Soufflierbuch · Auswendig lernen
„Auswendig lernen ohne Wahnsinn – so merkt’s dein Kopf wirklich“

Dienstag, 23:40 Uhr, ein Mietshaus mit dünnen Wänden.
Cem will seinen neuen Text auswendig lernen und liest ihn zum einundfünfzigsten Mal.
Auswendig lernen fühlt sich an diesem Abend an wie Wasser in ein Sieb schütten.
Am Samstag ist der Slam im Stadtteilzentrum, sechs Minuten, sein bisher längster Text.
Er handelt vom Radio seines Vaters, das seit Jahren nur rauscht.
Beim Lesen sitzt jedes Wort.
Sobald Cem das Blatt weglegt, reißt der Faden, immer an derselben Stelle.
Er fängt wieder oben an.
„Mein Vater repariert seit Jahren dasselbe Radio.“
Und wieder.
„Mein Vater repariert seit Jahren dasselbe Radio.“
Nebenan klopft es an die Wand.
Dann klingelt es an der Tür.
Draußen steht Josefa, die Nachbarin aus dem dritten Stock, im Morgenmantel.
Sie hat dreißig Jahre im Souffleurkasten des Stadttheaters gesessen.
„Du liest ihn“, sagt sie.
„Du lernst ihn nicht.“
Cem und Josefa sind erfunden. Aber das Gefühl, einen Text fünfzigmal gelesen zu haben und ihn trotzdem nicht zu können, kennt fast jeder, der auftritt.
Kennst du das?
Zu Hause kannst du deinen Text.
Auf dem Weg zur Bühne kannst du ihn auch noch.
Und dann stehst du vor dem Mikro, und in deinem Kopf ist nur noch weißes Rauschen.
Das hat nichts mit einem schlechten Gedächtnis zu tun.
Es hat damit zu tun, wie du lernst.
Die gute Nachricht: Das kann man ändern, und zwar ohne Wahnsinn.
Josefa hat es drei Jahrzehnte lang jeden Abend aus nächster Nähe gesehen.
Heute schlagen wir ihr Soufflierbuch auf.
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Jetzt Kanal folgenAuswendig lernen: warum fünfzigmal Lesen nicht reicht
Soufflierbuch · Seite 1 · „Das Radio meines Vaters“
St = Stichwort · | = hier atmen · H! = Hängergefahr (Übergang) · ⟶ = nicht schneller werden
Josefa setzt sich an Cems Küchentisch und zieht einen Bleistift aus der Tasche.
Sie markiert seinen Text so, wie sie früher jedes Rollenbuch markiert hat.
Stichworte, Atemstellen, Hängergefahr.
Dann erklärt sie ihm den größten Irrtum beim Auswendiglernen.
Wer einen Text immer wieder liest, erkennt ihn irgendwann.
Jede Zeile kommt einem vertraut vor.
Das fühlt sich an wie Können.
Ist es aber nicht.
Wiedererkennen und selbst abrufen sind zwei verschiedene Dinge.
Auf der Bühne hast du kein Blatt vor der Nase, du musst den Text selbst hervorholen.
Genau das trainierst du beim Lesen nicht.
Die Gedächtnisforschung kennt diesen Effekt seit Langem.
In einer bekannten Studie aus dem Jahr 2006 behielten Studierende, die einen Text aus dem Gedächtnis abgerufen hatten, eine Woche später deutlich mehr als jene, die ihn nur noch einmal gelesen hatten.
Und schon 1885 beschrieb Hermann Ebbinghaus, wie schnell wir Gelerntes vergessen: am Anfang rasant, später langsamer.
Also merke: Lesen fühlt sich fleißig an.
Abrufen macht dich sicher.
Deshalb gilt ab heute eine einfache Regel.
Leg das Blatt weg, bevor du dich sicher fühlst.
Sprich, so weit du kommst.
Erst dann schaust du nach.
Achte beim Schauen darauf, welche Methoden der Reihe nach vorgestellt werden.
Frag dich bei jeder, ob sie Lesen oder Abrufen trainiert.
Der Souffleurkasten: Blöcke statt Zeilen
Einsatzkarte · sieben Blöcke, sieben Anfänge
Erst die Reihenfolge der Blöcke lernen, dann die Anfänge, zuletzt den Rest.
„Weißt du, wo die Leute hängen bleiben?“, fragt Josefa.
Cem tippt auf die Mitte einer Strophe.
Josefa schüttelt den Kopf.
„An den Übergängen.“
Mitten in einem Absatz trägt dich der Schwung.
