Nach der Bühne bist du du: Rollen ablegen statt verschmelzen

Rostock · 03:14 Uhr

Nach der Bühne bist du du: Rollen ablegen statt verschmelzen

Er trug den Mantel noch um 03:14 Uhr. Bei vierundzwanzig Grad.

Rostock, Ende Juli, ein Slam in einer alten Werfthalle.

Der Typ hieß an dem Abend nicht so, wie er heißt. Alle riefen ihn beim Künstlernamen, auch die Veranstalterin, auch der Mann am Tresen.

Er gewann nicht. Er wurde Dritter und nahm es mit einer Geste, die eindeutig zur Figur gehörte.

Danach ging es weiter. Am Tresen war er noch die Figur.

Im Imbiss um halb eins war er die Figur.

Und in der Nachtstraßenbahn erzählte er einer Gruppe Fremder eine Anekdote, die ich schon dreimal von der Bühne gehört hatte.

Ich dachte an diesem Punkt das, was du wahrscheinlich auch gerade denkst: Der Mann kann seine Bühnenrolle nicht mehr ablegen.

Zwei Stunden später wusste ich, dass genau das Gegenteil stimmte.

Denn er war der Einzige an diesem Abend, der seine Bühnenrolle ablegen konnte.

Bühnenrolle ablegen: ein Waschbär schält sich in der Garderobe halb aus dem schweren Bühnenmantel
Zwischen zwei Zuständen. Genau hier entscheidet sich, wer nachher nach Hause geht.

Dieser Beitrag handelt von der Figur, die du auf der Bühne bist.

Und davon, wie du sie wieder loswirst, bevor sie in deiner Küche steht.

Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er kostet ungefähr zwölf Euro und passt in eine Tasche.

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Kapitel 01 22:41 Uhr Rolle: an

Warum du auf der Bühne überhaupt jemand anderes wirst

Fast niemand steht so auf der Bühne, wie er im Supermarkt steht.

Das ist auch gut so.

Denn die Bühne verlangt Dinge, die im Alltag unangenehm auffallen würden. Lautstärke zum Beispiel. Oder Pausen, die drei Sekunden zu lang sind.

Außerdem verlangt sie Behauptungen. Auf der Bühne sagst du Sätze, die du am Küchentisch nie so stehen lassen würdest.

Also baut dein Kopf jemanden, der das kann.

Diese Figur ist keine Lüge. Sie ist Werkzeug.

Trotzdem musst du sie wieder loswerden. Also gehört zum Aufbauen immer auch das Bühnenrolle ablegen.

Woraus die Figur besteht

Meistens aus sechs Bauteilen, und die kennst du alle.

Eine andere Stimmlage. Ein anderes Tempo. Eine andere Haltung.

Dazu ein anderer Wortschatz, eine andere Kleidung und ein anderer Name, sobald du einen Künstlernamen benutzt.

Interessant wird es erst bei der Frage, wie du diese sechs Bauteile wieder abnimmst.

Genau darum geht es beim Bühnenrolle ablegen: Du nimmst sechs Dinge ab und nicht dich selbst.

Der Satz, um den es hier geht
Eine Figur ist kein Problem. Eine Figur ohne Ausschaltknopf ist eins.
Kapitel 02 23:05 Uhr Rolle: an

Rolle spielen und Rolle sein: der entscheidende Unterschied

Es gibt zwei Zustände, und sie sehen von außen fast identisch aus.

Im ersten trägst du die Figur. Im zweiten trägt sie dich.

Zustand eins: Du trägst sie

Du entscheidest, wann sie anfängt. Du entscheidest, wann sie aufhört.

Und du kannst mitten im Abend aus ihr heraussteigen, wenn dich jemand etwas Echtes fragt.

Zustand zwei: Sie trägt dich

Du merkst nicht mehr, dass sie läuft.

Deine Partnerin fragt, wie der Abend war, und du antwortest in Bühnenrhythmus. Mit Pointe am Ende, obwohl niemand gelacht hat.

Danach wunderst du dich, warum das Gespräch sich anfühlt wie ein Auftritt vor zwei Leuten.

Bühnenrolle ablegen misslingt: der Waschbär steht nachts im leeren Straßenbahnwagen und spielt weiter, obwohl niemand zuhört
Der sicherste Hinweis: Du spielst weiter, obwohl der Saal leer ist.

Der Übergang zwischen beiden Zuständen ist schleichend. Deshalb merkst du ihn nicht.

Aber du kannst ihn messen. Und zwar an einer einzigen Frage.

Die Testfrage
Wann hast du das letzte Mal nach einem Auftritt etwas gesagt, das keine Pointe hatte, keinen Rhythmus und keinen Zweck?

Wenn dir dazu nichts einfällt, läuft die Figur noch.
Kapitel 03 23:40 Uhr Rolle: an

Zwölf Anzeichen, dass du die Bühnenrolle nicht mehr ablegst

Klapp auf, was du kennst. Und wieder gilt: Es sind mehr, als dir lieb ist.

