Dein inneres Publikum: Die Stimme im Kopf, die dich klein macht

Reihe 3 · Platz 7

Dein inneres Publikum: Die Stimme im Kopf, die dich klein macht

Reihe drei, Platz sieben. Und die Frau dort schüttelte den Kopf.

Der lauteste innere Kritiker des ganzen Abends saß auf diesem Platz. Dachte ich jedenfalls.

Kassel, ein Kellerraum unter einem Hinterhof, siebenundvierzig Leute, viel zu warm.

Ich stand seit vierzig Sekunden auf der Bühne und hatte sie längst entdeckt.

Sie schüttelte den Kopf. Dann schrieb sie etwas in ein kleines Notizbuch.

Danach schüttelte sie wieder den Kopf.

Also machte ich das, was fast jeder macht. Ich wurde schneller. Außerdem strich ich im Kopf die lange Passage in der Mitte.

Und ich ging achtzehn Sekunden zu früh von der Bühne, weil ich dachte, ich rette damit noch etwas.

Der innere Kritiker hatte an diesem Abend ein Gesicht bekommen. Ein fremdes noch dazu.

Zwei Stunden später wusste ich, dass ich mich vollständig geirrt hatte.

Innerer Kritiker auf der Bühne: ein Waschbär im Spotlicht, im dunklen Saal sitzt eine einzige Silhouette in Reihe drei
Der Saal ist dunkel. Trotzdem siehst du genau die eine Person, die den Kopf schüttelt.

Dieser Beitrag handelt von der Stimme, die dich schon zerlegt hat, bevor du das Mikrofon berührst.

Am Ende bekommst du genau einen Griff. Also keine zwanzig Techniken, sondern einen einzigen.

Er kostet dich dreißig Sekunden und ein Stück Papier.

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Kapitel 01 Sein Platz: Reihe 3, Mitte

Der innere Kritiker ist gar kein Kritiker

Ein echter Kritiker begründet. Er sagt dir, welche Zeile nicht trägt und warum.

Deine Stimme im Kopf macht das nie.

Sie sagt: zu lang. Sie sagt: peinlich. Außerdem sagt sie: die anderen sind besser.

Aber sie liefert dir kein einziges Mal einen Beleg.

Deshalb ist schon der Begriff der erste Fehler. Was du da hörst, ist kein Urteil, sondern ein Reflex.

Genauer gesagt: ein Papagei.

Er wiederholt Sätze, die er irgendwann irgendwo aufgeschnappt hat. Also ohne Prüfung, ohne Zusammenhang und ohne jede Ahnung, ob sie heute überhaupt noch stimmen.

Zwischenruf
Das will doch keiner hören.
Deine Antwort
Wer ist „keiner“? Nenn mir drei Namen. Wenn du keine drei Namen hast, redest du nicht über das Publikum, sondern über deine Laune.

Der Unterschied klingt akademisch. Er ist es allerdings nicht.

Denn gegen einen Kritiker kannst du argumentieren. Gegen einen Papagei dagegen nicht.

Du musst ihn stattdessen dazu bringen, sich wie ein Kritiker zu benehmen.

Und genau darum geht es hier.

Der Unterschied in einem Satz
Ein echter Kritiker sagt dir, was nicht funktioniert. Dein innerer Kritiker sagt dir, wer nicht funktioniert. Und das ist jedes Mal dieselbe Person.
Kapitel 02 Sein Platz: Reihe 3, Mitte

Warum der innere Kritiker im Saal am lautesten wird

Zu Hause am Tisch ist er ein Flüstern. Im Saal ist er eine Bahnhofsdurchsage.

Das hat einen ziemlich banalen Grund.

Auf der Bühne kannst du nichts mehr korrigieren. Der Text ist draußen, sobald er draußen ist.

Dein Kopf sucht deshalb in genau diesem Moment nach jeder verfügbaren Information darüber, wie es läuft.

Er findet allerdings fast keine.

Denn du siehst kaum Gesichter. Außerdem hörst du kein Lachen an den Stellen, an denen du zu Hause gelacht hast.

Und die erste Reihe schaut dich an, als säße sie beim Zahnarzt.

Also füllt dein Kopf die Lücke selbst. Und zwar immer mit dem Schlimmsten, weil das billiger ist als Optimismus.

