8 Rituale vor dem Auftritt, die wirklich helfen
Acht Rituale zwischen Aufstehen und Aufruf, die deinen Kopf ruhig kriegen. Nichts Esoterisches, alles innerhalb eines normalen Tages machbar.
Ein Zug fährt nicht deshalb pünktlich, weil der Lokführer sich anstrengt. Er fährt pünktlich, weil vorher zwanzig Leute etwas Langweiliges richtig gemacht haben.
Am Tag meines schlimmsten Auftritts habe ich alles richtig gemacht, was der Text betrifft.
Ich hatte ihn dreimal durchgelesen, zwei Stellen verbessert und war überzeugt, dass er gut ist.
Alles andere an diesem Tag war ein Trümmerhaufen.
Ich bin um halb elf aufgestanden und habe bis vier nichts gegessen. Dann eine Currywurst am Bahnhof. Ich war zwei Stunden zu früh nervös und zwanzig Minuten zu spät im Laden.
Auf der Bühne habe ich dann festgestellt, dass meine Stimme an dem Abend nur die halbe Strecke schaffte.
Ich habe das damals meinem Text angelastet. Das war ungefähr so klug, wie eine Verspätung dem letzten Waggon anzukreiden.
Auf der Heimfahrt habe ich mir den Abend noch einmal durchgespielt und gemerkt, dass ich mich an die fünf Minuten auf der Bühne kaum erinnere.
Was ich noch genau wusste, war alles andere. Das Gedränge am Gleis. Die Currywurst. Der Moment, in dem ich merkte, dass ich zu spät bin.
Genau das ist das Problem. Wenn dein Kopf beim Auftritt noch mit dem Tag beschäftigt ist, dann bist du zwar auf der Bühne, aber du bist nicht da.
Ein Zug kann pünktlich losfahren und trotzdem den ganzen Tag hinterherhinken, wenn er einmal falsch eingereiht wurde.
Bei Auftritten ist es dasselbe: Was am Nachmittag schiefläuft, holst du abends nicht mehr auf. Du kannst es nur vorher verhindern.

Seitdem habe ich mir einen Tagesablauf gebaut, und er ist von außen betrachtet erschütternd unspektakulär.
Kein Räucherstäbchen, kein Mantra, keine Powerpose vor dem Spiegel.
Acht Punkte, verteilt über einen ganz normalen Tag. Zusammen sorgen sie dafür, dass abends nur noch eine einzige Sache offen ist: der Text.
Sieben davon helfen zuverlässig. Eines davon habe ich jahrelang falsch gemacht, und in der falschen Form macht es alles schlimmer.
Es steht an Stelle vier, und ich sage dir dort, woran du den Unterschied merkst.
Rituale haben einen schlechten Ruf, und zwar zu Recht, solange man sie mit Aberglauben verwechselt.
Aberglaube heißt: Ich muss die grünen Socken tragen, sonst geht es schief. Ritual heißt: Ich mache immer dasselbe, damit ich nicht jedes Mal neu entscheiden muss.
Der Unterschied ist nicht Geschmackssache. Aberglaube schafft eine neue Sorge, Rituale nehmen dir welche ab.
Und noch etwas: Keines der acht braucht mehr als zwanzig Minuten. Zusammen kosten sie dich weniger Zeit als das Herumscrollen, das du am Auftrittstag ohnehin machst.
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Jetzt Kanal folgenWarum der Auftritt schon beim Frühstück entschieden wird
Es gibt eine Frau, die das radikaler durchgezogen hat als jeder Bühnenmensch, den ich kenne.
Maya Angelou hat sich in jeder Stadt, in der sie lebte, ein Hotelzimmer gemietet. Nicht zum Schlafen. Zum Arbeiten.
Sie verließ ihr Haus um sechs und war um halb sieben im Zimmer. Sie schrieb bis halb eins, manchmal bis halb zwei.
Und sie hat das Personal gebeten, alles von den Wänden zu nehmen. Kein Bild, kein Spiegel, nichts.
