Der Pendler-Text: Alltag, den dein halber Saal jeden Morgen erlebt

Wolfsburg · 6:12 Uhr

Der Pendler-Text: Alltag, den dein halber Saal jeden Morgen erlebt

Der erste Text bekam Lacher. Der zweite bekam Stille. Dazwischen lagen vier Wörter.
Strecke
täglich, seit 4 Jahren
Beobachtungen
1 Sekunde
Kapitel
8
Zum Mitmachen
6 Zählbögen, 3 Proben

Ich habe zwei Texte über dieselbe Zugfahrt geschrieben. Der eine war lustig. Der andere hat funktioniert.

Wolfsburg, 6:12 Uhr, seit vier Jahren derselbe Zug.

Der erste Text war eine Liste. Die Ansage, die niemand versteht. Der Mann, der telefoniert. Die Frau, die sich schminkt.

Das Publikum hat gelacht. Und zwar sofort, weil jeder es kennt.

Über Alltag schreiben heißt hier: der Waschbär steht dicht gedrängt im vollen Morgenzug
6:12 Uhr, seit vier Jahren. Der halbe Saal war heute Morgen genau da.

Danach war es vorbei. Applaus, Platz vier, kein Mensch hat mich hinterher angesprochen.

Zwei Monate später habe ich einen zweiten Text über dieselbe Fahrt geschrieben.

Er handelt von einer einzigen Sekunde: dem Moment, in dem mein Daumen im Vorbeigehen die abgegriffene Stelle an der Haltestange findet, ohne dass ich hinsehe.

Danach war es im Saal still. Und drei Leute haben mir hinterher erzählt, wo ihre abgegriffene Stelle ist.

Dieser Beitrag erklärt, warum das so ist. Denn über Alltag schreiben ist die schwerste und die dankbarste Aufgabe, die es auf einer Slam-Bühne gibt.

Und er ist zum Mitmachen gebaut: sechs Zählbögen zum Ausfüllen, drei Proben und ein deutsches Videokapitel. Am Ende hast du deine eigene Sekunde.

Denn über Alltag schreiben scheitert fast nie am Stoff. Es scheitert an zu wenig Genauigkeit.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen
QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal 📷 Scannen & folgen
🦝 Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.
Kanal ansehen →
01

Über Alltag schreiben: warum Wiedererkennung nicht reicht

Der Reiz am Alltagstext ist offensichtlich.

Wenn du über den Berufsverkehr schreibst, hat die Hälfte des Saals das heute Morgen erlebt.

Das ist ein gewaltiger Vorsprung. Du musst niemandem erklären, wovon du redest.

Deshalb ist über Alltag schreiben auf einer Slam-Bühne so verlockend.

Und genau darin liegt die Falle

Wiedererkennung ist ein Reflex, kein Gefühl.

Ein Publikum lacht sofort, wenn es etwas wiedererkennt. Das ist angenehm und hält ungefähr zwei Sekunden.

Danach braucht es einen Grund weiterzuhören, und den liefert Wiedererkennung nicht.

Deshalb enden so viele Alltagstexte als Aufzählung: Kennt ihr das auch, wenn.

Erstens ist das bequem. Zweitens ist es der Grund, warum über Alltag schreiben so oft nur Lacher bringt und sonst nichts.

Was stattdessen passieren muss

Das Publikum muss etwas wiedererkennen, das es noch nie bemerkt hat.

Also nicht: die Ansage, die niemand versteht. Sondern: dass alle im Wagen trotzdem kurz aufhören zu tippen, obwohl sie nichts verstanden haben.

Beides kennt jeder. Aber nur das zweite war noch nie ausgesprochen.

Genau darin liegt die Arbeit beim Über-Alltag-Schreiben.

Der Satz, um den es hier geht
Alltag wirkt nicht, weil ihn alle kennen. Er wirkt, wenn du ihn genauer beschreibst, als ihn irgendjemand je angeschaut hat.

