einfach nichts einfällt, kennt jeder, der schreibt.
Kennst du das?
Du willst schreiben.
Du hast sogar Zeit.
Und dann sitzt du vor dem leeren Blatt und wartest.
Auf Inspiration.
Auf einen Einfall.
Auf den Moment, in dem du weißt, worum es gehen soll.
Der Moment kommt manchmal.
Nur leider nie dann, wenn du Zeit hast.
Kein Zug fährt los, weil der Lokführer Lust hat.
Er fährt los, weil ein Signal auf Fahrt geht.
Heute bekommst du einhundertelf Abfahrten.
Acht Strecken, ein ganzes Kursbuch.
Und dazu eine Vorlage, mit der du deine eigene Strecke baust.
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Zeichenerklärung
Das Prinzip ist simpel.
Du nimmst einen Anfang, schreibst ihn ab und schreibst weiter, ohne nachzudenken.
Nach ein paar Zeilen merkst du meistens gar nicht mehr, dass der Anfang nicht von dir war.
Wichtig: Das hier ist keine Themensammlung.
Kein einziger dieser Anfänge sagt dir, worüber du schreiben sollst.
Ein Anfang ist eine Tür, kein Ziel.
Er entscheidet, durch welche Öffnung du in den Raum kommst.
Nicht, was im Raum steht.
Deshalb kannst du dieselbe Geschichte mit vierzehn Anfängen aus diesem Kursbuch erzählen.
Und bekommst vierzehn verschiedene Texte.
Die Pünktchen am Ende jeder Zeile sind Absicht.
Ein halber Satz zieht dich weiter.
Ein ganzer lässt dich stehen.
Und noch etwas: Zieh blind.
Wer aussucht, nimmt immer den Anfang, der zu dem passt, was er ohnehin schreiben wollte.
Strecke 1 bis 3: Menschen, Geräusche, Zahlen
Die verlässlichste Strecke.
Ein Publikum hängt sich sofort an Personen.
Und hier darfst du den Anfang ausnahmsweise stehen lassen.
Ein Text, der mit einem Menschen beginnt und mit demselben Menschen endet, hat automatisch eine Form.
Geräusche gehen einen Umweg.
Sie liefern erst eine Wahrnehmung und danach die Situation.
Genau das macht den Saal neugierig.
Zahlen behaupten Genauigkeit.
Und Genauigkeit klingt nach Wahrheit.
„Es waren vierzehn Minuten“ wirkt stärker als „Es hat lange gedauert“, obwohl beides dasselbe sagt.
Ein Publikum muss in den ersten Sekunden drei Fragen beantwortet bekommen, ohne dass sie jemand stellt.
Wo bin ich?
Wer ist da?
Und warum sollte mich das interessieren?
Jede Strecke beantwortet diese Fragen in einer anderen Reihenfolge.
Strecke 4 bis 6: Gegenstände, Behauptungen, Anweisungen
Hier fängst du am besten an.
Jeder Mensch hat eine Wohnung voller Dinge, die dort aus einem Grund liegen.
Dinge tragen Geschichten, ohne dass man sie erklären muss.
Wie weit ein einziger Anfang tragen kann, hat Fenja in ihrer Werkstatt erlebt.
Vier Leute haben Anfang 46 gezogen: „Auf dem Kühlschrank klebt …“
Heraus kamen vier Texte ohne ein gemeinsames Thema.
Ein Einkaufszettel, den seit dem Tod der Mutter niemand abgenommen hat.
Ein Kinderbild, das niemand aufgehängt hat und das trotzdem alle verteidigen.
Ein Magnet aus einem Urlaubsort, an dem beide nie waren.
Eine Telefonnummer, deren Besitzer niemand mehr kennt.
Alle vier fangen mit einem Gegenstand an.
Und alle vier handeln von einem Menschen.
Genau diese Bewegung löst ein guter Anfang aus.
Achtung, Behauptungen sind für später.
Sie beantworten zuerst die dritte Frage und lassen offen, wo wir sind und wer spricht.
Ohne Ort und ohne Person schaltet ein Saal schnell ab.
Ziehst du blind eine Behauptung und bist noch unsicher, darfst du einmal neu ziehen.
Das ist die einzige erlaubte Ausnahme.
Anweisungen bringen eine fertige Form mit.
Die Spannung zwischen nüchterner Form und persönlichem Inhalt arbeitet von allein.
Ein Beipackzettel über Liebeskummer ist ein alter Trick.
Und funktioniert trotzdem jedes Mal.
Bonus: Mit dieser Strecke kannst du auch über schwere Dinge schreiben, ohne pathetisch zu werden.
Die nüchterne Form hält den Text unten.

Strecke 7 und 8: Orte und Fragen
Orte beantworten die ersten beiden Fragen sofort.
