Geduld mit dir selbst: Warum dein zehnter Text besser wird als dein erster
Oben rechts auf ihrem Blatt stand eine 14. Ich hielt sie für eine Startnummer.
Halle an der Saale, ein Newcomer-Slam in einem Hinterhaus, dreiunddreißig Leute.
Sie war die Vierte und fiel damit auf ganzer Linie durch.
Kein Gelächter, kein Applaus, nur dieses höfliche Klatschen, das schlimmer ist als Stille.
Danach ging sie zurück an ihren Tisch und schrieb etwas auf das Blatt.
Ich habe das für Trotz gehalten oder für eine Notiz zum Umschreiben.
Es war weder das eine noch das andere.
Geduld mit sich selbst sieht von außen nämlich ziemlich unspektakulär aus.
Dieser Beitrag handelt davon, warum dein erster Text schlecht sein muss.
Und davon, wie du dranbleibst, bis der zehnte kommt.
Vor allem aber handelt er davon, dass Geduld mit sich selbst kein weicher Ratschlag ist, sondern eine Rechenaufgabe.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er kostet dich zwei Sekunden pro Text.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenWarum dein erster Text schlecht sein muss
Nicht darf. Muss.
Denn ein erster Text entsteht ohne jede Erfahrung damit, wie ein Text auf einer Bühne wirkt.
Du weißt zu diesem Zeitpunkt nicht, wie lang zwei Minuten sind. Außerdem weißt du nicht, wo ein Publikum aussteigt und an welchen Stellen es mitgeht.
Diese Dinge kann man nicht lesen. Man kann sie nur erleben.
Also ist dein erster Text kein Beweis für dein Talent. Er ist ein Messgerät.
Was der erste Text tatsächlich leistet
Er verwandelt Vermutungen in Daten.
Vorher hast du geglaubt, die Stelle in der Mitte sei stark. Nachher weißt du, dass dort niemand atmet.
Das ist kein Scheitern, sondern eine Messung.
Hokusai zählte seine ersten siebzig Jahre nicht mit
1834 schrieb der japanische Künstler Katsushika Hokusai ein Nachwort zu seiner Reihe „Hundert Ansichten des Fuji“.
Er war zu diesem Zeitpunkt fünfundsiebzig Jahre alt und längst berühmt.
Alles, was ich vor dem siebzigsten Lebensjahr gemacht habe, ist nicht der Rede wert.Katsushika Hokusai · Nachwort, 1834 · sinngemäß übersetzt
Zu diesem „alles“ gehören tausende veröffentlichte Blätter. Darunter Die große Welle, die heute auf Kaffeetassen klebt.
Er strich sie trotzdem aus seiner eigenen Zählung.
Ehrlicher Hinweis dazu: Der Text kursiert in mehreren Übersetzungen, und die Formulierungen unterscheiden sich deutlich. Die Aussage ist in allen Fassungen dieselbe.
Wenn Hokusai seine ersten siebzig Jahre als Vorarbeit verbucht, darf dein erster Text auch Vorarbeit sein.
Und Messungen brauchen genau eines, nämlich Wiederholung.
Deshalb beginnt Geduld mit sich selbst schon hier. Nämlich mit der Frage, was ein einzelner Text überhaupt beweisen kann.
Ira Glass erklärt die Lücke, die dich fast zum Aufhören bringt
2009 gab der amerikanische Radiomacher Ira Glass eine Reihe von Interviews über das Erzählen.
Ein Ausschnitt daraus ist seitdem millionenfach geteilt worden, und zwar aus einem guten Grund.
Glass beschreibt darin ein Problem, das kein Ratgeber vorher benannt hatte.
Die Lücke zwischen Geschmack und Können
Wir fangen mit kreativer Arbeit an, weil wir guten Geschmack haben.
Wir erkennen, was gut ist. Genau deshalb sind wir überhaupt hier gelandet.
Aber unser Können hinkt diesem Geschmack jahrelang hinterher.
Dein Geschmack ist der Grund, warum deine Arbeit dich enttäuscht.Ira Glass · This American Life, 2009 · sinngemäß übersetzt
Das ist der wichtigste Satz auf dieser Seite.
