Geduld mit dir selbst: Warum dein zehnter Text besser ist

Halle an der Saale · Text Nummer 14

Geduld mit dir selbst: Warum dein zehnter Text besser wird als dein erster

Oben rechts auf ihrem Blatt stand eine 14. Ich hielt sie für eine Startnummer.

Halle an der Saale, ein Newcomer-Slam in einem Hinterhaus, dreiunddreißig Leute.

Sie war die Vierte und fiel damit auf ganzer Linie durch.

Kein Gelächter, kein Applaus, nur dieses höfliche Klatschen, das schlimmer ist als Stille.

Danach ging sie zurück an ihren Tisch und schrieb etwas auf das Blatt.

Ich habe das für Trotz gehalten oder für eine Notiz zum Umschreiben.

Es war weder das eine noch das andere.

Geduld mit sich selbst sieht von außen nämlich ziemlich unspektakulär aus.

Geduld mit sich selbst nach einem Reinfall: der Waschbär steht mit einem Blatt auf einer kleinen Bühne, das Publikum bleibt regungslos
Das höfliche Klatschen. Der Moment, in dem die meisten aufhören.

Dieser Beitrag handelt davon, warum dein erster Text schlecht sein muss.

Und davon, wie du dranbleibst, bis der zehnte kommt.

Vor allem aber handelt er davon, dass Geduld mit sich selbst kein weicher Ratschlag ist, sondern eine Rechenaufgabe.

Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er kostet dich zwei Sekunden pro Text.

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Kapitel 01 Etwa bei Text 1

Warum dein erster Text schlecht sein muss

Nicht darf. Muss.

Denn ein erster Text entsteht ohne jede Erfahrung damit, wie ein Text auf einer Bühne wirkt.

Du weißt zu diesem Zeitpunkt nicht, wie lang zwei Minuten sind. Außerdem weißt du nicht, wo ein Publikum aussteigt und an welchen Stellen es mitgeht.

Diese Dinge kann man nicht lesen. Man kann sie nur erleben.

Also ist dein erster Text kein Beweis für dein Talent. Er ist ein Messgerät.

Was der erste Text tatsächlich leistet

Er verwandelt Vermutungen in Daten.

Vorher hast du geglaubt, die Stelle in der Mitte sei stark. Nachher weißt du, dass dort niemand atmet.

Das ist kein Scheitern, sondern eine Messung.

Hokusai zählte seine ersten siebzig Jahre nicht mit

1834 schrieb der japanische Künstler Katsushika Hokusai ein Nachwort zu seiner Reihe „Hundert Ansichten des Fuji“.

Er war zu diesem Zeitpunkt fünfundsiebzig Jahre alt und längst berühmt.

Alles, was ich vor dem siebzigsten Lebensjahr gemacht habe, ist nicht der Rede wert.
Katsushika Hokusai · Nachwort, 1834 · sinngemäß übersetzt

Zu diesem „alles“ gehören tausende veröffentlichte Blätter. Darunter Die große Welle, die heute auf Kaffeetassen klebt.

Er strich sie trotzdem aus seiner eigenen Zählung.

Ehrlicher Hinweis dazu: Der Text kursiert in mehreren Übersetzungen, und die Formulierungen unterscheiden sich deutlich. Die Aussage ist in allen Fassungen dieselbe.

Wenn Hokusai seine ersten siebzig Jahre als Vorarbeit verbucht, darf dein erster Text auch Vorarbeit sein.

Und Messungen brauchen genau eines, nämlich Wiederholung.

Deshalb beginnt Geduld mit sich selbst schon hier. Nämlich mit der Frage, was ein einzelner Text überhaupt beweisen kann.

Der Satz, um den es hier geht
Dein erster Text ist nicht dein Können. Er ist deine erste Messung.
Kapitel 02 Etwa bei Text 2

Ira Glass erklärt die Lücke, die dich fast zum Aufhören bringt

2009 gab der amerikanische Radiomacher Ira Glass eine Reihe von Interviews über das Erzählen.

Ein Ausschnitt daraus ist seitdem millionenfach geteilt worden, und zwar aus einem guten Grund.

Glass beschreibt darin ein Problem, das kein Ratgeber vorher benannt hatte.

Die Lücke zwischen Geschmack und Können

Wir fangen mit kreativer Arbeit an, weil wir guten Geschmack haben.

Wir erkennen, was gut ist. Genau deshalb sind wir überhaupt hier gelandet.

Aber unser Können hinkt diesem Geschmack jahrelang hinterher.

Dein Geschmack ist der Grund, warum deine Arbeit dich enttäuscht.
Ira Glass · This American Life, 2009 · sinngemäß übersetzt

Das ist der wichtigste Satz auf dieser Seite.

Denn er dreht die Bewertung komplett um. Deine Enttäuschung ist kein Zeichen von Unfähigkeit.

Sie ist ein Zeichen von Urteilsvermögen.

Also ist Geduld mit sich selbst in diesem Moment die einzig sachlich richtige Reaktion.

Und sein Rat dazu

Glass sagt anschließend etwas sehr Unromantisches.

Nämlich: Mach eine große Menge Arbeit. Setz dir eine Frist, sodass du jede Woche oder jeden Monat etwas fertig hast.

Nur durch Menge schließt sich die Lücke.

Außerdem gibt er offen zu, dass er selbst länger dafür gebraucht hat als alle, die er kennt.

Übrigens ist genau das der Grund, warum Geduld mit sich selbst und Fleiß kein Widerspruch sind.

Warum das hierher gehört
Geduld mit sich selbst ist keine Charakterfrage. Sie ist die logische Folge davon, dass man weiß, wie die Lücke funktioniert.

Wer sie nicht kennt, hält sich für unbegabt. Wer sie kennt, hält sich für Nummer zwei von zwanzig.
Kapitel 03 Etwa bei Text 3

Warum sich Entwicklung nicht wie Entwicklung anfühlt

Hier kommt der eigentlich fiese Teil.

Du wirst besser und merkst es nicht.

Das liegt daran, dass dein Geschmack gleichzeitig mitwächst. Und zwar schneller.

Nach zehn Texten schreibst du deutlich besser als am Anfang. Allerdings hörst du inzwischen auch viel genauer, was noch fehlt.

Der Abstand zwischen beiden bleibt deshalb ungefähr gleich groß.

Also fühlt sich Fortschritt an wie Stillstand.

Und deshalb braucht es Geduld mit sich selbst ausgerechnet dann am dringendsten, wenn du gerade besser wirst.

Der einzige Ausweg aus dieser Täuschung

Du kannst dich nicht mit deinem heutigen Geschmack vergleichen.

Du musst dich mit deinem alten Text vergleichen.

Und dafür musst du deinen alten Text noch haben, was uns direkt zum Griff dieses Beitrags führt.

Kurz gesagt: Geduld mit sich selbst braucht Belege und keine guten Vorsätze.

Geduld mit sich selbst wird sichtbar: der Waschbär überblickt dutzende auf dem Boden ausgelegte Blätter in langen Reihen
Fortschritt sieht man nie im einzelnen Text. Man sieht ihn nur in der Reihe.
Kapitel 04 Etwa bei Text 4

Die echte Kurve: lange Plateaus, kurze Sprünge

In den meisten Ratgebern steigt die Entwicklungskurve gleichmäßig an.

So sieht sie in der Realität allerdings nie aus.

Grafik 1 · Die echte Kurve
Keine Rampe, sondern eine Treppe. Die Stufen sind kurz, die Absätze lang.
Text 1 bis 5
Plateau
Alles fühlt sich gleich schlecht an. Hier hören die meisten auf.
Text 6
Sprung
Plötzlich sitzt ein Einstieg. Du weißt selbst nicht genau, warum.
Text 7 bis 12
Plateau
Wieder nichts. Gefühlt sogar Rückschritt, weil dein Ohr besser wurde.
Text 13
Sprung
Timing. Du merkst zum ersten Mal, wann du eine Pause brauchst.
Text 14 bis 25
Plateau
Das längste Plateau. Und das gefährlichste.
Text 26
Sprung
Eigene Handschrift. Ab hier klingt kein anderer wie du.
Die Zahlen sind Erfahrungswerte und keine Naturgesetze. Die Form der Kurve ist es allerdings schon.

Wichtig ist daran nur eine einzige Erkenntnis.

Du steckst statistisch gesehen fast immer auf einem Plateau, weil die Plateaus viel länger sind als die Sprünge.

Deshalb fühlt sich Schreiben die meiste Zeit nach Stillstand an.

James Dyson brauchte 5.127 Versuche

Der britische Erfinder James Dyson arbeitete jahrelang an einem Staubsauger ohne Beutel.

Bis der erste funktionierende Prototyp stand, baute er nach eigener Darstellung 5.127 Stück.

Fünftausendeinhundertsechsundzwanzig davon waren Plateau.

Es gibt keinen Quantensprung. Es gibt nur sture Beharrlichkeit – und am Ende sieht es aus wie ein Quantensprung.
James Dyson · sinngemäß übersetzt

Die Zahl stammt aus Dysons eigenen Schilderungen und wird seit Jahrzehnten so wiedergegeben. Nachprüfen kann man sie nicht, plausibel ist sie trotzdem.

Für dich heißt das vor allem eines: Wer bei Text sieben aufgibt, hat noch nicht einmal ein Promille von Dysons Geduld mit sich selbst aufgebracht.

Und deshalb ist Geduld mit sich selbst hier kein netter Ratschlag, sondern schlicht die richtige Beschreibung der Lage.

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Schreiben & Textaufbau
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Kapitel 05 Etwa bei Text 5

Geduld mit sich selbst: der eine Griff, der alles sichtbar macht

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.

Der Griff
Gib jedem Text eine laufende Nummer.

Oben rechts, fortlaufend, ab heute. Der erste bekommt eine Eins. Und danach hört das nie wieder auf.

Das war es. Zwei Sekunden pro Text.

Damit wird Geduld mit sich selbst überprüfbar. Und alles, was überprüfbar ist, hält länger als ein Vorsatz.

Warum ausgerechnet eine Nummer

Weil eine Nummer keine Wertung ist, sondern ein Stand.

Die Frage „bin ich gut genug?“ hat keine Antwort. Die Frage „bei welcher Nummer bin ich?“ hat immer eine.

Außerdem macht die Nummer die Kurve aus Kapitel vier sichtbar.

Denn ein Plateau erträgt man deutlich leichter, wenn man weiß, dass man gerade bei elf steht und nicht bei drei.

Und drittens sammelst du dadurch überhaupt erst Beweise.

Denn Geduld mit sich selbst funktioniert nicht über Zureden, sondern über Aktenlage.