Wiedererkennung ohne Genauigkeit ist eine Liste. Wiedererkennung mit Genauigkeit ist ein Text.
Nachzählen
Welche dieser vier Zeilen ist die einzige, die noch nie jemand ausgesprochen hat?
Auflösung anzeigen
Die dritte. Die anderen drei sind wahr, allgemein und tausendfach gesagt worden. Die dritte beschreibt eine winzige gemeinsame Bewegung, die alle machen und niemand bemerkt. Genau dieser Unterschied entscheidet zwischen Lachen und Stille.
Strich drunter
Der halbe Saal war heute Morgen dort. Erzähl ihnen nicht, dass sie dort waren. Erzähl ihnen, was sie dabei übersehen haben.
02

Der Griff: die Zehn-Zeilen-Sekunde

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist enttäuschend simpel.

Der Griff
Nimm aus deinem Alltag genau eine Sekunde und beschreib sie auf zehn Zeilen.

Nicht die Fahrt. Nicht den Morgen. Eine Sekunde.

Das Verhältnis macht die Arbeit: Zehn Zeilen für eine Sekunde zwingen dich zu einer Genauigkeit, die du sonst nie erreichst.

Das war es. Ein Zoomfaktor, mehr nicht.

Damit wird über Alltag schreiben von einer Fleißaufgabe zu einer Rechenaufgabe.

Über Alltag schreiben im Detail: die abgegriffene Stelle an einer Haltestange, wo tausend Daumen lagen
Die abgegriffene Stelle. Zehn Zeilen über eine Sekunde, und plötzlich ist es ein Text.

Warum die Sekunde so gut funktioniert

Weil du bei einer Sekunde nicht erzählen kannst.

Eine Fahrt hat einen Anfang und ein Ende, also erzählst du. Eine Sekunde hat das nicht, also musst du beschreiben.

Und Beschreibung ist genau das, was Alltagstexten fehlt.

Kurz gesagt: Über Alltag schreiben heißt beschreiben, nicht erzählen.

Welche Sekunde du nehmen solltest

Die langweiligste, die du finden kannst.

Nicht den Moment, in dem etwas passiert. Sondern den davor oder danach.

Nicht der Streit im Abteil, sondern die Sekunde, in der du merkst, dass du gleich die Kopfhörer aufsetzen wirst, um nichts mitzubekommen.

Zählbogen 01
Deine langweiligste Sekunde
Geh deinen Weg zur Arbeit im Kopf ab. Such nicht die Höhepunkte, sondern die Momente, über die du nie erzählen würdest. Schreib drei auf und markier den, der am wenigsten hergibt. Genau der ist deiner.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil das Verhältnis die ganze Arbeit macht.

Zehn Zeilen für eine Sekunde ist eine Rechenaufgabe, keine Kunst. Und Rechenaufgaben kann man auch an einem schlechten Tag lösen. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör.
03

Über Alltag schreiben mit der Lupe: sechs Beispiele

So sieht der Unterschied zwischen Liste und Text aus.

Oben jeweils die Fassung, die jeder schreiben würde. Unten dieselbe Sache mit der Lupe.

Zuerst also die Beispiele, danach die beiden Kronzeugen dafür.

Drei aus dem Zug

Aus der Ferne 01
Morgens ist der Zug immer total voll.
Mit der Lupe
Alle stehen so, dass zwischen den Schultern zwei Zentimeter bleiben, und niemand hat das jemals abgesprochen.
Aus der Ferne 02
Die Leute starren alle auf ihre Handys.
Mit der Lupe
Wer keinen Empfang mehr hat, schaut trotzdem weiter auf das Display und wischt einmal nach unten, damit es nicht auffällt.
Aus der Ferne 03
Die Durchsagen versteht sowieso niemand.
Mit der Lupe
Bei einer Durchsage hebt der halbe Wagen kurz den Kopf und senkt ihn wieder, ohne dass jemand jemanden fragt.

Drei von außerhalb des Zuges

Aus der Ferne 04
Im Supermarkt an der Kasse ist es immer stressig.
Mit der Lupe
Man legt den Trenner hinter die eigenen Sachen, bevor man die letzten Teile aufs Band gelegt hat, und zwar immer in dieser Reihenfolge.
Aus der Ferne 05
Im Büro gibt es diese Meetings, die nichts bringen.
Mit der Lupe
Jemand sagt, er wolle das nur kurz spiegeln, und alle wissen, dass jetzt vier Minuten vergehen.
Aus der Ferne 06
Man wartet ewig, bis der Bus kommt.
Mit der Lupe
Man tritt drei Schritte vor bis zur Bordsteinkante, obwohl das den Bus nachweislich nicht schneller macht.
Was die sechs unteren Zeilen gemeinsam haben
In keiner steht ein Urteil.

