Auf Tour gehen: Wie du über deine Stadt hinauswächst
Sieben Stunden Hinfahrt. Dreißig Leute im Saal. Fünfzig Euro Gage.
Mein erster Auftritt außerhalb der eigenen Stadt war betriebswirtschaftlich eine Katastrophe.
Kiel, ein Kulturzentrum am Wasser, ein Abend im November.
Ich bin morgens los, viermal umgestiegen und abends auf einer Bühne gestanden, auf der ich niemanden kannte.
Danach habe ich auf dem Sofa der Veranstalterin geschlafen.
Und in dieser Nacht ist etwas passiert, das sich als die profitabelste Stunde meines ganzen Slam-Jahres herausgestellt hat.
Dieser Beitrag zeigt dir, wie du aus einzelnen Auswärtsauftritten eine echte Poetry-Slam-Tour machst.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er besteht aus einer einzigen Frage.
Denn eine Poetry-Slam-Tour entsteht nicht durch Bewerbungen. Sie entsteht durch Empfehlungen.
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Jetzt Kanal folgenWarum eine Poetry-Slam-Tour irgendwann fällig wird
Irgendwann kennst du das Publikum.
Nicht namentlich, aber im Gefühl. Du weißt, an welcher Stelle gelacht wird, welche Themen ziehen und wer in der ersten Reihe sitzt.
Das ist zunächst angenehm und danach ein Problem.
Denn Sicherheit und Entwicklung schließen sich auf Dauer aus.
Die drei Dinge, die eine fremde Stadt mit dir macht
Erstens verlierst du deinen Bonus. Zu Hause wird dir vieles nachgesehen, weil man dich kennt.
Zweitens hörst du deinen Text zum ersten Mal wieder ehrlich, weil das Publikum keine Vorgeschichte mit dir hat.
Und drittens merkst du sehr schnell, welche Texte nur lokal funktionieren.
Ein Witz über die Straßenbahnlinie deiner Heimatstadt ist auswärts einfach nur ein Satz.
Deshalb ist eine Poetry-Slam-Tour vor allem eines: ein ehrlicher Blick auf das eigene Material.
Denn ein Text, der in drei fremden Städten trägt, trägt wirklich.
Franz Liszt erfand das Tournee-Leben
Wer heute auf Tour geht, wandelt auf Postkutschenspuren.
Zwischen 1839 und 1847 gab Franz Liszt über tausend Konzerte in ganz Europa.
Diese Jahre heißen bis heute seine Glanzzeit.
Er reiste meist mit der Postkutsche von Paris bis Petersburg, von Kopenhagen bis Konstantinopel, von London bis Lissabon. Und zwar nicht nur in die Metropolen, sondern ausdrücklich auch in die Provinz.
Danach war die Landkarte Europas für Musiker eine andere.
Was er dabei nebenbei erfunden hat
Liszt war der Erste, der ganze Programme auswendig spielte.
Er war der Erste, der Europa von den Pyrenäen bis zum Ural bereiste.
Und er hat das Wort geprägt, mit dem wir bis heute den Soloabend bezeichnen. Am 9. Juni 1840 kündigte er in London erstmals ein Recital an.
Damit meinte er: Ich brauche keine anderen Künstler auf der Bühne.
In Berlin brach 1841 ein Fankult aus, den Heinrich Heine 1844 in einem Feuilleton Lisztomanie nannte.
Der ehrliche Haken
Er hat damit 1847 aufgehört.
Mit Mitte dreißig zog Liszt sich vom Tourneeleben zurück und ließ sich 1848 in Weimar nieder.
Über tausend Konzerte in acht Jahren sind ungefähr ein Auftritt alle drei Tage, inklusive Anreise mit der Kutsche.
Das hält niemand ewig durch, und er hat es auch nicht versucht.
Insofern hat Liszt auch das Ende einer Poetry-Slam-Tour erfunden, nicht nur ihren Anfang.
Es gibt eine Phase, in der Reisen dich enorm weiterbringt. Und es gibt einen Punkt, an dem du besser wieder sesshaft wirst. Beides ist richtig, nur eben nicht gleichzeitig.
Der eine Griff: der eine Name
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Einen. Nicht fünf.
Und frag ausdrücklich, ob du dich auf die Empfehlung berufen darfst.
Das war es. Ein Satz nach dem Auftritt.
Damit wird aus einzelnen Auswärtsauftritten mit der Zeit eine echte Poetry-Slam-Tour.
Warum das funktioniert und Bewerbungen nicht
Die Slam-Szene läuft über Empfehlungen.
