Eine Tonne Kies fährt in einem anderen Wagen als eine Tonne Milch. Nicht weil das Gewicht anders wäre — sondern weil die Ladung eine Form braucht.
Die meisten Leute schreiben ihre Texte in genau einer Form.
Es ist fast immer dieselbe: Ich erzähle in der ersten Person etwas, das mir passiert ist, und ziehe am Ende ein Fazit.
Diese Form ist völlig in Ordnung. Sie ist nur nicht die einzige, und sie ist an einem Abend mit zehn Texten die häufigste.
Dieser Beitrag stellt sieben Bauformen vor, die alle auf Bühnen funktionieren.
Und er macht etwas, das ich für den nützlichsten Teil halte: Er nimmt eine einzige Idee und schickt sie durch alle sieben.
Dabei entstehen sieben völlig verschiedene Texte, und du siehst zum ersten Mal, wie viel die Form entscheidet.
Eines dieser sieben Formate hat mir vor Jahren den seltsamsten Moment meiner Bühnenlaufbahn beschert.
Ein Saal mit hundertzwanzig Leuten hat nach der letzten Zeile drei Sekunden lang gar nichts gemacht. Kein Applaus, kein Rascheln, nichts.
Welches Format das war und warum diese drei Sekunden kein Unfall waren, steht ganz am Ende dieses Beitrags.
Vorher brauchst du die anderen sechs.
Ein Wort noch dazu, was mit dem Standardformat eigentlich gemeint ist.
Es sieht ungefähr so aus: Ich beschreibe eine Situation, in der ich war. Dann wird es schwierig, dann verstehe ich etwas, und am Ende sage ich, was ich verstanden habe.
Diese Bauform ist so verbreitet, dass sie unsichtbar geworden ist. Die meisten halten sie nicht für eine Entscheidung, sondern für die natürliche Art zu schreiben.
Sie hat echte Stärken: Sie ist leicht zu folgen, sie erzeugt Mitgefühl, und sie funktioniert bei jedem Thema.
Ihre Schwäche ist der letzte Teil. Das Fazit am Schluss nimmt dem Saal genau die Arbeit ab, die er gerne selbst gemacht hätte.
Alle sieben Formate hier haben eines gemeinsam: In keinem ist Platz für ein Fazit.

Es geht um die Bauform: Wer spricht, zu wem, in welcher Ordnung.
Und eine Warnung vorweg: Die ersten drei sind leicht und schnell wirksam. Die letzten beiden sind schwer und können richtig danebengehen. Das steht jeweils dabei.
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Jetzt Kanal folgenDer Brief
Ein Text an genau eine Person
Die einfachste und zuverlässigste Form von allen. Du schreibst nicht an ein Publikum, sondern an einen einzigen Menschen.
Der Saal hört dabei zu, als säße er im Nebenzimmer. Genau dieses Gefühl macht die Form so stark.
Ein Brieftext verändert automatisch den Ton. Man erklärt weniger, man behauptet weniger, und man wird konkreter — weil der Adressat die Zusammenhänge ja schon kennt.
Benutz „du“ und beziehe dich auf Dinge, die nur ihr beide wisst. Der Saal versteht das Wesentliche trotzdem, und die Andeutungen erzeugen Nähe.
Der Schluss ist der schwierigste Teil. Eine Grußformel wirkt oft zu brav; besser ist ein letzter Satz, der mitten im Gespräch abbricht.
Schwierigkeitsgrad: leicht. Risiko: gering.
Der Brief hat noch eine Eigenschaft, die man auf der Bühne gut nutzen kann.
Er erlaubt Widersprüche, ohne dass sie erklärt werden müssen. In einem Brief darf man im dritten Absatz etwas anderes sagen als im ersten — das machen Briefe eben.
In einem normal erzählten Text wäre derselbe Widerspruch ein Fehler.
Deshalb ist der Brief die beste Form für alles, was man selbst noch nicht entschieden hat. Man muss sich nicht festlegen, weil ein Brief das auch nicht muss.
Und er hat einen praktischen Vorteil: Die Anrede erledigt den ersten Satz. Man kann gar nicht mit dem Wetter anfangen.
Die Anleitung
Ein Text, der so tut, als wäre er nützlich
Die Anleitung ist die komischste der sieben Formen und funktioniert trotzdem auch bei sehr ernsten Themen.
Der Trick liegt im Abstand zwischen der nüchternen Form und dem, was tatsächlich verhandelt wird.