Sechs Anzeichen im Umgang mit anderen

Du stellst dich mit dem Künstlernamen vor, auch außerhalb von Veranstaltungen.
Das ist erst mal harmlos und oft praktisch. Kritisch wird es, wenn dir bei deinem echten Namen kurz auffällt, dass er sich fremd anfühlt.
Du erzählst Freunden Geschichten in derselben Fassung wie auf der Bühne.
Bühnenfassungen sind gekürzt, zugespitzt und dramaturgisch sortiert. Wenn dein Privatleben nur noch in Bühnenfassung existiert, verlierst du die Rohfassung. Und die Rohfassung ist die, in der du vorkommst.
Du wirst unruhig, wenn ein Gespräch keine Zuhörer hat.
Zwei Personen sind kein Publikum. Wenn sich ein Gespräch zu zweit für dich leer anfühlt, hast du dich an eine Verstärkung gewöhnt, die es im Alltag nicht gibt.
Du beantwortest ernste Fragen mit einer Pointe.
Die Figur kann keine ernsten Antworten. Sie kann nur gute. Das ist ein Unterschied, den vor allem die Menschen merken, die dich mögen.
Du redest über dich in der dritten Person.
Bei Pessoa war das ein Kunstgriff, wie du weiter unten liest. Im Alltag ist es eher ein Hinweis darauf, dass du die Figur nicht mehr an der Tür abgibst.
Du bist nach dem Auftritt stundenlang „an“ und kommst nicht runter.
Das ist zunächst reine Biologie. Wenn es allerdings jedes Mal bis vier Uhr dauert, fehlt dir kein Schlaf, sondern ein Ritual.

Und sechs Anzeichen, die nur du selbst bemerkst

Du fühlst dich ohne Bühne unwirklich.
Das ist das ernsteste Zeichen auf dieser Liste. Wenn du dich nur noch echt fühlst, während du gesehen wirst, dann lies bitte auch Kapitel sechzehn.
Du planst Erlebnisse danach, ob sie einen guten Text ergeben.
Ein bisschen davon gehört zum Handwerk. Vollständig ist es allerdings eine Enteignung deines eigenen Lebens. Mehr dazu steht in Grenzen setzen.
Du kannst nicht mehr schlecht sein, auch nicht privat.
Die Figur hat kein Recht auf einen mittelmäßigen Dienstag. Du schon.
Du trägst Bühnenkleidung im Alltag.
Kleidung ist ein Schalter, und zwar ein sehr wirksamer. Wenn der Schalter dauerhaft auf An steht, bleibt die Figur an.
Du checkst nach jedem Auftritt eine Stunde lang Reaktionen.
Das ist die Figur, die nach Futter sucht. Sie lebt von Reaktionen, du nicht.
Dir fällt bei der Frage „wie geht es dir?“ keine Antwort ein.
Weil die Figur darauf keine Antwort hat. Sie hat nur Material.

Vier oder mehr Häkchen sind kein Drama. Sie sind aber ein Termin.

Und zwar ein Termin mit dir selbst, an dem du das Bühnenrolle ablegen einmal bewusst übst.

Kapitel 04 00:20 Uhr Rolle: an

Warum die Bühnenrolle so gern bleibt

Sie geht nicht freiwillig. Und dafür gibt es einen guten Grund.

Deshalb ist Bühnenrolle ablegen immer eine aktive Handlung. Von selbst passiert dabei nämlich gar nichts.

Die Figur ist nämlich die bessere Version, wenn man nur auf die Rückmeldung schaut.

Sie bekommt Applaus. Du bekommst eine Stromrechnung.

Sie ist schlagfertig. Du fällt dir die passende Antwort um Viertel nach drei ein.

Außerdem hat sie keine Angst, weil Angst nicht Teil ihrer Bauanleitung war.

Der Deal, den du unbewusst abschließt

Du lässt die Figur länger an, weil sie das Leben leichter macht.

Und genau deshalb wird sie länger und länger an bleiben.

Nach zwei Jahren ist sie kein Kostüm mehr, sondern eine Gewohnheit.

Nach fünf Jahren ist sie eine Adresse.

Deshalb wird das Bühnenrolle ablegen mit jedem Jahr wichtiger und keineswegs unwichtiger.

Bühnenrolle ablegen heißt aufhängen: der schwere Bühnenmantel hängt allein an einem Haken im leeren Gang
So sieht es aus, wenn es funktioniert. Die Figur bleibt da, wo sie hingehört.
Die unbequeme Wahrheit
Niemand nimmt dir die Figur weg. Du musst sie selbst ausziehen, und zwar jedes Mal aufs Neue. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute steht in Kapitel sechs und dauert dreißig Sekunden.
Kapitel 05 00:55 Uhr Rolle: an

David Bowie beendete seine Figur vor 5.000 Leuten

Am 3. Juli 1973 stand David Bowie im Hammersmith Odeon in London auf der Bühne.

Es war der letzte Abend einer Tournee, die achtzehn Monate gedauert hatte.

Kurz vor dem letzten Lied sagte er einen Satz, der bis heute zitiert wird.

Es ist nicht nur die letzte Show der Tour, es ist die letzte Show, die wir je spielen werden.
David Bowie · Hammersmith Odeon, 3. Juli 1973

Die Halle verstand es als Rücktritt vom Beruf. Die Zeitungen am nächsten Tag auch.

Gemeint war aber etwas anderes.

Bowie beendete an diesem Abend nicht seine Karriere, sondern seine Figur: Ziggy Stardust.

Warum das hierher gehört

Ziggy war nach etwa anderthalb Jahren und rund 180 Konzerten kein Kostüm mehr.

Bowie hat später beschrieben, dass er wollte, dass es endet. In seinem Bildband Moonage Daydream steht der Satz, er habe wirklich gewollt, dass das alles aufhört.

Das Bemerkenswerte ist die Methode. Er hat die Figur nicht heimlich abgelegt.

