Der Pendler-Text: Alltag, den dein halber Saal jeden Morgen erlebt
Ich habe zwei Texte über dieselbe Zugfahrt geschrieben. Der eine war lustig. Der andere hat funktioniert.
Wolfsburg, 6:12 Uhr, seit vier Jahren derselbe Zug.
Der erste Text war eine Liste. Die Ansage, die niemand versteht. Der Mann, der telefoniert. Die Frau, die sich schminkt.
Das Publikum hat gelacht. Und zwar sofort, weil jeder es kennt.
Danach war es vorbei. Applaus, Platz vier, kein Mensch hat mich hinterher angesprochen.
Zwei Monate später habe ich einen zweiten Text über dieselbe Fahrt geschrieben.
Er handelt von einer einzigen Sekunde: dem Moment, in dem mein Daumen im Vorbeigehen die abgegriffene Stelle an der Haltestange findet, ohne dass ich hinsehe.
Danach war es im Saal still. Und drei Leute haben mir hinterher erzählt, wo ihre abgegriffene Stelle ist.
Dieser Beitrag erklärt, warum das so ist. Denn über Alltag schreiben ist die schwerste und die dankbarste Aufgabe, die es auf einer Slam-Bühne gibt.
Und er ist zum Mitmachen gebaut: sechs Zählbögen zum Ausfüllen, drei Proben und ein deutsches Videokapitel. Am Ende hast du deine eigene Sekunde.
Denn über Alltag schreiben scheitert fast nie am Stoff. Es scheitert an zu wenig Genauigkeit.
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Jetzt Kanal folgenÜber Alltag schreiben: warum Wiedererkennung nicht reicht
Der Reiz am Alltagstext ist offensichtlich.
Wenn du über den Berufsverkehr schreibst, hat die Hälfte des Saals das heute Morgen erlebt.
Das ist ein gewaltiger Vorsprung. Du musst niemandem erklären, wovon du redest.
Deshalb ist über Alltag schreiben auf einer Slam-Bühne so verlockend.
Und genau darin liegt die Falle
Wiedererkennung ist ein Reflex, kein Gefühl.
Ein Publikum lacht sofort, wenn es etwas wiedererkennt. Das ist angenehm und hält ungefähr zwei Sekunden.
Danach braucht es einen Grund weiterzuhören, und den liefert Wiedererkennung nicht.
Deshalb enden so viele Alltagstexte als Aufzählung: Kennt ihr das auch, wenn.
Erstens ist das bequem. Zweitens ist es der Grund, warum über Alltag schreiben so oft nur Lacher bringt und sonst nichts.
Was stattdessen passieren muss
Das Publikum muss etwas wiedererkennen, das es noch nie bemerkt hat.
Also nicht: die Ansage, die niemand versteht. Sondern: dass alle im Wagen trotzdem kurz aufhören zu tippen, obwohl sie nichts verstanden haben.
Beides kennt jeder. Aber nur das zweite war noch nie ausgesprochen.
Genau darin liegt die Arbeit beim Über-Alltag-Schreiben.
Wiedererkennung ohne Genauigkeit ist eine Liste. Wiedererkennung mit Genauigkeit ist ein Text.
Auflösung anzeigen
Der Griff: die Zehn-Zeilen-Sekunde
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist enttäuschend simpel.
Nicht die Fahrt. Nicht den Morgen. Eine Sekunde.
Das Verhältnis macht die Arbeit: Zehn Zeilen für eine Sekunde zwingen dich zu einer Genauigkeit, die du sonst nie erreichst.
Das war es. Ein Zoomfaktor, mehr nicht.
Damit wird über Alltag schreiben von einer Fleißaufgabe zu einer Rechenaufgabe.
Warum die Sekunde so gut funktioniert
Weil du bei einer Sekunde nicht erzählen kannst.
Eine Fahrt hat einen Anfang und ein Ende, also erzählst du. Eine Sekunde hat das nicht, also musst du beschreiben.
Und Beschreibung ist genau das, was Alltagstexten fehlt.
Kurz gesagt: Über Alltag schreiben heißt beschreiben, nicht erzählen.
Welche Sekunde du nehmen solltest
Die langweiligste, die du finden kannst.
Nicht den Moment, in dem etwas passiert. Sondern den davor oder danach.
Nicht der Streit im Abteil, sondern die Sekunde, in der du merkst, dass du gleich die Kopfhörer aufsetzen wirst, um nichts mitzubekommen.
Zehn Zeilen für eine Sekunde ist eine Rechenaufgabe, keine Kunst. Und Rechenaufgaben kann man auch an einem schlechten Tag lösen. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör.
