Poetry Slam zum Abschied: das Winken vom Bahnsteig

Ein Tagebuch · Abschied

Poetry Slam zum Abschied: das Winken vom Bahnsteig

Poetry Slam zum Abschied: ein Waschbär schaut am Bahnsteig einem abfahrenden Zug nach
Der Zug fährt ab · bahn-slam.de

Abschied nehmen ist schwer.

Darüber reden ist noch schwerer.

Vor allem, wenn dich alle anschauen.

Kennst du das?

Du willst etwas sagen, das bleibt.

Aber alles, was dir einfällt, klingt wie eine Glückwunschkarte aus dem Supermarkt.

„Ich werde euch vermissen.“

„Wir bleiben in Kontakt.“

Stimmt ja alles.

Aber es berührt niemanden.

Heute zeige ich dir einen anderen Weg.

Nicht mit einer Liste.

Sondern mit einem Tagebuch.

Es gehört Carla.

Carla ist 34 und zieht von Leipzig nach Kiel.

In sechs Tagen fährt ihr Zug.

Und bei ihrer Abschiedsparty soll sie „was sagen“.

Sie hat eine Woche lang aufgeschrieben, wie ihr Text entstanden ist.

Tag für Tag.

Mit allen Umwegen.

Carla und Jana sind erfunden. Aber ihre Woche könnte jede Woche sein, in der jemand Abschied nehmen muss – vielleicht sogar deine.

Nach jedem Eintrag erkläre ich dir, was du daraus für deinen eigenen Text lernen kannst.

Bereit?

Dann schlag die erste Seite auf.

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Montag: die verbotenen Sätze

Montag · noch sechs Tage

Die Kisten stehen im Flur.

Jana hat gefragt, ob ich bei der Abschiedsparty „was sage“.

Ich habe Ja gesagt.

Warum habe ich Ja gesagt?

Ich habe mich hingesetzt und geschrieben: „Ich werde euch so vermissen.“

Dann habe ich das Heft zugeklappt.

Klingt vertraut?

Der erste Satz, der dir einfällt, ist fast immer der schwächste.

Nicht, weil er falsch ist.

Sondern weil er allen gehört.

Mach es darum wie Carla am nächsten Morgen.

Schreib zuerst alles auf, was du nicht sagen willst.

Die Liste der verbotenen Sätze

„Ich werde euch so vermissen.“

„Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt.“

„Es ist ja kein Abschied für immer.“

„Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

„Ich will jetzt gar nicht viele Worte machen.“

Alle wahr.

Alle schon tausendmal gehört.

Das ist keine Zeitverschwendung.

Das ist Aufräumen.

Wenn die Floskeln auf dem Papier stehen, sind sie aus deinem Kopf raus.

Und dann ist dort Platz für das Echte.

Dienstag: Orte statt Gefühle

Dienstag · noch fünf Tage

Heute bin ich meine Wege abgelaufen.

Zum Bäcker an der Ecke.

Zur Bank an der Elster, die immer nass ist, egal wie lange es nicht geregnet hat.

Zum Bahnhof, wo Jana mich um drei Uhr nachts abgeholt hat, als der letzte Zug ausfiel.

Ich habe alles aufgeschrieben.

Auf einmal hatte ich zwei Seiten.

Merkst du, was da passiert ist?

Carla hat aufgehört, über ihre Gefühle zu schreiben.

Sie schreibt über Orte.

Und plötzlich sind die Gefühle trotzdem da.

Sogar stärker.

Carlas Stationen

Der Bäcker an der Ecke

Packt seit sechs Jahren „das Übliche“ ein, obwohl Carla jedes Mal etwas anderes bestellt.

Die Bank an der Elster

Immer nass, egal wie lange es nicht geregnet hat.

Der Bahnhof um drei Uhr nachts

Letzter Zug ausgefallen, Jana kommt im Schlafanzug mit dem Auto.

Janas Küche

Viel zu klein für zwanzig Leute, und trotzdem passen immer alle rein.

Also merke: Gefühle kannst du nicht beschreiben.

Du kannst nur die Orte beschreiben, an denen sie passiert sind.

Den Rest macht das Publikum.

Jeder im Raum kennt die nasse Bank.

