Poetry Slam über Gerechtigkeit: erste und zweite Klasse

Ein Regelbuch · Gerechtigkeit

Poetry Slam über Gerechtigkeit: erste und zweite Klasse

Poetry Slam über Gerechtigkeit: ein Waschbär sitzt am Bahnsteig zwischen einem leeren Erste-Klasse-Wagen und einem vollen Wagen
Zwischen leerer erster und voller zweiter Klasse · bahn-slam.de

Sonntag, 14:40 Uhr, ein Ascheplatz am Dorfrand.

Valentin, 22, zieht in einer Kabine, die nach Franzbranntwein und altem Holz riecht, sein schwarzes Trikot an.

Seit sieben Jahren pfeift er Kreisliga.

Er hat ein Prinzip, auf das er stolz ist: Ich pfeife für beide gleich.

Heute spielt der Dorfverein gegen den Stadtverein.

Der Stadtverein kommt im Mannschaftsbus, alle in denselben Trainingsanzügen.

Der Dorfverein kommt in drei Autos.

Der Mann mit der Nummer 5 ist 44 Jahre alt und hat seine Schuhe mit Tape geflickt.

Valentin schaut auf die Uhr, dann auf seine Pfeife, und denkt: ein ganz normaler Sonntag.

Warum das nicht stimmt, erzähle ich dir Regel für Regel.

Valentin und die beiden Vereine sind erfunden. Aber wer sonntags an einem Kreisliga-Platz steht, kennt solche Spiele.

Kennst du das?

Du willst über Gerechtigkeit schreiben und merkst sofort, wie groß das Wort ist.

Viel zu groß für fünf Minuten Bühne.

Also schreibst du über Waagen, Richter und Augenbinden.

Und das Publikum nickt höflich und denkt an sein Abendessen.

Kein Bullshit: Gerechtigkeit ist auf der Bühne kein Begriff.

Sie ist ein Spielzug.

Deshalb bekommst du heute ein Regelheft.

Sieben Regeln aus dem Fußball, zwei Karten und eine Pfeife.

Und am Ende weißt du, warum fair nicht dasselbe ist wie gerecht.

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Regel 1: Das Foul

Regelheft · GerechtigkeitRegel 1 / 7

⚽Das Foul

Auf dem Platz

Wer den Gegner unfair angeht, wird bestraft. Für alle gleich.

Im Leben

Gleiche Regeln sind die Grundlage. Ohne sie gibt es keine Gerechtigkeit, nur Glück.

Im Text

Zeig ein konkretes Foul: wer, wann, wie. Nicht „die Welt ist ungerecht“.

In der zwölften Minute rauscht ein Stürmer des Stadtvereins in die Nummer 5.

Die Nummer 5 fliegt, landet auf der Asche und flucht in drei Tonlagen.

Valentin pfeift sofort.

Freistoß, klare Sache.

Das ist die erste Regel der Gerechtigkeit: Für alle gelten dieselben Regeln.

Klingt banal.

Ist es nicht.

Denn in vielen Texten über Gerechtigkeit fehlt genau das: das Foul.

Da steht dann „Die Welt ist ungerecht“ oder „Die Schere geht auseinander“.

Das stimmt vielleicht, aber es tut niemandem weh.

Also merke: Ungerechtigkeit braucht ein Gesicht und eine Minute.

Wer wurde gefoult?

Von wem?

Und wie hat die Asche gerochen?

Regel 2: Der Vorteil

Regelheft · GerechtigkeitRegel 2 / 7

🙌Der Vorteil

Auf dem Platz

Hat die gefoulte Mannschaft vom Weiterspielen mehr, lässt der Schiedsrichter laufen.

Im Leben

Gerechtigkeit schaut auf die Folgen, nicht nur auf die Regel.

Im Text

Unterbrich deine Szene nicht mit einer Moral. Lass das Publikum selbst merken.

Acht Minuten später wird ein Stürmer des Dorfvereins am Arm gehalten.