Denn er dreht die Bewertung komplett um. Deine Enttäuschung ist kein Zeichen von Unfähigkeit.
Sie ist ein Zeichen von Urteilsvermögen.
Also ist Geduld mit sich selbst in diesem Moment die einzig sachlich richtige Reaktion.
Und sein Rat dazu
Glass sagt anschließend etwas sehr Unromantisches.
Nämlich: Mach eine große Menge Arbeit. Setz dir eine Frist, sodass du jede Woche oder jeden Monat etwas fertig hast.
Nur durch Menge schließt sich die Lücke.
Außerdem gibt er offen zu, dass er selbst länger dafür gebraucht hat als alle, die er kennt.
Übrigens ist genau das der Grund, warum Geduld mit sich selbst und Fleiß kein Widerspruch sind.
Wer sie nicht kennt, hält sich für unbegabt. Wer sie kennt, hält sich für Nummer zwei von zwanzig.
Warum sich Entwicklung nicht wie Entwicklung anfühlt
Hier kommt der eigentlich fiese Teil.
Du wirst besser und merkst es nicht.
Das liegt daran, dass dein Geschmack gleichzeitig mitwächst. Und zwar schneller.
Nach zehn Texten schreibst du deutlich besser als am Anfang. Allerdings hörst du inzwischen auch viel genauer, was noch fehlt.
Der Abstand zwischen beiden bleibt deshalb ungefähr gleich groß.
Also fühlt sich Fortschritt an wie Stillstand.
Und deshalb braucht es Geduld mit sich selbst ausgerechnet dann am dringendsten, wenn du gerade besser wirst.
Der einzige Ausweg aus dieser Täuschung
Du kannst dich nicht mit deinem heutigen Geschmack vergleichen.
Du musst dich mit deinem alten Text vergleichen.
Und dafür musst du deinen alten Text noch haben, was uns direkt zum Griff dieses Beitrags führt.
Kurz gesagt: Geduld mit sich selbst braucht Belege und keine guten Vorsätze.
Die echte Kurve: lange Plateaus, kurze Sprünge
In den meisten Ratgebern steigt die Entwicklungskurve gleichmäßig an.
So sieht sie in der Realität allerdings nie aus.
Wichtig ist daran nur eine einzige Erkenntnis.
Du steckst statistisch gesehen fast immer auf einem Plateau, weil die Plateaus viel länger sind als die Sprünge.
Deshalb fühlt sich Schreiben die meiste Zeit nach Stillstand an.
James Dyson brauchte 5.127 Versuche
Der britische Erfinder James Dyson arbeitete jahrelang an einem Staubsauger ohne Beutel.
Bis der erste funktionierende Prototyp stand, baute er nach eigener Darstellung 5.127 Stück.
Fünftausendeinhundertsechsundzwanzig davon waren Plateau.
Es gibt keinen Quantensprung. Es gibt nur sture Beharrlichkeit – und am Ende sieht es aus wie ein Quantensprung.James Dyson · sinngemäß übersetzt
Die Zahl stammt aus Dysons eigenen Schilderungen und wird seit Jahrzehnten so wiedergegeben. Nachprüfen kann man sie nicht, plausibel ist sie trotzdem.
Für dich heißt das vor allem eines: Wer bei Text sieben aufgibt, hat noch nicht einmal ein Promille von Dysons Geduld mit sich selbst aufgebracht.
Und deshalb ist Geduld mit sich selbst hier kein netter Ratschlag, sondern schlicht die richtige Beschreibung der Lage.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Geduld mit sich selbst: der eine Griff, der alles sichtbar macht
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Oben rechts, fortlaufend, ab heute. Der erste bekommt eine Eins. Und danach hört das nie wieder auf.
Das war es. Zwei Sekunden pro Text.
Damit wird Geduld mit sich selbst überprüfbar. Und alles, was überprüfbar ist, hält länger als ein Vorsatz.
Warum ausgerechnet eine Nummer
Weil eine Nummer keine Wertung ist, sondern ein Stand.
Die Frage „bin ich gut genug?“ hat keine Antwort. Die Frage „bei welcher Nummer bin ich?“ hat immer eine.
Außerdem macht die Nummer die Kurve aus Kapitel vier sichtbar.
