Der Wartesaal-Text: Geschichten, die am Bahnhof herumstehen
Siebzig Minuten Umstieg in Hamm. Und eine Frau, die alle zwei Minuten auf einen Zettel schaut.
Sie stand am Ende des Bahnsteigs, neben einem Koffer, der zu groß war für ein Wochenende.
Alle zwei Minuten faltete sie einen Zettel auf, las ihn und faltete ihn wieder zusammen.
Ich hatte nach zwanzig Minuten ihre komplette Geschichte im Kopf.
Zusammengereimt aus drei Details und sehr viel Selbstbewusstsein.
Sie war unterwegs zu jemandem, den sie lange nicht gesehen hatte. Auf dem Zettel stand eine Adresse. Sie hatte Angst vor der Ankunft.
Das war alles falsch, wie sich später herausstellte.
Erstens war es falsch. Zweitens war es nicht einmal knapp daneben.
Dieser Beitrag handelt davon, wie man am Bahnhof Material findet, das trägt.
Und davon, warum Bahnhof Geschichten schreiben zu neunzig Prozent aus genauem Hinsehen besteht und zu zehn Prozent aus Erfinden. Nicht umgekehrt.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er besteht aus zwei Zeilen im Notizbuch.
Denn wer am Bahnhof Geschichten schreiben will, braucht keine Fantasie. Er braucht ein Notizbuch und Geduld.
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Jetzt Kanal folgenEs gibt kaum einen Ort, an dem so viele Menschen so lange nichts tun.
Und genau darin liegt der Wert.
Deshalb lässt sich fast nirgends so gut Bahnhof Geschichten schreiben wie in einer Wartehalle.
Die vier Eigenschaften eines Bahnhofs
Erstens: Alle warten. Wartende Menschen sind unbewachter als beschäftigte, weil sie ihre Haltung nicht dauernd kontrollieren.
Zweitens: Alle sind zwischen zwei Orten. Niemand ist angekommen, niemand ist noch zu Hause. Das ist ein Zustand, in dem Menschen sich anders verhalten als sonst.
Außerdem rechnet in diesem Zustand niemand damit, beobachtet zu werden. Genau deshalb gehört dazu auch eine Verantwortung, und darum geht es später in Kapitel sieben.
Drittens: Es gibt Abschied und Ankunft in derselben Halle. Die beiden emotionalsten Situationen des Alltags finden dort im Abstand von zwanzig Metern statt.
Und viertens: Es ist öffentlich. Du fällst nicht auf, weil alle sich umschauen und weil niemand einen Grund braucht, dort zu sitzen.
Zusammen ergeben diese vier Punkte die beste Arbeitsumgebung, die es umsonst gibt.
Wer erwartet, dort eine fertige Handlung zu finden, geht enttäuscht nach Hause. Wer nach einem Detail sucht, das nicht aufgeht, findet in jeder Stunde mehrere.
Am 18. Oktober 1974 setzte sich ein französischer Schriftsteller in ein Café an der Place Saint-Sulpice in Paris.
Er blieb drei Tage. Am 18., 19. und 20. Oktober, zu verschiedenen Tageszeiten.
Zuerst an einem Fenster, danach an einem anderen.
Und er schrieb auf, was er sah.
Damit hat er das Verfahren erfunden, mit dem sich bis heute am Bahnhof Geschichten schreiben lassen.
Was genau er aufschrieb
Nicht die Kirche. Nicht die Architektur. Nicht das, was in Reiseführern steht.
Sondern Busse, Hunde, Passanten, Tauben, die plötzlich alle gleichzeitig auffliegen, das Licht, das sich verändert, eine Hochzeit und später eine Beerdigung.
Erstens war das mühsam. Zweitens ist genau daraus ein Klassiker geworden.
Georges Perec nannte das, wonach er suchte, das Infra-Ordinäre. Also alles, was unterhalb des Bemerkenswerten liegt.
Was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken.Georges Perec · sinngemäß übersetzt
Herausgekommen sind rund sechzig Seiten, die 1975 zuerst in einer Zeitschrift erschienen und heute als Klassiker gelten.
Damit hat er das Verfahren begründet, mit dem sich bis heute am Bahnhof Geschichten schreiben lassen.
