Ein Signal zeigt nie das Wort „Halt“. Es zeigt ein rotes Licht — und jeder weiß, was gemeint ist.
Genau darum geht es in diesem Beitrag.
Es gibt vier Gefühle, die auf Slam-Bühnen so oft vorkommen, dass ihre Namen nichts mehr auslösen.
Trauer, Wut, Liebe, Sehnsucht. Vier Wörter, die ein Publikum an einem Abend im Schnitt zwölfmal hört.
Beim dritten Mal denkt niemand mehr an etwas. Die Wörter laufen durch, ohne ein Bild zu erzeugen.
Eines dieser einunddreißig Bilder stammt nicht von mir, sondern von einer Frau, die es mir nach einem Auftritt an der Bar erzählt hat.
Es ist das stärkste der ganzen Liste, und ich verrate am Ende, welches es war und warum sie es mir überhaupt erzählt hat.
Vorher brauchst du die anderen dreißig.
Das liegt nicht an den Gefühlen, sondern an den Wörtern. Trauer ist so wichtig wie eh und je — nur das Wort ist abgegriffen wie eine Klinke.
Deshalb stehen hier einunddreißig Bilder statt vier Wörtern.
Bevor die erste Farbe kommt, noch ein Wort dazu, warum das hier keine Stilübung ist.
Ein Publikum entscheidet in den ersten zwei Minuten, ob es sich auf einen Text einlässt. Diese Entscheidung fällt nicht über das Thema, sondern darüber, ob etwas entsteht im Kopf.
Ein Gefühlswort erzeugt nichts. Es ruft nur ein Etikett ab, das schon vorhanden ist.
Ein Bild dagegen zwingt das Gehirn, etwas zu bauen — und was man selbst gebaut hat, vergisst man langsamer.
Deshalb geht es hier nicht um schönere Sprache. Es geht darum, ob der Text im Saal überhaupt stattfindet.
Und das ist bei jedem Thema dieselbe Frage, ob es nun um eine Trennung geht oder um einen Kassenbon.

Sie sind Beispiele für ein Verfahren. Am Ende steht das Verfahren selbst, und das ist der eigentliche Ertrag.
Und ein Hinweis zur Auswahl: Ich habe bewusst kleine, unspektakuläre Bilder genommen. Große Bilder haben dasselbe Problem wie große Wörter.
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Jetzt Kanal folgenBilder 1–8 · Statt Trauer
Acht Bilder für Trauer — und in keinem kommt das Wort vor
Trauer ist das am stärksten abgenutzte Gefühl der Bühnenlyrik, und zwar mit Abstand.
Sie kommt fast immer mit demselben Zubehör: Regen, Scherben, Stille, ein leerer Stuhl.
Diese acht funktionieren anders, weil sie nicht das Gefühl zeigen, sondern seine Spuren im Alltag.
Ein Hinweis zur Reihenfolge dieser vier Farben, weil sie nicht zufällig ist.
Trauer steht vorne, weil sie am stärksten abgenutzt ist. Wer hier ein eigenes Bild findet, schafft es überall.
Sehnsucht steht hinten, weil sie am schwersten zu fassen ist. Sie hat nämlich als einziges dieser vier Gefühle kein Ereignis, an dem man sie festmachen könnte.
Bei Trauer gibt es einen Verlust, bei Wut einen Auslöser, bei Liebe einen Menschen. Sehnsucht richtet sich oft auf etwas, das es nie gab.
Deshalb sind die Bilder in dieser Gruppe alle Gegenstände, die aufbewahrt werden. Aufbewahren ist die einzige sichtbare Handlung, die Sehnsucht hervorbringt.