Denn ein Plateau erträgt man deutlich leichter, wenn man weiß, dass man gerade bei elf steht und nicht bei drei.
Und drittens sammelst du dadurch überhaupt erst Beweise.
Denn Geduld mit sich selbst funktioniert nicht über Zureden, sondern über Aktenlage.
Anthony Trollope ließ jedes einzelne Wort mitzählen
Anthony Trollope war einer der produktivsten Romanciers des 19. Jahrhunderts. Er schrieb morgens ab halb sechs, bevor er zu seiner Arbeit bei der Post ging.
In seiner 1883 erschienenen Autobiografie beschreibt er, wie er dabei Buch führte.
Tag für Tag habe ich die Zahl der geschriebenen Seiten eingetragen.Anthony Trollope · Autobiografie, 1883 · sinngemäß übersetzt
Der Grund dafür ist genau der Punkt dieses Kapitels.
Er schreibt, dass eine Phase der Untätigkeit ihm aus diesem Heft entgegenstarrte und mehr Arbeit von ihm verlangte.
Und er ging noch einen Schritt weiter. Eine Seite hatte bei ihm exakt 250 Wörter, und er ließ jedes einzelne Wort mitzählen.
Das ist der Griff aus diesem Kapitel, nur hundertvierzig Jahre früher.
Der ehrliche Haken an Trollope
Genau diese Passagen haben seinem Ruf jahrzehntelang geschadet.
Nach dem Erscheinen der Autobiografie galt er vielen als Handwerker ohne Kunst, weil er das Schreiben so nüchtern beschrieb wie eine Buchhaltung.
Heute liest man dieselben Sätze als Anleitung.
Die drei Regeln dazu
Regel 1 – Jeder Text bekommt eine Nummer, auch der schlechte
Regel 2 – Nichts wird weggeworfen
Regel 3 – Die Nummer wird nie zurückgesetzt
Ray Bradbury und die 52 Geschichten
2001 sprach Ray Bradbury beim sechsten Writer’s Symposium by the Sea der Point Loma Nazarene University vor Publikum.
Dort gab er einen Rat, der sich seitdem hartnäckig hält.
Schreib jede Woche eine Kurzgeschichte. Es ist nicht möglich, 52 schlechte am Stück zu schreiben.Ray Bradbury · 2001 · sinngemäß übersetzt
Der Satz wirkt auf den ersten Blick wie ein Kalenderspruch.
Er ist aber eine mathematische Aussage.
Was er wirklich behauptet
Bradbury sagt nicht, dass du gut wirst. Er sagt, dass die Wahrscheinlichkeit gegen dich arbeitet, wenn du oft genug antrittst.
Bei einem Text pro Jahr entscheidet der Zufall über dein Selbstbild.
Bei zweiundfünfzig Texten entscheidet er nicht mehr mit.
Insofern ist Geduld mit sich selbst bei Bradbury schlicht eine Frage der Stichprobengröße.
In seinen Schriften zum Schreiben taucht dazu eine Zahl auf, die noch ehrlicher ist. Bradbury spricht davon, dass man fünfundvierzig von zweiundfünfzig Geschichten im ersten Jahr nicht als Versagen ansehen solle.
Fünfundvierzig schlechte von zweiundfünfzig. Das ist eine Trefferquote von unter fünfzehn Prozent, und zwar bei Ray Bradbury.
Der ehrliche Haken
Bradbury erzählte außerdem gern, er habe in zehn Jahren jedes Buch der Bibliothek gelesen und tausend Geschichten geschrieben.
Das ist seine eigene Erinnerung, mehrfach in Interviews wiederholt, und ziemlich sicher gerundet.
An der Grundaussage ändert das nichts. Sie lautet schlicht: Menge schlägt Talent.
Nach einem Jahr hast du zwölf Messungen statt einer Meinung.
Was sich zwischen Text 1 und Text 10 wirklich ändert
Nicht dein Talent. Sondern lauter kleine handwerkliche Dinge, die man einzeln gar nicht bemerkt.
Keiner dieser Punkte ist Begabung. Alle sind erlernbar.
Und genau deshalb lohnt sich Geduld mit sich selbst überhaupt erst.