Ein gemachtes Bett. Ein Wörterbuch, ein Thesaurus, gelbe Blöcke. Ein Aschenbecher und eine Bibel. Dazu leere Wände. Alles, was sie sonst glaubte, sollte für ein paar Stunden in der Schwebe hängen.
Maya Angelou im Gespräch mit George Plimpton. The Paris Review, 1990 („The Art of Fiction No. 119″). Sinngemäß zusammengefasst.
Man kann das für Marotte halten. Ich glaube, es ist das Gegenteil.
Sie hat sich einen Ort gebaut, an dem nur eine einzige Tätigkeit möglich war. Alles andere hatte sie vorher weggeräumt.
Genau darum geht es an einem Auftrittstag. Nicht darum, sich in Stimmung zu bringen. Sondern darum, alles wegzuräumen, was später im Weg stünde.
1 · Steh auf wie an einem normalen Tag
Die Versuchung ist groß, am Auftrittstag länger zu schlafen. „Ich brauche Kraft für heute Abend.“
Das Gegenteil passiert: Wer spät aufsteht, hat einen kurzen Tag mit einem großen Ereignis darin. Der Auftritt wächst, weil um ihn herum nichts ist.
Steh auf wie sonst. Mach den Vormittag voll mit banalen Sachen — Wäsche, Einkauf, Mails.
Ein Zug, der den ganzen Tag steht und abends einmal fährt, ist ein Ereignis. Einer, der seit morgens unterwegs ist, ist ein Fahrplan.
2 · Iss früh und einmal richtig
Die häufigste Version bei Leuten, die auftreten: den ganzen Tag nichts. Dann Aufregung. Dann irgendetwas Fettiges am Bahnhof.
Das ist die schlechteste aller Kombinationen, weil dein Kreislauf dann genau dann absackt, wenn du ihn brauchst.
Die einfache Regel: Die letzte richtige Mahlzeit liegt drei Stunden vor dem Auftritt, nicht dreißig Minuten und nicht acht Stunden.
Was du isst, ist fast egal. Wann du isst, ist es nicht.

3 · Geh eine halbe Stunde spazieren, ohne Ziel
Nicht joggen, nicht Sport. Gehen.
Der Grund ist unromantisch: Beim Gehen kannst du deinen Text im Kopf durchlaufen lassen, ohne ihn zu üben.
Üben heißt: Ich prüfe, ob ich es noch kann. Und ich werde nervös, wenn eine Stelle hakt.
Durchlaufen lassen heißt: Der Text läuft nebenher. Du merkst, wo er stolpert, und erschrickst nicht.
Es ist der Unterschied zwischen einer Prüfungsfahrt und einer Leerfahrt. Bei der einen wirst du bewertet, bei der anderen fährt der Zug einfach die Strecke ab.
„Ich habe einen Job. Ich kann nicht den ganzen Tag um einen Auftritt herumbauen.“
Musst du auch nicht. Ritual eins und zwei kosten dich null Minuten, weil du sowieso aufstehst und sowieso isst — es geht nur darum, wann. Und der Spaziergang lässt sich durch den Fußweg zur Bahn ersetzen, wenn du eine Station früher aussteigst. Der ganze Vormittag dieses Beitrags kostet dich in Wahrheit zwölf Minuten.
Das Ritual, das ich jahrelang falsch gemacht habe
Jetzt kommt der Punkt, den ich am Anfang angekündigt habe.
Es geht um das laute Lesen am Nachmittag, und es ist gleichzeitig das nützlichste und das gefährlichste Ritual der ganzen Liste.
4 · Lies den Text genau einmal laut — und dann nicht mehr
Ich habe das früher fünf-, sechsmal gemacht. Immer wieder, immer noch ein bisschen besser.
Das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: Beim dritten Durchgang fing ich an, Stellen zu hören, die vorher gut waren.
Beim fünften änderte ich Formulierungen, die seit Wochen standen.
Und abends stand ich mit einem Text auf der Bühne, der halb neu war und deshalb an drei Stellen wackelte.
