Ein Richtfest · Umsetzung
Burj Khalifa vs. Deutschland: Umsetzung wie ein guter Slam – oder ewige Baustelle.

Montag, 6:40 Uhr, am Bauzaun der großen Bahnhofsbaustelle.
Tjorven wartet auf die S-Bahn und denkt an den Burj Khalifa.
Vor ein paar Jahren stand er in Dubai unten vor dem Burj Khalifa, den Kopf im Nacken, und dachte: Die haben das in sechs Jahren gebaut.
Seit zwei Jahren plant Tjorven einen Text über den Bahnhof, auf dem sein Opa Fahrdienstleiter war.
Es gibt Notizen, drei Anfänge und eine Gliederung mit Unterpunkten.
Aufgeführt hat er davon noch nichts.
Hinter dem Bauzaun steht Regina mit Helm und Klemmbrett.
Sie ist Polierin auf dieser Baustelle und liest am Wochenende bei Slams.
„Freitag ist Richtfest“, sagt sie durch den Zaun.
„Uns fehlt noch einer für den Richtspruch.“
„Ich bin nicht fertig“, sagt Tjorven.
„Das ist der Rohbau auch nicht“, sagt Regina.
„Genau deshalb feiern wir ihn.“
Der Richtkranz · fünf Bänder
Tjorven und Regina sind erfunden. Aber Richtfeste gibt es wirklich, und dieser Brauch feiert genau das, worum es hier geht: einen Bau, der noch lange nicht fertig ist.
Kennst du das?
Du hast diesen einen Text im Kopf, der alles ändern könnte.
Aber die dritte Strophe sitzt noch nicht, die Pointe ist zu weich, und vielleicht versteht das Publikum das Ende nicht.
Vielleicht nächste Woche.
Vielleicht nächsten Monat.
Willkommen auf deiner ewigen Baustelle.
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Die Planungshölle hat einen gemütlichen Eingang.
Sie fühlt sich an wie Arbeit.
Du recherchierst, du sammelst Zitate, du legst Ordner an, du zeichnest Gliederungen.
Nur geschrieben wird nicht.
Und je länger du planst, desto größer wird das Ding in deinem Kopf.
Aus einem Text über den Bahnhof deines Opas wird das Werk deines Lebens.
Und so ein Werk darf natürlich nicht holpern.
Also planst du weiter.
Kein Bullshit: Niemand besucht Baustellen, auf denen nichts passiert.
Niemand zahlt Eintritt für „kommt vielleicht irgendwann“.
Und niemand erinnert sich an den Text, den du nie vorgetragen hast.
Burj Khalifa gegen Deutschland: die Bautafeln
Burj Khalifa
Dubai
Baubeginn: Anfang 2004
Höchster Punkt erreicht: Januar 2009
Eröffnung: Januar 2010
Höhe: 828 m, 163 Etagen
Flughafen BER
Schönefeld bei Berlin
Spatenstich: September 2006
Geplante Eröffnung: Oktober 2011
Eröffnet: Oktober 2020
Elbphilharmonie
Hamburg
Grundstein: 2007
Geplant fertig: 2010
Eröffnet: Januar 2017
Kosten: Stadt rechnete 2005 mit 77 Mio. € Anteil, am Ende rund 866 Mio. € gesamt
Stuttgart 21
Stuttgart
Baubeginn: Februar 2010
Neuer Tiefbahnhof: laut Bahn für Dezember 2031 geplant
Stand: Juni 2026
Angaben gerundet, nach öffentlich bekannten Terminen der Projekte.
Der Burj Khalifa ist 828 Meter hoch, und der Bau vom Beginn bis zur Eröffnung dauerte rund sechs Jahre.
Im Januar 2010 wurde er eröffnet.
Zur selben Zeit war der Berliner Flughafen BER schon seit mehr als drei Jahren im Bau.
Er sollte im Oktober 2011 öffnen.
Im Mai 2012, vier Wochen vor einem neuen Termin, wurde die Eröffnung abgesagt, vor allem wegen Problemen beim Brandschutz.
Eröffnet hat der BER dann im Oktober 2020.
In Hamburg rechnete die Stadt 2005 mit 77 Millionen Euro für ihren Anteil an der Elbphilharmonie.
Am Ende kostete das Konzerthaus rund 866 Millionen Euro und öffnete sieben Jahre später als geplant.