Drei Momente, in denen er zuverlässig anspringt

Kurz bevor dein Name aufgerufen wird
Der Körper läuft hoch, dein Kopf hat dabei nichts zu tun. Genau diese Kombination ist die Lieblingsbühne deines inneren Kritikers. Deshalb brauchst du hier eine Aufgabe für die Hände – und die bekommst du in Kapitel sechs.
Direkt nach der ersten Pause im Text
Stille wird von deinem Kopf sofort als Urteil gelesen. Dabei ist Stille meistens einfach nur Aufmerksamkeit. Ein Publikum, das mitgeht, ist leise und nicht laut.
In den zwanzig Minuten nach dem Auftritt
Das Adrenalin fällt, die Stimmung fällt mit. Was du in diesem Fenster über deinen Text denkst, ist deshalb nahezu wertlos. Notiere es trotzdem, aber bewerte es erst am nächsten Tag.
Sonderfall: wenn jemand vor dir richtig gut war
Dann vergleicht dein Kopf deinen Text mit einem Text, den du gerade zum ersten Mal gehört hast. Das ist ungefähr so fair wie ein Vergleich deines Probenraums mit einer fertigen Platte.

Kurz gesagt: Der innere Kritiker ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgeht.

Er ist ein Zeichen dafür, dass dir Information fehlt.

Kapitel 03 Sein Platz: Reihe 4, Mitte

Die zwölf Sätze, die dein innerer Kritiker immer sagt

Er hat kein großes Repertoire. Das ist die überraschend gute Nachricht.

Klapp die Sätze auf, die du kennst. Und sei ehrlich, es sind mehr, als du zugeben möchtest.

Sechs Sätze, die angeblich über deinen Text reden

„Das hat schon jemand besser geschrieben.“
Stimmt vermutlich sogar. Nur ist das kein Argument, sondern eine Beschreibung der Weltlage. Nach dieser Logik dürfte seit Rilke niemand mehr ein Gedicht anfassen.
„Du bist zu alt dafür.“
Slams haben keine Altersgrenze nach oben. Die ältesten Startenden, die ich erlebt habe, hatten sogar einen unschlagbaren Vorteil: Sie hatten mehr Material.
„Deine Stimme klingt komisch.“
Deine Stimme klingt für dich komisch, weil du sie zusätzlich durch den Schädelknochen hörst. Das Publikum hört dagegen eine völlig andere Stimme. Und zwar eine ganz normale.
„Die merken sofort, dass du das nicht kannst.“
Ein Publikum merkt drei Dinge: ob du wirklich da bist, ob du es ernst meinst und ob es dir folgen kann. Technik steht nicht auf dieser Liste.
„Der Text ist zu einfach.“
Einfach ist die schwerste Disziplin. Kompliziert schreiben kann dagegen jeder, der Angst hat.
„Das ist zu privat.“
Manchmal stimmt das sogar. Dafür gibt es allerdings Kriterien statt Bauchgefühl – nachzulesen in Grenzen setzen.

Und sechs Sätze, die gar nicht mehr so tun

„Du hast das nur wegen der Reihenfolge gewonnen.“
Die Reihenfolge hilft, das ist unbestritten. Sie schreibt aber keine Texte. Und sie geht auch nicht für dich auf die Bühne.
„Beim nächsten Mal fliegst du auf.“
Dieser Satz hat einen Namen. Er heißt Hochstapler-Gefühl, und weiter unten steht, wer ihn ebenfalls mit sich herumgetragen hat.
„Die anderen finden dich anstrengend.“
Vielleicht. Sicher ist allerdings nur eines: Du hast sie nie gefragt. Und dein Kopf hat die Frage stellvertretend für sie beantwortet.
„Wenn du jetzt aufhörst, blamierst du dich wenigstens nicht.“
Das ist der ehrlichste Satz von allen. Denn er sagt offen, worum es geht: nicht um Qualität, sondern um Schutz.
„Du wiederholst dich.“
Jeder wiederholt sich. Das nennt man Handschrift, sobald es jemand anderes bemerkt.
„Der Text ist noch nicht fertig.“
Kein Text ist jemals fertig. Mehr dazu steht in Perfektionismus loslassen.

Fällt dir etwas auf? Keiner dieser zwölf Sätze enthält eine einzige Zeile aus deinem Text.

Nicht ein einziger.

Kapitel 04 Sein Platz: Reihe 4, Mitte

Woher der innere Kritiker seine Sätze hat

Diese Stimme ist nicht deine.

Sie klingt nur so, weil sie in deinem Kopf sitzt und dabei deinen Wortschatz benutzt.

Wenn du die zwölf Sätze von eben laut aussprichst, hörst du meistens jemand anderen.

