Ein Beipackzettel · Liebeskummer
Poetry Slam über Liebeskummer: die leere Rückfahrt

Donnerstag, 3:12 Uhr, ein WG-Zimmer mit zwei halb gepackten Umzugskartons.
In den Kartons sind die Sachen seiner Ex-Freundin.
Enno ist 23 und seit elf Tagen getrennt.
Er sitzt auf dem Boden, den Laptop auf den Knien, und schreibt.
Es ist der fünfte Text in dieser Woche.
Alle fünf haben dasselbe Ziel.
Sie sollen wehtun.
Nicht ihm.
Ihr.
Am Freitag ist Open Mic im Kulturbahnhof, und ein paar gemeinsame Freunde kommen bestimmt.
Enno weiß genau, welchen Text er lesen will.
Den mit der letzten Zeile, die er sich seit Tagen zurechtlegt.
Enno gibt es so nicht. Aber die Nächte, in denen man nach einer Trennung Texte schreibt, die nur verletzen sollen, kennen viele – vielleicht auch du.
Kennst du das?
Es ist vorbei, und in deinem Kopf läuft es trotzdem weiter.
Jedes Gespräch.
Jeder Satz, den du hättest sagen sollen.
Jeder Satz, den sie gesagt hat.
Schreiben hilft.
Das stimmt.
Aber hier kommt der Haken: Schreiben wirkt ein bisschen wie ein Medikament.
Richtig dosiert tut es gut.
Falsch dosiert macht es alles schlimmer.
Darum bekommst du heute einen Beipackzettel.
Bitte vor dem Schreiben sorgfältig lesen.
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Jetzt Kanal folgenAnwendungsgebiete: Wann Schreiben hilft
Gebrauchsinformation · Abschnitt 1
1. Anwendungsgebiete
Zeilen gegen Kummer wird angewendet bei:
- Gedankenkarussell nach einer Trennung
- nächtlichem Wiederholen alter Gespräche
- dem Gefühl, dass alles gesagt werden muss, aber niemand zuhört
Nicht anwenden als Waffe gegen andere Menschen.
Schreiben hilft bei Liebeskummer aus einem einfachen Grund.
Was im Kopf im Kreis fährt, bekommt auf dem Papier einen Anfang und ein Ende.
Ein Gedanke, den du aufgeschrieben hast, musst du nicht mehr festhalten.
Er liegt ja jetzt da.
Enno merkt das nach der ersten Nacht.
Er schläft zum ersten Mal seit Tagen länger als drei Stunden.
Was er noch nicht merkt: Seine Texte zielen nur in eine Richtung.
Dass aus Schmerz etwas Großes werden kann, zeigt eine berühmte Malerin.
So ist es überliefert:
Die mexikanische Malerin Frida Kahlo war mit dem Maler Diego Rivera verheiratet, eine große und schwierige Liebe.
1939 ließen sich die beiden scheiden, ein Jahr später heirateten sie erneut.
Im Jahr der Trennung entstand ihr Doppelbildnis „Die zwei Fridas“, auf dem beide Herzen offen zu sehen sind.
Sie malte sich selbst, gleich zweimal.
Also merke: Der Schmerz darf in deinen Text.
Die Frage ist nur, wohin du ihn richtest.
Dosierung: Ein Text pro Nacht, gelesen am Morgen
Gebrauchsinformation · Abschnitt 2
2. Dosierung
| Phase | Einzeldosis | Anwendung |
|---|---|---|
| erste Tage | so viel du willst | nur nachts, nicht vorlesen |
| danach | ein ehrlicher Absatz | morgens lesen, einen Satz behalten |
| wenn es trägt | ein Bühnentext | erst, wenn er dich nicht mehr umhaut |
Richtwerte ohne Gewähr. Jede Trennung hat ihr eigenes Tempo.
Die wichtigste Regel steht ganz oben im Beipackzettel.
Schreib, so viel du willst.
