Werkstattkarte · Gelassenheit
„Poetry Slam in Zeitlupe – Wie Gelassenheit deine Bühne rettet“

Donnerstag, kurz vor sechs, eine winzige Uhrmacherwerkstatt in der Passage unter dem Bahnhof.
Silvan legt die alte Armbanduhr seines Großvaters auf den Tresen und redet so schnell, dass Adelheid ihn bitten muss, noch einmal von vorn anzufangen.
Von Gelassenheit ist an diesem Nachmittag nichts zu spüren.
Die Uhr geht vor, jeden Tag ein paar Minuten.
Und Silvan geht auch vor.
Morgen ist Slam im Kulturzentrum am Güterbahnhof, und seine letzten drei Auftritte liefen alle gleich.
Er rennt auf die Bühne und fängt an zu sprechen, bevor das Mikro richtig steht.
Nach drei Minuten ist er fertig, obwohl er fünf hätte.
Die Pointen verpuffen, weil niemand Zeit hat zu lachen.
Adelheid öffnet den Boden der Uhr, klemmt sich eine Lupe ins Auge und schaut lange hinein.
„Magnetisiert“, sagt sie.
„Wahrscheinlich vom Handy.“
„Dann schwingt die Unruh zu hastig, und die ganze Uhr rennt.“
Sie legt die Lupe weg und sieht Silvan an.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor.“
Silvan und Adelheid sind erfunden. Aber das Gefühl, auf der Bühne vorzugehen wie eine magnetisierte Uhr, kennen sehr viele, die auftreten.
Kennst du das?
Du weißt, dass du langsamer sprechen solltest.
Du nimmst es dir fest vor.
Und dann klackt das Mikro, und dein Körper hat andere Pläne.
Gelassenheit klingt nach Yoga und Kräutertee.
Auf der Bühne ist sie etwas anderes.
Sie ist nicht das Gegenteil von Intensität.
Sie ist das Werkzeug, mit dem Intensität überhaupt ankommt.
Heute bauen wir sie zusammen, und zwar wie ein Uhrwerk: Teil für Teil.
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Jetzt Kanal folgenGelassenheit ist kein Stillstand: die Unruh
Werkstattkarte · Aufbau eines Uhrwerks
1 · Aufzug
Im Werk: die Krone spannt die Feder
Auf der Bühne: Vorbereitung: Text sicher, genug Schlaf, etwas gegessen
2 · Zugfeder im Federhaus
Im Werk: speichert die Kraft
Auf der Bühne: deine Aufregung, also deine Energie
3 · Räderwerk
Im Werk: überträgt die Kraft
Auf der Bühne: dein Text, Satz für Satz
4 · Hemmung
Im Werk: gibt die Kraft dosiert frei
Auf der Bühne: Pausen und die drei Sekunden am Anfang
5 · Unruh
Im Werk: schwingt gleichmäßig hin und her
Auf der Bühne: Nervosität im Takt: Gelassenheit
Adelheid zeigt Silvan das Innere der Uhr.
Ein kleines Rad schwingt darin hin und her, unermüdlich.
Das ist die Unruh.
Ausgerechnet das Teil, das so heißt, sorgt dafür, dass die Uhr richtig geht.
Die Unruh darf schwingen, das ist ihre Aufgabe.
Sie muss nur gleichmäßig schwingen.
Genau das ist Gelassenheit auf der Bühne.
Nicht die Abwesenheit von Nervosität.
Sondern Nervosität, die im Takt schwingt.
Viele verwechseln Hektik mit Leidenschaft und Aufregung mit Echtheit.
Das Ergebnis sind Texte, die gehetzt wirken, und Auftritte, die verkrampft aussehen.
Und das Publikum?
Es spürt deine Unruhe.
Wenn du hetzt, sitzen die Leute angespannt da und leiden mit dir, aber nicht im guten Sinn.
Wenn du ruhig bist, lehnen sie sich zurück und folgen dir.
Also merke: Dein Publikum entspannt sich erst, wenn du es tust.
Die Zeitwaage: Wie schnell gehst du?