Er hat sie öffentlich, an einem Datum, vor Zeugen beendet.

Der ehrliche Haken an der Geschichte

Das war kein sauberer Abgang.

Seine Band, die Spiders from Mars, wusste größtenteils nichts davon. Schlagzeuger Woody Woodmansey hat später gesagt, er habe nie gedacht, dass er derart öffentlich gefeuert würde.

Nur wenige Eingeweihte kannten den Plan, darunter Gitarrist Mick Ronson.

Die Lehre bleibt trotzdem brauchbar, und sie ist unangenehm konkret: Eine Figur endet nicht, weil du sie satt hast.

Sie endet an einem Tag, den du festlegst.

Im Kleinen gilt genau dasselbe. Auch das nächtliche Bühnenrolle ablegen braucht einen festgelegten Moment.

Dein Link-Kompass

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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

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31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Kapitel 06 01:30 Uhr Rolle: halb ab

Bühnenrolle ablegen: der eine Griff, der wirklich funktioniert

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.

Der Griff
Gib der Figur einen Gegenstand.

Einen einzigen, der ausschließlich ihr gehört. Du ziehst ihn vor dem Auftritt an und nach dem Auftritt wieder aus. Ab da trägt der Gegenstand die Rolle und nicht dein Kopf.

Das war es. Mehr ist es nicht.

Damit ist das Bühnenrolle ablegen keine Willensfrage mehr, sondern eine Handbewegung.

Und ja, es klingt albern. Genau deshalb funktioniert es.

Warum ein Gegenstand besser wirkt als jeder Vorsatz

Ein Vorsatz ist unsichtbar. Er hat keinen Anfang und kein Ende.

Ein Gegenstand dagegen ist an oder aus. Dazwischen gibt es nichts.

Deshalb gelingt das Bühnenrolle ablegen über einen Gegenstand sogar dann, wenn du völlig erschöpft bist.

Außerdem braucht dein Körper eine Handlung. Denken reicht nicht, weil Denken keinen Schalter kennt.

Und drittens: Der Gegenstand ist öffentlich. Andere sehen ihn, du siehst ihn, und damit wird der Wechsel überprüfbar.

Woran du den richtigen Gegenstand erkennst

01
Er gehört nur der Bühne
Kein Alltagsstück. Die Jacke, die du auch beim Einkaufen trägst, taugt nicht, weil sie keinen Zustandswechsel markiert. Zwölf Euro vom Flohmarkt reichen völlig.
02
Er ist sichtbar, aber nicht albern
Ein Mantel, ein Hut, ein Ring, ein bestimmtes Paar Schuhe, ein Halstuch. Es muss nichts Auffälliges sein. Es muss nur eindeutig sein.
03
Du ziehst ihn bewusst an
Nicht nebenbei im Gehen. Du ziehst ihn an, wenn du weißt, dass du gleich dran bist. Fünf Sekunden Aufmerksamkeit genügen, aber sie müssen stattfinden.
04
Du ziehst ihn wieder aus, bevor du nach Hause kommst
Das ist der eigentliche Punkt. Nicht am nächsten Morgen, sondern vorher. Der Ort ist egal, solange er zwischen Saal und Wohnung liegt.
05
Er hat einen festen Platz
Ein Haken, ein Fach, eine bestimmte Tasche. Wenn er dort hängt, ist die Figur weg. Wenn er auf dem Küchenstuhl liegt, ist sie noch im Raum.
06
Du redest nicht darüber
Ein Ritual, das du ständig erklärst, wird zur Anekdote. Und Anekdoten gehören der Figur. Du machst es einfach.
Bühnenrolle ablegen am Bahnsteig: der Waschbär faltet nachts den Bühnenmantel und legt ihn in eine Tasche
Der wichtigste Moment des Abends findet ohne Publikum statt.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil du um zwei Uhr nachts mit Adrenalin im Blut keine Methode anwendest. Du wendest die Sache an, die auch dann noch funktioniert, wenn du müde und durcheinander bist. Alles Weitere hier ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
Kapitel 07 01:50 Uhr Rolle: halb ab

Beyoncé hatte für diesen Griff ein Paar Schuhe

Sie hat es nie als Technik verkauft. Sie hat es einfach beschrieben.

2008 erschien das Album I Am… Sasha Fierce. Sasha Fierce war die Bühnenfigur: lauter, härter, angriffslustiger als die Person dahinter.

In einem Gespräch mit Oprah Winfrey hat Beyoncé erklärt, woran sie merkt, dass die Figur kommt.

An den Schuhen.

Sobald sie die Stöckelschuhe anzieht, ändern sich Haltung, Sprechweise und alles Weitere. Das ist der Gegenstand. Genau der Griff aus Kapitel sechs, nur mit besserer Garderobe.

Und dann hat sie die Figur abgeschafft

2010 sagte sie in einem Interview mit dem Magazin Allure einen Satz, der es in unzählige Artikel geschafft hat.

Sasha Fierce ist erledigt. Ich habe sie umgebracht.
Beyoncé · Allure, 2010 · sinngemäß übersetzt

Ihre Begründung war nüchtern: Sie brauche die Figur nicht mehr, weil sie beide Seiten inzwischen zusammenbringen könne.

Der ehrliche Haken, den man dazusagen muss

Ganz tot war Sasha Fierce nicht.

Berichten zufolge holte Beyoncé die Figur 2012 für eine Konzertreihe noch einmal zurück.

