Es gibt einen Moment beim Slam, über den niemand gern spricht. Ich erzähle dir von einem Abend, an dem ich ihn erlebt habe.
Eine junge Frau, nennen wir sie Lena. Dritter Auftritt ihres Lebens.
Ihr Text handelte von ihrer Klinikzeit. Er war zwei Wochen alt. Die Klinikzeit auch.
Nach der ersten Minute fing ihre Stimme an zu kippen. Nach der zweiten liefen die Tränen.
Und der Saal? Der Saal wurde still. Aber es war nicht die gute Stille.
Es war die Stille von zweihundert Menschen, die plötzlich Zeugen von etwas wurden, wofür sie keine Ausbildung haben. Man hörte, wie niemand sein Glas abstellte.
Lena bekam viele Punkte. Mitleidspunkte.
Und dann ging sie nach Hause. Allein, aufgerissen, mit einem Applaus im Ohr, der sich am nächsten Morgen anfühlte wie ein Kater.
Ich habe sie nie wieder auf einer Bühne gesehen.
Das Schlimmste daran: Alle im Raum meinten es gut. Der Moderator, der sie tapfer ankündigte. Die Jury mit ihren hohen Zahlen. Der Saal mit seinem langen Applaus.
Alle gaben ihr, was sie hatten. Aber niemand hatte das, was sie brauchte.
Denn ein Saal kann vieles sein. Warm, laut, wohlwollend, sogar liebevoll.
Nur eines kann er nicht sein: ein sicherer Ort für eine offene Wunde.
Dieser Beitrag ist für Lena. Und für alle, die gerade einen Text in der Tasche haben, der eigentlich ein Hilferuf ist.
Er ist der ernsteste Beitrag dieser Reihe. Und vielleicht der wichtigste.
Denn über Reime, Pointen und Auftritte reden wir hier ständig. Über das hier redet fast niemand — und genau das macht es gefährlich.

Und falls du diesen Text in einem dunklen Moment liest: Du musst da nicht allein durch. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr da, kostenlos und anonym — 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, auch per Chat auf telefonseelsorge.de.
Das ist kein Kleingedrucktes. Das ist der wichtigste Absatz dieses Beitrags.
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Warum die Bühne sich wie Therapie anfühlt — und was wirklich passiert
Zuerst die ehrliche Anerkennung: Das Gefühl ist echt. Die Bühne TUT etwas mit dir.
Und die Verwechslung ist kein Zufall. Bühne und Therapie arbeiten nämlich mit demselben Werkzeug: mit Worten über das eigene Leben, laut ausgesprochen, vor einem Gegenüber.
Von außen sieht das fast gleich aus. Wie ein Rennwagen und ein Krankenwagen — beides Autos, beides schnell.
Nur fährt der eine im Kreis um Punkte. Und der andere bringt dich dahin, wo dir geholfen wird.
Du schreibst etwas Schweres auf — und beim Schreiben sortiert sich das Chaos. Sätze zwingen Gedanken in eine Reihenfolge. Das ordnet.
Dann stehst du oben und sprichst es aus. Laut, vor Menschen. Etwas, das jahrelang nur in deinem Kopf gewohnt hat, steht plötzlich im Raum.
Und dann passiert das Mächtigste: Die Menschen nicken. Manche weinen. Einer kommt danach zu dir und sagt: „Bei mir war das genauso.“
Du bist nicht mehr allein mit der Sache. Zweihundert Zeugen haben sie gehört und dich nicht verurteilt.
Das ist groß. Das ist echt. Und es kann ein Stück Heilung sein — das streitet hier niemand ab.
Was da passiert, hat sogar einen alten Namen: Katharsis. Das Reinigen durch Rauslassen.
Stell dir einen Dampfkessel vor. Wenn der Druck steigt, öffnet man das Ventil — und es zischt, und der Kessel beruhigt sich.
Die Bühne ist ein wunderbares Ventil. Aber ein Ventil repariert keinen Kessel.
Wenn der Druck immer wieder aus derselben Stelle kommt, ist irgendwo ein Leck. Und Lecks findet man nicht im Applaus. Lecks findet man in Ruhe, mit jemandem, der Kessel gelernt hat.
Aber jetzt kommt das Aber. Und es ist ein großes.
Die Bühne ist ein Verstärker. Sie macht alles größer, was du mitbringst — die Freude, den Witz, und eben auch den Schmerz.
Ein Verstärker fragt nicht, ob dir das Lied guttut. Er dreht nur lauter.
An guten Abenden verstärkt er deine Stärke. An schlechten Abenden verstärkt er die Wunde — vor Publikum, mit Zeitlimit und Wertungstafeln.

Und noch etwas verwechseln wir gern: Applaus fühlt sich an wie Zuwendung. Ist er aber nicht.
Applaus ist eine Reaktion auf drei Minuten. Zuwendung ist jemand, der auch am Mittwochmorgen fragt, wie es dir geht.
Der Saal liebt dich um 22:14 Uhr. Um 22:20 liebt er schon den Nächsten.
Das ist nicht böse gemeint — es ist einfach, was ein Saal ist. Zweihundert Fremde, ein Abend, dann gehen alle heim.
Am Mittwochmorgen, wenn es wirklich schwer ist, sitzt vom ganzen Applaus niemand an deinem Küchentisch.
Wer den Applaus als Medizin nimmt, braucht jede Woche eine höhere Dosis. Und steht irgendwann mit immer offeneren Texten auf immer größeren Bühnen — nicht weil die Kunst es will, sondern weil die Wunde es braucht.
Ich kannte mal einen, der trug zehn Monate lang denselben Trennungstext vor. Wort für Wort derselbe Schmerz, Bühne für Bühne.
Er nannte es Kunst. Der Saal nannte es irgendwann „der mit dem Trennungstext“.
In Wahrheit war es eine Schleife. Er erzählte die Geschichte immer wieder, weil sie nie fertig erzählt war — weil drei Minuten und Applaus eine Geschichte nicht fertig machen können.
Eine Therapeutin hätte nach zwanzig Minuten die eine Frage gestellt, die die Schleife durchbricht. Der Saal kann das nicht. Der Saal kann nur klatschen — und die Schleife weiterdrehen.
Genau da wollen wir nicht hin. Weder für dich noch für deine Texte.
Der Unterschied
Erste Hilfe und Operation — warum die Bühne nur eines von beiden kann
Stell dir den Verbandskasten hinter der Bühne vor. Was ist da drin?
Pflaster. Eine Mullbinde. Kühlpack. Traubenzucker.
Alles Dinge für kleine Wunden. Für den Schnitt im Finger, nicht für den Bruch im Bein.
Niemand käme auf die Idee, mit einem gebrochenen Bein zum Verbandskasten zu humpeln und zu sagen: Das Pflaster wird’s schon richten.
Genau das tun wir aber mit der Seele. Ständig.
Die Bühne ist ein wunderbarer Verbandskasten. Sie kann Druck nehmen, Gemeinschaft geben, kleine Wunden versorgen.
Aber sie hat keinen OP-Saal. Und sie hatte nie einen.
Jeder Ersthelfer lernt am ersten Kurstag dieselbe Regel: Du stabilisierst. Du operierst nicht.
Nicht weil Ersthelfer schlechte Menschen wären. Sondern weil ein guter Wille ohne Ausbildung an einer großen Wunde mehr Schaden anrichtet als gar nichts.
Der Saal ist ein Raum voller Ersthelfer mit gutem Willen. Zweihundert Menschen, die dich auffangen wollen — und von denen keiner weiß, wie.
Was die Bühne wirklich gut kann, sind vier Dinge. Alle vier sind Pflaster — und alle vier sind wertvoll.
Sie lässt dich aussprechen, was lange stumm war. Sie gibt dir Zeugen. Sie schenkt dir eine Gemeinschaft von Leuten, die auch schreiben. Und sie gibt dir ein Handwerk, an dem du wachsen kannst.
Was sie nicht kann: nachfragen. Einordnen. Begleiten. Schweigen bewahren. Dich am Mittwochmorgen anrufen.
Genau diese fünf Dinge sind aber die Operation. Und für die gibt es ausgebildete Menschen.
Falls dich das Wort „Therapie“ abschreckt, lass es mich entzaubern. Eine erste Stunde ist unspektakulärer als jeder Auftritt.
Zwei Stühle, ein ruhiger Mensch, eine Frage: „Was führt Sie her?“ Keine Couch-Klischees, kein Seelen-Röntgen, kein Urteil.