„In sechs Schritten aus einer Wohnung ausziehen, in der man glücklich war“ ist eine Anleitung. Sie handelt von etwas ganz anderem.
Das Wichtigste ist der letzte Schritt. Dort darf die Form einmal brechen — ein Satz, der plötzlich nicht mehr Anleitung ist.
Genau dieser eine Bruch trägt den ganzen Text. Ohne ihn bleibt es ein Gag.
Schwierigkeitsgrad: leicht. Risiko: gering, solange du die Form durchhältst.
Die Anleitung hat eine Nebenwirkung, die man kennen sollte.
Sie erzeugt beim Publikum sofort Erwartung an eine Pointe. Eine Form, die so offensichtlich gewählt ist, verspricht, dass sie sich lohnt.
Wer diese Erwartung nicht einlöst, hat am Ende einen Text, der wie ein unfertiger Witz wirkt.
Deshalb gehört bei diesem Format der Schluss zuerst geschrieben. Ohne den letzten Schritt braucht man mit den anderen gar nicht anzufangen.
Die Liste
Ein Text aus lauter Einzelteilen
Die Liste ist die unterchätzteste Form überhaupt, weil sie so simpel aussieht.
Du nimmst eine Formel und wiederholst sie. „Ich erinnere mich an …“, „Dinge, die im Auto meines Vaters lagen“, „Alles, was ich nicht gesagt habe“.
Was dabei entsteht, ist ein Rhythmus, dem ein Saal fast willenlos folgt. Wiederholung erzeugt Sog, und der Sog trägt den Inhalt.
Der entscheidende Punkt: Die Einträge müssen in der Länge variieren. Zwanzig gleich lange Zeilen werden zum Fahrgeräusch.
Setz die drei stärksten Einträge nicht an den Anfang, sondern auf die Positionen sieben, elf und zuletzt.
Und brich die Formel genau einmal — im vorletzten Eintrag. Der Saal merkt es sofort, und genau dort landet der Text.
Schwierigkeitsgrad: leicht. Risiko: mittel, weil Länge und Monotonie zusammenhängen.
Bei der Liste gibt es einen Fehler, den fast alle beim ersten Mal machen.
Sie schreiben zwanzig gleich gebaute Einträge und wundern sich, dass der Text in der Mitte einschläft.
Eine Liste braucht Variation in der Länge, sonst wird die Wiederholung zum Geräusch. Ein Eintrag darf drei Wörter haben, der nächste drei Zeilen.
Und sie braucht mindestens einen Eintrag, der aus der Reihe fällt — einen, bei dem der Saal kurz stutzt.
Genau dieser eine Eintrag ist der Grund, warum sich der Text am Ende gelohnt hat.

Die Durchsage
Ein Text, der von oben spricht
Die Durchsage ist eine Amtsform: Bekanntmachung, Ansage, Mitteilung, Beschwerdebescheid.
Sie erzeugt sofort eine Machtverteilung, und mit dieser Machtverteilung kann man arbeiten.
Ein Text, der als Behördenschreiben über eine Trennung informiert, ist automatisch komisch und automatisch traurig.
Das liegt daran, dass die Sprache alles kleinredet, was der Inhalt groß macht. Der Saal füllt die Lücke selbst.
Der Inhalt darf so persönlich sein, wie du willst — je persönlicher, desto stärker der Kontrast.
Beim Vortragen nüchtern bleiben. Wer diese Form emotional spricht, zerstört sie in zwei Sätzen.
Schwierigkeitsgrad: mittel. Risiko: mittel — die Form nutzt sich innerhalb eines Textes ab, halte ihn kurz.
Die Durchsage hat unter allen sieben die kürzeste Haltbarkeit, und dafür gibt es einen Grund.
Amtssprache ist anstrengend zu hören. Nach ungefähr zwei Minuten fängt ein Saal an, sie als Geräusch wahrzunehmen.
Deshalb funktioniert dieses Format am besten in Texten unter drei Minuten — oder als Einschub in einem längeren Text.
Ein Text, der zwei Minuten normal erzählt und dann eine halbe Minute lang zur Durchsage wird, nutzt den Effekt, ohne ihn zu verbrauchen.
Das Protokoll
Ein Text, der nur aufschreibt, was passiert ist
Beim Protokoll erzählst du eine Szene in der Reihenfolge, in der sie stattgefunden hat, mit Uhrzeiten und ohne Kommentar.
Kein Innenleben, keine Deutung, keine Adjektive. Nur Handlungen und was gesagt wurde.