Kein voll, kein stressig, kein ewig. Stattdessen jedes Mal eine winzige, überprüfbare Bewegung: zwei Zentimeter, einmal nach unten wischen, drei Schritte vor. Genau diese Überprüfbarkeit erzeugt die Wiedererkennung, die trägt.
Zählbogen 02
Deine Lupe
Nimm deine Sekunde aus Zählbogen 1. Schreib oben die Fassung, die jeder schreiben würde. Und darunter dieselbe Sache mit einer überprüfbaren Bewegung und ohne ein einziges Urteilswort.
04

Nicholson Baker schrieb 135 Seiten über eine Rolltreppe

Es gibt einen Roman, der diese Idee bis zum Anschlag getrieben hat.

Nicholson Baker veröffentlichte 1988 sein Debüt The Mezzanine, auf Deutsch Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge.

Auf gut 135 Seiten passiert genau eines: Ein Angestellter namens Howie fährt in seiner Mittagspause eine Rolltreppe hinauf.

Was währenddessen im Kopf passiert

Ihm ist am Morgen ein Schnürsenkel gerissen, deshalb hat er neue gekauft.

Und von dort aus denkt er über alles nach: über Trinkhalme, über Händetrockner gegenüber Papierhandtüchern, über Milchkartons, über Tacker, über die Frage, ob das Binden oder das Laufen den Senkel zerstört.

Das Buch benutzt dafür ausufernde Fußnoten, was 1988 im Roman praktisch niemand tat.

Ein Buch, das auf den ersten Blick von nichts handelt. In Wahrheit ist es eine Feier der Dinge.
Aus einer Verlagsbeschreibung · sinngemäß übersetzt

Warum das hierher gehört

Baker macht das Vertraute fremd. Er beschreibt Alltagsgegenstände so genau, dass sie plötzlich merkwürdig aussehen.

Genau das ist der Vorgang, um den es in diesem ganzen Beitrag geht. Und er hat dafür einen Zoomfaktor benutzt, der noch extremer ist als unsere Sekunde.

Der ehrliche Haken

Nicht alle halten das aus.

Es gibt Leserinnen und Leser, die das Buch nach fünfzig Seiten weglegen, weil eben tatsächlich nichts passiert.

Für einen Bühnentext heißt das: Der Zoom ist ein Mittel, kein Programm. Vier Minuten Rolltreppe hält kein Slam-Publikum aus.

Trotzdem bleibt Baker das beste Argument dafür, dass über Alltag schreiben nichts mit Belanglosigkeit zu tun hat.

Außerdem zeigt er, wie weit man den Zoom treiben kann, bevor es kippt.

05

Annie Ernaux führte ein Jahr lang Supermarkt-Tagebuch

Die zweite Kronzeugin hat für dieselbe Idee den Nobelpreis bekommen. Nicht dafür, aber sie gehört dazu.

Annie Ernaux hat ein Jahr lang Tagebuch über ihre Besuche in einem Hypermarkt geführt.

Es war der Auchan im Einkaufszentrum Trois-Fontaines in Cergy, in der Pariser Region. Das Buch heißt Regarde les lumières mon amour und erschien 2014.

Was sie darin macht

Sie notiert, was sie sieht. Wer einkauft, wer wo steht, wie die Kassiererinnen aussehen gegen Ende der Schicht, welche Waren wo stehen und wer sich das leisten kann.

Nichts davon ist ein Ereignis. Alles davon ist der Alltag von Millionen Menschen.

Erstens ist das unspektakulär. Zweitens ist es genau deshalb interessant.

Zum Schreiben sehen heißt anders sehen.
Annie Ernaux · sinngemäß übersetzt

Ihre Begründung für den Ort ist der interessanteste Teil: Sie schreibt sinngemäß, der Supermarkt sei ein großes menschliches Rendezvous und ein Schauspiel.

Und dass sie ihn ohne Zögern gewählt habe, um von unserem heutigen Leben zu erzählen.

Damit hat sie den Ort gewählt, an dem sich unsere Gegenwart am ehrlichsten zeigt.

