Ein Boßel-Wurfzettel · Otto
Von Otto Waalkes lernen: 9 Tipps für Poetry Slam vom Großmeister

Samstag, 11:04 Uhr, eine schmale Landstraße in Ostfriesland, direkt neben der Bahnlinie.
Talke, 19, hält eine Boßelkugel in der Hand und sucht Tipps für Poetry Slam, die nicht nach Lehrbuch klingen.
In zwei Wochen steht sie zum ersten Mal auf einer Slam-Bühne, mit einem lustigen Text.
Das Problem: Ihre Freundinnen haben beim Probelesen höflich gelächelt.
Mehr nicht.
Neben ihr steht Opa Onno, 77, mit Mütze, Schal und Thermoskanne.
Bei der Kohlfahrt der Familie ist er der Bahnweiser, also der, der vorne steht und zeigt, wohin die Kugel soll.
„Wirf dahin“, sagt er und zeigt auf einen Pfahl weit vorne.
Talke wirft.
Die Kugel rollt, springt und landet im Graben.
Opa Onno holt den Kraber, einen langen Stiel mit einem Korb am Ende, und fischt sie wieder heraus.
„Genau wie bei Otto“, sagt er.
„Der hat auch nicht jeden Wurf auf die Straße gebracht.“
Talke und Onno gibt es so nicht. Aber die Frage, warum der eigene Witz beim Probelesen verpufft, kennen sehr viele.
Kennst du das?
Du hast einen Text, von dem du glaubst, er sei witzig.
Du liest ihn vor, und im Raum passiert … nichts.
Freundliches Nicken, vielleicht ein Schmunzeln.
Dann fragst du dich: Habe ich einfach keinen Humor?
Quatsch!
Humor ist Handwerk.
Und kaum jemand zeigt dieses Handwerk so deutlich wie Otto Waalkes.
In diesem Beitrag bekommst du neun Würfe, die du bei ihm abschauen kannst.
Am Ende erfährst du, wie Talkes erster Slam gelaufen ist.
Und wer an diesem Tag eine Krone aus Goldpapier bekommen hat.
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Bahnweiser: Opa Onno · Kraber: griffbereit
Mittagspause auf dem Boßelweg.
Opa Onno schenkt Tee aus der Thermoskanne ein und erzählt.
Otto Waalkes wurde 1948 in Emden geboren, gar nicht weit von hier.
1964 gründete er dort die Band The Rustlers, die Lieder der Beatles nachspielte.
1970 ging er nach Hamburg, um Kunstpädagogik zu studieren, und wohnte in einer Künstler-WG, zu der auch Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen gehörten.
Anfang der Siebziger ließ er ein Konzert auf eigene Kosten mitschneiden und gründete für die Platte ein eigenes Label.
Sie wurde ein großer Erfolg, und aus kleinen Clubs wie dem Onkel Pö in Hamburg wurden große Hallen.
„Und der war Slammer?“, fragt Talke.
„Nee“, sagt Opa Onno.
Das stimmt, denn Poetry Slam entstand erst Mitte der Achtziger in Chicago.
Otto ist Komiker, Musiker, Zeichner und Schauspieler.
Aber fast alles, was auf Slam-Bühnen Lacher bringt, kann man bei ihm studieren.
Also merke: Du sollst Otto nicht kopieren.
Du sollst schauen, wohin der Bahnweiser zeigt, und dann selbst werfen.
Achte beim Zuschauen darauf, wie viele der neun Würfe aus diesem Beitrag du entdeckst.
Und notier dir die Stelle, an der du zum ersten Mal lachst.
Wurf 1 bis 3: Herkunft, Verdrehung, Musik
Streckenskizze · Boßelweg an der Bahnlinie
Jeder Wurf beginnt dort, wo der letzte deiner Mannschaft liegen geblieben ist.
Nach dem Tee geht es weiter, Wurf für Wurf, immer vom letzten Landepunkt aus.
Otto hat seine Herkunft nie versteckt, sie ist Teil seiner Marke geworden.
Sein Film „Otto – Der Außerfriesische“ von 1989 spielt in Ostfriesland, und der Leuchtturm von Pilsum, in dem er im Film wohnt, ist seitdem als Otto-Turm bekannt.
Das Prinzip: Was andere an dir belächeln, wird auf der Bühne dein Erkennungszeichen.
Talke kommt aus einem Dorf mit mehr Schafen als Einwohnern.
„Dann fang damit an“, sagt Opa Onno.
Die Verdrehung ist der zweite Wurf.
Du nimmst etwas, das alle kennen, und drehst es eine Umdrehung weiter.
Dein Publikum kennt die Vorlage und erwartet die bekannte Pointe.
Genau in diesem Moment biegst du ab.
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, und Poetry Slam ist Bronze mit Mikrofon.“
Musik ist bei Otto nie nur Beilage.
Sein Lied „Friesenjung“ von 1993 ist eine Parodie auf Stings „Englishman in New York“.
2023 wurde eine Neufassung mit dem Rapper Ski Aggu und dem Musiker Joost Klein in Deutschland und Österreich ein Nummer-eins-Hit, dreißig Jahre nach dem Original.
