Quizshow · Text selbst prüfen
14 Fragen, die deinen Text besser machen als jedes Feedback

Dienstagabend, eine Lesebühne im Hinterzimmer einer Kneipe.
Esther, 35, merkt in Zeile vier, dass ihr Text nicht bremst.
Einen Text selbst prüfen, das hielt sie immer für überflüssig.
Er rollt.
Und rollt.
Und niemand im Saal weiß, wo er anhalten wird.
Esther auch nicht.
Nach dem Auftritt wirft sie die Blätter in den Papierkorb neben der Bar.
Till sieht das.
Till, 38, ist ihr alter Schulfreund und moderiert jeden Mittwoch das Kneipenquiz im selben Laden.
Er fischt die Blätter wieder heraus und steckt sie ein.
Vier Wochen später legt er sie ihr auf den Tisch, zusammen mit fünfzehn Karteikarten.
„Du hast deinem Text nie eine Frage gestellt“, sagt er.
„Nur Urteile.“
Eine einzige dieser Fragen rettet den Text.
Und es ist nicht die, die du jetzt vermutest.
Welche es ist, erfährst du am Ende.
Esther und Till gibt es so nicht. Aber den Text, der auf der Bühne nicht bremst, kennen viele, die schreiben.
Kennst du das?
Du liest deinen Text durch und findest ihn gut.
Oder schlecht.
Aber du weißt nicht, wo genau.
Also wartest du auf eine Schreibgruppe, auf Feedback, auf den nächsten Auftritt.
Dabei kannst du ziemlich viel davon selbst herausfinden.
Mit vierzehn Fragen und dem Mut, ehrlich zu antworten.
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Jetzt Kanal folgenText selbst prüfen: Warum du deinen eigenen Text nicht lesen kannst
Es gibt einen Grund, warum dir beim eigenen Text die Fehler nicht auffallen.
Und der Grund ist nicht Eitelkeit.
Wenn du einen Satz geschrieben hast, kennst du seine Bedeutung schon, bevor du ihn liest.
Dein Kopf spielt beim Lesen nicht den Satz ab, sondern die Erinnerung an das, was du sagen wolltest.
Du liest also nicht den Text.
Du liest die Absicht.
„Ich merke sehr wohl, wenn ein Text von mir schlecht ist.“
Das glaube ich dir sogar.
Du merkst, dass etwas nicht stimmt.
Was du nicht merkst, ist wo.
Genau deshalb stellt Till keine Stimmungsfragen.
„Ist der Anfang gut?“ ist keine Frage, das ist eine Stimmung.
„Steht im ersten Satz ein Mensch, ein Ort oder ein Problem?“ ist eine Frage.
Darauf gibt es Ja oder Nein.
Und ein Nein tut weh, aber es ist brauchbar.
Keine der vierzehn Fragen fragt, ob dein Text schön ist.
Und keine Sorge, sie ersetzen kein Publikum.
Sie kommen davor und ersparen dir die peinlichsten Rückmeldungen.
Stufe 1 bis 4: Die Sichtprüfung
„Ich möchte heute über Einsamkeit sprechen“ ist eine Ankündigung.
„Meine Nachbarin klingelt, wenn ihre Waschmaschine fertig ist“ ist ein Mensch, ein Ort und ein Problem in einem Satz.
Zwei Texte in einem sind kein doppelter Text.
Sie sind ein halber, denn der Saal muss zweimal umsteigen und steigt beim zweiten Mal nicht mit.
Streich einen davon.
Er ist nicht verloren, er ist dein nächster Auftritt.
Das ist der schwerste Griff im ganzen Handwerk.
Du streichst nicht das Schlechte, sondern das Entbehrliche.
Und das Entbehrliche ist manchmal richtig gut geschrieben.
Zuweilen, gleichwohl, ein Stück weit.
Solche Wörter sind wie Lautsprecheransagen: Man versteht sie, aber niemand fühlt etwas.
Diese vier Fragen dauern zusammen ein paar Minuten.
Und sie erledigen oft schon ein Drittel aller Probleme.
Stufe 5 bis 8: Die Druckprobe
Kannst du nicht auf die Zeile zeigen, beschreibt dein Text einen Zustand.
Zustände sind interessant zu erleben und langweilig zu hören.
Es muss keine große Veränderung sein.
Jemand geht raus.
Jemand sagt endlich den Satz.
Jemand hört auf, etwas zu glauben.
Such nach Sätzen wie „Das war unfassbar traurig“.
So ein Satz ist eine Durchsage: Bitte jetzt bewegt sein.
Nicht „sie war erschöpft“, sondern „sie hat die Jacke anbehalten, bis sie eingeschlafen ist“.
Scherben, Narben, ein Herz aus Glas.
Diese Bilder sind nicht falsch.
Sie sind nur so oft gefahren worden, dass die Schienen blank sind.
Ein Wasserkocher, der zu früh abschaltet, ist dagegen noch ganz neu.
Ab der besten Zeile geht es nur noch bergab, und der Saal merkt das früh.
Die beste Zeile gehört nach hinten.
Vorne reicht die zweitbeste.
„Wenn ich alles streiche, was mir gefällt, bleibt nichts von mir übrig.“
Umgekehrt.
Was dir gefällt und trotzdem raus muss, hast du oft irgendwo übernommen.
Was übrig bleibt, wenn du streng warst, ist der Teil, den nur du schreiben konntest.
Hintergrund · Neununddreißig Schlüsse
1958 fragte George Plimpton Ernest Hemingway für die Zeitschrift The Paris Review, wie viel er umschreibe.
Hemingway antwortete sinngemäß, er habe den Schluss von „In einem andern Land“ neununddreißigmal neu geschrieben, bevor er zufrieden war.
Auf die Frage, woran es gehakt habe, sagte er: die richtigen Wörter zu finden.
2012 erschien eine Ausgabe des Romans, die seine alternativen Schlüsse erstmals gesammelt zeigt, herausgegeben von seinem Enkel Seán Hemingway.
Die Fassungen unterscheiden sich stark: Manche sind nur einen Satz lang, andere mehrere Absätze.
Perfektionismus poliert dieselbe Stelle.
Überarbeiten baut sie neu.
Wenn du zum vierten Mal am selben Schlusssatz schiebst, denk den Schluss lieber einmal komplett anders.
Mehr dazu steht in Texte überarbeiten.
Stufe 9 bis 11: Die Rollprobe
Irgendwann reicht Prüfen im Sitzen nicht mehr.
Steh auf und sprich den Text laut.
Nicht murmeln, nicht mitlesen.
Wo du mitten im Satz Luft holen musst, ist der Satz zu lang.
Das ist die ehrlichste Textkritik, die es gibt, weil dein Zwerchfell nicht höflich sein kann.
Da, wo du schneller wirst, glaubst du dem Text nicht.
Der Körper will unangenehme Stellen hinter sich bringen.
Markier diese Zeilen und schau sie dir am nächsten Tag an.
Du sitzt im Saal, hast einen langen Tag hinter dir, und dieser Text ist der siebte an diesem Abend.
An welcher Stelle greifst du zum Handy?
Diese Stelle ist nicht schlecht geschrieben.
Sie ist nur eine Station zu viel.
Mehr dazu steht in Text laut lesen.
Hintergrund · Minus zehn Prozent
1966, in seinem letzten Schuljahr, schickte Stephen King Kurzgeschichten an Magazine und bekam Absagen.
Auf einer stand eine handschriftliche Notiz: nicht schlecht, aber aufgebläht, und dazu eine Formel.
Zweite Fassung gleich erste Fassung minus zehn Prozent.
In seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“ erzählt King, dass er sich diese Formel neben die Schreibmaschine gehängt hat.
Rechne das für einen Slam-Text durch.
Fünf Minuten sind grob sechshundert bis siebenhundert gesprochene Wörter.
Zehn Prozent davon sind vier, fünf Sätze.
Sie fehlen niemandem.
Sie machen Platz für Pausen, und Pausen sind auf einer Bühne die halbe Wirkung.
„Zehn Prozent klingt nach einer willkürlichen Zahl.“
Ist sie auch.
Aber sie erzwingt eine Entscheidung.
Ohne Zahl streichst du nur, was dir gerade egal ist.
Mit Zahl musst du weiterstreichen, und die letzten Wörter sind die, bei denen es interessant wird.
Achte darauf, welche Handgriffe gegen die eigene Betriebsblindheit genannt werden.
Und probier einen davon noch heute an deinem Text aus.

Die Joker: So hörst du deinen Text zum ersten Mal
Der Handy-Joker bringt mehr als die Hälfte dieser Liste.
Sprich den Text einmal komplett ins Handy.
Und hör ihn dir am nächsten Morgen an, während du etwas anderes tust.
Geschirr spülen.
Zur Bahn laufen.
Solange du nur zuhörst, bewertest du.
Sobald deine Hände beschäftigt sind, hörst du zu wie ein Fahrgast.
Du brauchst nur eine Sache aus dieser Aufnahme.
Die Stelle, an der du zum ersten Mal an etwas anderes denkst.
Oft liegt sie kurz nach der Mitte, da, wo du erklärst, was du vorher schon gezeigt hast.
Drei Sorten Fehler
„Und wie erkenne ich, welche Sorte ich vor mir habe?“
An deiner Reaktion, wenn du eine Stelle streichst.
Fällt dir sofort etwas Besseres ein, war es Schmutz.
Wird der Text langweiliger, war es Verschleiß.
Merkst du beim Streichen, dass du den ganzen Rest auch nicht mehr brauchst, war es ein Konstruktionsfehler.
Hintergrund · Weglassen
Antoine de Saint-Exupéry war Pilot, bevor er als Schriftsteller berühmt wurde.
In „Wind, Sand und Sterne“, im Original „Terre des hommes“ von 1939, schreibt er über den Flugzeugbau einen Gedanken, der bis heute zitiert wird.
Sinngemäß: Vollkommenheit ist nicht erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.
Er meinte Maschinen, die mit der Zeit immer einfacher aussehen, bis man ihnen die Arbeit nicht mehr ansieht.
Genau so klingt ein guter Slam-Text.
Man hört ihm nicht an, dass jemand daran gearbeitet hat.
Deshalb glauben so viele, gute Texte fallen einem einfach ein.
Das Gegenteil ist der Fall.
Stufe 12 bis 14: Die Notbremse
Bei den ersten elf Fragen reparierst du deinen Text.
Bei diesen dreien kann herauskommen, dass er gar nicht repariert werden will.
Schreibst du über deine Trennung oder über die Trennung deiner Ex?
Das ist keine moralische Frage, sondern eine handwerkliche.
Texte über andere Menschen werden oft ungenau, weil du nur die Außenseite kennst.
Dreh ihn um: nicht was sie getan hat, sondern was du dabei gedacht hast.
Antworte ehrlich, es hört ja niemand zu.
Lautet die Antwort „dass ich klug bin“, arbeitet dein Text nicht für den Saal, sondern für dich.
Das fällt auf, nicht als Gedanke, sondern als Gefühl.
Man hört zu und mag den Menschen da vorn ein bisschen weniger, ohne zu wissen, warum.
Das ist die einzige Frage, bei der ein Nein nicht heißt, dass etwas kaputt ist.
Es heißt nur: Dieser Text ist für die Bühne gebaut und nicht für dich.
Völlig in Ordnung, solange du es weißt.
Gefährlich wird es erst, wenn du dich wunderst, warum dich der Applaus nicht satt macht.
Die Spielregeln: Reihenfolge, Pausen, No-Gos
Spielregeln
Die Reihenfolge ist wichtiger als die Fragen.
Viele fangen mit den großen an, weil sie sich wichtiger anfühlen.
Frage dreizehn klingt eben tiefer als Frage vier.
Aber die kleinen Fragen verändern den Text, und ein veränderter Text beantwortet die großen anders.
Also von leicht nach schwer, genau wie in der Show.
Und prüf nie, während du schreibst.
Wer beim Schreiben schon fragt, ob im ersten Satz ein Mensch steht, füllt ein Formular aus.
Lass die Rohfassung roh.
Dann leg sie mindestens eine Nacht weg, damit dein Kopf die Absicht vergisst.
„Ich habe keine Nacht, ich trete morgen auf.“
Dann geh zwei Stunden spazieren, ohne an den Text zu denken.
Schlechter als eine Nacht, viel besser als nichts.
Und warum ausgerechnet vierzehn?
Die Zahl ist nicht heilig.
Till hat mit einer längeren Liste angefangen und alles gestrichen, was nie etwas gefunden hat.
Eine lange Liste fühlt sich gründlich an und wird nicht benutzt.
Eine kurze fühlt sich unvollständig an und wird benutzt.
Merkst du nach einem halben Jahr, dass bei dir nur sechs Fragen wirklich zuschlagen, streich die anderen.
Beim ersten Text stellst du trotzdem alle vierzehn.
Das dauert beim ersten Mal vielleicht eine Dreiviertelstunde.
Nach ein paar Runden geht es viel schneller, weil du die Fragen im Kopf hast.
Und irgendwann weißt du, welche zwei oder drei bei dir immer zuschlagen.
Die bleiben Pflicht, der Rest wird Kür.
Achte darauf, wie viele der Fehler aus dem Video auch in einem Fünf-Minuten-Text stecken können.
Und notier dir die, die bei dir am häufigsten vorkommen.
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Jetzt Kanal folgenDie Millionenfrage und Esthers Text
Und welche Frage hat Esthers Text gerettet?
Sie war sicher, das Problem sei der Schluss.
Vier Wochen lang hat sie am Schluss gearbeitet.
Geholfen hat am Ende Frage acht.
Steht die beste Zeile am Anfang?
Sie stand da, ganz vorn, in Zeile zwei.
Und sie war so gut, dass der ganze restliche Text danach wie eine Erklärung klang.
Esther schiebt diese eine Zeile ans Ende.
Sonst ändert sie nichts.
Kein einziges Wort.
Beim nächsten Auftritt ist es der beste Text des Abends.
Derselbe Text.
Andere Reihenfolge.
Till sitzt in der ersten Reihe und hält eine letzte Karteikarte hoch.
Frage fünfzehn.
Die kann man nicht allein beantworten.
Dafür braucht es einen Publikumsjoker und einen Tag Abstand.
Am nächsten Morgen bekommt Esther eine Nachricht von einer Freundin, die im Publikum saß.
Darin steht nur ein Satz.
Die Zeile, die jetzt am Ende steht.
Wörtlich.
Also merke: Wer seinen Text beurteilt, bekommt eine Stimmung.
Wer ihn abfragt, bekommt eine Liste.
Und eine Liste kann man abarbeiten.
Nimm diese Woche einen Text, den du schon aufgegeben hast.
Stell ihm nur die Fragen eins bis vier, höchstens zehn Minuten lang.
Dann stell dich hin, lies ihn laut und denk dabei an die Fragen neun bis elf.
Sieben Fragen, eine halbe Stunde.
Zwei davon werden nichts finden.
Bei einer wirst du laut fluchen.
Genau diese eine ist deine.
Mehr Infos · nach der Prüfung
