Ein Freundebuch · Freundschaft
Poetry Slam über Freundschaft: zwei Schienen, die alles tragen

Samstag, 14:05 Uhr, der Dachboden von Ronjas Eltern.
Ronja ist 33 und sucht eigentlich Umzugskartons.
Nicht für sich.
Für Maja.
Maja ist ihre beste Freundin, seit der zweiten Klasse.
In neun Tagen zieht sie ans Meer, sechs Stunden Zugfahrt entfernt.
Hinter den Kartons steht ein Schuhkarton mit der Aufschrift „Ronja – Schule“.
Darin liegt ein Freundebuch mit einem Pferd auf dem Umschlag.
Ronja setzt sich auf den staubigen Boden und blättert.
Seite drei gehört Maja.
Acht Jahre alt, Handschrift in Lila, und ein leerer Rahmen, wo ein Foto kleben sollte.
Ronja und Maja gibt es so nicht. Aber das alte Freundebuch auf dem Dachboden, bei dem einem plötzlich die Augen brennen, kennen viele – vielleicht auch du.
Kennst du das?
Über Liebe gibt es Tausende Lieder.
Über Freundschaft gibt es vor allem Kalendersprüche.
„Wahre Freunde erkennt man in der Not.“
„Ein Freund ist jemand, der dich kennt und trotzdem mag.“
Alles richtig.
Und trotzdem sagt es nichts über deine Freundin.
Ronja will Maja zum Umzug etwas schreiben.
Keinen Kalenderspruch.
Einen Text.
Und das Freundebuch zeigt ihr, wie es geht.
Feld für Feld.
Meine Freunde
Freundebuch von Ronja · 2. Klasse
ein Foto rein
🐴
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Jetzt Kanal folgenName und Spitzname: Schreib über einen Menschen
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 1
Name:
Maja (mit j, nicht mit i!!!) ⭐
Ronja, heute
Maja, 33. Zieht ans Meer. Sagt immer noch „mit j“, wenn jemand ihren Namen buchstabiert.
Das erste Feld ist das einfachste.
Name.
Und genau da passieren die meisten Fehler.
Viele Freundschaftstexte handeln von „der Freundschaft“.
Von „wahren Freunden“.
Von „Menschen, die bleiben“.
Kein Bullshit: Über Freundschaft im Allgemeinen kann man kaum einen guten Text schreiben.
Über Maja schon.
Denn Maja hat einen Namen, eine Handschrift und eine feste Meinung dazu, wie man ihn schreibt.
Mit j, nicht mit i, drei Ausrufezeichen.
Also merke: Schreib nicht über die Freundschaft.
Schreib über deine Freundin.
Das Allgemeine versteht das Publikum dann ganz von allein.
Lieblingsessen: Die Rituale
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 2
Lieblingsessen:
Fischstäbchen mit gaaanz viel Ketchup 🍅
Ronja, heute
Immer noch Ketchup. Jetzt auf Pommes an der Bude am Bahnhof, jeden ersten Freitag im Monat.
Mit acht wollte Maja Fischstäbchen mit ganz viel Ketchup.
Mit 33 will sie immer noch ganz viel Ketchup.
Nur jetzt auf Pommes, an der Bude am Bahnhof, jeden ersten Freitag im Monat.
Seit fünfzehn Jahren.
Ronja merkt beim Lesen: Genau da steckt die Freundschaft drin.
Nicht in großen Momenten.
In Wiederholungen.
Freundschaft ist das, was man immer wieder tut, ohne es zu verabreden.
Frag dich deshalb: Was ist euer Ritual?
Der Anruf am Sonntag?
Die Sprachnachricht, die immer zu lang ist?
Die Bank im Park, auf der ihr schon mit fünfzehn gesessen habt?
Ein Ritual ist ein Bild, das dein Publikum sofort versteht.
Weil jeder so eine Bank hat.
Das mag ich an dir: Zeigen statt loben
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 3
Das mag ich an dir:
Dass du mir immer deinen Radiergummi leihst. Auch den mit Erdbeer! 🍓
Ronja, heute
Dass du nach meiner Prüfung mit einer Thermoskanne vor der Tür standest. Ohne dass ich etwas gesagt hatte.
Das dritte Feld hat Maja mit acht besser ausgefüllt als die meisten Erwachsenen.
Sie hat nicht geschrieben: „Du bist nett.“
Sie hat geschrieben, dass Ronja ihr immer ihren Radiergummi leiht.
Auch den mit Erdbeergeruch.
Das ist Zeigen statt Loben.
„Du bist immer für mich da“ ist ein Lob.
Die Thermoskanne vor der Tür nach der Prüfung ist eine Szene.
Und Szenen glaubt man.
Das wirkt Wunder!
Wie viel ein Freund bewirken kann, der einfach da ist, zeigt eine berühmte Freundschaft.
So ist es überliefert:
In Oxford waren die Schriftsteller J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis eng befreundet.
In einer Runde, die sich die Inklings nannte, lasen sie sich gegenseitig unfertige Texte vor.
Lewis ermutigte Tolkien immer wieder, an seinem großen Roman weiterzuschreiben.
Tolkien schrieb später sinngemäß, ohne diese Ermutigung hätte er „Der Herr der Ringe“ wohl nie zu Ende gebracht.
Manchmal besteht Freundschaft genau darin: jemandem zu sagen, dass es sich lohnt.
Achte darauf, ob der Text über Freundschaft im Allgemeinen spricht oder über bestimmte Menschen.
Und welche Stellen dich mehr berühren.