Jeder war schon mal um drei Uhr nachts auf einem Bahnhof.

Und jeder denkt dabei an seinen eigenen Menschen im Schlafanzug.

Mittwoch: der Du-Test

Mittwoch · noch vier Tage

Erster Entwurf fertig.

Ich habe ihn mir laut vorgelesen.

Siebenmal „ich“ im ersten Absatz.

Ich vermisse, ich gehe, ich habe Angst.

Das klingt, als würde ich eine Rede über mich halten.

Dabei geht es doch um die anderen.

Das passiert fast allen.

Ein Abschiedstext wird schnell zu einer Rede über dich selbst.

Deine Angst.

Dein Neuanfang.

Deine Kisten im Flur.

Hier kommt der Du-Test.

Zähl in deinem Entwurf, wie oft „ich“ vorkommt und wie oft „du“, „ihr“ oder ein Name.

Wenn „ich“ gewinnt, schreib um.

Nicht alles.

Nur so lange, bis die anderen gewinnen.

Carla hat aus „Ich vermisse den Bäcker“ gemacht: „Der Bäcker packt mir seit sechs Jahren das Übliche ein.“

Gleicher Inhalt.

Aber jetzt steht der Bäcker im Mittelpunkt.

Und alle sehen ihn vor sich.

Donnerstag: das Schwierige gehört dazu

Donnerstag · noch drei Tage

Streit mit Jana.

Sie hat gesagt, ich hätte es ihr viel zu spät erzählt.

Sie hat recht.

Ich wollte es erst sagen, wenn alles sicher ist.

Sie hat es von jemand anderem erfahren.

Soll so etwas in den Text?

Oder mache ich damit alles kaputt?

Das ist die Frage, vor der die meisten zurückschrecken.

Soll das Unangenehme in den Text?

Meine Antwort: Ja.

Aber vorsichtig.

Ein Abschied hat fast immer eine schwierige Seite.

Jemand ist gekränkt.

Jemand ist wütend, weil du gehst.

Oder du bist es selbst.

Wenn du so tust, als wäre alles nur schön, merkt das jeder.

Dann wird dein Text zur Festrede.

Wenn du das Schwierige in einem einzigen Satz ansprichst, wird er wahr.

Ein Abschiedstext ohne Schatten ist ein Werbeprospekt.

Wichtig: Sprich vorher mit dem Menschen, um den es geht.

Carla hat Jana am Donnerstagabend angerufen.

Sie hat gefragt: „Darf ich das am Samstag sagen?“

Jana hat lange nichts gesagt.

Dann: „Nur, wenn du’s ernst meinst.“

Ein Waschbär hebt am Bahnsteig eine Pfote, während der Zug abfährt
Winken am Bahnsteig · bahn-slam.de

Freitag: Proben im leeren Zimmer

Freitag · noch zwei Tage

Die Wohnung ist fast leer.

Ich habe den Text im leeren Wohnzimmer geprobt.

Es hallt.

Beim dritten Durchgang musste ich an der Stelle mit dem Schlüssel aufhören.

Nicht weil ich den Text vergessen hatte.

Weil mir die Stimme weggeblieben ist.

Das ist der Moment, vor dem alle Angst haben.

Und gleichzeitig der beste Moment der ganzen Woche.

Denn jetzt weißt du, wo dein Text am stärksten ist.

Genau da, wo dir beim Proben die Stimme wegbleibt.

Kein Bullshit: Diese Stelle kommt nicht raus.

Diese Stelle übst du doppelt.

Bis du sie sagen kannst, ohne dass sie dich umhaut.

Umhauen soll sie am Samstag die anderen.

Probe-Check für Freitag

Wenn du sehen willst, wie jemand ein einziges Bild durch einen ganzen Text trägt, dann schau dir das hier an.

Schon der Titel verrät das Bild: Boote.

Felix Treder · „Nur wer in den richtigen Booten ist“ · Kampf der Künste

Achte beim Zuschauen darauf, wie oft das Bild wiederkommt.

Und wie es sich dabei verändert.

Genau so kann bei dir der Schlüssel, der Bahnsteig oder die Küche wiederkommen.

Welcher Abschied ist deiner?

Carla zieht um.