Aber lies es erst am nächsten Morgen.
Nachts ist jeder Satz eine Wahrheit.
Morgens ist er ein Entwurf.
Enno probiert es aus.
Er liest morgens um acht, was er um drei geschrieben hat.
Beim zweiten Absatz muss er lachen, so übertrieben ist es.
Beim vierten wird ihm schlecht, so gemein ist es.
Und im sechsten findet er einen Satz, der wirklich stimmt.
„Ich habe mich in dieser Beziehung manchmal selbst nicht mehr gesehen.“
Diesen einen Satz schreibt er auf eine Karteikarte.
Der Rest bleibt, wo er ist.
Kein Bullshit: Aus fünf Nachttexten wird oft nur ein einziger Satz.
Das ist keine Verschwendung.
Das ist die Dosis.
Art der Anwendung: Nachts schreiben, tagsüber prüfen
Gebrauchsinformation · Abschnitt 3
3. Art der Anwendung
🌙
Nachts
Alles darf raus: fluchen, übertreiben, ungerecht sein.
Nicht abschicken. Nicht posten.
☀️
Tagsüber
Jeden Satz prüfen: Handelt er von ihr oder von mir?
Sätze über dich bleiben. Anklagen kommen in die Schublade.
Die Anwendung hat zwei Phasen.
Nachts darfst du alles.
Fluchen, übertreiben, ungerecht sein.
Das ist Druckablass und gehört niemandem außer dir.
Tagsüber kommt die Prüfung.
Frag bei jedem Satz: Handelt er von ihr oder von mir?
Sätze über sie sind meistens Anklagen.
Sätze über dich sind meistens Geschichten.
Und Geschichten sind das, was auf einer Bühne trägt.
Also merke: Du bist die Hauptfigur deines Liebeskummers.
Nicht die Person, die gegangen ist.
Achte darauf, ob der Text anklagt oder erzählt.
Und an welcher Stelle du das merkst.
Nebenwirkungen: Was beim Schreiben passieren kann
Gebrauchsinformation · Abschnitt 4
4. Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Wie alle ehrlichen Texte kann auch dieser Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem auftreten müssen.
Schreiben über Liebeskummer hat Nebenwirkungen.
Die meisten davon sind erwünscht.
Du weinst beim Schreiben, und danach ist es ein bisschen leichter.
Du lachst plötzlich über einen Satz, obwohl dir gar nicht nach Lachen ist.
Und du erinnerst dich an Dinge, die gut waren.
Das ist die gemeinste Nebenwirkung.
Und die wichtigste.
Denn einem Text, der nur das Schlechte zeigt, glaubt niemand.
Wer von einer Trennung erzählt, muss auch erzählen, was verloren gegangen ist.
Wichtig: Liebeskummer kann sehr tief gehen.
Wenn aus Traurigkeit über Wochen Hoffnungslosigkeit wird, hol dir Unterstützung.
Sprich mit Menschen, denen du vertraust, mit deiner Hausarztpraxis oder mit einer Beratungsstelle.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Das ist kein Scheitern.
Das ist Selbstschutz.
Achte darauf, welche Bilder dieser Text für eine Liebe findet, die nicht aufgebraucht wird.
Vielleicht ist das genau der Gedanke, der dir nach einer Trennung fehlt.

Wechselwirkungen: Handy, Alkohol und gemeinsame Freunde
Gebrauchsinformation · Abschnitt 5
5. Wechselwirkungen
Manche Dinge solltest du nicht gleichzeitig mit dem Schreiben anwenden.
Das Profil der Ex anschauen zum Beispiel.
Es hebt die Wirkung jedes Textes sofort auf.
Alkohol verstärkt das Pathos und die Tippfehler.
Die heikelste Wechselwirkung sind aber die gemeinsamen Freunde im Publikum.
Enno hatte sich genau darauf gefreut.
Seine Ex würde es erfahren, Satz für Satz, über drei Ecken.