Das schwächt die Sache allerdings nicht, sondern macht sie brauchbarer.

Denn eine Figur muss nicht für immer sterben. Sie muss nur zuverlässig ausgehen.

Kurz gesagt: Bühnenrolle ablegen heißt eben nicht Bühnenrolle abschaffen.

Was du daraus mitnimmst
Der Gegenstand macht die Figur verfügbar statt dauerhaft. Du rufst sie, wenn du sie brauchst. Und danach schickst du sie zurück in die Tasche.
Kapitel 08 02:15 Uhr Rolle: halb ab

Fernando Pessoa gab seinen Figuren eine Körpergröße

Jetzt der radikalste Fall, den die Literatur zu bieten hat.

Der portugiesische Dichter Fernando Pessoa schrieb nicht unter Pseudonymen.

Er schrieb unter sogenannten Heteronymen, ein Begriff, den er selbst geprägt hat. Der Unterschied ist entscheidend.

Ein Pseudonym ist ein anderer Name für dieselbe Person. Ein Heteronym ist eine eigene Person mit eigener Biografie, eigenem Stil und eigenen Ansichten.

Wie weit er dabei ging

Álvaro de Campos, eines seiner drei Hauptheteronyme, hatte ein Geburtsdatum: den 15. Oktober 1890.

Er hatte einen Geburtsort in der Algarve, ein abgebrochenes Ingenieursstudium in Glasgow, ein Monokel und eine Körpergröße.

Pessoa notierte, Campos sei zwei Zentimeter größer als er selbst.

Alberto Caeiro wurde 1889 geboren und starb 1915. Ricardo Reis war Arzt und lebte in Brasilien.

Insgesamt hat Pessoa über Jahrzehnte hinweg dutzende solcher Figuren geführt.

Warum das der eleganteste Trick auf dieser Seite ist

Pessoa hat die Figuren nicht versteckt und nicht bekämpft.

Er hat ihnen so viel Eigenleben gegeben, dass sie unmöglich mit ihm zu verwechseln waren.

Eine Figur mit Geburtsdatum, Beruf und Körpergröße ist offensichtlich jemand anderes.

Und was offensichtlich jemand anderes ist, kann man ablegen.

Dadurch wird das Bühnenrolle ablegen fast von allein leichter, weil die Grenze bereits gezogen ist.

Die notwendige Einschränkung

Pessoas berühmteste Erzählung darüber stammt aus einem Brief an den Kritiker Adolfo Casais Monteiro vom 13. Januar 1935.

Darin schildert er den 8. März 1914 als seinen triumphalen Tag, an dem die Figuren entstanden seien.

Wichtig dabei: Diese Schilderung liegt einundzwanzig Jahre nach dem beschriebenen Ereignis. In der Forschung gilt die Datierung deshalb als nachträgliche Zuspitzung, die sich mit den Handschriften nicht vollständig deckt.

Die Methode ist trotzdem echt. Nur die Gründungslegende ist eine gute Geschichte.

Für deinen Slam übersetzt
Gib deiner Figur einen Namen, ein Alter und drei Eigenschaften, die du selbst nicht hast. Schreib sie einmal auf. Fünf Zeilen reichen.

Danach ist sie erkennbar jemand anderes – und das ist die halbe Miete.
Kapitel 09 02:30 Uhr Rolle: halb ab

Die Nacht danach: wann du die Bühnenrolle ablegen solltest

Der häufigste Fehler ist nicht, dass Leute die Figur nicht ablegen.

Der häufigste Fehler ist der Zeitpunkt.

Denn Bühnenrolle ablegen funktioniert nur in einem einzigen Fenster des Abends.

Grafik 1 · Die Nacht danach
22:40
Auftritt vorbei
Figur läuft auf voller Leistung. Völlig normal.
22:55
Backstage, Tresen
Immer noch Bühne. Hier legt fast niemand ab, und das ist auch richtig.
00:30
Der Abend löst sich auf
Ab hier wird es zur Gewohnheit. Erstes kritisches Fenster.
01:30
Der Weg nach Hause
Das Zeitfenster. Hier gehört der Gegenstand in die Tasche.
02:00
Zuhause angekommen
Zu spät. Wer so ankommt, bringt die Figur mit in die Wohnung.
09:00
Der Morgen danach
Was jetzt noch läuft, war keine Figur mehr, sondern eine Gewohnheit.
Es gibt genau ein gutes Fenster. Es liegt zwischen Saal und Wohnungstür.

Merk dir davon nur eine Zeile: den Weg nach Hause.

Nicht früher, weil backstage noch Bühne ist. Und nicht später, weil deine Wohnung dann zum Veranstaltungsort wird.

Kapitel 10 02:40 Uhr Rolle: halb ab

Die Garderobenwand: was der Figur gehört und was dir

Nicht alles an der Bühnenfigur ist geliehen. Manches ist tatsächlich du, nur lauter.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil du sonst beim Ablegen zu viel abgibst.

Grafik 2 · Die Garderobenwand
Links hängt, was du abgibst. Rechts steht, was mitkommt.
Gehört der Figur
Der Name
Die Lautstärke
Das Tempo
Die Kleidung
Die Schlagfertigkeit
Gehört dir
Deine Themen
Dein Humor
Deine Haltung zur Welt
Deine Menschen
Dein Bedürfnis zu erzählen

Der linke Stapel bleibt im Saal. Der rechte kommt mit.

