Fertig schlägt perfekt. Und zwar jedes Mal, an dem ein Abend ohne dich weiterläuft, weil du noch feilst.
Ich habe einmal 19 Minuten gehabt.
Nicht 19 Minuten zum Feilen. 19 Minuten von „Ich habe nichts“ bis „Ich stehe da oben“.
Der Text, der dabei entstanden ist, läuft heute noch in meinem Programm. Er ist besser als drei Texte, an denen ich wochenlang gearbeitet habe.
Das ist kein Angeberspruch. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir uns beim Schreiben regelmäßig selbst im Weg stehen — und dass Zeitdruck diesen Umweg einfach wegräumt.
Welche der zwölf Methoden ich an diesem Abend benutzt habe, löse ich ganz am Ende auf. Sie steht nicht an der Stelle, an der du sie vermutest.

Dieser Beitrag verspricht dir keinen guten Text in 20 Minuten. Er verspricht dir einen fertigen.
Das ist ein Unterschied, und ich möchte ihn nicht verwischen. Ein Text, der in zwanzig Minuten entsteht, ist ein Ersatzverkehr: unbequem, ruckelig, ohne Bordrestaurant.
Aber er fährt. Und ein Text, der fährt, schlägt einen, der im Depot steht und auf bessere Zeiten wartet.
Zwei Sachen sage ich auch dazu: Diese zwölf Methoden sind kein Ersatz fürs Handwerk. Wer nie in Ruhe schreibt, wird auch unter Druck nichts Gutes herausbekommen.
Sie sind Werkzeuge für den Abend, an dem es brennt. Und sie funktionieren nur, weil du in ruhigen Zeiten geübt hast.
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Jetzt Kanal folgenWarum Zeitdruck deinen Text besser macht — und warum das kein Trost sein soll
Wenn du unendlich Zeit hast, machst du eine Sache garantiert: Du änderst.
Und Ändern fühlt sich an wie Arbeit. Es ist aber meistens nur die höflichste Form von Angst.
Man ändert einen Satz, weil man ihn noch nicht vorlesen will. Solange er nicht fertig ist, kann er auch nicht durchfallen.
Zwanzig Minuten nehmen dir diese Tür weg. Es gibt keine zweite Fassung, also gibt es auch keine Ausrede.
Und es passiert noch etwas: Unter Druck greift der Kopf zum Nächstliegenden. Er sucht nicht mehr nach dem klugen Bild, sondern nimmt das, was gerade da ist.
Das, was gerade da ist, ist fast immer konkreter als das, was man sich ausdenkt. Und konkret ist auf einer Bühne die halbe Miete.
„Schön gesagt. Aber ich schreibe unter Druck einfach nur schlechter. Punkt.“
Kann sein. Dann ist die Frage nicht, ob du unter Druck schlechter schreibst, sondern womit du vergleichst. Mit dem Text, den du in Ruhe geschrieben hättest — oder mit dem leeren Blatt, das du sonst mitgebracht hättest?
Der Griff: entscheide die Form, bevor du den ersten Satz suchst
Wenn du nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnimmst, dann diese.
Die meiste Zeit geht nicht beim Schreiben drauf. Sie geht beim Suchen drauf — und zwar beim Suchen nach der Form.
Ist das jetzt eine Geschichte? Eine Aufzählung? Eine Anklage? Ein Brief?
Solange das offen ist, schreibst du jeden Satz doppelt: einmal als Satz und einmal als Frage, ob er überhaupt hierhin gehört.
Ein Ersatzbus fährt deshalb so zügig, weil die Strecke feststeht. Er sucht sich nicht unterwegs eine schönere Route.
Also: Erst die Form. Dann der Inhalt. In dieser Reihenfolge, immer.
Leg in der ersten Minute fest, welche Bauform der Text hat — und ändere sie danach unter keinen Umständen mehr.
Drei Wege, in zwei Minuten anzufangen — der zweite fühlt sich wie Schummeln an
Das leere Blatt ist nicht das Problem. Das Problem ist die Überzeugung, dass der erste Satz etwas taugen muss.
Muss er nicht. Er muss nur die Hände in Bewegung bringen.
Weg 1: Die Bestandsaufnahme
Leer deine Tasche aus und schreib auf, was drin ist. Wirklich alles, in der Reihenfolge, in der du es herausziehst.