Das ist der Unterschied, an dem du es merkst: Ein Durchgang beruhigt. Ab dem zweiten fängst du an zu reparieren.
Und Reparieren am Auftrittstag ist wie Schweißen an einem Gleis, über das in zwei Stunden ein Zug fährt.
Deshalb die harte Regel. Einmal, laut, gegen eine Wand. Ohne Stift in der Hand.
Wenn dir dabei etwas auffällt, schreibst du es auf einen Zettel, auf dem oben steht: „morgen“.
Dieser Zettel ist wichtiger, als er aussieht. Er ist das Ventil, durch das die Verbesserungswut abfließt, ohne dass sie deinen Abend frisst.
Und am nächsten Tag stellst du in der Hälfte der Fälle fest, dass die Stelle völlig in Ordnung war und nur deine Nerven etwas zu tun haben wollten.

5 · Nimm die Verbindung eine Stunde früher
Das ist das langweiligste Ritual auf dieser Liste und das mit der besten Bilanz.
Nicht, weil die Bahn unzuverlässig wäre. Sondern weil eine verpasste Verbindung dich in einen Zustand versetzt, aus dem du bis zum Auftritt nicht mehr herauskommst.
Hetze hat eine lange Halbwertszeit. Sie sitzt noch in dir, wenn du längst angekommen bist.
Der Puffer ist keine Vorsicht. Er ist Teil des Auftritts, so wie die Wendezeit im Bahnhof Teil des Fahrplans ist.
Woran du merkst, ob dein Ritual dir hilft oder dich fesselt
Es gibt einen Tennisspieler, der beim Thema Rituale immer als Erstes genannt wird — meistens als Beispiel für Spinnerei.
Rafael Nadal stellt seine Flaschen vor dem Stuhl auf. Exakt ausgerichtet, immer gleich. Vor jedem Spiel und in jeder Pause.
Was dabei fast immer unterschlagen wird: Er hat selbst erklärt, warum das kein Aberglaube ist. Und seine Begründung ist bestechend einfach.
„Manche nennen es Aberglaube, aber das ist es nicht. Wenn es Aberglaube wäre — warum würde ich dann immer dasselbe tun, ob ich gewinne oder verliere?“
Rafael Nadal in seiner Autobiografie „Rafa“ (2011), sinngemäß übersetzt. Er beschreibt die Flaschen dort als Art, sich selbst im Spiel zu verorten — Ordnung außen für die Ordnung innen.
Das ist der beste Prüfstein, den ich kenne, und du kannst ihn auf jedes deiner eigenen Rituale anwenden.
Frag dich: Mache ich das auch, wenn es letztes Mal schiefgegangen ist?
Wenn ja, ist es ein Ritual — es ordnet deinen Tag, unabhängig vom Ergebnis.
Wenn nein, ist es Aberglaube — dann hast du dem letzten Erfolg eine Ursache angedichtet und trägst sie jetzt mit dir herum.
Und Aberglaube hat eine unangenehme Eigenschaft: Er wächst. Erst sind es die Socken. Dann der Sitzplatz im Zug. Dann die Reihenfolge, in der du deine Sachen auspackst.
Irgendwann brauchst du all das, um überhaupt loslegen zu können. Ein einziger fehlender Baustein wirft dich dann aus der Bahn.
Eine Zusammenstellung seiner Abläufe. Achte darauf, wie wenig davon mit Glück zu tun hat und wie viel mit Reihenfolge.
„Ich habe kein einziges Ritual und trete trotzdem gut auf.“
Dann hast du sehr wahrscheinlich welche und nennst sie nur nicht so. Fast jeder, der regelmäßig auftritt, macht bestimmte Dinge immer gleich. Dieselbe Bahn, dieselbe Tasche, dasselbe Getränk. Der einzige Unterschied ist, ob du sie bewusst gewählt hast oder ob sie dir zugewachsen sind.
Der beste Auftritt meines Lebens war der langweiligste Tag
Ein Jahr nach dem Currywurst-Desaster hatte ich einen Abend in Münster, an den ich mich anders erinnere.
