Aufrüstliste · Rituale vor dem Auftritt
8 Rituale vor dem Auftritt, die wirklich helfen

Samstag, 10:30 Uhr, Lorenz wacht auf.
Rituale vor dem Auftritt hält er für Hokuspokus, für Räucherstäbchen und Glückssocken.
Heute Abend tritt er beim großen Slam im Kulturbahnhof auf.
Seinen Text hat er dreimal durchgelesen und zwei Stellen verbessert.
Der Text ist gut.
Alles andere an diesem Tag wird ein Trümmerhaufen.
Bis vier Uhr isst er nichts.
Dann eine Currywurst am Bahnhof, im Stehen.
Er ist zwei Stunden zu früh nervös und zwanzig Minuten zu spät im Laden.
Und auf der Bühne merkt er, dass seine Stimme nur die halbe Strecke schafft.
Auf der Heimfahrt sitzt er neben Gesine, 61, seiner Tante.
Gesine fährt seit fünfunddreißig Jahren Züge.
Sie hört sich den Abend an.
Dann sagt sie: „Du bist losgefahren, ohne aufzurüsten.“
Lorenz versteht kein Wort.
Am nächsten Morgen liegt ein Zettel in seinem Briefkasten.
Darauf steht eine Liste mit acht Punkten.
Lorenz und Gesine gibt es so nicht. Aber den Auftrittstag, an dem alles schiefgeht außer dem Text, kennen viele, die auftreten.
Kennst du das?
Du hast wochenlang am Text gearbeitet.
Und dann entscheidet ein Nachmittag über den Abend.
Ein Hunger.
Eine Hetze.
Eine Nachricht auf dem Handy, zehn Minuten vor dem Aufruf.
Kein Bullshit: Der Auftritt beginnt nicht um zwanzig Uhr.
Er beginnt an dem Morgen, an dem du aufstehst.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenRituale vor dem Auftritt: Warum der Abend morgens beginnt
Bevor ein Lokführer losfährt, rüstet er sein Fahrzeug auf.
Er geht Punkt für Punkt durch, ob alles funktioniert.
Nicht, weil er es nicht auswendig wüsste.
Sondern weil unter Druck genau das Selbstverständliche vergessen wird.
Gesines Liste sieht von außen erschütternd unspektakulär aus.
Kein Räucherstäbchen.
Kein Mantra.
Keine Powerpose vor dem Spiegel.
Acht Punkte, verteilt über einen ganz normalen Tag.
Zusammen sorgen sie dafür, dass abends nur noch eine Sache offen ist: der Text.
Und keine Sorge, die meisten kosten gar keine Zeit, nur eine andere Uhrzeit.
Rituale haben übrigens einen schlechten Ruf.
Zu Recht, solange man sie mit Aberglauben verwechselt.
Aberglaube heißt: Ich muss die grünen Socken tragen, sonst geht es schief.
Ritual heißt: Ich mache immer dasselbe, damit ich nicht jedes Mal neu entscheiden muss.
Aberglaube schafft eine neue Sorge.
Ein Ritual nimmt dir eine ab.
Dienstabschnitt 1: der Vormittag
Hintergrund · Ein Zimmer ohne Bilder
Die Schriftstellerin Maya Angelou mietete sich zum Schreiben Hotelzimmer, in denen sie nie übernachtete.
Sie begann früh am Morgen, gegen halb sieben, und schrieb bis in den frühen Nachmittag.
Das Personal bat sie, alles von den Wänden zu nehmen.
Mit hinein kamen nur wenige Dinge, darunter eine Bibel, ein Wörterbuch, ein Thesaurus und gelbe Schreibblöcke.
So hat sie es 1990 in einem Interview mit der Zeitschrift The Paris Review erzählt.
Man kann das für eine Marotte halten.
In Wahrheit hat sie sich einen Ort gebaut, an dem nur eine einzige Tätigkeit möglich war.
Alles andere hatte sie vorher weggeräumt.
Genau darum geht es an einem Auftrittstag.
Nicht darum, sich in Stimmung zu bringen.
Sondern darum, alles wegzuräumen, was später im Weg stünde.
Die Versuchung ist groß, am Auftrittstag lange zu schlafen.