Wer einen Slam veranstaltet, bekommt regelmäßig Anfragen von Menschen, die er nicht kennt. Die meisten davon landen im Stapel.
Eine Anfrage mit einem Namen darin ist etwas völlig anderes.
Denn dann steht nicht nur, dass du auftreten möchtest. Es steht auch, dass jemand aus derselben Szene dich für gut genug hält, um seinen eigenen Ruf daranzuhängen.
Die Mathematik dahinter
Ein Name pro Abend klingt nach wenig.
Bei zwölf Auftritten im Jahr sind das zwölf Namen.
Realistisch antworten davon vielleicht sechs, und drei laden dich tatsächlich ein.
Zuerst klingt diese Quote ernüchternd. Tatsächlich ist sie ausgesprochen gut.
Drei neue Städte pro Jahr. Nach drei Jahren ist das ein Netz.
So wächst eine Poetry-Slam-Tour, nämlich langsam und über Menschen.
Eine einzige Frage bekommst du auch dann noch hin. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
Die Anfrage, mit der jede Poetry-Slam-Tour beginnt
Irgendwann musst du trotzdem selbst schreiben.
Und dann entscheidet die Form darüber, ob du eine Antwort bekommst.
Was in die Mail gehört
Der Name der Person, die dich empfohlen hat, gehört in den ersten Satz.
Danach kommen drei Zeilen zu dir: Wo du herkommst, wie lange du das machst und ein bis zwei Orte, an denen du schon aufgetreten bist.
Dann ein Link zu einem einzigen Video. Nicht zu einem Kanal, sondern zu einem Video.
Und zum Schluss die zwei Sätze, die am häufigsten fehlen: Wann du kannst und wie weit du anreisen würdest.
Außerdem entscheidet genau dieser letzte Punkt darüber, ob deine Poetry-Slam-Tour planbar wird.
Was auf keinen Fall hineingehört
Eine Liste aller deiner Auftritte
Mehrere Videolinks
Eine Gagenforderung im ersten Kontakt
Der Satz, dass du flexibel bist
Ein Anhang
Menschen, die Slams veranstalten, machen das fast immer nebenbei und lesen solche Mails zwischen Tür und Angel.
Der Radius: wie weit du wachsen solltest
Der häufigste Fehler beim Start ist der zu große Sprung.
Man schreibt Hamburg und Wien an und übersieht die Stadt, die vierzig Minuten entfernt liegt.
Dabei beginnt jede Poetry-Slam-Tour sinnvollerweise im innersten Ring.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Die Rechnung: was von einer Gage übrig bleibt
Reden wir über Geld, weil sonst niemand darüber redet.
Hier eine typische Rechnung für einen Auswärtsauftritt in mittlerer Entfernung.
Das ist der ehrliche Kern jeder Poetry-Slam-Tour.
Mit einer Couch bleibt ein kleiner Betrag übrig. Mit einem Hotel legst du drauf.
Erstens ist das ernüchternd. Zweitens ändert es nichts daran, dass sich der Abend lohnt.
Deshalb ist die Übernachtungsfrage nicht gemütlich, sondern betriebswirtschaftlich.
Also entscheidet bei einer Poetry-Slam-Tour die Couch über die Bilanz und nicht die Gage.
Der Ertrag eines Auswärtsabends liegt selten im Geld. Er liegt in den Kontakten, im ehrlichen Test deiner Texte und in den drei Städten, die daraus folgen. Das steht auf keiner Abrechnung und ist trotzdem der eigentliche Gewinn.
Charles Dickens verdiente ein Vermögen und zahlte dafür
Es gibt einen Menschen, der aus Lesungen ein Tourneegeschäft gemacht hat.
Charles Dickens begann 1853 mit öffentlichen Lesungen aus seinen eigenen Werken und machte daraus ab 1858 eine zweite Karriere.
Am 2. Dezember 1867 startete er in Boston seine große Amerikatournee.
Bis April 1868 las er sich durch den Nordosten der USA, von Washington bis Portland.
Die Zahlen, und warum sie sich widersprechen
Je nach Quelle werden 76 oder 80 Lesungen genannt.
Bei den Einnahmen ist es noch unübersichtlicher. Genannt werden knapp 20.000 Pfund, 140.000 Dollar oder auch 230.000 bis 250.000 Dollar.
Unstrittig ist nur die Größenordnung: Es war für damalige Verhältnisse ein Vermögen.
Damit war Dickens der Erste, der aus Lesungen etwas machte, das einer Poetry-Slam-Tour ziemlich ähnlich sieht.
Und der Preis dafür
Dickens war während der gesamten Tournee krank.
