Ein Fabelbuch · Resilienz trainieren
Resilienz trainieren: Werde unkaputtbar

Samstag, 23:10 Uhr, Bahnhofshalle, Gleis 1.
Marla sitzt auf der Treppe neben dem Bücherwagen eines Antiquariats und will nie wieder auf eine Bühne.
Resilienz trainieren, hat ihr eine Freundin letzte Woche geraten, und Marla hat darüber nur gelacht.
Vor zwei Stunden stand sie beim Slam im großen Saal am Mikro.
Nach vierzig Sekunden war der Text weg.
Einfach weg, wie ein Zug, der ohne dich abfährt.
Den Rest hat sie mit zitternder Stimme vom Handy abgelesen.
Die Wertung: letzter Platz.
Ottokar zieht gerade die Plane über seinen Bücherwagen, der seit Jahren in dieser Halle steht.
Er fragt nicht, was los ist.
Er zieht ein abgegriffenes Buch aus einer Kiste und legt es neben sie.
Fabeln nach Äsop, das Lesebändchen steckt bei der Eiche und dem Schilfrohr.
„Lies nicht alles auf einmal“, sagt er.
„Eine pro Woche.“
Marla und Ottokar sind erfunden. Aber den Abend, an dem ein Text mitten auf der Bühne verschwindet, kennen viele, die auftreten.
Kennst du das?
Nach einer Blamage, einer Trennung oder einer miesen Wertung suchst du irgendwann nach dem Wort Resilienz.
Es klingt wie ein Yogakurs.
Wie ein Ratgeber mit goldenem Cover.
Und die Versprechen dahinter klingen noch größer: unkaputtbar, unerschütterlich, immer stark.
Aber hier kommt der Haken: So funktioniert das nicht.
Unkaputtbar heißt nicht, dass dich nichts mehr trifft.
Es heißt, dass du wieder aufstehst.
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Antiquariat am Gleis 1
Fabeln für die Bühne
nach Äsop, neu erzählt
❦ ❦ ❦
Fünf Fabeln, fünf Moral-Tafeln,
Übungen am Rande für Tage nach schlechten Abenden
Bleistift auf dem Vorsatzblatt: „Für M. – nicht zum Durchlesen. Zum Üben. O.“
Das Wort Resilienz kommt vom lateinischen resilire, zurückspringen oder abprallen.
In der Werkstoffkunde beschreibt es, wie ein Material nach einer Verformung in seine Form zurückfindet.
Die American Psychological Association beschreibt Resilienz beim Menschen als Prozess: sich an schwierige oder belastende Lebenserfahrungen erfolgreich anzupassen.
Das Wichtigste steckt im Wort Prozess.
Resilienz ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat.
Man kann sie üben.
Nicht an einem Abend, sondern in vielen kleinen Schritten.
Und die Bühne ist dafür ein erstaunlich guter Trainingsplatz.
Nirgends wirst du so direkt bewertet, so öffentlich, so schnell.
Genau deshalb lernst du dort, was danach kommt.
Erste Fabel: die Eiche und das Schilfrohr
Erste. Fabel
Die Eiche und das Schilfrohr
Eine Eiche stand stolz am Ufer und spottete über das Schilfrohr, das sich bei jedem Lüftchen verbeugte. Dann kam der Sturm. Die Eiche stemmte sich gegen ihn, bis sie mit den Wurzeln aus der Erde brach. Das Schilf bog sich bis zum Wasser, ließ den Sturm über sich hinwegziehen und stand am nächsten Morgen wieder auf.
Moral
Biegen ist nicht brechen.
Am Rand, mit Bleistift: Du musst nicht hart werden. Du musst beweglich bleiben.
Die meisten denken bei Resilienz an die Eiche: hart, unbeweglich, stolz.
Nichts wirft mich um.
Genau diese Haltung bricht im ersten richtigen Sturm.
Das Schilfrohr tut nicht so, als gäbe es keinen Wind.
Es biegt sich.
Und steht am nächsten Morgen wieder da.