Deshalb ist Bühnenrolle ablegen kein Verlust. Du gibst lediglich zurück, was ohnehin geliehen war.

Wenn du beim Ablegen das Gefühl hast, dass du dabei etwas Wichtiges verlierst, dann hast du vermutlich aus der rechten Spalte gegriffen.

Kapitel 11 02:50 Uhr Rolle: halb ab

Zehn Sätze, an denen du hörst, wer gerade spricht

Beide Seiten benutzen deinen Mund. Man kann sie trotzdem auseinanderhalten.

SituationSo klingt die FigurSo klingst du
Jemand fragt, wie es dir geht„Großartig, wie immer.“„Ganz ehrlich, ziemlich leer gerade.“
Jemand lobt deinen Text„Ich weiß.“„Danke, die Stelle hat mich Wochen gekostet.“
Jemand kritisiert dich„Kann nicht jeder verstehen.“„Was genau hat nicht funktioniert?“
Jemand erzählt von sichDu wartest auf deinen Einsatz.Du stellst eine zweite Frage.
Eine Pause im GesprächDu füllst sie sofort.Du lässt sie stehen.
Du hast einen schlechten AbendDu machst eine Pointe daraus.Du sagst, dass er schlecht war.
Jemand fragt nach deinem NamenDu nennst den Künstlernamen.Du nennst deinen Namen.
Nach dem Auftritt zu HauseDu erzählst den Abend als Nummer.Du erzählst, was dich überrascht hat.
Jemand braucht dichDu bist unterhaltsam.Du bist da.
Du bist müdeDu drehst auf.Du gehst schlafen.

Die rechte Spalte ist unspektakulär. Das ist keine Schwäche, sondern der Punkt.

Denn dein Privatleben braucht keine Dramaturgie.

Trotzdem fällt genau das vielen schwer. Also übe das Bühnenrolle ablegen zuerst an harmlosen Sätzen.

Kapitel 12 03:00 Uhr Rolle: fast ab

Das Ritual: Bühnenrolle ablegen in fünf Minuten

Der Griff aus Kapitel sechs ist der Kern. Hier ist die vollständige Fassung.

Damit hast du das Bühnenrolle ablegen in fünf überschaubaren Schritten.

Sie dauert fünf Minuten und findet auf dem Heimweg statt.

Minute 1 – Den Gegenstand ausziehen
Mantel, Ring, Schuhe, Hut. Was auch immer du gewählt hast, es kommt jetzt weg. Nicht in die Hand, sondern in die Tasche oder an einen Haken.
Minute 2 – Einen banalen Satz laut sagen
Irgendeinen. „Es ist kalt geworden.“ Ohne Pointe, ohne Rhythmus, ohne Zuhörer. Deine Stimme fällt dabei hörbar zurück in die eigene Lage, und genau darum geht es.
Minute 3 – Eine Sache benennen, die schlecht lief
Nicht bewerten, nur benennen. Die Figur kann das nicht, weil sie keine Fehler hat. Du kannst es, und deshalb ist es ein Beweis dafür, dass du wieder sprichst.
Minute 4 – Eine Nachricht an einen Menschen schreiben, der dich nicht auf der Bühne kennt
Zwei Sätze genügen. Es geht nicht um Inhalt, sondern um den Adressaten. Menschen, die dich nur privat kennen, holen dich zuverlässiger zurück als jede Übung.
Minute 5 – Nichts tun
Kein Handy, keine Reaktionen, keine Zahlen. Sechzig Sekunden Fenster oder Decke anschauen. Das ist der unbeliebteste Teil und der wirksamste.
Falls du nur eine Minute schaffst
Nimm Minute zwei. Der banale Satz ist der billigste Schalter, den es gibt – und er funktioniert sogar in der Bahn, wenn du ihn nur flüsterst.
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Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Kapitel 13 03:05 Uhr Rolle: fast ab

Warum Backstage immer noch Bühne ist

Der häufigste Irrtum lautet: Hinter dem Vorhang bist du wieder du.

Bist du nicht.

Backstage sitzen Leute, die dich gerade gesehen haben. Am Tresen stehen Leute, die gleich noch ein Foto wollen.

Und im Imbiss um halb eins sind immer noch drei Menschen dabei, die den Abend mitbekommen haben.

Deshalb ist es sinnlos, den Ausschaltknopf im Backstage zu suchen. Dort funktioniert er nicht.

Die Zone dazwischen

Zwischen dem letzten Menschen vom Abend und deiner Wohnungstür liegt eine Zone.

Bei mir sind das siebzehn Minuten Fußweg. Bei dir vielleicht eine Bahnfahrt oder ein Aufzug.

Diese Zone ist der einzige Ort, an dem das Ablegen zuverlässig klappt.

Kurz gesagt: Bühnenrolle ablegen ist vor allem eine Frage des Ortes und weniger eine der Disziplin.

Sie hat nämlich zwei Eigenschaften, die sonst nirgends zusammenkommen: keine Zuschauer und keine Zuhause.

Praktisch heißt das
Such dir einen festen Punkt auf deinem Heimweg. Eine Bank, eine Ampel, ein bestimmter Bahnsteig. Dort passiert es, immer am selben Ort. Orte merken sich Rituale besser als Vorsätze.
Kapitel 14 03:08 Uhr Rolle: fast ab

Sechs Übungen: Bühnenrolle ablegen für Fortgeschrittene

Diese sechs kosten dich zusammen keine zwanzig Minuten in der Woche.