Nicht, weil ich gewonnen hätte. Ich bin in der zweiten Runde raus.
Sondern weil ich zum ersten Mal auf der Bühne stand und nicht nebenbei mit mir selbst beschäftigt war.
Der Tag davor war erschütternd unspektakulär.
Ich bin um sieben aufgestanden, habe vormittags Rechnungen sortiert und zwei Stunden an einem Text gearbeitet, der mit dem Abend nichts zu tun hatte.
Um vier gab es Nudeln. Um fünf bin ich eine Runde um den Block gegangen, ungefähr vierzig Minuten, ohne Musik.
Dabei ist mir aufgefallen, dass ich an einer Stelle im Text immer denselben Umweg nehme. Ich habe nichts geändert, ich habe es nur bemerkt.
Danach einmal laut gelesen, in der Küche, gegen die Kühlschranktür.
Und dann bin ich losgefahren, obwohl ich eine Stunde zu früh dran war.
In Münster habe ich mich in den leeren Saal gesetzt und eine halbe Stunde lang nichts getan.
Der Wirt hat mir ungefragt einen Tee gebracht und mir zehn Minuten von seinem Umbau erzählt. Ich habe zugehört und dabei komplett vergessen, dass ich gleich auftrete.
Das war der eigentliche Trick, und ich hatte ihn nicht geplant.
Was in diesen Stunden wirklich passiert
Ich habe lange gedacht, Rituale würden einen in Stimmung bringen. Das tun sie nicht.
Sie tun etwas Unaufgeregteres: Sie nehmen dir Entscheidungen ab.
An einem Auftrittstag ohne Plan triffst du den ganzen Tag über kleine Entscheidungen: Soll ich noch mal lesen? Soll ich jetzt essen? Reicht der frühere Zug? Nehme ich doch den anderen Text?
Jede einzelne ist harmlos. Zusammen sind sie ein Rucksack, den du mit auf die Bühne nimmst.
Ein Fahrplan schafft nicht Ordnung, weil er klug ist. Er schafft Ordnung, weil ihn niemand mehr diskutieren muss.
Genau das ist der Zweck dieser acht Punkte. Sie sind keine Kraftquelle. Sie sind eine Entlastung.
Die drei Fragen, die dir dein eigenes Ritual bauen
Meine acht Punkte sind meine acht Punkte. Deine können anders aussehen, und das sollen sie auch.
Diese drei Fragen führen dich zu deinen eigenen, und sie brauchen zusammen zehn Minuten.
Erstens: Was hat mich beim letzten schlechten Auftritt am meisten gestört? Nicht am Text — am Tag.
Bei mir war es die Hetze. Bei anderen ist es Hunger. Oder ein Streit am Nachmittag. Oder ein Anruf, der noch nachhallt.
Was auch immer es ist: Das erste Ritual ist immer der Gegenzug dazu.
Zweitens: Wann in diesem Tag bin ich zum ersten Mal nervös? Bei den meisten ist das viel früher, als sie denken — oft schon beim Aufwachen.
Genau dort gehört etwas hin, das nichts mit dem Auftritt zu tun hat. Eine Aufgabe, die dich beschäftigt, ohne dich zu fordern.
Drittens: Was mache ich sowieso jedes Mal? Diese Frage ist die wichtigste, weil du wahrscheinlich schon Rituale hast.
Vielleicht sitzt du immer auf demselben Platz im Zug. Vielleicht ziehst du immer dieselbe Jacke an.
Wenn dir das guttut, mach es bewusst — dann wird aus einer Angewohnheit ein Werkzeug.
Wenn du es nur machst, weil du es einmal gemacht hast und es damals gutging, dann lass es beim nächsten Mal bewusst weg. Du wirst sehen, dass nichts passiert, und bist einen Ballast los.
Warum das Aufschreiben mehr bringt als das Vornehmen
Es gibt einen Grund, warum in jedem Stellwerk und in jedem Führerstand Papier liegt, obwohl alle Beteiligten ihre Abläufe auswendig kennen.
Unter Druck fällt aus dem Gedächtnis genau das heraus, was selbstverständlich ist.
Ich habe an Tagen, an denen ich unruhig war, das Essen vergessen. Nicht, weil ich es nicht wusste. Weil ich mit anderem beschäftigt war.
Ein Zettel mit drei Uhrzeiten am Kühlschrank hat das erledigt. Nicht durch Disziplin, sondern weil ich beim Kaffeeholen darauf gestoßen bin.
Das ist der ganze Mechanismus. Rituale funktionieren nicht, weil sie tief sind, sondern weil sie sichtbar sind.
„Das klingt alles nach viel Kontrolle. Wo bleibt da die Spontaneität?“
Auf der Bühne. Genau dort soll sie hin. Wer den Tag geordnet hat, hat abends Kopf frei für das Unplanbare. Für einen Zwischenruf. Für eine Stimmung im Raum. Für eine Zeile, die dir spontan besser gefällt. Spontaneität braucht freien Kopf, und freier Kopf entsteht durch Vorbereitung. Das klingt paradox und ist trotzdem der Alltag jedes Menschen, der regelmäßig vor Leuten steht.
Was du machst, wenn der Tag schon zerschossen ist
Es gibt Tage, an denen nichts davon möglich ist. Der Chef hält dich fest, die Bahn fällt aus, ein Kind wird krank.
Dann bleibt eine einzige Notfallversion, und sie dauert vier Minuten.
Geh vor der Tür des Ladens einmal um den Block. Einmal. Nicht schnell.
Dann bleib vor dem Eingang stehen und atme dreimal lang aus, bevor du reingehst.
Das ersetzt nicht den ganzen Tag. Aber es setzt eine Grenze zwischen dem Chaos davor und dem, was gleich passiert — und eine Grenze ist besser als nichts.
Auch ein verspäteter Zug fährt nicht einfach weiter wie er ist. Er bekommt an der nächsten Station eine neue Trasse, und ab da gilt der neue Plan.
Die letzten neunzig Minuten sind die wichtigsten
Ab hier kannst du nichts mehr verbessern. Du kannst nur noch verhindern, dass etwas kaputtgeht.
Das klingt defensiv, ist aber die richtige Haltung. Auch ein Lokführer holt auf den letzten zwanzig Kilometern keine Zeit mehr rein — er sorgt dafür, dass er keine verliert.
6 · Setz dich einmal in den leeren Saal
Nicht auf die Bühne. In die Stuhlreihen, am besten weit hinten.
Fünf Minuten reichen. Du schaust auf die Bühne und siehst genau das, was gleich zweihundert Leute sehen werden.
Das nimmt dem Ort seine Größe. Räume sind vor allem deshalb bedrohlich, weil man sie nicht kennt.
Wenn du eine halbe Stunde in einem Raum gesessen hast, ist er nicht mehr fremd. Er ist dann nur noch ein Raum mit Stühlen und einem komischen Geruch nach altem Bier.

7 · Sprich zwei Sätze mit einem Menschen, der nicht auftritt
Mit dem Techniker, mit der Person an der Kasse, mit jemandem an der Bar.
Der Grund: Kurz vor dem Auftritt schrumpft die Welt auf dich und deinen Text zusammen. Ein normales Gespräch macht sie wieder größer.
Zwei Sätze über das Wetter erinnern deinen Kopf daran, dass in diesem Gebäude auch Leute sind, für die heute ein ganz normaler Mittwoch ist.
Das relativiert schneller als jede Selbstberuhigung.
8 · Atme dreimal aus, bevor du nach vorn gehst
Nicht einatmen. Ausatmen.
Bei Aufregung sitzt die Lunge oben und der Atem wird flach. Der Reflex ist dann, noch mehr Luft zu holen. Genau das macht es schlimmer.
Drei lange Ausatmer, jeder länger als der Einatmer davor. Mehr ist es nicht, und es wirkt innerhalb von zwanzig Sekunden.
Es ist die Druckluft, die aus der Bremse entweicht. Erst wenn sie draußen ist, kann sich das Rad drehen.