Überliefert sind Schlaflosigkeit, eine hartnäckige Erkältung, die er selbst den amerikanischen Katarrh nannte, und ein entzündeter Fuß, wegen dem er am Stock ging.
Trotzdem begann er im Oktober 1868 direkt eine Abschiedstournee durch Großbritannien.
Er starb am 9. Juni 1870. Zahlreiche Biografen halten die Tourneen für einen Grund, warum es so früh war.
Ein öffentlicher Unterhalter, der sein Leben verkürzte, um ohne Geldsorgen leben zu können.George Gissing über Dickens · sinngemäß übersetzt
Eine hübsche Randnotiz: Mark Twain saß bei einer dieser Lesungen im Publikum und war ausdrücklich enttäuscht.
Es hat nur einen Preis, und der wird nicht in Euro bezahlt. Deshalb steht in diesem Beitrag ein Kapitel über Grenzen, und deshalb hörte Liszt mit Mitte dreißig auf.
Mit der Bahn zur Poetry-Slam-Tour: was sich rechnet
Jetzt der Teil, bei dem dieser Blog naturgemäß etwas ausführlicher wird.
Denn die Reise ist bei einer Poetry-Slam-Tour der größte Kostenblock.
Zuerst also die Grundausstattung, danach die Ausnahmen.
Das Deutschlandticket als Grundlage
Seit dem 1. Januar 2026 kostet das Deutschlandticket 63 Euro im Monat.
Vorher waren es 58 Euro und bis Ende 2024 sogar nur 49 Euro.
Es gilt bundesweit im Nah- und Regionalverkehr, ist personalisiert und monatlich kündbar.
Außerdem lässt es sich genau in den Monaten buchen, in denen du tatsächlich unterwegs bist.
Für eine Tour heißt das: Alles, was mit Regionalzügen erreichbar ist, kostet dich nach dem Abo nichts mehr extra.
Damit ist das Deutschlandticket für eine Poetry-Slam-Tour im Nahbereich praktisch konkurrenzlos.
Bund und Länder haben die Finanzierung bis 2030 zugesagt, und im März 2026 wurde zusätzlich ein Preisindex beschlossen. Rechne also damit, dass sich der Preis weiter bewegt.
Wann sich der Fernverkehr trotzdem lohnt
Die ehrliche Antwort lautet: bei langen Strecken und bei Terminen am selben Tag.
Sieben Stunden Regionalverkehr für vier Minuten Bühne sind nur einmal romantisch.
Beim zweiten Mal sind sie ein Grund, abzusagen.
Deshalb scheitern die meisten Versuche einer Poetry-Slam-Tour nicht am Geld, sondern an der Zeit.
Zweitens: Über 350 Kilometern kostet dich der Regionalverkehr einen ganzen Tag. Rechne diesen Tag mit, bevor du zusagst.
Drittens: Wenn du zwei Auftritte koppelst, wird plötzlich alles günstiger. Zwei Städte an einem Wochenende halbieren die Anreise pro Auftritt.
Übernachten: die Couch-Ökonomie
In der Slam-Szene ist es weit verbreitet, Auftretende privat unterzubringen.
Das ist keine Notlösung, sondern gelebte Praxis, und für viele Reihen die einzige Möglichkeit, überhaupt jemanden von weiter weg einzuladen.
Ohne diese Praxis gäbe es die meisten Poetry-Slam-Touren schlicht nicht.
Wie du danach fragst, ohne dass es unangenehm wird
Frag früh und beiläufig, am besten schon in der Terminabsprache.
Eine Formulierung, die fast immer funktioniert: Ob eine private Übernachtung möglich wäre oder ob du besser selbst etwas buchst.
Damit machst du beides zu einer normalen Option und niemanden verlegen.
Danach ist die Frage vom Tisch, und zwar für beide Seiten.
Und die ungeschriebenen Regeln danach
Bring etwas mit. Ein Buch, etwas Essbares, irgendetwas aus deiner Stadt.
Steh nicht als Letzter auf und frag, wann du gehen sollst.
Und melde dich danach einmal kurz. Das ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern der Anfang genau der Kontakte, um die es in diesem ganzen Beitrag geht.
Sechs Regeln fürs Reisen zur Bühne
Diese sechs habe ich mir teuer beigebracht.
Sie gelten für jede Poetry-Slam-Tour, egal wie weit sie geht.
Zwölf Fragen vor der ersten Poetry-Slam-Tour
Klapp auf und beantworte ehrlich.
Sechs Fragen zur Vorbereitung
Weiß ich, wann der letzte Zug zurückfährt?
Habe ich zwei Texte dabei?
Funktionieren meine Texte ohne Lokalwissen?
