E-Mail-Verlauf · Fragen an Veranstalter
16 Fragen, die du dem Veranstalter vorher stellst

Marit, 31, hat noch nie Fragen an Veranstalter gestellt.
Wozu auch?
Die Mails sind immer so nett.
Diese hier kommt an einem Dienstag um kurz nach neun.
Zwei Wörter.
Drei Minuten nach der Anfrage.
Am 14. steht Marit in einem Innenhof mit sechzig Leuten.
Es gibt kein Mikro.
Es gibt kein Licht.
Es gibt eine Bierbank als Bühne.
Und hinter der Mauer gibt es eine Hauptstraße, auf der alle vier Minuten ein Bus fährt.
Marit verliert an diesem Abend gegen einen Bus.
Sechsmal.
Und der Bus hupt dabei nicht einmal.
Das Schlimme ist nicht der Abend.
Das Schlimme ist die eine Frage, die alles verhindert hätte.
Sie steht weiter unten in dieser Liste.
Und sie ist nicht die, an die du gerade denkst.
Marit und Rüdiger gibt es so nicht. Aber die freundliche Mail, auf die man mit zwei Wörtern antwortet, kennt fast jeder, der auftritt.
Kennst du das?
Du freust dich so über die Einladung, dass du sofort zusagst.
Fragen?
Später.
Oder nie, weil du nicht nerven willst.
Kein Bullshit: Die meisten schlechten Abende entstehen nicht auf der Bühne.
Sie entstehen zwei Wochen vorher, in einer freundlichen Mail.
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Jetzt Kanal folgenFragen an Veranstalter: Warum zwei Wörter nicht reichen
Postfach · Laufzettel
Keine Sorge.
Du musst nicht alle sechzehn Fragen stellen.
Bei einer offenen Bühne wäre das sogar albern.
Vier reichen fast immer.
Welche vier, hängt vom Abend ab.
„Wirkt das nicht total misstrauisch, wenn ich so viel frage?“
Ganz im Gegenteil.
Wer fragt, wirkt wie jemand mit Erfahrung.
Und gebucht wird gern, wer andere nicht zum Mitdenken zwingt.
Baustein 1 · Der Rahmen: Was für ein Abend ist das?
Diese vier Fragen kosten dich zwei Zeilen.
Sie retten dir die Hälfte aller Katastrophen.
Klingt banal?
Ist es nicht.
Zwischen fünf und zehn Minuten liegt ein anderer Beruf.
Fünf Minuten sind ein Text.
Zehn Minuten sind eine Dramaturgie mit Bogen und mindestens einem Bruch.
Frag gleich mit, ob die Zeit hart ist.
Diese Frage wirkt neugierig.
In Wahrheit ist sie strategisch.
Stehen schon vier lustige Leute auf der Liste, brauchst du keinen fünften lustigen Text.
Und bist du die Einzige mit einem leisen Text, ist das deine Lücke.
Manchmal erfährst du das Motto erst vom Plakat.
Ein Text über den Zahnarzt kann an einem Abend namens „Heimat“ funktionieren, aber er hat es schwerer als nötig.
Frag nach zwei Zeiten: Wann geht es los, und wann sollst du selbst da sein?
Dazwischen liegt oft eine Stunde oder mehr.
Die brauchst du auch.
Wer zehn Minuten vor Beginn ankommt, hat den Kopf noch draußen.
Baustein 2 · Die Technik: Womit stehe ich da oben?
Technik ist langweilig.
Bis sie fehlt.
Hintergrund · Keine braunen, bitte
1982 ging die Rockband Van Halen auf Welttournee, mit einem Bühnenvertrag von dreiundfünfzig Seiten.
Darin standen Stromstärken, Traglasten und Abstände, denn die Band reiste mit neun Sattelzügen voller Technik, wo damals drei üblich waren.
Mitten in diesem Stapel stand eine Klausel über M&Ms in der Garderobe: bitte keine braunen.