Anthony Trollope ließ jedes einzelne Wort mitzählen

Anthony Trollope war einer der produktivsten Romanciers des 19. Jahrhunderts. Er schrieb morgens ab halb sechs, bevor er zu seiner Arbeit bei der Post ging.

In seiner 1883 erschienenen Autobiografie beschreibt er, wie er dabei Buch führte.

Tag für Tag habe ich die Zahl der geschriebenen Seiten eingetragen.
Anthony Trollope · Autobiografie, 1883 · sinngemäß übersetzt

Der Grund dafür ist genau der Punkt dieses Kapitels.

Er schreibt, dass eine Phase der Untätigkeit ihm aus diesem Heft entgegenstarrte und mehr Arbeit von ihm verlangte.

Und er ging noch einen Schritt weiter. Eine Seite hatte bei ihm exakt 250 Wörter, und er ließ jedes einzelne Wort mitzählen.

Das ist der Griff aus diesem Kapitel, nur hundertvierzig Jahre früher.

Der ehrliche Haken an Trollope

Genau diese Passagen haben seinem Ruf jahrzehntelang geschadet.

Nach dem Erscheinen der Autobiografie galt er vielen als Handwerker ohne Kunst, weil er das Schreiben so nüchtern beschrieb wie eine Buchhaltung.

Heute liest man dieselben Sätze als Anleitung.

Geduld mit sich selbst durch Menge: der Waschbär sitzt neben einem schulterhohen Stapel beschriebener Blätter
Der Stapel ist das Argument. Nicht der einzelne Text.

Die drei Regeln dazu

Regel 1 – Jeder Text bekommt eine Nummer, auch der schlechte
Vor allem der schlechte. Wer nur die guten zählt, hat am Ende fünf Texte und keine Entwicklung. Ein Text zählt, sobald er fertig ist. Ob er jemals auf eine Bühne kommt, ist eine völlig andere Frage.
Regel 2 – Nichts wird weggeworfen
Auch nicht der peinliche von damals. Der peinliche ist später dein wichtigster Beleg, weil du an ihm den Abstand misst. Ein Ordner reicht, digital oder aus Pappe.
Regel 3 – Die Nummer wird nie zurückgesetzt
Kein Neuanfang bei eins, auch nicht nach einer Pause von zwei Jahren. Die Zählung läuft weiter, weil deine Erfahrung ja auch weitergelaufen ist.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil du an einem schlechten Abend keine Methode anwendest. Du wendest die Sache an, die auch dann noch funktioniert, wenn du frustriert bist und eigentlich aufhören willst. Alles Weitere hier ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
Kapitel 06 Etwa bei Text 6

Ray Bradbury und die 52 Geschichten

2001 sprach Ray Bradbury beim sechsten Writer’s Symposium by the Sea der Point Loma Nazarene University vor Publikum.

Dort gab er einen Rat, der sich seitdem hartnäckig hält.

Schreib jede Woche eine Kurzgeschichte. Es ist nicht möglich, 52 schlechte am Stück zu schreiben.
Ray Bradbury · 2001 · sinngemäß übersetzt

Der Satz wirkt auf den ersten Blick wie ein Kalenderspruch.

Er ist aber eine mathematische Aussage.

Was er wirklich behauptet

Bradbury sagt nicht, dass du gut wirst. Er sagt, dass die Wahrscheinlichkeit gegen dich arbeitet, wenn du oft genug antrittst.

Bei einem Text pro Jahr entscheidet der Zufall über dein Selbstbild.

Bei zweiundfünfzig Texten entscheidet er nicht mehr mit.

Insofern ist Geduld mit sich selbst bei Bradbury schlicht eine Frage der Stichprobengröße.

In seinen Schriften zum Schreiben taucht dazu eine Zahl auf, die noch ehrlicher ist. Bradbury spricht davon, dass man fünfundvierzig von zweiundfünfzig Geschichten im ersten Jahr nicht als Versagen ansehen solle.

Fünfundvierzig schlechte von zweiundfünfzig. Das ist eine Trefferquote von unter fünfzehn Prozent, und zwar bei Ray Bradbury.

Der ehrliche Haken

Bradbury erzählte außerdem gern, er habe in zehn Jahren jedes Buch der Bibliothek gelesen und tausend Geschichten geschrieben.

Das ist seine eigene Erinnerung, mehrfach in Interviews wiederholt, und ziemlich sicher gerundet.

An der Grundaussage ändert das nichts. Sie lautet schlicht: Menge schlägt Talent.

Für den Slam übersetzt
Zweiundfünfzig Texte pro Jahr sind für die meisten unrealistisch, und das ist völlig in Ordnung. Nimm zwölf. Einen pro Monat, fertig geschrieben, nummeriert und abgelegt.

Nach einem Jahr hast du zwölf Messungen statt einer Meinung.
Kapitel 07 Etwa bei Text 7

Was sich zwischen Text 1 und Text 10 wirklich ändert

Nicht dein Talent. Sondern lauter kleine handwerkliche Dinge, die man einzeln gar nicht bemerkt.

Grafik 2 · Text 1 gegen Text 10
Heller Balken: Text 1. Kräftiger Balken: Text 10. Erfahrungswerte, keine Studie.
Länge trifft die Zeitvorgabe
Einstieg ohne Aufwärmsätze
Du weißt, wo das Publikum aussteigt
Pausen sind geplant
Schluss steht vor dem Schreiben fest
Du kannst kürzen, ohne zu trauern

Keiner dieser Punkte ist Begabung. Alle sind erlernbar.