Der Punkt, der für uns zählt

Ernaux hebt einen Ort, über den Literatur praktisch nie schreibt, in den Rang eines literarischen Gegenstands.

Sie tut das nicht, indem sie ihn schönredet oder aufwertet. Sondern indem sie ihn genau genug anschaut.

Damit ist sie das stärkste Argument dafür, dass über Alltag schreiben literarisch trägt.

Erstens ist das dieselbe Bewegung wie bei Baker. Zweitens funktioniert sie auf einer Bühne genauso wie auf Papier.

Der ehrliche Haken

Manche Leserinnen und Leser finden das Buch eher soziologisch als literarisch.

Und ein Teil der Beobachtungen wirkt heute, gut zehn Jahre später, bereits datiert, weil sich das Einkaufen verändert hat.

Das ist übrigens ein Risiko, das jeder Alltagstext hat. Wer über die Technik von heute schreibt, hat in fünf Jahren einen historischen Text.

Trotzdem lohnt sich das Über-Alltag-Schreiben, weil die Bewegungen bleiben, auch wenn die Geräte wechseln.

Über Alltag schreiben heißt hinschauen: der unspektakuläre Blick aus dem Zugfenster im Morgengrauen
Diese Aussicht sehen Menschen zweimal täglich. Und niemand sieht sie.
06

Videokapitel: worüber schreibe ich überhaupt?

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick nach außen.

Denn die Frage, worüber man schreiben soll, ist die häufigste überhaupt. Und der Alltag ist die häufigste Antwort darauf.

Erstens ist das naheliegend. Zweitens erklärt es, warum über Alltag schreiben in fast jedem Anfängerkurs vorkommt.

Poetry Slam Tutorial: Ich will einen Text schreiben, aber worüber?
Die erste Folge des Grundkurs Slam von Poetry Slam TV, mit Lennart Hamann und Hannes Maaß. Genau unsere Frage, aus Hamburger Perspektive und erfreulich unromantisch beantwortet.
Weiterschauen: die ganze Reihe
Der Grundkurs Slam auf dem Kanal Poetry Slam TV geht über mehrere Folgen und behandelt neben der Themenfindung auch Textarbeit, Auftritt und Performance.

Der Veranstalter Kampf der Künste empfiehlt die Reihe ausdrücklich Menschen, die neu auf der Slam-Bühne sind. Such auf YouTube nach Grundkurs Slam, dann findest du die weiteren Folgen.

Ich verlinke hier bewusst nur, was ich selbst geprüft habe. Wenn du eine Folge kennst, die besonders zum Thema Alltag passt, schreib sie mir.
07

Vier Techniken fürs Über-Alltag-Schreiben

Der Zoom ist die wichtigste, aber nicht die einzige.

Denn über Alltag schreiben lässt sich auf mehrere Arten, und jede hat ihren Preis.

Über Alltag schreiben unterwegs: der Waschbär notiert im Stehen an der Haltestange
Im Stehen, an der Stange. Die besten Alltagsnotizen entstehen genau dort.

Vier Techniken zum Ausprobieren

Technik 1 – Der Zoom
Der Griff aus Kapitel zwei. Eine Sekunde, zehn Zeilen. Er funktioniert immer und ist der einzige, den du wirklich brauchst. Alle anderen sind Varianten davon.
Technik 2 – Die Zählung
Nimm etwas, das sich wiederholt, und zähl es. Wie oft in vier Jahren. Wie viele Minuten insgesamt. Eine Zahl macht aus einer Gewohnheit eine Größe, und Größen kann ein Publikum fühlen.
Technik 3 – Die Verschiebung
Beschreib den Alltagsvorgang in der Sprache eines völlig anderen Bereichs. Das Einsteigen als militärisches Manöver, das Warten am Kopierer als Gottesdienst. Vorsicht: Das wird schnell zum Gag. Einmal pro Text reicht.
Technik 4 – Die Auslassung
Beschreib den Vorgang und lass die Person weg. Nur Bewegungen, nur Gegenstände. Das Publikum setzt sich selbst ein, und das wirkt stärker als jede Figur, die du erfinden könntest.
Zählbogen 03
Deine Zählung
Technik 2 direkt hier. Nimm deinen Weg zur Arbeit oder Schule und rechne einmal nach. Die Zahl ist oft der halbe Text.
Nachzählen
Welche dieser Techniken ist am ehesten dafür verantwortlich, dass Alltagstexte zu Gag-Listen werden?
Auflösung anzeigen
Die Verschiebung. Sie erzeugt sofort einen Lacher, und deshalb ist die Versuchung groß, sie dreimal einzusetzen. Danach hat der Text keine Ebene mehr, sondern nur noch eine Masche. Einmal pro Text ist ein Gewinn, dreimal ist eine Nummer.
07b

Vier Alltagsorte und was sie hergeben

Der Zug ist der naheliegendste Ort, aber längst nicht der einzige.