Denn man wartet ja nicht darauf, begabter zu werden. Man wartet darauf, dass sich sechs handwerkliche Dinge gesetzt haben.
Genau deshalb ist Geduld mit sich selbst hier nichts Passives, sondern eine ziemlich konkrete Wartezeit auf konkrete Fertigkeiten.
Octavia E. Butler schrieb sich 1988 eine Nachricht
Die Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler arbeitete jahrelang in Aushilfsjobs und stand um zwei oder drei Uhr nachts auf, um zu schreiben.
1988 notierte sie auf die Innenseite eines Notizbuchs eine Art Vertrag mit sich selbst.
Sie schrieb, dass ihre Romane auf die Bestsellerlisten kommen würden. Und zwar unabhängig davon, ob Verlage sie pushen, ob sie hohe Vorschüsse bekommt oder je wieder einen Preis gewinnt.
So sei es! Sorg dafür!Octavia E. Butler · Notizbuch, 1988 · sinngemäß übersetzt
Diese Notizbücher liegen heute in der Huntington Library in Kalifornien, die ihren Nachlass verwahrt.
Und jetzt der Teil, der wehtut
Butler starb 2006 im Alter von achtundfünfzig Jahren.
Auf die Bestsellerliste der New York Times kam sie im Jahr 2020.
Also vierzehn Jahre nach ihrem Tod, mit einem Roman von 1993.
Das ist keine erbauliche Pointe, und ich verkaufe sie auch nicht als eine.
Warum die Geschichte trotzdem hierher gehört
Weil sie zeigt, wie lang die Zeiträume wirklich sind.
Butler hat sich nicht selbst überzeugt, weil sie den Erfolg kommen sah. Sie hat sich überzeugt, weil sie sonst nicht weitergeschrieben hätte.
Der Zettel war kein Orakel. Er war ein Werkzeug gegen das Aufhören.
Und genau das ist Geduld mit sich selbst in ihrer nüchternsten Form.
Außerdem zeigt ihr Beispiel, dass Geduld mit sich selbst und großer Ehrgeiz sich überhaupt nicht ausschließen.
Zwölf Sätze, die deine Geduld mit sich selbst zerstören
Klapp auf, was du kennst.
Sechs Sätze über dich
„Wenn ich Talent hätte, wäre es beim ersten Mal gut gewesen.“
„Ich bin zu spät dran.“
„Andere machen das seit zwei Jahren, ich habe keine Chance.“
„Ich müsste eigentlich schon weiter sein.“
„Ich habe seit Monaten nichts Gutes geschrieben.“
„Es lohnt sich nicht mehr.“
Ein Einschub zu diesen sechs Sätzen
Stephen King warf die ersten Seiten von „Carrie“ in den Mülleimer.
Sein Argument war einer der Sätze von oben: Er könne nicht überzeugend über ein junges Mädchen schreiben.
Seine Frau Tabitha holte die Seiten wieder heraus und sagte ihm, er solle weitermachen.
Das fertige Manuskript sammelte danach rund dreißig Absagen ein, bevor ein Verlag zusagte.
Die Sätze weiter oben klingen also nicht nur in deinem Kopf überzeugend. Sie klangen auch in seinem überzeugend.
Und sechs Sätze über die anderen
„Der macht das doch mit links.“
„Die sind alle jünger als ich.“
„Die haben eine Ausbildung dafür.“
„Der Applaus zeigt doch, wie es steht.“
„Wenn ich so gut wäre wie die, würde ich weitermachen.“
„Alle anderen haben mehr Zeit.“
Zehn Dinge, die du nach zehn Texten kannst
Das hier ist keine Motivationsliste, sondern eine Bestandsaufnahme.
| Was du nach Text 1 machst | Was du nach Text 10 machst |
|---|---|
| Du schreibst, bis das Thema durch ist. | Du schreibst auf eine Zeitvorgabe hin. |
| Du liest ab. | Du kennst die ersten und die letzten drei Sätze auswendig. |
| Du merkst Fehler erst hinterher. | Du merkst sie währenddessen und rettest die Stelle. |
| Du erklärst deine Pointe. | Du lässt sie stehen. |
| Du wirst schneller, wenn es still wird. | Du wirst langsamer, wenn es still wird. |
| Du hältst jeden Satz für notwendig. | Du streichst zwanzig Prozent ohne Verlust. |
| Du wählst dein Thema nach Wichtigkeit. | Du wählst es nach Erzählbarkeit. |
| Du hoffst auf eine Reaktion. | Du baust die Stelle, an der sie kommt. |
| Du misst dich am Applaus. | Du misst dich an Text 1. |
| Du fragst dich, ob du das kannst. | Du fragst dich, welche Nummer als Nächstes dran ist. |
Nichts davon ist Begabung. Alles davon ist Wiederholung.