Du redest. Jemand hört zu, der das seit Jahren gelernt hat. Das ist alles — und es verändert alles.

Schau dir den Unterschied nüchtern an. Er ist gewaltig.
Eine Therapeutin hat eine jahrelange Ausbildung. Das Publikum hat ein Bierglas.
Eine Therapeutin hat Schweigepflicht. Das Publikum hat Instagram.
Eine Therapeutin fragt nach: „Was meinen Sie damit genau?“ Das Publikum hält eine Zahl hoch und holt sich ein neues Getränk.
Eine Therapeutin merkt sich, was du vor drei Wochen gesagt hast. Das Publikum weiß morgen nicht mal mehr deinen Namen.
Und der wichtigste Unterschied: In der Therapie darfst du abbrechen, schweigen, nochmal anfangen. Auf der Bühne läuft die Uhr.
Das eine ist ein geschützter Raum. Das andere ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit — wir haben das im Beitrag über die bittere Wahrheit über den Slam ehrlich aufgeschrieben.
Wie beides nebeneinander aussehen kann, zeigt einer der größten Bühnenmenschen der Welt.
Bruce Springsteen. Der Boss. Vier Stunden Vollgas pro Konzert, seit fünfzig Jahren.
Wenn ein Mensch von der Bühne geheilt werden könnte, dann er. Kein Künstler bekommt mehr Applaus, mehr Liebe, mehr Stadionchöre.
Und trotzdem: Mit 32, auf dem Höhepunkt des Ruhms, brach er zusammen. Depression — die Krankheit, die schon seinen Vater im Griff hatte.
Was tat er? Er ging in Therapie. Anfang der Achtziger — und er blieb, über Jahrzehnte.
Sein Vater kam aus einer Familie, in der seelische Krankheit häufig war. Er trank, war mal fern, mal hart — und Bruce sah ihm dabei zu und dachte: Das könnte auch mein Weg werden.
Diese Angst hätte er jeden Abend auf jeder Bühne der Welt beklatschen lassen können. Es hätte nichts geholfen.
In seinen Lebenserinnerungen „Born to Run“ schreibt er offen über alles: die Dunkelheit, die Medikamente, die Gespräche über Jahrzehnte.
Der größte Live-Künstler seiner Generation sagt damit öffentlich: Die Bühne hat mich getragen — aber gerettet haben mich die Stunden in einem stillen Zimmer.
Denk kurz darüber nach, was das bedeutet. Achtzigtausend Menschen singen seinen Namen — und die wichtigste Stunde seiner Woche hat genau zwei Stühle.
Wenn der Boss den Unterschied zwischen Bühne und Behandlungszimmer respektiert, dann dürfen wir das in der Kneipe am Dienstag auch.

Merk dir dieses Bild: Springsteen hat die Bühne nie aufgegeben. Er hat sie nur nie mit dem stillen Zimmer verwechselt.
Beides. Nebeneinander. Jedes für seinen Job.
Schreiben hilft wirklich — das bestätigt dir jede Forschung und jeder Mensch mit Tagebuch. Schreib alles. Ungefiltert, ehrlich, roh.
Die Frage ist nicht, WAS du schreibst. Die Frage ist, was davon auf die Bühne geht — und wann.
Dein Notizbuch hat Schweigepflicht. Der Saal nicht. Das ist der ganze Unterschied zwischen Schreiben als Selbstfürsorge und Auftreten als Risiko.
Die ehrliche Frage
Fünf Zeichen, dass du gerade mehr brauchst als einen Auftritt
Woher weißt du, ob deine Wunde ein Pflaster braucht — oder den OP-Saal?
Hier sind fünf Zeichen. Lies sie langsam. Und lies sie ehrlich.
Erstens: Du schreibst seit Monaten nur noch über das eine Thema. Nicht weil es dich künstlerisch reizt — sondern weil es dich nicht loslässt.
Der Test ist einfach: Versuch, über etwas anderes zu schreiben. Über den Busfahrer, das Wetter, irgendwas. Wenn der Stift immer wieder zurück zur selben Stelle wandert, schreibt da nicht der Künstler. Da schreibt die Wunde.