Und weil beim Über-Alltag-Schreiben fast alle dasselbe Feld beackern, lohnt der Blick auf die anderen drei.

OrtWas ihn ergiebig machtDer übliche Fehler
Der Weg zur ArbeitWiederholung über Jahre, kaum Aufmerksamkeit.Man nimmt die Verspätung statt die Routine.
Der SupermarktAlle Schichten treffen sich, niemand ist privat.Man macht sich über Einkaufswagen lustig.
Das WartezimmerMenschen ohne Beschäftigung und ohne Rolle.Man nimmt die Krankheit statt das Warten.
Das BüroSprache, die es nirgends sonst gibt.Man bleibt bei den bekannten Floskeln.

Die zweite Zeile ist die von Annie Ernaux, und sie ist im deutschsprachigen Slam erstaunlich wenig bearbeitet.

Die vierte ist die gefährlichste. Bürosprache erzeugt sofort Lacher und ist deshalb der schnellste Weg zur Gag-Liste.

Der gemeinsame Nenner

Alle vier Orte haben eines gemeinsam: Menschen halten sich dort auf, ohne dass es ihr Wunsch wäre.

Genau das erzeugt die Bewegungen, die sonst niemand macht. Das dreimalige Vortreten an die Bordsteinkante gibt es nur, weil niemand freiwillig dort steht.

Zählbogen 06
Dein zweiter Ort
Nimm einen Alltagsort, über den du noch nie geschrieben hast. Nicht den Zug. Und beschreib eine Bewegung, die dort alle machen.
08

Zehn Fehler beim Über-Alltag-Schreiben

Fünf Fehler beim Stoff

Fehler 1: Den interessanten Teil nehmen
Der Streit, die Verspätung, der verrückte Mitfahrer. Alles, was auffällt, erzählt sich selbst und lässt dir nichts zu tun.
Fehler 2: Sammeln statt vertiefen
Zwölf Beobachtungen sind eine Liste. Eine Beobachtung mit zehn Zeilen ist ein Text.
Fehler 3: Über den Alltag im Allgemeinen schreiben
Der Alltag ist kein Thema. Dienstag, 6:12 Uhr, zweiter Wagen ist eines.
Fehler 4: Nur die eigene Perspektive nehmen
Die anderen im Wagen sind kein Hintergrund. Ihre Bewegungen sind dein bestes Material.
Fehler 5: Sich über Menschen lustig machen
Der Mann, der laut telefoniert, ist ein Mensch mit einem Grund. Wer ihn nur vorführt, verliert die Hälfte des Saals, nämlich die, die sich wiedererkennen.

Fünf Fehler beim Schreiben

Fehler 6: Kennt ihr das auch
Diese vier Wörter machen aus einem Text eine Umfrage. Sie stehen im ersten Text aus Wolfsburg dreimal drin.
Fehler 7: Urteilswörter benutzen
Voll, stressig, nervig, ewig. Jedes davon ersetzt eine Beobachtung durch eine Meinung.
Fehler 8: Am Ende groß werden
Und so hetzen wir alle durchs Leben. Damit machst du aus einer genauen Sekunde eine Kalendersprüche-Sammlung.
Fehler 9: Die Pointe erklären
Wenn die Beobachtung sitzt, hat das Publikum sie verstanden. Der Nachsatz nimmt ihm den eigenen Moment.
Fehler 10: Zu aktuell schreiben
Der Ernaux-Haken. Wer sich zu sehr an heutige Geräte und Marken hängt, hat in fünf Jahren einen Text, den man erklären muss.
Zählbogen 04
Streich deine Urteilswörter
Nimm deinen Text aus Zählbogen 2. Links jedes Wort, das ein Urteil enthält. Rechts die Bewegung, die du stattdessen zeigen kannst.
09

Wenn der Alltag zum Vorwurf wird

Dieses Kapitel gehört hierher, weil Alltagstexte eine Nebenwirkung haben.