Deshalb lohnt sich Geduld mit sich selbst messbar. Du wartest nämlich auf zehn konkrete Fähigkeiten und nicht auf ein Wunder.
Warum der Vergleich mit anderen die Geduld auffrisst
Es gibt einen Vergleich, der hilft, und einen, der zerstört.
Der zerstörerische ist der mit anderen Menschen.
Denn du vergleichst dein Innenleben mit deren Außenwirkung. Also dein Zweifeln mit ihrer Bühne.
Dieser Vergleich ist rechnerisch unfair und trotzdem völlig automatisch.
Und er ist der zuverlässigste Weg, jede Geduld mit sich selbst innerhalb von zehn Minuten zu verlieren.
Der Vergleich, der tatsächlich hilft
Nimm deinen aktuellen Text und lies daneben deinen ersten.
Das ist unangenehm, weil der erste peinlich ist. Und genau darin liegt der Wert.
Zwölf Absagen und der Rat, den Brotjob zu behalten
„Harry Potter und der Stein der Weisen“ wurde von zwölf Verlagen abgelehnt.
Dazu bekam die Autorin den Rat, ihren normalen Job auf keinen Fall aufzugeben.
Angenommen wurde das Manuskript schließlich bei Bloomsbury, nachdem die achtjährige Tochter des Verlegers unbedingt den Rest lesen wollte.
Der Punkt ist hier ausdrücklich nicht der Erfolg danach.
Der Punkt ist, dass zwölf Fachleute dasselbe fertige Manuskript für nicht verkäuflich hielten.
Wenn sich zwölf Profis bei einem fertigen Buch irren können, dann kann sich ein Publikum an einem Dienstagabend auch bei deinem Text irren.
Die Peinlichkeit ist die Messgröße. Je peinlicher dir Text eins heute ist, desto weiter bist du gekommen.
Übrig bleibt der Vergleich mit dir selbst. Und der ist der einzige, aus dem etwas folgt.
Das Logbuch: fünf Stationen, die fast alle durchlaufen
Diese fünf Stationen kommen bei fast jedem in derselben Reihenfolge.
Du kannst sie also erwarten statt erschrecken.
Die Zahlen sind Näherungen aus dem, was ich bei anderen und bei mir selbst gesehen habe.
Die Reihenfolge ist dagegen erstaunlich stabil.
Wer sie kennt, braucht deutlich weniger Geduld mit sich selbst. Denn erwartete Plateaus sind viel leichter auszuhalten als überraschende.
Sechs Übungen für mehr Geduld mit sich selbst
Diese sechs kosten dich zusammen keine halbe Stunde pro Woche.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn Geduld mit sich selbst lernt man wie jedes Handwerk, nämlich in kleinen Schritten.
Drei Übungen mit deinen alten Texten
Übung 1 – Die Rückwärtslesung
Übung 2 – Die Nummerierung nachholen
Übung 3 – Die eine gerettete Zeile
Drei Übungen für den Kopf
Übung 4 – Der Monatsvertrag
Übung 5 – Die Plateau-Notiz
Übung 6 – Der Brief an Nummer eins
Drei Videos über Entwicklung und Übung
Alle drei sind auf Englisch und haben Untertitel.
Und alle drei habe ich vorher angesehen.
Außerdem erklärt jedes davon einen anderen Teil davon, warum Geduld mit sich selbst überhaupt nötig ist.
Wenn Geduld mit sich selbst nicht mehr reicht
Dieses Kapitel gehört hierher, auch wenn es den Ton bricht.
Alles bisher Beschriebene ist normal. Frust über eigene Texte gehört zum Handwerk, und Plateaus gehören zur Entwicklung.
Es gibt allerdings eine Grenze.