Über Alltag schreiben mit der Lupe: sechs Beispiele
So sieht der Unterschied zwischen Liste und Text aus.
Oben jeweils die Fassung, die jeder schreiben würde. Unten dieselbe Sache mit der Lupe.
Zuerst also die Beispiele, danach die beiden Kronzeugen dafür.
Drei aus dem Zug
Drei von außerhalb des Zuges
Kein voll, kein stressig, kein ewig. Stattdessen jedes Mal eine winzige, überprüfbare Bewegung: zwei Zentimeter, einmal nach unten wischen, drei Schritte vor. Genau diese Überprüfbarkeit erzeugt die Wiedererkennung, die trägt.
Nicholson Baker schrieb 135 Seiten über eine Rolltreppe
Es gibt einen Roman, der diese Idee bis zum Anschlag getrieben hat.
Nicholson Baker veröffentlichte 1988 sein Debüt The Mezzanine, auf Deutsch Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge.
Auf gut 135 Seiten passiert genau eines: Ein Angestellter namens Howie fährt in seiner Mittagspause eine Rolltreppe hinauf.
Was währenddessen im Kopf passiert
Ihm ist am Morgen ein Schnürsenkel gerissen, deshalb hat er neue gekauft.
Und von dort aus denkt er über alles nach: über Trinkhalme, über Händetrockner gegenüber Papierhandtüchern, über Milchkartons, über Tacker, über die Frage, ob das Binden oder das Laufen den Senkel zerstört.
Das Buch benutzt dafür ausufernde Fußnoten, was 1988 im Roman praktisch niemand tat.
Ein Buch, das auf den ersten Blick von nichts handelt. In Wahrheit ist es eine Feier der Dinge.Aus einer Verlagsbeschreibung · sinngemäß übersetzt
Warum das hierher gehört
Baker macht das Vertraute fremd. Er beschreibt Alltagsgegenstände so genau, dass sie plötzlich merkwürdig aussehen.
Genau das ist der Vorgang, um den es in diesem ganzen Beitrag geht. Und er hat dafür einen Zoomfaktor benutzt, der noch extremer ist als unsere Sekunde.
Der ehrliche Haken
Nicht alle halten das aus.
Es gibt Leserinnen und Leser, die das Buch nach fünfzig Seiten weglegen, weil eben tatsächlich nichts passiert.
Für einen Bühnentext heißt das: Der Zoom ist ein Mittel, kein Programm. Vier Minuten Rolltreppe hält kein Slam-Publikum aus.
Trotzdem bleibt Baker das beste Argument dafür, dass über Alltag schreiben nichts mit Belanglosigkeit zu tun hat.
Außerdem zeigt er, wie weit man den Zoom treiben kann, bevor es kippt.
Annie Ernaux führte ein Jahr lang Supermarkt-Tagebuch
Die zweite Kronzeugin hat für dieselbe Idee den Nobelpreis bekommen. Nicht dafür, aber sie gehört dazu.
Annie Ernaux hat ein Jahr lang Tagebuch über ihre Besuche in einem Hypermarkt geführt.
Es war der Auchan im Einkaufszentrum Trois-Fontaines in Cergy, in der Pariser Region. Das Buch heißt Regarde les lumières mon amour und erschien 2014.
Was sie darin macht
Sie notiert, was sie sieht. Wer einkauft, wer wo steht, wie die Kassiererinnen aussehen gegen Ende der Schicht, welche Waren wo stehen und wer sich das leisten kann.
Nichts davon ist ein Ereignis. Alles davon ist der Alltag von Millionen Menschen.
Erstens ist das unspektakulär. Zweitens ist es genau deshalb interessant.
Zum Schreiben sehen heißt anders sehen.Annie Ernaux · sinngemäß übersetzt
Ihre Begründung für den Ort ist der interessanteste Teil: Sie schreibt sinngemäß, der Supermarkt sei ein großes menschliches Rendezvous und ein Schauspiel.
Und dass sie ihn ohne Zögern gewählt habe, um von unserem heutigen Leben zu erzählen.
Damit hat sie den Ort gewählt, an dem sich unsere Gegenwart am ehrlichsten zeigt.
Der Punkt, der für uns zählt
Ernaux hebt einen Ort, über den Literatur praktisch nie schreibt, in den Rang eines literarischen Gegenstands.
Sie tut das nicht, indem sie ihn schönredet oder aufwertet. Sondern indem sie ihn genau genug anschaut.
Damit ist sie das stärkste Argument dafür, dass über Alltag schreiben literarisch trägt.