Ein kurzer Ausschnitt aus Melbourne 2017. Es sieht albern aus, bis man versteht, dass es nicht um die Flaschen geht.
Was fast alle machen und was fast allen schadet
Damit die Liste ehrlich bleibt, hier die vier Gewohnheiten, die verbreitet sind und trotzdem nichts taugen.
Das Bier zur Beruhigung. Es funktioniert für zwanzig Minuten und kostet dich danach genau die Präzision, die du brauchst.
Der Haken ist nicht der Rausch. Der Haken ist, dass du hinterher nicht mehr beurteilen kannst, wie es war — und damit ist der Abend für dein Lernen verloren.
Das Abhören der anderen zum Vergleichen. Wer sich in der Schlange fragt, ob er mithalten kann, hat den Abend schon halb verloren.
Zuhören ist trotzdem richtig — aber mit einer anderen Frage: Was hat der Saal heute schon gehört? Dieselbe Handlung, anderer Zweck.
Das letzte Durchlesen zwei Minuten vorher. Es beruhigt nicht, es verunsichert. Was du zwei Minuten vorher noch nicht kannst, kannst du dann auch nicht mehr lernen.
Das Handy in den letzten zehn Minuten. Eine einzige unerfreuliche Nachricht kann deinen Abend kippen, und die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht klein.
Steck es weg. In diesen zehn Minuten ist nichts wichtiger. Und wenn doch, kann es zwanzig Minuten warten.

Die vier häufigsten Einwände — und was dahintersteckt
Immer wenn ich über Rituale rede, kommen dieselben vier Sätze. Sie sind alle nachvollziehbar, und alle vier führen in die Irre.
„Wenn ich mich so vorbereite, wird es steif.“ Das Gegenteil stimmt, und der Grund ist simpel.
Steif wird ein Auftritt, wenn du dich währenddessen kontrollierst. Und du kontrollierst dich, wenn du unsicher bist, ob die Grundlagen stimmen.
Essen, Anreise und Text sind erledigt. Dann musst du auf der Bühne nichts mehr überwachen.
„Die Aufregung gehört doch dazu.“ Ja. Aber es gibt zwei Sorten davon, und sie fühlen sich nur ähnlich an.
Die eine ist Vorfreude mit erhöhtem Puls. Die andere ist ein Alarm, der dir sagt, dass etwas nicht geregelt ist.
Rituale löschen die erste nicht. Sie löschen nur die zweite, und die wolltest du sowieso nie haben.
„Bei mir läuft es gerade auch ohne.“ Dann herzlichen Glückwunsch, und ich meine das ohne Ironie.
Der Punkt kommt später. An dem Abend, an dem etwas Wichtiges ansteht. Oder an dem, an dem privat gerade viel los ist.
Genau dann trägt ein eingeübter Ablauf, weil er nicht davon abhängt, wie es dir geht. Ein Fahrplan ist bei schönem Wetter überflüssig und bei Sturm alles.
„Das ist mir zu viel Aufwand für eine offene Bühne.“ Verständlich, und deshalb hier eine ehrliche Rechnung.
Der Aufwand dieser acht Punkte beträgt netto etwa fünfzig Minuten, von denen vierzig ein Spaziergang sind.
Dagegen steht ein ganzer Abend. Du fährst hin, wartest, fährst zurück — und hast fünf Minuten Bühne. Diese fünf Minuten sind die knappste Ressource in dieser ganzen Rechnung.
Was die acht miteinander zu tun haben
Wenn du dir die Liste ansiehst, fällt etwas auf: Keiner der acht Punkte macht dich mutiger.
Alle acht sorgen dafür, dass in den Stunden vor dem Auftritt möglichst wenig Neues passiert.
Kein neuer Text. Keine neue Uhrzeit. Kein neuer Raum und keine neue Information vom Handy.
Das ist die eigentliche Idee dahinter. Bei Leuten, die regelmäßig vor Publikum stehen, ist sie überall dieselbe.