Dein Abschied sieht vielleicht ganz anders aus.

Hier ist, worauf es bei den häufigsten Anlässen ankommt.

Umzug

  • Erzähl von Orten, nicht von Gefühlen.
  • Nenn eine Sache, die du dalässt.
  • Sag nicht „Wir bleiben in Kontakt“ – mach ein konkretes Versprechen.

Neuer Job, altes Team

  • Eine gemeinsame Geschichte statt einer Dankesliste.
  • Keine Abrechnung, auch wenn es verlockend ist.
  • Drei Minuten, nicht mehr – es gibt Kuchen.

Schulabschluss

  • Sag „wir“ statt „ich“.
  • Insider sind erlaubt, aber erklär sie kurz für Eltern und Großeltern.
  • Vergiss die Menschen im Hintergrund nicht: Hausmeister, Sekretariat, Mensa.

Trauerfeier

  • Sprich vorher mit der Familie.
  • Eine einzige Erinnerung reicht.
  • Humor ist erlaubt, wenn der Mensch humorvoll war – frag nach.
  • Lies vom Blatt, das ist hier kein Makel.

Egal welcher Anlass: Das Tagebuch-Prinzip funktioniert immer.

Verbotene Sätze streichen.

Orte sammeln.

Den Du-Test machen.

Das Schwierige ansprechen.

Proben, bis die starke Stelle trägt.

Kurze Frage

Was gehört am wenigsten in einen Abschiedstext?

Auflösung anzeigen

Die Liste. Sie ist langweilig, und garantiert fehlt am Ende jemand. Der Streit dagegen darf rein – vorsichtig und ehrlich, so wie bei Carla. Er macht den Text wahr.

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Samstag: der Abend

Samstag · der Abend

Die Küche von Jana, zwanzig Leute, viel zu warm.

Ich habe gewartet, bis die Musik leiser war.

Dann habe ich einfach angefangen.

Ohne Glas, ohne „Darf ich mal kurz“.

Beim Bäcker haben alle gelacht.

Bei Jana wurde es still.

Beim Schlüssel habe ich hochgeschaut.

Jana hat geweint.

Ich auch.

Und das hat Carla an diesem Abend vorgelesen.

Nicht den ganzen Text.

Nur den Teil, bei dem es in der Küche still wurde.

Aus Carlas Text

Ich gehe nicht wegen euch.

Ich gehe trotz euch.

Ich nehme mit: den Bäcker, der mir seit sechs Jahren „das Übliche“ einpackt.

Die Bank an der Elster, die nie trocken wird.

Und Jana, die um drei Uhr nachts im Schlafanzug am Bahnhof steht.

Jana, es tut mir leid, dass du es von jemand anderem erfahren hast.

Ich lasse hier: meinen Zweitschlüssel.

Nicht, weil ich zurückkomme.

Sondern damit es hier eine Tür gibt, die sich für mich öffnet.

Siehst du, was da alles drinsteckt?

Die Orte vom Dienstag.

Der Du-Test vom Mittwoch.

Die Entschuldigung vom Donnerstag.

Und am Ende ein Ding, das dableibt.

Keine verbotenen Sätze.

Kein einziges „Ich werde euch vermissen“.

Und trotzdem hat es jeder gespürt.

Sonntag: im Zug

Sonntag · im Zug

Jana stand am Bahnsteig.

Sie hat gewunken, bis der Zug in der Kurve war.

Ich habe zurückgewunken, obwohl ich wusste, dass sie mich nicht mehr sieht.

In meiner Jackentasche war etwas.

Ein Zettel von Jana.

Darauf stand nur: „Die Tür bleibt offen.“

Das ist das Schönste an einem guten Abschiedstext.

Er ist kein Schlusspunkt.

Er ist ein Doppelpunkt.

Carla hat ihren Schlüssel dagelassen.

Jana hat ihr einen Satz mitgegeben.

Beide haben etwas in der Hand.

Und du?

Was lässt du da?

Nichts wird gespeichert. Das hier ist nur für dich.

Wenn du darauf eine Antwort hast, hast du deinen letzten Satz.

Der Rest ist eine Woche Arbeit.

Sechs Tage, ein Heft, ein bisschen Mut.

Du schaffst das.


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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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