Eine 30-Tage-Challenge · Selbstliebe
Poetry Slam über Selbstliebe: die Wartung, ohne die keine Lok fährt

Samstag, 9:15 Uhr.
Ein Lokschuppen am Rand der Stadt, es riecht nach Öl, Staub und kaltem Kaffee.
Tessa, 28, liegt halb unter einer alten Tenderlok von 1928.
Sie ist ehrenamtlich hier, jeden Samstag, seit vier Jahren.
Und sie redet mit der Lok.
„Na, meine Schöne, heute ein bisschen steif in den Gelenken?“
Sie ölt jedes Lager, als wäre es aus Porzellan.
Dann rutscht ihr die Ölkanne aus der Hand.
Ein dunkler Fleck breitet sich auf ihrer Jeans aus.
„Du Vollidiot“, zischt sie.
„Nicht mal das kriegst du hin.“
Am Werktisch hebt der alte Werkmeister den Kopf.
Er ist über siebzig und sagt selten etwas.
Heute schon.
„Das war das siebte Mal heute.“
Tessa schaut ihn verwirrt an.
„Das siebte Mal, dass du dich beschimpfst“, sagt er.
„Mit der Lok redest du wie mit einer Königin.“
„Und mit dir selbst wie mit einem rostigen Eimer.“
Dann wischt er sich die Hände an einem Lappen ab.
„Die Lok fährt nur, weil wir sie jede Woche warten“, sagt er.
„Wann hast du dich das letzte Mal gewartet?“
Am Abend malt Tessa dreißig Kästchen auf die Rückseite eines alten Fahrplans.
Eins für jeden Tag.
Wie das ausgeht, erfährst du ganz am Ende.
Tessa und der Werkmeister sind erfunden. Aber die fiese Stimme im Kopf kennen sehr viele Menschen – vielleicht auch du.
Kennst du das?
Du würdest nie zu einer Freundin sagen, dass sie ein Vollidiot ist.
Nicht mal, wenn sie Öl verschüttet.
Aber zu dir selbst sagst du es zehnmal am Tag.
Ohne nachzudenken.
Und wenn dann jemand von Selbstliebe spricht, denkst du …
Selbstliebe?
Klingt nach Schaumbad und Duftkerze.
Oder nach jemandem, der zu viele Selfies macht.
Quatsch!
Selbstliebe hat mit Eitelkeit so viel zu tun wie ein Ölwechsel mit Angeberei.
Sie ist Wartung.
Das, was eine Lok am Laufen hält, auch wenn es niemand sieht.
Und wenn du darüber einen Slam-Text schreiben willst, hast du ein Problem.
Das Publikum hat alle Sprüche schon gehört.
„Du bist genug.“
„Liebe dich selbst.“
Es nickt höflich und vergisst sie sofort.
Was es nicht vergisst, ist eine ehrliche Geschichte.
Mit Rückfällen, Ölflecken und dem Moment, in dem sich etwas verschiebt.
Darum bekommst du hier eine Challenge.
Dreißig Tage, dreißig Kästchen, fünf Minuten pro Tag.
Tessa macht sie.
Du kannst mitmachen.
Und am Ende steht ein Text.
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30 Tage · die Spielregeln
Bevor Tessa das erste Kästchen ankreuzt, zählt sie.
Einen ganzen Tag lang macht sie für jeden fiesen Satz einen Strich auf ihren Handrücken.
Am Abend sind es dreiundzwanzig Striche.
Dreiundzwanzig Mal „Du Idiotin“, „Typisch“ und „Das war ja klar“.
Sie macht ein Foto von ihrem Handrücken.
Dieses Foto wird später die erste Szene ihres Textes.
Also merke: Ein Text über Selbstliebe beginnt nicht bei der Liebe.
Er beginnt bei der Stimme, die dagegen arbeitet.
Nur wenn das Publikum diese Stimme hört, glaubt es dir den Rest.
Ein Wort noch, bevor es losgeht.
Diese Challenge ersetzt keine Therapie.
Wenn die Stimme in deinem Kopf dich nicht nur ärgert, sondern richtig runterzieht, hol dir Hilfe.
Bei deiner Hausärztin, bei einer Psychotherapeutin oder sofort am Telefon.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Woche 1: hinhören
Woche 1 · Hinhören
Zähl einen Tag lang jeden fiesen Satz über dich.
Schreib drei davon wörtlich auf.
Frag bei jedem: Wessen Stimme ist das?
Sag dem Spiegel Guten Morgen. Nur das.