Manchmal eine Lehrerin. Manchmal einen Vater. Manchmal einen Typen aus der neunten Klasse, dessen Nachnamen du längst vergessen hast.

Das ist keine Küchenpsychologie, sondern schlicht praktisch. Denn geliehene Sätze kannst du zurückgeben.

Innerer Kritiker als Zuschauer: der Waschbär sitzt selbst in Reihe drei im leeren dunklen Saal
Der härteste Platz im Saal ist der, auf dem du selbst sitzt.

Der Herkunftstest in zwei Fragen

Nimm einen Satz. Sprich ihn laut aus. Und frage dann: Wer hat so mit mir geredet?

Meistens fällt dir innerhalb von Sekunden jemand ein.

Danach stellst du die zweite Frage: Würde ich dieser Person heute noch zuhören?

Die Antwort ist erstaunlich oft ein klares Nein.

Zwischenruf
Du bist nicht kreativ genug für sowas.
Deine Antwort
Dieser Satz stammt aus dem Kunstunterricht der siebten Klasse. Und der Mann, der ihn gesagt hat, hat seitdem nichts veröffentlicht außer Notenlisten.
Wichtig, damit das hier nicht kippt
Es geht nicht darum, irgendjemandem die Schuld zu geben. Es geht ausschließlich darum, den Urheber eines Satzes zu kennen. Denn ein Satz mit Absender lässt sich prüfen. Ein Satz ohne Absender fühlt sich dagegen an wie ein Naturgesetz.
Kapitel 05 Sein Platz: Reihe 5, Rand

Maya Angelou hatte elf Bücher und trotzdem diese Stimme

Man könnte glauben, das Ding verschwindet mit dem Erfolg.

Es verschwindet nicht.

Maya Angelou hat Bestseller geschrieben, mehrere Grammys gewonnen und 1993 bei der Amtseinführung eines US-Präsidenten ein Gedicht vorgetragen.

Ihr bekanntester Satz über das Schreiben handelt trotzdem von Angst.

Ich habe elf Bücher geschrieben, und jedes Mal denke ich: Jetzt fliegt auf, dass ich sie alle reingelegt habe.
Maya Angelou · sinngemäß übersetzt

Dazu die ehrliche Einordnung, weil sie hierher gehört.

Dieses Zitat wird seit Jahrzehnten in unzähligen Büchern und Artikeln wiedergegeben, meistens als Aussage aus einem Interview. Eine eindeutige Erstquelle mit Datum und Anlass habe ich allerdings nicht gefunden. Die Zuschreibung an Angelou ist unstrittig, der genaue Ursprung dagegen nicht.

Spannend ist ohnehin nicht das Zitat, sondern die Zahl darin.

Elf. Also nicht das erste Buch und nicht das zweite.

Der innere Kritiker wird durch Erfolg demnach nicht leiser. Er wird lediglich besser informiert.

Was das für dich bedeutet
Hör auf, auf den Punkt zu warten, an dem der innere Kritiker aufgibt. Diesen Punkt gibt es nicht. Plane stattdessen fest damit, dass er bleibt – und sorge dafür, dass er einen schlechteren Platz bekommt.
Dein Link-Kompass

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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Kapitel 06 Sein Platz: Reihe 6, Rand

Der eine Griff gegen den inneren Kritiker: der Mitschrieb

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist enttäuschend simpel.

Der Griff
Schreib den Satz wörtlich auf, bevor du auf die Bühne gehst.

Nicht sinngemäß. Nicht zusammengefasst. Wörtlich, in Anführungszeichen, in der Formulierung, in der er dir im Kopf begegnet ist.

Das war es. Mehr ist es nicht.

Und ja, ich weiß, wie das klingt.

Warum ausgerechnet das funktioniert

Solange der Satz im Kopf bleibt, ist er Nebel. Er hat keine Form, keine Länge und vor allem keinen Autor.

Auf Papier wird er zu einer Behauptung.

Und Behauptungen kann man prüfen. Nebel dagegen nicht.

Außerdem passiert noch etwas Zweites, und das ist der eigentliche Trick.

Geschriebene Sätze sehen fast immer dümmer aus, als sie sich angehört haben.

Der Griff gegen den inneren Kritiker: der Waschbär schreibt nachts am Küchentisch die Sätze wörtlich in ein Notizbuch
Dreißig Sekunden, ein Stift, ein Blatt. Mehr braucht der Mitschrieb nicht.