2. Ich koche immer noch für zwei und friere die Hälfte ein.
3. Ihre Lesebrille liegt auf der Seite, auf der sie aufgehört hat.
4. Der Anrufbeantworter ist voll, und ich lösche nur die neuen.
5. Ich habe seine Nummer nicht gelöscht, aber ich scrolle schneller vorbei.
6. Im Auto ist der Beifahrersitz immer noch auf ihre Beinlänge eingestellt.
7. Wir haben aufgehört zu fragen, wer die Waschmaschine ausräumt.
8. Sein Kaffeebecher steht ganz hinten, damit er nicht kaputtgeht.
Dir fällt vielleicht auf, dass in keinem dieser acht Sätze ein Gefühlswort vorkommt.
Das ist der ganze Trick. Ein Publikum hört „Beifahrersitz“ und fühlt Trauer — ohne dass jemand das Wort gesagt hat.
Und weil es das Gefühl selbst herstellt statt es zu übernehmen, wirkt es stärker und hält länger.
Bilder 9–16 · Statt Wut
Warum eine leise zugemachte Tür stärker wirkt als jedes Schreien
Wut ist das Gefühl, das auf Bühnen am häufigsten laut wird — und dadurch am schnellsten langweilt.
Ein Saal gewöhnt sich in zwei Minuten an Lautstärke. An eine geballte Faust unter dem Tisch gewöhnt er sich nie.
10. Meine Stimme wurde höflicher, je länger er redete.
11. Ich habe das Formular zweimal ausgefüllt, weil ich beim ersten Mal zu fest aufgedrückt hatte.
12. Sie hat gelächelt und dabei die Gabel nicht mehr losgelassen.
13. Ich bin drei Stationen zu weit gefahren, weil ich nicht aufstehen wollte.
14. Er hat gefragt, ob alles in Ordnung sei, und ich habe zu schnell Ja gesagt.
15. Ich habe die Nachricht getippt, gelöscht, getippt, gelöscht.
16. Meine Hand lag auf dem Tischbein, und ich habe gemerkt, wie fest.
Wut wirkt auf der Bühne fast immer stärker, wenn sie zurückgehalten wird.
Das ist kein moralischer Rat, sondern ein handwerklicher. Ein Saal spürt Druck nur dort, wo etwas dagegenhält.
Bei Wut kommt noch etwas dazu, das man auf Bühnen oft übersieht.
Ein Publikum kann Wut nur mitempfinden, wenn es den Anlass kennt. Sonst sitzt es vor jemandem, der schreit, und weiß nicht wofür.
Deshalb funktionieren zurückgehaltene Bilder hier doppelt: Sie zeigen das Gefühl und geben gleichzeitig Raum, die Situation zu erklären.
Wer schreit, kann nebenbei nichts erzählen. Wer eine Tür leise zumacht, kann alles dazu sagen.

Bilder 17–24 · Statt Liebe
Was Menschen füreinander tun, ohne es zu erwähnen
Liebe ist der schwierigste Fall, weil hier fast jedes Bild schon einmal verwendet wurde.
Der Ausweg liegt in der Beiläufigkeit. Nicht der große Moment, sondern die Handlung, die niemand als Liebe bezeichnen würde.
18. Sie kauft die Marmelade, die sie selbst nicht mag.
19. Er hat gelernt, wie man ihre Waschmaschine bedient, obwohl sie das nie verlangt hat.
20. Sie erzählt seine Geschichten weiter, als wären sie besser als ihre.
21. Er nimmt beim Einkaufen immer den Wagen mit dem kaputten Rad, damit sie es nicht muss.
22. Sie hält beim Autofahren die Hand an seinen Sitz, wenn er rückwärts fährt.
23. Er schreibt sich auf, was sie zu Weihnachten nebenbei erwähnt hat.
24. Sie hat aufgehört zu fragen, ob er müde ist, und macht stattdessen das Licht aus.
Alle acht handeln von etwas, das man tut, und keines von etwas, das man fühlt.
Das ist bei Liebe wichtiger als bei allen anderen Gefühlen. Sie ist das Gefühl, über das am meisten geredet und am wenigsten gezeigt wird.