Fang mit einer an, nicht mit allen.

Denn Bühnenrolle ablegen lernt man wie jedes Handwerk, nämlich in kleinen Schritten.

Drei Übungen für die Trennung

Übung 1 – Der Steckbrief
Schreib fünf Zeilen über deine Figur, so wie Pessoa es getan hat. Name, Alter, Beruf, zwei Eigenschaften, die du selbst nicht hast. Steck den Zettel zu deinem Gegenstand. Ab da ist es schwarz auf weiß jemand anderes.
Übung 2 – Die zweite Stimme
Sprich denselben Absatz zweimal auf dein Handy: einmal als Figur, einmal so, wie du deiner Nachbarin etwas erklären würdest. Hör dir beides am nächsten Tag an. Der Unterschied ist meistens gewaltiger, als du denkst – und danach hörst du ihn auch live.
Übung 3 – Der banale Bericht
Erzähl einem Menschen den Abend ohne jede Pointe. Chronologisch, langweilig, mit Details, die nichts bringen. Das ist erstaunlich schwer und außerdem eine gute Übung in Ehrlichkeit.

Drei Übungen für den Alltag

Übung 4 – Ein Abend pro Woche ohne Publikum
Ein Termin, bei dem niemand weiß, dass du auftrittst. Sport, Chor, Reparaturcafé, irgendwas. Der Punkt ist nicht die Tätigkeit. Der Punkt ist, dass dort niemand klatscht.
Übung 5 – Die Namensprobe
Stell dich eine Woche lang konsequent mit deinem echten Namen vor, auch bei Veranstaltungen. Wenn sich das komisch anfühlt, hast du gerade eine wichtige Information bekommen.
Übung 6 – Der leere Sonntag
Ein Tag im Monat ohne Text, ohne Bühne, ohne Aufnahmen und ohne Notizbuch. Die Figur hat an diesem Tag frei. Und du merkst ziemlich schnell, ob du das aushältst – was die eigentliche Information dieser Übung ist.
Kapitel 15 03:10 Uhr Rolle: fast ab

Drei Videos zum Thema Rolle und Ich

Alle drei sind auf Englisch und haben Untertitel.

Und alle drei habe ich vorher angesehen.

Außerdem passt jedes davon zu einem anderen Teil vom Bühnenrolle ablegen.

Brian Little: Who are you, really? The puzzle of personality (TED)
Das wichtigste Video auf dieser Seite. Little erklärt die sogenannten freien Persönlichkeitszüge: Wir handeln regelmäßig gegen unsere eigene Natur, wenn ein Vorhaben es verlangt. Sein Schlüsselbegriff ist die erholsame Nische – der Ort, an dem man danach wieder zu sich kommt. Genau das ist die Zone aus Kapitel dreizehn, nur wissenschaftlich formuliert.
Dr. Alisha Damani: The Power In Losing Your Identity (TEDxUniversityofSalford)
Was passiert, wenn eine Identität wegbricht, mit der man verschmolzen war. Für alle interessant, die schon einmal nach einer Absage oder einem Bühnenjahr ohne Auftritte das Gefühl hatten, dass gar nichts mehr übrig ist.
Marcus Lyon: Is your identity given or created? (TEDxExeter)
Die grundsätzliche Frage dahinter: Wie viel deiner Identität ist gewachsen und wie viel hast du selbst gebaut? Für die Bühne ist die Antwort erstaunlich befreiend.
Wenn du nur eines schaust
Nimm Little. Er liefert die Begründung dafür, warum das Ablegen kein Luxus ist, sondern Erholung nach einer Anstrengung.
Kapitel 16 03:12 Uhr Rolle: fast ab

Wenn Bühnenrolle ablegen nicht mehr reicht

Dieses Kapitel gehört hierher, auch wenn es den Ton bricht.

Alles bisher Beschriebene ist normal. Eine Figur zu haben ist Handwerk, und sie schwer loszuwerden ist eine Frage der Gewohnheit.

Es gibt allerdings eine Grenze.

Der Unterschied in einem Satz
Eine Bühnenfigur ist etwas, das du tust. Wenn du das Gefühl hast, ohne sie gar nicht mehr zu existieren, ist es keine Frage der Technik mehr.

Anzeichen, bei denen dieser Beitrag das falsche Werkzeug ist

Du fühlst dich außerhalb von Auftritten unwirklich oder wie hinter Glas.

Du erkennst dich selbst nicht wieder, wenn du in den Spiegel schaust.

Du brauchst Alkohol oder anderes, um nach dem Auftritt herunterzukommen, und zwar regelmäßig.

Oder die Zeit nach dem Applaus ist nicht mehr nur leer, sondern über Wochen dunkel.

Wohin du dich dann wenden kannst

Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt.

Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.

Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Das ist kein Widerspruch zur Bühne. Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.

Denn dann hilft dir kein Mantel. Und ehrlich gesagt auch kein Ritual.

Kapitel 17 03:13 Uhr Rolle: fast ab

Selbstcheck: Wie fest sitzt deine Figur?

Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.

Auswertung in einem Satz: Wenn du beim ersten Punkt nicht zustimmen konntest, besorg dir diese Woche einen Gegenstand.

Und wenn du beim vierten nicht zustimmen konntest, ist das der dringendste Punkt auf der ganzen Liste.

Übrigens hilft beim Bühnenrolle ablegen ein einziger solcher Mensch mehr als jede Technik.