Diese Form ist die kühlste der sieben und wirkt gerade deshalb am stärksten bei schweren Themen.
Der Saal macht die Arbeit, die du ihm nicht abnimmst. Er fühlt genau das, was du nicht hinschreibst.
Erlaubt ist genau eine Stelle, an der die Kamera näher herangeht — ein Detail, das nichts mit der Handlung zu tun hat. Diese eine Stelle trägt den ganzen Text.
Der Schluss darf keine Zusammenfassung sein. Hör einfach auf.
Schwierigkeitsgrad: mittel. Risiko: mittel — ohne die eine warme Stelle wirkt es kalt.
Beim Protokoll lohnt sich ein Blick darauf, warum diese Kühle so stark wirkt.
Ein Publikum ist darauf trainiert, in Texten nach Gefühlsangeboten zu suchen. Wenn keines kommt, sucht es weiter — und zwar im eigenen Kopf.
Dieses Suchen ist die eigentliche Arbeit, die ein guter Text auslöst. Ein Protokoll erzwingt sie, weil es nichts anbietet.
Der Effekt ist bei schweren Themen so stark, dass man vorsichtig sein muss. Ein nüchtern protokollierter Unfall kann einen Saal richtig treffen.
Deshalb gehört zu dieser Form eine Verantwortung: Sag vorher an, wenn es hart wird. Der Beitrag über Triggerwarnungen beschreibt, wie das ohne Pathos geht.

Das Gespräch mit einer Leerstelle
Ein Text, in dem nur eine Seite spricht
Diese Form ist die anspruchsvollste der sieben und die, die am stärksten wirkt, wenn sie gelingt.
Du schreibst ein Gespräch, in dem nur eine Person zu hören ist. Die Antworten der anderen fehlen und sind trotzdem da.
Ein Telefonat, bei dem man nur eine Seite hört. Ein Krankenbesuch, bei dem der andere nicht antworten kann.
Der Saal rekonstruiert die fehlende Seite automatisch. Und weil er sie selbst baut, ist sie genauer, als du sie hättest schreiben können.
Danach musst du die verbleibenden Sätze so umbauen, dass man die gestrichenen erraten kann. Meistens reichen kleine Aufnahmen: „Nein, das habe ich nicht gesagt.“
Pausen sind hier das wichtigste Mittel. Genau dort, wo der andere spricht, muss auf der Bühne Stille sein.
Schwierigkeitsgrad: hoch. Risiko: hoch — wenn der Saal die fehlende Seite nicht rekonstruieren kann, verliert er den Faden.
Zum Gespräch mit Leerstelle noch ein Hinweis, der bei fast allen den Unterschied macht.
Die fehlende Seite muss regelmäßig spürbar sein, nicht nur einmal am Anfang.
Am einfachsten geht das über Rückfragen: „Wie meinst du das?“ oder „Das habe ich nicht gesagt.“ Jede dieser Zeilen setzt die andere Person neu in den Raum.
Ohne diese Anker verliert der Saal nach einer Minute, dass überhaupt jemand gegenübersitzt. Dann klingt der Text wie ein normaler Monolog.

Die zweite Stimme
Ein Text, der sich selbst widerspricht
Hier laufen zwei Stimmen abwechselnd durch denselben Text: eine, die erzählt, und eine, die dazwischenredet.
Die zweite Stimme kann ein Einwand sein, ein Kommentar, eine Erinnerung oder eine Korrektur.
Das Interessante daran: Ein Text mit zwei Stimmen wirkt sofort ehrlicher als einer mit einer. Er gibt zu, dass die Sache kompliziert ist.
Setz sie sparsam ein. Vier bis fünf Einwürfe in einem Fünf-Minuten-Text reichen; mehr wird zum Trick.
Und lass die zweite Stimme am Ende einmal recht behalten. Das ist der Moment, für den die ganze Konstruktion gebaut ist.
Schwierigkeitsgrad: hoch. Risiko: hoch — ohne klaren Stimmwechsel wird es beim Vortrag unverständlich.
Zur zweiten Stimme noch ein praktischer Hinweis für den Vortrag.
Warum der Waggon den Inhalt schlägt – Die Form entscheidet über deinen Text
Man braucht keine Verstellung. Es reicht, die zweite Stimme leiser und schneller zu sprechen als die erste.
Wer sie schauspielert, verliert den Saal, weil er anfängt, auf die Darstellung zu achten statt auf den Inhalt.
Am einfachsten geht es über die Körperhaltung: einen halben Schritt zur Seite, wenn die zweite Stimme spricht. Der Saal versteht das sofort, ohne dass jemand es erklärt.