Zeitwaage · Messung Werkstück „Silvan“
Gang
+ 4 Min./Tag
Befund
magnetisiert
Takt vorher
Takt nach der Regulierung
Vorgehen = zu schnell sprechen · Nachgehen = zäh werden · unregelmäßiger Takt = gehetzte Pointen
Adelheid legt die Uhr auf ein Gerät, das aussieht wie ein kleines Mischpult.
Es heißt Zeitwaage.
Es hört dem Ticken zu und zeigt an, wie viele Sekunden am Tag eine Uhr vor- oder nachgeht.
So ein Gerät hast du auch.
Es heißt Handy.
Nimm deinen Text auf, und zwar genau so, wie du ihn auf der Bühne sprichst.
Dann hör dir die Aufnahme an drei Stellen besonders genau an.
Am Anfang, wo die Aufregung am größten ist.
Vor den Pointen, wo viele schneller werden, als wollten sie es hinter sich bringen.
Und am Schluss, wo viele den letzten Satz verschlucken, weil sie in Gedanken schon auf dem Weg zum Stuhl sind.
An genau diesen Stellen gehen die meisten vor.
Hektik zeigt sich dabei auf vier Ebenen.
Im Körper: Die Schultern wandern nach oben, der Kiefer wird fest, der Atem flach, die Stimme höher.
Im Kopf: Was, wenn ich den Text vergesse, was, wenn keiner lacht?
Im Gefühl: Du bist nicht mehr in deinem Text, sondern beim Publikum und bei der Wertung.
Und in der Biologie: Unter starkem Stress fällt es vielen schwerer, Gelerntes abzurufen.
Deshalb ist der Text manchmal plötzlich weg, obwohl du ihn hundertmal geübt hast.
Das ist keine Schwäche.
Das ist ein Uhrwerk, das zu schnell läuft.
Die Hemmung: drei Sekunden vor dem ersten Satz
Hemmung · die drei Sekunden vor dem ersten Satz
1
Hinstellen
beide Füße, Gewicht mittig
2
Ausatmen
lang und ruhig
3
Blick
ein einzelnes Gesicht im Saal
dann
der erste Satz
tick · tack · tick
Das zweite wichtige Teil einer mechanischen Uhr heißt Hemmung.
Sie gibt die Kraft der Feder nicht auf einmal frei, sondern Schritt für Schritt.
Tick, tack.
Ohne Hemmung würde die Feder in Sekunden ablaufen, und die Zeiger würden wild herumwirbeln.
Silvan hat auf der Bühne keine Hemmung.
Er lässt seine ganze Energie in den ersten zehn Sekunden raus.
Deshalb bekommt er jetzt die wichtigste Regel dieses Beitrags.
Wenn du auf die Bühne kommst, fängst du nicht sofort an.
Du stellst dich hin.
Du atmest einmal lang aus.
Du suchst dir ein einzelnes Gesicht im Saal.
Und erst dann kommt der erste Satz.
Drei Sekunden fühlen sich für dich an wie eine Ewigkeit.
Für das Publikum sind sie ein Versprechen: Hier steht jemand, der weiß, was er tut.
Das ist der Kern von Poetry Slam in Zeitlupe.
Geh langsamer, als du willst.
Sprich die wichtigen Stellen langsamer, als du dich traust.
Und atme langsamer, vor allem beim Ausatmen.
Ein langer, ruhiger Atemzug hilft vielen Menschen, spürbar runterzukommen.
Dein Körper gibt das Tempo vor, und der Kopf folgt ihm, erstaunlich zuverlässig.
Achte beim Schauen darauf, welche Wege zu mehr innerer Ruhe vorgestellt werden.
Probier danach den aus, der sich am leichtesten in deinen Alltag einbauen lässt.
Aufziehen: Frieden mit dem schlimmsten Fall
Kunde: Silvan · Gerät: Armbanduhr, Handaufzug
Nebenbefund: Angst vor dem Scheitern, nie zu Ende gedacht
Eine Uhr läuft nur, wenn sie aufgezogen ist.
Deine Gelassenheit auch.
Und das wichtigste Aufziehen passiert lange vor dem Auftritt, nämlich im Kopf.
Du wirst erst gelassen, wenn du damit einverstanden bist, auch mal zu verlieren.