So läuft der Mitschrieb konkret

Vor dem Auftritt: drei Schritte

Schritt 1 – Zettel und Stift, kein Handy
Die Hand muss sich bewegen. Tippen wirkt deutlich schwächer, weil dabei kein körperlicher Vorgang entsteht, den dein Kopf als Handlung verbucht. Außerdem lenkt das Handy dich innerhalb von vier Sekunden ab, und das weißt du selbst am besten.
Schritt 2 – wörtlich mitschreiben, nicht übersetzen
Falsch: „Ich habe Zweifel an dem Text.“ Richtig: „Der Mittelteil ist geschwätzig und alle merken das.“ Die zweite Fassung kannst du prüfen. Die erste ist ein Gefühl im Mantel.
Schritt 3 – Absender dazuschreiben, falls einer auftaucht
Manchmal fällt dir sofort ein, wer so redet. Dann schreib den Namen daneben. Das reicht schon oft, damit der Satz sichtbar seinen Anspruch verliert.

Nach dem Auftritt: drei weitere Schritte

Schritt 4 – Zettel einstecken, nicht diskutieren
Du musst den Satz an dieser Stelle nicht widerlegen. Du musst ihn nur aus dem Kopf herausholen. Die Diskussion führst du am nächsten Tag, wenn dein Puls wieder unter hundert liegt.
Schritt 5 – am nächsten Tag drei Spalten machen
Erste Spalte: der Satz. Zweite Spalte: welcher Beleg spricht dafür. Dritte Spalte: welcher Beleg spricht dagegen. Die zweite Spalte bleibt in etwa acht von zehn Fällen leer.
Schritt 6 – die Zettel aufheben
Nach zehn Auftritten hast du eine Sammlung. Und dann siehst du das Entscheidende: Es sind immer dieselben vier oder fünf Sätze. Dein innerer Kritiker ist nämlich ausgesprochen faul.
Zwischenruf
Das ist doch albern, sowas aufzuschreiben.
Deine Antwort
Genau das ist der Punkt. Es sieht albern aus, sobald es geschrieben dasteht. Im Kopf klang es dagegen nach einem Urteil.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil du zwei Minuten vor deinem Auftritt keine Methode mit zwölf Schritten anwendest. Du wendest die Sache an, die du auch mit zitternden Händen noch hinbekommst. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
Kapitel 07 Sein Platz: Reihe 7, Rand

John Steinbeck hat den inneren Kritiker jeden Tag mitgeschrieben

Der Mitschrieb ist keine Erfindung von mir.

Im Sommer 1938 schrieb ein Mann in Kalifornien an einem Roman und führte nebenbei ein Arbeitstagebuch.

Der Roman hieß später Früchte des Zorns.

Er bekam 1940 den Pulitzer-Preis und wurde einer der Gründe für den Literaturnobelpreis 1962.

In dieses Tagebuch schrieb Steinbeck währenddessen Sätze wie diesen.

Ich bin kein Schriftsteller. Ich habe mich selbst und alle anderen zum Narren gehalten.
John Steinbeck · Arbeitstagebuch, 1938

Zur Einordnung: Diese Einträge sind belegt und veröffentlicht, und zwar im Band Working Days: The Journals of The Grapes of Wrath, herausgegeben von Robert DeMott.

Steinbeck war zu diesem Zeitpunkt übrigens kein Anfänger. Von Mäusen und Menschen war bereits ein Erfolg und lief sogar am Broadway.

Trotzdem stand dieser Satz da.

Das eigentlich Interessante ist nicht der Satz

Sondern die Tatsache, dass er ihn aufgeschrieben hat.

Steinbeck hat den inneren Kritiker nicht weggeatmet und nicht wegtrainiert. Er hat ihn protokolliert.

Und danach hat er weitergearbeitet. Zwei Zeilen später notierte er nämlich sinngemäß, dass er sein Tagespensum trotzdem schafft.

Genau das ist der Mitschrieb, achtzig Jahre vor diesem Blogbeitrag.

Der Unterschied zu deinem Kopf
Steinbeck hat nicht darauf gewartet, dass der Zweifel aufhört. Er hat ihn auf eine Seite gestellt, auf der er niemandem im Weg war. Und dann hat er die nächsten zweitausend Wörter geschrieben.
Kapitel 08 Sein Platz: Reihe 9, Rand

Rilke: Erziehe deinen Zweifel, statt ihn zu erschlagen

Jetzt kommt die Wendung, die das ganze Thema auf den Kopf stellt.

Im November 1904 schrieb Rainer Maria Rilke aus Schweden an einen jungen Offiziersanwärter namens Franz Xaver Kappus. Es war der neunte von zehn Briefen, die später als Briefe an einen jungen Dichter berühmt wurden.