Dieselbe Idee, sieben Anfänge — und nur einer davon wird warm
Damit man sieht, was die Form wirklich ausmacht, hier eine einzige Idee in allen sieben Formaten.
Die Idee lautet: Ein Mensch räumt die Wohnung eines Verstorbenen aus.
Achte beim Lesen der Tabelle auf die vorletzte Zeile. Sie ist die einzige, bei der ich beim Zusammenstellen gezögert habe.
| Format | Wie der Text dann anfängt |
|---|---|
| Brief | Lieber Papa, deine Sockenschublade war die Einzige, die aufgeräumt war. |
| Anleitung | Schritt 1: Besorgen Sie mehr Kartons, als Sie für nötig halten. |
| Liste | Dinge, die niemand haben wollte: ein Fernglas ohne Riemen … |
| Durchsage | Die Wohnung ist bis zum Monatsende zu räumen. Wir bitten um Verständnis. |
| Protokoll | 9:40 Uhr. Wohnungstür geöffnet. Im Flur brennt Licht. |
| Gespräch | Nein, den Sessel nehmen wir nicht mit. — Doch, ich weiß, dass er gut war. |
| Zweite Stimme | Ich habe alles ordentlich gemacht. (Du hast drei Wochen gebraucht.) |
Sieben Anfänge, ein Thema, und jeder führt in einen anderen Text.
Der Briefanfang wird warm werden, das Protokoll kühl, die Anleitung komisch. Alle drei handeln von derselben Sache.
Und keiner von ihnen hätte im Standardformat so ausgesehen.
Die drei Entscheidungen, die dein Format für dich trifft — bevor du ein Wort schreibst
Es hilft zu verstehen, was ein Format eigentlich tut. Dann kann man sich am Ende eigene bauen.
Jede dieser sieben Formen trifft drei Entscheidungen für dich, bevor du das erste Wort schreibst.
Entscheidung eins: Wer spricht? Ein Ich, eine Institution, eine unbeteiligte Kamera.
Das klingt technisch und entscheidet den halben Ton. Ein Protokoll kann gar nicht pathetisch werden, weil eine Kamera keine Gefühle hat.
Entscheidung zwei: Zu wem? Zu einem Menschen, zu allen, zu niemandem.
Das entscheidet die Nähe. Texte an alle klingen automatisch nach Rede, Texte an einen nach Vertrauen.
Entscheidung drei: In welcher Ordnung? Chronologisch, nummeriert, assoziativ, gar nicht.
Das entscheidet, ob dein Text eine Richtung hat. Und Richtung ist das, was ein Publikum bei der Stange hält.
Wenn du diese drei Fragen für einen Text beantwortest, hast du ein Format — auch eines, das in dieser Liste nicht steht.
Genau so sind die sieben oben entstanden. Es sind nur die sieben Kombinationen, die auf Bühnen am zuverlässigsten laufen.
Bevor es weitergeht, eine unangenehme Frage: Benutzt du gerade eines der drei Formate, die auf Bühnen fast immer scheitern?
Die Wahrscheinlichkeit ist größer, als du denkst, denn alle drei funktionieren auf Papier hervorragend. Genau deshalb landen sie so oft auf Bühnen, wo sie nichts verloren haben.
Drei Formate, die auf Bühnen fast immer scheitern
Nicht jede Form, die auf Papier funktioniert, funktioniert auch gesprochen. Diese drei sehe ich regelmäßig scheitern.
Der Dialog mit zwei Stimmen. Zwei Figuren, die abwechselnd sprechen, und beide werden von dir gesprochen.
Auf Papier klar, auf der Bühne ein Problem: Der Saal verliert nach vier Wechseln, wer gerade spricht.
Deshalb steht in dieser Liste das Gespräch mit Leerstelle und nicht der volle Dialog. Eine Stimme kann man hören, zwei muss man spielen.
Der Text mit Fußnoten. Sehr komisch zu lesen und auf der Bühne unmöglich.
Ein Ohr kann nicht nach unten schauen. Alles, was von der Textstruktur abhängt, geht beim Sprechen verloren.
Wer den Effekt trotzdem will, nimmt die zweite Stimme aus Gattung 7. Das ist die hörbare Variante derselben Idee.
Das Formular zum Ausfüllen. Ankündigungen mit Lücken, Fragebögen, Multiple Choice.
Das Problem ist dasselbe: Die Wirkung entsteht aus dem Layout, und ein Layout kann man nicht sprechen.