Und bei Liebe gibt es eine Regel, die fast alles entscheidet: Erzähl von der anderen Person, nicht von deinem Gefühl.
Ein Text, der beschreibt, wie sehr jemand liebt, handelt vom Sprecher. Ein Text, der beschreibt, was der andere tut, handelt von beiden.
Das Zweite ist fast immer wärmer, obwohl darin kein einziges Wort über Gefühle steht.
Und es ist der einzige Weg, über Liebe zu schreiben, ohne dass es peinlich wird.
Bilder 25–31 · Statt Sehnsucht
Was man aufhebt, obwohl es nichts mehr nützt
Sehnsucht ist von den vieren das jüngste Modewort und schon jetzt das leerste.
Es taucht in Texten meistens dort auf, wo jemand nicht genau sagen will, wonach er sich sehnt.
26. Auf meinem Handy ist eine Sprachnachricht, die ich nie zu Ende höre.
27. Ich fahre manchmal die alte Strecke, obwohl die neue kürzer ist.
28. In meinem Regal steht ein Reiseführer für eine Stadt, in die ich nie gefahren bin.
29. Ich schaue mir Wohnungsanzeigen an für einen Ort, an dem ich niemanden kenne.
30. Der Pullover riecht seit vier Wäschen nach nichts mehr, und ich rieche trotzdem daran.
31. Ich stehe am Bahnsteig und schaue den Zügen hinterher, die woanders hinfahren.
Bild 31 ist übrigens das schwächste der ganzen Liste, und ich habe es trotzdem drin gelassen.
Es ist nämlich schon fast wieder ein Klischee — der Bahnsteig, die abfahrenden Züge. Wenn du es benutzt, muss etwas dazukommen, das nur dir gehört.

Die vier Fragen, mit denen du in zwei Minuten dein eigenes Bild findest
Jetzt der Teil, der wichtiger ist als die einunddreißig Beispiele.
Alle Bilder oben sind nach demselben Verfahren entstanden, und es funktioniert bei jedem Gefühl.
Schritt eins: Nimm das Gefühlswort und streich es. Schreib den Satz ohne es auf.
Meistens bleibt dann ein Lückensatz übrig: „Ich war …, als sie ging.“ Diese Lücke ist deine Aufgabe.
Schritt zwei: Frag nach dem Zeitpunkt. Wann genau hast du dieses Gefühl zuletzt gehabt?
Nicht „damals“, sondern ein konkreter Nachmittag. Ein Datum, eine Uhrzeit, ein Raum.
Schritt drei: Frag, was deine Hände gemacht haben. Das ist die entscheidende Frage.
Gefühle sitzen im Körper, und der Körper tut Dinge. Er hält etwas fest, räumt etwas weg, lässt etwas stehen.
Schritt vier: Such den Gegenstand. In fast jeder dieser Szenen liegt ein Ding herum.
Der Kaffeebecher, der Beifahrersitz, die Marmelade. Dieses Ding ist dein Bild, und es gehört nur dir.
Es gibt noch eine vierte Frage, die ich manchmal stelle, wenn die ersten drei nichts hergeben.
Sie lautet: Was hast du in dieser Zeit anders gemacht als sonst?
Gefühle verändern Gewohnheiten, und Gewohnheiten sind sichtbar. Jemand, der plötzlich das Radio auslässt, sagt damit mehr über sich als drei Adjektive.
Diese Frage liefert oft die besten Bilder, weil sie nach einer Abweichung sucht statt nach einem Zustand.
Und Abweichungen kann ein Publikum sofort lesen, ohne dass jemand sie erklärt.
Ein Mensch, der eine Woche lang jeden Abend dasselbe kocht, braucht keinen Kommentar dazu.
Warum gerade diese vier Wörter blind geworden sind
Es lohnt sich, kurz zu verstehen, wie ein Wort überhaupt abnutzt. Dann erkennt man die nächsten früher.
