Ein Spiel in Levels · Erwachsenwerden
Poetry Slam über das Erwachsenwerden: der Fahrplanwechsel

Samstag, 22:13 Uhr.
Ein Badezimmer, so klein, dass man beim Zähneputzen die Tür zumachen muss.
Omar, 19, kniet vor einer gebrauchten Waschmaschine.
Er zieht die Trommel auf und starrt hinein.
Alles ist rosa.
Die Handtücher.
Die Bettwäsche.
Und vor allem die drei weißen Hemden, die er am Montag tragen wollte.
Am Montag beginnt seine Ausbildung.
Ganz hinten in der Trommel liegt der Täter.
Eine einzelne rote Socke.
Omar wohnt seit drei Wochen allein.
Er tippt ins Handy: „Wäsche rosa rückgängig machen“.
Die Antworten sind lang, widersprüchlich und enden alle mit „leider“.
Dann setzt er sich auf den Badewannenrand und denkt einen Gedanken, den fast jeder irgendwann denkt.
Ich bin nicht bereit für das hier.
Omar gibt es so nicht. Aber die rote Socke gibt es in fast jeder ersten eigenen Wohnung.
Kennst du das?
Du sollst jetzt erwachsen sein.
Du hast einen Schlüssel, einen Mietvertrag und eine Steuer-ID.
Und trotzdem fühlst du dich wie jemand, der aus Versehen im falschen Level gelandet ist.
Und wenn du darüber schreiben willst, wird es schwierig.
Entweder klingt dein Text wie ein Kalenderspruch.
Oder wie ein Opa, der erklärt, dass früher alles besser war.
Oder du jammerst drei Minuten über Nebenkosten.
Ich sag dir was: Das muss nicht sein.
Erwachsenwerden ist kein Thema.
Es ist eine Abfolge von ersten Malen.
Und erste Male sind das beste Material, das ein Slam-Text haben kann.
Darum bekommst du hier ein Spiel.
Zehn Level, ein Endgegner und ein Speicherpunkt.
Omar spielt es gerade.
Du spielst mit.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenNeues Spiel: der Startbildschirm
Neues Spiel · Spielstand Woche 3
Erwachsen werden
▶ Taste drücken, um fortzufahren
So sieht Omars Spielstand in der dritten Woche aus.
Ehrlich gesagt ist das kein schlechter Spielstand.
Er hat eine Wohnung.
Er hat einen Plan.
Er hat nur keine Ahnung, wie man Wäsche sortiert.
Und genau hier fängt dein Text an.
Nicht mit dem großen Satz über das Leben.
Sondern mit dem kleinen Moment, in dem das Leben dich auslacht.
Also merke: Ein guter Erwachsenwerden-Text erklärt nichts.
Er zeigt ein Level.
Einen einzigen Moment, in dem der alte Plan nicht mehr gilt und der neue noch nicht geschrieben ist.
Genau dazwischen liegt dein Stoff.
Welt 1: die ersten Male
Welt 1 · Die ersten Male
Der eigene Schlüssel
Mission: Die Tür hinter dir zumachen, ohne dass jemand fragt, wohin du gehst.
Der erste Großeinkauf
Mission: Einen Kühlschrank füllen, der nur dir gehört.
Die Waschmaschine
Mission: Eine Ladung Wäsche waschen, ohne dass etwas passiert.
Drei Level in drei Wochen.
Keines davon ist spektakulär.
Und doch hat Omar bei jedem etwas gespürt.
Beim Schlüssel diesen Stolz, der sich fast wie Angst anfühlt.
Beim Einkauf die Erkenntnis, dass Klopapier nicht von allein nachwächst.
Bei der Waschmaschine … na ja.
Nimm dir zehn Minuten und schreib alle ersten Male auf, die dir einfallen.
Die erste eigene Glühbirne.
Die erste Nacht in einer Wohnung, die noch fremd riecht.
Der erste Anruf, bei dem du selbst einen Termin ausmachen musstest.
Je kleiner, desto besser.
Große erste Male hat jeder.
Kleine erste Male hast nur du.
Dann such dir das eine heraus, bei dem du am meisten gespürt hast.
Nicht das lustigste.
