9 Dinge, die immer in deine Bühnentasche gehören
In jedem Führerstand liegt ein Kasten. Man braucht ihn fast nie. An dem Tag, an dem man ihn braucht, entscheidet er alles.
Sieben dieser neun Dinge kosten zusammen keine zehn Euro. Und jedes einzelne hat mir schon einen Abend gerettet.
Es war ein Abend in einem Club mit zwei Räumen. Vorne spielte eine Band.
Hinten sollte der Slam sein. Dazwischen war eine Tür aus Sperrholz.
Ich hatte vierzig Minuten Zeit und wollte meinen Text durchgehen. Es ging nicht.
Der Bass ging durch die Wand und durch meinen Brustkorb. Ich habe meine eigenen Zeilen nicht gehört.
Dann habe ich in die Seitentasche gegriffen. Da lag etwas, das 1,29 Euro gekostet hatte.
Was es war, steht am Ende dieses Textes. Es ist nicht das, was du gerade denkst.

Kurz vorweg
Das hier ist keine Ausrüstungsliste für Profis. Es ist eine Liste gegen Panik.
Alles passt in eine kleine Umhängetasche. Zusammen wiegt es weniger als ein Laptop.
Und du packst sie einmal. Danach steht sie fertig im Flur und du nimmst sie einfach mit.
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1. Gaffer-Tape
Nicht Paketband. Nicht Kreppband. Gaffer.
Es hält sofort und geht rückstandslos wieder ab. Genau das ist der Unterschied.
Du brauchst es für Kabel im Weg. Für ein Blatt, das nicht auf dem Ständer bleibt.
Und einmal habe ich damit einen Mikrofonständer repariert. Er war fünf Minuten vor Beginn abgeknickt.
Wickel dir zwei Meter um einen Stift. Dann brauchst du keine ganze Rolle mitzuschleppen.
Es gibt noch drei Anwendungen, an die kaum jemand denkt.
Die erste ist eine Markierung auf dem Boden. Ein kleines Kreuz zeigt dir, wo du stehen willst.
Klingt nach Theater. Hilft aber gegen das langsame Wegwandern von der Mitte.
Die zweite ist ein gerissenes Blatt. Zwei Streifen und dein Text ist wieder ganz.
Die dritte ist eine offene Schuhsohle. Das ist mir einmal auf dem Weg zum Bahnhof passiert.
Ich bin den ganzen Abend auf Klebeband gelaufen. Niemand hat es gesehen.
Ein Klebeband mit Stoff statt Plastik. Mehr war die Idee nicht.
Ross Lowell arbeitete beim Film. 1959 ärgerte er sich über Klebeband, das Rückstände hinterließ.
Er nahm den Kleber eines vorhandenen Bandes und setzte ihn auf ein Gewebe. Fertig war das Gaffer-Tape.
Heute liegt es in jeder Konzerthalle der Welt. Es ist die stille Grundlage des ganzen Gewerbes.
Und jetzt die ehrliche Einordnung. Lowell bekam später einen Technik-Oscar, aber nicht für das Band. Er bekam ihn 1980 für seine tragbaren Lampen.
Quelle: Ross Lowell (1926–2019), Gründer von Lowel-Light; Academy Award for Technical Achievement 1980. Erfindung des Gaffer-Tapes 1959.
Merk dir diesen Gedanken. Das wichtigste Werkzeug ist selten das teuerste.
2. Powerbank und Kabel
Dein Handy ist bei vielen Leuten das Textbuch. Es ist auch die Fahrkarte.
Und es geht genau dann aus, wenn du beides brauchst.
Ich stand einmal um kurz vor Mitternacht am Bahnhof. Kein Akku, kein Ticket, kein Fahrplan.
Der Abend war grandios gewesen. Die Heimfahrt war es nicht.
3. Eine kleine Taschenlampe
Klingt nach Übertreibung. Ist es nicht.