Die Schauspielerin Gillian Anderson hat öffentlich darüber gesprochen, dass sie mit Angst zu kämpfen hatte.
Achte in diesem kurzen Video darauf, was sie ihrem jüngeren Ich sagen würde, und was sie gerade nicht verspricht.
Vortäuschung klingt so: „Ich bin stark, mich wirft nichts um.“
Training klingt so: „Ich zittere, und ich mache es trotzdem.“
Belastbar werden, ohne sich abzuhärten, darum geht es auch in diesem Gespräch über Stress und Gelassenheit.
Achte darauf, welche Tipps du schon vor deinem nächsten Auftritt ausprobieren könntest.
Marla liest die Fabel an einem Dienstag in der Straßenbahn.
Unter die Bleistiftnotiz schreibt sie: Ich war die Eiche.
Zweite Fabel: der Fuchs und die Trauben
Zweite. Fabel
Der Fuchs und die Trauben
Ein Fuchs sah hoch oben am Spalier reife Trauben hängen. Er sprang und sprang und kam nicht heran. Schließlich trottete er davon und sagte laut, damit es alle hörten: Die sind ja sowieso noch sauer.
Moral
Wer die Wertung schlechtredet, lernt nichts aus ihr.
Am Rand, mit Bleistift: „Die Jury hat keine Ahnung“ ist die Traube, die angeblich sauer war.
Auf dem Slam wirst du buchstäblich bewertet, mit Zahlen, Applaus und Jurykarten.
Das kann sich anfühlen wie ein Urteil über dich als Mensch.
Es gibt zwei bequeme Auswege.
Der erste: „Ich bin eben schlecht.“
Der zweite: „Die Jury hat keine Ahnung.“
Beide ersparen dir das Hinschauen.
Der zweite ist der Fuchs, der sich die Trauben sauer redet.
Also merke: Eine Wertung ist eine Momentaufnahme.
Dieser Text, bei diesem Publikum, an diesem Abend.
Das klingt banal.
Wenn du es wirklich glaubst, ändert es alles.
Dann kommt die ehrliche Übung.
Nimm den Text, der nicht funktioniert hat, und lies ihn allein laut vor.
Dann noch mal.
Und noch mal.
Irgendwann hörst du die Stelle, die nach jemand anderem klingt.
Da hast du geflunkert.
Genau dort schreibst du neu, ehrlicher und roher.
Marla liest ihren Text in der leeren Küche.
Beim dritten Durchgang merkt sie, dass der Blackout genau an der Stelle kam, an der sie etwas behauptet, das sie nicht fühlt.
Dritte Fabel: die Schildkröte und der Hase
Dritte. Fabel
Die Schildkröte und der Hase
Der Hase lachte über die Schildkröte und forderte sie zum Wettlauf. Er rannte los, war weit vorn und legte sich zum Schlafen hin, weil er sich sicher war. Die Schildkröte ging einfach weiter, Schritt für Schritt, ohne Pause. Als der Hase aufwachte, war sie schon im Ziel.
Moral
Kleine Schritte, jeden Tag, schlagen den großen Sprung, der dann liegen bleibt.
Am Rand, mit Bleistift: Nicht gleich das Landesfinale. Erst ein Mensch, dann zwei, dann zehn.
Du kannst Resilienz nicht trainieren, ohne auf Bühnen zu gehen.
Aber du musst nicht gleich auf die größte.
Der Weg der Schildkröte · Bühne in kleinen Dosen
Ein Mensch
Lies einem Menschen vor, der dir wohlgesonnen ist.
Zwei Menschen
Einer wohlgesonnen, einer kritisch.
Eine kleine offene Bühne
Zehn Leute, kein Wettbewerb.
Ein Slam
Erst jetzt, und nicht als Mutprobe, sondern als nächste Stufe.
Wie im Boxtraining: erst der Sandsack, dann das Sparring, dann der Kampf.
Wer so vorgeht, hat nicht weniger Mut.
Er baut ihn in Dosen auf, die er verkraftet.