Erstens ist das dieselbe Bewegung wie bei Baker. Zweitens funktioniert sie auf einer Bühne genauso wie auf Papier.
Der ehrliche Haken
Manche Leserinnen und Leser finden das Buch eher soziologisch als literarisch.
Und ein Teil der Beobachtungen wirkt heute, gut zehn Jahre später, bereits datiert, weil sich das Einkaufen verändert hat.
Das ist übrigens ein Risiko, das jeder Alltagstext hat. Wer über die Technik von heute schreibt, hat in fünf Jahren einen historischen Text.
Trotzdem lohnt sich das Über-Alltag-Schreiben, weil die Bewegungen bleiben, auch wenn die Geräte wechseln.
Videokapitel: worüber schreibe ich überhaupt?
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach außen.
Denn die Frage, worüber man schreiben soll, ist die häufigste überhaupt. Und der Alltag ist die häufigste Antwort darauf.
Erstens ist das naheliegend. Zweitens erklärt es, warum über Alltag schreiben in fast jedem Anfängerkurs vorkommt.
Der Veranstalter Kampf der Künste empfiehlt die Reihe ausdrücklich Menschen, die neu auf der Slam-Bühne sind. Such auf YouTube nach Grundkurs Slam, dann findest du die weiteren Folgen.
Ich verlinke hier bewusst nur, was ich selbst geprüft habe. Wenn du eine Folge kennst, die besonders zum Thema Alltag passt, schreib sie mir.
Vier Techniken fürs Über-Alltag-Schreiben
Der Zoom ist die wichtigste, aber nicht die einzige.
Denn über Alltag schreiben lässt sich auf mehrere Arten, und jede hat ihren Preis.
Vier Techniken zum Ausprobieren
Technik 1 – Der Zoom
Technik 2 – Die Zählung
Technik 3 – Die Verschiebung
Technik 4 – Die Auslassung
Auflösung anzeigen
Vier Alltagsorte und was sie hergeben
Der Zug ist der naheliegendste Ort, aber längst nicht der einzige.
Und weil beim Über-Alltag-Schreiben fast alle dasselbe Feld beackern, lohnt der Blick auf die anderen drei.
| Ort | Was ihn ergiebig macht | Der übliche Fehler |
|---|---|---|
| Der Weg zur Arbeit | Wiederholung über Jahre, kaum Aufmerksamkeit. | Man nimmt die Verspätung statt die Routine. |
| Der Supermarkt | Alle Schichten treffen sich, niemand ist privat. | Man macht sich über Einkaufswagen lustig. |
| Das Wartezimmer | Menschen ohne Beschäftigung und ohne Rolle. | Man nimmt die Krankheit statt das Warten. |
| Das Büro | Sprache, die es nirgends sonst gibt. | Man bleibt bei den bekannten Floskeln. |
Die zweite Zeile ist die von Annie Ernaux, und sie ist im deutschsprachigen Slam erstaunlich wenig bearbeitet.
Die vierte ist die gefährlichste. Bürosprache erzeugt sofort Lacher und ist deshalb der schnellste Weg zur Gag-Liste.
Der gemeinsame Nenner
Alle vier Orte haben eines gemeinsam: Menschen halten sich dort auf, ohne dass es ihr Wunsch wäre.
Genau das erzeugt die Bewegungen, die sonst niemand macht. Das dreimalige Vortreten an die Bordsteinkante gibt es nur, weil niemand freiwillig dort steht.
Zehn Fehler beim Über-Alltag-Schreiben
Fünf Fehler beim Stoff
Fehler 1: Den interessanten Teil nehmen
Fehler 2: Sammeln statt vertiefen
Fehler 3: Über den Alltag im Allgemeinen schreiben
Fehler 4: Nur die eigene Perspektive nehmen
Fehler 5: Sich über Menschen lustig machen
Fünf Fehler beim Schreiben
Fehler 6: Kennt ihr das auch
Fehler 7: Urteilswörter benutzen
Fehler 8: Am Ende groß werden
Fehler 9: Die Pointe erklären
Fehler 10: Zu aktuell schreiben
Wenn der Alltag zum Vorwurf wird
Dieses Kapitel gehört hierher, weil Alltagstexte eine Nebenwirkung haben.
Sie handeln fast immer von Menschen, die im Saal sitzen.
Deshalb hat das Über-Alltag-Schreiben eine Grenze, die andere Stoffe nicht haben.
Solange du dich selbst mit hineinschreibst, ist das eine Einladung. Sobald du dich darüberstellst, wird daraus ein Vorwurf, und zwar an genau die Leute, die dir gerade zuhören.