Kappus hatte über seine Zweifel geklagt. Rilke antwortete nicht mit Trost.

Er muß wissend werden, er muß Kritik werden.
Rainer Maria Rilke · neunter Brief, 4. November 1904

Gemeint ist der Zweifel.

Rilke rät dem jungen Mann ausdrücklich nicht, ihn abzustellen. Er rät ihm, ihn zu erziehen.

Konkret schlägt er vor, den Zweifel jedes Mal zu befragen, wenn er etwas verderben will. Man solle Beweise von ihm verlangen und ihn prüfen.

Und dann kommt der Satz, der alles ändert.

Rilke prophezeit, dass der Zweifel auf diese Weise irgendwann vom Zerstörer zu einem der besten Arbeiter am eigenen Leben wird. Vielleicht sogar zum klügsten.

Warum das der wichtigste Absatz in diesem Beitrag ist

Fast alle Ratgeber wollen den inneren Kritiker zum Schweigen bringen.

Rilke will ihn befördern.

Der Unterschied ist gewaltig. Denn ein zum Schweigen gebrachter Kritiker kommt zurück, und zwar meistens vier Minuten vor dem Auftritt.

Ein befragter Kritiker dagegen wird brauchbar.

Er sagt dann irgendwann nicht mehr „du kannst das nicht“, sondern „die Pointe steht an der falschen Stelle“.

Und das ist eine Information, mit der du tatsächlich arbeiten kannst.

Zwischenruf
Der Text funktioniert nicht.
Deine Antwort
Welche Stelle genau? Ab welcher Zeile? Und woran merkst du das? Wenn du das nicht beantworten kannst, hast du keinen Einwand, sondern schlechte Laune.

Der Haken an Rilke, den man ehrlich mitsagen muss

Rilke selbst war alles andere als ein souveräner Mensch.

Er war zeitlebens von Gönnerinnen und Mäzenen abhängig, klagte in denselben Briefen über Krankheit und Mattigkeit und schrieb an einer Stelle offen, er sei sehr arm und könne nicht einmal die eigenen Bücher kaufen.

Außerdem: Kappus wurde kein großer Dichter. Er blieb beim Militär und arbeitete später als Journalist und Romanautor.

Veröffentlicht wurden die Briefe erst 1929, drei Jahre nach Rilkes Tod – und zwar von Kappus.

Der Ratschlag ist deshalb nicht weniger klug. Er kommt nur nicht von einem Menschen, der über den Dingen stand.

Kapitel 09 Sein Platz: Reihe 11, hinten

Der Lautstärkeregler: sechs Stufen nach unten

Du wirst den inneren Kritiker nicht abschalten. Du kannst ihn aber leiser stellen.

Stell dir dafür einen Regler vor, der bei zehn steht.

Innerer Kritiker leiser stellen: der Waschbär zieht backstage einen einzelnen Regler am alten Mischpult nach unten
Nicht ausschalten. Runterziehen. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Grafik 1 · Der Regler
10
Er redet, du gehorchst
Du streichst Passagen, während du sie sprichst.
8
Er redet, du hörst zu
Du merkst, dass da eine Stimme ist. Mehr aber nicht.
6
Du schreibst mit
Der Mitschrieb. Ab hier verlierst du keine Auftritte mehr.
5
Du verlangst Belege
Der Rilke-Schritt. Welche Zeile genau? Woran merkst du das?
4
Du kennst seine Sätze auswendig
Nach zehn Zetteln erkennst du die Wiederholung.
3
Er wird zum Lektor
Er sagt dir Stellen statt Urteile. Und du bedankst dich sogar.
Unter drei geht der Regler nicht. Und das ist gut so.

Die meisten Menschen versuchen den Sprung von zehn auf null. Deshalb scheitern sie.

Von zehn auf sechs schaffst du dagegen an einem einzigen Abend.

Denn zwischen zehn und sechs liegt nur ein Blatt Papier.

Kapitel 10 Sein Platz: Reihe 12, hinten

Zehn Sätze, umgebaut zu prüfbaren Behauptungen

Hier siehst du den Rilke-Schritt in der Praxis.

Links steht, was dein innerer Kritiker sagt. Rechts steht, was er sagen müsste, damit du damit arbeiten kannst.