Der Schauspieler Vin Diesel hat 1995 einen Kurzfilm selbst geschrieben, gedreht und gespielt, bevor ihn größere Rollen erreichten.
Kein großes Publikum, erst mal Arbeit an sich selbst.
Zum Weg der Schildkröte gehört noch etwas: eine Rohmaterial-Sammlung.
Ein Dokument auf dem Handy, in das jeder Satz kommt, der dir irgendwo einfällt.
Im Bus, nachts, beim Abwaschen.
Kein Filter, keine Bewertung.
Nach einem Monat ist das meiste davon Müll.
Aber ein paar Sätze sind Gold, und aus ihnen baust du Texte.
Wie ein Slam-Text das Durchhalten selbst zum Thema macht, zeigt dieser Auftritt.
Achte darauf, an welcher Stelle der Text nicht mehr nur tröstet, sondern ehrlich wird.

Vierte Fabel: die Ameise und die Taube
Vierte. Fabel
Die Ameise und die Taube
Eine Ameise fiel beim Trinken in einen Bach und wäre ertrunken, hätte eine Taube nicht ein Blatt ins Wasser fallen lassen. Die Ameise kletterte hinauf und kam ans Ufer. Kurz darauf zielte ein Vogelfänger auf die Taube. Die Ameise biss ihn in den Fuß, er zuckte, und die Taube flog davon.
Moral
Niemand steht allein wieder auf.
Am Rand, mit Bleistift: Wem hast du zuletzt ein Blatt ins Wasser geworfen? Und wer dir?
Resilienz klingt nach Einzelkampf.
Nach jemandem, der allein wieder aufsteht.
Die Forschung erzählt etwas anderes.
Aus der Forschung · die Kinder von Kauai
Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat mit ihrem Team alle Kinder begleitet, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden, fast 700, über Jahrzehnte.
Etwa ein Drittel von ihnen wuchs unter schwierigen Bedingungen auf, und von diesen entwickelte sich wiederum rund ein Drittel trotzdem gut.
Als schützend erwies sich unter anderem mindestens eine verlässliche Bezugsperson, nicht zwingend aus der eigenen Familie.
Übersetzt auf die Bühne heißt das: Such dir deine Tauben.
Die Person, die nach dem Auftritt nicht „War doch gut“ sagt, sondern „Erzähl mal“.
Die offene Bühne, auf der du auch mal scheitern darfst.
Und sei selbst Taube für andere.
Wenn es nicht nur um einen schlechten Abend geht, sondern um mehr, dann rede mit jemandem, dem du vertraust, oder hol dir professionelle Hilfe.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Marla ruft nach Wochen die Freundin an, die ihr das Wort Resilienz geraten hatte.
Sie lachen über den Blackout.
Zum ersten Mal.
Fünfte Fabel: der Hirsch an der Quelle
Fünfte. Fabel
Der Hirsch an der Quelle
Ein Hirsch sah sich im Wasser einer Quelle und bewunderte sein prächtiges Geweih. Seine dünnen Beine dagegen fand er peinlich. Da kamen die Jäger. Die Beine trugen ihn schnell in den Wald, doch dort verfing sich das Geweih in den Ästen. Mit knapper Not riss er sich los.
Moral
Was du an dir versteckst, trägt dich oft am weitesten.
Am Rand, mit Bleistift: Die zittrige Stimme ist vielleicht dein Bein, nicht dein Geweih.
Die dünnen Beine, für die sich der Hirsch schämt, retten ihn.
Das prächtige Geweih bringt ihn fast um.
Auf der Bühne ist es oft genauso.
Die glatte, coole, ironische Fassung von dir ist das Geweih.
Die zittrige Stimme und der ehrliche Satz sind die Beine.
Die Sängerin Alicia Keys hat 2016 öffentlich erklärt, sich nicht mehr hinter Make-up verstecken zu wollen.
Achte in diesem Video darauf, wie die Entscheidung dort gedeutet wird, und ob es eigentlich um Make-up geht.