Die Faustregel lautet also: Ein Format taugt für die Bühne, wenn man es am Telefon vorlesen könnte, ohne dass etwas fehlt.
Es gibt noch eine achte Form, die ich bewusst nicht in die Liste aufgenommen habe, weil sie eine Sonderstellung hat.
Das ist der Text, der während des Sprechens entsteht — also gar nicht geschrieben, sondern im Moment gebaut wird.
Auf offenen Bühnen sieht man das gelegentlich, und wenn es gelingt, ist es der stärkste Moment eines Abends.
Es gelingt nur leider sehr selten, und die Trefferquote steht in keinem Verhältnis zum Risiko.
Wer es trotzdem versuchen will, sollte es an einem Abend tun, an dem nichts auf dem Spiel steht, und mit einem festen Gerüst im Kopf.
Denn auch improvisierte Texte brauchen eine Form. Sie haben nur keine Zeit, sie sich vorher auszusuchen.
Er ist ein Angebot für zwei Situationen: wenn ein Text nicht funktioniert und man nicht weiß warum — und wenn man merkt, dass die eigenen Texte einander ähnlich werden.
Das Zweite passiert bei fast allen nach ungefähr drei Jahren. Ein Formatwechsel ist dann die schnellste Abhilfe, die es gibt.
Warum unter den Siegertexten nur halb so viele Standardformate sind
Diese sieben Formate habe ich nicht erfunden, sondern gezählt.
Ich habe über zwei Jahre auf Abenden mitgeschrieben, in welcher Form die Texte gebaut waren, die beim Publikum wirklich ankamen.
Das Ergebnis war eindeutiger, als ich erwartet hatte. Ungefähr achtzig Prozent aller Texte waren im Standardformat, aber unter den Texten, die den Abend gewonnen haben, war es nur die Hälfte.
Das ist keine wissenschaftliche Erhebung, und ich würde die Zahl nicht überstrapazieren. Aber die Richtung war über zwei Jahre stabil.
Meine Erklärung dafür ist banal: Eine ungewohnte Form macht wach.
Ein Saal, der neun Texte im selben Bauplan gehört hat, hört beim zehnten nicht mehr richtig hin. Wenn der zehnte anders gebaut ist, kommt die Aufmerksamkeit zurück.
Das hat nichts mit Qualität zu tun und viel mit Gewöhnung.
Und es erklärt, warum derselbe Text an einem Abend großartig laufen kann und am nächsten nicht: Es hängt davon ab, was vorher gespielt wurde.
Wenn du alle sieben einmal ausprobiert hast, passiert übrigens etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte.
Man fängt an, im Alltag Formen zu sehen. Ein Aushang im Hausflur, eine Speisekarte, ein Beipackzettel, eine Verlustanzeige.
Jede dieser Formen ist ein potentielles Textformat, weil sie eine eigene Sprache und eine eigene Ordnung mitbringt.
Ich habe eine Zeit lang solche Formulare gesammelt — Anmeldungen, Garantiescheine, einen Fragebogen vom Zahnarzt.
Zwei davon sind später Texte geworden, und beide funktionierten besser als alles, was ich mir zum selben Thema hätte ausdenken können.
Das ist die eigentliche Empfehlung dieses Beitrags: Sammle Formen, nicht nur Ideen.
Ideen hat jeder genug. Formen sind das, was in einem Programm mit zehn Texten den Unterschied macht.

Warum das Format wichtiger ist als das Thema
Auf offenen Bühnen hört man immer wieder denselben Satz: Man müsse etwas Neues zu sagen haben.
Das ist eine harte Anforderung, und sie stimmt nicht. Die großen Themen sind seit dreitausend Jahren dieselben.
Niemand hat etwas grundsätzlich Neues über Abschied zu sagen. Auch du nicht, auch ich nicht.
Was neu sein kann, ist die Form, in der es gesagt wird.
Und das ist eine viel erreichbarere Aufgabe. Ein Abschiedstext als Bedienungsanleitung hat noch niemand an diesem Abend gemacht.
Deshalb halte ich diesen Beitrag für den praktischsten der ganzen Reihe: Er verspricht keine besseren Ideen, sondern besseren Transport.
Woran du erkennst, welchen Wagen deine Idee braucht
| Wenn deine Idee … | … dann nimm |
|---|---|
| eine bestimmte Person betrifft | den Brief |
| zu ernst zu werden droht | die Anleitung oder die Durchsage |
| aus vielen kleinen Teilen besteht | die Liste |
| so schwer ist, dass Pathos droht | das Protokoll |
| von etwas Fehlendem handelt | das Gespräch mit Leerstelle |
| dir selbst nicht ganz geheuer ist | die zweite Stimme |
Die letzte Zeile dieser Tabelle ist die wichtigste, und sie klingt seltsam.