Aber der Ball rollt weiter, direkt zu seinem Mitspieler.

Valentin streckt beide Arme nach vorn und ruft: „Weiter, Vorteil!“

Diese Regel ist eine der klügsten im ganzen Fußball.

Sie sagt: Wenn der Pfiff die Gefoulten noch einmal bestrafen würde, dann pfeif nicht.

Gerechtigkeit schaut also nicht nur auf die Regel, sondern auf die Folgen.

Für deinen Text ist die Vorteilsregel Gold wert.

Denn viele Gerechtigkeitstexte unterbrechen sich ständig selbst.

Sie zeigen eine Szene und pfeifen sofort ab, mit einer Moral.

„Und das ist nicht fair!“

Lass laufen.

Gib dem Publikum den Vorteil, selbst zu merken, was falsch ist.

Das wirkt Wunder!

Regel 3: Abseits

Regelheft · GerechtigkeitRegel 3 / 7

🚩Abseits

Auf dem Platz

Oft entscheidet ein halber Meter. Wer schräg steht, sieht ihn nicht.

Im Leben

Wo du stehst, entscheidet, was du siehst.

Im Text

Sag ehrlich, von wo du erzählst: von unten, von oben oder von der Seitenlinie.

In der vierunddreißigsten Minute fällt das 1:0 für den Stadtverein.

War das Abseits?

Valentin steht schräg hinter dem Spielzug und sieht es nicht genau.

Assistenten an der Linie gibt es in dieser Liga meistens nicht.

Er gibt das Tor.

Der halbe Platz schreit, die andere Hälfte jubelt.

Abseits ist die Regel der Perspektive.

Wo du stehst, entscheidet, was du siehst.

Das gilt auf dem Platz, und es gilt beim Schreiben über Gerechtigkeit.

Charles Dickens musste als Kind in einer Fabrik arbeiten, während sein Vater wegen Schulden im Gefängnis saß.

Später schrieb er Romane wie „Oliver Twist“, die das Elend der Armen zeigen.

So ist es überliefert.

Er wusste, wie sich Unrecht von unten anfühlt, und seine Bücher werden bis heute gelesen.

Für deinen Text heißt das: Sag ehrlich, wo du stehst.

Schreibst du von unten, von oben oder von der Seitenlinie?

Alles davon ist erlaubt, solange du es nicht verschweigst.

Paulina Behrendt · Poetry Slam · Kampf der Künste

Achte darauf, aus welcher Perspektive hier erzählt wird.

Und ob du selbst irgendwann Partei ergreifst.

Regel 4: Der Videobeweis

Regelheft · GerechtigkeitRegel 4 / 7

📺Der Videobeweis

Auf dem Platz

Gibt es in den obersten Profiligen. In der Kreisliga nicht.

Im Leben

Alle sitzen im selben Zug, aber nicht im selben Wagen.

Im Text

Zeig nicht nur, wie sich jemand verhält. Zeig auch, auf welchem Platz er spielen muss.

In den obersten Profiligen prüfen Videoassistenten strittige Szenen aus vielen Kamerawinkeln.

In der Kreisliga gibt es Valentin.

Und einen Platzwart mit Rasenmäher.

Das kennst du aus der Bahn.

Vorne die erste Klasse mit Platz und Ruhe, hinten die zweite, wo Leute auf ihren Koffern sitzen.

Alle kommen zur selben Zeit an, aber nicht im selben Zustand.

Drei Waschbären teilen sich gerecht einen Haufen Beeren auf einer Bank am Bahnhof
Drei teilen sich einen Haufen Beeren · bahn-slam.de

Der Stadtverein trainiert auf Kunstrasen, mit Flutlicht und zwei Trainern.

Der Dorfverein trainiert, wenn der Bauer das Feld nebenan nicht gerade düngt.

Valentin kann auf dem Platz beide gleich behandeln.

Die Bedingungen, unter denen sie antreten, kann er nicht ändern.

Aber hier kommt der Haken: Viele Texte über Gerechtigkeit schauen nur auf das Verhalten Einzelner.