Solange du krampfhaft gewinnen willst, bist du verkrampft.
Deshalb hilft die Frage, die fast niemand zu Ende denkt: Und dann?
Du vergisst den Text.
Und dann?
Dann liest du weiter oder fängst den Absatz neu an, und der Abend geht weiter.
Meistens merkst du dabei: Das Schlimmste, was passieren kann, ist gar nicht so schlimm.
Der zweite Schritt betrifft das Publikum.
Viele sehen im Saal eine Jury, die nur darauf wartet, sie zu zerlegen.
Das stimmt nicht.
Die Leute wollen, dass du gut bist, denn dann haben sie einen guten Abend.
Also versuch nicht, sie zu überzeugen.
Lade sie ein, in deinen Text, in deine Welt.
Das ist ein riesiger Unterschied, und du spürst ihn im Körper.
Der dritte Schritt ist ein Satz.
Aufregung und Angst fühlen sich im Körper sehr ähnlich an: Herzklopfen, Wachheit, Energie.
Die Forscherin Alison Wood Brooks hat 2014 Versuche veröffentlicht, in denen Menschen vor einer Rede oder einem Auftritt entweder „Ich bin ruhig“ oder „Ich bin aufgeregt“ zu sich sagten.
Wer die Aufregung als Vorfreude deutete, schnitt im Schnitt besser ab als die Gruppe, die sich zur Ruhe zwingen wollte.
Du musst deine Nervosität also nicht loswerden.
Du kannst ihr einen anderen Namen geben.
Ich bin nicht panisch.
Ich bin bereit.
Stillstand mit Absicht: wenn der Text weg ist
Notfallkarte · Stillstand des Werks
Jetzt der Moment, vor dem sich alle fürchten.
Du stehst da, und der nächste Satz ist weg.
Die Zunge klebt, der Kopf ist weiß.
Kein Bullshit: Genau hier zeigt sich, wie gelassen jemand ist.
Nicht daran, dass es nicht passiert.
Sondern daran, was danach passiert.
Die meisten fliehen, entweder mit einem hektischen „Sorry“ oder mit einem nervösen Witz.
Das Publikum kennt Lampenfieber.
Was es nicht vergisst, ist jemand, der in diesem Moment einfach stehen bleibt.
Atmet.
Schaut.
Und dann ruhig weitermacht.
Die Lücke ist meist schnell vergessen.
Die Ruhe bleibt hängen.
Und jetzt der Profitrick: Du kannst solche Stillstände auch absichtlich bauen.
Markier in deinem Text eine Stelle, an der du bisher besonders laut geworden bist.
Lies bis dorthin und halte dann an.
Drei Sekunden, vier, fünf.
Schau dabei einen Menschen an.
Erst dann geht es weiter.
Die Spannung in dieser Stille ist oft stärker als jede Lautstärke.
Staub im Werk: vier Gelassenheitskiller
Staub im Werk · vier Gelassenheitskiller
Fremdkörper im Werk
Vergleich
„Die vor mir war so gut, wie soll ich da mithalten?“
Reinigung: Du trittst für deinen Text an, nicht gegen die anderen.
Fremdkörper im Werk
Perfektion
„Ich darf keinen einzigen Fehler machen.“
Reinigung: Das Publikum will keinen Automaten, sondern einen Menschen.
Fremdkörper im Werk
Ergebnis-Fixierung
„Ich muss heute ins Finale.“
Reinigung: Kontrollieren kannst du nur die nächsten fünf Minuten.
Fremdkörper im Werk
Innere Stimme
„Du bist nicht gut genug.“
Reinigung: Kurz zur Kenntnis nehmen, dann weiterarbeiten.
Manchmal läuft eine Uhr schlecht, obwohl alles richtig eingestellt ist.
Dann ist Staub im Werk.
Bei dir sind es meistens vier Fremdkörper.
Der Vergleich ist der hartnäckigste.
Wer vor dir gut war, hat nichts mit deinem Text zu tun.
Du trittst nicht gegen die anderen an, sondern für deinen Text.
Die Perfektion ist der zweite.
Das Publikum will keinen Automaten, es will einen Menschen, und Menschen machen kleine Fehler.
Die Fixierung aufs Ergebnis ist der dritte.