Anzeichen, bei denen dieser Beitrag das falsche Werkzeug ist
Die Abwertung betrifft nicht mehr deine Texte, sondern grundsätzlich deinen Wert als Mensch.
Du schläfst schlecht oder verlierst über Wochen das Interesse an Dingen, die dir sonst wichtig waren.
Du ziehst dich von Menschen zurück, weil du dich für nicht vorzeigbar hältst.
Oder du behandelst dich mit einer Härte, die du bei niemand anderem dulden würdest.
Wohin du dich dann wenden kannst
Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt.
Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Das ist kein Widerspruch zum Schreiben. Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.
Denn dann hilft keine Zählung. Und ehrlich gesagt auch keine Geduld mit sich selbst.
Selbstcheck: Wie steht es um deine Geduld?
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Wenn du bei der ersten Frage nicht zustimmen konntest, fang heute Abend mit der Zählung an.
Und wenn du bei der letzten nicht zustimmen konntest, mach Übung eins noch diese Woche.
Übrigens ist genau diese letzte Frage der beste Einzelindikator für Geduld mit sich selbst, den ich kenne.
Zehn Fehler bei der Geduld mit sich selbst
Fünf Fehler beim Schreiben
Fehler 1: Schlechte Texte wegwerfen
Fehler 2: Auf Inspiration warten
Fehler 3: Nur an einem Text arbeiten
Fehler 4: Den ersten Applaus als Maßstab nehmen
Fehler 5: Themen nach Wichtigkeit statt nach Erzählbarkeit wählen
Drei Zahlen gegen die Ungeduld
Frank Herbert sammelte für „Der Wüstenplanet“ rund dreiundzwanzig Absagen ein. Veröffentlicht hat ihn am Ende ein Verlag, der sonst vor allem Reparaturhandbücher druckte.
Madeleine L’Engle bekam für „Die Zeitfalte“ sechsundzwanzig Absagen, unter anderem mit der Begründung, das Buch sei zu anders.
Und Stephen King, siehe Kapitel neun, rund dreißig.
Diese Zahlen kursieren in leicht unterschiedlichen Fassungen. Die Größenordnung ist in allen Quellen stabil, und genau darauf kommt es hier an.
Fünf Fehler im Kopf
Fehler 6: Entwicklung als gerade Linie erwarten
Fehler 7: Sich mit Leuten vergleichen, deren Anzahl man nicht kennt
Fehler 8: Nach einem schlechten Abend Grundsatzentscheidungen treffen
Fehler 9: Pausen als Rückschritt werten
Fehler 10: Geduld mit Passivität verwechseln
Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage
Kein Programm, sondern eine Woche.
| Tag | Was du machst | Dauer |
|---|---|---|
| Montag | Alles zusammensuchen, was du je geschrieben hast. Auch die Handyzettel. | 30 Minuten |
| Dienstag | Nach Datum sortieren und durchnummerieren. Deine Zahl notieren. | 20 Minuten |
| Mittwoch | Text Nummer eins einmal laut lesen. Nicht bewerten, nur lesen. | 10 Minuten |
| Donnerstag | Drei Dinge aufschreiben, die du heute besser kannst als damals. | 10 Minuten |
| Freitag | Ordner anlegen. Digital oder aus Pappe, Hauptsache einer. | 10 Minuten |
| Samstag | Den nächsten Text anfangen und oben rechts die Nummer eintragen. | — |
| Sonntag | Termin für den übernächsten Text in den Kalender schreiben. | 2 Minuten |
Der Dienstag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.
Trollope nannte so ein Heft schlicht sein Arbeitstagebuch. Bei ihm starrte die Untätigkeit aus den leeren Zeilen zurück, und genau das war der Zweck.
Denn fast alle unterschätzen ihre eigene Zahl. Und die richtige Zahl verändert sofort, wie du über dich denkst.
Danach fällt die Geduld mit sich selbst spürbar leichter, weil sie plötzlich auf einer Zahl steht.
Häufige Fragen zur Geduld mit sich selbst
Fragen zur Entwicklung
Stimmt die Zahl zehn wirklich?
Was, wenn ich nach zwanzig Texten immer noch nicht gut bin?
Kann man Geduld mit sich selbst überhaupt lernen?