Was er sagtWas er sagen müssteWas du dann tust
Der Text ist schlecht.Der Einstieg braucht vier Sätze bis zur ersten Handlung.Streiche drei davon.
Das ist langweilig.Zwischen Minute zwei und drei passiert nichts Neues.Setz dort einen Bruch.
Ich kann nicht vortragen.Ich werde bei Aufregung schneller und schlucke Endsilben.Markiere drei Atempausen im Ausdruck.
Keiner versteht das.Die Metapher im Mittelteil braucht Vorwissen.Erkläre sie einmal beiläufig.
Das ist peinlich.Ich habe Angst, dass zwei bestimmte Leute im Saal es hören.Prüfe die Grenze bewusst, nicht panisch.
Ich bin nicht gut genug.Ich habe diesen Text erst zweimal laut gesprochen.Sprich ihn noch dreimal.
Die anderen sind besser.Zwei Startende haben mehr Bühnenroutine als ich.Stimmt. Also sammle Routine.
Der Schluss funktioniert nicht.Der letzte Satz erklärt, was der vorletzte schon gezeigt hat.Streiche den letzten Satz.
Ich sollte gar nicht antreten.Ich habe Angst vor dem Gefühl nach einer schlechten Wertung.Plane den Abend danach.
Das interessiert niemanden.Ich habe keine Ahnung, wen das interessiert.Finde es heraus, indem du antrittst.

Fällt dir die Systematik auf?

Die linke Spalte redet über dich. Die rechte Spalte redet über den Text.

Genau darin besteht die ganze Arbeit.

Kapitel 11 Sein Platz: Reihe 14, ganz hinten

Der Saalplan: wo dein innerer Kritiker sitzen darf

Du hast oben unter jeder Überschrift eine Sitzreihe gesehen.

Der markierte Platz ist seiner. Und er wandert seit Kapitel eins nach hinten.

Das ist kein Gag, sondern das Ziel dieses Beitrags in Bildform.

Grafik 2 · Der Saalplan
Oben die Bühne. Unten die Tür. Dazwischen entscheidest du.
Bühne
Reihe 1
Reihe 2
Reihe 3Hier saß er, als du angefangen hast.
Reihe 4
Reihe 5
Reihe 6
Reihe 12Hierhin gehört er nach dem Mitschrieb.
Tür · und dahinter der Flur

Wichtig ist dabei ein Detail, das gern untergeht.

Er fliegt nicht raus.

Denn ein Saal ohne kritische Stimme ist kein guter Saal, sondern eine Jubelveranstaltung. Und aus Jubelveranstaltungen kommen selten gute Texte.

Er bekommt nur einen schlechteren Platz. Von dort aus hört man ihn immer noch, allerdings nicht mehr über allen anderen.

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Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
— Stephan Pinkwart —
Kapitel 12 Sein Platz: Reihe 12, hinten

Drei Stimmen im Kopf – und nur eine darf beim Schreiben reden

In deinem Kopf sitzt nicht nur eine Stimme. Es sind mindestens drei.

Das Problem ist nie ihre Existenz. Das Problem ist, dass sie alle gleichzeitig reden.

Die Erfinderin

Sie liefert Material. Sie ist unordentlich, schnell und völlig unkritisch.

Ihre Zeit ist der erste Entwurf. Und sie verträgt keinerlei Bewertung, weil sie dann sofort aufhört zu liefern.

Der Handwerker

Er baut. Er streicht, verschiebt und kürzt.

Seine Zeit ist die zweite und dritte Fassung. Außerdem arbeitet er am besten mit ausgedrucktem Text.

Der Kritiker

Er urteilt. Und zwar über alles, jederzeit, unaufgefordert.

Seine Zeit ist der Tag nach dem Auftritt. Vorher ist er ein Störfaktor.

Der Fehler, den fast alle machen
Sie lassen den Kritiker beim ersten Entwurf mitreden. Das Ergebnis ist eine leere Seite und das Gefühl, keine Ideen zu haben. Dabei gibt es die Ideen längst – sie kommen nur nicht an der Tür vorbei.
Zwischenruf
Das ist doch ein blöder erster Satz.
Deine Antwort
Natürlich ist er das. Erste Sätze sind immer blöd. Du redest gerade mit der falschen Stimme zur falschen Zeit.

Praktisch heißt das: Trenne die drei zeitlich, nicht inhaltlich.

Erfinden am Montag. Bauen am Mittwoch. Urteilen am Sonntag.

Kapitel 13 Sein Platz: Reihe 13, hinten

Sechs Übungen für die Woche vor dem Auftritt

Diese sechs Übungen kosten zusammen keine zwanzig Minuten pro Tag.

Fang mit einer an. Nicht mit allen.