Ein Gefühlswort ist eine Abkürzung. Es fasst tausend verschiedene Erfahrungen unter einem Etikett zusammen.
Das ist im Alltag praktisch. Wenn ich sage, ich bin traurig, weiß mein Gegenüber ungefähr, wie er sich verhalten soll.
Auf einer Bühne ist genau diese Eigenschaft ein Problem. Der Saal bekommt das Etikett und nicht die Erfahrung.
Und weil das Etikett bei allen dasselbe ist, entsteht kein einziges eigenes Bild.
Dazu kommt ein zweiter Vorgang, der schneller läuft, als man denkt.
Jedes starke Bild wird nach einer Weile selbst zum Etikett. Der leere Stuhl war einmal eine große Erfindung.
Nach zweitausend Texten mit leerem Stuhl ist er dasselbe wie das Wort Trauer, nur mit mehr Silben.
Deshalb ist dieser Beitrag ausdrücklich kein Vorrat, aus dem man sich bedient. Er ist eine Anleitung zum Selbermachen, weil alles andere in drei Jahren wieder blind wäre.
Ein Signal, das jeder kennt, wird nicht abgeschaltet. Man tauscht die Lampe, und danach sieht man es wieder.
Drei Gefühle, die kaum jemand benutzt — und die großartig funktionieren
Neben den vier abgenutzten gibt es Gefühle, die auf Bühnen fast nie vorkommen. Genau deshalb wirken sie sofort.
Erleichterung. Das unterbewertetste Gefühl der Bühnenliteratur.
Es enthält immer eine Geschichte, denn erleichtert ist man nur nach etwas. Ein Text über Erleichterung erzählt die Angst automatisch mit.
Ein Bild dafür: Jemand räumt nach einem Arztbesuch als Erstes die Spülmaschine aus.
Peinlichkeit. Das komischste und ehrlichste Gefühl überhaupt.
Jeder Mensch im Saal hat es diese Woche gehabt, und keiner erzählt davon. Deshalb entsteht sofort Nähe.
Ein Bild dafür: Jemand winkt zurück und merkt, dass die Person hinter ihm gemeint war.
Dankbarkeit ohne Anlass. Nicht die große Dankbarkeit, sondern die kleine an einem Dienstag.
Sie ist schwer zu schreiben, ohne kitschig zu werden, und genau deshalb ist sie ein gutes Ziel.
Ein Bild dafür: Jemand macht das Radio leiser, weil er die Stelle mag, an der jemand anders atmet.
Wenn du auf einer offenen Liste auffallen willst, ist das der kürzeste Weg: Nimm ein Gefühl, das an diesem Abend niemand sonst mitbringt.
Wie aus einem Gefühlswort ein Bild wurde
Ein Beispiel aus einem Workshop, weil das Verfahren im Abstrakten schwer zu fassen ist.
Der Ausgangssatz lautete: „Nach der Trennung war ich lange sehr traurig.“
Ein völlig richtiger Satz, der auf einer Bühne genau nichts auslöst.
Frage eins, wann genau? Antwort: an einem Sonntag im März, gegen halb sechs.
Frage zwei, wo? In der Küche, weil der Rest der Wohnung zu groß war.
Schon dieser Halbsatz — der Rest der Wohnung war zu groß — ist besser als das Wort traurig.
Frage drei, was machten die Hände? Antwort: Sie haben Besteck sortiert, das schon sortiert war.
Frage vier, was lag herum? Ein einzelner Suppenlöffel, der nicht zum Rest passte.
Aus diesen vier Antworten wurde der Satz: „Ich habe an einem Sonntag im März Besteck sortiert, das schon sortiert war, und einen Löffel gefunden, der uns nie gehört hat.“
Das Wort traurig kommt darin nicht vor. Es kommt in dem ganzen Text nicht mehr vor.
Und der Löffel, der niemandem gehörte, ist am Ende die letzte Zeile geworden.