Kapitel 18 03:13 Uhr Rolle: fast ab

Zehn Fehler beim Bühnenrolle ablegen

Fünf Fehler direkt nach dem Auftritt

Fehler 1: Backstage ablegen wollen
Dort sind noch Zuschauer, also läuft die Figur zwangsläufig weiter. Wer es trotzdem versucht, hält sich für gescheitert und lässt es danach ganz.
Fehler 2: Das Handy als Übergang benutzen
Reaktionen zu lesen hält die Figur am Leben, weil sie genau davon lebt. Die erste Stunde nach dem Auftritt ist die schlechteste Zeit für Kommentarspalten.
Fehler 3: Den Abend sofort bewerten
Direkt nach der Bühne ist deine Einschätzung chemisch verunreinigt. Das gilt in beide Richtungen, übrigens auch beim Hochgefühl.
Fehler 4: Alkohol als Ausschaltknopf
Er wirkt tatsächlich, und zwar schnell. Er schaltet allerdings nicht die Figur ab, sondern dich. Am nächsten Tag ist beides noch da, nur schlechter gelaunt.
Fehler 5: Direkt nach Hause und dort weiterspielen
Wenn die Wohnung zum Nachklapp wird, zahlen andere Menschen die Rechnung. Meistens die, die schon geschlafen haben.

Fünf Fehler auf lange Sicht

Fehler 6: Die Figur abschaffen wollen
Du brauchst sie. Ohne sie stehst du auf der Bühne und redest wie beim Elternabend. Das Ziel ist ein Schalter und kein Abriss.
Fehler 7: Sich für die Figur schämen
Scham führt dazu, dass du sie versteckst. Versteckte Figuren kann man nicht ablegen, weil man ihnen nie beim Anziehen zusieht.
Fehler 8: Nur noch Menschen um sich haben, die dich von der Bühne kennen
Das ist der stillste und teuerste Fehler auf dieser Liste. Er passiert über Jahre und fällt erst auf, wenn du in einer Krise niemanden anrufen kannst.
Fehler 9: Den Künstlernamen überall benutzen
Praktisch für die Sichtbarkeit, ungünstig für die Trennung. Halt dir mindestens einen Lebensbereich frei, in dem nur dein echter Name gilt.
Fehler 10: Glauben, dass es anderen leichter fällt
Bowie brauchte dafür eine Ansage vor fünftausend Leuten. Beyoncé brauchte ein Interview. Es fällt niemandem leicht.
Kapitel 19 03:14 Uhr Rolle: abgelegt

Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage

Kein Programm, sondern eine Woche.

TagWas du machstDauer
MontagGegenstand aussuchen. Flohmarkt, Schrank, egal. Hauptsache, er gehört nur der Bühne.20 Minuten
DienstagSteckbrief der Figur schreiben. Fünf Zeilen, Name und Alter inklusive.10 Minuten
MittwochDen Ort auf dem Heimweg festlegen, an dem du ablegst.5 Minuten
DonnerstagAbsatz zweimal aufnehmen, als Figur und als du. Anhören.15 Minuten
FreitagEinen Menschen anschreiben, der dich nie auf der Bühne gesehen hat.3 Minuten
SamstagAuftritt oder Probe. Gegenstand an, Gegenstand aus.
SonntagNichts. Kein Text, keine Bühne, kein Notizbuch.einen Tag

Der Sonntag ist wieder der schwerste Tag in dieser Tabelle.

Und er ist der einzige, an dem du herausfindest, wer du ohne die Figur eigentlich bist.

Danach fällt dir das Bühnenrolle ablegen am nächsten Auftrittsabend spürbar leichter.

Kapitel 20 03:14 Uhr Rolle: abgelegt

Häufige Fragen zum Bühnenrolle ablegen

Fragen zur Figur selbst

Ist eine Bühnenfigur nicht einfach unehrlich?
Nein. Eine Figur ist eine Übersetzung. Du übersetzt etwas Echtes in eine Form, die im Saal ankommt. Unehrlich wird es erst, wenn du die Übersetzung für das Original hältst.
Ich habe gar keine Figur, ich bin einfach ich selbst. Ist das schlecht?
Überhaupt nicht, aber prüf es einmal ehrlich nach. Die meisten haben eine und merken es nur nicht, weil sie ihr keinen Namen gegeben haben. Und genau das ist der riskantere Zustand.
Muss ich mir einen Künstlernamen zulegen?
Musst du nicht. Ein Künstlername macht die Trennung leichter, aber er macht auch die Verschmelzung leichter, sobald ihn alle benutzen. Ein Gegenstand ist die sicherere Variante.
Was ist, wenn ich die Figur lieber mag als mich?
Das ist ein häufiger und sehr ehrlicher Satz. Er lohnt sich als Frage: Was genau kann sie, das du nicht kannst? In neun von zehn Fällen ist die Antwort erlernbares Handwerk.

Fragen zur Praxis

Wie lange dauert es, bis das Ritual sitzt?
Erfahrungsgemäß fünf bis acht Auftritte. Danach macht es der Körper von selbst, und du merkst es erst, wenn du es einmal vergisst.
Funktioniert das auch ohne Bühne?
Ja. Der Gegenstand funktioniert bei Vorträgen, im Vertrieb, bei Prüfungen und im Unterricht. Überall dort, wo du eine berufliche Version von dir anziehst.
Was mache ich bei mehrtägigen Festivals?
Dann brauchst du eine kleinere Zone. Der Weg vom Saal zur Unterkunft reicht. Wichtig ist nicht die Länge, sondern dass es überhaupt stattfindet.
Mein Umfeld findet das Ritual komisch. Was tun?
Nichts erklären. Es ist ein Handgriff und keine Weltanschauung. Wer fragt, bekommt die Antwort, dass der Mantel unbequem ist.
Kapitel 21 03:14 Uhr Rolle: abgelegt

Rostock, 03:14 Uhr – der Rest der Geschichte

Zurück nach Rostock.

Ich saß am Hauptbahnhof auf einer Bank und wartete auf einen Zug, der erst um kurz vor fünf fuhr.

Er kam zwei Bänke weiter zum Stehen, stellte seine Tasche ab und zog den Mantel aus.

Dann faltete er ihn. Ordentlich, zweimal, wie man ein Hemd faltet.

Und legte ihn in die Tasche.

Danach fragte er mich, ob ich wüsste, ob der Erste nach Warnemünde am Wochenende später fährt.

Es war eine andere Stimme.

Tiefer, langsamer, ohne diesen Zug nach oben am Satzende. Und seine Schultern hingen plötzlich normal.

Was er dann sagte

Ich habe ihn gefragt, warum er das erst jetzt macht, um Viertel nach drei.

Seine Antwort war der Grund, warum es diesen Beitrag gibt.

Backstage ist noch Bühne. Der Imbiss ist noch Bühne. Zu Hause darf sie nicht mehr sein.
Der Mann mit dem Mantel · Rostock Hauptbahnhof

Dann sagte er noch einen Satz.

Der Mantel sei der, der da vorne steht. Er selbst müsse ihn nur rechtzeitig ausziehen.

Und dann kam der Teil, der mich erwischt hat

Ich habe ihn nach seinem Namen gefragt.

Er nannte einen völlig gewöhnlichen Vornamen. Einen, den man sofort wieder vergisst.

Ich kannte den Mann seit zwei Jahren von diversen Bühnen. Und ich hatte diesen Namen nie gehört.

Er hat gegrinst und gesagt, das sei Absicht.

Das ist Bühnenrolle ablegen in seiner konsequentesten Form. Der echte Name bleibt nämlich privat.

Bühnenrolle ablegen gelungen: der Waschbär sitzt morgens ganz normal in seiner Küche, der Bühnenmantel hängt an der Tür
So sieht der Morgen aus, wenn der Mantel an der Tür geblieben ist.

Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte

Ich bin an diesem Morgen um kurz nach fünf losgefahren und um sieben zu Hause angekommen.

Und ich habe in einer stillen Wohnung angefangen, den Abend zu erzählen. Mit Aufbau, mit Tempo, mit Pointe.

Vor niemandem.

Ich hatte den ganzen Abend über den Mann beobachtet, der seine Figur angeblich nicht loswird.

Dabei war er der Einzige von uns beiden, der überhaupt eine zum Ausziehen hatte.

Ich hatte keinen Mantel. Also konnte ich auch nichts ablegen.

Genau daran scheitert das Bühnenrolle ablegen bei den meisten. Also nicht am Willen, sondern am fehlenden Gegenstand.

Was ich seitdem besitze
Einen dunkelgrünen Mantel vom Flohmarkt in der Erfurter Innenstadt. Zwölf Euro, zu warm für den Sommer, innen ein Fleck, den ich nie weggekriegt habe.

Er hängt neben der Wohnungstür, und er darf nicht weiter als bis zur Tür.
Kapitel 22 09:00 Uhr Rolle: abgelegt

Warum eine gute Figur dich freier macht

Ein Missverständnis will ich zum Schluss noch ausräumen.

Dieser Beitrag ist kein Plädoyer gegen die Bühnenfigur.

Denn ohne sie stehst du da und liest ab.

Eine gute Figur ist der Grund, warum ein Saal mit zweihundert Menschen still wird. Sie ist Lautstärke, Tempo, Haltung und Timing in einem einzigen Werkzeug.

Das Ziel ist deshalb nie, sie kleiner zu machen.

Das Ziel ist, sie so gut zu bauen, dass du sie nicht mehr brauchst, um dich sicher zu fühlen.

Denn erst dann wird Bühnenrolle ablegen zu einer Erleichterung statt zu einem Verzicht.

Bühnenrolle ablegen können heißt sie souverän tragen: der Waschbär steht im Mantel selbstsicher vor vollem Saal
Eine Figur, die du ausziehen kannst, trägst du auf der Bühne deutlich besser.

Warum das eine Handwerksfrage ist

Und genau da wird es handwerklich.

Denn die meisten Leute klammern sich an ihre Figur, weil sie sonst nichts hätten. Wer dagegen Werkzeuge hat, kann die Figur auch mal weglegen.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also alles, was eine Figur eigentlich ausmacht – nur eben als erlernbares Handwerk statt als Persönlichkeitsfrage. Du bekommst Aufbauten für Einstiege, Werkzeuge für Bilder, die tragen, und die Griffe für den Moment, in dem der Saal kippt.

Wer weiß, wie eine Pointe technisch funktioniert, muss sie nicht mehr sein.

Zieh die Figur an, wenn du sie brauchst. Und häng sie danach an den Haken.

Übrigens: Der Mantel muss wirklich nicht schön sein.

Meiner ist es nachweislich nicht.

Aber er hängt an seinem Haken. Und darum geht es beim Bühnenrolle ablegen von Anfang an.

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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