Sie handeln fast immer von Menschen, die im Saal sitzen.

Deshalb hat das Über-Alltag-Schreiben eine Grenze, die andere Stoffe nicht haben.

Der Unterschied in einem Satz
Über Alltag schreiben heißt, mit Menschen zu arbeiten, die dasselbe erleben wie du.

Solange du dich selbst mit hineinschreibst, ist das eine Einladung. Sobald du dich darüberstellst, wird daraus ein Vorwurf, und zwar an genau die Leute, die dir gerade zuhören.

Der Test, ob dein Text noch einladend ist

Kommst du selbst darin vor, und zwar nicht als der Kluge?

Gibt es eine Stelle, an der du dasselbe tust wie die, über die du schreibst?

Würdest du den Text auch schreiben, wenn die beschriebene Person im Publikum säße?

Bei der letzten Frage sitzt sie übrigens fast immer im Publikum.

Und genau das unterscheidet den Alltagstext von jedem anderen.

Und der andere Fall

Manchmal ist der eigene Alltag nicht komisch, sondern zermürbend.

Wenn du merkst, dass du über deinen Weg zur Arbeit nur noch schreiben kannst, weil er dich aufreibt, dann ist das kein Textproblem mehr.

Schreiben kann das sichtbar machen und nichts daran ändern. Wenn dich eine Situation über Monate belastet, ist die Hausarztpraxis ein völlig normaler erster Schritt. Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.

Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Dein Link-Kompass

Du willst mehr von diesen Ideen?

Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

🔍

✍️
Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

10

Sechs Übungen fürs Über-Alltag-Schreiben

Diese sechs kosten dich zusammen kaum eine Stunde.

Fang mit einer an, nicht mit allen. Denn über Alltag schreiben lernt man unterwegs und nicht am Schreibtisch.

Außerdem brauchst du für die meisten davon nichts weiter als deine übliche Strecke.

Drei Übungen zum Sehen

Übung 1 – Die Sekundenliste
Notier auf einer einzigen Fahrt zehn Sekunden, die nichts hergeben. Wirklich nichts. Am nächsten Tag liest du sie durch, und zwei davon werden dich überraschen.
Übung 2 – Nur Bewegungen
Eine Fahrt lang schreibst du ausschließlich auf, was Menschen mit ihrem Körper tun. Keine Gesichter, keine Deutung. Diese Übung liefert die überprüfbaren Details aus Kapitel drei.
Übung 3 – Das Gegenteil vom Auffälligen
Wenn im Wagen etwas passiert, schau bewusst woandershin und beschreib, was die machen, die gerade nicht hinschauen.

Drei Übungen zum Schreiben

Übung 4 – Zehn Zeilen, eine Sekunde
Der Griff als Schreibübung. Stoppuhr im Kopf: eine Sekunde. Dann zehn Zeilen. Wer nach vier Zeilen fertig ist, war nicht genau genug.
Übung 5 – Die Urteilsstreichung
Nimm einen fertigen Alltagstext und streich jedes Urteilswort ersatzlos. Lies ihn laut. Was fehlt, musst du durch eine Bewegung ersetzen.
Übung 6 – Der Ich-Einbau
Such in deinem Text die Stelle, an der du dasselbe tust wie die Leute, über die du schreibst. Wenn es keine gibt, bau eine ein. Das ist der Unterschied zwischen Einladung und Vorwurf.
Zählbogen 05
Zehn Zeilen, eine Sekunde
Übung 4 direkt hier. Nimm deine Sekunde aus Zählbogen 1 und schreib sie aus. Zehn Zeilen. Kein Urteilswort, keine Erklärung, nur was zu sehen ist.
SUMME

Dein Zählbogen zum Abhaken

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

Damit hast du das Über-Alltag-Schreiben einmal komplett durchlaufen.

Erledigt
NACHTRAG

Wolfsburg – der Rest der Geschichte

Zurück nach Wolfsburg, 6:12 Uhr.

Der zweite Text handelt von einer Sekunde am zweiten Wagen.