Warum das für dich wichtig ist
Weil Perec das Gegenteil von dem gemacht hat, was die meisten machen.
Er hat nicht gewartet, bis etwas Interessantes passiert. Er hat aufgeschrieben, was ohnehin die ganze Zeit passiert.
Genau das ist die Grundhaltung, mit der man am Bahnhof Geschichten schreiben kann. Nicht auf das Ereignis warten, sondern das Übliche notieren.
Der ehrliche Haken
Das Buch ist für viele Leserinnen und Leser eine Zumutung.
Es gibt zahlreiche Rückmeldungen von Menschen, die es nach zwanzig Seiten frustriert weggelegt haben, weil es eben genau das ist: eine Liste.
Und schon der Titel gibt zu, dass es nicht funktioniert. Es ist ein Versuch der Erschöpfung. Ein Ort lässt sich nicht erschöpfen, und Perec wusste das.
Eine reine Liste ist noch kein Bühnentext. Aber ohne die Liste hast du nichts, woraus du einen bauen könntest. Perec liefert den ersten Schritt, nicht den letzten.
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Erste Zeile: nur Sichtbares. Keine Deutung, keine Gefühle, keine Vermutung.
Zweite Zeile: die eine Frage, die du nicht beantworten kannst.
Die erste Zeile ist das Material. Die zweite Zeile ist der Text.
Das war es. Zwei Zeilen, zwanzig Sekunden.
Damit wird aus Warten unmittelbar Arbeit.
Warum die zweite Zeile alles verändert
Weil eine Beobachtung allein noch keine Geschichte ist.
Ein Mann isst am Bahnsteig eine Suppe aus einer Thermoskanne. Das ist ein Bild, und nach zwei Sekunden ist es vorbei.
Danach steht es im Notizbuch und ist trotzdem noch keine Geschichte.
Die Frage macht daraus etwas anderes: Wer hat ihm diese Suppe eingefüllt?
Plötzlich gibt es eine zweite Person, eine Küche, einen Morgen und eine Beziehung. Und du hast keine davon gesehen.
Genau das meint Bahnhof Geschichten schreiben: Du siehst wenig und erfindest den Rest.
Die Regel für die erste Zeile
Nur was eine Kamera aufzeichnen könnte.
Das klingt streng und ist in Wahrheit eine enorme Erleichterung, weil du dann nichts mehr entscheiden musst.
Nicht: Sie wirkte nervös. Sondern: Sie faltete den Zettel siebenmal auf und wieder zu.
Der zweite Satz ist überprüfbar, konkret und in einem Text hundertmal stärker. Der erste ist bereits eine Deutung, und Deutungen sind billig.
Deshalb steht in der ersten Zeile niemals ein Gefühl. Nur Bewegung, Gegenstand, Anzahl.
Die Regel für die zweite Zeile
Genau eine Frage, nicht drei.
Wer drei Fragen notiert, hat sich nicht entschieden und wird später keine davon beantworten.
Deshalb lohnt sich hier die Beschränkung mehr als überall sonst.
Und die Frage soll offen sein. Nicht: Ob sie wohl nervös war? Sondern: Wer wartet am anderen Ende?
Zusammengenommen ist das der ganze Griff, mit dem du am Bahnhof Geschichten schreiben kannst.
Zwei Zeilen pro Beobachtung sind machbar. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör.
So sieht das in der Praxis aus.
Sechs echte Beobachtungen aus meinem Notizbuch, jeweils mit der einen Frage dazu.
Zuerst also die Fundstücke, danach die Technik dahinter.
Drei Fundstücke, die mit einer Bewegung anfangen
Drei Fundstücke mit Menschen
Es gibt keine Streitszene, keinen dramatischen Abschied, keine Verfolgungsjagd. Alle sechs sind Kleinigkeiten, die niemand fotografiert. Genau deshalb kann man daraus etwas bauen, das noch nicht jeder gesehen hat.
Beobachten klingt nach einer Fähigkeit, die man hat oder nicht hat.
Erstens stimmt das nicht. Zweitens lässt sich jeder der vier Handgriffe an einem einzigen Abend üben.
Tatsächlich ist es eine Frage von vier ziemlich banalen Handgriffen.
Denn Bahnhof Geschichten schreiben ist zu neun Zehnteln eine Sehübung.