Stärker wird dein Text, wenn er auch zeigt, auf welchem Platz jemand spielen muss.

Asche oder Rasen.

Erste oder zweite Klasse.

Regel 5: Die Gelbe Karte

Gelb

Warnung. Zweite Chance.

Rot

Hier ist Schluss.

In der einundfünfzigsten Minute meckert die Nummer 9 des Dorfvereins, laut und mit rotem Kopf.

Valentin zeigt Gelb.

Zwei Minuten später beschwert sich der Kapitän des Stadtvereins genauso deutlich.

Aber er sagt dabei „Herr Schiedsrichter“ und lächelt.

Keine Karte.

Valentin fühlt sich in dem Moment völlig im Recht.

Merk dir diese Szene, sie kommt wieder.

Regelheft · GerechtigkeitRegel 5 / 7

🟨Die Gelbe Karte

Auf dem Platz

Verwarnung, zum Beispiel für Meckern oder unsportliches Verhalten.

Im Leben

Eine Warnung lässt eine zweite Chance offen.

Im Text

Dosier deinen Zorn. Ironie ist oft die bessere Gelbe Karte.

Die Gelbe Karte ist eine Warnung, keine Hinrichtung.

Das gilt auch für deinen Text.

Nicht jede Ungerechtigkeit braucht die volle Empörung.

Ein Text, der in jeder Zeile tobt, verliert seine Wucht.

Ironie ist oft die bessere Gelbe Karte, denn sie warnt und lässt trotzdem weiterspielen.

Bonus: Dosier deinen Zorn wie ein guter Schiedsrichter seine Karten.

Dann glaubt man dir, wenn es wirklich ernst wird.

Regel 6: Die Rote Karte

Regelheft · GerechtigkeitRegel 6 / 7

🟥Die Rote Karte

Auf dem Platz

Feldverweis, zum Beispiel für grobes Foulspiel oder Beleidigungen.

Im Leben

Manche Grenzen sind nicht verhandelbar. Die Würde gehört dazu.

Im Text

Rote Karte für jeden Witz nach unten. Und keine Bösewichte aus Pappe.

In der achtundsiebzigsten Minute ruft ein Zuschauer vom Stadtverein etwas Hässliches über das Alter der Nummer 5.

Valentin unterbricht das Spiel.

Er geht zum Kapitän des Stadtvereins und bittet ihn, mit den eigenen Leuten zu reden.

Der Kapitän geht sofort zum Zaun.

Danach geht er zur Nummer 5 und entschuldigt sich.

Die vom Stadtverein sind keine Bösewichte.

Das ist wichtig, auch für deinen Text.

Gerechtigkeitstexte kippen schnell in Gut gegen Böse.

Dabei ist die spannendere Wahrheit oft: Anständige Menschen gibt es auf beiden Seiten, und trotzdem ist das Spielfeld schief.

Die Rote Karte gehört trotzdem ins Regelheft.

Manche Grenzen sind nicht verhandelbar.

Die Würde eines Menschen ist so eine Grenze.

Auf der Bühne heißt das: Rote Karte für jeden Witz nach unten.

Regel 7: Die Nachspielzeit

Regelheft · GerechtigkeitRegel 7 / 7

⏱️Die Nachspielzeit

Auf dem Platz

Verlorene Zeit wird am Ende nachgespielt.

Im Leben

Gerechtigkeit ist nie ganz fertig. Sie braucht Zeit und einen zweiten Blick.

Im Text

Ende nicht mit der Lösung. Ende mit dem Moment, in dem jemand hinschaut.

Nachspielzeit, drei Minuten.

Der Dorfverein schießt noch das 1:4, und die Nummer 5 jubelt, als wäre es ein Pokalfinale.

Abpfiff.

In der Kabine schaut Valentin auf seine Spielnotizkarte.