Wer nur an die Punkte denkt, verpasst den Moment, und der Moment ist das Einzige, was du auf der Bühne steuern kannst.
Die innere Stimme ist der vierte.
Nimm sie kurz zur Kenntnis, und dann mach deine Arbeit.
Aber hier kommt der Haken, über den kaum jemand spricht.
Gelassenheit hat auch eine Schattenseite.
Wer zu entspannt wirkt, sieht schnell so aus, als nähme er das Publikum nicht ernst.
Die Balance heißt: ruhig in der Ausführung, leidenschaftlich im Inhalt.
Und ein bisschen Anspannung darf bleiben.
Sie hält dich wach und verhindert, dass du nachlässig wirst.
Gelassenheit ist außerdem kein Talent, sondern Übung.
Sie wächst mit jedem Auftritt, jeder offenen Bühne und jedem Durchlauf vor dem Spiegel.

Die Revision: Übungen für die nächsten zwei Wochen
Eine gute Uhr kommt regelmäßig zur Revision.
Deine Gelassenheit auch.
Der Plan oben braucht keine zwanzig Minuten am Tag.
Zwei Übungen verdienen einen genaueren Blick.
Die erste ist die Zeitlupe vor Publikum.
Lies deinen Text vor zwei Menschen, die du magst, absichtlich doppelt so langsam.
Du wirst dich albern fühlen.
Du wirst vielleicht lachen.
Aber danach weißt du, wie viel Zeit du auf der Bühne eigentlich hast.
Die zweite ist die Pause zwischen zwei Sätzen.
Nimm deinen ehrlichsten Text, nicht deinen besten.
Lies ihn Satz für Satz und halte nach jedem Satz kurz an.
Frag dich in der Pause: Traue ich mich, den nächsten zu sagen?
Wenn die Antwort zögert, sprich den nächsten Satz besonders ruhig.
Genau dort wächst Gelassenheit.
Und noch ein Hinweis zum Schluss dieses Kapitels.
Wenn deine Angst vor Auftritten so groß ist, dass sie dich über Wochen quält oder dein Leben einschränkt, dann ist das mehr als Lampenfieber.
Dann hilft ein Gespräch mit deiner Hausärztin oder einer Psychotherapeutin.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Achte in dieser Folge darauf, wo gesprochen wird und wo Pausen entstehen.
Zähl einmal mit, wie lang die längste Pause ist.
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Abholschein · Nr. 0417
Entmagnetisiert, gereinigt, reguliert.
Gang: im Rahmen.
Unruh schwingt ruhig.
Handy nicht auf die Uhr legen. Gilt für beide. A.
REGULIERTFreitagabend, Kulturzentrum am Güterbahnhof.
Silvan ist als Sechster dran.
Die Uhr seines Großvaters sitzt am Handgelenk und tickt, das Handy liegt in der Jackentasche an der Garderobe.
Als sein Name fällt, geht er langsamer zur Bühne, als er möchte.
Er stellt sich hin.
Er atmet aus.
Er sucht sich ein Gesicht in der dritten Reihe.
Eins, zwei, drei.
Dann sagt er den ersten Satz, und der Saal ist schon bei ihm.
In der Mitte des Textes hakt es.
Ein Wort fehlt, dann der ganze Satz.
Silvan bleibt stehen, atmet und wiederholt den Satz davor.
Da ist das Wort wieder.
Niemand im Saal hat gemerkt, dass es keine Absicht war.
An der Stelle mit der Pointe wartet er zwei Sekunden länger als sonst.
Das Lachen kommt, und diesmal hat es Platz.
Nach fünf Minuten ist er fertig, auf die Sekunde.
Er wird nicht Erster.
Aber zum ersten Mal hat er seinen ganzen Text gehört, während er ihn gesprochen hat.
Am Montag bringt er Adelheid einen Kuchen in die Werkstatt.
Sie legt die Uhr noch einmal auf die Zeitwaage.
„Im Rahmen“, sagt sie.
Dann schaut sie Silvan an und nickt.
„Du auch.“
Das ist Gelassenheit: kein Stillstand, sondern ein ruhiger, gleichmäßiger Takt.
Tick, tack.