Vier Handgriffe, die den Unterschied machen
Such nach dem, was nicht passt
Achte auf Hände statt auf Gesichter
Notier die Wiederholung
Beschreib den Ton, nicht den Inhalt
Der häufigste Anfängerfehler
Zu große Szenen aufschreiben.
Ein Streit am Schalter ist verlockend und in Wahrheit unbrauchbar, weil er schon fertig ist. Es gibt nichts mehr zu erfinden.
Erstens ist er zu laut. Zweitens erzählt er sich bereits selbst.
Der einzelne Kinderschuh dagegen ist unfertig. Und Unfertiges ist Material.
Kurz gesagt: Beim Bahnhof-Geschichten-Schreiben suchst du Lücken und keine Szenen.
Jetzt kommt der Einwand gegen alles, was bisher stand.
Und er kommt von jemandem, der es wissen muss.
Denn wer am Bahnhof Geschichten schreiben will, sollte wissen, was eine Notiz nicht leisten kann.
1966 schrieb Joan Didion einen Aufsatz darüber, warum sie ein Notizbuch führt. Er erschien zwei Jahre später in ihrem Band Slouching Towards Bethlehem.
Was sie feststellt
Sinngemäß: Der Sinn ihres Notizbuchs sei nie gewesen, eine zutreffende Aufzeichnung dessen zu liefern, was sie getan oder gedacht hat.
Sie beschreibt einen Eintrag aus einem alten Heft, der nur aus vier Stichworten besteht. Einkaufen, an einem Text getippt, Abendessen mit E., niedergeschlagen.
Und dann steht sie davor und weiß nichts mehr. Einkaufen was? Welcher Text? Wer ist E.? War E. niedergeschlagen oder sie selbst?
Wie es sich für mich angefühlt hat: Das kommt der Wahrheit über ein Notizbuch näher.Joan Didion · sinngemäß übersetzt
Was das für deine Bahnhofsnotizen bedeutet
Zwei Dinge, und sie widersprechen sich nur scheinbar.
Erstens: Schreib trotzdem so genau wie möglich, was du siehst. Sonst hast du in drei Monaten vier unverständliche Stichworte.
Zweitens: Erwarte nicht, dass die Notiz die Wirklichkeit enthält. Sie enthält, was dir an diesem Abend aufgefallen ist, und das sagt genauso viel über dich aus.
Beides gilt gleichzeitig, und deshalb widerspricht Didion Perec nicht wirklich.
Genau deshalb funktioniert der Griff aus Kapitel drei so gut. Die erste Zeile hält fest, was da war. Die zweite hält fest, was dich daran beschäftigt hat.
Damit ist Bahnhof Geschichten schreiben immer beides zugleich: Aufzeichnung und Selbstauskunft.
Für einen Bühnentext ist das kein Problem, sondern die Arbeitsgrundlage. Für ein Protokoll wäre es eines. Du solltest nur wissen, was von beidem du gerade machst.
Das wichtigste Kapitel in diesem Beitrag, und ich würde es lieber weiter vorne haben.
Denn du beobachtest Menschen, die dich nicht gefragt haben.
Erstens ist das unvermeidlich. Zweitens verpflichtet es dich zu ein paar Regeln.
Was du aufschreiben darfst
Alles, was jeder andere in der Halle auch sieht. Bewegungen, Haltung, Gegenstände, Kleidung.
Kurz gesagt: alles, was ohnehin öffentlich stattfindet.
Und alles, was du daraus erfindest, sobald es sich von der realen Person gelöst hat.
Was du nicht aufschreiben solltest
Inhalte von Telefonaten. Auch wenn sie laut geführt werden.
Alles, was auf Krankheit, Geld, Familie oder rechtliche Dinge schließen lässt.
Merkmale, an denen jemand erkennbar wäre. Also keine Namen, keine besonderen Kennzeichen, keine Kombination aus Ort, Zeit und Aussehen.
Und keine Fotos. Nie.
Denn ein Foto nimmt der anderen Person jede Möglichkeit, unkenntlich zu bleiben.
Die drei Änderungen, die du immer vornimmst
Erstens: anderer Bahnhof. Zweitens: andere Tageszeit. Drittens: mindestens ein verändertes Merkmal an der Person.