„Ich brauche Kraft für heute Abend.“
Aber wer spät aufsteht, hat einen kurzen Tag mit einem großen Ereignis darin.
Der Auftritt wächst, weil um ihn herum nichts ist.
Mach den Vormittag voll mit banalen Sachen: Wäsche, Einkauf, Mails.
Ein Zug, der den ganzen Tag steht und abends einmal fährt, ist ein Ereignis.
Einer, der seit dem Morgen unterwegs ist, ist ein Fahrplan.
Den ganzen Tag nichts, dann Aufregung, dann etwas Fettiges am Bahnhof.
Lorenz hat genau das gemacht.
Es ist die schlechteste aller Kombinationen, weil der Kreislauf dann absackt, wenn du ihn brauchst.
Was du isst, ist fast egal.
Wann du isst, ist es nicht.
Mehr dazu steht in Essen vor dem Auftritt.
Nicht joggen.
Gehen.
Beim Gehen kannst du deinen Text im Kopf durchlaufen lassen, ohne ihn zu üben.
Üben heißt: Ich prüfe, ob ich es noch kann, und werde nervös, wenn eine Stelle hakt.
Durchlaufen lassen heißt: Der Text läuft nebenher, und du erschrickst nicht, wenn er stolpert.
„Ich habe einen Job, ich kann nicht den ganzen Tag um einen Auftritt herumbauen.“
Musst du auch nicht.
Aufstehen und essen tust du sowieso, es geht nur um das Wann.
Und den Spaziergang ersetzt zur Not der Fußweg, wenn du eine Station früher aussteigst.
Dienstabschnitt 2: der Nachmittag
Jetzt kommt der Prüfpunkt, den Lorenz am gründlichsten falsch gemacht hat.
Er hat seinen Text am Auftrittstag fünf-, sechsmal gelesen.
Beim dritten Durchgang hörte er Stellen, die vorher gut waren.
Beim fünften änderte er Formulierungen, die seit Wochen standen.
Und abends stand er mit einem Text auf der Bühne, der halb neu war.
Also merke: Ein Durchgang beruhigt.
Ab dem zweiten fängst du an zu reparieren.
Und Reparieren am Auftrittstag ist wie Schweißen an einem Gleis, über das in zwei Stunden ein Zug fährt.
Fällt dir beim einen Durchgang etwas auf, kommt es auf einen Zettel.
Übergang Oma → Bahnhof holpert
Schluss: ein Wort weniger?
Dieser Zettel ist wichtiger, als er aussieht.
Er ist das Ventil, durch das die Verbesserungswut abfließt.
Und am nächsten Tag merkst du oft, dass die Stelle völlig in Ordnung war.
Nur deine Nerven wollten etwas zu tun haben.
Das ist der langweiligste Prüfpunkt auf der Liste.
Und der mit der besten Bilanz.
Nicht, weil die Bahn unzuverlässig wäre.
Sondern weil eine verpasste Verbindung dich in einen Zustand versetzt, aus dem du bis zum Auftritt nicht mehr herauskommst.
Hetze hat eine lange Halbwertszeit.
Mehr dazu steht in Die Anfahrt.
Ritual oder Aberglaube: die Nadal-Probe
Hintergrund · Die Flaschen
Rafael Nadal richtet seine Trinkflaschen vor dem Stuhl immer auf dieselbe Weise aus.
In seiner Autobiografie „Rafa“ von 2011 schreibt er sinngemäß: Manche nennen das Aberglauben, aber das sei es nicht.
Denn sonst würde er es nicht immer gleich machen, ob er gewinnt oder verliert.
Er beschreibt es als seine Art, die Ordnung um sich herum der Ordnung anzupassen, die er im Kopf sucht.
Achte darauf, wie wenig davon mit Glück zu tun hat.
Und wie viel mit Reihenfolge.
Daraus lässt sich der beste Prüfstein machen, den es gibt.
Und Aberglaube hat eine unangenehme Eigenschaft.
Er wächst.
Erst sind es die Socken.
Dann der Sitzplatz im Zug.
Dann die Reihenfolge, in der du deine Sachen auspackst.
Irgendwann brauchst du all das, um überhaupt anfangen zu können.
Und ein einziges fehlendes Teil wirft dich aus der Bahn.