Die drei Übungen für den Kopf

Übung 1 – Die Zettelsammlung
Sieben Tage lang notierst du jeden Satz, den dein innerer Kritiker sagt. Wörtlich, mit Uhrzeit. Am Sonntag legst du alle Zettel nebeneinander. Fast immer wiederholen sich vier bis fünf Sätze, und genau die sind ab dann bekannt.
Übung 2 – Die dritte Person
Sprich den Satz laut aus, aber mit deinem eigenen Namen statt mit „du“. Also nicht „du kannst das nicht“, sondern „Sabine kann das nicht“. Der Satz verliert dabei sofort an Autorität, weil er plötzlich nach einem fremden Urteil klingt. Und genau das ist er ja auch.
Übung 3 – Der Freundinnentest
Nimm einen deiner Sätze und stell dir vor, du sagst ihn wortwörtlich zu einer Freundin, die gleich auftritt. Wenn du dabei zusammenzuckst, hast du deine Antwort. Denn niemand würde so mit einem Menschen reden, den er mag.

Die drei Übungen für den Auftritt

Übung 4 – Die Belegpflicht
Für sieben Tage gilt eine Regel: Jeder Satz braucht eine Zeilennummer. „Der Text ist schwach“ gilt nicht. „Zeile vierzehn ist schwach“ gilt. Ohne Zeilennummer wird der Satz kommentarlos gestrichen.
Übung 5 – Die Beweisliste
Schreib zehn Dinge auf, die du im Slam schon geschafft hast. Angemeldet, aufgetreten, Text zu Ende gesprochen, jemanden zum Lachen gebracht, einmal nicht gewonnen und trotzdem wiedergekommen. Diese Liste kommt in dieselbe Tasche wie die Zettel.
Übung 6 – Die Hände beschäftigen
In den fünf Minuten vor dem Aufruf braucht dein Kopf eine Aufgabe. Schreib den Mitschrieb. Oder ordne deine Blätter neu. Hauptsache, es gibt eine Handlung. Ein beschäftigter Kopf hat weniger Platz für Prophezeiungen.

Übrigens: Wenn du nur eine einzige davon machst, nimm die erste.

Kapitel 14 Sein Platz: Reihe 13, hinten

Drei Videos, die den inneren Kritiker erklären

Alle drei sind auf Englisch, alle drei haben Untertitel.

Und alle drei habe ich vorher angesehen, damit du keine zwanzig Minuten für nichts investierst.

Kristin Neff: The Space Between Self-Esteem and Self Compassion (TEDxCentennialParkWomen)
Neff forscht seit Jahrzehnten zu Selbstmitgefühl. Der interessanteste Teil beginnt dort, wo sie erklärt, warum Selbstkritik als Motivation schlechter funktioniert als ihr Ruf – und warum hohes Selbstwertgefühl allein das Problem nicht löst.
Ronnie Grandell: Three ways to tame your self-criticism (TEDxOtaniemi)
Grandell ist klinischer Psychologe und arbeitet mit mitgefühlsfokussierter Therapie. Praktischster Vortrag der drei, außerdem der kürzeste Einstieg ins Thema.
Melody Wilding: Trying to Change? How Self-Doubt Can Actually Help (TEDxBergenCommunityCollege)
Neun Minuten, und inhaltlich die moderne Fassung von Rilkes Rat: Der Zweifel soll nicht verschwinden, sondern nützlich werden.
Wenn du nur eines schaust
Nimm Grandell. Er gibt dir drei Handgriffe, die du am selben Abend ausprobieren kannst. Neff liefert das Fundament, Wilding die Haltung.
Kapitel 15 Sein Platz: Reihe 14, hinten

Wenn es kein innerer Kritiker mehr ist, sondern etwas anderes

Dieses Kapitel gehört hierher, auch wenn es den Ton bricht.

Alles bisher Beschriebene betrifft eine unangenehme, aber normale Begleiterscheinung des Schreibens und Auftretens.

Es gibt allerdings eine Grenze.

Der Unterschied in einem Satz
Der innere Kritiker redet über deinen Text und schweigt zwischendurch. Wenn die Stimme über deinen Wert als Mensch redet, nicht mehr aufhört und auch dann bleibt, wenn du gar nichts schreibst, dann ist sie kein Bühnenthema mehr.

Anzeichen, bei denen dieser Beitrag nicht mehr das richtige Werkzeug ist

Die Stimme ist auch an Tagen ohne Auftritt und ohne Text durchgehend da.