Zweitens: Nach dem Auftritt geht es dir schlechter, nicht besser. Der Applaus verpufft in Minuten, die Leere bleibt bis Donnerstag.
Gute Auftritte füllen den Tank. Wenn deiner ihn leert, war das kein Auftritt — das war eine Öffnung ohne Verband danach.
Drittens: Du brauchst die Bühne. Nicht: Du freust dich auf sie. Du BRAUCHST sie — wie ein Medikament, dessen Dosis stetig steigt.
Wenn ein abgesagter Slam sich anfühlt wie eine gestrichene Rettung, dann trägt die Bühne gerade ein Gewicht, für das sie nicht gebaut wurde.
Viertens: Auch abseits der Bühne wird alles schwer. Schlaf, Arbeit, Freunde, Aufstehen. Die Bühne ist nur noch die hellste Stunde einer dunklen Woche.
Sträter hat genau dafür ein Bild gefunden: Depression fühlt sich an, als würde man alles durch Milchglas erleben. Wenn deine Woche aus Milchglas besteht und nur der Dienstagabend klar ist — dann braucht die Woche Hilfe, nicht der Dienstag.
Und fünftens, das ernsteste Zeichen: Du denkst daran, dir etwas anzutun. Dann ist dieser Beitrag hier zu Ende und das Telefon dran — 0800 111 0 111. Jetzt, nicht nach dem nächsten Absatz.
Wenn du dich in einem oder zwei der ersten vier Zeichen erkennst: Das heißt nicht, dass du „kaputt“ bist.
Es heißt nur: Da arbeitet etwas in dir, das mehr verdient hat als drei Minuten und eine Wertungstafel.
Falls dir die Entscheidung schwerfällt, hier der einfachste Trick, den ich kenne: der Freundes-Trick.
Stell dir vor, dein bester Freund erzählt dir von SEINER Woche — und sie klingt exakt wie deine. Gleiche Nächte, gleiche Leere, gleiche Gedanken.
Was würdest du ihm raten? „Tritt am Dienstag auf, das wird schon“?
Eben. Du würdest ihm etwas anderes raten. Mit Wärme, ohne Drama, sofort.
Gib dir selbst denselben Rat. Du bist der Freund.
Ich weiß, wie sich der erste Anruf anfühlt. Man tippt die Nummer dreimal ein und legt zweimal wieder weg.
Man denkt: Andere haben es schlimmer. Man denkt: Was sage ich denn überhaupt?
Hier ist die Antwort: Du sagst genau das. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mir geht es nicht gut.“
Das reicht. Die Menschen am anderen Ende können ab da übernehmen — das ist ihr Handwerk, so wie deins die Texte sind.

Therapieplatz finden: Die Nummer 116 117 (Terminservicestelle) vermittelt dir ein Erstgespräch bei Psychotherapeuten — auch online unter 116117.de.
Erster Schritt, wenn alles zu viel ist: dein Hausarzt. Ein Satz reicht: „Mir geht es seit Wochen nicht gut, ich brauche Unterstützung.“ Den Rest übernimmt er.
Info und Selbsttests: Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter deutsche-depressionshilfe.de.
Und weil „Hilfe holen“ sich für viele immer noch wie eine Niederlage anhört, erzähle ich dir noch von einem Mann mit Mütze.
Torsten Sträter. Einer der lustigsten Menschen dieses Landes, groß geworden auf genau unseren Bühnen — Poetry Slam, Lesebühne, Kneipenlicht.
Sträter hat Depressionen. Er sagt das genau so, öffentlich, seit Jahren.
Seine erste Depression hatte er in den Neunzigern. Lange hielt er sie für schlechte Laune und falsche Entscheidungen — bis ein offenes Gespräch ihm zeigte: Das ist eine Krankheit. Und Krankheiten behandelt man.
Er holte sich Hilfe — ärztlich, therapeutisch, richtig. Heute ist er Schirmherr der Deutschen Depressionsliga und redet auf Patientenkongressen.
Warum ausgerechnet er? Weil Sträter weiß, wen er erreicht: Männer. Die Sorte, die über alles redet, nur nicht über sich.
Die Sorte, die auf Bühnen Witze macht, damit keiner fragt, wie es wirklich geht. Vielleicht kennst du so jemanden. Vielleicht aus dem Spiegel.