Unser peinlichster Moment: Humor und Insider
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 4
Unser peinlichster Moment:
Krippenspiel. Wir wollten beide Maria sein. Jetzt sind wir Schafe. 🐑🐑
Ronja, heute
Abiball, gleiches Kleid, nicht abgesprochen. Glaubt uns bis heute keiner.
Beim vierten Feld muss Ronja laut lachen, allein auf dem Dachboden.
Krippenspiel, zweite Klasse.
Beide wollten die Maria sein.
Am Ende waren beide Schafe.
Peinliche Momente sind das Gold jedes Freundschaftstextes.
Sie zeigen, dass ihr euch gesehen habt, gerade wenn es nicht glänzend lief.
Aber hier kommt der Haken: Insider sind für Außenstehende oft Rätsel.
„Weißt du noch, das mit den Schafen?“ versteht im Saal niemand.
Erzähl die Szene so, dass jeder sie sehen kann.
Zwei Achtjährige in Schafskostümen, die sich beleidigt anschweigen, während vorne ein anderes Mädchen die Maria singt.
Bonus: Der beste Insider ist der, den du für den Saal öffnest.
Dann lacht nicht nur ihr beide.
Dann lacht der ganze Raum mit euch.

Das mag ich gar nicht: Der Riss
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 5
Das mag ich gar nicht:
Wenn du ohne mich Seilspringen gehst. 😠
Ronja, heute
Das Jahr, in dem wir nicht geredet haben. Wer sich zuerst gemeldet hat: du.
Das fünfte Feld ist das kürzeste auf Majas Seite.
„Wenn du ohne mich Seilspringen gehst.“
Mit acht war das die größte denkbare Kränkung.
Mit neunzehn kam eine echte.
Ein Jahr lang haben Ronja und Maja nicht miteinander geredet.
Wegen einer Sache, an die sich heute keine von beiden mehr genau erinnert.
Soll das in einen Text zum Umzug?
Ja.
Vorsichtig, aber ja.
Denn eine Freundschaft ohne Riss klingt wie eine Werbeanzeige.
Der Riss zeigt, dass ihr euch entschieden habt zu bleiben.
Wichtig: Frag vorher, ob du es erzählen darfst.
Ronja ruft Maja an und fragt.
Maja sagt: „Nur, wenn du erzählst, wer sich zuerst gemeldet hat.“
Das war Maja.
Ronja lacht und verspricht es.
Das wünsche ich dir: Der Schluss
Freundebuch · Seite von Maja · Feld 6
Das wünsche ich dir:
Ein Pferd. Und dass wir für immer Freundinnen bleiben. 🐴💛
Ronja, heute
Einen Balkon mit Meerblick. Und dass du trotzdem anrufst, wenn es regnet.
Maja hat sich mit acht zwei Dinge gewünscht.
Ein Pferd.
Und dass sie für immer Freundinnen bleiben.
Das Pferd kam nie.
Das Zweite hat bis jetzt gehalten.
Das letzte Feld im Freundebuch ist das schwerste Feld im Text.
Denn am Ende wollen alle etwas Großes sagen.
„Ich wünsch dir alles Gute.“
„Bleib, wie du bist.“
Quatsch!
Ein Wunsch wird stark, wenn er so konkret ist wie ein Ritual.
Ronja wünscht Maja einen Balkon mit Meerblick.
Und dass sie trotzdem anruft, wenn es regnet.
Also merke: Der beste Schluss ist ein Wunsch, den nur diese eine Freundin ganz versteht.
Achte darauf, woran der Text festmacht, was einen wahren Freund ausmacht.
Und ob du zustimmst.
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Spickzettel · Text für Maja
– mit j!!!
– Pommes, erster Freitag
– Radiergummi, Erdbeer
– zwei beleidigte Schafe
– das Jahr ohne Reden – sie war zuerst
– Balkon, Meerblick
– Pferd
Zwei Wochen später sitzt Ronja sechs Stunden im Zug.
Auf dem Schoß das Freundebuch, im Rucksack der ausgedruckte Text.
Majas neue Wohnung riecht nach Farbe und Pappe.
Zwischen den Kartons stehen zwölf Leute mit Pappbechern.
Einweihungsparty.
Ronja stellt sich auf einen Umzugskarton, der hoffentlich Bücher enthält.
Sie liest.
Vom Namen mit j.
Von den Pommes am ersten Freitag im Monat.
Vom Radiergummi mit Erdbeergeruch.
Von zwei beleidigten Schafen.
Von dem Jahr, in dem sie nicht geredet haben, und davon, wer sich zuerst gemeldet hat.
Am Ende sagt sie: „Ich wünsch dir einen Balkon mit Meerblick.“
„Und ein Pferd.“
Maja lacht und weint gleichzeitig.
Dann geht sie wortlos zu einem Karton mit der Aufschrift „Wichtig“.
Sie kramt eine Weile und zieht ein kleines Foto heraus.
Zwei Mädchen in Schafskostümen, beide beleidigt.
„Das fehlt in deinem Freundebuch“, sagt Maja.
„Ich hab’s nie zurückgegeben.“
Sie kleben es an Ort und Stelle ein, mitten auf dem Boden zwischen den Kartons.
Fünfundzwanzig Jahre zu spät und genau pünktlich.
Freundebuch · Seite von Maja · Foto
Zwei Schafe, beide beleidigt.
Eingeklebt fünfundzwanzig Jahre später, zwischen Umzugskartons.
Jetzt liegen sechs Stunden Zugfahrt zwischen den beiden.
Wie zwei Schienen, die sich nie berühren und trotzdem gemeinsam jeden Zug tragen.
Also merke: Ein Freundschaftstext muss nicht die ganze Freundschaft erklären.
Er muss nur ein paar Felder ausfüllen.
Den Rest weiß die Freundin sowieso.