Musiker spielen sich vor dem Konzert nicht warm, um besser zu werden. Sie spielen sich warm, um zu merken, dass alles wie immer ist.
Und Nadal stellt die Flaschen nicht auf, damit er trifft. Er stellt sie auf, damit die Welt vor dem Aufschlag genauso aussieht wie beim letzten Mal.
Dein Kopf hat dann eine Sache weniger zu verarbeiten. Und dieser eine freie Platz ist genau der, den du für den Saal brauchst.
Der Teil, den niemand gern hört
Rituale wirken nicht beim ersten Mal.
Beim ersten Mal fühlt sich der frühe Zug wie Zeitverschwendung an, und der leere Saal ist unangenehm still.
Die Wirkung entsteht erst durch die Wiederholung, weil ein Ritual seine Kraft daraus zieht, dass es dasselbe ist wie letztes Mal.
Rechne mit drei bis vier Auftritten, bis du den Unterschied merkst. Das ist unbefriedigend und leider so.
Der Trost: Ab dann läuft es von allein. Ein eingespielter Ablauf verlangt keine Disziplin mehr, sondern fühlt sich falsch an, wenn er ausfällt.
Das ist der Punkt, an dem du merkst, dass er fertig ist.
Was du an einem Turniertag anders machst
Eine offene Bühne und ein Wettbewerb mit mehreren Runden sind zwei verschiedene Tage, und der Unterschied wird selten erwähnt.
Bei einem Turnier stehst du nicht einmal auf der Bühne, sondern zwei- oder dreimal. Dazwischen liegen Pausen, in denen du nichts tun kannst.
Diese Pausen sind die eigentliche Prüfung. Die meisten verbringen sie damit, sich an der Bar Mut anzutrinken oder in der Ecke ihren zweiten Text zu wiederholen.
Beides macht es schlechter. Der zweite Text ist entweder fertig oder er wird es in fünfzehn Minuten auch nicht mehr.
Was hilft, ist dasselbe wie am Nachmittag, nur kürzer. Rausgehen. Ein paar Meter laufen. Dreimal ausatmen und wieder reinkommen.
Fünf Minuten frische Luft schlagen jede Aufwärmübung, die du dir in einer Toilettenkabine ausdenkst.
Und noch etwas, das ich lange gebraucht habe: Hör dir zwischen deinen Runden nicht die Wertungen an, wenn du kannst.
Punkte sind für den zweiten Text die schlechteste Information, die es gibt. Sie verändern, was du gleich machst. Und zwar in Richtung dessen, was gerade gut ankam.
Ein Lokführer schaut auch nicht auf die Statistik der anderen Züge, während er fährt. Er schaut auf seine Strecke.
So sieht der Tag aus, wenn du alle acht einbaust
Nehmen wir an, du trittst um zwanzig Uhr auf und musst eine Stunde fahren.
7:15 Uhr — aufstehen wie immer. Kein Ausschlafen, kein Wecker später als sonst.
Vormittag — arbeiten, Wäsche, Einkauf. Alles, was du sowieso tun würdest.
Der wichtige Teil daran: Der Abend soll nicht die einzige Sache sein, die an diesem Tag passiert.
16:00 Uhr — richtig essen. Nicht viel, aber warm und in Ruhe.
16:45 Uhr — eine halbe Stunde spazieren, ohne Ziel, ohne Podcast. Der Text darf im Kopf mitlaufen.
17:30 Uhr — einmal laut lesen. Einmal. Danach den Text weglegen und nicht mehr anfassen.
18:00 Uhr — losfahren, obwohl 18:45 reichen würde.
19:00 Uhr — ankommen, einmal quer durch den Raum, fünf Minuten hinten sitzen.
19:20 Uhr — zwei Sätze mit jemandem reden, der heute nicht auftritt.
Kurz vor dem Aufruf — Handy weg, dreimal lang ausatmen, losgehen.
Das ist alles. Kein einziger Punkt davon ist anstrengend, und keiner davon hat mit deinem Text zu tun.
Zähl die Zeit zusammen, die dieser Plan wirklich kostet. Es sind fünfzig Minuten.