Sänger David Lee Roth hat später in seiner Autobiografie erklärt, warum: Lagen braune in der Schale, hatte jemand den Vertrag nicht gründlich gelesen, und dann ließ er die gesamte Technik nachprüfen.
Die Schale war also kein Spleen, sondern ein Messgerät.
Du brauchst keine dreiundfünfzig Seiten.
Du brauchst eine braune M&M.
Also eine kleine Frage, an deren Antwort du merkst, wie gut der Abend organisiert ist.
Die beste lautet: „Wer macht den Ton?“
Kommt ein Name zurück, wird der Abend gut.
Kommt „Das kriegen wir hin“, pack eine Taschenlampe ein.
Frag es wirklich, auch wenn es dumm klingt.
Und frag gleich hinterher: Ständer oder Handmikro?
Mit Ständer hast du zwei Hände frei.
Mit Handmikro nur eine, und dann kannst du kaum noch blättern.
Scheinwerfer auf dich heißt: Du siehst niemanden.
Volles Licht im Raum heißt: Du siehst jedes Gesicht.
Und im Dämmerlicht siehst du gerade genug, um dich zu verunsichern.
Wenn du es vorher weißt, kostet es dich nicht die ersten dreißig Sekunden.
Frag nach Schritten, nicht nach Metern.
„Kann ich da drei Schritte gehen?“
Auf einer Bierbank gehst du nirgendwohin.
Dann muss dein Text die Bewegung machen.
Mehr dazu steht in Bewegung auf der Bühne.
Bei kleinen Abenden gibt es meistens keinen.
Dann frag, ob du vorher einmal kurz ins Mikro sprechen darfst.
In diesen zwanzig Sekunden lernst du, wie weit du weg musst.
Und dein Körper lernt den Raum.
Achte darauf, was er empfiehlt, bevor der Stress überhaupt da ist.
Und dann frag dich, welche seiner Ideen in eine einzige Mail passt.
Zwischen den Zeilen: Antworten, bei denen du hellhörig wirst
Posteingang · Antworten lesen
Die Fragen sind nur die eine Hälfte.
Die andere Hälfte ist das Zuhören.
Denn eine Antwort verrät oft mehr über den Abend als ihr Inhalt.
„Das kriegen wir hin“ ist kein Grund abzusagen.
Aber ein Grund, früher da zu sein.
Und wenn die Länge noch offen ist, nimm zwei Texte mit: einen für vier Minuten und einen für sieben.
Auf „Melde dich einfach am Abend beim Moderator“ fragst du zurück: „Bin ich fest eingeplant oder auf der Warteliste?“
Das ist nicht unfreundlich.
Es erspart beiden Seiten einen ärgerlichen Abend.
Und wer antwortet, er schicke dir gleich alles zusammen, hat selbst einen Laufzettel im Kopf.
Solche Leute merkst du dir.
Entwürfe · nicht senden
Drei Fragen landen besser gar nicht erst im Postausgang.
Auf „Wie waren die letzten Abende so?“ antwortet kein Veranstalter ehrlich mit „Ach, kaum jemand da“.
Frag lieber jemanden, der schon dort aufgetreten ist.
„Was für einen Text soll ich mitbringen?“ klingt höflich, gibt aber deine Entscheidung ab.
Und „Meinst du, das passt bei euch?“ macht aus einer Zusage eine Bitte.
Du bist eingeladen worden.
Das war die Prüfung.
Eine Ausnahme gibt es: Schulen und Firmen.
Dort darfst du fragen, ob es Themen gibt, die an diesem Tag nicht gehen.
Das ist keine Selbstzensur.
Das ist Handwerk.
Manchmal ist an einer Schule kurz vorher etwas Schlimmes passiert, und niemand hat es dir gesagt.
Baustein 3 · Raum und Leute: Vor wem stehe ich da?
Diese vier Fragen ändern nicht deinen Text.
Sie ändern deine Erwartung.
Und die falsche Erwartung ruiniert mehr Auftritte als jede schlechte Technik.
Dreißig Leute sind ein Gespräch.
Dreihundert sind ein Konzert.
Bei dreißig darfst du leise anfangen.