Danach ist aus einer realen Person eine Figur geworden, und die gehört dir.
Ohne diese drei Änderungen sollte beim Bahnhof-Geschichten-Schreiben niemand in einem Text landen.
Wenn ja, ändere so lange etwas, bis die Antwort nein lautet. Das kostet dich fast nichts, weil der interessante Teil ohnehin nicht die reale Person ist, sondern deine Frage.
Mehr dazu steht in Grenzen setzen.
Es gibt außerdem eine Gruppe, bei der ich grundsätzlich nichts notiere: Kinder.
Und eine Situation, in der ich das Notizbuch zuklappe: wenn jemand offensichtlich in Not ist. Dann ist Hinschauen keine Recherche mehr, sondern das Gegenteil von Hilfe.
Jetzt der Schritt, den die meisten überspringen.
Ein Notizbuch voller Beobachtungen ist noch kein einziger Text.
Deshalb endet Bahnhof Geschichten schreiben nicht am Bahnsteig, sondern am Schreibtisch.
| Schritt | Was du machst | Wann |
|---|---|---|
| 1. Sammeln | Zwei Zeilen pro Fundstück, direkt vor Ort. | Am Bahnhof |
| 2. Liegenlassen | Gar nichts. Mindestens eine Woche. | Danach |
| 3. Auswählen | Durchlesen und die drei markieren, die noch wirken. | Nach einer Woche |
| 4. Ausbauen | Zu einem Fundstück zehn Sätze schreiben, ohne Anspruch. | Am Schreibtisch |
| 5. Verändern | Ort, Zeit und ein Merkmal ändern. | Danach |
| 6. Bauen | Erst jetzt einen Text daraus machen. | Zuletzt |
Schritt zwei ist der wichtigste und der unbeliebteste.
Wer sofort weiterschreibt, baut seinen Text um eine Beobachtung, die ihn nur gerade eben beeindruckt hat.
Danach fehlt ihm die Möglichkeit zu prüfen, ob sie das immer noch tut.
Nach einer Woche wirken höchstens drei von zwanzig Notizen noch. Genau diese drei sind etwas wert, und du hättest sie am Abend selbst nicht vorhersagen können.
Deshalb lohnt sich das Warten mehr als jede zusätzliche Stunde am Bahnsteig.
Woran du erkennst, dass ein Fundstück trägt
Du kannst dich an die Szene erinnern, ohne die Notiz zu lesen.
Die Frage aus Zeile zwei interessiert dich immer noch.
Und dir fällt beim Lesen sofort ein weiteres Detail ein, das gar nicht im Notizbuch steht.
Trifft eines dieser drei Zeichen zu, hast du etwas gefunden. Treffen alle drei zu, schreib sofort weiter.
Nicht jeder Bahnhof liefert dasselbe.
Wer weiß, wo er sitzt, spart sich eine Menge unbrauchbarer Notizen.
Der große Knotenbahnhof
Viele Menschen, kurze Aufenthalte, hohe Geschwindigkeit.
Hier bekommst du Bewegung und Gedränge, aber selten Ruhe. Gut für Gegenstände, für Geräusche und für alles, was liegen bleibt.
Schlecht für einzelne Personen, weil niemand lange genug bleibt.
Der mittlere Umsteigebahnhof
Der beste Ort überhaupt, und zwar mit Abstand.
Menschen warten dort zwanzig bis sechzig Minuten, sind gelangweilt und bleiben sitzen. Genau diese Mischung brauchst du.
Hamm, Fulda, Göttingen, Halle: Wer dort umsteigt, hat einen halbfertigen Text dabei, wenn er weiterfährt.
Der kleine Landbahnhof
Fast niemand da, dafür alles sichtbar.
Hier beobachtest du kaum Menschen, sondern Zustände: was kaputt ist, was jemand repariert hat, was seit Jahren gleich aussieht.
Für Stimmung und Kulisse ist das unbezahlbar, für Figuren taugt es wenig.
Der Bahnhof am frühen Morgen
Derselbe Ort, völlig anderes Material.
Morgens sind Menschen unfertig. Sie haben ihre Haltung noch nicht aufgebaut, und man sieht deutlich mehr als am Nachmittag.
Wenn du nur einmal ausprobieren willst, ob du am Bahnhof Geschichten schreiben kannst, dann nimm einen Werktagmorgen.