Aber zwischen zwei Absätzen gibt es eine Lücke, und in diese Lücke fällt man.
Deshalb lernst du deinen Text nicht Zeile für Zeile von oben nach unten.
Du lernst ihn wie ein Bühnenbild: erst das Gerüst, dann die Möbel.
Teil den Text in Blöcke, meistens sind es fünf bis acht.
Gib jedem Block einen kurzen Namen, der den Inhalt trifft.
Lern zuerst nur die Reihenfolge der Namen.
Dann die ersten Worte jedes Blocks.
Erst zuletzt füllst du auf, was dazwischen steht.
Eine Abkürzung dorthin ist die Kurzfassung.
Schreib zu jedem Block genau einen Satz, der sagt, was dort passiert.
Sieben Blöcke, sieben Sätze, eine Mini-Version deines Textes.
Die lernst du zuerst, und zwar so gut, dass du sie jederzeit erzählen kannst.
Viele Slamtexte folgen außerdem einem Grundmuster, das beim Merken hilft: früher, heute, morgen.
Oder: Behauptung, Gegenbeweis, Wendung.
Wenn du das Muster deines Textes erkennst, ergibt die Reihenfolge Sinn, und was Sinn ergibt, vergisst man schwerer.
Wer das Gerüst sicher kennt, verliert sich nicht mehr, auch wenn mal ein Satz fehlt.
Bonus: Schreib die Blockanfänge groß auf Zettel und häng sie dort auf, wo du jeden Tag vorbeikommst.
An den Spiegel, an den Kühlschrank, neben die Kaffeemaschine.
Dein Blick streift sie, ohne dass du lernen musst.
Rundgang durchs Theater: der Gedächtnispalast
Rundgang durchs Theater · Gedächtnispalast mit sieben Stationen
Bühneneingang · Block 1 Das Radio
Statt einer Klingel hängt dort ein altes Radio.
Pförtnerloge · Block 2 Das Rauschen
Der Fernseher des Pförtners zeigt nur Schnee und rauscht.
Garderobe · Block 3 Das Meer
Alle Mäntel tropfen, als kämen sie direkt aus dem Meer.
Spiegelflur · Block 4 Die Werkstatt
In jedem Spiegel steckt ein Schraubenzieher.
Seitenbühne · Block 5 Der Anruf
Im Vorhang klingelt ein Telefon, das keiner findet.
Bühne · Block 6 Die Frequenz
Der Scheinwerfer summt wie ein Sender, den man sucht.
Souffleurkasten · Block 7 Der letzte Satz
Josefa hält eine Karte mit dem letzten Wort hoch.
Jetzt holt Josefa den ältesten Trick der Gedächtniskunst heraus.
So ist es überliefert: Der griechische Dichter Simonides von Keos soll als einziger Gast einen Einsturz bei einem Festmahl überlebt haben.
Er konnte die Toten benennen, weil er sich erinnerte, wer wo gesessen hatte.
Daraus entstand die Methode der Orte.
Du legst das, was du dir merken willst, an Stationen eines Weges ab, den du im Schlaf kennst.
Beim Abrufen gehst du den Weg in Gedanken ab und sammelst alles wieder ein.
Josefa nimmt dafür ihren alten Weg durchs Theater.
Vom Bühneneingang bis in den Souffleurkasten, sieben Stationen für sieben Blöcke.
An jeder Station liegt ein Bild, und je schräger es ist, desto besser bleibt es haften.
Dass das keine Spielerei ist, zeigt der Journalist Joshua Foer.
Er sah 2005 bei der US-Gedächtnismeisterschaft zu, begann danach zu trainieren und gewann den Wettbewerb ein Jahr später selbst.
Ein Kartenspiel mit 52 Karten merkte er sich dabei in einer Minute und vierzig Sekunden, damals ein US-Rekord.
In seinem Buch „Moonwalking with Einstein“ beschreibt er, dass solche Leistungen vor allem auf Technik beruhen.
Eine Londoner Forschungsgruppe kam 2003 zu einem ähnlichen Schluss: Die Gehirne von Gedächtnissportlern waren im Aufbau unauffällig, sie nutzten nur geschickt räumliche Strategien.
Du brauchst also kein besonderes Gehirn.
Du brauchst einen guten Weg.
Das kann deine Wohnung sein, dein Schulweg oder die Haltestellen deiner Pendelstrecke.
Jede Haltestelle ein Block, und im Zug gehst du den Text ganz nebenbei durch.