Und die Bühne? Die hat er nie verlassen. Er macht sogar Comedy über die Depression — aber hör genau hin, WIE er das macht:
Merkst du es? Er blutet nicht auf der Bühne. Er erzählt von einer Landschaft, die er kartiert hat.
Souverän, präzise, mit Pointen an den richtigen Stellen. Das kann er, WEIL er behandelt wurde — nicht statt dessen.
Sein Humor ist keine Flucht vor der Krankheit. Er ist die Landkarte, die er für andere zeichnet, damit sie sich weniger verlaufen.
Erst kam das stille Zimmer. Dann kam der Text. Diese Reihenfolge ist das ganze Geheimnis.
Dreh die Reihenfolge um, und beides geht kaputt. Der Text wird zum Hilferuf, und die Hilfe kommt nie — weil ein Saal nun mal keine Sprechstunde hat.
Halte die Reihenfolge ein, und beides wird groß. Die Behandlung bekommt Ruhe. Und der Text bekommt Kraft.
Was die Bühne DANN kann
Die Bühne kann nicht heilen. Aber sie kann etwas, das Therapie nicht kann.
Jetzt die Wendung. Denn dieser Beitrag endet nicht mit einem Verbot — er endet mit einem Versprechen.
Wenn die Wunde versorgt ist — richtig versorgt, im stillen Zimmer — dann kann die Bühne etwas, das keine Therapie der Welt kann.
Sie kann aus deiner Geschichte ein Geschenk machen.
Denn irgendwo im Saal sitzt immer einer, der gerade da ist, wo du warst. Der glaubt, er sei der Einzige.
Und dann hört er deinen Text. Deinen verheilten, souveränen, präzisen Text über genau seine Dunkelheit.
In diesem Moment bist du für ihn der Beweis, dass man da durchkommt. Kein Ratgeber kann das. Kein Plakat. Nur ein Mensch auf einer Bühne, der es hinter sich hat.
Deshalb, und das ist mir wichtig: Der Slam BRAUCHT deine Geschichte. Gerade die schwere.
Aber er braucht sie ganz. Durchquert, verstanden, mit festem Boden darunter — damit sie trägt statt zu bluten.
Merk dir den Unterschied an einem Bild: Eine Narbe kann erzählen. Eine Wunde kann nur bluten.
Beide sind echt. Beide sind deine Geschichte.
Aber nur eine von beiden kann auf der Bühne stehen, den Saal anschauen und sagen: Ich weiß, wie es weitergeht. Ich war da.
Der junge Komiker Kevin Breel hat genau so einen Auftritt hingelegt — mit neunzehn Jahren. Kapitän des Basketballteams, der Typ, bei dem von außen alles stimmte.
Auf der Bühne erzählte er zum ersten Mal öffentlich von seiner Depression. Vorbereitet, klar, mit festem Boden unter den Füßen — und einer Pointe genau da, wo sie hingehört.
Der Auftritt ging um die Welt. Millionen haben ihn gesehen — und wer weiß, wie viele davon danach zum ersten Mal jemanden angerufen haben.
Millionen Menschen hat dieser eine Auftritt erreicht. Schau ihn dir an — das ist die Bühne in ihrer besten Form:
Der Bühnenreife-Check für schwere Texte — vier Fragen
2. Die Erzähler-Frage: Stehst du ALS Erzähler auf der Bühne — oder als Betroffener, der gerade mittendrin steckt? Erzähler haben die Geschichte durchquert.
3. Die Morgen-danach-Frage: Wie ging es dir nach dem letzten Auftritt mit diesem Text — am nächsten Morgen, nicht in der ersten Stunde? Leerer als vorher? Dann zurück in die Schublade.
4. Die Alleine-Frage: Ist die Bühne dein EINZIGER Ort für dieses Thema? Dann hol dir zuerst einen zweiten — einen ohne Publikum.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Nein. Springsteen ging mit 32 hin, Sträter nach Jahren des Zögerns — beide sagen heute: zu spät, hätte früher kommen sollen. Du brauchst keinen Zusammenbruch als Eintrittskarte. „Es ist seit Wochen schwer“ reicht völlig.
Verliere ich durch Therapie meinen Stoff zum Schreiben?