Ein Pfandbon vom Dienstag. Ein Ladekabel, das nicht mehr lädt. Ein Zettel mit einer Nummer, von der du nicht mehr weißt, wem sie gehört.
Nach sieben Gegenständen bist du automatisch bei einem, zu dem dir etwas einfällt. Der ist dein Text.
Warum das funktioniert: Du erfindest nichts, du beschreibst.
Und Beschreiben ist die einzige Schreibtätigkeit, die auch mit Panik im Bauch noch klappt.
Weg 2: Die geliehene Startrampe
Nimm den ersten Satz aus irgendeinem Buch, das gerade in Reichweite liegt. Schreib ihn oben hin und schreib von dort aus weiter.
Am Ende streichst du diesen Satz wieder. Er war nie für den Text da — er war die Rampe, von der du losgerollt bist.
Das fühlt sich nach Schummeln an, ist aber keins, solange du ihn wirklich streichst. Niemand prüft, wie ein Text angeschoben wurde.
Wichtig ist nur: Es muss ein fremder Satz sein. Ein eigener alter Satz zieht dich sofort in den alten Text zurück.
Weg 3: Der Zettel, den du nicht mehr verstehst
Mach deine Notizen-App auf und scroll zu einer Zeile, die du dir irgendwann aufgeschrieben hast und die dir heute nichts mehr sagt.
Bei mir stand einmal da: „Der Mann mit den zwei Brillen.“ Ich hatte keine Ahnung mehr, wen ich damit gemeint hatte.
Genau darin liegt der Wert. Eine Zeile, die du nicht mehr verstehst, ist eine Zeile, die du neu erfinden darfst — und der Kopf füllt Lücken schneller, als er Neues baut.

Drei Wege, in fünf Minuten Stoff zu haben — einer davon geht ohne Stift
Du hast einen Anfang. Jetzt brauchst du Masse — mehr Material, als in den Text passt.
Das klingt verschwenderisch bei zwanzig Minuten. Es ist aber schneller, aus zu viel auszuwählen, als aus zu wenig etwas herauszuquetschen.
Weg 4: Zwei Spalten
Zieh einen Strich mitten aufs Blatt.
Links schreibst du, was passiert ist. Rechts, was du dabei gedacht hast.
Links: „Sie hat den Schlüssel auf den Tisch gelegt.“ Rechts: „Ich habe überlegt, ob ich ihn nehmen soll.“
Der fertige Text besteht dann aus dem Reißverschluss: links, rechts, links, rechts. Diese Bauform trägt fast jeden Stoff, und sie schreibt sich fast von selbst.
Weg 5: Sprich, statt zu tippen
Nimm dein Handy, drück auf Aufnahme und erzähl die Sache einfach. So, wie du sie einem Freund an der Bar erzählen würdest.
Danach hörst du es einmal ab und schreibst nur die Sätze mit, bei denen du selbst kurz gestockt hast. Diese Stellen sind die interessanten.
Sprechen ist schneller als Tippen, und es ist ehrlicher. Der Mund baut keine Schachtelsätze, weil ihm die Luft ausgeht.
Weg 6: Zwanzig Fragen, eine Antwort
Schreib zwanzig Fragen zu deinem Thema auf. Nur Fragen, keine Antworten, so schnell du kannst.
Dann beantwortest du genau eine davon — und zwar nicht die erste, sondern eine aus der zweiten Hälfte.
Die ersten fünf Fragen sind die, die alle stellen würden. Ab Frage zwölf wird es persönlich, weil dir die naheliegenden ausgehen.
„Nach elf Tagen kann ich nicht mehr — es ist unmöglich, es ist körperlich.“
Georges Simenon über das Schreiben seiner Romane, Interview in The Paris Review, 1955 (sinngemäß übersetzt)
Georges Simenon hat fast zweihundert Romane geschrieben. Die meisten davon in zehn oder elf Tagen.
Ein Kapitel am Tag, ohne Unterbrechung. Und wenn er länger als achtundvierzig Stunden aussetzen musste, weil er krank wurde, hat er das Buch weggeworfen.
Nicht aus Launenhaftigkeit. Er wusste, dass ein Text seinen Zustand mitnimmt — und dass man nach einer Pause nicht mehr derselbe Schreiber ist, der angefangen hat.
Das ist der Gedanke hinter allen zwölf Methoden hier: In einem Rutsch fertig zu werden ist keine Notlösung. Es ist eine eigene Arbeitsweise mit eigenen Stärken.
Drei Bauformen, die sich fast von allein füllen — die dritte funktioniert sogar ohne Idee
Jetzt kommt der Teil, der am meisten Zeit spart.
Eine feste Form ist wie ein Bus mit fester Route: Du musst nicht mehr entscheiden, wo es langgeht. Du musst nur noch fahren.
Weg 7: Der Brief
Schreib den Text als Brief an genau einen Menschen. Nicht an ein Publikum, nicht an „die Gesellschaft“ — an eine Person mit Namen.
Der Brief löst drei Probleme auf einmal: Er gibt dir eine Anrede, eine Reihenfolge und einen Schluss. Alle drei musst du nicht mehr erfinden.
Und er macht deinen Ton automatisch warm, weil man an einen einzelnen Menschen anders schreibt als an einen Saal.
Weg 8: Der Refrain
Such dir einen kurzen Satz und schreib ihn dreimal untereinander, mit vier Leerzeilen dazwischen.
Dann füllst du die Lücken. Der Satz bleibt gleich, aber das, was davor steht, verändert seine Bedeutung.
Du schreibst dabei nicht einen Text von vier Minuten. Du schreibst drei Stücke von einer Minute — und drei kurze Wege sind leichter als ein langer.
Weg 9: Die Liste
Sieben Punkte, jeder genau zwei Sätze. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Liste ist die anspruchsloseste Form, die es gibt, und genau deshalb rettet sie Abende. Sie verlangt keinen Bogen, keine Entwicklung, keine Wendung.
Sie verlangt nur, dass Punkt sieben besser ist als Punkt eins. Das ist die einzige Regel, und sie kostet dich dreißig Sekunden Nachdenken.
„Eine Liste ist doch billig. Das merkt der Saal.“
Der Saal merkt es — und es ist ihm egal. Was er nicht verzeiht, ist Langeweile, nicht Einfachheit. Eine Liste mit sieben konkreten Bildern schlägt eine kunstvolle Geschichte, die nirgendwo ankommt.

Drei Wege, den Text in fünf Minuten fertig zu kriegen — einer davon ohne Lesen
Die letzten fünf Minuten sind die, in denen die meisten Texte sterben. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil man sie nicht loslassen kann.
Weg 10: Der Rückwärtsgang
Schreib den letzten Satz, bevor du weiterschreibst. Egal, wie weit du bist.
Ein Text ohne Ziel läuft in alle Richtungen. Ein Text, dessen letzte Zeile schon dasteht, hat plötzlich eine Richtung — und alles dazwischen ordnet sich von allein.
Das ist der größte einzelne Zeitgewinn in dieser ganzen Liste. Ich habe damit Abende gerettet, an denen mir schon der Schweiß im Nacken stand.
Weg 11: Die blinde Streichrunde
Streich zehn Prozent, ohne den Text noch einmal zu lesen.
Klingt brutal, ist aber einfach: Du gehst nur die Absatzanfänge durch und streichst jeden ersten Satz, der eine Erklärung ist.
Fast jeder unter Druck geschriebene Absatz fängt mit einer Anlaufschleife an. Der Text beginnt in Wahrheit erst beim zweiten Satz.
Weg 12: Der Lauttest
Lies den Text einmal laut. Jede Stelle, an der du stolperst, fliegt raus — ohne Diskussion, ohne Reparaturversuch.
Nicht ändern. Streichen.
Bei zwanzig Minuten hast du keine Zeit für Reparaturen, und eine gestrichene Stelle hat noch nie einen Abend ruiniert.
Danach bist du fertig. Nicht zufrieden — fertig.
Das sind zwei verschiedene Zustände, und nur einer von beiden bringt dich auf die Bühne.

Die Frau, die 723 Romane geschrieben hat — und warum ihre Uhrzeit wichtiger war als ihr Talent
Barbara Cartland hat 723 Romane veröffentlicht.
In einem einzigen Jahr waren es 191 — dafür steht sie bis heute im Guinness-Buch. Im Schnitt hat sie für ein Buch etwa fünf Tage gebraucht.
Das Interessante ist nicht die Zahl. Das Interessante ist ihre Arbeitsweise.
Sie hat nicht getippt, sondern diktiert. Und zwar in einem festen Fenster: zwischen halb zwei und halb vier am Nachmittag, jeden Tag.
Zwei Stunden. In diesen zwei Stunden kamen laut ihrem Sohn rund achttausend Wörter heraus.
Man kann viel über die Qualität dieser Bücher sagen, und vieles davon wäre berechtigt. Nur eines kann man nicht sagen: dass sie zu wenig Zeit hatte.
Die Lehre ist nicht: Schreib wie Cartland. Die Lehre ist: Ein festes, kurzes Fenster produziert mehr als ein offener Nachmittag.
In 20 Minuten zum fertigen Text – Der Bauplan gegen das leere Blatt
Zahlen nach Angaben ihres Sohnes Ian McCorquodale und dem Guinness-Buch der Rekorde
Die zwanzig Minuten, aufgeteilt — Minute für Minute
Jetzt der praktische Teil. So sieht ein Ersatzverkehr im Fahrplan aus.
Minute 0–1: Form festlegen. Brief, Liste oder Refrain. Aufschreiben, damit du sie nicht mehr änderst.
Minute 1–3: Anfang erzwingen. Bestandsaufnahme, geliehene Startrampe oder alter Zettel.
Minute 3–4: Letzten Satz schreiben. Der Rückwärtsgang, so früh wie möglich.
Minute 4–12: Material erzeugen. Zwei Spalten oder Diktat. Nicht lesen, nicht korrigieren, nur produzieren.
Minute 12–16: In die Form gießen. Was nicht hineinpasst, bleibt draußen.
Minute 16–18: Blinde Streichrunde. Erste Sätze der Absätze prüfen, Anlaufschleifen raus.
Minute 18–20: Einmal laut. Stolperstellen streichen. Fertig.
Das Wichtigste an diesem Fahrplan sind nicht die Zeiten. Es ist, dass zwischen Minute 4 und 12 kein einziges Mal gelesen wird.
Wer während des Schreibens liest, schreibt zweimal. Und für zweimal reicht die Zeit nicht.
Ein kompletter Durchgang — zwanzig Minuten, mitgeschrieben
Theorie ist billig. Deshalb hier ein echter Durchlauf, den ich für diesen Beitrag noch einmal gemacht und mitprotokolliert habe.
Ausgangslage: kein Thema, ein Wecker, ein Küchentisch.
Minute 0 bis 1
Ich entscheide mich für die Liste. Sieben Punkte, zwei Sätze pro Punkt.
Ich schreibe „LISTE, 7×2“ oben auf das Blatt und unterstreiche es zweimal. Das ist kein Ritual, das ist eine Sperre gegen mich selbst.
Minute 1 bis 3
Tasche auskippen. Heraus kommen: ein Bahnticket vom Vortag, zwei Kopfhörer, von denen einer kaputt ist, ein Kassenbon, ein Feuerzeug ohne Gas, eine Packung Taschentücher, ein Ladekabel, ein Bierdeckel mit einer Telefonnummer.
Sieben Dinge. Ich habe die Liste, ohne dass ich sie mir ausgedacht hätte.
Minute 3 bis 4
Letzter Satz. Ich schaue auf den Bierdeckel mit der Nummer und schreibe: „Und irgendwann ruft man an, und es geht jemand ran, der nicht mehr weiß, wer man ist.“
Ab hier weiß der Text, wo er hinfährt. Alle sechs Punkte davor bekommen automatisch dieselbe Richtung: Dinge, die einmal wichtig waren.
Minute 4 bis 12
Acht Minuten schreiben, ohne einmal nach oben zu schauen. Ich merke zweimal, dass ein Satz schief ist, und schreibe trotzdem weiter.
Am Ende stehen nicht sieben, sondern neun Punkte da. Zwei zu viel — und das ist genau richtig, denn jetzt kann ich auswählen.
Minute 12 bis 16
Die zwei schwächsten Punkte fliegen. Bei den restlichen sieben kürze ich jeden auf genau zwei Sätze zusammen.
Dann sortiere ich um: Das Feuerzeug ohne Gas kommt nach vorn, weil es der leichteste Einstieg ist. Der Bierdeckel bleibt am Ende, weil er den Schlusssatz trägt.
Minute 16 bis 18
Streichrunde. Vier von sieben Punkten fingen mit einer Anlaufschleife an, die ungefähr so klang: „Dann gibt es da noch…“
Alle vier gestrichen. Der Text ist dabei um über vierzig Wörter kürzer geworden und um keinen Gedanken ärmer.
Minute 18 bis 20
Laut gelesen. Zwei Stolperstellen, beide bei den Kopfhörern. Beide raus.
Ergebnis: sechs Punkte, knapp zweieinhalb Minuten Sprechzeit. Kein Meisterwerk — aber etwas, mit dem man auf eine offene Bühne gehen kann, ohne sich zu schämen.
Der ganze Text bestand aus Dingen, die ich seit Wochen mit mir herumtrage. Ich musste sie nur einmal auf den Tisch kippen.
Die drei Wege, bei denen ich selbst am häufigsten scheitere
Damit das hier keine Liste bleibt, die so tut, als würde bei mir alles glattgehen.
Bei Weg 5, dem Diktat, scheitere ich fast immer. Ich rede mich in eine Version hinein, die beim Sprechen großartig klingt und auf dem Papier nach nichts aussieht.
Der Grund ist banal: Beim Sprechen trägt meine Stimme die Hälfte des Textes. Wenn die Stimme wegfällt, bleibt weniger übrig, als ich dachte.
Bei Weg 11, der blinden Streichrunde, schummele ich. Ich sage mir, ich schaue nur kurz, ob der Absatz noch stimmt — und lese dann doch alles.
Inzwischen decke ich den Text mit einem Blatt ab und schiebe es nur so weit runter, dass ich die erste Zeile jedes Absatzes sehe. Das klingt albern und ist die einzige Version, die bei mir funktioniert.
Und bei Weg 2, der geliehenen Startrampe, vergesse ich regelmäßig, den fremden Satz wieder zu streichen.
Einmal stand ich damit auf einer Bühne. Der erste Satz meines Textes war der erste Satz eines Romans, der in dem Jahr auf jeder Bestsellerliste stand.
Niemand hat es gemerkt, und trotzdem war es mir unangenehm. Seitdem schreibe ich den geliehenen Satz mit Bleistift und alles andere mit Kuli.
Der Tag danach — und was du mit dem Text dann machst
Am nächsten Morgen liest du den Text noch einmal. Und zwar nicht, um ihn zu retten, sondern um ihn zu sortieren.
Es gibt drei Stapel. Auf Stapel eins kommt, was auf der Bühne funktioniert hat — das erkennst du daran, wo der Saal reagiert hat, nicht daran, was dir gefällt.
Auf Stapel zwei kommt, was gute Substanz hat, aber schlecht gebaut war. Das ist der wertvollste Stapel, denn daraus entsteht in Ruhe ein richtiger Text.
Auf Stapel drei kommt der Rest. Der wird nicht aufbewahrt, sondern weggeworfen, und zwar sofort.
Wer Notfalltexte sammelt, hat nach einem Jahr einen Ordner voll halber Sachen und das Gefühl, nichts fertig zu bekommen.
Ein Ersatzbus wird nach der Fahrt auch nicht ins Museum gestellt. Er fährt zurück ins Depot und ist am nächsten Tag wieder da, wenn man ihn braucht.
Vier Notlagen und die Methode, die jeweils passt — die dritte kommt häufiger vor, als man zugibt
Nicht jede Notlage ist dieselbe. Ein Ersatzbus fährt bei Schnee eine andere Route als bei Bauarbeiten.
Notlage 1: Du hast ein Thema, aber keinen Einstieg
Nimm Weg 10, den Rückwärtsgang. Wer weiß, wo er ankommt, findet den Einstieg in unter einer Minute.
Notlage 2: Du hast einen Einstieg, aber kein Thema
Nimm Weg 6, die zwanzig Fragen. Der Einstieg ist dann die erste Frage, und die Antwort aus der zweiten Hälfte ist dein Thema.
Notlage 3: Du hast einen fertigen Text, der nicht funktioniert
Das ist die unangenehmste Lage, und sie kommt häufiger vor als die anderen drei zusammen.
Nimm Weg 7 und schreib denselben Stoff als Brief an eine einzelne Person. Du wirst merken, dass dabei zwei Drittel des alten Textes wegfallen — und dass genau die zwei Drittel das Problem waren.
Notlage 4: Du hast gar nichts und fünf Minuten
Weg 1 plus Weg 9: Tasche auskippen, sieben Gegenstände, zwei Sätze pro Gegenstand. Das ist ein Text.
Er ist nicht dein bester. Aber er ist konkret, er hat einen Rhythmus, und niemand im Saal weiß, dass er fünf Minuten alt ist.
„Und wenn ich mit so einem Text durchfalle? Dann habe ich mich vor allen blamiert.“
Dann hast du dich vor Leuten blamiert, die morgen nicht mehr wissen, wie du heißt. Das Publikum eines Slams vergisst 90 Prozent des Abends innerhalb einer Woche. Was es nicht vergisst, ist jemand, der gar nicht erst angetreten ist — denn den hat es nie gesehen.

Zehn Fehler beim schnellen Schreiben — Nummer 1 machst du in der ersten Minute
Diese zehn habe ich alle selbst gemacht. Die meisten mehrfach.
1. Nach dem großen Thema suchen. Zwanzig Minuten reichen nicht für ein großes Thema. Sie reichen für einen kleinen, genauen Moment — und der wirkt sowieso stärker.
2. Während des Schreibens lesen. Jedes Zurückspringen kostet dich mehr als die Stelle wert ist.
3. Die Form wechseln. Aus dem Brief wird eine Liste, aus der Liste eine Geschichte. Danach ist die Zeit weg und der Text hat drei Anfänge.
4. Reimen wollen. Reime unter Zeitdruck sind der schnellste Weg zu einem Text, der nach Poesiealbum klingt. Lass sie weg.
5. Zu lang planen. Wer fünf Minuten plant, hat noch fünfzehn zum Schreiben. Das reicht nicht, und der Plan hilft nicht.
6. Etwas erklären wollen. Erklärungen sind die längsten Sätze überhaupt. Zeig lieber und erklär nichts.
7. Keinen Wecker stellen. Ohne sichtbares Ende dehnen sich zwanzig Minuten auf vierzig, und dann bist du nicht schneller, sondern nur erschöpft.
8. Am Anfang feilen. Der erste Satz ist der, den du zuletzt schreibst. Vorher ist er nur ein Platzhalter.
9. Jemanden fragen. Es gibt keine Zeit für Feedback. Feedback kostet immer mindestens eine weitere Fassung, und die hast du nicht.
10. Nach dem Auftritt so tun, als wäre es geplant gewesen. Sag ruhig, dass der Text von heute Nachmittag ist. Die Leute finden das nicht schlimm, sie finden es beeindruckend.
Was ein Zwanzig-Minuten-Text nicht kann — und warum du das offen sagen solltest
Ein Ersatzbus fährt nicht auf der Schiene. Er ist langsamer, er schaukelt, und er kommt später an.
Genauso ehrlich sollten wir über diese Texte reden.
Ein Text in zwanzig Minuten hat fast nie eine echte Wendung. Wendungen brauchen Zeit, weil man den Text erst kennen muss, um ihn umdrehen zu können.
Er hat auch selten mehr als eine Ebene. Wer zwei Geschichten ineinanderschieben will, braucht Ruhe und mindestens einen Tag Abstand.
Und er hält fast nie ein Jahr. Von zehn Notfalltexten bleibt einer im Programm — die anderen neun waren Verkehrsmittel und keine Denkmäler.
Das ist völlig in Ordnung. Ein Bus muss nicht schön sein, er muss fahren.
Wer in Ruhe schreibt, sucht den besten Text. Wer in zwanzig Minuten schreibt, sucht den nächsten — und findet ihn deshalb.
Checkliste: dein Notfallkoffer für den Abend vor dem Auftritt
Wecker auf zwanzig Minuten gestellt und sichtbar hingelegt.
Form entschieden und auf einen Zettel geschrieben: Brief, Liste oder Refrain.
Letzter Satz steht, bevor der Text richtig anfängt.
Handy im Flugmodus, Notizen-App offen, keine Musik.
Acht Minuten am Stück geschrieben, ohne ein einziges Mal nach oben zu scrollen.
Erste Sätze aller Absätze geprüft, Anlaufschleifen gestrichen.
Einmal laut gelesen, jede Stolperstelle gestrichen statt repariert.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Ist ein Text aus zwanzig Minuten nicht immer schlechter als einer aus zwei Wochen?
Im Schnitt ja. Im Einzelfall überraschend oft nicht — weil in zwei Wochen viel Vorsicht in einen Text hineinwächst, die unter Druck gar nicht erst entsteht.
Soll ich dem Publikum sagen, dass der Text frisch ist?
Ja, aber beiläufig und ohne Entschuldigung. Ein Satz reicht: „Den habe ich heute Nachmittag geschrieben.“ Das erzeugt Aufmerksamkeit statt Nachsicht.
Was mache ich, wenn nach zwanzig Minuten wirklich nichts dasteht?
Dann spielst du einen alten Text und schreibst am nächsten Tag in Ruhe weiter. Ein Notfallwerkzeug, das einmal nicht greift, ist kein Grund, den Abend abzusagen.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Die 19 Minuten auf dem Bahnsteig — und die Methode, die es wirklich war
Bleiben die 19 Minuten vom Anfang.
Ich war auf dem Weg zu einem Slam in einer Nachbarstadt. Zug gestrichen, Ersatzverkehr, Ankunft nach dem geplanten Auftrittsbeginn.
Der Veranstalter schrieb, er schiebe mich nach hinten. Ich hatte also noch die Busfahrt.
Und ich hatte ein Problem, das nichts mit der Bahn zu tun hatte: Mein geplanter Text war ein Text über meinen Vater, und ich hatte an diesem Tag mit ihm telefoniert. Ich konnte ihn nicht spielen.
Also: 19 Minuten, ein wackelnder Bus, kein Thema.
Ich habe nicht Weg 1 genommen und auch nicht Weg 10, obwohl beide naheliegend gewesen wären.
Es war Weg 8, der Refrain.
Ich habe eine Zeile dreimal untereinander geschrieben, mit Lücken dazwischen: „Wir nehmen den Bus.“
In die erste Lücke kam der Bahnsteig. In die zweite kam eine Frau, die neben mir saß und ihrer Tochter am Telefon erklärte, dass sie später kommt.
In die dritte kam das Telefonat mit meinem Vater. Ohne dass ich es geplant hätte.
Das ist der Punkt, an dem ich verstanden habe, warum der Refrain unter Zeitdruck so gut funktioniert: Er gibt dir drei kleine Türen statt einer großen.
Und weil du dich bei drei Türen nicht entscheiden musst, welche die richtige ist, gehst du einfach durch alle drei.
Der Text hieß später nicht „Ersatzverkehr“, sondern „Wir nehmen den Bus“. Er läuft seit vier Jahren, und ich habe daran genau zwei Wörter geändert.
Deshalb steht der Griff ganz vorne in diesem Beitrag: erst die Form, dann der Inhalt. An diesem Abend hatte ich keinen Inhalt — und die Form hat ihn mir besorgt.
Warum das alles die beste Nachricht ist
Wenn ein Text in zwanzig Minuten entstehen kann, dann war Zeit nie das, was dir gefehlt hat.
Das klingt zuerst wie ein Vorwurf. Es ist aber eine Befreiung: Du wartest nicht mehr auf den freien Nachmittag, der nie kommt.
Ein Ersatzverkehr wird nie als Fortschritt angekündigt. Trotzdem lernen die Leute auf so einer Fahrt Strecken kennen, die sie vom Zug aus nie gesehen hätten.
Genau das machen diese zwölf Wege mit deinem Schreiben. Sie führen dich an Stellen vorbei, an denen du in Ruhe nie angehalten hättest.
Dein Auftrag für diese Woche
Stell dir einen Wecker auf zwanzig Minuten. Nicht heute Abend um elf, sondern zu einer Zeit, zu der du wach bist.
Dann wählst du eine Form — ich schlage den Refrain vor — und schreibst einen Text, der nirgendwo auftreten muss.
Das ist die eigentliche Übung: den Notfall zu proben, solange keiner ist.
Denn wenn der Abend kommt, an dem du wirklich zwanzig Minuten hast, willst du nicht auch noch die Methode suchen müssen.
Mach das dreimal. Danach hast du keinen Notfallplan mehr — du hast eine zweite Arbeitsweise.

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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenProkrastination beim Schreiben
Warum du alles machst außer schreiben — und der Rat, der bei mir jedes Mal funktioniert.
7 Textformate, die auf jeder Bühne funktionieren
Die sieben Bauformen im Detail — wenn du mehr als zwanzig Minuten hast.
10 Gebote für erste Sätze
Was der Anfang leisten muss, den du zuletzt schreibst.
Laut lesen: der einzige Test, der die Wahrheit sagt
Weg 12 in ausführlich — und warum stilles Lesen dich anlügt.
60 Wörter, die deinen Text schwer machen
Wenn du in der Streichrunde nicht weißt, wo du anfangen sollst.
Schreiben im Zug
Warum ein Fahrplan der beste Schreibtisch ist, den es gibt.