Das ehrlichste.
Aus diesem einen Level baust du deinen Text.
Welt 2: Papierkram
Welt 2 · Papierkram
Der Brief vom Amt
Mission: Einen Brief öffnen, dessen Betreffzeile länger ist als dein Lebenslauf.
Die Nebenkosten
Mission: Herausfinden, was Nebenkosten sind, bevor die Abrechnung kommt.
Der Anruf
Mission: Selbst beim Arzt anrufen und einen Termin ausmachen.
Hier wird es komisch.
Papierkram ist für junge Erwachsene das, was für Ritter der Drache war.
Nur mit mehr Formularen.
Kein Bullshit: Humor ist beim Erwachsenwerden kein Beiwerk.
Er ist die Rettung.
Aber er funktioniert nur, wenn du genau bist.
„Behördenbriefe sind kompliziert“ bringt niemanden zum Lachen.
„Der Brief beginnt mit meinem Namen, und danach verstehe ich kein Wort mehr“ schon.
Übertreib ruhig ein bisschen.
Aber nur in der Größe, nie in der Sache.
Der Brief ist echt.
Das Gefühl ist echt.
Nur die Achievements sind erfunden.
Du willst sehen, wie jemand anderes das Thema auf die Bühne bringt?
Hier ist ein Auftritt, der schlicht „Erwachsenwerden“ heißt.
Achte beim Zuschauen darauf, welche Bilder hängen bleiben.
Nicht welche Gedanken.
Welche Bilder.
Schreib sie danach auf, ohne noch einmal nachzusehen.
Das, was du behalten hast, ist das, was wirkt.
Welt 3: die leisen Level
Welt 3 · Die leisen Level
Sonntagabend
Mission: Einen ganzen Sonntag allein verbringen, ohne dass es wehtut.
Krank ohne Tee
Mission: Mit Fieber im Bett liegen, und niemand bringt dir etwas.
Über diese Level redet kaum jemand.
Auch Omar nicht.
In seiner ersten Woche hat er seiner Familie jeden Abend geschrieben, dass alles super ist.
Am Sonntag hat er dann drei Stunden auf die Wand gestarrt.
Nicht weil etwas passiert war.
Sondern weil nichts passiert war.
Keiner, der fragt, wie der Tag war.
Keiner, der den Fernseher zu laut stellt.
Nur der Kühlschrank, der brummt.
Aber hier kommt der Haken:
Genau diese Level gehören in deinen Text.
Nicht als Gejammer.
Als Wahrheit.
Das Publikum lacht bei der rosa Wäsche.
Aber es erinnert sich an den Sonntag mit der Wand.
Die Kunst ist der Ton.
Nicht altklug, nicht weinerlich.
Einfach so, wie es war.
Und wenn aus so einem Sonntag Wochen werden, sprich mit jemandem darüber.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenBonuslevel: der Neustart
★ Bonuslevel · freigeschaltet
Ein Spieler namens Samuel Clemens
Samuel Clemens wuchs am Mississippi auf und wurde als junger Mann Lotse auf einem Flussdampfer.
Dann kam der Amerikanische Bürgerkrieg, und die Schifffahrt auf dem Fluss brach ein.
Er ging in den Westen, versuchte sein Glück im Bergbau und scheiterte.
Er begann, für Zeitungen zu schreiben, und gab sich einen neuen Namen: Mark Twain.
Der Name stammt nach der bekanntesten Erklärung aus der Sprache der Flusslotsen.
So ist es überliefert. Aus dem gescheiterten Lotsen wurde einer der bekanntesten Schriftsteller Amerikas.
Siehst du, was da passiert ist?
Der alte Plan ist zerbrochen.
Nicht wegen eines Fehlers, sondern weil sich die Welt verändert hat.
Und aus den Trümmern ist etwas Neues gewachsen.
Genau das ist Erwachsenwerden.
Ein Fahrplanwechsel.
Der alte Fahrplan gilt nicht mehr, und der neue schreibt sich unterwegs.
Für deinen Text heißt das: Such die Stelle, an der dein alter Plan nicht mehr gilt.
Der Moment, in dem du merkst, dass niemand mehr deine Wäsche macht.