„Ich habe kein einziges Ritual und trete trotzdem gut auf.“
Dann hast du sehr wahrscheinlich welche und nennst sie nur nicht so.
Dieselbe Bahn, dieselbe Tasche, dasselbe Getränk.
Die Frage ist nur, ob du sie gewählt hast oder ob sie dir zugewachsen sind.
Sieht albern aus?
Achte darauf, was er tut, sobald die Flaschen stehen.
Dienstabschnitt 3: die letzten neunzig Minuten
Ab hier kannst du nichts mehr verbessern.
Du kannst nur noch verhindern, dass etwas kaputtgeht.
Das klingt defensiv, ist aber genau die richtige Haltung.
In den hinteren Reihen siehst du genau das, was gleich alle anderen sehen.
Räume wirken vor allem deshalb bedrohlich, weil man sie nicht kennt.
Nach fünf Minuten ist dieser hier nur noch ein Raum mit Stühlen und einem Geruch nach altem Bier.
Mit der Technik, mit der Person an der Kasse, mit jemandem an der Bar.
Kurz vor dem Auftritt schrumpft deine Welt auf dich und deinen Text zusammen.
Ein normales Gespräch macht sie wieder größer.
Zwei Sätze über das Wetter erinnern deinen Kopf daran, dass für die meisten hier heute ein ganz normaler Abend ist.
Nicht einatmen.
Ausatmen.
Bei Aufregung wird der Atem flach, und der Reflex ist, noch mehr Luft zu holen.
Genau das macht es schlimmer.
Wie du danach die Stimme weckst, steht in Stimme aufwärmen.

Falsch gestellt: Vier Gewohnheiten, die dir schaden
Falsch gestellt · nicht aufrüsten
Damit die Liste ehrlich bleibt: Diese vier Gewohnheiten sind verbreitet und taugen trotzdem nichts.
Das Bier zur Beruhigung hilft kurz und kostet dich danach Präzision.
Und hinterher kannst du nicht mehr beurteilen, wie es war.
Zuhören bei den anderen ist dagegen richtig, nur mit einer anderen Frage.
Nicht: Kann ich mithalten?
Sondern: Was hat der Saal heute schon gehört?
Das letzte Durchlesen zwei Minuten vorher verunsichert nur.
Was du dann noch nicht kannst, lernst du auch nicht mehr.
Und das Handy in den letzten zehn Minuten?
Eine einzige unerfreuliche Nachricht kann deinen Abend kippen.
Steck es weg, wirklich Wichtiges kann zwanzig Minuten warten.
„Wenn ich mich so vorbereite, wird es steif.“
Das Gegenteil stimmt.
Steif wird ein Auftritt, wenn du dich währenddessen kontrollierst.
Und das tust du, wenn du unsicher bist, ob die Grundlagen stimmen.
„Die Aufregung gehört doch dazu.“
Ja.
Aber es gibt zwei Sorten.
Die eine ist Vorfreude mit Herzklopfen.
Die andere ist ein Alarm, der dir sagt, dass etwas nicht geregelt ist.
Rituale löschen nur die zweite.
Und die wolltest du sowieso nie haben.
Mehr dazu findest du in Lampenfieber.
Dein eigenes Aufrüsten
Drei Fragen für deine eigene Liste
Gesines acht Punkte sind Gesines acht Punkte.
Deine dürfen anders aussehen.
Das erste Ritual ist immer der Gegenzug zu dem, was dich beim letzten Mal am meisten gestört hat.
Bei Lorenz war es die Hetze.
Bei anderen ist es Hunger, ein Streit am Nachmittag oder ein Anruf, der nachhallt.
Und schreib deine Liste auf Papier, nicht ins Handy.
Ein Zettel am Kühlschrank erinnert dich auch dann, wenn du gerade an etwas anderes denkst.
Aber hier kommt der Haken, den niemand gern hört.
Rituale wirken nicht beim ersten Mal.
Beim ersten Mal fühlt sich der frühe Zug wie Zeitverschwendung an.
Die Wirkung entsteht durch die Wiederholung.
Rechne mit drei oder vier Auftritten, bis du den Unterschied merkst.
Danach läuft es von allein.
Und was, wenn der Tag schon zerschossen ist?
Notfall-Aufrüstung · vier Minuten
2. Vor dem Eingang stehen bleiben.
3. Dreimal lang ausatmen. Dann rein.
Das ersetzt nicht den ganzen Tag.