Notier eine Sache, die heute geklappt hat.
Trink ein Glas Wasser, bevor du aufs Handy schaust.
Lies alles, was du diese Woche notiert hast.
Zwischenbilanz Woche 1
Fiese Sätze an Tag 1: dreiundzwanzig.
Häufigster Satz: „Typisch.“
Die Stimme klingt nach einem alten Sportlehrer. Nicht nach mir.
Die erste Woche ist die unangenehmste.
Denn Tessa hört plötzlich, was sie den ganzen Tag über sich selbst sagt.
Wörtlich.
Und sie merkt, dass diese Stimme gar nicht nach ihr klingt.
Sie klingt nach einem Sportlehrer, der sie vor vielen Jahren vor der ganzen Klasse ausgelacht hat.
Genau hier liegt der erste Schatz für deinen Text.
Die fiese Stimme ist eine Figur.
Gib ihr einen Namen.
Einen Tonfall.
Eine Lieblingsphrase.
Dann kannst du sie auf der Bühne auftreten lassen, und das Publikum erkennt sie sofort.
Weil fast jeder so eine Figur im Kopf hat.
Woche 2: umschreiben
Woche 2 · Umschreiben
Schreib einen fiesen Satz so um, wie du ihn einer Freundin sagen würdest.
Sag einmal Nein, ohne dich zu entschuldigen.
Geh zehn Minuten ohne Ziel spazieren.
verpasst · weiter
Schreib einen Satz über deinen Körper, der nichts bewertet.
Nimm ein Kompliment an. Nur „Danke“.
Lösch ein Foto nicht, nur weil du dich darauf nicht magst.
Schreib auf, was deine Hände heute geschafft haben.
Zwischenbilanz Woche 2
Tag 10 verpasst. Regen, keine Ausrede, trotzdem weiter.
Ein Kompliment angenommen. Gesicht so rot wie eine Pufferbohle.
Fiese Sätze pro Tag: etwa fünfzehn.
In der zweiten Woche wird es spannend.
Tessa nimmt ihre fiesen Sätze und macht den Freundinnen-Test.
Würde ich das zu meiner besten Freundin sagen?
Nein?
Dann schreib den Satz so um, wie du ihn ihr sagen würdest.
Aus „Du Vollidiot, nicht mal das kriegst du hin“ wird „Hey, das Ding ist glitschig, passiert jedem“.
Klingt klein.
Ist es aber nicht.
Kein Bullshit: Für einen Slam-Text ist das pures Gold.
Denn jetzt hast du zwei Stimmen.
Die fiese und die freundliche.
Und zwischen zwei Stimmen entsteht Spannung.
Du kannst sie streiten lassen.
Du kannst die fiese immer lauter und die freundliche immer ruhiger werden lassen.
Bis am Ende die ruhige gewinnt.
Du willst hören, wie jemand diesen Gedanken auf die Bühne bringt?
Schon der Titel ist eine kleine Wartungsanweisung.
Achte beim Zuschauen darauf, wer im Text spricht.
Redet da jemand zu sich selbst oder zum Publikum?
Und an welcher Stelle verschiebt sich das?
Woche 3: warten und pflegen
Woche 3 · Warten und pflegen
Lies etwas von jemandem, der klüger ist als deine fiese Stimme.
Geh eine Stunde früher ins Bett. Ohne Grund.
Mach etwas nur, weil es dir Spaß macht.
verpasst · weiter
Schreib auf, was du an einem schlechten Tag brauchst.
Iss einmal in Ruhe, ohne Bildschirm.
Frag jemanden, was er an dir mag, und widersprich nicht.
Verzeih dir eine Sache von früher. Eine kleine reicht.
Zwischenbilanz Woche 3
Tag 17 verpasst. Im Bett geblieben. Kein Drama.
Was ich an so einem Tag brauche: Tee, eine Decke, niemanden, der fragt.
Fiese Sätze pro Tag: etwa elf.
An Tag 15 findet Tessa in der Stadtbibliothek einen Satz, der sie nicht mehr loslässt.
Fundstück · Tag 15
Audre Lorde war Dichterin und Aktivistin in den USA.
Sie setzte sich ihr Leben lang für andere ein und lebte viele Jahre mit einer schweren Krebserkrankung.
Sinngemäß schrieb sie: Für sich selbst zu sorgen ist keine Selbstverwöhnung, sondern Selbsterhaltung.
So ist es überliefert. Tessa hat den Satz abgeschrieben und an ihren Spind geklebt.
Selbsterhaltung.
Wartung.