Habe ich den Text ausgedruckt?
Weiß ich, wie lange ich auftreten darf?
Habe ich Puffer eingeplant?
Sechs Fragen zum Abend selbst
Weiß ich, wen ich vor Ort ansprechen soll?
Kenne ich die Konditionen?
Habe ich etwas zum Verkaufen dabei?
Weiß ich, wie ich zur Unterkunft komme?
Habe ich die eine Frage im Kopf?
Weiß ich, wann ich am nächsten Tag zurückmuss?
Sechs Übungen für deine erste Poetry-Slam-Tour
Diese sechs kosten dich zusammen kaum eine Stunde.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn eine Poetry-Slam-Tour plant man wie jedes Handwerk, nämlich in kleinen Schritten.
Drei Übungen am Schreibtisch
Übung 1 – Die Karte
Übung 2 – Der Lokaltest
Übung 3 – Die Acht-Zeilen-Mail
Drei Übungen unterwegs
Übung 4 – Die eine Frage
Übung 5 – Der Testlauf
Übung 6 – Die zwei Nachrichten
Was du unterwegs dabeihast
Die Liste ist kurz, weil unterwegs jedes Gramm zählt.
Trotzdem entscheidet sie erstaunlich oft darüber, wie eine Poetry-Slam-Tour sich anfühlt.
| Was | Warum | Wo |
|---|---|---|
| Zwei Texte, ausgedruckt | Finale und Akkuausfall. | Innentasche |
| Ein Textmarker | Für Änderungen im Zug. | Innentasche |
| Powerbank | Fahrkarte, Karte, Kontakt. Alles am Akku. | Tasche außen |
| Zwei belegte Brote | In vielen Häusern gibt es vorher nichts. | Tasche |
| Eine Wasserflasche | Trockener Mund ruiniert jede Pointe. | Tasche |
| Ein Buch zum Verkaufen | Falls vorhanden. Der Klapptisch verkauft am besten. | Tasche |
| Ein kleines Gastgeschenk | Für die Couch. Muss nichts kosten. | Tasche |
| Ersatzsocken | Klingt lächerlich. Frag Dickens nach seinem Fuß. | Tasche |
Der letzte Punkt steht nicht als Witz da.
Wer sieben Stunden unterwegs war und nasse Füße hat, steht anders auf der Bühne.
Wenn die Poetry-Slam-Tour dich auffrisst
Dieses Kapitel gehört hierher, und diesmal steht schon in Kapitel sieben, warum.
Dickens ist mit vierundfünfzig Jahren auf Abschiedstournee gegangen, obwohl er krank war.
Liszt hat mit Mitte dreißig aufgehört, und das gilt bis heute als kluge Entscheidung.
Beide Beispiele zeigen dasselbe: Eine Poetry-Slam-Tour hat ein natürliches Ende.
Wenn du dagegen dauerhaft erschöpft bist, wenn du Termine nur noch abarbeitest oder wenn du Zusagen gibst, obwohl du sie nicht mehr willst, dann ist die Tour kein Werkzeug mehr, sondern eine Verpflichtung.
Anzeichen, bei denen du Termine absagen solltest
Du freust dich vor keinem Auftritt mehr, sondern zählst nur noch die Kilometer.
Du schreibst seit Monaten nichts Neues, weil du ständig unterwegs bist.
Du wirst regelmäßig krank und fährst trotzdem.
Oder dein Leben zu Hause besteht nur noch aus Wäsche waschen und Weiterfahren.
Was dann hilft
Absagen ist erlaubt. Und zwar auch dann, wenn schon zugesagt war.
Zuerst fühlt sich das falsch an. Trotzdem ist es die richtige Entscheidung.
Sag früh ab, sag ehrlich warum, und biete einen Ersatztermin an. In der Szene nimmt das kaum jemand übel, weil alle dasselbe Problem kennen.
Wenn die Erschöpfung über Wochen bleibt oder du merkst, dass du dich nur noch über Auftritte definierst, ist die Hausarztpraxis ein völlig normaler erster Schritt.
Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Selbstcheck: Bist du bereit für die erste Tour?
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Wenn du bei den Punkten eins und zwei zustimmen konntest, kannst du diese Woche die erste Anfrage schreiben.
Und wenn du beim letzten Punkt gezögert hast, lies Kapitel achtzehn.
Übrigens ist genau dieser letzte Punkt der beste Einzelindikator dafür, ob eine Poetry-Slam-Tour dir liegt.