Ist Talent denn gar nichts?
Fragen zur Praxis
Zählen unfertige Texte mit?
Was ist mit Texten, die ich nie vortragen werde?
Soll ich alte Texte überarbeiten oder neue schreiben?
Wie oft sollte ich auftreten?
Halle an der Saale – der Rest der Geschichte
Zurück nach Halle.
Ich habe sie nach dem Slam gefragt, was die 14 auf ihrem Blatt bedeutet.
Ich dachte wirklich, es sei eine Startnummer, obwohl an dem Abend nur neun Leute angetreten waren.
Sie hat gesagt, das sei ihr vierzehnter Text.
Was sie dann erklärt hat
Sie nummeriere alles, seit sie angefangen habe. Oben rechts, fortlaufend, auch die schlechten.
Vor allem die schlechten, sagte sie.
Und dann kam der Satz, der der Grund für diesen ganzen Beitrag ist.
Vierzehn ist keine Wertung. Vierzehn ist ein Stand.Die Frau mit der 14 · Halle an der Saale
Sie hat mir erklärt, dass sie deshalb nach schlechten Abenden nicht zusammenbricht.
Weil ein schlechter Text bei vierzehn eben nur bedeutet, dass sie bei vierzehn steht.
Und nicht, dass sie nichts kann.
Damit hatte sie Geduld mit sich selbst in vier Wörter gepackt, wofür ich diesen ganzen Beitrag brauche.
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Sie hat mich auf dem Rückweg zur Bahn gefragt, bei welcher Nummer ich stehe.
Ich hatte keine Ahnung.
Ich schreibe seit Jahren. Trotzdem konnte ich diese Frage nicht beantworten, und zwar aus einem sehr banalen Grund.
Ich hatte die schlechten weggeworfen.
Jahrelang, konsequent, immer sofort. Also besaß ich keinen einzigen Beleg für meine eigene Entwicklung.
Was ich seitdem mache
Ich habe an dem Wochenende alles zusammengesucht, was noch da war.
Übrig geblieben waren siebzehn Texte aus mehreren Jahren.
Die habe ich sortiert und durchnummeriert, und seitdem bekommt jeder neue Text oben rechts eine Zahl.
Deshalb steht dieser Beitrag hier: damit du nicht bei siebzehn anfängst zu zählen, sondern bei eins.
Was die Zahl allein nicht schafft
Eine Nummer sorgt dafür, dass du dranbleibst.
Sie sorgt allerdings nicht dafür, dass Text 20 besser ist als Text 19.
Denn Menge allein macht dich nur routiniert. Menge plus Werkzeug macht dich besser.
Das ist der Unterschied zwischen zehn Jahren Erfahrung und einem Jahr Erfahrung, zehnmal wiederholt.
Hokusai soll kurz vor seinem Tod gesagt haben, mit weiteren zehn Jahren wäre aus ihm ein richtiger Maler geworden.
Er war zu diesem Zeitpunkt neunundachtzig.
Das ist keine traurige Pointe, sondern eine beruhigende. Selbst er stand am Ende noch auf einem Plateau.
Wo das Handwerk anfängt
Fast alles, was zwischen Text 1 und Text 10 passiert, sind erlernbare Griffe.
Wie ein Einstieg gebaut wird. Wie ein Bild trägt. Wo eine Pause hingehört. Und wie man zwanzig Prozent streicht, ohne dass es wehtut.
Diese Dinge kann man sich über dreißig Texte selbst beibringen. Oder man kann sie sich zeigen lassen und braucht dafür zehn.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also genau die Griffe, die sonst zwischen Text 1 und Text 30 langsam von selbst entstehen – nur eben sortiert, erklärt und sofort anwendbar.
Es macht die Kurve nicht flacher. Es macht die Plateaus kürzer.
Die Nummer schreibst du selbst drauf. Den Rest kannst du lernen.
Übrigens: Fang heute mit der Eins an.
In zwei Jahren wird dich diese Eins mehr überzeugen als jedes Lob, das du bis dahin bekommst.
Denn Geduld mit sich selbst wächst nicht aus guten Sprüchen. Sie wächst aus einem Stapel mit Zahlen darauf.
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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
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Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