Körper und Gefühl: wo sich ein Text festhält
Cem steht beim Lernen still am Tisch.
Josefa bittet ihn aufzustehen.
„Auf der Bühne stehst du ja auch nicht im Sitzen.“
Was du mit dem Körper tust, merkst du dir leichter als das, was du nur liest.
Die Gedächtnisforschung nennt das den Tu-Effekt.
Gib deshalb jedem Block eine kleine Bewegung.
Einen Schritt, eine Geste, eine Blickrichtung.
Keine Choreografie, sondern Haltegriffe.
Wenn der Kopf auf der Bühne kurz leer ist, erinnert sich oft die Hand.
Das Gleiche gilt für Gefühle.
Ein Block, den du nur als Wortfolge kennst, rutscht leicht weg.
Ein Block, von dem du weißt, wie er sich anfühlt, bleibt.
Frag dich deshalb bei jedem Block: Was spüre ich hier, und wohin will die Stimmung als Nächstes?
Wer den Gefühlsbogen kennt, findet auch den Weg durch die Wörter.
Noch ein Tipp für unterwegs.
Nimm deinen Text mit dem Handy auf, einmal ruhig, einmal wütend, einmal ganz leise.
Hör dir die Aufnahmen beim Spazierengehen an und sprich mit, sobald du kannst.
Und bevor du einschläfst, geh den Text einmal in Gedanken durch, Block für Block, Station für Station.
Manchen hilft noch ein Trick aus dem Theater.
Sie lernen den Text zuerst als Figur, mit einer anderen Stimme und einer anderen Haltung.
Das nimmt Druck heraus, weil nicht du es bist, der gerade übt.
Später legst du die Figur ab, und der Text bleibt.

Der Wiederholungskalender: Vergessen ist eingeplant
Wiederholungskalender · Vergessen ist eingeplant
Tag 1
lernen
Blöcke, Reihenfolge, Anfänge. Abends einmal aus dem Kopf aufschreiben.
Tag 2
abrufen
Ohne Blatt sprechen, erst danach nachsehen. Lücken markieren.
Tag 4
abrufen
Beim Gehen sprechen. Nur die markierten Lücken nachlesen.
Tag 7
prüfen
Einmal komplett vor einem Menschen, der mitliest.
Tag 14
festigen
In fremder Umgebung und mit Zufallseinstieg.
Abend vorher
ruhen
Einmal durchsprechen, dann schlafen. Kein Nachtlernen.
Cem will am liebsten die ganze Nacht durchlernen.
Josefa schickt ihn ins Bett.
Das ist kein mütterlicher Reflex, sondern Handwerk.
Im Schlaf festigt das Gehirn, was du tagsüber gelernt hast.
Wer die Nacht durchlernt, stiehlt sich genau diese Arbeit.
Außerdem wirkt Wiederholung besser, wenn sie verteilt ist.
Fünfmal an fünf Tagen schlägt fünfzigmal an einem Abend, und zwar deutlich.
Denn jedes Mal, wenn du fast vergessen hast und den Text trotzdem wieder hervorholst, wird die Spur tiefer.
Das Vergessen ist also nicht dein Gegner.
Es ist der Trainingspartner.
Der Kalender oben ist ein Vorschlag, kein Gesetz.
Wichtig ist nur das Prinzip: lernen, schlafen, abrufen, Pause, wieder abrufen.
Und immer erst sprechen, dann nachsehen.
Die beste Kontrolle ist ein leeres Blatt.
Schreib den Text aus dem Kopf auf und vergleich ihn danach mit dem Original.
Jede Lücke ist ein Geschenk, denn sie zeigt dir, wo du als Nächstes üben musst.
Generalprobe unter Störungen
Probenplan · Generalprobe unter Störungen
Nicht auf dem Plan: Lernen unter Hunger, Schlafmangel, Kälte oder Schmerz. Das schadet dem Gedächtnis, statt es zu stärken.
Im Theater gibt es vor der Premiere die Generalprobe.
Beim Slam gibt es die meistens nicht.
Also baust du dir deine eigene.
Und zwar Stufe für Stufe, vom stillen Zimmer bis zum echten Publikum.
Warum ist das so wichtig?
Weil dein Gedächtnis den Ort mitspeichert, an dem du lernst.
In einem berühmten Versuch von 1975 lernten Taucher Wörter entweder unter Wasser oder an Land.
Sie erinnerten sich besser, wenn sie in derselben Umgebung abgefragt wurden.
Deine Küche ist nicht die Bühne.