Bei dreihundert brauchen die ersten Sekunden mehr Größe.
Das ist die unterschätzteste Frage auf der ganzen Liste.
Sitzende Menschen hören oft länger zu.
Stehende sind lauter und schneller wieder weg.
Vor stehendem Publikum brauchst du deshalb früher einen Haken.
Ein geübtes Publikum kennt die Regeln.
Ein neues Publikum ist herrlich, aber unberechenbar.
Es lacht, wo sonst niemand lacht, und wird still, wo sonst gejubelt wird.
Wenn du das vorher weißt, erschrickst du nicht.
Das ist sie.
Die Frage aus dem Innenhof.
Marit hätte nicht nach dem Licht fragen müssen.
Sie hätte nach dem Bus fragen müssen.
Frag einfach: „Gibt es irgendetwas, das laut werden kann?“
Eine Straße, eine Bar im selben Raum, eine Küche, ein Fußballspiel nebenan.
Gegen nichts davon kannst du etwas tun.
Aber du kannst deinen Text danach aussuchen.
Ein leiser Text stirbt neben einer Bar.
Ein lauter Text überlebt sogar einen Bus.
Hintergrund · Eine Seite Papier
Der Chirurg Atul Gawande und sein Team testeten eine einfache Checkliste für Operationssäle, entwickelt mit der Weltgesundheitsorganisation.
Sie wurde in acht Krankenhäusern in acht Städten eingeführt, von Toronto bis Neu-Delhi, von Seattle bis Ifakara in Tansania.
Die Komplikationen sanken von 11 auf 7 Prozent, die Todesfälle von 1,5 auf 0,8 Prozent.
Die Teams waren nicht plötzlich besser geworden.
Sie fragten nur vorher ab, ob alles da ist.
Quelle: Haynes u. a., New England Journal of Medicine, 2009.
Dein Auftritt ist keine Operation.
Aber das Prinzip ist dasselbe.

Baustein 4 · Geld und Kleingedrucktes
Jetzt kommt der Block, vor dem sich fast alle drücken.
Fünf Wörter.
Kein Vorwurf, keine Forderung.
Bei offenen Bühnen lautet die Antwort meistens Nein, und das ist völlig in Ordnung.
Aber es gibt eine Grenze.
Sie liegt dort, wo andere an dem Abend verdienen.
Wird Eintritt genommen, verkauft ein Wirt Bier, fördert eine Stadt, dann frag.
Das Nein kostet dich nichts.
Bonus: Nenn keine Zahl zuerst.
Frag stattdessen: „Was ist bei euch üblich?“
Viele Häuser haben einen festen Satz, und der liegt oft über dem, was du dich getraut hättest.
Chris Voss hat für das FBI in Entführungsfällen verhandelt.
Achte darauf, wie oft seine Fragen mit „Wie“ oder „Was“ beginnen.
Und dann lies deine letzte Mail an einen Veranstalter noch einmal.
Diese Frage fällt leichter als die nach der Gage.
Nutz das.
Viele Veranstalter haben genau dafür einen kleinen Topf, sie sagen es nur nicht von selbst.
Trittst du in einer anderen Stadt auf, frag im selben Atemzug nach dem Schlafplatz.
Ein Sofa bei jemandem aus dem Team ist oft der beste Teil des Abends.
Klingt nach Jura?
Ist es nicht.
Wer vorher klärt, bis wann Bescheid reicht, sagt im Krankheitsfall entspannt ab.
Wer es nicht klärt, schleppt sich mit Fieber auf die Bühne.
Diese Frage hat zwei Richtungen.
Eine Aufnahme von dir ist Gold wert, also frag, ob du sie bekommst.
Aber manche Texte will man nicht im Netz haben.
Handelt dein Text von deiner Familie, sag es vorher.
Das ist kein Diva-Verhalten.
Das ist Schutz für Menschen, die nicht gefragt wurden.
Mehr dazu steht in Poetry Slam ist keine Therapie.
„Wenn ich nach Geld frage, buchen die mich nie wieder.“
Das glauben viele.