Du musst nicht singen können.
Aber ein Rhythmuswechsel, zwei gesungene Zeilen oder ein Flüstern im Takt wecken jeden Saal.
Wurf 4 bis 6: Sprachbaukasten, Körper, Figuren
Beim vierten Wurf trifft Talke fast den Pfahl.
Einer von Ottos Klassikern funktioniert wie eine Einsatzzentrale im Körper: Das Großhirn funkt die Organe an, und die funken zurück.
Das Prinzip heißt Personifizierung, und plötzlich sieht dein Publikum Bilder statt Wörter.
„Mein Wecker und mein Kopfkissen führen jeden Morgen Tarifverhandlungen.“
Wurf fünf ist der Körper.
Schau dir den Auftritt von 1982 noch einmal ohne Ton an.
Du wirst staunen, wie viel du trotzdem verstehst.
Dein Körper ist auf der Bühne kein Ständer für das Mikrofon, sondern ein zweiter Erzähler.
Figuren sind Haken, an denen sich das Publikum festhält.
Bei Talke ist es das Schaf Hilde, das jede Szene kommentiert.
Beim ersten Auftritt stellt Hilde sich vor, beim zweiten widerspricht sie, beim dritten hat sie recht.

Wurf 7 bis 9: Selbstironie, Wiederholung, Übertreibung
Wer zuerst über sich selbst lacht, dem kann der Saal nichts mehr wegnehmen.
Aber Selbstironie heißt nicht Selbstverachtung.
Du nimmst dich auf den Arm, nicht auseinander.
Wiederholung ist keine Schwäche, sondern ein Versprechen.
Beim ersten Mal ist ein Satz eine Zeile.
Beim zweiten Mal ein Muster.
Beim dritten Mal wartet der Saal schon darauf, und genau dann kippst du ihn.
Komik lebt vom Abstand zwischen Anlass und Reaktion.
„Der Kühlschrank ist leer, also rufe ich die Familie zusammen und halte eine Trauerrede auf den Käse.“
Je banaler der Anlass, desto größer darf die Reaktion sein.
Bonus: Übertreib nach oben und zur Seite, aber nie auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können.
Der Kraber: wenn ein Gag im Graben landet
Kraber-Karte · wenn der Gag im Graben landet
- Nicht hinterherspringen: keine Erklärung, keine Entschuldigung.
- Kurz quittieren, mit einem Satz oder einem Blick.
- Weiterwerfen, vom Landepunkt aus.
- Nach dem Abend rausfischen und prüfen: Lag es am Timing, am Bild oder an der Richtung?
- Richtungsprobe: Tritt der Gag nach oben oder nach unten?
Nicht jeder Wurf landet auf der Straße.
Manche Gags rollen in den Graben, und dann ist es im Saal kurz still.
Einen guten Boßler, sagt Opa Onno, erkennt man nicht daran, dass er nie im Graben landet.
Sondern daran, wie schnell er die Kugel wieder rausholt.
Auf der Bühne heißt das: nicht erklären, nicht entschuldigen, kurz quittieren, weiter.
Nach dem Abend fischst du den Gag in Ruhe heraus und prüfst ihn.
Denn manchmal liegt er nicht zufällig im Graben.
Auch Humor altert.
Als der WDR 2023 zu Ottos fünfundsiebzigstem Geburtstag alte Otto-Shows in der Mediathek zeigte, stellte der Sender einen Hinweis voran: Einige Passagen würden heute als diskriminierend betrachtet.
Das ist keine Schande für einen alten Sketch, sondern eine Lektion für deinen neuen Text.
Frag bei jedem Gag: Tritt er nach oben oder nach unten?
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Freitag, zwei Wochen später, 20:40 Uhr, ein Kulturzentrum in der Stadt.
Talke beginnt mit ihrem Dorf, mit mehr Schafen als Einwohnern.
Der Saal lacht.
Das Schaf Hilde taucht dreimal auf, und beim dritten Mal lachen die Leute, bevor Talke den Satz zu Ende hat.
In der Mitte singt sie zwei selbst geschriebene Zeilen, schief und mit voller Absicht.
Und dann landet ein Gag im Graben.
Stille.
Talke grinst: „Der war für die Schafe.“
Der Saal lacht, lauter als beim Gag selbst.
Am Ende wird sie Zweite.
In der dritten Reihe klatscht ein alter Mann mit Schal am lautesten.
Bei vielen Kohlfahrten wird am Ende ein Kohlkönig gekrönt, oft der, der am meisten Grünkohl gegessen hat.
Opa Onno hat seine Krone aus Goldpapier seit der Kohlfahrt im Handschuhfach.
Auf dem Heimweg setzt er sie Talke auf.
„Für den besten Wurf aus dem Graben“, sagt er.
Goldpapier, leicht zerknittert · „Für den besten Wurf aus dem Graben“
Das ist die wichtigste Lektion vom Großmeister.
Nicht jeder Wurf muss sitzen.
Aber jeder Wurf muss geworfen werden.
Fang heute an: Schreib zehn Klischees über deinen Ort auf und dreh jedes einmal um.
Das ist dein erster Wurf.