Die Angst ist verbreitet — und falsch herum. Unbehandelt schreibst du zehnmal denselben Schmerz. Behandelt bekommst du Abstand, und mit Abstand kommen Form, Witz und Tiefe. Sträters beste Depressions-Texte entstanden NACH der Behandlung, nicht davor.
Darf ich traurige Texte vortragen, ohne in Therapie zu sein?
Natürlich. Traurigkeit ist keine Krankheit, und nicht jeder schwere Text braucht einen Befund. Es geht um die Richtung: Ein Text ÜBER eine Wunde bereichert den Saal. Ein Text AUS einer offenen Wunde überfordert ihn — und verletzt dich. Die vier Fragen oben zeigen dir den Unterschied.
Ich moderiere selbst einen Slam — was tue ich, wenn jemand auf der Bühne zusammenbricht?
Ruhig bleiben, hingehen, die Person freundlich von der Bühne begleiten — ohne Drama, ohne Diagnosen vor Publikum. Danach nicht allein lassen: ein stilles Eck, ein Glas Wasser, ein Mensch, der bleibt. Und ihr als Team dürft die Nummern der Telefonseelsorge genauso griffbereit haben wie den Verbandskasten. Beides gehört zur Veranstaltung.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche ist diesmal keiner für die Bühne. Er braucht nur einen Zettel und zehn ehrliche Minuten.
Zieh einen Strich in der Mitte. Links schreibst du: Das gehört auf die Bühne. Rechts: Das gehört in ein Gespräch.
Und dann sortier deine Themen. Alle. Auch die, über die du noch nie geschrieben hast.
Links stehen die verheilten Geschichten — die mit Narbe statt Kruste. Sie warten auf Texte, und sie werden großartig.
Rechts steht, was noch blutet. Dafür suchst du dir diese Woche ein Ohr ohne Eintrittskarte: einen Freund, den Hausarzt, die 116 117 — oder nachts um drei die Telefonseelsorge.
Beide Spalten sind wertvoll. Beide verdienen Kümmern. Nur eben von verschiedenen Leuten.
Und keine Sorge: Die linke Spalte wird nicht leer sein. Du hast mehr verheilte Geschichten, als du denkst — die peinliche, die komische, die kleine mit dem großen Ende.
Aus genau solchen Geschichten sind die besten Slam-Texte dieses Landes gebaut. Nicht aus den blutenden — aus den überlebten.
Für die rechte Spalte gilt übrigens die Briefkasten-Regel: Ein Brief, den du nachts um zwei schreibst, wird erst am nächsten Mittag eingeworfen.
Genauso gehen Texte aus der rechten Spalte nie direkt vom Schreibtisch auf die Bühne. Immer erst durch die Schublade, immer erst an einem hellen Tag noch einmal gelesen.
Und irgendwann — nächsten Monat, nächstes Jahr — wandert ein Thema von rechts nach links. Verheilt, erzählbar, bereit.
Dann schreibst du den Text. Und er wird nicht dein verletzlichster. Er wird dein stärkster.
Manchmal stelle ich mir vor, wie Lenas Abend hätte laufen können. Die andere Version.
Sie schreibt den Kliniktext — und legt ihn in die Schublade. Sie ruft die 116 117 an. Sie tritt trotzdem auf, aber mit ihrem Text über ihre erste Bahnfahrt allein.
Ein Jahr später holt sie den Kliniktext wieder raus. Er hat jetzt eine Narbe statt einer Kruste — und eine Pointe, die niemand kommen sieht.
Sie trägt ihn vor. Der Saal wird still — diesmal die gute Stille. Und irgendwo in Reihe fünf sitzt jemand, der morgen zum ersten Mal einen Termin macht.
Diese Version ist möglich. Für Lena. Und für dich.
Die Bühne läuft dir nicht weg. Sie steht nächsten Monat noch da, und nächstes Jahr auch — dasselbe Mikro, dasselbe Licht.
Nimm dir die Zeit, ganz anzukommen, bevor du dich ganz zeigst. Der Slam wartet auf dich. Ehrlich.
Und wenn du heute nur einen einzigen Satz aus diesem Beitrag mitnimmst, dann diesen: Du musst nicht auf einer Bühne stehen, um gehört zu werden. Manchmal reicht ein Anruf — und ein Mensch, der zuhört, ohne eine Tafel zu heben.

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