Ein Spielplatz · Verspieltheit
Poetry Slam Jungbrunnen. Warum innere Verspieltheit stärker wirkt als Botox.

Donnerstag, 16:40 Uhr, der Spielplatz direkt neben dem Bahnhof.
Für Elke sollte der Poetry Slam ein Jungbrunnen sein, stattdessen klingen ihre Texte wie Grabsteine.
Sie ist 45, Steuerfachangestellte, und ihr Zug hat vierzig Minuten Verspätung.
Also sitzt sie auf der Bank am Sandkasten und liest ihren neuen Text noch einmal durch.
Er heißt „Steuerbescheid“, er ist fehlerfrei, und er ist tot.
Neben der Rutsche kniet eine Frau mit Klemmbrett und klopft mit einem kleinen Hammer gegen die Pfosten.
Ada ist Spielplatzprüferin und schaut sich einmal im Jahr jedes Gerät hier an.
„Darf ich?“, fragt sie und zeigt auf Elkes Blatt.
Elke nickt, weil vierzig Minuten lang sind.
Ada liest, dann schaut sie hoch.
„Sicher ist der“, sagt sie.
„Zu sicher, da würde ich keine Plakette draufkleben.“
Elke und Ada sind erfunden. Aber die Angst, auf der Bühne albern zu wirken, kennt fast jeder, und sie macht aus lebendigen Texten sehr ordentliche Denkmäler.
Kennst du das?
Du glaubst, Tiefe entsteht durch Ernst, durch Leid und durch schwere Metaphern mit schwarzem Kaffee.
Also schreibst du ernst.
Und dein Publikum nickt höflich, wie man vor einem Denkmal nickt.
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Jetzt Kanal folgenPoetry Slam Jungbrunnen: kein Botox, sondern Spiel
Fangen wir mit der Ehrlichkeit an.
Kein Text macht dich jünger, und kein Slam glättet eine einzige Falte.
Wer dir so etwas verspricht, verkauft Botox mit Mikrofon.
Aber es gibt eine Art von Jugend, die man auf der Bühne sofort sieht: Verspieltheit.
Der Maler Lucas Cranach der Ältere hat 1546 einen Jungbrunnen gemalt, das Bild hängt heute in der Gemäldegalerie in Berlin.
Auf der einen Seite steigen alte Frauen ins Wasser, auf der anderen kommen sie jung wieder heraus.
Spannend ist, was danach kommt: Musik, Tanz und ein Fest.
Jugend sieht auf diesem Bild vor allem nach Spielen aus.
Friedrich Schiller hat das schon 1795 auf den Punkt gebracht:
Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Tiefe entsteht nicht durch Ernst.
Tiefe entsteht durch Erlaubnis, die Erlaubnis, banal, albern und unfertig zu sein.
Kinder wirken oft tief, nicht weil sie klüger sind, sondern weil sie sich nicht zensieren.
Der Geräteplan: sechs Spielprinzipien
Geräteplan · sechs Spielprinzipien
Rutsche
Loslassen
Zehn Minuten schreiben, ohne ein einziges Mal zu löschen.
Schaukel
Schwung
Ein langer Satz, dann drei kurze, dann wieder ein langer.
Wippe
Gegenüber
Eine echte Frage ans Publikum, und dann auf das Gewicht der Antwort warten.
Sandkasten
Bauen und Einreißen
Eine Strophe bauen, zerstören, aus den Resten eine neue formen.
Klettergerüst
Risiko
Eine Zeile, bei der du denkst: Das kann ich unmöglich vorlesen.
Karussell
Schwindel
Die Reihenfolge der Strophen einmal auswürfeln.
Kinder machen drei Dinge, die Erwachsene verlernen.
Sie fragen laut, auch das Offensichtliche: Warum ist der Himmel blau, warum bin ich traurig?
Sie probieren, ohne vorher zu wissen, was passiert.
Und sie fallen hin und stehen wieder auf, ohne daraus ein Drama zu machen.
Auf dem Spielplatz neben dem Bahnhof steckt jedes Prinzip in einem Gerät.
Die Rutsche verlangt, dass du loslässt.
Die Schaukel lebt vom Schwung, also vom Wechsel zwischen lang und kurz.
Die Wippe funktioniert nur mit einem Gegenüber, beim Slam ist das dein Publikum.
Im Sandkasten wird gebaut und wieder eingerissen, und keiner trauert der Burg nach.
Das Klettergerüst ist nur spannend, weil man fallen könnte.
Und das Karussell macht schwindelig, weil du die Kontrolle für einen Moment abgibst.
Such dir heute ein Gerät aus und schreib zehn Minuten nach seiner Regel.
Warum deine Texte wie Grabsteine klingen
Hier ruht
mein erster Satz
sechsmal überarbeitet
nie laut gelesen
Kreide, Bahnsteig 2
Mein erster Satz
fällt heute
einfach um.
Viele Texte sterben nicht auf der Bühne, sondern am Schreibtisch.
Du überarbeitest den ersten Satz so lange, bis er klingt wie eine Inschrift.
Jedes Wort poliert, jeder Rhythmus geglättet, nichts kann mehr schiefgehen.
Das ist keine Reife.
Das ist Angst mit Grammatik.
Hier eine einfache Faustregel.
Wenn du beim Schreiben nicht mindestens einmal denkst, das kannst du unmöglich vorlesen, ist der Text noch nicht geboren.
Er ist nur gekämmt.
Elke lacht, als Ada ihr das sagt, weil sie tatsächlich jeden Satz sechsmal überarbeitet hat.
„Und was soll ich stattdessen machen?“, fragt sie.
„Absichtlich unreif schreiben“, sagt Ada.
Absichtlich unreif schreiben
Drei erlaubte Unreifen
Eine Zeile ohne Sinn: Sie darf stehen bleiben, wenn sie gut klingt und dich überrascht.
Eine Szene ohne Erklärung: Du erzählst sie und hörst auf, bevor du sie deutest.
Ein Bild nur für dich: Etwas, das nur du lustig findest, genau einmal pro Text.
Unreif heißt nicht kindisch und nicht dumm. Unreif heißt: noch nicht glattgeschliffen.
Unreif heißt nicht kindisch und nicht dumm.
Unreif heißt, dass der Text noch nicht glattgeschliffen ist.
Du lässt eine Zeile stehen, die keinen Sinn ergibt, aber gut klingt.
Du erzählst eine Szene, die nichts erklärt.
Du spielst mit einem Bild, das nur du lustig findest.
Und dann gehst du damit auf die Bühne.
Warum das wirkt?
Weil Unreife ein Risiko trägt, und Risiko riecht nach Leben.
Ein Beispiel, Thema Erwachsenwerden.
Variante A spricht über Uhren, Sand und Zeit, die zerrinnt, und bekommt höflichen Applaus.
Variante B sagt: „Ich wusste, dass ich erwachsen bin, als ich mir zum Geburtstag eine richtig gute Schere gewünscht habe.“
Lachen.
Dann der nächste Satz: „Und als ich sie bekam, war niemand mehr da, mit dem ich Sterne ausschneiden wollte.“
Stille.
Das ist verspielt, unreif und sehr menschlich.
Achte beim Anschauen darauf, wo im Gespräch die Grenze zwischen verspielt und kindisch gezogen wird.
Genau um diese Grenze geht es auch beim Schreiben.

Die Angst vor der Lächerlichkeit
Alle haben sie, die Angst, albern zu wirken und nicht ernst genommen zu werden.
Hier kommt die Wahrheit: Lächerlichkeit ist der Preis für Lebendigkeit.
Wer nie lächerlich wirkt, wirkt auch nie nah.
Das Publikum verzeiht dir fast alles, aber es merkt sofort, wenn du nur berechnest.
Interessant ist, was Spielplatzprüfer darüber wissen.
Die europäische Norm für Spielplatzgeräte, DIN EN 1176, hält ausdrücklich fest, dass Risiko zum Spielen dazugehört.
Kinder sollen auf dem Spielplatz überschaubare Risiken erleben können, schwere Verletzungen soll die Norm verhindern.
Ein Spielplatz ohne jedes Risiko wäre sicher, aber niemand würde dort spielen.
Mit Texten ist es genauso.
Dein Kopf will Ordnung, Kontrolle und Logik.
Dein Publikum will Bewegung.
Im Improvisationstheater gibt es dafür eine Grundregel: Ja, und …
Du nimmst an, was kommt, und baust weiter, statt es zu prüfen.
Die Spielzeug-Technik
Vorher · wie gebaut
Nachher · wie gespielt
Einleitung und Moral sind raus. Der Fremdkörper wird zur Klammer.
Jetzt die Technik, die Elke an diesem Nachmittag lernt.
Zuerst passiert etwas Brutales: Du verabschiedest dich vom falschen Respekt vor deinem Text.
Die meisten behandeln ihn wie eine Urne, nicht anfassen, nicht verändern, nicht lachen.
Deshalb klingt er am Ende wie ein Nachruf.
Die Spielzeug-Technik zwingt dich, deinen Text zu benutzen statt ihn zu bewundern.
Wie Bausteine, zum Bauen, zum Werfen, zum Kaputtmachen.
Schreib oben auf ein neues Blatt: „Das darf nicht auf die Bühne.“
Dann schreib den Text neu, nicht schöner, sondern ehrlicher, dümmer und verspielter.
Lass Sätze stehen, die keinen Zweck haben.
Stell Fragen, die du nicht beantwortest.
Und dann der wichtigste Schritt: Wirf die Reihenfolge durcheinander.
Der Schluss kommt nach vorn, der stärkste Satz in die Mitte, und eine alberne Beobachtung wird zur Klammer.
Der Text verliert seine Würde und gewinnt sein Leben zurück.
Drei fiese Beispiele aus dem Sandkasten
Der falsche Anfang
„Gestern habe ich einer Gummiente die Wahrheit gesagt.“ Kein Anlauf, sofort mittendrin.
Der alberne Fremdkörper
Mitten im ernsten Text taucht die Ente wieder auf, wie ein Kaugummi unter dem Tisch.
Der kaputte Schluss
Keine Moral. Die Ente schwimmt im Waschbecken, das Licht geht aus.
Erstens der falsche Anfang.
Du beginnst mit einem Satz, der zu früh kommt, ohne Erklärung und ohne Kontext.
Das Publikum stolpert kurz, aber es bleibt stehen.
Zweitens der alberne Fremdkörper.
Mitten im ernsten Text taucht etwas auf, das nichts erklärt, wie ein Kaugummi unter dem Tisch.
Niemand weiß, wohin das führt, und genau das erzeugt Spannung.
Drittens der kaputte Schluss.
Kein Fazit und kein Lernsatz, nur ein Bild, das einfach liegen bleibt.
Die Leute gehen nach Hause und denken genau darüber nach.
Das ist keine Technik für Punkte.
Das ist eine Technik für Wirkung.
Hör beim Podcast darauf, welcher Satz in deinem letzten Text am meisten nach Grabstein klingt, und spiel am Wochenende nur mit diesem einen.
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Geprüft
lebendig
nächste Prüfung:
jeden Freitag
Der Zug kommt an diesem Donnerstag mit fünfzig Minuten Verspätung, und Elke hat in der Zeit ein neues Blatt vollgeschrieben.
Am Freitag steht sie beim Slam im Bahnhofscafé auf der Bühne.
Ihr erster Satz lautet: „Gestern habe ich einer Gummiente die Wahrheit gesagt.“
Der Saal lacht, zuerst unsicher, dann richtig.
Mitten im Text über ihren Steuerbescheid taucht die Ente noch zweimal auf.
Am Schluss schwimmt sie im Waschbecken, das Licht geht aus, und Elke sagt nichts mehr.
Für einen Moment ist es ganz still.
Dann klatscht jemand, und dann alle.
Ada sitzt in der zweiten Reihe und hat einen runden Aufkleber mitgebracht.
Hinterher klebt sie ihn auf Elkes Notizbuch: eine Prüfplakette.
Also merke: Poetry Slam ist kein Jungbrunnen für die Haut.
Aber er kann einer für deine Texte sein, wenn du wieder spielst, statt zu verwalten.