Was Hopper hier passiert ist, ist genau das Ziel dieses Beitrags.
Er hat ein Diner gemalt, keine Einsamkeit. Das Gefühl ist trotzdem überall — oder besser: gerade deshalb.
Hätte er das Bild „Einsamkeit“ genannt und einen traurigen Menschen in die Mitte gesetzt, würde heute niemand mehr darüber reden.
Ein Gefühlswort wirkt wie ein Ausrufezeichen: einmal gesetzt ist es stark, dreimal gesetzt bedeutet es nichts mehr.
Der beste Platz dafür ist übrigens nicht der Anfang, sondern eine späte Stelle — nachdem der Saal das Gefühl schon durch drei Bilder kennengelernt hat. Dann wirkt das Wort wie eine Bestätigung und nicht wie eine Behauptung.
Drei Fallen, in die ich selbst jahrelang getappt bin
Falle 1: das Bild und das Wort. Man baut ein schönes Bild und schreibt danach hin, was es bedeutet.
„Sein Kaffeebecher steht ganz hinten, damit er nicht kaputtgeht. So sehr vermisse ich ihn.“
Der zweite Satz löscht den ersten.
Wenn du beides hast, streich das Wort. Immer.
Falle 2: das zu große Bild. Ozeane, Abgründe, brennende Häuser.
Große Bilder haben dasselbe Problem wie große Wörter: Sie sind so oft benutzt worden, dass sie nichts mehr zeigen.
Ein Ozean voller Tränen ist kein Bild, sondern eine zweite Behauptung. Ein zu voller Aschenbecher ist ein Bild.
Falle 3: das Bild ohne Bezug. Manchmal findet man ein starkes Bild, das mit dem Text nichts zu tun hat.
Es steht dann schön da und wirkt trotzdem wie eingeklebt. Der Test: Kommt der Gegenstand im Text noch einmal vor?
Wenn nicht, gehört er nicht in den Text, sondern in deine Sammlung für später.
Warum die abgenutzten Gefühle die richtigen Themen sind
Nach vier Kapiteln über abgegriffene Wörter könnte man auf einen falschen Gedanken kommen.
Nämlich, dass man über Trauer, Wut, Liebe und Sehnsucht besser gar nicht mehr schreiben sollte.
Das Gegenteil ist richtig. Diese vier sind abgenutzt, weil sie die wichtigsten sind.
Kein Mensch nutzt ein Wort ab, das ihn nicht betrifft. Es gibt keine ausgeleierten Texte über Steuererklärungen.
Die Abnutzung ist also ein Qualitätszeichen. Sie zeigt dir, wo die Themen liegen, die alle beschäftigen.
Der einzige Unterschied zwischen einem abgedroschenen und einem großartigen Text über Trauer ist nicht das Thema. Es ist die Frage, ob jemand sich die Mühe gemacht hat, sein eigenes Bild zu suchen.
Und Bahnsignale werden ja auch nicht abgeschafft, weil sie jeder kennt. Man wechselt nur die Lampe, wenn sie blind geworden ist.
Wie du dir einen eigenen Vorrat anlegst
Die einunddreißig Bilder oben stammen alle aus einem Heft, das ich seit Jahren mit mir herumtrage.
Darin steht nichts als Beobachtungen. Keine Gedanken, keine Formulierungen, keine Deutungen — nur Sachen, die ich gesehen habe.
Das Bild mit dem Beifahrersitz habe ich von einer Frau, die mir das nach einem Auftritt erzählt hat. Das mit dem Klingelschild stammt aus meinem eigenen Hausflur.
Keines davon ist mir am Schreibtisch eingefallen. Kein einziges.
Das ist die wichtigste Erkenntnis dieses ganzen Beitrags, und sie ist unbequem: Bilder findet man nicht beim Schreiben, sondern beim Leben.