Der Test, ob dein Text noch einladend ist
Kommst du selbst darin vor, und zwar nicht als der Kluge?
Gibt es eine Stelle, an der du dasselbe tust wie die, über die du schreibst?
Würdest du den Text auch schreiben, wenn die beschriebene Person im Publikum säße?
Bei der letzten Frage sitzt sie übrigens fast immer im Publikum.
Und genau das unterscheidet den Alltagstext von jedem anderen.
Und der andere Fall
Manchmal ist der eigene Alltag nicht komisch, sondern zermürbend.
Wenn du merkst, dass du über deinen Weg zur Arbeit nur noch schreiben kannst, weil er dich aufreibt, dann ist das kein Textproblem mehr.
Schreiben kann das sichtbar machen und nichts daran ändern. Wenn dich eine Situation über Monate belastet, ist die Hausarztpraxis ein völlig normaler erster Schritt. Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Sechs Übungen fürs Über-Alltag-Schreiben
Diese sechs kosten dich zusammen kaum eine Stunde.
Fang mit einer an, nicht mit allen. Denn über Alltag schreiben lernt man unterwegs und nicht am Schreibtisch.
Außerdem brauchst du für die meisten davon nichts weiter als deine übliche Strecke.
Drei Übungen zum Sehen
Übung 1 – Die Sekundenliste
Übung 2 – Nur Bewegungen
Übung 3 – Das Gegenteil vom Auffälligen
Drei Übungen zum Schreiben
Übung 4 – Zehn Zeilen, eine Sekunde
Übung 5 – Die Urteilsstreichung
Übung 6 – Der Ich-Einbau
Dein Zählbogen zum Abhaken
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Damit hast du das Über-Alltag-Schreiben einmal komplett durchlaufen.
Wolfsburg – der Rest der Geschichte
Zurück nach Wolfsburg, 6:12 Uhr.
Der zweite Text handelt von einer Sekunde am zweiten Wagen.
Was tatsächlich in dem Text steht
Dass ich den Arm hebe, bevor der Zug hält.
Dass mein Daumen die Stelle an der Stange findet, an der die Beschichtung weg ist.
Und dass ich das nie geübt habe, sondern dass es sich über vier Jahre von selbst eingeschliffen hat.
Mehr passiert nicht. Der Text ist zwei Minuten lang.
Und genau das ist beim Über-Alltag-Schreiben der Punkt: Es passiert nichts, und trotzdem ist es voll.
Was danach passiert ist
Drei Menschen haben mich angesprochen.
Eine Frau hat mir von der Kachel im Bad ihrer Mutter erzählt, die sie beim Aufstehen immer mit demselben Fuß berührt.
Ich wusste gar nicht, dass ich das mache, bis Sie das gesagt haben.Nach dem Auftritt · und genau darum geht es
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Der erste Text war nicht schlechter geschrieben.
Er war handwerklich sogar sauberer, hatte bessere Pointen und ein klareres Ende.
Er war nur über nichts, was noch niemand gesehen hatte.
Und das ist der unangenehmste Satz in diesem ganzen Beitrag: Ein Alltagstext kann technisch besser und trotzdem wertlos sein.
Deshalb entscheidet beim Über-Alltag-Schreiben die Auswahl und nicht die Ausführung.
Was der Alltag dir nicht abnimmt
Der Alltag liefert dir den Stoff umsonst und in unbegrenzter Menge.
Er liefert dir keinen Aufbau.
Erstens ist das entlastend. Zweitens ist es der Grund, warum so viele Alltagstexte in der Mitte auseinanderfallen.
Warum jetzt erst das Handwerk anfängt
Eine genaue Sekunde ist ein Bauteil. Vier Minuten Bühnenzeit sind ein Haus.
Du brauchst einen Einstieg, der klein bleibt, ohne belanglos zu wirken. Ein Tempo, das die Genauigkeit aushält. Und einen Schluss, der beim Konkreten bleibt und trotzdem größer wirkt, als er ist.
Kurz gesagt: Über Alltag schreiben liefert dir das Material. Den Text musst du bauen.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge für den Moment, in dem du eine großartige Sekunde hast und vier Minuten füllen musst.
Die Beobachtung machst du selbst. Den Rahmen liefert das Handwerk.
Nimm eine Sekunde. Und beschreib sie zehnmal genauer als nötig.
Übrigens fahre ich seit dem Text morgens im dritten Wagen.
Nicht aus Aberglauben. Sondern weil ich wissen wollte, ob es dort andere Stellen gibt.
Gibt es.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
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Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
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Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