Vierzig davon bist du an der frischen Luft. Die restlichen zehn stehst du in deiner Küche.
Es gibt kaum eine billigere Versicherung für einen Abend, auf den du dich wochenlang vorbereitet hast.
Genau darin liegt der Sinn. Am Abend soll der Text die einzige offene Frage sein.
Und wenn du diesen Plan drei- oder viermal gefahren bist, passiert etwas, das ich vorher nicht geglaubt hätte.
Du fängst an, dich auf den Nachmittag zu freuen. Nicht nur auf den Auftritt.
Der Spaziergang wird zu einer Stunde, die dir gehört. Und das laute Lesen in der Küche wird ein seltsam schöner Moment. Du hörst deinen eigenen Text zum letzten Mal ganz allein.
Das ist ein Nebeneffekt, den ich in keinem Ratgeber gelesen habe, und für mich inzwischen der beste Grund für die ganze Sache.
Ein Ritual macht dich nicht besser. Es räumt nur weg, was dich am eigenen Können hindert.
Der Dienstplan zum Ausdrucken
Vormittag: 1 aufstehen wie immer · 2 früh und einmal richtig essen · 3 eine halbe Stunde gehen.
Nachmittag: 4 genau einmal laut lesen, ohne Stift · 5 eine Verbindung früher fahren.
Abend: 6 fünf Minuten im leeren Saal sitzen · 7 zwei Sätze mit jemandem reden, der nicht auftritt · 8 dreimal lang ausatmen.
Weglassen: das Beruhigungsbier · das Vergleichen in der Schlange · das Durchlesen zwei Minuten vorher · das Handy in den letzten zehn Minuten.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Ich trete direkt nach der Arbeit auf. Wie soll ich das schaffen?
Dann nimm die drei, die in jeden Tag passen. Früh essen. Eine Station früher aussteigen und laufen. Dreimal ausatmen. Das sind zusammen fünfzehn Minuten und deckt den größten Teil des Nutzens ab.
Was, wenn ein Ritual mal nicht klappt — bin ich dann verloren?
Nein, und genau daran erkennst du, dass es Rituale sind und kein Aberglaube. Wenn dich das Ausfallen eines Punktes aus der Bahn wirft, ist er zum Aberglauben geworden — dann lass ihn bewusst einmal weg, um dir das Gegenteil zu beweisen.
Hilft Sport am Auftrittstag?
Leichter ja, harter nein. Nach einem schweren Training ist deine Stimme müder, als du denkst, und die Müdigkeit kommt oft erst am Abend an. Ein Spaziergang bringt fast denselben Effekt ohne diesen Preis.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Schreib dir deinen eigenen Dienstplan für den nächsten Auftrittstag auf einen Zettel. Mit Uhrzeiten.
Nimm nicht alle acht. Nimm drei, die in deinen Tag passen. Schreib daneben, wann genau sie stattfinden.
Und dann häng den Zettel an den Kühlschrank, nicht ins Handy. Ein Zettel erinnert dich auch dann, wenn du gerade an etwas anderes denkst.

Wenn ein Auftritt an solchen Kleinigkeiten hängt, heißt das im Umkehrschluss: Er hängt nicht an deiner Persönlichkeit.
Du musst nicht mutiger werden, nicht lockerer, nicht extrovertierter. Du musst nur früher essen und eine Verbindung eher fahren.
Das ist die freundlichste Nachricht zu diesem Thema. Der größte Teil deiner Nervosität ist in Wahrheit ein schlecht organisierter Nachmittag.
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Die Nacht davor — warum schlechter Schlaf weniger schadet als schlechte Planung.
Essen vor dem Auftritt — was der Magen mit der Stimme zu tun hat.
Die Anfahrt — der Teil des Abends, den fast keiner plant.
Stimme aufwärmen — zehn Minuten, die den Unterschied hörbar machen.
Lampenfieber — was davon nützlich ist und was du loswerden kannst.
Mentales Training — was davon funktioniert und was esoterischer Ballast ist.