Wer erst am Schreibtisch anfängt zu suchen, greift zwangsläufig auf das zurück, was schon im Kopf liegt — und das ist bei allen ungefähr dasselbe.
Deshalb hier die drei Regeln für so ein Heft, die sich bei mir bewährt haben.
Erstens: Nur Beobachtetes. Was du dir ausdenkst, gehört nicht hinein. Der ganze Wert des Hefts liegt darin, dass darin nichts steht, was du dir hättest ausdenken können.
Zweitens: Keine Deutung. Nicht „traurig: der Mann am Bahnsteig“, sondern nur die Beobachtung. Die Zuordnung zu einem Gefühl macht das Bild kleiner, weil es danach nur noch für diesen einen Zweck taugt.
Drittens: Kein Datum, keine Ordnung. Das klingt schlampig und ist Absicht — man findet beim Durchblättern Dinge, die man nie gesucht hätte. Ein sortiertes Heft liest man nie wieder.
Nach einem Jahr hat so ein Heft ungefähr hundert Einträge. Zehn davon sind gut, zwei sind großartig.
Diese Quote klingt schlecht und ist hervorragend. Zwei großartige Bilder pro Jahr reichen für zwei großartige Texte.
Woran du erkennst, dass dein Bild funktioniert
Nicht jedes selbst gefundene Bild trägt. Es gibt drei Tests, und alle drei dauern zusammen eine Minute.
Test eins: Kann man es fotografieren? Wenn ja, ist es ein Bild.
Wenn nein, ist es ein Gedanke.
„Der Schlüssel zu einem ausgetauschten Schloss“ kann man fotografieren. „Die Leere danach“ nicht.
Test zwei: Erzähl es jemandem ohne Zusammenhang. Sag nur den Satz, ohne zu erklären, wofür er steht.
Wenn dein Gegenüber danach nachfragt, funktioniert das Bild. Wenn es nickt, ist es zu erwartbar.
Test drei: Passt es zu genau einem Gefühl? Das ist der überraschendste Test von allen.
Die besten Bilder passen nämlich zu zweien gleichzeitig. Der Kaffeebecher ganz hinten im Schrank ist Trauer und Zärtlichkeit in einem.
Ein Bild, das nur eine Sache bedeutet, ist eine Illustration. Ein Bild, das zwei bedeutet, ist Literatur.
Wenn du dir aus diesem Beitrag nur eine Sache mitnimmst, dann diese: Schreib nie das Wort hin, wenn du die Szene hast.
Das klingt einfach und ist in der Praxis erstaunlich schwer, weil das Wort sich sicherer anfühlt.
Man will sichergehen, dass der Saal es auch wirklich versteht. Genau dieses Absichern ist die häufigste Ursache für Texte, die nichts auslösen.
Ein Signal, das zusätzlich zum roten Licht noch ein Schild mit dem Wort Halt trägt, wirkt nicht sicherer. Es wirkt misstrauisch.
Und wenn dir gar nichts einfällt, ruf jemanden an, der dabei war. Erinnerungen sind bei zwei Menschen fast immer vollständiger als bei einem.
Das Heft ist für die nächsten zehn Texte gedacht, nicht für den nächsten.
Die vier Fragen, aus denen jedes Bild entsteht
| Frage | Was sie herausholt |
|---|---|
| Wann genau? | Eine Szene statt eines Zeitraums |
| Wo warst du? | Einen Raum, den man betreten kann |
| Was haben deine Hände gemacht? | Eine Handlung statt eines Zustands |
| Was lag herum? | Den Gegenstand, der dein Bild wird |
Diese vier Fragen dauern zusammen zwei Minuten und ersetzen jede Bildersuche im Internet.
Sie funktionieren auch bei Gefühlen, die hier nicht vorkommen: Scham, Erleichterung, Neid, Stolz.
Was mich dazu gefragt wird
Das ist keine Notlösung, sondern oft die bessere Quelle. Fremde Details sind genauer als erfundene, weil man sie nicht aus der eigenen Vorstellung zieht.