Wenn du bei einer Idee selbst nicht sicher bist, ob du sie so meinst, brauchst du eine Form mit zwei Stimmen.
Einstimmige Texte über unklare Sachen klingen immer entweder prädig oder schwammig.
Was mich dazu gefragt wird
Der Test: Würde der Text in einer anderen Form genauso funktionieren? Wenn ja, ist die Form Dekoration.
Bei einem Ausraumtext als Anleitung ist die Form Teil der Aussage — jemand flüchtet sich in Schritte, weil er es anders nicht aushält. Das ist kein Gimmick, sondern der Inhalt selbst.
Ein Text, der als Anleitung beginnt und ab der Hälfte ein Brief wird, kann großartig sein — wenn der Wechsel ein Ereignis ist und kein Versehen.
Was nicht funktioniert, ist ein Hin und Her. Zwei Formen, die sich abwechseln, heben sich gegenseitig auf.
Man fängt einfach an zu sammeln, und die Richtung ergibt sich beim Schreiben. Bei allen anderen sechs muss man vorher etwas wissen.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Ein alter Text, ein neuer Wagen
Nimm einen Text, der bei dir nie richtig funktioniert hat. Jeder hat so einen.
Schreib ihn in einem der sieben Formate neu. Nicht überarbeiten — neu schreiben, mit der Idee als einzigem Gepäck.
Das dauert eine halbe Stunde, weil du die Idee ja schon kennst.
In meiner Erfahrung liegt es bei Texten, die nicht funktionieren, ungefähr in der Hälfte der Fälle am Format und nicht am Inhalt.
Man merkt das erst, wenn man dieselbe Ladung einmal umgeladen hat.

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die für offene Bühnen ganz praktisch ist.
An einem Abend mit zehn Texten sind neun im Standardformat. Das ist keine Kritik, sondern eine Beobachtung aus zwanzig Jahren.
Wer als Einziger etwas anderes mitbringt, fällt auf, bevor der Inhalt überhaupt zur Sprache kommt.
Das ist kein Trick, um zu gewinnen. Es ist nur eine sehr einfache Art, gehört zu werden.
Und damit zu den drei Sekunden vom Anfang.
Das Format war das Protokoll. Ich hatte einen Text über den Tag geschrieben, an dem mein Großvater ins Heim gezogen ist — mit Uhrzeiten, ohne ein einziges Gefühlswort, ohne Kommentar.
Der letzte Eintrag lautete: „16:20 Uhr. Rückfahrt. Radio aus.“
Danach passierte drei Sekunden lang nichts. Ich stand oben und war überzeugt, dass der Text nicht angekommen war.
Dann kam der Applaus, und zwar länger als an dem ganzen Abend zuvor.
Ich habe später verstanden, was in diesen drei Sekunden passiert war: Der Saal hatte gerade selbst zu Ende erzählt, was ich weggelassen hatte.
Genau dafür sind Formate da. Sie entscheiden, wie viel Arbeit du dem Publikum überlässt — und die Arbeit, die es selbst macht, ist die einzige, die es sich merkt.
Es gibt bei diesem Format übrigens eine Bedingung, ohne die es nicht funktioniert.
Du musst die Szene wirklich erlebt haben. Ein erfundenes Protokoll merkt ein Saal sofort, weil die Details zu passend sind.
Echte Erinnerungen enthalten immer etwas, das nicht dazugehört — ein Geräusch aus dem Nebenzimmer, eine falsche Uhrzeit, einen Gegenstand, der da nichts zu suchen hat.
Genau diese Unstimmigkeiten machen die Form glaubwürdig. Wer sie weglässt, schreibt eine Inszenierung statt eines Protokolls.
Deshalb lautet mein Rat: Nimm für diese Form nur Szenen, an die du dich zu genau erinnerst.
111 Zeilenanfänge — Gruppe 6 liefert Anfänge für die Amtsformen.
10 Gebote für erste Sätze — gilt in jedem dieser sieben Formate.
31 Bilder für abgenutzte Gefühle — die Ladung zu diesen Wagen.
Texte überarbeiten — wenn der Formatwechsel nicht reicht.
25 Schreibübungen — Übung 13 ist genau dieses Verfahren.
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