Aber hier kommt der Haken: Ein Text, der auf eine einzige Person zielt, lässt alle anderen außen vor.
Der Rest des Saals merkt sofort, dass er nur Zeuge ist.
Und niemand ist gern Zeuge einer Abrechnung.
Überdosierung: Der Abrechnungstext
Gebrauchsinformation · Abschnitt 6
6. Wenn Sie zu viel angewendet haben
Anzeichen einer Überdosierung:
- Der Text handelt nur noch von ihr.
- Jede Zeile endet mit einem Treffer.
- Du willst vor allem, dass sie es hört.
- Nach dem Lesen geht es dir schlechter als vorher.
Was zu tun ist: Text in die Schublade legen. Nicht löschen, nicht vortragen. Einen Satz suchen, der von dir handelt, und dort neu anfangen.
Am Mittwoch vor dem Open Mic liest Enno seinen fünften Nachttext einer Mitbewohnerin vor.
Sie hört bis zum Ende zu.
Dann fragt sie: „Und wie geht es dir damit, wenn sie das hört?“
Enno will „gut“ sagen.
Er sagt nichts.
Das ist das sicherste Zeichen einer Überdosis.
Der Text soll jemand anderem wehtun, aber er tut vor allem dir weh.
Denn jedes Mal, wenn du ihn liest, bist du wieder in der schlimmsten Nacht.
Also merke: Ein Abrechnungstext hält die Wunde offen.
Ein ehrlicher Text gibt ihr Luft.
Enno legt den Text in die Schublade.
Nicht in den Müll, in die Schublade.
Er darf existieren, er muss nur nicht auf die Bühne.
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Jetzt Kanal folgenAufbewahrung: Und Enno?
Gebrauchsinformation · Abschnitt 7
7. Wie ist der Text aufzubewahren?
- Wuttexte in der Schublade aufbewahren, nicht in der Cloud und nicht in sozialen Netzwerken.
- Außer Reichweite von Ex-Partnern lagern.
- Nicht nach drei Uhr nachts öffnen.
- Haltbarkeit: unbegrenzt. Irgendwann liest du sie und lächelst.
Enno hat noch zwei Tage bis zum Open Mic.
Er fängt einen neuen Text an, diesmal am Nachmittag.
Er schreibt über die letzte Rückfahrt aus ihrer Stadt.
Über den leeren Sitz neben ihm.
Über die zwei Brezeln, die er aus Gewohnheit gekauft hatte.
Über die Durchsage, dass der Zug zehn Minuten Verspätung hat, und wie egal ihm das war.
Freitag, 21:30 Uhr, Kulturbahnhof.
Enno liest.
Seine Ex ist nicht da.
Zu seiner eigenen Überraschung ist das in Ordnung.
Er liest von den zwei Brezeln.
Vom leeren Sitz.
Dann den Satz von der Karteikarte: „Ich habe mich in dieser Beziehung manchmal selbst nicht mehr gesehen.“
Und zum Schluss: „Ich fahre zurück, aber nicht rückwärts.“
Für einen Moment ist es still.
Dann klatscht der Saal.
Hinterher kommt ein Mann Mitte fünfzig an die Bar.
„Danke“, sagt er.
„Ich bin gerade auch auf der Rückfahrt.“
Enno fährt mit der letzten S-Bahn nach Hause.
In dieser Nacht schreibt er nichts.
Er schläft einfach.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Ihren Text laut vor und fragen Sie Ihre besten Freunde oder Ihr Publikum.
Parodie. Kein Arzneimittel. Bei anhaltendem Leidensdruck: ärztliche oder psychologische Hilfe suchen. Telefonseelsorge: 0800 111 0 111, kostenlos und rund um die Uhr.
Also merke: Liebeskummer ist kein Wettbewerb darum, wer am meisten gelitten hat.
Er ist eine Rückfahrt.
Und die bringt dich irgendwohin, oft zu dir selbst.