Und der frühe Morgen liefert überall mehr als jede andere Tageszeit.
Klapp auf, was dich betrifft.
Zusammen decken sie die üblichen Unsicherheiten beim Bahnhof-Geschichten-Schreiben ab.
Sechs Fragen zur Beobachtung
Wo setze ich mich hin?
Wie lange bleibe ich an einer Person?
Was mache ich, wenn jemand zurückschaut?
Schreibe ich sofort oder danach?
Was, wenn nichts passiert?
Wie viele Fundstücke pro Wartezeit?
Sechs Fragen zum Umgang mit dem Material
Wie sortiere ich das später?
Was mache ich mit Notizen, die nichts werden?
Darf ich Gehörtes wörtlich verwenden?
Wie lange bleiben Beobachtungen brauchbar?
Was, wenn ich die Person wiedersehe?
Funktioniert das auch woanders?
Diese sechs kannst du bei der nächsten Wartezeit ausprobieren.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn Bahnhof Geschichten schreiben lernt man im Sitzen und nicht im Lesen.
Drei Übungen zum Sehen
Übung 1 – Zehn Minuten Perec
Übung 2 – Nur Hände
Übung 3 – Das Gegenstandsprotokoll
Drei Übungen zum Weiterbauen
Übung 4 – Die zweite Zeile
Übung 5 – Drei Antworten
Übung 6 – Der Fünfzeiler
Dieses Kapitel gehört hierher, weil diese Arbeitsweise eine Nebenwirkung hat.
Und weil sie schleichend kommt.
Erstens betrifft das wenige. Zweitens merkt man es selbst zuletzt.
Wenn du dagegen in jedem Gespräch innerlich mitschreibst, wenn du bei Begegnungen vor allem an ihre Verwertbarkeit denkst oder wenn du dich überall wie ein Zuschauer fühlst, dann ist aus einer Methode ein Abstand geworden.
Anzeichen, bei denen du das Notizbuch zumachen solltest
Du kannst dich bei Verabredungen nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren.
Du erlebst Situationen nur noch als Material für später.
Du fühlst dich unter Menschen dauerhaft außen vor.
Oder du merkst, dass du das Beobachten benutzt, um selbst nicht beteiligt sein zu müssen.
Was dann hilft
Feste Zeiten. Beobachtet wird beim Warten, sonst nicht.
Das Notizbuch bleibt bei privaten Verabredungen in der Tasche, und zwar ausnahmslos.
Außerdem hilft es, sich zu merken, dass niemand deine Notizen braucht, die Menschen um dich herum aber sehr wohl deine Aufmerksamkeit.
Und wenn dir auffällt, dass der Abstand zu Menschen größer geworden ist als der Gewinn an Material, dann ist ein Gespräch darüber sinnvoll. Die Hausarztpraxis ist dafür ein völlig normaler erster Schritt. Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Die letzten drei Punkte sind keine Stilfragen, sondern die Grundlage dafür, dass diese Arbeitsweise in Ordnung ist.
Und wenn du beim ersten gezögert hast, fang mit Übung eins an.
Übrigens scheitert Bahnhof Geschichten schreiben fast nie am Ort. Es scheitert an zu frühem Deuten.
Fünf Fehler beim Beobachten
Fehler 1: Auf ein Ereignis warten
Fehler 2: Deutungen notieren
Fehler 3: Zu lange hinschauen
Fehler 4: Nur Menschen beobachten
Fehler 5: Erst später aufschreiben
Fünf Fehler beim Weiterverarbeiten
Fehler 6: Sofort einen Text bauen
Fehler 7: Die Person unverändert übernehmen
Fehler 8: Die Frage beantworten wollen
Fehler 9: Zu viele Fundstücke in einen Text packen
Fehler 10: Das Notizbuch als Ausrede benutzen
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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Kein Programm, sondern eine einzige Wartezeit.
| Minute | Was du machst | Ergebnis |
|---|---|---|
| 0 bis 5 | Platz suchen. Seitlich, Rücken zur Wand. | Überblick |
| 5 bis 15 | Nur schauen. Nichts schreiben. | Der Blick stellt sich um |
| 15 bis 30 | Drei Fundstücke notieren, je zwei Zeilen. | Material |
| 30 bis 40 | Nur Gegenstände, keine Menschen. | Zwei weitere Fundstücke |
| 40 bis 50 | Den Raum beschreiben: Licht, Geräusch, Boden. | Kulisse |
| Im Zug | Alles noch einmal durchlesen, nichts ändern. | Gesichert |
| Nach einer Woche | Durchlesen und drei markieren. | Auswahl |
Der wichtigste Eintrag ist der zweite.