Spielnotizkarte · Kreisliga · Endstand 1:4

DORFVEREIN

23. Nr. 5 · Meckern

51. Nr. 9 · Meckern

67. Nr. 3 · Foul

88. Nr. 7 · Meckern

STADTVEREIN

keine Karten

78. Spiel unterbrochen (Zuschauer)

Vier Gelbe für den Dorfverein.

Null für den Stadtverein.

Jede einzelne Karte war nach den Regeln korrekt.

Da klopft der Trainer des Dorfvereins an die Kabinentür, das Handy in der Hand.

Ein wackliges Video, aufgenommen von den Bierbänken am Spielfeldrand.

Darauf die Nummer 10 des Stadtvereins, die immer wieder am Trikot zieht, leise und geschickt, genau dann, wenn Valentin woanders hinschaut.

„Ich will nichts ändern“, sagt der Trainer.

„Ich will nur, dass du es siehst.“

Valentin sieht es.

Und versteht zum ersten Mal den Unterschied.

Fair war er, denn für alle galten dieselben Regeln.

Gerecht war er nicht ganz.

Denn sein Blick hat die Lauten bestraft und die Leisen übersehen.

Genau so endet ein guter Gerechtigkeitstext: mit Nachspielzeit.

Nicht mit der Lösung, sondern mit dem Moment, in dem jemand hinschaut.

Dein Regelheft

Dein Regelheft-Check

Jetzt bist du dran.

Pfeif deinen Text einmal komplett durch, von Regel 1 bis Regel 7.

Kurze Frage

Welcher Satz zeigt den Unterschied zwischen fair und gerecht?

Auflösung anzeigen

Der dritte. Er zeigt, dass gleiche Regeln nicht reichen, wenn die Voraussetzungen ungleich sind. Und er tut das mit einem Bild, nicht mit einer Behauptung. Der erste verwechselt fair mit gerecht, der zweite bleibt ein Seufzer.

Welche Regel fehlt dir für mehr Gerechtigkeit? Nichts wird gespeichert. Das hier ist nur für dich.

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Und Valentin?

Montagabend, Lehrabend der Schiedsrichter im Nebenraum einer Gaststätte.

Normalerweise zeigt hier jeder eine strittige Szene vom Wochenende.

Valentin zeigt keine Szene.

Er liest einen Text vor.

Aus Valentins Text · „Erste und zweite Klasse“

Sonntag, drei Uhr, Kreisliga.

Die einen kommen im Mannschaftsbus,

die anderen in drei Autos, einer mit Tape an den Schuhen.

Ich pfeife für beide gleich.

Das habe ich gelernt.

Das bin ich.

Dachte ich.

Nach dem Spiel stehen vier Gelbe auf meinem Zettel.

Alle für die, die laut waren.

Keine für die, die leise am Trikot gezogen haben.

Die Regeln waren für alle gleich.

Mein Blick war es nicht.

Fair ist, wenn alle dieselben Regeln haben.

Gerecht ist, wenn ich weiß,

dass manche auf Asche spielen und andere auf Rasen.

Und dass meine Pfeife manchmal lauter ist als meine Augen.

Im Nebenraum ist es still.

Ein alter Schiedsrichter, der seit vierzig Jahren pfeift, räuspert sich.

„Das mit der Pfeife und den Augen“, sagt er, „das hätte ich vor dreißig Jahren hören müssen.“

Zwei Wochen später pfeift Valentin wieder beim Dorfverein.

Diesmal läuft er andere Wege und schaut öfter dorthin, wo es leise ist.

Der Dorfverein verliert trotzdem, 0:3.

Nach dem Abpfiff kommt der Mann mit der Nummer 5 zu ihm, frisches Tape an den Schuhen.

Er gibt Valentin die Hand und sagt: „Heute war’s gerecht.“

Valentin weiß, dass das Ergebnis damit nichts zu tun hat.

Und genau darum geht es.

Gerechtigkeit heißt nicht, dass alle gewinnen.

Sondern dass alle gesehen werden.

Also schnapp dir deine Pfeife.

Und schreib den Text, in dem niemand übersehen wird.


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— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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