Auf vielen kleinen Bühnen ist es dunkler, als du denkst. Ein Blatt Papier wird dort zu einem grauen Rechteck.
Die Handytaschenlampe geht auch. Sie sieht nur aus, als hättest du nicht damit gerechnet.
Eine kleine Lampe am Schlüsselbund kostet drei Euro. Sie sieht aus wie Absicht.
Das nächste Fach hat mit dir selbst zu tun. Und mit einem Fehler, den fast alle machen.
Wenn du dich selbst im Stich lässt
4. Eine kleine Flasche Wasser
Es gibt fast immer Getränke im Laden. Das ist genau das Problem.
Denn dann stehst du in der Schlange an der Bar. Und die Schlange ist immer dann lang, wenn du dran bist.
Eine halbe Stunde vor deinem Auftritt trinkst du zwei große Schlucke. Nicht mehr.
Zu viel Wasser rennt dir nämlich direkt in die Blase. Und dann denkst du oben an etwas anderes.
Kalt ist übrigens schlecht. Zimmertemperatur ist für deine Stimme viel besser.
Und noch ein Detail, das kaum jemand beachtet. Nimm eine Flasche mit Schraubverschluss.
Eine offene Flasche in einer vollen Tasche endet immer gleich. Dein Ausdruck wird zu Pappe.
Das ist mir genau einmal passiert. Seitdem liegt der Text in einer Klarsichthülle.
5. Etwas für den Hals
Salbei, Isländisch Moos, Emser. Such dir eins aus.
Sie machen deinen Hals nicht gesund. Sie machen ihn feucht.
Ein trockener Raum mit Nebelmaschine trocknet dich in zwanzig Minuten aus. Das merkst du erst beim ersten Satz.
Ein Bonbon zehn Minuten vorher reicht. Nicht während des Auftritts, das klingt manübar.
Was du machst, wenn es doch zu spät ist, steht in Heiser vor dem Auftritt.

6. Ein zweites Oberteil
Das ist das teuerste Ding auf dieser Liste. Es ist auch das, über das ich am meisten gelacht habe.
Bis mir jemand im Zug einen Kaffee über das Hemd gekippt hat. Vierzig Minuten vor dem Auftritt.
Es geht dabei nicht um Eitelkeit. Es geht um deinen Kopf.
Wer mit einem Fleck auf der Brust auf die Bühne geht, denkt an den Fleck. Und der Saal denkt mit.
Ein zusammengerolltes T-Shirt braucht keinen Platz. Es liegt seitdem immer unten in der Tasche.
„Das klingt alles nach Hypochonder mit Rucksack.“
Kann sein. Aber ich habe noch nie jemanden sagen hören: Ich habe zu viel dabei. Ich habe hundertmal gehört: Verdammt, hätte ich das mit.
Ein runder Filter musste in ein eckiges Loch. Und das in 320.000 Kilometern Entfernung.
April 1970. Die Mondfähre von Apollo 13 war für zwei Menschen und sechsunddreißig Stunden gebaut. Jetzt saßen drei darin und brauchten vier Tage.
Das Kohlendioxid stieg. Die passenden Filter waren rund, die vorhandenen eckig.
Am Boden bauten Ingenieure einen Adapter. Aus Klebeband, einem Plastikbeutel, dem Deckel des Flughandbuchs und einer Socke.
Sie durften nur benutzen, was oben auch wirklich vorhanden war. Genau das ist der Punkt dieser ganzen Liste.
Quelle: NASA, Apollo 13, April 1970; der improvisierte Adapter wurde von der Besatzung „mailbox“ genannt und vorher am Boden getestet.
Die klügsten Menschen der Welt konnten nichts nachbestellen. Sie konnten nur das nehmen, was schon da war.
Auf einer Bühne ist es genauso. Zwanzig Minuten vor deinem Auftritt gibt es keinen Laden mehr.
Duneiers These passt genau hierher. Nicht die große Anstrengung verändert etwas, sondern die winzige Anpassung, die man dauerhaft durchhält.
Das dritte Fach ist das, das mir am meisten gebracht hat. Es enthält kein einziges Gerät.
Drei Gegenstände ohne Strom
7. Dein Text auf Papier
Auch wenn du ihn auswendig kannst. Gerade dann.
Papier hat drei Vorteile gegenüber dem Handy. Es geht nicht aus und es klingelt nicht.
Und es dimmt sich nicht mitten in Strophe drei automatisch herunter.
Druck es groß aus. Vierzehn Punkt sind zu klein, sechzehn sind richtig.
Und schreib oben rechts eine Zahl drauf. Wenn dir die Blätter runterfallen, sortierst du sie in vier Sekunden.
Das ist mir zweimal passiert. Beim ersten Mal hatte ich keine Zahlen drauf.
Es gibt noch zwei Tricks für den Ausdruck. Beide kosten dich nichts.
Der erste: Lass unten auf jeder Seite viel Platz frei. Deine Augen finden dann den nächsten Anfang schneller.
Der zweite: Markier dir die Pausen. Ein Schrägstrich reicht.
Unter Anspannung wird nämlich fast jeder schneller. Die Striche sind dein Bremsplan.
Ich mache inzwischen drei Sorten. Ein Strich ist Luftholen, zwei sind eine Pause, drei sind Stille.
Das sieht auf dem Blatt aus wie Notenschrift. Und genau so benutzt man es auch.
8. Ein Stift
Der Stift ist das unterschätzteste Ding in der ganzen Tasche.
Du brauchst ihn für drei Dinge. Für die letzte Korrektur, für eine Telefonnummer und für einen Einfall.
Der Einfall ist der wichtigste Fall. In Slam-Nächten kommen die besten Zeilen.
Du sitzt im Publikum und hörst jemandem zu. Und plötzlich fällt dir ein Bild ein, das dir seit Wochen fehlt.
Wer dann nach dem Handy greift, wird abgelenkt. Wer einen Stift hat, schreibt fünf Wörter auf den Bierdeckel.

9. Ohrstöpsel
Da sind wir wieder beim Anfang. Das ist der Gegenstand für 1,29 Euro.
Ich habe sie damals reingesteckt und mich in eine Ecke gestellt. Der Bass war noch da, aber leise.
Und dann habe ich zum ersten Mal an diesem Abend meinen eigenen Text gehört.
Nicht laut. Nur innen im Kopf, so wie es sein soll.
Zwanzig Minuten später stand ich oben und war ruhig. Wegen zwei Schaumstoffstücken aus der Drogerie.
Seitdem sind sie das Erste, was ich einpacke. Vor dem Text.
„Ich will doch die anderen hören, nicht mich abschotten.“
Sollst du auch. Nimm sie für zehn Minuten, nicht für den ganzen Abend. Es geht um ein Fenster Ruhe, nicht um eine Mauer.
Tim Urban erklärt, warum wir Dinge erst dann tun, wenn es brennt. Eine gepackte Tasche ist die einzige Aufgabe, die man vorher erledigen kann.
Neun Dinge sind es also. Jetzt kommt der Teil, den kaum jemand erzählt.
Was du auf keinen Fall einpacken solltest.
Der Unterschied zwischen Tour und Slam
Ich habe einmal einer Technikerin beim Auspacken zugesehen. Sie war seit zwanzig Jahren auf Tour.
Ihre Kiste hatte drei Ebenen. Oben lag, was in jeder Halle gebraucht wird.
In der Mitte lag, was manchmal fehlt. Ganz unten lag der Kram für den einen Tag im Jahr.
Ich habe sie gefragt, was das wichtigste Stück ist. Sie hat gelacht und auf das Klebeband gezeigt.
Dann hat sie einen Satz gesagt, den ich mir aufgeschrieben habe.
„Alles hier drin ist einmal gebraucht worden. Nichts habe ich vorsorglich gekauft.“
Das ist der ganze Unterschied zu einer Ausrüstungsliste aus dem Internet.
Eine gute Tasche wächst aus Erfahrungen. Sie wird nicht aus einem Artikel abgeschrieben.
Auch nicht aus diesem hier.
„Warum schreibst du dann eine Liste?“
Weil du sonst zehn Abende brauchst, um dieselben neun Dinge zu lernen. Nimm die Liste als Startpunkt. Und wirf raus, was du nach einem Jahr nie angefasst hast.
Drei Dinge aus der Profikiste braucht ein Slammer übrigens wirklich nicht.
Ein eigenes Mikrofon
Bei Sängern ist das üblich. Bei Slammern wirkt es wie ein Missverständnis.
Der Ton kommt sowieso aus der Anlage des Hauses. Dein eigenes Mikro macht davon nichts besser.
Ein Notenständer
Der steht meistens schon da. Und wenn nicht, kannst du danach fragen.
Wer einen eigenen mitbringt, trägt ihn den ganzen Abend mit sich herum. Das ist es nicht wert.
Ersatzbatterien für alles
Techniker brauchen sie, weil an ihnen zehn Geräte hängen. An dir hängt eins.
Eine Powerbank reicht für deinen ganzen Bedarf. Der Rest ist Sammelleidenschaft.
Und jetzt der Punkt, der mich am meisten überrascht hat.
Die Technikerin hatte etwas dabei, das in keiner Liste steht.
Ein kleines Handtuch. Nicht für sich selbst, sondern für die Leute auf der Bühne.
Sie hat gesagt, dass Menschen unter Scheinwerfern schwitzen. Und dass ein trockenes Gesicht ruhiger aussieht.
Seitdem liegt bei mir auch eins drin. Es ist so groß wie eine Postkarte.
Streng genommen sind es also zehn Dinge. Aber neun klingt besser in einer Überschrift.
Und genau so soll deine Tasche auch wachsen. Nicht durch Listen, sondern durch Abende.
Jedes Mal, wenn dir etwas fehlt, kommt es danach hinein. Nach zwei Jahren ist sie perfekt auf dich zugeschnitten.
Und sie erzählt dann ganz nebenbei deine Geschichte. Jedes Stück darin hat einen Abend, an dem es gefehlt hat.
Fünf Dinge, die nicht hineingehören
Ein Werkzeugkasten wird nicht durch mehr Werkzeug besser. Er wird schwerer.
Diese fünf Dinge lagen bei mir jahrelang drin. Alle fünf sind wieder rausgeflogen.
Ein zweiter Text für alle Fälle
Klingt vernünftig. Ist es nicht.
Wer zwei Texte dabeihat, entscheidet sich bis zur letzten Sekunde nicht. Und trägt dann beide halb vor.
Die einzige Ausnahme kennst du schon. Wenn dir niemand sagen konnte, wie lang du reden darfst.
Ein Laptop
Ich habe früher einen mitgenommen. Zum Arbeiten im Zug.
Gearbeitet habe ich nie. Aufgepasst habe ich den ganzen Abend.
Ein teurer Gegenstand in einer fremden Garderobe kostet dich Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist an dem Abend dein Kapital.
Alkohol
Nicht wegen der Moral. Wegen der Physik.
Alkohol trocknet die Schleimhäute aus. Deine Stimme klingt danach belegter als vorher.
Danach ist der beste Zeitpunkt. Ausführlicher steht das in Alkohol vor der Bühne.
Bücher zum Verkaufen, wenn niemand danach fragt
Wenn ein Verkaufstisch abgesprochen ist, nimm alles mit. Klar.
Wenn nicht, schleppst du zwei Kilo Papier durch die halbe Republik. Und stellst dir den ganzen Abend die Frage, ob du fragen sollst.
Kopfhörer zum Musikhören
Das ist die persönlichste Streichung auf dieser Liste. Vielleicht ist es bei dir anders.
Bei mir hat Musik vor dem Auftritt immer den Rhythmus überschrieben. Ich bin dann in einem fremden Takt auf die Bühne.
Deshalb Ohrstöpsel statt Kopfhörer. Stille statt fremdem Beat.

Welche Tasche du nimmst
Sie muss drei Dinge können. Mehr nicht.
Erstens: Du kannst sie im Stehen öffnen. Ein Rucksack, den du absetzen musst, bleibt zu.
Zweitens: Ein DIN-A4-Blatt passt flach hinein. Ohne Knick.
Drittens: Sie sieht aus, als gehörte sie zu dir. Du stellst sie nämlich neben die Bühne.
Es gibt noch einen vierten Punkt, der wichtiger ist als alle drei.
Diese Tasche ist nur für Auftritte da. Sie ist nicht deine Alltagstasche.
Denn eine Alltagstasche wird ausgeräumt. Und dann fehlt genau an dem einen Abend das Klebeband.
„Eine extra Tasche nur dafür? Ich habe drei Auftritte im Jahr.“
Dann lohnt es sich erst recht. Bei drei Abenden im Jahr erinnerst du dich an nichts mehr. Die Tasche erinnert sich für dich.
Was mir wirklich passiert ist
Listen sind abstrakt. Pannen sind es nicht.
Deshalb hier sechs Abende aus zwölf Jahren. Bei drei davon hatte ich das richtige Ding dabei.
Der Abend mit dem defekten Kabel
Das Mikrokabel hatte einen Wackler. Bei jeder Bewegung setzte der Ton aus.
Wir haben es mit Klebeband am Ständer fixiert. Danach lief es zwei Stunden ohne Problem.
Ohne Band hätte der ganze Abend geknackt. Sieben Leute wären betroffen gewesen, nicht nur ich.
Der Abend ohne Licht auf dem Blatt
Ein Keller mit einem einzigen Strahler. Der zeigte auf mein Gesicht und nicht auf meine Hände.
Ich stand da mit einem Blatt, das ich nicht lesen konnte. Und mit einem Text, den ich nur halb auswendig hatte.
Das war der Abend, nach dem die Taschenlampe eingezogen ist.
Der Abend mit dem Kaffee
Den kennst du schon. Er hat mich ein Hemd und die halbe Konzentration gekostet.
Ich habe damals meine Jacke angelassen. Im August, in einem vollen Raum.
Man sah mir an, dass ich etwas versteckte. Das ist auf einer Bühne das Gegenteil von hilfreich.
Der Abend mit den fliegenden Blättern
Ein Hof, ein Windstoß, drei Seiten. Zwei habe ich wiedergefunden.
Die dritte lag unter einem Tisch. Ich habe sie erst nach meinem Auftritt gesehen.
Seitdem sind die Seiten nummeriert und im Freien geklammert.
Der Abend mit dem leeren Akku
Mein Text lag auf dem Handy. Das Handy war bei elf Prozent, als ich ankam.
Ich habe den ganzen Abend auf den Akkustand gestarrt. Zugehört habe ich niemandem.
Das ist der teuerste Schaden von allen. Man verpasst dabei den ganzen Grund, warum man hingefahren ist.
Der Abend mit der Heizung
Ein Saal im Januar mit voller Heizung und trockener Luft. Nach zwei Stunden war meine Stimme wie Sandpapier.
Ich hatte weder Wasser noch Bonbons dabei. Und ich war als Letzter dran.
Der Text war gut. Er kam nur nicht heil bei den Leuten an.
„Sechs Pannen in zwölf Jahren klingt jetzt nicht dramatisch.“
Stimmt. Es sind sechs, an die ich mich erinnere. Und genau das ist der Punkt: An gute Abende erinnert man sich unscharf. An diese sechs erinnere ich mich bis heute genau.
Es fällt mir auf, dass keine dieser Pannen mit meinem Text zu tun hatte.
Kein einziges Mal war ich schlecht, weil ich schlecht geschrieben hatte.
Ich war schlecht, weil mein Kopf woanders war. Bei einem Fleck, bei einem Akku, bei einem Blatt unter einem Tisch.
Deine Tasche schreibt keine besseren Texte. Sie sorgt nur dafür, dass du an deinen denken kannst.
Vier Abende, vier Zusätze
Die neun Dinge sind der Grundkasten. Vier Abende brauchen jeweils ein Stück extra.
Draußen
Nimm Wäscheklammern mit. Zwei Stück reichen.
Wind blättert dir nämlich mitten im Satz um. Das sieht man von unten und es reißt dich raus.
Ich habe einmal eine ganze Strophe verloren. Der Wind war schneller als meine Hand.
In der Schule
Nimm etwas zum Verteilen mit. Ein paar Zettel mit Schreibimpulsen.
Schülerinnen und Schüler fragen fast immer, wie man anfängt. Und dann stehst du ohne Antwort da.
Zehn Zeilen auf einem Zettel wirken dort mehr als jeder Ratschlag.
Beim Wettbewerb mit mehreren Runden
Nimm etwas zu essen mit. Einen Riegel, mehr nicht.
Ein Finale beginnt oft nach vier Stunden. Wer seit dem Mittag nichts gegessen hat, ist dann nicht mehr scharf.
Das ist keine Kleinigkeit. Ich habe ein Finale mit leerem Magen verloren und es genau gemerkt.
Wenn du weit weg übernachtest
Zahnbürste und ein Ladegerät. Der Rest ist Luxus.
Auf einem fremden Sofa schläft man sowieso schlecht. Aber saubere Zähne machen einen Unterschied.
Wenn du angeschlagen bist
Manchmal sagt man nicht ab, obwohl man sollte. Das ist selten klug und passiert trotzdem.
Dann brauchst du zwei Dinge extra. Eine Thermoskanne mit warmem Tee und ein Halstuch.
Kalte Luft auf dem Weg zwischen Bahnhof und Laden macht mehr kaputt als der Auftritt selbst.
Und sag dem Veranstalter Bescheid. Nicht als Ausrede, sondern damit er dich früher dranbekommt.
Danach fährst du nach Hause und legst dich hin. Das Bier danach ist es an so einem Abend nicht wert.

Der Test, den jede Tasche bestehen muss
Bevor ein Zug rausfährt, wird die Bremse geprüft. Nicht die Idee der Bremse, sondern die Bremse.
Mach dasselbe mit deiner Tasche. Der Test hat drei Schritte.
Stell dich hin und häng sie dir um. Nicht auf den Tisch stellen, sondern umhängen.
Dann hol drei Dinge heraus. Klebeband, Stift, Ohrstöpsel.
Wenn du dafür länger als zwölf Sekunden brauchst, liegt etwas falsch.
Nicht die Menge ist dann das Problem. Die Ordnung ist es.
Leg alles, was du im Notfall brauchst, in eine Außentasche. Der Rest darf tief liegen.
Handwerker nennen das griffbereit. Es ist der einzige Unterschied zwischen einem Kasten und einem Haufen.
„Ich finde meine Sachen schon.“
Zu Hause auf jeden Fall. In einem dunklen Gang, drei Minuten vor deinem Auftritt, mit zitternden Händen: da findest du gar nichts.
Die Tasche beruhigt dich, bevor sie dich rettet
Der praktische Nutzen ist der kleinere. Das habe ich erst nach Jahren gemerkt.
Ich benutze das Klebeband vielleicht bei jedem zehnten Auftritt. Die Ohrstöpsel bei jedem fünften.
Die Tasche selbst wirkt bei jedem einzelnen.
Denn in dem Moment, in dem ich sie mir umhänge, beginnt der Abend. Nicht an der Tür und nicht auf der Bühne.
Im Flur, zu Hause, mit dem Griff in der Hand.
Das ist kein esoterischer Gedanke. Das ist ein Schalter.
Ein Lokführer setzt sich hin und macht seinen Aufrüstvorgang. Danach ist er nicht mehr privat.
Deine Tasche macht dasselbe mit dir. Sie zieht eine Linie zwischen Alltag und Abend.
Und weil sie schon gepackt ist, musst du dafür nichts entscheiden. Das ist der eigentliche Trick.
Entscheidungen kosten nämlich Kraft. Und du brauchst deine Kraft an diesem Abend woanders.
„Klingt, als würdest du dir das Ganze schönreden.“
Kann sein. Nur ist genau das der Punkt. Ein Ritual muss nicht objektiv wirken. Es muss dich vor der Tür ruhig machen.
Es gibt einen dritten Nutzen, der noch weniger offensichtlich ist.
Eine gepackte Tasche macht dich für andere brauchbar.
Irgendwann steht neben dir jemand, dem etwas fehlt. Ein Stift, ein Pflaster, ein Bonbon.
Wenn du es dabeihast, passiert etwas Kleines und Großes gleichzeitig.
Du bist ab diesem Moment nicht mehr der Neue. Du bist jemand, bei dem man fragt.
Ich kenne eine Slammerin, die deshalb immer Pflaster dabeihat. Sie sagt, das seien ihre besten Kontakte gewesen.
Zwei feste Auftrittsreihen hat sie so bekommen. Beide Male fing es mit einer Kleinigkeit an.
Das ist keine Strategie und soll auch keine sein. Es ist einfach das, was passiert, wenn jemand vorbereitet ist.
Mehr über diesen Teil der Szene steht in Warum du ohne Netzwerk verlierst.
Bleibt eine letzte Sache. Der Gegenstand aus dem Anfang.
Was du am Ende wieder einpackst
Ein Zug wird nach der Fahrt nicht einfach abgestellt. Er wird durchgesehen.
Was fehlt, wird nachgefüllt. Was kaputt ist, kommt auf einen Zettel.
Bei deiner Tasche dauert das drei Minuten. Und es entscheidet, ob sie beim nächsten Mal funktioniert.
Noch am Abend: die Zettel
Alles, was du dir aufgeschrieben hast, wandert in die Innentasche. Sofort, nicht später.
Bierdeckel verschwinden nämlich. Und mit ihnen die beste Zeile des Monats.
Ich habe eine ganze Strophe verloren, weil ich sie auf eine Serviette geschrieben hatte.
Sie lag am nächsten Morgen als Kugel in meiner Jackentasche. Man konnte nichts mehr lesen.
Noch am Abend: die Namen
Wenn dir jemand gefällt, schreib den Namen auf. Nicht nur den Namen, sondern auch das Thema.
In drei Monaten weißt du sonst nicht mehr, wer das war. Und dann schreibst du niemandem.
Bei mir steht dann so etwas wie: „Marie, Text über ihre Oma und das Radio, sehr leise.“
Das reicht, um sich zu erinnern. Und es reicht für eine ehrliche Nachricht.
Am nächsten Tag: nachfüllen
Was du benutzt hast, ersetzt du. Bonbons, Klebeband, Ohrstöpsel.
Sonst greifst du beim nächsten Mal in ein leeres Fach. Und das ist schlimmer, als nie eins gehabt zu haben.
Denn du hast dich darauf verlassen. Verlass ist genau der Punkt der ganzen Übung.
Am nächsten Tag: die Aufnahme sichern
Falls jemand gefilmt hat, frag am nächsten Tag danach. Nicht in zwei Wochen.
Handys werden voll und Dateien verschwinden. Ich habe so schon drei Aufnahmen verloren.
Eine davon war der beste Auftritt meines Lebens. Es gibt kein einziges Bild davon.
„Nach dem Auftritt will ich einfach nur noch nach Hause.“
Verständlich. Deshalb sind es auch nur zwei Dinge am Abend selbst. Zettel rein und Namen notieren. Der Rest hat bis morgen Zeit.
Es gibt noch eine Sache, die ich seit ein paar Jahren mache.
Ich schreibe einen einzigen Satz über den Abend auf. Immer auf dasselbe Blatt.
Nicht ob es gut war. Sondern was ich gelernt habe.
Das Blatt liegt inzwischen ganz unten in der Tasche und ist voll. Es ist das Einzige darin, das mit der Zeit wertvoller wird.
Zurück in den Club mit den zwei Räumen
Der Gegenstand für 1,29 Euro waren zwei Ohrstöpsel aus der Drogerie.
Sie lagen in der Tasche, weil ich sie für Zugfahrten gekauft hatte. Ich hatte sie nicht für die Bühne geplant.
Das ist das Schöne an einem gepackten Kasten. Man weiß vorher nie, welches Werkzeug der Abend braucht. Deshalb packt man ihn auch nicht für einen bestimmten Abend, sondern für alle.
Der Unterschied in einem Satz: Anfänger packen ihren Text ein – Fortgeschrittene packen alles ein, was zwischen ihnen und ihrem Text stehen könnte.
Die Packliste zum Abhaken
Fach 1: gegen die Technik
1. Gaffer-Tape, zwei Meter um einen Stift gewickelt
2. Powerbank mit passendem Kabel
3. Kleine Taschenlampe
Fach 2: gegen deinen Körper
4. Kleine Flasche Wasser, nicht kalt
5. Halsbonbons
6. Zweites Oberteil, zusammengerollt
Fach 3: gegen deinen Kopf
7. Text auf Papier, 16 Punkt, Seiten nummeriert
8. Ein Stift
9. Ohrstöpsel
Je nach Abend dazu
Draußen: Wäscheklammern · Schule: Zettel zum Verteilen · Wettbewerb: ein Riegel · Übernachtung: Zahnbürste
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Was nehme ich mit, wenn ich wirklich nur drei Dinge einpacken kann?
Text auf Papier, Ohrstöpsel und Klebeband. Diese drei decken die häufigsten Katastrophen ab und wiegen zusammen fast nichts.
Ist so eine Tasche nicht übertrieben, wenn ich nur bei offenen Bühnen auftrete?
Gerade dort lohnt es sich. Offene Bühnen haben die schlechteste Technik und die längsten Wartezeiten. Auf großen Bühnen kümmert sich jemand anderes.
Wie oft sollte ich die Tasche kontrollieren?
Nach jedem Auftritt einmal kurz. Was du benutzt hast, füllst du sofort nach. Sonst fehlt es beim nächsten Mal genau dann, wenn es zählt.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche
Such dir eine Tasche, die du sonst nicht brauchst. Sie darf alt sein und hässlich.
Pack die neun Dinge hinein. Sieben davon hast du wahrscheinlich schon zu Hause.
Dann mach den Zwölf-Sekunden-Test. Umhängen, drei Dinge herausholen, Zeit stoppen.
Und dann stell sie in den Flur. Ab jetzt ist Packen keine Entscheidung mehr.

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Neun Dinge kosten dich einen Nachmittag und ungefähr zwanzig Euro. Danach nie wieder etwas.
Es gibt in diesem Beruf wenig, das man einmal erledigt und dann nie wieder. Das hier ist so eine Sache.
Und beim nächsten Abend, an dem etwas kaputtgeht, greifst du einfach ruhig in eine Tasche. Das verändert mehr an dir, als du gerade glaubst.
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16 Fragen, die du dem Veranstalter vorher stellst
Der Schritt davor: Aus den Antworten weißt du, was du wirklich brauchst.
8 Rituale vor dem Auftritt, die wirklich helfen
Was du in der Stunde machst, bevor es losgeht.
Heiser vor dem Auftritt: Was jetzt noch hilft
Wenn Ding fünf zu spät kommt.
Improvisieren, wenn’s schiefgeht
Für alles, wogegen kein Gegenstand hilft.
Alkohol vor der Bühne
Warum das eine Bier vorher teurer ist, als es aussieht.
Du und das Mikro
Das einzige Werkzeug, das du nicht selbst mitbringen kannst.