Genau das, wovon der Werkmeister gesprochen hat.
Und dann kommt Tag 17.
Ein schlechter Tag.
Sie bleibt im Bett, kreuzt nichts an und hört der fiesen Stimme den ganzen Nachmittag zu.
Am nächsten Morgen macht sie einfach mit Tag 18 weiter.
Kein Nachholen, kein Drama.
Aber hier kommt der Haken:
Viele würden Tag 17 aus ihrem Text streichen.
Weil er nicht in die schöne Geschichte passt.
Mach das nicht.
Der Rückschlag ist das, was deinen Text glaubwürdig macht.
Ein Text, in dem alles glatt läuft, klingt nach Werbung.
Ein Text mit Tag 17 klingt nach einem Menschen.

Woche 4: sprechen
Woche 4 · Sprechen
Nimm den fiesesten Satz aus Woche 1 als erste Zeile.
Schreib die Antwort darauf.
Sammle drei kleine Dinge, die du an dir magst.
Lies deinen Entwurf laut, nur für dich.
Streich jeden Satz, der nach Kalenderspruch klingt.
Lies ihn einem Menschen vor, dem du vertraust.
Schreib den einen netten Satz. Ohne Ironie.
Zwischenbilanz Woche 4
Der Text steht: drei Minuten, zehn Sekunden.
Erste Zeile: der fieseste Satz. Letzte Zeile: der netteste.
Fiese Sätze pro Tag: sechs.
Jetzt wird geschrieben.
Tessa baut ihren Text aus drei Teilen.
Am Anfang steht der fieseste Satz aus Woche 1, genau so, wie sie ihn gedacht hat.
In der Mitte stehen kleine Szenen aus den dreißig Tagen.
Das Kompliment, bei dem sie rot geworden ist.
Das Nein ohne Entschuldigung.
Tag 17 im Bett.
Und am Ende steht ein einziger netter Satz.
Der schwerste Satz des ganzen Textes.
Bonus: Streich alles, was nach Kalenderspruch klingt.
„Du bist wertvoll“ fliegt raus.
„Ich mag, wie meine Hände nach Öl riechen, wenn die alte Lok wieder läuft“ bleibt drin.
Merkst du den Unterschied?
Der erste Satz könnte auf jeder Tasse stehen.
Der zweite gehört nur Tessa.
Hier ist ein Auftritt, der das Thema schon im Titel trägt.
Achte darauf, welche Sätze nach Kalender klingen und welche nach einem echten Menschen.
Schreib von jeder Sorte einen auf.
Und frag dich, welcher dich mehr berührt.
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Jetzt Kanal folgenTag 29 und 30: der Auftritt
Die letzten zwei Kästchen
Üb den Text dreimal hintereinander.
Lies ihn vor.
Das Sommerfest im Lokschuppen.
Zwischen zwei Loks steht eine kleine Bühne aus Europaletten.
Es gibt Würstchen, Limo und eine Musikanlage, die bei jedem dritten Lied rauscht.
Tessa hat sich auf die Liste setzen lassen.
Direkt nach dem Männerchor.
Sie zeigt das Foto von ihrem Handrücken mit den dreiundzwanzig Strichen.
Dann liest sie.
Die fiese Stimme bekommt einen Namen und eine Trillerpfeife.
Das Publikum lacht.
Bei Tag 17 wird es still.
Dann kommt der letzte Satz.
Tessa muss zweimal ansetzen.
Tessa, du bist nicht fertig. Aber du bist gut. Und ab heute sage ich dir das öfter.
Der Werkmeister steht ganz hinten neben der Lok.
Er nickt einmal.
Mehr braucht es nicht.
Nach der Challenge: Wartung bleibt
Fiese Sätze pro Tag · Tessas Strichliste
23
15
11
6
Nächste Wartung: morgen.
Dreiundzwanzig fiese Sätze am ersten Tag.
Sechs am letzten.
Nicht null.
Und das ist die ehrlichste Nachricht dieses Beitrags.
Die Stimme verschwindet nicht nach dreißig Tagen.
Aber sie bekommt Gegenwind.
Jeden Tag ein bisschen mehr.
Selbstliebe ist kein Ziel, das du einmal erreichst.
Sie ist Wartung.
Immer wieder, jede Woche, wie bei einer alten Lok.
Und du?
Mal dir heute Abend dreißig Kästchen auf.
Egal worauf.
Kreuz morgen das erste an.
Und in dreißig Tagen liest du jemandem einen Satz vor, den du noch nie zu dir gesagt hast.