Oder dass die Clique aus der Schule in alle Richtungen verstreut ist.
Oder dass sich dein Traumberuf ganz anders anfühlt als gedacht.
Diese Stelle ist die Weiche deines Textes.
Davor war alles Kindheit.
Danach beginnt etwas, für das es noch keinen Namen gibt.
Level 9: um Hilfe bitten
Welt 4 · Mitspieler
Um Hilfe bitten
Mission: Jemanden anrufen und zugeben, dass du etwas nicht kannst.
Sonntag, 10:30 Uhr.
Omar ruft seine Mutter an.
Er erzählt von der Socke, von den Hemden, von Montag.
Seine Mutter lacht.
Eine ganze Minute lang.
Dann erzählt sie etwas, das Omar noch nie gehört hat.
In ihrer ersten eigenen Wohnung hat sie die Küche unter Wasser gesetzt.
Weil sie Spülmittel in die Spülmaschine gefüllt hatte.
Der Nachbar von unten hat zwei Wochen lang nicht mit ihr geredet.
Omar sitzt auf dem Badewannenrand und merkt etwas.
Seine Mutter war auch mal neunzehn.
Und sie hatte genauso wenig Ahnung.
In diesem Moment entsteht sein Text.
Die Erwachsenen in deinem Text sind keine Endgegner.
Sie sind Mitspieler, die ein paar Level weiter sind.
Zeig sie so.
Mit ihren eigenen roten Socken.
Die Hemden bleiben übrigens rosa.
Am Montag trägt Omar eins davon.
Keiner sagt etwas.
Ein Kollege nickt sogar anerkennend.
Level 10: der Endgegner
⚠ Endgegner · Level 10
Der fertige Erwachsene
Tipp aus dem Handbuch: Dieser Gegner kann nicht besiegt werden. Er kann nur durchschaut werden.
Jedes gute Spiel hat einen Endgegner.
Beim Erwachsenwerden heißt er: der fertige Erwachsene.
Jemand, der immer weiß, was zu tun ist.
Der nie eine rote Socke übersieht.
Der seine Steuererklärung am ersten Tag abgibt und dabei lächelt.
Am Telefon mit seiner Mutter merkt Omar: Den gibt es nicht.
Es gibt nur Leute, die ein paar Level weiter sind.
Und Leute, die so tun, als wären sie fertig.
Erwachsensein als Endlevel?
Quatsch!
Das ist die schönste Pointe, die du dir für deinen Text wünschen kannst.
Aber zieh sie nicht als Lehrsatz auf.
Erzähl sie als Entdeckung.
Hier ist ein zweiter Auftritt, der schon im Titel etwas anders machen will.
Achte beim Zuschauen auf das Ende.
Wird dort etwas erklärt?
Oder bleibt etwas offen?
Und was davon nimmst du lieber mit nach Hause?
Speicherpunkt: Omar schreibt
Sechs Wochen später.
Eine offene Bühne in einer Bar, die nach altem Bier und neuen Ideen riecht.
Omar steht auf der Liste an Platz vier.
Er trägt ein rosa Hemd.
Absichtlich.
Sein Text heißt „Level elf“.
Er erzählt von der Socke, vom Sonntag mit der Wand und von der Küche seiner Mutter, die unter Wasser stand.
Das Publikum lacht an den richtigen Stellen.
Und an einer Stelle wird es sehr still.
Dann kommt sein letzter Satz.
Erwachsensein ist kein Endlevel. Es ist ein Spiel, bei dem alle nur so tun, als hätten sie die Anleitung gelesen.
Applaus.
In der ersten Reihe hebt jemand den Arm und zeigt auf seinen Ärmel.
Ebenfalls rosa.
💾
Spielstand gespeichert
Level 10 abgeschlossen · Level 11 freigeschaltet
Hinweis: Dieses Spiel hat kein letztes Level.
Und du?
In welchem Level steckst du gerade fest?
Schreib darüber.
Nicht erst, wenn du es geschafft hast.
Jetzt, mittendrin.
Denn die besten Texte übers Erwachsenwerden schreiben nicht die Fertigen.
Sondern die, die gerade vor der Waschmaschine knien.