Und fast immer stimmt es nicht.
Die andere Richtung: Was du schreibst, ohne gefragt zu werden
Signatur · was du von dir aus schreibst
Marit (gesprochen wie „Margit“, nur ohne g)
Inhaltshinweis: ein Text über Abschied, ohne harte Stellen
Ich brauche: einen Notenständer
Letzter Zug: 23:12 Uhr, gern vor der Pause
Bisher ging es darum, was du wissen willst.
Jetzt kommt der Teil, den fast niemand macht.
Vier Dinge sollte der Veranstalter über dich wissen, und er wird nie danach fragen.
Erstens: wie dein Name klingt.
Wer bei jeder Ansage erst korrigieren muss, verliert die erste Sekunde.
Zweitens: ob dein Text eine Warnung braucht.
Gewalt, Tod, Missbrauch, Suizid.
Ein Satz vorher macht deinen Text stärker, nicht schwächer.
Und bei einem Schulauftritt ist er schlicht Pflicht.
Drittens: ob du etwas brauchst.
Zwei Tage vorher ist ein Notenständer eine Bitte.
Zehn Minuten vor Beginn ist er ein Problem.
Viertens: wann du wieder weg musst, damit man dich vorziehen kann.
☎ Lieber anrufen, wenn …
Nach dreißig Sekunden am Telefon weißt du, ob alles gut ist oder gar nichts.
In beiden Fällen bist du danach ruhiger.
Vor Ort · die ersten zehn Minuten
Vor der Abfahrt geht ein Wagenmeister am Zug entlang.
Er klopft, schaut, hört.
Er glaubt keinem Papier.
Genau das machst du in den ersten zehn Minuten im Laden.
Wer sich einmal auf die Bühne gestellt hat, bevor der Raum voll ist, betritt später kein Neuland mehr.
Und wer nach hinten spricht, ist automatisch laut genug.
Deine Standardmail und die siebzehnte Frage
Kein Lokführer denkt sich seinen Ablauf jeden Morgen neu aus.
Du brauchst genau eine Mailvorlage.
Und das Wichtigste: nicht als Liste.
Niemals als Liste.
Sondern als ein Absatz, der wie Vorfreude klingt.
Sechzehn Fragen gehen nach draußen.
Eine bleibt bei dir.
Warum sage ich zu?
Es gibt drei gute Gründe: Geld, ein neuer Raum oder Leute, die du kennenlernen willst.
Einer davon reicht völlig.
Und es gibt einen schlechten Grund.
Weil ich nicht Nein sagen konnte.
Mit diesem Grund fahren manche jedes Wochenende irgendwohin, bis sie leer sind.
Nicht müde.
Leer.
Ein Zug, der ohne Pause fährt, landet irgendwann in der Werkstatt.
Ein Nein braucht übrigens nur zwei Sätze.
Der zweite Satz ist der wichtigere.
Er hält die Tür auf.
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Jetzt Kanal folgenRe: Re: Re: Sommer im Hof
Ein Jahr später kommt wieder eine Mail von Rüdiger.
Diesmal antwortet Marit nicht nach drei Minuten.
Sie antwortet mit einem Absatz, der wie Vorfreude klingt.
Und mit Frage zwölf.
Der Slam findet diesmal drinnen statt, in der alten Remise hinter dem Hof.
Mit Mikro.
Mit Licht.
Ohne Bus.
Marit bringt ihren leisen Text mit.
Den, der letztes Jahr gegen den Bus verloren hat.
Diesmal hört man jedes Wort.
Es wird einer der besten Abende ihres Jahres.
Nicht, weil die Bedingungen perfekt sind.
Sondern weil sie wusste, was sie erwartet.
Also merke: Anfänger sagen zu und hoffen.
Fortgeschrittene stellen vier Fragen und wählen danach ihren Text aus.
Schreib dir deine vier Fragen heute in eine Notiz.
Bei der nächsten Anfrage kopierst du sie einfach hinein.
Und dann fährt der Zug.
Mehr Infos · vor und nach der Zusage