Sie sind die sichersten Anfänge.
Und deshalb auch die unauffälligsten.
Die Fragen stehen am Schluss, weil sie am riskantesten sind.
Sie funktionieren großartig oder gar nicht.
Klingt die Frage rhetorisch, schaltet der Saal ab.
Sie funktioniert nur, wenn du die Antwort selbst nicht kennst.
Das hört man an der Stimme.
Und deshalb kann man es nicht spielen.
Vier Arten, das Kursbuch zu benutzen
Vier Verfahren
Augen zu, Finger aufs Kursbuch, den Anfang darunter nehmen.
Einer wird der erste Satz, der andere der letzte. Dazwischen muss etwas passieren, das beide verbindet.
Fünf Fortsetzungen zu einer Zeile, je zwei Minuten. Ab der dritten wird es interessant.
Ausdrucken, in Streifen schneiden, in eine Dose. Ziehen, schreiben, nicht diskutieren.
Das vierte Verfahren klingt nach Bastelstunde.
Und ist trotzdem das beste.
Weil es die Entscheidung vollständig aus deinem Kopf nimmt.
Genau dieses Prinzip haben zwei Männer in den Siebzigern berühmt gemacht.
1975 veröffentlichten der Musiker Brian Eno und der Maler Peter Schmidt ein Kartenset namens „Oblique Strategies“.
Auf jeder Karte steht ein knapper, oft rätselhafter Satz, der nichts erklärt und keine Lösung anbietet.
Wer im Studio feststeckt, zieht eine Karte und befolgt sie.
Die Idee dahinter: Unter Druck greift man immer auf dieselben Gewohnheiten zurück.
Eine fremde Vorgabe unterbricht genau diesen Reflex.
Achte darauf, wie Eno über Gewohnheiten spricht.
Der Unterschied zu diesem Kursbuch ist nur die Ebene.
Eno unterbricht die Arbeitsweise.
Diese Anfänge unterbrechen den ersten Satz.
Hier geht es um die Geschichte des Kartensets.
Achte darauf, welche Karte dich selbst am meisten ärgern würde.
Genau die solltest du einmal befolgen.
Die andere Richtung: eigene Regeln
Der Wetteranfang
„Es regnete an diesem Tag …“
Sagt dem Saal, dass es noch dauert, bis etwas passiert.
Der Definitionsanfang
„Liebe ist, wenn …“
Den hat der Saal an einem Abend oft schon gehört.
Der Ankündigungsanfang
„Ich möchte heute über etwas sprechen, das …“
Eine ganze Zeile dafür, dass gleich etwas kommt.
Drei Abfahrten fehlen in diesem Kursbuch mit Absicht.
Der Schriftsteller Elmore Leonard hat das Wetter sogar zur ersten seiner zehn Schreibregeln gemacht: nie mit dem Wetter anfangen.
Solche Regeln kannst du dir auch selbst geben.
Das ist der zweite Weg, sich in Gang zu setzen, und er geht genau andersherum.
Jack Kerouac hat das vorgemacht.
1959 erschien in der Zeitschrift Evergreen Review seine Liste „Belief and Technique for Modern Prose“, dreißig knappe Punkte, die er für sich notiert hatte.
Sein Verfahren nannte er spontane Prosa: schreiben, ohne anzuhalten und ohne zurückzugehen.
Die erste Fassung von „On the Road“ tippte er 1951 auf eine lange Papierrolle, damit er zum Blattwechsel nicht anhalten musste.
Die Rolle ist erhalten und wurde 2001 versteigert.
Zwischen Eno und Kerouac liegt der ganze Raum, in dem du arbeiten kannst.
Der eine lässt sich von außen unterbrechen, der andere setzt sich selbst unter Regeln.
Beide lösen dasselbe Problem: die Lähmung vor dem ersten Satz.
„Aber dann ist es doch nicht mein eigener Text!“
Doch.
Alle einhundertelf Zeilen sind unvollständig.
Was nach den Pünktchen kommt, kann dir niemand vorgeben.
„Mein Vater hat nie …“ führt bei zwanzig Leuten zu zwanzig völlig verschiedenen Texten.
Und meistens streichst du den geliehenen Anfang am Ende sowieso.
Also merke: Ein Anfang muss nicht gut sein.
Er muss nur verhindern, dass du weiter auf einen guten wartest.
Trägt der Anfang? Drei Zeichen nach zwei Minuten
Kontrolle nach zwei Minuten
Tempo entsteht, wenn du weiterweißt.
Solange nur du vorkommst, ist es ein Tagebucheintrag. Ab der zweiten Person entsteht Spannung.
Begründet dein dritter Satz, warum der erste dasteht, war es der falsche. Weglegen, neu ziehen: Das kostet zehn Sekunden und spart eine halbe Stunde.
Nicht jeder gezogene Anfang funktioniert.
Manche führen nach zwei Minuten in eine Sackgasse.
Das ist kein Problem, solange du es rechtzeitig merkst.
Weglegen fühlt sich am Anfang nach Scheitern an.
Ist es nicht.
Es ist Sortieren.
Noch ein Zusammenhang, den man erst sieht, wenn ihn jemand zeigt.
Ein Publikum erinnert sich vor allem an Anfang und Ende.
Deshalb nimmt der stärkste Schluss fast immer den Anfang noch einmal auf.
Verändert.
Fängt dein Text mit einem Kühlschrank an, steht am Ende wieder ein Kühlschrank.
Nur nicht derselbe.
Mit der Zeit wirst du Lieblingsstrecken haben.
Das ist ein gutes Zeichen, denn du entwickelst eine Handschrift.
Aber hier kommt der Haken: Nimm ab und zu bewusst eine andere Strecke.
Sonst wird aus der Handschrift eine Masche.
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Gesehen: Bilder aus deinem Alltag, als halber Satz.
Gefragt: Fragen, auf die du selbst keine Antwort hast.
Zum Ausdrucken: Seite drucken, diese Tafel ausschneiden, ins Notizbuch kleben.
Diese einhundertelf sind ein Anfang, im doppelten Sinn.
Das eigentliche Werkzeug entsteht, wenn du eigene dazuschreibst.
Trag pro Woche drei Zeilen ein, eine pro Spalte.
Nach einem Jahr hast du ein eigenes Kursbuch mit weit über hundert Abfahrten.
Und dieses Kursbuch schlägt jede Liste im Netz.
Weil es aus Material besteht, das nur du gesehen und gehört hast.
Das Schönste daran passiert nebenbei.
Wer ein paar Wochen mit fremden Anfängen arbeitet, fängt an, im Alltag eigene zu sammeln.
Ein halber Satz in der Bahn.
Ein Zettel an einer Laterne.
Ab dem Moment brauchst du keine Liste mehr, nur noch ein Notizbuch.
„Merkt das Publikum, dass der Anfang geliehen ist?“
Nein.
Nach dem dritten Satz ist von der Vorgabe nichts mehr übrig.
„Und wenn mir nach drei Zeilen wieder nichts einfällt?“
Dann zieh einen zweiten Anfang und schreib ihn mitten hinein, ohne Übergang.
Der Bruch zwingt dich, eine Verbindung zu finden.
Genau daraus entstehen Stellen, die du dir vorher nie hättest ausdenken können.
„Darf ich einen Anfang zweimal benutzen?“
Unbedingt, am besten mit einem halben Jahr Abstand.
Du siehst dabei, was sich in dir verändert hat.
Und Jupp?
Jupps Streifen · blind gezogen
Was hätte ich sagen sollen, als …
Zurück in Raum 2.
Jupp hat den Streifen umgedreht.
Nummer 104.
Er schreibt vier Minuten lang.
Dann legt er den Stift hin, steht auf und geht raus auf den Flur.
Fenja sieht durch die Glastür, dass er telefoniert.
Lange.
Als er zurückkommt, setzt er sich wieder in die letzte Reihe.
„Mein Bruder“, sagt er.
„Wir haben elf Jahre nicht geredet.“
„Ich wusste die Antwort, sobald der Satz auf dem Papier stand.“
Am nächsten Dienstag bringt Jupp zum ersten Mal eine ganze Seite mit.
Sie fängt nicht mehr mit Nummer 104 an.
Den Anfang hat er gestrichen.
Er hatte seine Arbeit getan.
Deshalb bleibt diese Zeile im Kursbuch, auch wenn sie manchmal mehr auslöst als einen Text.
Sie zeigt, was ein halber Satz kann.
Kein Bullshit: Dein Problem ist fast nie ein Mangel an Ideen.
Fast jeder hat mehr Material, als er in Jahren verarbeiten könnte.
Das Problem ist der Startvorgang.
Ein Zug mit vollem Tank und ohne Signal steht genauso still wie einer ohne Tank.
Dein Auftrag für diese Woche?
Zieh drei Anfänge, ohne zu schauen, aus drei verschiedenen Strecken.
Schreib zu jedem zehn Minuten weiter, ohne anzuhalten und ohne zu korrigieren.
Oft ist danach einer Ausschuss, einer brauchbar, und einer überrascht dich.
Genau deshalb nimmst du drei und nicht einen.
Und speicher dir diesen Beitrag so, dass du ihn in dreißig Sekunden wiederfindest.
Denn der Moment, in dem du so ein Kursbuch brauchst, ist immer derselbe.
Zwanzig Minuten, ein leeres Blatt, keine Lust auf Suchen.