Über Alltag schreiben beginnt hier: der Waschbär steht im Morgengrauen allein an seiner immer gleichen Stelle auf dem Bahnsteig
Immer dieselbe Stelle. Nach vier Jahren steht man dort, ohne nachzudenken.

Was tatsächlich in dem Text steht

Dass ich den Arm hebe, bevor der Zug hält.

Dass mein Daumen die Stelle an der Stange findet, an der die Beschichtung weg ist.

Und dass ich das nie geübt habe, sondern dass es sich über vier Jahre von selbst eingeschliffen hat.

Mehr passiert nicht. Der Text ist zwei Minuten lang.

Und genau das ist beim Über-Alltag-Schreiben der Punkt: Es passiert nichts, und trotzdem ist es voll.

Was danach passiert ist

Drei Menschen haben mich angesprochen.

Eine Frau hat mir von der Kachel im Bad ihrer Mutter erzählt, die sie beim Aufstehen immer mit demselben Fuß berührt.

Ich wusste gar nicht, dass ich das mache, bis Sie das gesagt haben.
Nach dem Auftritt · und genau darum geht es

Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte

Der erste Text war nicht schlechter geschrieben.

Er war handwerklich sogar sauberer, hatte bessere Pointen und ein klareres Ende.

Er war nur über nichts, was noch niemand gesehen hatte.

Und das ist der unangenehmste Satz in diesem ganzen Beitrag: Ein Alltagstext kann technisch besser und trotzdem wertlos sein.

Deshalb entscheidet beim Über-Alltag-Schreiben die Auswahl und nicht die Ausführung.

ÜBERTRAG

Was der Alltag dir nicht abnimmt

Der Alltag liefert dir den Stoff umsonst und in unbegrenzter Menge.

Er liefert dir keinen Aufbau.

Erstens ist das entlastend. Zweitens ist es der Grund, warum so viele Alltagstexte in der Mitte auseinanderfallen.

Das Ziel beim über Alltag schreiben: der Waschbär auf der Bühne, der Saal erkennt sich wieder
Der Moment, in dem ein Saal seinen eigenen Morgen wiedererkennt.

Warum jetzt erst das Handwerk anfängt

Eine genaue Sekunde ist ein Bauteil. Vier Minuten Bühnenzeit sind ein Haus.

Du brauchst einen Einstieg, der klein bleibt, ohne belanglos zu wirken. Ein Tempo, das die Genauigkeit aushält. Und einen Schluss, der beim Konkreten bleibt und trotzdem größer wirkt, als er ist.

Kurz gesagt: Über Alltag schreiben liefert dir das Material. Den Text musst du bauen.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge für den Moment, in dem du eine großartige Sekunde hast und vier Minuten füllen musst.

Die Beobachtung machst du selbst. Den Rahmen liefert das Handwerk.

Nimm eine Sekunde. Und beschreib sie zehnmal genauer als nötig.
Strich drunter
Der halbe Saal war heute Morgen dort. Der Unterschied ist, dass du hingeschaut hast.

Übrigens fahre ich seit dem Text morgens im dritten Wagen.

Nicht aus Aberglauben. Sondern weil ich wissen wollte, ob es dort andere Stellen gibt.

Gibt es.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen
QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal 📷 Scannen & folgen
🦝 Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.
Kanal ansehen →
Bahn Slam · Edition

Werbung in eigener Sache

— aber mit Wucht.

Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
sondern anwenden willst — wie ein Sniper mit Reimwaffe:

Was drinsteckt
  • Über 200 kranke Slam-Hacks
  • Storystrukturen wie ein Fitzek-Krimi
  • Übungen für Albtraum-Einstiege, Trauma-Texte, Schweige-Pausen
  • Provokations-Templates
  • Authentizitäts-Trigger
✦ ✦ ✦ die zweiunddreißig bücher

Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
— Stephan Pinkwart —
Dein Link-Kompass

Du willst mehr von diesen Ideen?

Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

🔍

✍️
Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Weiterlesen
Der Wartesaal-Text
Dieselbe Technik, angewendet auf fremde Menschen statt auf dich.
Schreiben im Zug
Wann du deine Sekunden am besten notierst.
Deine Anti-Bucketlist
Warum „Kennt ihr das auch“ auf keiner Bühne mehr funktioniert.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →