Deine Anti-Bucketlist: 10 Slam-Klischees, die du nie bedienst
Ein zerknülltes Blatt. Eine brechende Stimme. Und ein Schluss, der die ganze Welt umarmt.
Potsdam, ein Slam in einem Kulturhaus, jemand steht zum zweiten Mal auf einer Bühne.
Und macht alles, was man macht, wenn man noch nicht weiß, dass man es macht.
Ich saß in Reihe vier und habe innerlich die Augen verdreht.
Zwei Stunden später saß ich im Zug und habe in meiner Tasche einen alten Text gefunden.
Sieben von zehn.
Sieben der zehn Poetry Slam Klischees, über die ich mich gerade lustig gemacht hatte, standen in meinem eigenen Text.
Bevor es losgeht, zwei Sätze zur Haltung, weil sie den ganzen Beitrag tragen.
Poetry Slam Klischees entstehen nicht aus Faulheit, sondern aus Beobachtung. Man übernimmt, was funktioniert hat, und das ist ein völlig vernünftiger Lernvorgang. Nur bleibt man leider gern darin stecken.
Und ich schreibe hier über nichts, was ich nicht selbst gemacht hätte.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er dauert zehn Minuten und braucht einen roten Stift.
Denn Poetry Slam Klischees erkennt man bei anderen mühelos und bei sich selbst so gut wie nie.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenNiemand setzt sich hin und beschließt, so zu schreiben wie alle anderen.
Klischees entstehen auf einem viel harmloseren Weg.
Der Mechanismus in drei Schritten
Erstens siehst du etwas, das funktioniert. Ein Publikum reagiert stark auf eine bestimmte Geste.
Zweitens übernimmst du es, meistens ohne es zu merken. Dein Gehirn speichert die Verbindung zwischen Mittel und Wirkung.
Und drittens machen es alle anderen genauso, weil sie dasselbe gesehen haben.
Nach zwei Jahren gibt es dann eine Handvoll Bewegungen, Tonfälle und Schlusswendungen, die überall vorkommen.
Genau so entstehen Poetry Slam Klischees, nämlich aus lauter richtigen Einzelentscheidungen.
Warum das trotzdem nicht dumm ist
Nachahmung ist der normale Weg, ein Handwerk zu lernen.
Musiker spielen fremde Stücke nach. Malerinnen kopieren in Museen. Schreibende schreiben erst einmal wie die Leute, die sie bewundern.
Das Problem ist nicht der Anfang. Das Problem ist, dass viele nie den zweiten Schritt machen.
Der zweite Schritt lautet: bemerken, was man übernommen hat, und entscheiden, ob man es behalten will. Das ist alles.
Deshalb sind Poetry Slam Klischees auch kein Anfängerproblem. Sie sind ein Problem des zweiten und dritten Jahres.
1946 veröffentlichte George Orwell einen Aufsatz über Sprache und Politik.
Er heißt Politics and the English Language und endet mit sechs Regeln.
Die erste davon ist für diesen Beitrag die entscheidende.
Benutze nie eine Metapher, einen Vergleich oder eine andere Redefigur, die du gewohnt bist, gedruckt zu sehen.George Orwell, erste Regel · sinngemäß übersetzt
Damit ist praktisch alles gesagt, worum es bei Poetry Slam Klischees geht.
Nicht das Bild ist das Problem, sondern seine Bekanntheit.
Auf Poetry Slam Klischees übertragen heißt das: Es geht nie um Verbote, sondern um Abnutzung.
Die vier Fragen davor
Vor den Regeln stellt Orwell vier Fragen, die ein sorgfältig arbeitender Mensch sich bei jedem Satz stellen soll.
Was will ich sagen. Welche Wörter drücken es aus. Welches Bild macht es klarer.
Und dann die vierte, die hier die wichtigste ist: Ist dieses Bild frisch genug, um überhaupt zu wirken?
Der ehrliche Haken
Orwell hat seine eigenen Regeln in demselben Aufsatz gebrochen.
Das ist mehrfach nachgewiesen worden, und er selbst hat vorgebaut. Seine sechste Regel lautet sinngemäß, man solle jede dieser Regeln brechen, bevor man etwas offenkundig Barbarisches sagt.
Und er schreibt selbst, man könne alle sechs Regeln einhalten und trotzdem schlecht schreiben.
Wer Poetry Slam Klischees vermeidet, schreibt also noch keinen guten Text. Er räumt nur auf.
Die Liste in diesem Beitrag ist deshalb keine Verbotsliste. Sie ist eine Liste von Stellen, an denen du kurz nachdenken solltest, bevor du weiterschreibst.
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Nicht jede schlechte Zeile. Nur die austauschbaren.
Was übrig bleibt, ist dein Text. Der Rest ist die Szene, die durch dich hindurchspricht.
Das war es. Ein Stift, zehn Minuten.
Damit findest du deine eigenen Poetry Slam Klischees zuverlässiger als mit jeder fremden Liste.
Warum das besser funktioniert als jede Liste
Weil du dabei nicht nach Fehlern suchst, sondern nach Eigentum.
Die Frage lautet nicht, ob eine Zeile gut ist. Sie lautet, ob sie von dir sein muss.
Und das ist eine Frage, die du selbst beantworten kannst, ohne dass jemand danebensteht.
Was du danach machst
Nicht alles streichen. Das wäre der zweite Fehler und meistens der teurere.
Nimm stattdessen die drei angestrichenen Zeilen, die dir am wichtigsten sind, und schreib sie neu. Konkreter, kleiner, näher an deinem tatsächlichen Leben.
Der Rest darf oft stehen bleiben, weil ein Text auch Verbindungsstücke braucht.
Denn nicht alle Poetry Slam Klischees müssen weg. Es reicht, wenn die wichtigen Stellen dir gehören.
Einen roten Stift und eine Frage merkst du dir. Alles Weitere in diesem Beitrag ist die Erklärung dazu, was du beim Streichen wahrscheinlich finden wirst.
Der Klassiker. Der Text endet, die Faust schließt sich, das Papier knirscht ins Mikrofon.
Manchmal fliegt es auch.
Und wenn zwei Auftretende an einem Abend dasselbe tun, lacht der Saal beim zweiten Mal. Das ist der Moment, in dem eine gute Idee endgültig zur Manier geworden ist.
Und falls du das Blatt tatsächlich nicht mehr brauchst, weil du auswendig sprichst: Dann leg es vorher weg, nicht danach.
Dieses erste der zehn Poetry Slam Klischees ist übrigens das am leichtesten abzulegende. Es kostet dich genau nichts.
Immer an derselben Stelle, immer exakt eine Zeile vor dem Schluss.
Der Test dafür ist unbequem: Sprich die Stelle einmal völlig neutral.
Wenn sie dann nicht mehr trägt, lag es nie am Text.
Damit ist auch das zweite dieser Poetry Slam Klischees eine Frage des Handwerks und nicht des Gefühls.
Die letzten vier Zeilen verlassen plötzlich das Thema und umarmen die gesamte Menschheit.
Aus einer Geschichte über die Großmutter wird ein Appell an die Gesellschaft.
Faustregel: Wenn im letzten Drittel zum ersten Mal das Wort wir auftaucht, lohnt sich ein zweiter Blick.
Denn dieses Wir kommt fast nie aus dem Text. Es kommt aus dem Wunsch, dass der Text größer sein möge, als er ist.
Sie beginnt ruhig, wird länger, wird schneller, wird lauter und endet mit einem Knall.
Es ist ein wirksames Mittel. Genau deshalb ist es überall.
Wenn du die Steigerung behalten willst, dann bau sie einmal in den Text und nicht dreimal.
Einmal ist ein Höhepunkt. Dreimal ist eine Masche, und der Saal hört bei der dritten schon nicht mehr auf den Inhalt.
Zwei Minuten Prosa, und dann reimen sich auf einmal die letzten sechs Zeilen.
Die Ausnahme bestätigt hier tatsächlich die Regel: Wenn der Wechsel inhaltlich begründet ist, etwa weil eine Figur zu sprechen beginnt, funktioniert er hervorragend.
Ein Text über das leere Blatt, über die Angst vor dem leeren Blatt oder über die Frage, was Poesie eigentlich ist.
Es gibt hervorragende Texte über das Schreiben. Sie sind nur fast alle schon geschrieben.
Zusammen mit dem Weltschmerz-Schluss gehört dieses Thema zu den hartnäckigsten Poetry Slam Klischees überhaupt.
Wir alle kennen das. Wir leben in einer Zeit, in der. Wir haben verlernt, wie man.
Prüf einmal alle Stellen im Text, an denen wir vorkommt, und ersetze sie testweise durch ich.
Das ist unangenehm, weil ich angreifbarer macht als wir. Genau darin liegt der Gewinn.
In den meisten Fällen wird der Text dadurch mutiger.
Erstens ist das unbequem. Zweitens erledigt es mehrere Poetry Slam Klischees auf einmal.
Die Wendung sitzt, der Saal reagiert, und dann kommen noch zwei Zeilen, die erklären, was gerade passiert ist.
Praktischer Test: Streich die letzten zwei Zeilen deines Textes und lies ihn laut.
Erstaunlich oft ist er danach besser. Bei ungefähr jedem zweiten Text, den ich je geschrieben habe, war es so.
Deshalb steht dieses unter allen Poetry Slam Klischees ganz oben auf meiner persönlichen Liste.
Die Hand ans Mikrofonkabel. Der Schritt nach vorn bei der wichtigen Zeile. Der Blick zu Boden vor der Pause.
Das heißt nicht, dass du dich nicht bewegen darfst.
Es heißt, dass jede Bewegung eine Entscheidung sein sollte und keine Angewohnheit.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Handwerk und Poetry Slam Klischees.
In jeder Saison gibt es eines. Vor einigen Jahren war es das Smartphone, davor die Kindheit auf dem Dorf, dann kam eine Reihe von Texten über Achtsamkeit.
Sie sind selten schlecht. Sie sind nur zu viele.
Und das ist der Unterschied zu allen anderen Punkten auf dieser Liste: Hier liegt es nicht am Text, sondern am Abend.
Woran du das erkennst: Wenn du an einem Abend zweimal denkst, dass du das schon gehört hast, ist es ein Saisonthema.
Saisonthemen sind die einzigen Poetry Slam Klischees, die sich von allein wieder auflösen. Man muss sie nur aussitzen.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Der Gedanke, Klischees zu sammeln, ist nicht neu.
Gustave Flaubert hat es ungefähr dreißig Jahre lang getan.
Ab etwa 1850 trug er systematisch zusammen, was die Leute seiner Zeit für selbstverständlich hielten und deshalb ohne Nachdenken sagten.
Herausgekommen sind rund tausend Einträge, das Dictionnaire des idées reçues, auf Deutsch das Wörterbuch der Gemeinplätze.
Es ist damit die älteste systematische Sammlung dessen, was wir heute Poetry Slam Klischees nennen würden, nur eben für eine ganze Gesellschaft.
Wie das aussieht
Es ist als Lexikon aufgebaut. Links steht ein Stichwort, rechts die Phrase, die man dazu automatisch sagt.
Zwei Beispiele, die bis heute funktionieren.
Beide stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert und ließen sich heute unverändert auf jede Kommentarspalte anwenden.
Optimist: gleichbedeutend mit Dummkopf. — Dummköpfe: alle, die anders denken als man selbst.Gustave Flaubert · Wörterbuch der Gemeinplätze · sinngemäß übersetzt
Das Buch war als Anhang zu seinem unvollendeten Roman Bouvard und Pécuchet gedacht.
Flaubert starb 1880, ohne beides fertigzustellen. Die Sammlung erschien posthum, wobei die Quellen zwischen 1910 und 1913 schwanken, je nachdem, welche Ausgabe man zählt.
Der ehrliche Haken
Das Wörterbuch ist ein Buch des neunzehnten Jahrhunderts.
Es enthält Einträge, die heute schlicht rassistisch sind, und die stehen dort nicht ironisch, sondern als Teil derselben Sammlung.
Man kann von der Methode lernen und muss das Ergebnis trotzdem einordnen. Wer Gemeinplätze sammelt, sammelt eben auch die eigenen, ohne sie zu bemerken.
Das gilt übrigens auch für jede Liste von Poetry Slam Klischees, meine eingeschlossen.
Eine Notiz im Handy, in die jede Formulierung wandert, die du an einem Abend zum zweiten Mal hörst. Nach einem halben Jahr hast du deine persönliche Liste der Poetry Slam Klischees, und sie ist genauer als jede allgemeine, weil sie deine Szene abbildet.
Jetzt die Gegenrede, weil dieser Beitrag sonst kippt.
Es gibt vier Fälle, in denen ein bekanntes Mittel genau richtig ist.
Denn Poetry Slam Klischees sind kein Naturgesetz, sondern eine Frage des Zusammenhangs.
Vier legitime Ausnahmen
Wenn du es sichtbar brichst
Wenn du am Anfang stehst
Wenn es dein Publikum trägt
Wenn es ehrlich ist
Es wird zum Klischee, wenn es die Arbeit ersetzt. Wer die Geste macht, weil sie wirkt, hat gearbeitet. Wer sie macht, damit er sich um die Wirkung nicht kümmern muss, nicht.
Die zehn oben sind die bekannten.
Diese drei fallen seltener auf, weil sie nicht in Gesten stecken, sondern im Aufbau.
Der Perspektivwechsel als Schlusspointe
Der Text erzählt von jemandem, und in der letzten Zeile stellt sich heraus, dass es die Erzählerin selbst war. Oder das Kind. Oder der Hund.
Das ist ein starker Effekt, den man genau einmal erlebt. Danach rechnet ein Slam-Publikum ab der dritten Zeile damit und wartet nur noch auf die Bestätigung.
Wer den Dreh trotzdem will, sollte ihn nicht ans Ende legen, sondern in die Mitte. Dann hat der Text danach noch etwas zu tun.
Die Zahl, die alles beweisen soll
Mitten im Text taucht eine Statistik auf. Prozentwerte, Todeszahlen, eine Menge in Fußballfeldern.
Zahlen wirken auf einer Bühne selten so, wie man hofft. Sie unterbrechen den Rhythmus, sie sind akustisch schwer zu behalten, und sie verschieben den Text vom Erleben in die Argumentation.
Eine einzelne konkrete Person schlägt in fast jedem Fall eine Statistik über tausend.
Die Selbstankündigung
Der Text beginnt mit einem Satz darüber, was gleich passieren wird. Etwa, dass es jetzt ernst wird, oder dass die folgende Geschichte wahr ist.
Das nimmt der Wirkung vorweg, was sie selbst herstellen sollte. Und es verrät Unsicherheit, weil es dem Text nicht zutraut, allein zu tragen.
Ein zerknülltes Blatt erkennt jeder. Ein Perspektivwechsel am Schluss wirkt dagegen wie Handwerk, und genau deshalb bleibt er länger unentdeckt. Die unauffälligen Muster sind immer die zäheren.
Klapp auf und beantworte ehrlich. Beim ersten Mal dauert das zehn Minuten, danach zwei.
Zusammen sind sie ein Durchlauf durch alle zehn Poetry Slam Klischees dieses Beitrags.
Sechs Fragen zum Text
Könnte diese Zeile von jemand anderem sein?
Wann kommt zum ersten Mal wir vor?
Erkläre ich am Schluss noch etwas?
Wie viele Steigerungsaufzählungen habe ich?
Ab wann reimt der Text?
Bleibt der Text bis zum Ende bei seinem Gegenstand?
Sechs Fragen zum Vortrag
Welche Bewegungen habe ich eingeplant?
Was mache ich mit dem Blatt am Ende?
Bricht meine Stimme immer an derselben Stelle?
Habe ich diesen Text schon einmal so gehört?
Was passiert, wenn ich völlig stillstehe?
Läuft an diesem Abend noch jemand mit meinem Thema?
Diese sechs kosten dich zusammen kaum eine Stunde.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn Poetry Slam Klischees legt man wie jede Gewohnheit ab, nämlich einzeln.
Drei Übungen am Text
Übung 1 – Der rote Stift
Übung 2 – Die Schlussstreichung
Übung 3 – Das Wir-zu-Ich
Drei Übungen für die Bühne
Übung 4 – Der Stillstand
Übung 5 – Die Klischeeliste
Übung 6 – Das verbotene Mittel
Dieses Kapitel gehört unbedingt hierher, weil dieser Beitrag auch schaden kann.
Wer eine Liste mit zehn Verboten im Kopf hat, schreibt irgendwann gar nichts mehr.
Erstens ist das häufig. Zweitens ist es schädlicher als sämtliche Poetry Slam Klischees zusammen.
Wenn du beim Schreiben anfängst, jede Zeile auf Originalität zu prüfen, wirst du langsamer, vorsichtiger und schlechter. Erste Fassungen dürfen voller Klischees sein. Dafür sind erste Fassungen da.
Anzeichen, dass du zu weit gegangen bist
Du schreibst seit Wochen nichts fertig, weil dir alles bekannt vorkommt.
Du streichst Zeilen, die dir eigentlich gefallen, nur weil sie nicht ungewöhnlich genug sind.
Du kannst fremden Texten nicht mehr zuhören, ohne innerlich Klischees zu zählen.
Oder du hältst deine gesamte bisherige Arbeit rückwirkend für peinlich.
Was dann hilft
Trenn die beiden Vorgänge räumlich und zeitlich.
Geschrieben wird ohne Liste, überarbeitet wird mit. Am besten an verschiedenen Tagen.
Und behalt im Kopf, dass Originalität kein Selbstzweck ist. Ein Text, der berührt und dabei ein bekanntes Mittel benutzt, ist besser als ein origineller, der niemanden erreicht.
Falls dich die Selbstkritik über längere Zeit blockiert, lohnt sich ein Blick in Perfektionismus loslassen und in Dein inneres Publikum.
Und wenn die Blockade in eine anhaltende Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit übergeht, ist die Hausarztpraxis ein völlig normaler erster Schritt. Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Wenn du beim letzten Punkt zustimmen konntest, hast du den eigentlichen Sinn dieses Beitrags verstanden.
Und wenn du beim ersten gezögert hast, fang mit Übung fünf an.
Übrigens erkennt man Poetry Slam Klischees bei sich selbst erst, wenn man aufhört, sie bei anderen zu zählen.
Kein Programm, sondern eine Woche.
| Tag | Was du machst | Dauer |
|---|---|---|
| Montag | Aktuellen Text ausdrucken und mit rotem Stift markieren. | 15 Minuten |
| Dienstag | Drei markierte Zeilen konkreter neu schreiben. | 30 Minuten |
| Mittwoch | Bei fünf alten Texten die letzten zwei Zeilen streichen und laut lesen. | 20 Minuten |
| Donnerstag | Alle wir durch ich ersetzen und den Text laut lesen. | 15 Minuten |
| Freitag | Einen Text komplett ohne Bewegung sprechen. | 15 Minuten |
| Samstag | Beim nächsten Abend Klischees mitschreiben. Ohne zu urteilen. | — |
| Sonntag | Ein Thema notieren, das gerade niemand macht. | 10 Minuten |
Der Sonntag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.
Denn alle zehn Klischees zu vermeiden, macht deinen Text noch nicht eigen. Das macht erst der Gegenstand, über den außer dir gerade niemand schreibt.
Damit hast du nach einer Woche einen Umgang mit Poetry Slam Klischees, der ohne Verbotsliste auskommt.
Zurück nach Potsdam.
Der Text in meiner Tasche war drei Jahre alt und hatte damals gut funktioniert.
Im Zug habe ich ihn durchgezählt.
Die Bilanz
Zerknülltes Blatt: ja. Brechende Stimme an der immer gleichen Stelle: ja. Weltschmerz-Schluss: ausgeprägt.
Steigerungsaufzählung: zweimal. Später Reim: ja. Das große Wir: dreimal. Erklärte Pointe: leider auch.
Nicht bedient hatte ich nur drei, und zwei davon aus Zufall.
Sieben von zehn Poetry Slam Klischees also, in einem Text, den ich für gelungen gehalten hatte.
Und der Punkt, der wehtut
Ich hatte das alles nicht erfunden.
Ich hatte es abgeschaut, genau wie die Person auf der Bühne, über die ich mich zwei Stunden vorher innerlich lustig gemacht hatte.
Wir haben beide dasselbe getan. Sie war nur ehrlicher, weil sie es noch nicht wusste.Notiz aus dem Zug, irgendwo hinter Werder
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Ich habe diesen Text nie mehr gespielt.
Und das war vermutlich ein Fehler.
Denn ein Text, der bei Menschen ankommt, ist kein schlechter Text, auch wenn er sieben bekannte Mittel benutzt.
Denn er hat funktioniert, Menschen haben mich darauf angesprochen, und sieben Klischees haben ihn offensichtlich nicht daran gehindert, anzukommen.
Was ich hätte tun sollen, steht in Kapitel drei: einmal mit rotem Stift durchgehen und drei Zeilen neu schreiben.
Stattdessen habe ich ihn weggelegt, weil er mir peinlich war. Das ist genau der Fehler aus Kapitel achtzehn, und ich habe ihn gemacht, während ich diesen Beitrag schon im Kopf hatte.
Die ehrliche Antwort auf die Frage, was nach dem Streichen übrig bleibt, ist unbequem.
Bei den ersten Versuchen: erschreckend wenig.
Das ist normal und kein Grund aufzuhören. Es bedeutet nur, dass die Lücke jetzt sichtbar ist.
Warum jetzt erst das Handwerk anfängt
Ein Klischee zu erkennen ist leicht. Es zu ersetzen ist die eigentliche Arbeit.
Denn du brauchst dann ein eigenes Bild statt eines bekannten, einen eigenen Aufbau statt der Steigerungsaufzählung und einen Schluss, der ohne Erklärung trägt.
Und das dauert. Bei mir hat es ungefähr drei Jahre gedauert, bis ich eine Zeile streichen konnte, ohne sie sofort durch eine ähnlich bekannte zu ersetzen.
Das kann man nicht aus einer Verbotsliste ableiten. Das muss man können.
Kurz gesagt: Poetry Slam Klischees zu erkennen ist Beobachtung. Sie zu ersetzen ist Handwerk.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge für den Moment, in dem du eine Zeile gestrichen hast und etwas Eigenes an ihre Stelle setzen musst.
Denn Klischees vermeiden macht deinen Text noch nicht gut. Es macht nur Platz.
Streich das Bekannte. Und dann bau etwas hin, das nur du bauen kannst.
Übrigens habe ich den alten Text neulich wieder herausgeholt.
Sieben Klischees, drei neue Zeilen. Er ist jetzt deutlich besser und immer noch derselbe Text.
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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
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Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