Deshalb musst du deinen Text dort üben, wo es anders klingt, anders aussieht und anders riecht.
Beim Gehen, vor der Kamera, mit laufendem Radio, vor Menschen.
Film dich einmal und schau dir die Aufnahme ohne Ton an.
An welchen Stellen sieht man dir an, dass du suchst?
Genau dort liegen deine nächsten Übungsstellen.
Eine kleine Konstante darf trotzdem mit.
Ein Glas Wasser, das du bei jeder Probe neben dich stellst, stellst du auch auf der Bühne neben dich.
Die wichtigste Übung auf dem Plan ist der Zufallseinstieg.
Würfle einen Block aus und fang genau dort an.
Wer an jeder Stelle einsteigen kann, kommt auch nach einem Hänger wieder hinein.
Kein Bullshit: Irgendwo liest man immer wieder, Lernen unter Hunger, Kälte oder Schlafentzug brenne den Text besonders tief ein.
Das ist Unsinn.
Schlafmangel schadet dem Gedächtnis nachweislich, und wer sich quält, lernt vor allem, dass Lernen wehtut.
Notfallsoufflage: wenn der Kasten leer bleibt
Notfallsoufflage · wenn der Kasten leer bleibt
Beim Slam sitzt niemand im Souffleurkasten.
Also musst du dir selbst soufflieren können.
Der wichtigste Satz dazu kommt von Josefa.
„Die Pause gehört dir.“
Ein Hänger fühlt sich auf der Bühne an wie eine Ewigkeit.
Im Saal sind es oft nur zwei Sekunden, und viele halten sie für Absicht.
Bleib stehen, atme aus und sag den letzten Satz noch einmal.
Sehr oft zieht er den nächsten hinter sich her.
Wenn nicht, geh in deinen Gedächtnispalast und schau nach, in welchem Raum du gerade stehst.
Für den Rest gibt es den Brückensatz.
Bau dir für heikle Übergänge einen Satz, der zum Ton deines Textes passt und dir ein paar Sekunden schenkt.
Cems Brückensatz lautet: „Moment, ich such noch den Sender.“
Im Radio-Text klingt das wie Absicht, und manchmal gibt es sogar einen Lacher dafür.
Hilft auch das nicht, springst du zum Anfang des nächsten Blocks.
Das Publikum kennt deinen Text nicht.
Es merkt die Lücke meistens gar nicht.
Und übrigens darfst du bei den meisten Slams ablesen.
Auswendig wirkt oft freier und direkter, aber ein Blatt in der Hand ist keine Schande.
Manchen gibt schon das Wissen, dass es da ist, genug Ruhe, um es nie anzusehen.
Achte beim Zuhören darauf, welche Erklärungen für Blackouts genannt werden.
Vergleich sie mit deinem eigenen letzten Hänger: Welche passt am besten?
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Abendbericht der Souffleuse
Vorstellung: Slam im Stadtteilzentrum
Hänger: 1, Übergang 4 → 5
selbst gelöst, Station Spiegelflur
Soufflagen: 0
Bester Abend seit Langem. J.
Samstagabend, Stadtteilzentrum, Cem ist als Vierter dran.
Josefa sitzt in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne, dort, wo früher ihr Kasten war.
Die ersten Blöcke laufen wie auf Schienen.
Radio, Rauschen, Meer.
Dann kommt der Übergang zur Werkstatt, die alte Stelle.
Der Satz ist weg.
Cem bleibt stehen.
Er atmet aus.
In Gedanken steht er im Spiegelflur, und in jedem Spiegel steckt ein Schraubenzieher.
Da ist der Satz wieder.
„Seine Werkstatt riecht nach Lötzinn und nach Sonntag.“
Im Saal hat niemand etwas gemerkt, außer einer Person in der ersten Reihe.
Nach dem letzten Satz ist es kurz still, dann wird geklatscht.
Hinterher drückt Josefa ihm einen Zettel in die Hand, ihren Abendbericht, wie früher im Theater.
Hänger: einer.
Soufflagen: keine.
„Der schönste Abend für eine Souffleuse“, sagt sie, „ist der, an dem sie nichts zu tun hat.“
Cem hat den Zettel in sein Rollenbuch geklebt.
Gleich neben die Einsatzkarte, auf der sein nächster Text schon in Blöcke geteilt ist.
Fang heute mit deinem an.
Sieben Namen, sieben Anfänge, sieben Stationen.
Der Rest kommt von allein, Tag für Tag, Station für Station.