Zehn Minuten nur schauen fühlt sich nach Zeitverschwendung an und ist der Grund, warum die Notizen danach besser sind.
Damit hast du das Bahnhof-Geschichten-Schreiben einmal vollständig durchlaufen, in einer einzigen Wartezeit.
Zurück nach Hamm.
Die Frau mit dem Koffer und dem gefalteten Zettel hatte in meinem Kopf eine vollständige Biografie.
Nach etwa vierzig Minuten kam ein Mann mit einem Getränkebecher zu ihr, und sie haben sich unterhalten, laut genug, dass ich es hören konnte, ohne mich anzustrengen.
Danach war die Sache innerhalb von zwei Minuten geklärt.
Was tatsächlich los war
Sie war Berufskraftfahrerin und wartete auf einen Kollegen, um eine Schicht zu tauschen.
Auf dem Zettel stand eine Fahrzeugnummer, die sie sich nicht merken konnte.
Der große Koffer gehörte gar nicht ihr. Er stand da schon, als sie kam.
Damit war meine gesamte Deutung hinfällig, und zwar restlos.
Warum das ein guter Abend war
Weil meine Deutung von der ersten bis zur letzten Zeile falsch war.
Und weil das nichts ausgemacht hat.
Denn beim Bahnhof-Geschichten-Schreiben ist die falsche Erklärung nicht das Problem. Sie steht ja nirgends.
In meinem Notizbuch stand nämlich nur, was ich gesehen hatte: eine Frau, die einen Zettel siebenmal auffaltet und wieder zusammenlegt. Daneben eine Frage.
Die Beobachtung war brauchbar. Meine Erklärung dazu war es nie.Notiz aus dem Anschlusszug, kurz vor Mitternacht
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Ich habe später einen Text daraus gemacht, und darin ist die Frau eine Person, die vor einer Ankunft Angst hat.
Also genau das, was ich mir zusammengereimt hatte, obwohl ich es besser wusste.
Der Text funktioniert. Er hat trotzdem einen Fehler, den außer mir niemand sieht: Er benutzt eine echte Bewegung für ein erfundenes Gefühl und tut so, als gehörten sie zusammen.
Erstens ist das erlaubt. Zweitens sollte man es wenigstens selbst wissen.
Seitdem schreibe ich die Frage immer auf. Und die Antwort nie.
Denn die Antwort ist beim Bahnhof-Geschichten-Schreiben nie die Aufgabe der Notiz.
Ein voller Notizbuch ist ein schönes Gefühl und noch kein einziger Auftritt.
Denn zwischen Sammeln und Auftreten liegt ein Arbeitsschritt, den niemand abkürzen kann.
Denn zwischen der Zeile über den Kinderschuh und einem Text, der einen Saal hält, liegt genau die Arbeit, um die es in diesem Blog geht.
Warum jetzt erst das Handwerk anfängt
Ein Detail muss an der richtigen Stelle stehen, sonst verpufft es.
Eine offene Frage muss so gestellt werden, dass das Publikum sie mitträgt, statt sich übergangen zu fühlen.
Außerdem braucht jedes Detail eine Umgebung, in der es überhaupt auffallen kann.
Und ein Text, der aus einer einzigen Beobachtung besteht, braucht einen Aufbau, der vier Minuten trägt.
Kurz gesagt: Bahnhof Geschichten schreiben liefert dir den Anfang und niemals das Ganze.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge, mit denen aus zwei Zeilen im Notizbuch ein Text wird, der trägt.
Der Bahnhof liefert dir das Material umsonst. Das Handwerk musst du dir holen.
Schreib auf, was du siehst. Und frag genau einmal nach.
Übrigens hebe ich seit Hamm jeden gefalteten Zettel auf, den ich auf Bahnsteigen finde.
Beruflich habe ich damit ohnehin zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
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