Zehn Fehler auf der ersten Poetry-Slam-Tour
Fünf Fehler bei der Planung
Fehler 1: Zu weit anfangen
Fehler 2: Ohne Empfehlung anfragen
Fehler 3: Den Rückweg nicht prüfen
Fehler 4: Konditionen nicht klären
Fehler 5: Keinen Puffer einplanen
Fünf Fehler unterwegs
Fehler 6: Denselben Text überall spielen
Fehler 7: Nach dem Auftritt sofort verschwinden
Fehler 8: Nach dem Publikum urteilen
Fehler 9: Sich nicht bedanken
Fehler 10: Zu viele Termine annehmen
Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage
Kein Programm, sondern eine Woche.
| Tag | Was du machst | Dauer |
|---|---|---|
| Montag | Kreis von sechzig Kilometern ziehen und Slams darin sammeln. | 30 Minuten |
| Dienstag | Drei Texte auf Lokalanspielungen prüfen. | 30 Minuten |
| Mittwoch | Die Acht-Zeilen-Mail als Vorlage schreiben. | 20 Minuten |
| Donnerstag | Ein Video auswählen. Genau eines, mit gutem Ton. | 20 Minuten |
| Freitag | Verbindungen prüfen: Hinfahrt, Rückfahrt, letzter Zug. | 20 Minuten |
| Samstag | Erste Anfrage abschicken. Eine, nicht fünf. | 10 Minuten |
| Sonntag | Beim nächsten Heimspiel die eine Frage stellen. | 1 Minute |
Der Samstag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.
Denn eine abgeschickte Anfrage schlägt fünf perfekt vorbereitete im Entwurfsordner.
Damit steht deine erste Poetry-Slam-Tour nach einer einzigen Woche auf einer Grundlage.
Der Rest der Geschichte
Zurück nach Kiel.
Der Abend war klein. Dreißig Leute, ein Kulturzentrum, ein Mikrofon mit Wackelkontakt.
Ich wurde Dritter von sechs und bekam fünfzig Euro in bar.
Was auf der Couch passiert ist
Die Veranstalterin hat mir gegen zwei Uhr nachts einen Tee gemacht und gefragt, wo ich sonst noch auftrete.
Ich habe wahrheitsgemäß geantwortet: nirgends.
Daraufhin hat sie ihr Handy genommen und mir drei Namen aufgeschrieben. Rostock, Flensburg und Lüneburg.
Und den Satz dazugesagt, der alles verändert hat.
Schreib denen, dass du bei mir warst. Das reicht.Die Veranstalterin · Kiel, halb drei Uhr nachts
Was daraus geworden ist
Aus den drei Namen wurden zwei Zusagen im selben Halbjahr.
Aus diesen zwei Abenden wurden vier weitere Namen.
Danach lief es praktisch von allein.
Und im Jahr darauf hatte ich elf Auftritte außerhalb meiner Stadt, ohne eine einzige kalte Bewerbung geschrieben zu haben.
Die fünfzig Euro aus Kiel waren also nicht die Gage.
Die fünfzig Euro waren der Eintrittspreis.
Genau so fängt eine Poetry-Slam-Tour an, nämlich mit einem Abend, der sich nicht rechnet.
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Ich habe dieser Frau danach zwei Jahre lang nicht geschrieben.
Nicht aus Undankbarkeit, sondern weil ich es immer wieder verschoben habe.
Deshalb steht in diesem Beitrag eine Regel über zwei Nachrichten am Folgetag. Sie ist die einzige, die ich aus schlechtem Gewissen aufgeschrieben habe.
Und was du überallhin mitnimmst
Eine Poetry-Slam-Tour verändert deine Texte schneller als jedes Training.
Weil ein fremdes Publikum keine Rücksicht nimmt und keine Vorgeschichte hat.
Es hört nur, was tatsächlich da ist.
Deshalb ist eine Poetry-Slam-Tour das ehrlichste Lektorat, das du bekommen kannst.
Was dabei wirklich hilft
Nicht das Reisen an sich. Sondern das, was du im Gepäck hast.
Ein Einstieg, der auch bei zwanzig Leuten trägt. Ein Bild, das ohne Ortskenntnis funktioniert. Und ein Schluss, der in einem fremden Saal genauso sitzt wie zu Hause.
Kurz gesagt: Das Handwerk reist mit, die Bühne wechselt.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also alles, was funktioniert, egal in welcher Stadt du gerade aussteigst.
Denn eine Tour testet dein Handwerk. Sie ersetzt es nicht.
Die Strecke fährt die Bahn. Den Rest bringst du selbst mit.
Übrigens habe ich der Frau aus Kiel irgendwann doch geschrieben.
Sie hat geantwortet, sie habe schon geglaubt, ich sei unterwegs verloren gegangen.
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- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