Marlon Brando hat auf privaten Tonbändern über sein Leben und sein Handwerk gesprochen, und der Dokumentarfilm „Listen to Me Marlon“ von 2015 ist aus diesen Aufnahmen gebaut.
Achte darauf, ob er über das Spielen wie über eine Technik spricht oder wie über etwas, das ihn etwas kostet.
Viola Davis hat in Interviews offen über die Armut gesprochen, in der sie aufgewachsen ist.
In dieser Serienszene spielt sie eine Anwältin beim Schlussplädoyer.
Achte darauf, wie viel sie mit Pausen und Blicken erzählt.
Aber Achtung, das ist die wichtigste Randnotiz im ganzen Buch.
„Zeig deine Beine“ heißt nicht „reiß deine Wunden auf“.
Die stärksten Texte entstehen selten aus dem Schmerz, der noch blutet.
Eher aus dem, den du schon halbwegs angeschaut hast.
Aus der Forschung · über Schweres schreiben
Der US-Psychologe James Pennebaker ließ ab den 1980er-Jahren Menschen an mehreren Tagen hintereinander jeweils rund eine Viertelstunde über belastende Erlebnisse schreiben.
In vielen Studien ging es den Schreibenden danach im Schnitt etwas besser, direkt nach dem Schreiben oft aber erst einmal schlechter.
Die Effekte sind eher klein und wirken nicht bei allen. Schreiben kann helfen, aber es ersetzt keine Therapie.
Achte in diesem Gespräch darauf, ob Schreiben dort als Heilmittel beschrieben wird oder als Werkzeug.
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Anhang · das Stehaufmännchen
Der Stoß
Blackout, Wertung, Stille. Es passiert.
Das Kippen
Du fällst zur Seite. Das darf wehtun.
Das Zurückkommen
Nicht, weil du hart bist, sondern weil dein Schwerpunkt tief liegt.
Der tiefe Schwerpunkt: Menschen, Übung, ein Grund zu schreiben.
Nach einem schlechten Abend helfen drei Schritte, und keiner davon ist heldenhaft.
Erstens: Fehler tolerieren.
Nicht lieben, nicht feiern, tolerieren.
Frag nicht „Was hätte ich anders machen sollen?“, sondern „Was nehme ich mit, und wann setze ich es um?“
Zweitens: das Urteil entkoppeln, wie beim Fuchs gelernt.
Drittens: aufstehen, ohne Drama.
Kein Anlauf, keine Kampfansage.
Notizbuch auf, einen Satz schreiben, fertig.
Und Marla?
Letzte Seite · von Hand ergänzt
Sechste Fabel: Die Frau und das Mikrofon
Einer Frau fiel mitten im Satz der Text aus dem Kopf. Sie blieb stehen, sagte, dass er fehlt, und wartete, bis der nächste kam.
Moral
Der Text darf fallen. Du bleibst stehen.
Sieben Wochen nach dem Blackout steht Marla auf einer kleinen offenen Bühne in einer Kneipe hinter dem Bahnhof.
Zwölf Leute, eine Lampe, kein Wettbewerb.
Ihr neuer Text ist aus drei Sätzen ihrer Rohmaterial-Sammlung entstanden.
In der zweiten Minute ist wieder eine Zeile weg.
Diesmal bleibt Marla stehen.
„Mir fehlt gerade ein Satz“, sagt sie.
Sie atmet, schaut ins Publikum, und jemand in der ersten Reihe lacht freundlich.
Dann kommt die nächste Zeile, und sie spricht weiter bis zum Ende.
Gewonnen hat sie nichts, es gab auch nichts zu gewinnen.
Aber sie ist geblieben.
Am nächsten Abend bringt sie Ottokar das Buch zurück.
„Behalt es“, sagt er.
„Die sechste Fabel fehlt noch.“
Also schreibt sie sie selbst, auf die letzte leere Seite.
Und du?
Du musst nicht unkaputtbar werden.
Es reicht, wenn du wieder aufstehst.
Wie das Schilfrohr am Morgen nach dem Sturm.