Aber es zieht eine Grenze zwischen dem Chaos davor und dem, was gleich passiert.
Ein Turniertag mit mehreren Runden hat noch eine eigene Regel.
Hör dir zwischen deinen Runden möglichst nicht die Wertungen an.
Punkte verändern, was du gleich machst, und zwar in Richtung dessen, was gerade gut ankam.
Geh lieber fünf Minuten an die frische Luft.
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Jetzt Kanal folgenDer Fahrplan für einen ganzen Auftrittstag
Fahrplan · Auftritt um 20 Uhr, eine Stunde Anfahrt
Schau dir die acht Punkte noch einmal an.
Keiner davon macht dich mutiger.
Alle acht sorgen dafür, dass vor dem Auftritt möglichst wenig Neues passiert.
Kein neuer Text, keine neue Uhrzeit, kein fremder Raum, keine neue Nachricht.
Denn an einem Tag ohne Plan triffst du ständig kleine Entscheidungen.
Noch mal lesen?
Jetzt essen?
Doch den anderen Text?
Jede einzelne ist harmlos.
Zusammen sind sie ein Rucksack, den du mit auf die Bühne nimmst.
Ein Fahrplan schafft nicht Ordnung, weil er klug ist.
Er schafft Ordnung, weil ihn niemand mehr diskutieren muss.
Zähl die Zeit zusammen, die dieser Plan wirklich kostet.
Es ist weniger als eine Stunde, und das meiste davon verbringst du an der frischen Luft.
„Das ist mir zu viel Aufwand für eine offene Bühne.“
Rechne ehrlich: Du fährst hin, wartest, fährst zurück und hast fünf Minuten Bühne.
Diese fünf Minuten sind das Knappste an diesem ganzen Abend.
Kein einziger Punkt ist anstrengend.
Und keiner hat mit deinem Text zu tun.
Genau darin liegt der Sinn.
Am Abend soll der Text die einzige offene Frage sein.
Und nach drei, vier solchen Tagen passiert etwas, das Lorenz nie geglaubt hätte.
Er freut sich auf den Nachmittag.
Der Spaziergang wird zu einer Stunde, die ihm gehört.
Und das laute Lesen in der Küche wird ein seltsam schöner Moment.
Er hört seinen Text ein letztes Mal ganz allein.
Lorenz und der langweiligste Tag
FAHRT FREI
Ein Jahr nach der Currywurst hat Lorenz wieder einen großen Abend.
Der Tag davor ist erschütternd unspektakulär.
Um sieben aufstehen.
Vormittags Rechnungen sortieren.
Um vier Nudeln.
Um fünf eine Runde um den Block, ohne Musik.
Dabei merkt er, dass er an einer Stelle im Text immer denselben Umweg nimmt.
Er ändert nichts, er schreibt es auf den Morgen-Zettel.
Dann einmal laut lesen, in der Küche, gegen die Kühlschranktür.
Und los, obwohl er eine Stunde zu früh dran ist.
Im Kulturbahnhof setzt er sich in den leeren Saal, ganz nach hinten.
Der Wirt bringt ihm ungefragt einen Tee und erzählt zehn Minuten lang von seinem Umbau.
Lorenz hört zu und vergisst dabei vollkommen, dass er gleich auftritt.
Gewinnen wird er an diesem Abend nicht.
In der zweiten Runde ist Schluss.
Aber zum ersten Mal steht er auf der Bühne und ist nicht nebenbei mit sich selbst beschäftigt.
Er ist einfach da.
Auf der Heimfahrt schickt er Gesine ein Foto vom Morgen-Zettel.
Sie antwortet mit zwei Wörtern.
„Fahrt frei.“
Also merke: Ein Ritual macht dich nicht besser.
Es räumt nur weg, was dich an deinem eigenen Können hindert.
Schreib dir für deinen nächsten Auftrittstag drei Prüfpunkte mit Uhrzeiten auf.
Nicht alle acht, sondern drei, die in deinen Tag passen.
Und häng den Zettel an den Kühlschrank.
Denn ein großer Teil der Nervosität ist oft einfach ein schlecht organisierter Nachmittag.
Mehr Infos · rund um den Auftrittstag