Und Stuttgart 21?
Gebaut wird seit 2010.
Im Juni 2026 hat die Bahn einen neuen Plan vorgelegt, nach dem der neue Tiefbahnhof im Dezember 2031 in Betrieb gehen soll.
Man muss nicht lachen.
Man kann aber.
Dein Text ist der Burj Khalifa oder der BER.
Du entscheidest.
Achte beim Anschauen darauf, wie viele Arbeitsschritte nötig sind, bevor man von außen überhaupt einen Fortschritt sieht.
Genau so wächst ein Text: lange unsichtbar, dann auf einmal da.
Was auf keiner Bautafel steht
Was auf keiner Bautafel steht
▪ Gebaut haben den Turm Tausende Arbeiter, viele davon Arbeitsmigranten aus Südasien.
▪ Im März 2006 protestierten auf dem Baugelände rund 2.500 Arbeiter gegen Löhne und Bedingungen.
▪ Human Rights Watch dokumentierte im selben Jahr die Ausbeutung von Bauarbeitern in den Emiraten.
▪ Bis zur Eröffnung hieß der Turm Burj Dubai, seinen heutigen Namen bekam er bei der Einweihung.
Aber hier kommt der Haken:
Der Vergleich Dubai gegen Deutschland ist unfair, wenn man nur auf die Zahlen schaut.
Der Turm wurde auch deshalb so schnell hochgezogen, weil Tausende Arbeiter unter harten Bedingungen schufteten.
In Deutschland wird langsamer gebaut, auch weil hier mitgeredet, geprüft und geklagt werden darf.
Das ist nicht nur Bürokratie, das ist auch Demokratie.
Beim BER waren es trotzdem vor allem Planungsfehler, und die hätte es nicht gebraucht.
Also merke: Du sollst vom Burj Khalifa das Tempo lernen, nicht den Raubbau.
Wer sich für einen Text die Nächte kaputt macht, baut einen schnellen Turm auf ein wackliges Fundament.
Tempo heißt hier nicht rasen.
Tempo heißt jeden Tag.
Die 38-Zentimeter-Regel
Messlatte · 38 Zentimeter am Tag
Rein rechnerisch: 828 Meter durch rund 2.190 Tage Bauzeit ergeben etwa 38 Zentimeter pro Tag. Für deinen Text: zehn Minuten.
Jetzt wird es praktisch.
Rechne die 828 Meter auf die Bauzeit herunter.
Rund sechs Jahre sind etwa 2.190 Tage.
Dann bleiben pro Tag ungefähr 38 Zentimeter.
Nicht viel, oder?
Ein kleiner Schritt.
Aber jeden Tag, und genau darin liegt der ganze Trick.
Wir denken in Endergebnissen: „Ich will einen richtig starken Text.“
Wir denken nicht in Prozessen.
Wir wollen den Turm, aber ohne die 2.190 Tage.
Das funktioniert nicht, und es wird nie funktionieren.
Also die Regel: Schreib jeden Tag 38 Zentimeter.
Für deinen Text heißt das zehn Minuten.
Nicht zehn Stunden und nicht „bis er fertig ist“.
Zehn Minuten, mehr nicht, weniger auch nicht.
Was passiert in zehn Minuten?
Manchmal eine Zeile, manchmal drei Strophen, manchmal nur ein einziges Wort.
Aber immer Fortschritt.
Und nach einem halben Jahr hast du nicht einen Text, sondern mehrere.
Tjorven fängt noch am Montagabend an.
Zehn Minuten, dann klingelt der Wecker, den er sich gestellt hat.
Heraus kommt ein einziger Satz über das Stellwerk, in dem sein Opa saß.
Er ist besser als alles in der Gliederung.
Rohbauabnahme: was stehen muss und was fehlen darf
Rohbauabnahme · Muss stehen
Tragende Wände
Die Kernaussage, in einem Satz sagbar
Dach
Ein Schluss, auch wenn er noch wackelt
Treppe
Übergänge, über die man gehen kann
Fenster
Zwei, drei Bilder, durch die man schaut
Darf beim Richtfest noch fehlen
Tapeten
Die perfekte Formulierung jeder Zeile
Fliesen
Der letzte Feinschliff an den Pointen
Möbel
Requisiten, Kostüm, Showeffekte
Beim Richtfest ist ein Haus nicht fertig.
