Kein Zug fährt los, weil der Lokführer Lust hat. Er fährt los, weil ein Signal auf Fahrt geht.
Die meisten Leute warten beim Schreiben auf ein Gefühl.
Auf Inspiration, auf einen Einfall, auf diesen Moment, in dem man weiß, worum es gehen soll.
Dieser Moment kommt manchmal. Er kommt nur leider nicht dann, wenn man Zeit hat.
Deshalb gibt es dieses Signal hier. Einhundertelf Anfänge, die du benutzen kannst, ohne vorher zu wissen, wohin die Fahrt geht.
Von diesen einhundertelf Anfängen ist einer dabei, den ich in Workshops nie ausgebe, ohne vorher zu warnen.
Er hat bei einer Teilnehmerin einmal dazu geführt, dass sie mitten im Schreiben aufgestanden und telefonieren gegangen ist.
Welcher es ist, steht weiter unten — und warum ich ihn trotzdem in der Liste gelassen habe.
Das Prinzip ist simpel: Du nimmst einen Anfang, schreibst ihn ab und schreibst weiter, ohne nachzudenken.
Nach vier Zeilen merkst du meistens gar nicht mehr, dass der Anfang nicht von dir war.
Bevor die Liste losgeht, noch der Hinweis, wofür sie ausdrücklich nicht gedacht ist.
Sie ist keine Themensammlung. Kein einziger dieser Anfänge sagt dir, worüber du schreiben sollst.
Das ist der Unterschied zu Schreibaufgaben, die ein Thema vorgeben — und der Grund, warum diese Liste auch dann funktioniert, wenn du eigentlich schon weißt, wovon dein Text handeln soll.
Ein Anfang ist eine Tür, kein Ziel. Er entscheidet, durch welche Öffnung du in den Raum kommst, nicht was in dem Raum steht.
Deshalb kannst du dieselbe Geschichte mit vierzehn verschiedenen Anfängen aus dieser Liste erzählen und bekommst vierzehn verschiedene Texte.

In den meisten Fällen streichst du die erste Zeile am Ende wieder — genau wie die erste Strophe, die man immer streichen sollte.
Und noch etwas: Sie funktionieren am besten, wenn man sie nicht aussucht. Deck sie ab, tipp blind auf eine Zeile und nimm die.
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Jetzt Kanal folgenAnfänge 1–14 · Mit einem Menschen
Vierzehn Anfänge mit Menschen — und warum der Saal sich an sie hängt
Die verlässlichste Gruppe, weil ein Publikum sich sofort an Personen hängt.
Zum Ausprobieren empfehle ich, mit Gruppe 4 anzufangen — den Gegenständen.
Sie ist die zugänglichste von allen, weil jeder Mensch eine Wohnung voller Dinge hat, die dort aus einem Grund liegen.
Gruppe 5 und 8 sind dagegen für später. Behauptungen und Fragen brauchen etwas Übung, sonst kippen sie schnell ins Predigen.
Wenn du also blind ziehst und eine Behauptung erwischst, darfst du ausnahmsweise noch einmal ziehen. Das ist die einzige erlaubte Ausnahme von der Blind-Regel.
Diese Gruppe ist auch die einzige, bei der ich empfehle, den Anfang manchmal stehen zu lassen.
Ein Text, der mit einem konkreten Menschen beginnt und mit demselben Menschen endet, hat automatisch eine Form. Man muss dafür nichts weiter tun.
Bei allen anderen Gruppen streicht man den geliehenen Anfang am Ende fast immer.
Und noch ein Wort zu den Auslassungszeichen hinter jeder Zeile: Sie sind Absicht. Kein einziger dieser Anfänge ist ein vollständiger Satz.
Das ist die wichtigste Konstruktionsentscheidung der ganzen Liste. Ein halber Satz zieht dich weiter, ein ganzer lässt dich stehen.
2. Sie war die Erste, die …
3. Der Mann im Zug hatte …
4. Meine Nachbarin sagt immer …
5. Es gibt einen Menschen, der …
6. Als ich zwölf war, kannte ich jemanden, der …
7. Er hat mir das nie erzählt, aber …
8. Die Frau an der Kasse hat …
9. Ich habe einmal eine Person getroffen, die …
10. Meine Mutter räumt auf, wenn …
11. Es war der Kollege, der …
12. Sie hat aufgehört, bevor …
13. Der Junge von gegenüber …
14. Wir haben uns geduzt, seit …
Anfänge 15–28 · Mit einem Geräusch
Vierzehn Geräusche, die den Saal in einer Sekunde in den Raum stellen
16. Man hört in dieser Wohnung immer …
17. Das Erste, was ich morgens höre, ist …
18. Es hat geklopft, und …
19. Der Kühlschrank ist das lauteste Gerät in …
20. Sie hat den Fernseher angelassen, weil …
21. Als der Zug einfuhr, war …
22. Zwischen zwei Durchsagen liegt …
23. Das Handy hat vibriert, während …
24. In der Stille danach hörte man …
25. Es gibt ein Geräusch, das ich nicht mehr …
26. Der Regen auf dem Vordach klang wie …
27. Jemand hat gelacht, und dann …
28. Ich habe die Tür zugemacht, damit …

Anfänge 29–42 · Mit einer Zahl
Weil Zahlen konkret machen
30. Dreimal habe ich versucht, …
31. Sieben Jahre lang stand …
32. Zwischen uns lagen zwei Stationen und …
33. Der Zettel lag da seit …
34. Ich war der Vierte in der Schlange, als …
35. Es kostete elf Euro und …
36. Nach dem dritten Anruf …
37. Wir haben fünfzehn Kilometer gebraucht, um …
38. Zwei Wochen später stand …
39. Es gab genau einen Abend, an dem …
40. Von hundert Leuten haben drei …
41. Um Viertel nach sechs ist …
42. Der Zug hatte achtzehn Minuten, und …
Anfänge 43–56 · Mit einem Gegenstand
Dinge tragen Geschichten, ohne dass man sie erklärt
44. Der Mantel hängt seit …
45. Ich habe die Tasse behalten, weil …
46. Auf dem Kühlschrank klebt …
47. Sein Werkzeug liegt immer noch so, wie …
48. Der Schlüssel passt nirgends mehr, aber …
49. Es gibt ein Foto, auf dem …
50. Die Fahrkarte war noch in …
51. Sie hat mir ein Buch geliehen, in dem …
52. Auf dem Tisch stand ein Glas, das …
53. Die Uhr geht vor, seit …
54. In seiner Jackentasche war …
55. Das Radio läuft immer noch auf …
56. Ich habe die Nummer nicht gelöscht, weil …
Anfänge 57–70 · Mit einer Behauptung
Wenn der Text sofort etwas will
58. Niemand sagt einem, dass …
59. Das Schlimmste daran ist nicht …
60. Man kann alles verlieren außer …
61. Ich habe lange geglaubt, dass …
62. Es hätte anders laufen können, wenn …
63. Die meisten Leute halten das für …
64. Niemand hätte gedacht, dass ausgerechnet …
65. Es dauert genau so lange, bis …
66. Man merkt es immer erst, wenn …
67. Das Gegenteil von Angst ist nicht …
68. Es gibt zwei Sorten von …
69. Am Ende bleibt fast nie …
70. Ich habe aufgehört zu glauben, dass …
Anfänge 71–84 · Mit einer Anweisung
Formen, die eine Reihenfolge mitbringen
72. Achten Sie darauf, dass …
73. Bewahren Sie dieses Schreiben auf, falls …
74. Vor Gebrauch bitte …
75. Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit …
76. Gefunden wurde: ein …
77. Zutaten für vier Personen: …
78. Bei Nichtgefallen wenden Sie sich an …
79. Wir bitten um Verständnis, dass …
80. Bitte beachten Sie die folgenden …
81. Ihre Anfrage vom …
82. Nebenwirkungen können sein: …
83. Der Aufenthalt verkürzt sich um …
84. Hiermit kündige ich …

Anfänge 85–98 · Mit einem Ort
Wenn der Saal zuerst ankommen soll
86. Diese Stadt hat genau eine …
87. Am Bahnsteig 3 steht seit Jahren …
88. In der Küche meiner Großmutter …
89. Das Wartezimmer war voll, und …
90. Hinter dem Supermarkt gibt es …
91. Auf dem Parkplatz stand …
92. Der letzte Bus fährt um …
93. In diesem Zimmer wurde nie …
94. Der Weg zur Schule ging vorbei an …
95. Im Zug nach Norden sitzt immer …
96. Vor der Tür lag …
97. An der Bushaltestelle wartet jemand, der …
98. In dieser Wohnung ist es nachts …
Anfänge 99–111 · Mit einer Frage
Dreizehn Fragen — die riskanteste Gruppe, und die einzige, die sofort funktioniert
100. Wer entscheidet eigentlich, ob …
101. Was passiert mit den Dingen, die …
102. Warum sagt niemand, dass …
103. Woran erkennt man, dass jemand …
104. Was hätte ich sagen sollen, als …
105. Wohin gehen Menschen, die …
106. Wann hört man auf, …
107. Wem gehört eigentlich …
108. Was macht man mit einem Menschen, der …
109. Wie oft muss etwas passieren, bis …
110. Was bleibt übrig, wenn …
111. Und wenn doch alles …
Die achte Gruppe ist die riskanteste, deshalb steht sie am Schluss.
Fragen als Textanfang funktionieren großartig oder gar nicht. Wenn die Frage rhetorisch klingt, schaltet der Saal sofort ab.
Sie funktionieren dann, wenn du die Antwort selbst nicht kennst. Das hört man an der Stimme, und deshalb kann man es nicht schauspielern.
Falls du dich fragst, warum ausgerechnet einhundertelf und nicht hundert: Die Zahl kommt aus der Praxis.
Bei rund hundert Anfängen ist die Wahrscheinlichkeit hoch genug, dass beim blinden Ziehen nicht dreimal hintereinander dieselbe Gruppe kommt.
Und die elf darüber sind die Fragen aus Gruppe 8, die ich erst nachträglich aufgenommen habe. Sie funktionieren anders als alle anderen und mussten trotzdem mit rein.
Wer eine runde Zahl braucht, streicht sich einfach elf weg. Es sind ohnehin nur die, die man selbst nie zieht.
Vier Verfahren — und das vierte klingt nach Bastelstunde und ist das beste
Einhundertelf Anfänge sind erst mal nur eine Liste. Diese vier Verfahren machen etwas daraus.
Verfahren eins: blind ziehen. Augen zu, Finger auf den Bildschirm, den nehmen, der darunter liegt.
Das ist wichtiger, als es klingt. Wer aussucht, nimmt immer den Anfang, der zu dem passt, was er ohnehin schreiben wollte.
Verfahren zwei: zwei Anfänge kombinieren. Zieh zwei und benutz den einen als ersten, den anderen als letzten Satz.
Dazwischen muss dann etwas passieren, das beide verbindet. Das ist der schnellste Weg zu einer Textstruktur, den ich kenne.
Verfahren drei: derselbe Anfang, fünfmal. Nimm eine Zeile und schreib fünf verschiedene Fortsetzungen, je zwei Minuten.
Die erste ist immer die naheliegendste. Ab der dritten wird es interessant, und die fünfte hättest du ohne die vier davor nie gefunden.
Verfahren vier: als Kartenset. Druck die Liste aus, schneid sie in Streifen, ab damit in eine Dose.
Das klingt nach Bastelstunde und ist trotzdem das beste Verfahren, weil es die Entscheidung vollständig aus deinem Kopf nimmt.
Genau dieses Prinzip haben zwei Leute in den Siebzigern zu einem der bekanntesten Kreativwerkzeuge überhaupt gemacht.
Der Unterschied zu dieser Liste hier ist nur die Ebene. Eno unterbricht die Arbeitsweise, diese Anfänge unterbrechen den ersten Satz.
Das Prinzip dahinter ist identisch: Eine fremde Vorgabe ist besser als keine, weil sie einen aus der eigenen Gewohnheit hebt.

Dreissig Regeln, die einer für sich selbst aufschrieb
Es gibt eine zweite Art, sich selbst in Gang zu setzen, und die geht genau andersherum.
Statt einer fremden Vorgabe schreibt man sich eigene Regeln auf und hält sich daran.
Zwischen Eno und Kerouac liegt der ganze Raum, in dem man arbeiten kann.
Der eine lässt sich von außen unterbrechen, der andere setzt sich selbst unter Regeln. Beides erledigt dasselbe Problem: die Lähmung vor dem ersten Satz.
Warum ein geliehener Anfang deinen Text nicht fremd macht
Der häufigste Einwand gegen solche Listen lautet, das sei doch nicht der eigene Text.
Ich verstehe den Einwand und halte ihn für falsch, und zwar aus einem sehr praktischen Grund.
Diese einhundertelf Zeilen sind alle unvollständig. Nach jedem steht ein Gedankenstrich, und was danach kommt, kann dir niemand vorgeben.
„Mein Vater hat nie …“ führt bei zwanzig Leuten zu zwanzig vollkommen verschiedenen Texten. Ich habe das in Workshops ausprobiert.
Der Anfang ist die Weiche, nicht die Strecke. Er entscheidet nur, in welche Richtung du losfährst.
Und in den meisten Fällen streichst du ihn am Ende sowieso, weil der Text sich längst einen besseren gesucht hat.
Warum ausgerechnet diese acht Gruppen
Die Einteilung ist nicht dekorativ. Jede Gruppe löst ein anderes Problem, das ein erster Satz haben kann.
Ein Publikum muss in den ersten Sekunden drei Fragen beantwortet bekommen, ohne dass sie gestellt werden.
Wo bin ich? Wer ist da? Und warum sollte mich das interessieren?
Die acht Gruppen beantworten diese Fragen in unterschiedlicher Reihenfolge, und daraus entsteht der Unterschied zwischen ihnen.
Menschen und Orte beantworten die ersten beiden Fragen sofort. Sie sind die sichersten Anfänge und deshalb auch die unauffälligsten.
Geräusche und Gegenstände gehen einen Umweg. Sie liefern erst eine Wahrnehmung und danach die Situation, was den Saal automatisch neugierig macht.
Zahlen sind ein Sonderfall. Sie behaupten Genauigkeit, und Genauigkeit klingt nach Wahrheit, auch wenn die Zahl erfunden ist.
Deshalb wirkt „Es waren vierzehn Minuten“ stärker als „Es hat lange gedauert“, obwohl beides dasselbe sagt.
Behauptungen beantworten zuerst die dritte Frage und lassen die ersten beiden offen. Das ist riskant, weil ein Saal ohne Ort und ohne Person schnell abschaltet.
Wenn du mit einer Behauptung anfängst, musst du spätestens im dritten Satz nachliefern, wo wir sind und wer spricht.
Anweisungen bringen eine fertige Form mit. Sie sind der beste Trick für komische Texte, weil die Spannung zwischen nüchterner Form und persönlichem Inhalt von allein arbeitet.
Ein Beipackzettel über Liebeskummer ist ein alter Trick und funktioniert trotzdem jedes Mal.
Fragen schließlich beantworten gar nichts, sondern öffnen. Das ist die stärkste und die gefährlichste Bewegung von allen.
Drei Anfänge, die du nie benutzen solltest
Es gibt drei Sorten Textanfang, die in dieser Liste bewusst fehlen. Sie tauchen trotzdem auf jeder offenen Bühne mehrfach pro Abend auf.
Der Wetteranfang. „Es regnete an diesem Tag“ oder „Die Sonne ging unter, als …“
Elmore Leonard hat das zur ersten seiner zehn Regeln gemacht, und er hatte recht. Wetter am Anfang sagt einem Saal, dass es noch dauert, bis etwas passiert.
Der Definitionsanfang. „Liebe ist, wenn …“ oder „Heimat bedeutet …“
Das Problem ist nicht die Definition, sondern dass der Saal sie schon dreimal gehört hat. Bei diesen Eröffnungen kann man im Publikum sehen, wie Leute sich zurücklehnen.
Der Ankündigungsanfang. „Ich möchte heute über etwas sprechen, das …“
Der ist der schlimmste von allen, weil er eine ganze Zeile dafür verbraucht anzukündigen, dass gleich etwas kommt.
Ein Zug fährt auch nicht mit der Durchsage los, dass er gleich losfährt. Er fährt einfach.
Es kamen sechzehn Texte heraus, die nicht die geringste Ähnlichkeit hatten. Zwei waren komisch, drei traurig, einer war eine Beschwerde an ein Verkehrsunternehmen.
Der Anfang war bei allen identisch und stand am Ende bei keinem mehr drin. Er hatte seine Arbeit getan und war verschwunden.
Was aus Anfang 46 geworden ist
Ein Beispiel, weil abstrakte Erklärungen bei Textanfängen wenig taugen.
Anfang 46 lautet: „Auf dem Kühlschrank klebt …“
Ich habe diese Zeile in vier verschiedenen Gruppen ausgegeben, insgesamt bei ungefähr fünfzig Leuten.
Herausgekommen sind unter anderem: ein Text über einen Einkaufszettel, den seit dem Tod der Mutter niemand abgenommen hat.
Ein Text über ein Kinderbild in einer WG, das niemand aufgehängt hat und das trotzdem alle verteidigen.
Ein Text über einen Magneten aus einem Urlaubsort, in dem beide nie waren.
Und ein Text über eine Notiz mit einer Telefonnummer, deren Besitzer niemand mehr kennt.
Vier Texte, ein Anfang, kein einziges gemeinsames Thema.
Was sie verbindet, ist etwas anderes: Alle vier fangen mit einem Gegenstand an und handeln von einem Menschen. Genau das ist die Bewegung, die ein guter Anfang auslöst.
Die drei Zeichen, an denen du nach zwei Minuten erkennst, ob der Anfang trägt
Nicht jeder gezogene Anfang funktioniert. Ungefähr jeder dritte führt nach zwei Minuten in eine Sackgasse.
Das ist kein Problem, solange man es rechtzeitig merkt. Diese drei Zeichen sind zuverlässig.
Gutes Zeichen: Du schreibst schneller als sonst. Wenn die Hand mitkommen muss, ist der Anfang der richtige gewesen.
Das ist kein romantischer Gedanke, sondern eine ziemlich zuverlässige Messung. Tempo entsteht, wenn man weiterweiß.
Gutes Zeichen: Es taucht eine zweite Person auf. Fast alle guten Texte bekommen irgendwann jemanden dazu.
Solange in einem Text nur du vorkommst, ist es ein Tagebucheintrag. Sobald ein Zweiter da ist, entsteht eine Spannung.
Schlechtes Zeichen: Du erklärst den Anfang. Wenn Satz drei begründet, warum Satz eins dasteht, war es der falsche.
Dann leg ihn weg und zieh einen neuen. Das kostet zehn Sekunden und spart eine halbe Stunde.
Ich lege inzwischen ungefähr die Hälfte aller Anfänge nach zwei Minuten wieder weg. Das fühlte sich am Anfang nach Scheitern an und ist einfach nur Sortieren.
Der erste Satz gehört zum letzten
Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Stellen, den man erst sieht, wenn jemand ihn zeigt.
Ein Publikum erinnert sich vor allem an den Anfang und das Ende. Was dazwischen liegt, verschwimmt schon auf dem Heimweg.
Deshalb ist der stärkste Schluss fast immer einer, der den Anfang noch einmal aufnimmt — verändert.
Wenn dein Text mit einem Kühlschrank anfängt, soll am Ende noch einmal ein Kühlschrank stehen. Nur nicht derselbe.
Das ist der einzige Grund, warum sich ein Anfang aus dieser Liste manchmal doch lohnt zu behalten: Er gibt dir den Schluss gleich mit.
Ein Saal merkt so einen Bogen, ohne ihn zu benennen. Es fühlt sich einfach an, als sei der Text fertig geworden statt zu Ende gegangen.
Die Anfänge, zu denen ich immer wieder zurückkomme
Nach einigen Jahren hat jeder seine Lieblingsformen. Meine sind diese fünf, und sie sagen ziemlich viel über mich aus.
Der Gegenstand mit Geschichte. Nummer 43 bis 56 aus dieser Liste, meine mit Abstand meistgenutzte Gruppe.
Ein Ding im Raum nimmt mir die Entscheidung ab, wie viel ich preisgeben will. Der Gegenstand redet, und ich muss nur danebenstehen.
Der Zeitpunkt. „Um Viertel nach sechs ist …“ und alles, was mit einer Uhrzeit anfängt.
Uhrzeiten schaffen sofort einen Alltag, und Alltag ist der Boden, auf dem alles andere stehen kann.
Der wiederholte Satz. „Meine Nachbarin sagt immer …“
Etwas, das jemand immer sagt, charakterisiert diese Person in einer Zeile. Man braucht keinen einzigen beschreibenden Satz mehr.
Die Verneinung. „Mein Vater hat nie …“
Was jemand nicht getan hat, ist fast immer interessanter als das, was er getan hat. Und es erzeugt sofort eine Erwartung.
Die Amtsform. Die ganze Gruppe 6, besonders die Beschwerde und die Verlustmeldung.
Das ist der einzige Trick, mit dem ich über wirklich schwere Sachen schreiben kann, ohne dass es pathetisch wird. Die nüchterne Form hält den Text unten.
Wenn du merkst, dass du auch so eine Handvoll hast, ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass du eine Handschrift entwickelst.
Und es bedeutet gleichzeitig, dass du ab und zu bewusst eine andere Gruppe nehmen solltest. Sonst wird aus der Handschrift eine Masche.
Wie du dir daraus dein eigenes Set baust
Diese einhundertelf sind ein Anfang, im doppelten Sinn. Das eigentliche Werkzeug entsteht, wenn du eigene dazuschreibst.
Die Vorlage dafür hat drei Spalten und passt auf ein Blatt.
| Spalte | Was hineinkommt |
|---|---|
| Gehört | Sätze, die echte Menschen gesagt haben. Wörtlich, mit Fehlern. |
| Gesehen | Bilder aus deinem Alltag, als halber Satz notiert. |
| Gefragt | Fragen, auf die du selbst keine Antwort hast. |
Trag pro Woche drei Zeilen ein, eine pro Spalte. Nach einem Jahr hast du dein eigenes Set mit ungefähr hundertfünfzig Anfängen.
Und dieses Set ist der Liste hier in einem Punkt haushoch überlegen: Es besteht aus Material, das nur du gesehen und gehört hast.
Es gibt einen Nebeneffekt dieser Liste, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Wer ein paar Wochen lang mit fremden Anfängen arbeitet, fängt an, im Alltag welche zu sammeln.
Man hört in der Bahn einen halben Satz und denkt: Das wäre ein Anfang. Man sieht einen Zettel an einer Laterne und denkt dasselbe.
Das ist eine Veränderung der Aufmerksamkeit, und sie ist wertvoller als alle einhundertelf Zeilen zusammen.
Denn ab dem Moment brauchst du keine Liste mehr, sondern nur noch ein Notizbuch.
Was mich dazu gefragt wird
Was ein Publikum sehr wohl merkt, ist ein Text, der zu lange braucht, bis er anfängt. Das Risiko liegt also auf der anderen Seite.
Das klingt nach Unsinn und funktioniert erstaunlich oft. Der Bruch zwingt dich, eine Verbindung zu finden — und genau daraus entstehen die Stellen, die man sich vorher nicht ausdenken konnte.
Denselben Anfang in einem Abstand von einem halben Jahr zweimal zu benutzen, ist eine der ehrlichsten Standortbestimmungen überhaupt. Du siehst dabei, was sich in dir verändert hat — und nebenbei, was sich an deinem Schreiben verändert hat.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Drei Zeilen, drei Fortsetzungen
Zieh dir drei Anfänge aus dieser Liste, ohne zu schauen. Aus drei verschiedenen Gruppen.
Schreib zu jedem zehn Minuten weiter, ohne anzuhalten und ohne zu korrigieren.
Das ist eine halbe Stunde, und du hast danach drei Textanfänge, die es vorher nicht gab.
Erfahrungsgemäß ist einer davon Ausschuss, einer brauchbar und einer überrascht dich.
Diese Quote ist erstaunlich stabil, egal wie erfahren jemand ist. Sie ist auch der Grund, warum man immer drei nimmt und nicht einen.

Zum Schluss noch der Gedanke, aus dem dieser Beitrag entstanden ist.
Ich habe jahrelang geglaubt, das Problem beim Schreiben sei der Mangel an Ideen.
Das stimmt fast nie. Fast jeder hat mehr Material, als er in fünf Jahren verarbeiten könnte.
Das Problem ist der Startvorgang. Ein Zug mit vollem Tank und ohne Signal steht genauso still wie einer ohne Tank.
Deshalb diese einhundertelf. Sie liefern keine Ideen, sie stellen nur das Signal auf Fahrt.
Eine letzte praktische Sache, die den Unterschied macht zwischen einer Liste, die man einmal liest, und einer, die man benutzt.
Speicher dir diesen Beitrag so ab, dass du ihn in dreißig Sekunden wiederfindest. Lesezeichen, Startbildschirm, ausgedruckt neben dem Schreibtisch — egal wie.
Der Moment, in dem man so eine Liste braucht, ist nämlich immer derselbe: Man hat zwanzig Minuten, ein leeres Blatt und keine Lust auf Suchen.
Wer dann erst danach suchen muss, macht stattdessen etwas anderes. Das ist keine Charakterfrage, sondern eine Frage von drei Klicks.
Ich habe meine eigene Sammlung deshalb auf einem Zettel im Notizbuch, ganz vorne, mit Eselsohr.
Das ist unelegant und funktioniert seit Jahren besser als jede App, die ich ausprobiert habe.
Und wenn du irgendwann feststellst, dass du deine eigenen Anfänge nicht mehr aus einer Liste holst, sondern aus dem, was dir am Vortag aufgefallen ist: Dann brauchst du diesen Beitrag nicht mehr.
Das ist ausdrücklich das Ziel. Ein Abfahrsignal steht ja auch nicht mitten auf der Strecke, sondern nur am Anfang.

Bleibt der Anfang, vor dem ich am Anfang gewarnt habe.
Es ist Nummer 104: „Was hätte ich sagen sollen, als …“
Die Teilnehmerin hat nach vier Minuten den Stift hingelegt, ist rausgegangen und hat ihre Schwester angerufen, mit der sie zwei Jahre nicht gesprochen hatte.
Sie kam zurück und sagte, sie habe die Antwort gewusst, sobald der Satz auf dem Papier stand.
Deshalb steht dieser Anfang immer noch in der Liste. Er ist der einzige, bei dem ich gesehen habe, dass ein halber Satz etwas verändert, das nichts mit Texten zu tun hat.
Schreibprompts — ganze Themen statt einzelner Zeilen.
43 Schreibtricks für Slam-Texte — wie es nach dem Anfang weitergeht.
Schreibroutinen — damit du gar nicht erst vor dem leeren Blatt sitzt.
Metaphern bauen — für die Zeilen, die nach dem Anfang kommen.
Das Textarchiv — wohin mit den Anfängen, die noch keinen Text haben.
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