Und genau deshalb lohnt sich Geduld mit sich selbst überhaupt erst.

Denn man wartet ja nicht darauf, begabter zu werden. Man wartet darauf, dass sich sechs handwerkliche Dinge gesetzt haben.

Genau deshalb ist Geduld mit sich selbst hier nichts Passives, sondern eine ziemlich konkrete Wartezeit auf konkrete Fertigkeiten.

Kapitel 08 Etwa bei Text 8

Octavia E. Butler schrieb sich 1988 eine Nachricht

Die Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler arbeitete jahrelang in Aushilfsjobs und stand um zwei oder drei Uhr nachts auf, um zu schreiben.

1988 notierte sie auf die Innenseite eines Notizbuchs eine Art Vertrag mit sich selbst.

Sie schrieb, dass ihre Romane auf die Bestsellerlisten kommen würden. Und zwar unabhängig davon, ob Verlage sie pushen, ob sie hohe Vorschüsse bekommt oder je wieder einen Preis gewinnt.

So sei es! Sorg dafür!
Octavia E. Butler · Notizbuch, 1988 · sinngemäß übersetzt

Diese Notizbücher liegen heute in der Huntington Library in Kalifornien, die ihren Nachlass verwahrt.

Und jetzt der Teil, der wehtut

Butler starb 2006 im Alter von achtundfünfzig Jahren.

Auf die Bestsellerliste der New York Times kam sie im Jahr 2020.

Also vierzehn Jahre nach ihrem Tod, mit einem Roman von 1993.

Das ist keine erbauliche Pointe, und ich verkaufe sie auch nicht als eine.

Warum die Geschichte trotzdem hierher gehört

Weil sie zeigt, wie lang die Zeiträume wirklich sind.

Butler hat sich nicht selbst überzeugt, weil sie den Erfolg kommen sah. Sie hat sich überzeugt, weil sie sonst nicht weitergeschrieben hätte.

Der Zettel war kein Orakel. Er war ein Werkzeug gegen das Aufhören.

Und genau das ist Geduld mit sich selbst in ihrer nüchternsten Form.

Außerdem zeigt ihr Beispiel, dass Geduld mit sich selbst und großer Ehrgeiz sich überhaupt nicht ausschließen.

Geduld mit sich selbst beginnt leer: ein aufgeschlagenes leeres Notizbuch auf einem Kneipentisch neben einem halb leeren Glas
Jede Zählung fängt mit einer leeren Seite an. Auch deine.
Kapitel 09 Etwa bei Text 9

Zwölf Sätze, die deine Geduld mit sich selbst zerstören

Klapp auf, was du kennst.

Sechs Sätze über dich

„Wenn ich Talent hätte, wäre es beim ersten Mal gut gewesen.“
Talent zeigt sich nicht am ersten Versuch, sondern an der Steigung zwischen Versuch drei und dreißig. Beim ersten Text sind alle gleich schlecht, nur unterschiedlich selbstbewusst.
„Ich bin zu spät dran.“
Wofür genau? Es gibt im Slam keine Altersgrenze und keine Rangliste, auf der man mit dreißig zu spät kommt. Es gibt nur die Zählung, und die beginnt, wann immer du anfängst.
„Andere machen das seit zwei Jahren, ich habe keine Chance.“
Sie haben zwei Jahre mehr Messungen. Das ist ein Vorsprung an Daten und kein Unterschied im Wert.
„Ich müsste eigentlich schon weiter sein.“
Weiter als was? Dieser Satz vergleicht dich mit einer erfundenen Version von dir, die nie existiert hat. Vergleich dich stattdessen mit Text Nummer eins.
„Ich habe seit Monaten nichts Gutes geschrieben.“
Dann steckst du auf einem Plateau. Das ist statistisch der Normalzustand und kein Alarmsignal.
„Es lohnt sich nicht mehr.“
Dieser Satz kommt fast immer nach einem einzigen schlechten Abend. Warte drei Tage und lies ihn dann noch einmal.

Ein Einschub zu diesen sechs Sätzen

Stephen King warf die ersten Seiten von „Carrie“ in den Mülleimer.

Sein Argument war einer der Sätze von oben: Er könne nicht überzeugend über ein junges Mädchen schreiben.

Seine Frau Tabitha holte die Seiten wieder heraus und sagte ihm, er solle weitermachen.

Das fertige Manuskript sammelte danach rund dreißig Absagen ein, bevor ein Verlag zusagte.

Die Sätze weiter oben klingen also nicht nur in deinem Kopf überzeugend. Sie klangen auch in seinem überzeugend.

Und sechs Sätze über die anderen

„Der macht das doch mit links.“
Du siehst sechs Minuten Bühne. Du siehst nicht die vierzig Abende davor und auch nicht die Texte, die nie jemand gehört hat.
„Die sind alle jünger als ich.“
Bei Newcomer-Slams stimmt das oft. Bei den Menschen, die seit zehn Jahren gut sind, stimmt es fast nie.
„Die haben eine Ausbildung dafür.“
Für Poetry Slam gibt es keine Ausbildung. Es gibt Bühnenzeit, und die ist käuflich weder zu erwerben noch zu umgehen.
„Der Applaus zeigt doch, wie es steht.“
Applaus misst einen Abend, ein Publikum und eine Reihenfolge. Deine Entwicklung misst er nicht.
„Wenn ich so gut wäre wie die, würde ich weitermachen.“
Die haben angefangen, als sie noch nicht so gut waren. Das ist der ganze Unterschied.
„Alle anderen haben mehr Zeit.“
Möglich. Octavia Butler stand um drei Uhr nachts auf, weil sie tagsüber arbeiten musste. Wenig Zeit ist ein echtes Problem und trotzdem kein Ausschlusskriterium.
Kapitel 10 Etwa bei Text 10

Zehn Dinge, die du nach zehn Texten kannst

Das hier ist keine Motivationsliste, sondern eine Bestandsaufnahme.

Was du nach Text 1 machstWas du nach Text 10 machst
Du schreibst, bis das Thema durch ist.Du schreibst auf eine Zeitvorgabe hin.
Du liest ab.Du kennst die ersten und die letzten drei Sätze auswendig.
Du merkst Fehler erst hinterher.Du merkst sie währenddessen und rettest die Stelle.
Du erklärst deine Pointe.Du lässt sie stehen.
Du wirst schneller, wenn es still wird.Du wirst langsamer, wenn es still wird.
Du hältst jeden Satz für notwendig.Du streichst zwanzig Prozent ohne Verlust.
Du wählst dein Thema nach Wichtigkeit.Du wählst es nach Erzählbarkeit.
Du hoffst auf eine Reaktion.Du baust die Stelle, an der sie kommt.
Du misst dich am Applaus.Du misst dich an Text 1.
Du fragst dich, ob du das kannst.Du fragst dich, welche Nummer als Nächstes dran ist.

Nichts davon ist Begabung. Alles davon ist Wiederholung.

Deshalb lohnt sich Geduld mit sich selbst messbar. Du wartest nämlich auf zehn konkrete Fähigkeiten und nicht auf ein Wunder.

Kapitel 11 Etwa bei Text 11

Warum der Vergleich mit anderen die Geduld auffrisst

Es gibt einen Vergleich, der hilft, und einen, der zerstört.

Der zerstörerische ist der mit anderen Menschen.

Denn du vergleichst dein Innenleben mit deren Außenwirkung. Also dein Zweifeln mit ihrer Bühne.

Dieser Vergleich ist rechnerisch unfair und trotzdem völlig automatisch.

Und er ist der zuverlässigste Weg, jede Geduld mit sich selbst innerhalb von zehn Minuten zu verlieren.

Der Vergleich, der tatsächlich hilft

Nimm deinen aktuellen Text und lies daneben deinen ersten.

Das ist unangenehm, weil der erste peinlich ist. Und genau darin liegt der Wert.

Zwölf Absagen und der Rat, den Brotjob zu behalten

„Harry Potter und der Stein der Weisen“ wurde von zwölf Verlagen abgelehnt.

Dazu bekam die Autorin den Rat, ihren normalen Job auf keinen Fall aufzugeben.

Angenommen wurde das Manuskript schließlich bei Bloomsbury, nachdem die achtjährige Tochter des Verlegers unbedingt den Rest lesen wollte.

Der Punkt ist hier ausdrücklich nicht der Erfolg danach.

Der Punkt ist, dass zwölf Fachleute dasselbe fertige Manuskript für nicht verkäuflich hielten.

Wenn sich zwölf Profis bei einem fertigen Buch irren können, dann kann sich ein Publikum an einem Dienstagabend auch bei deinem Text irren.

Die Peinlichkeit ist die Messgröße. Je peinlicher dir Text eins heute ist, desto weiter bist du gekommen.

Die praktische Regel
Vergleiche dich nur mit Menschen, deren Nummer du kennst. Da du sie fast nie kennst, fällt dieser Vergleich praktisch immer weg.

Übrig bleibt der Vergleich mit dir selbst. Und der ist der einzige, aus dem etwas folgt.
Kapitel 12 Etwa bei Text 12

Das Logbuch: fünf Stationen, die fast alle durchlaufen

Diese fünf Stationen kommen bei fast jedem in derselben Reihenfolge.

Du kannst sie also erwarten statt erschrecken.

Text
1
Was du denkst
Ich glaube, das war ganz gut.
Was tatsächlich passiert
Es war nicht gut. Aber du warst oben, und das ist die einzige Zahl, die an diesem Tag zählt.
Text
3
Was du denkst
Jetzt müsste doch langsam mal was passieren.
Was tatsächlich passiert
Nichts passiert. Du bist mitten im ersten Plateau, und das ist exakt planmäßig.
Text
7
Was du denkst
Vielleicht ist das nichts für mich.
Was tatsächlich passiert
Das ist der häufigste Ausstiegspunkt überhaupt. Wer hier bleibt, bleibt meistens für Jahre.
Text
14
Was du denkst
Ich werde eher schlechter.
Was tatsächlich passiert
Du wirst besser, dein Ohr wird nur schneller besser. Genau das beschreibt Ira Glass in Kapitel zwei.
Text
26
Was du denkst
Moment, das klingt nach mir.
Was tatsächlich passiert
Der Punkt, an dem eine Handschrift sichtbar wird. Nicht jeder erreicht ihn bei 26. Aber fast jeder, der zählt, erreicht ihn irgendwann.

Die Zahlen sind Näherungen aus dem, was ich bei anderen und bei mir selbst gesehen habe.

Die Reihenfolge ist dagegen erstaunlich stabil.

Wer sie kennt, braucht deutlich weniger Geduld mit sich selbst. Denn erwartete Plateaus sind viel leichter auszuhalten als überraschende.

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Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
— Stephan Pinkwart —
Kapitel 13 Etwa bei Text 13

Sechs Übungen für mehr Geduld mit sich selbst

Diese sechs kosten dich zusammen keine halbe Stunde pro Woche.

Fang mit einer an, nicht mit allen.

Denn Geduld mit sich selbst lernt man wie jedes Handwerk, nämlich in kleinen Schritten.

Drei Übungen mit deinen alten Texten

Übung 1 – Die Rückwärtslesung
Lies einmal im Quartal deinen ältesten Text laut vor. Nicht heimlich, sondern laut, so wie du ihn damals gesprochen hast. Der Abstand zu heute ist der einzige belastbare Fortschrittsbericht, den du je bekommst.
Übung 2 – Die Nummerierung nachholen
Falls du schon länger schreibst: Sortiere alles, was du findest, nach Datum und nummeriere es durch. Fast alle unterschätzen dabei ihre eigene Zahl deutlich. Und diese Zahl allein hilft schon.
Übung 3 – Die eine gerettete Zeile
Nimm einen misslungenen Text und suche die eine Zeile, die trotzdem trägt. Schreib sie in eine separate Datei. Nach zwanzig Texten hast du eine Sammlung, aus der ein guter Text entsteht.

Drei Übungen für den Kopf

Übung 4 – Der Monatsvertrag
Ein Text pro Monat, fertig geschrieben, nummeriert, egal wie gut. Zwölf im Jahr. Der Vertrag gilt für die Menge und ausdrücklich nicht für die Qualität.
Übung 5 – Die Plateau-Notiz
Sobald du denkst, du entwickelst dich nicht mehr, schreib das Datum und die aktuelle Textnummer auf. Beim nächsten Mal vergleichst du beide Notizen. Meistens liegen zwischen ihnen sechs Texte, die du komplett vergessen hattest.
Übung 6 – Der Brief an Nummer eins
Schreib deinem eigenen ersten Text drei Sätze. Was er gut gemacht hat, was er nicht konnte, und was du ihm heute sagen würdest. Das klingt esoterisch und ist erstaunlich wirksam, weil man dabei automatisch freundlich wird.
Kapitel 14 Etwa bei Text 14

Drei Videos über Entwicklung und Übung

Alle drei sind auf Englisch und haben Untertitel.

Und alle drei habe ich vorher angesehen.

Außerdem erklärt jedes davon einen anderen Teil davon, warum Geduld mit sich selbst überhaupt nötig ist.

Ira Glass on Storytelling, Part 3: On good taste and falling short
Das Original zu Kapitel zwei, keine fünf Minuten lang. Wenn du in diesem Beitrag nur eine Sache anschaust, dann diese.
Angela Lee Duckworth: Grit – The power of passion and perseverance (TED)
Duckworth argumentiert, dass Ausdauer über längere Zeiträume mehr erklärt als Begabung. Ehrlicher Hinweis dazu: Ihr Konzept wird in der Forschung durchaus kritisch diskutiert, unter anderem weil die gemessenen Effekte kleiner ausfallen als die öffentliche Wirkung des Buches vermuten lässt. Als Denkanstoß bleibt der Vortrag trotzdem stark.
Josh Kaufman: The first 20 hours – how to learn anything (TEDxCSU)
Der nützlichste Teil ist sein Blick auf den unteren Rand der Lernkurve: Die ersten Stunden sind die frustrierendsten, und danach geht es überraschend schnell. Außerdem räumt er mit der oft falsch verstandenen 10.000-Stunden-Regel auf.
Wenn du nur eines schaust
Nimm Glass. Vier Minuten, und danach verstehst du, warum deine eigenen Texte dich enttäuschen – und warum das ein gutes Zeichen ist.
Kapitel 15 Etwa bei Text 15

Wenn Geduld mit sich selbst nicht mehr reicht

Dieses Kapitel gehört hierher, auch wenn es den Ton bricht.

Alles bisher Beschriebene ist normal. Frust über eigene Texte gehört zum Handwerk, und Plateaus gehören zur Entwicklung.

Es gibt allerdings eine Grenze.

Der Unterschied in einem Satz
Ungeduld richtet sich gegen deine Texte und hört zwischendurch auf. Wenn sich die Härte gegen dich als Person richtet, nicht mehr aufhört und auch dann bleibt, wenn du gar nicht schreibst, ist es kein Bühnenthema mehr.

Anzeichen, bei denen dieser Beitrag das falsche Werkzeug ist

Die Abwertung betrifft nicht mehr deine Texte, sondern grundsätzlich deinen Wert als Mensch.

Du schläfst schlecht oder verlierst über Wochen das Interesse an Dingen, die dir sonst wichtig waren.

Du ziehst dich von Menschen zurück, weil du dich für nicht vorzeigbar hältst.

Oder du behandelst dich mit einer Härte, die du bei niemand anderem dulden würdest.

Wohin du dich dann wenden kannst

Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt.

Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.

Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Das ist kein Widerspruch zum Schreiben. Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.

Denn dann hilft keine Zählung. Und ehrlich gesagt auch keine Geduld mit sich selbst.

Kapitel 16 Etwa bei Text 16

Selbstcheck: Wie steht es um deine Geduld?

Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.

Auswertung in einem Satz: Wenn du bei der ersten Frage nicht zustimmen konntest, fang heute Abend mit der Zählung an.

Und wenn du bei der letzten nicht zustimmen konntest, mach Übung eins noch diese Woche.

Übrigens ist genau diese letzte Frage der beste Einzelindikator für Geduld mit sich selbst, den ich kenne.

Kapitel 17 Etwa bei Text 17

Zehn Fehler bei der Geduld mit sich selbst

Fünf Fehler beim Schreiben

Fehler 1: Schlechte Texte wegwerfen
Damit vernichtest du genau die Belege, die dich später überzeugen würden. Ein Text kostet im Ordner nichts und ist in zwei Jahren dein bester Beweis.
Fehler 2: Auf Inspiration warten
Wer auf Stimmung wartet, schreibt drei Texte im Jahr. Wer auf einen Termin schreibt, schreibt zwölf. Der Unterschied nach fünf Jahren ist gewaltig.
Fehler 3: Nur an einem Text arbeiten
Ein einziger Text über Monate wird nicht besser, sondern nur glatter. Mehr dazu steht in Perfektionismus loslassen.
Fehler 4: Den ersten Applaus als Maßstab nehmen
Ein guter erster Abend erzeugt oft mehr Druck als ein schlechter. Danach vergleichst du jeden Text mit einem Zufallstreffer.
Fehler 5: Themen nach Wichtigkeit statt nach Erzählbarkeit wählen
Am Anfang scheitert man oft nicht am Können, sondern am zu großen Thema. Kleine Themen verzeihen Anfängerfehler.

Drei Zahlen gegen die Ungeduld

Frank Herbert sammelte für „Der Wüstenplanet“ rund dreiundzwanzig Absagen ein. Veröffentlicht hat ihn am Ende ein Verlag, der sonst vor allem Reparaturhandbücher druckte.

Madeleine L’Engle bekam für „Die Zeitfalte“ sechsundzwanzig Absagen, unter anderem mit der Begründung, das Buch sei zu anders.

Und Stephen King, siehe Kapitel neun, rund dreißig.

Diese Zahlen kursieren in leicht unterschiedlichen Fassungen. Die Größenordnung ist in allen Quellen stabil, und genau darauf kommt es hier an.

Fünf Fehler im Kopf

Fehler 6: Entwicklung als gerade Linie erwarten
Sie ist eine Treppe. Wer eine Rampe erwartet, hält jedes Plateau für das Ende.
Fehler 7: Sich mit Leuten vergleichen, deren Anzahl man nicht kennt
Du siehst deren Text 90 und hältst ihn für deren Text 5. Das ist der teuerste Denkfehler in diesem Beitrag.
Fehler 8: Nach einem schlechten Abend Grundsatzentscheidungen treffen
Die Stunde nach einem Reinfall ist die schlechteste Zeit für jede Entscheidung. Warte drei Tage.
Fehler 9: Pausen als Rückschritt werten
Zwei Monate Pause setzen dich nicht zurück auf null. Die Zählung läuft weiter, und die Erfahrung bleibt im Kopf.
Fehler 10: Geduld mit Passivität verwechseln
Geduld mit sich selbst heißt nicht warten. Sie heißt weiterschreiben, ohne dabei nach jedem Text ein Urteil über die eigene Person zu fällen.
Kapitel 18 Etwa bei Text 18

Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage

Kein Programm, sondern eine Woche.

TagWas du machstDauer
MontagAlles zusammensuchen, was du je geschrieben hast. Auch die Handyzettel.30 Minuten
DienstagNach Datum sortieren und durchnummerieren. Deine Zahl notieren.20 Minuten
MittwochText Nummer eins einmal laut lesen. Nicht bewerten, nur lesen.10 Minuten
DonnerstagDrei Dinge aufschreiben, die du heute besser kannst als damals.10 Minuten
FreitagOrdner anlegen. Digital oder aus Pappe, Hauptsache einer.10 Minuten
SamstagDen nächsten Text anfangen und oben rechts die Nummer eintragen.
SonntagTermin für den übernächsten Text in den Kalender schreiben.2 Minuten

Der Dienstag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.

Trollope nannte so ein Heft schlicht sein Arbeitstagebuch. Bei ihm starrte die Untätigkeit aus den leeren Zeilen zurück, und genau das war der Zweck.

Denn fast alle unterschätzen ihre eigene Zahl. Und die richtige Zahl verändert sofort, wie du über dich denkst.

Danach fällt die Geduld mit sich selbst spürbar leichter, weil sie plötzlich auf einer Zahl steht.

Kapitel 19 Etwa bei Text 19

Häufige Fragen zur Geduld mit sich selbst

Fragen zur Entwicklung

Stimmt die Zahl zehn wirklich?
Nein, sie ist eine Faustregel. Bei manchen sitzt es nach sechs Texten, bei anderen nach dreißig. Was stimmt, ist die Form der Kurve: lange Plateaus, kurze Sprünge.
Was, wenn ich nach zwanzig Texten immer noch nicht gut bin?
Dann bist du bei zwanzig und nicht am Ende. Prüf allerdings zwei Dinge: Bekommst du echte Rückmeldung von zwei bis drei Menschen? Und trittst du regelmäßig auf? Ohne beides wächst die Zahl, aber nicht das Können.
Kann man Geduld mit sich selbst überhaupt lernen?
Als Charaktereigenschaft eher schwer. Als Rechenweg dagegen gut: Wer seine Nummer kennt und die Kurve versteht, ist automatisch geduldiger, weil er weiß, wo er steht.
Ist Talent denn gar nichts?
Doch, Talent existiert. Es entscheidet aber vor allem über die Steigung und nicht über den Startpunkt. Und über die Steigung entscheidet außerdem, wie oft du misst.

Fragen zur Praxis

Zählen unfertige Texte mit?
Nein. Nur was fertig ist, bekommt eine Nummer. Sonst zählst du Absichten, und Absichten sind billig.
Was ist mit Texten, die ich nie vortragen werde?
Die zählen voll mit. Ein Text, der in der Schublade bleibt, hat dich trotzdem etwas gelehrt.
Soll ich alte Texte überarbeiten oder neue schreiben?
Am Anfang fast immer neue. Überarbeiten lohnt sich, wenn du schon weißt, was du willst. Vorher ist Menge lehrreicher als Feinschliff.
Wie oft sollte ich auftreten?
Öfter, als sich angenehm anfühlt. Bühnenzeit ist der Teil der Entwicklung, den man am Schreibtisch nicht ersetzen kann.
Kapitel 20 Etwa bei Text 20

Halle an der Saale – der Rest der Geschichte

Zurück nach Halle.

Ich habe sie nach dem Slam gefragt, was die 14 auf ihrem Blatt bedeutet.

Ich dachte wirklich, es sei eine Startnummer, obwohl an dem Abend nur neun Leute angetreten waren.

Sie hat gesagt, das sei ihr vierzehnter Text.

Was sie dann erklärt hat

Sie nummeriere alles, seit sie angefangen habe. Oben rechts, fortlaufend, auch die schlechten.

Vor allem die schlechten, sagte sie.

Und dann kam der Satz, der der Grund für diesen ganzen Beitrag ist.

Vierzehn ist keine Wertung. Vierzehn ist ein Stand.
Die Frau mit der 14 · Halle an der Saale

Sie hat mir erklärt, dass sie deshalb nach schlechten Abenden nicht zusammenbricht.

Weil ein schlechter Text bei vierzehn eben nur bedeutet, dass sie bei vierzehn steht.

Und nicht, dass sie nichts kann.

Damit hatte sie Geduld mit sich selbst in vier Wörter gepackt, wofür ich diesen ganzen Beitrag brauche.

Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte

Sie hat mich auf dem Rückweg zur Bahn gefragt, bei welcher Nummer ich stehe.

Ich hatte keine Ahnung.

Ich schreibe seit Jahren. Trotzdem konnte ich diese Frage nicht beantworten, und zwar aus einem sehr banalen Grund.

Ich hatte die schlechten weggeworfen.

Jahrelang, konsequent, immer sofort. Also besaß ich keinen einzigen Beleg für meine eigene Entwicklung.

Geduld mit sich selbst im Alltag: der Waschbär sitzt tagsüber mit Notizbuch auf einer Bank am Bahnsteig und schreibt
Zwei Sekunden pro Text. Mehr kostet die Zählung nicht.

Was ich seitdem mache

Ich habe an dem Wochenende alles zusammengesucht, was noch da war.

Übrig geblieben waren siebzehn Texte aus mehreren Jahren.

Die habe ich sortiert und durchnummeriert, und seitdem bekommt jeder neue Text oben rechts eine Zahl.

Der ehrliche Teil
Meine echte Zahl wäre vermutlich dreimal so hoch. Das weiß ich aber nicht mehr, und es ist auch nicht mehr zu ändern.

Deshalb steht dieser Beitrag hier: damit du nicht bei siebzehn anfängst zu zählen, sondern bei eins.
Kapitel 21 Etwa bei Text 21+

Was die Zahl allein nicht schafft

Eine Nummer sorgt dafür, dass du dranbleibst.

Sie sorgt allerdings nicht dafür, dass Text 20 besser ist als Text 19.

Denn Menge allein macht dich nur routiniert. Menge plus Werkzeug macht dich besser.

Das ist der Unterschied zwischen zehn Jahren Erfahrung und einem Jahr Erfahrung, zehnmal wiederholt.

Hokusai soll kurz vor seinem Tod gesagt haben, mit weiteren zehn Jahren wäre aus ihm ein richtiger Maler geworden.

Er war zu diesem Zeitpunkt neunundachtzig.

Das ist keine traurige Pointe, sondern eine beruhigende. Selbst er stand am Ende noch auf einem Plateau.

Geduld mit sich selbst zahlt sich aus: der Waschbär steht routiniert auf der Bühne vor einem aufmerksamen Publikum
Irgendwann brauchst du das Blatt nur noch als Sicherheit.

Wo das Handwerk anfängt

Fast alles, was zwischen Text 1 und Text 10 passiert, sind erlernbare Griffe.

Wie ein Einstieg gebaut wird. Wie ein Bild trägt. Wo eine Pause hingehört. Und wie man zwanzig Prozent streicht, ohne dass es wehtut.

Diese Dinge kann man sich über dreißig Texte selbst beibringen. Oder man kann sie sich zeigen lassen und braucht dafür zehn.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also genau die Griffe, die sonst zwischen Text 1 und Text 30 langsam von selbst entstehen – nur eben sortiert, erklärt und sofort anwendbar.

Es macht die Kurve nicht flacher. Es macht die Plateaus kürzer.

Die Nummer schreibst du selbst drauf. Den Rest kannst du lernen.

Übrigens: Fang heute mit der Eins an.

In zwei Jahren wird dich diese Eins mehr überzeugen als jedes Lob, das du bis dahin bekommst.

Denn Geduld mit sich selbst wächst nicht aus guten Sprüchen. Sie wächst aus einem Stapel mit Zahlen darauf.

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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