Frag konkret nach den Händen und den Gegenständen. Nach dem Gefühl zu fragen bringt nichts — da bekommst du dieselben abgenutzten Wörter zurück.
Wenn du „Trauer“ sagst, denkt jeder an dasselbe Wort. Wenn du den Beifahrersitz beschreibst, denkt jeder an seinen eigenen Verlust.
Das ist der Unterschied zwischen Information und Erfahrung — und der Grund, warum Bilder länger haften.
Der Unterschied liegt in der Wärme der Bilder selbst. Ein Text aus lauter nüchternen Beobachtungen ohne jede Zuwendung klingt tatsächlich distanziert.
Deshalb steht in der Liste oben so viel Alltag: Marmelade, Waschmaschine, Kaffeebecher. Diese Dinge sind warm, ohne dass jemand es sagen muss.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Ein Wort, vier Fragen
Nimm einen Text von dir und such das erste Gefühlswort darin.
Streich es und stell dir die vier Fragen aus der Tabelle. Wann genau, wo, was machten die Hände, was lag herum.
Schreib die Antworten auf und such dir den Gegenstand heraus, der am wenigsten nach Gedicht klingt.
Genau der ist dein Bild. Das ist ungefähr immer so.
Bei mir war es einmal ein Zettel mit einer Parkhausnummer, den ich zwei Jahre im Portemonnaie hatte. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in einen Text gehört.


Zum Schluss noch eine Beobachtung aus Workshops, die mich lange beschäftigt hat.
Wenn ich Leute bitte, ein Bild für Trauer zu finden, kommen fast immer dieselben fünf Vorschläge.
Wenn ich stattdessen frage, was nach einer Beerdigung im Kühlschrank übrig bleibt, kommen zwanzig verschiedene Antworten — und jede einzelne ist besser als die fünf davor.
Der Unterschied liegt nicht in der Begabung. Er liegt in der Frage.
Zum Abschluss noch eine Sache, die mit dem Vortragen zu tun hat.
Bilder brauchen mehr Zeit als Gefühlswörter. Ein Saal, der „traurig“ hört, ist sofort fertig; ein Saal, der den Beifahrersitz hört, braucht eine Sekunde.
Diese Sekunde musst du ihm geben. Wer seine besten Bilder im selben Tempo durchspricht wie den Rest, verschenkt sie.
Setz also nach jedem starken Bild eine kleine Pause. Nicht theatralisch — einfach nur ein Atemzug.
Das ist der Unterschied zwischen einem Bild, das ankommt, und einem, das vorbeifährt.
Bleibt das Bild vom Anfang, das ich nicht selbst gefunden habe.
Es ist Nummer 6: der Beifahrersitz, der immer noch auf ihre Beinlänge eingestellt ist.
Die Frau, die mir das erzählt hat, kam nach einem Auftritt zu mir, weil ich in dem Abend das Wort Trauer benutzt hatte. Sie sagte, sie habe seit dem Tod ihres Mannes das Auto nicht mehr verstellt, und sie habe nie gewusst, wie man das jemandem sagt.
Dann sagte sie den Satz, wegen dem dieser ganze Beitrag existiert: Man kann es nur zeigen, sonst klingt es nach Selbstmitleid.
Sie hatte in einem Satz zusammengefasst, wofür ich hier vier Kapitel gebraucht habe.
60 Wörter, die deinen Text vergiften — dort steht die ganze Gruppe der abgenutzten Gefühle.
Vergleiche schärfen — das kleine Wort „wie“ richtig einsetzen.
10 Slam-Klischees, die du nie bedienst — die Ebene über den einzelnen Bildern.
43 Schreibtricks für Slam-Texte — Schublade 2 ist genau dieses Thema.
Über Verlust schreiben — wenn es um mehr geht als um das richtige Bild.
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