Es gibt noch keine Tapeten, keine Fliesen, keine Möbel.
Aber die tragenden Wände stehen, und das Dach ist drauf.
Genau das ist der Maßstab für deinen ersten Auftritt mit einem neuen Text.
Die Kernaussage muss stehen.
Du musst in einem Satz sagen können, worum es geht.
Der Schluss muss drauf sein, auch wenn er noch wackelt.
Und es braucht zwei, drei Bilder, durch die das Publikum schauen kann.
Alles andere darf fehlen.
Die perfekte Formulierung jeder Zeile kommt nach dem ersten Vortrag.
Denn erst vor Publikum merkst du, welche Wand wirklich trägt.

Warum Perfektion eine Lüge ist
Perfektion ist eine bequeme Lüge.
Sie klingt nach hohem Anspruch und ist in Wahrheit eine Ausrede.
Solange etwas nicht perfekt ist, musst du es niemandem zeigen.
Und solange du es niemandem zeigst, kann es niemand kritisieren.
Das fühlt sich sicher an.
Es ist aber nur leer.
Perfekt ist am Ende nur, was nicht mehr lebt.
Ein lebendiger Text stolpert manchmal.
Er schwitzt unter dem Scheinwerfer, er verliert einmal den Faden und findet ihn wieder.
Genau das macht ihn glaubwürdig.
Das Publikum verzeiht dir einen Versprecher.
Es verzeiht dir nicht, dass du nie gekommen bist.
Richtfest: zeig den Rohbau
Richtspruch für einen unfertigen Text
Mit Gunst und Verlaub, ihr Leute im Saal:
Der Text hier ist roh, doch er steht dieses Mal.
Noch fehlt die Tapete, noch klemmt eine Tür,
noch hallt es im Flur, und doch steh ich jetzt hier.
Die Wände, sie tragen, das Dach ist schon drauf,
den Feinschliff, den setzen wir später noch auf.
Drum heb ich mein Glas auf den Bau, wie er ist:
Ein Rohbau, der steht, schlägt den Plan, den man vergisst.
Glas austrinken, in die abgesperrte Ecke werfen. Scherben bringen Glück.
Beim Richtfest steht der Zimmermann oder die Polierin oben auf dem Rohbau und hält den Richtspruch.
Danach wird ein Glas geleert und vom Bau geworfen.
Zerbricht es, bringt das Glück.
Was für ein wunderbarer Brauch!
Er feiert nicht das fertige Haus.
Er feiert den Moment, in dem man zum ersten Mal sieht, dass es eins wird.
Genau so einen Termin brauchst du für deinen Text.
Nicht die große Premiere, sondern ein Richtfest.
Ein Open Mic, eine Lesebühne, ein Abend mit drei Freundinnen im Wohnzimmer.
Du zeigst den Rohbau.
Und du sagst dazu ehrlich, dass er einer ist.
Das nimmt dir den Druck und gibt dem Publikum eine Rolle.
Es darf mitbauen.
Hör beim Podcast darauf, an welcher Stelle du dich selbst wiedererkennst, und schreib genau diese Stelle heute noch in deine zehn Minuten.
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Jetzt Kanal folgenUnd Tjorven?
Freitag, 15 Uhr, Richtfest der neuen Bahnhofshalle.
Tjorven steht mit Helm auf dem ersten Gerüstboden, Regina neben ihm.
Unten warten Maurer, Elektrikerinnen, Leute von der Bahn und ein paar Nachbarn mit Bratwurst.
Er hat zehn Tage lang jeden Tag zehn Minuten geschrieben.
Sein Richtspruch hat acht Zeilen, eine davon holpert hörbar.
Er trägt ihn trotzdem vor.
Beim holprigen Vers lacht einer der Maurer, aber freundlich.
Dann leert Tjorven das Glas und wirft es in die abgesperrte Ecke.
Es zerbricht.
Applaus von unten, und Regina klopft ihm auf den Helm.
Drei Wochen später liest er beim Open Mic zum ersten Mal den Text über das Stellwerk seines Opas.
Er ist nicht fertig.
Aber er steht.
Also merke: Plane weniger, baue täglich, und feiere den Rohbau.
Tapeten kann man immer noch kleben.