Sie betrifft nicht mehr das Schreiben, sondern grundsätzlich deine Person.

Du ziehst dich zurück, schläfst schlecht oder verlierst über Wochen das Interesse an Dingen, die dir sonst wichtig waren.

Oder du merkst, dass du dich selbst mit einer Härte behandelst, die du bei niemand anderem dulden würdest.

Wohin du dich dann wenden kannst

Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt und kostet dich nichts außer einem Termin.

Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine dafür vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.

Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Das ist keine Schwäche und auch kein Widerspruch zur Bühne.

Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.

Kapitel 16 Sein Platz: Reihe 14, hinten

Selbstcheck: Wie laut ist dein innerer Kritiker gerade?

Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.

Auswertung in einem Satz: Wenn du bei Frage drei zugestimmt hast, fang bei Kapitel sechs an.

Wenn du bei Frage sechs nicht zustimmen konntest, mach Übung fünf noch heute Abend.

Kapitel 17 Sein Platz: Reihe 14, hinten

Zehn Fehler im Umgang mit dem inneren Kritiker

Fehler 1: Ihn zum Schweigen bringen wollen
Das funktioniert für ungefähr zwei Tage. Danach kommt er zurück, und zwar lauter. Unterdrückte Sätze verschwinden nicht, sie warten.
Fehler 2: Positive Sprüche dagegensetzen
„Ich bin großartig“ überzeugt niemanden, am wenigsten dich. Dein Kopf verlangt Belege und keine Behauptungen. Deshalb funktioniert die Beweisliste aus Übung fünf, und der Spiegelspruch nicht.
Fehler 3: Auf den richtigen Zeitpunkt warten
Der Zeitpunkt, an dem du dich sicher fühlst, kommt nicht vor dem ersten Auftritt. Er kommt nach ungefähr dem zwanzigsten.
Fehler 4: Den Auftritt direkt danach bewerten
Die zwanzig Minuten nach der Bühne sind chemisch verunreinigt. Alles, was du dort denkst, gehört auf einen Zettel und nicht in eine Entscheidung.
Fehler 5: Wertungen als Textkritik lesen
Eine Punktzahl misst einen Abend, ein Publikum und eine Reihenfolge. Sie misst nicht deinen Text und schon gar nicht dich.

Fünf Fehler, die schleichend teuer werden

Fehler 6: Sich mit dem Ergebnis anderer vergleichen statt mit deren Aufwand
Du siehst den Auftritt. Du siehst nicht die vierzig Abende davor. Der Vergleich ist deshalb schon rechnerisch unfair.
Fehler 7: Ihn ernst nehmen, wenn du müde bist
Nach dreiundzwanzig Uhr hat dein innerer Kritiker seine beste Zeit und seine schlechtesten Argumente. Nimm nachts keine Entscheidungen über Texte.
Fehler 8: Ihn mit Alkohol leiser stellen
Er wird tatsächlich leiser. Am nächsten Tag ist er dafür lauter, und das Verfahren wird erfahrungsgemäß teuer.
Fehler 9: Alles allein regeln wollen
Zwei Testhörer ersetzen zwanzig Runden Selbstzweifel. Echte Reaktionen schlagen jede Vermutung, weil sie Daten sind.
Fehler 10: Glauben, andere hätten das nicht
Frag nach dem Slam drei Leute, ob sie vorher nervös waren. Die Antworten werden dich vermutlich überraschen.
Kapitel 18 Sein Platz: Vor der Tür

Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage

Kein Programm, sondern eine Woche.

TagWas du machstDauer
MontagZettelsammlung starten. Jeder Satz wörtlich, mit Uhrzeit.2 Minuten pro Satz
DienstagWeitersammeln. Nicht bewerten, nur mitschreiben.
MittwochBeweisliste aus Übung fünf schreiben. Zehn Punkte, keine Ausreden.15 Minuten
DonnerstagText laut sprechen, dabei drei Atempausen markieren.20 Minuten
FreitagZettel sortieren. Welcher Satz kommt am häufigsten vor?10 Minuten
SamstagDiesen einen Satz umbauen, wie in Kapitel zehn gezeigt.10 Minuten
SonntagFür den nächsten Slam anmelden. Ohne den Text vorher noch einmal zu ändern.3 Minuten

Der Sonntag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.

Denn alles andere ist Vorbereitung. Die Anmeldung ist die einzige Handlung, die dein innerer Kritiker nicht rückgängig machen kann.

Kapitel 19 Sein Platz: Vor der Tür

Häufige Fragen zum inneren Kritiker

Verschwindet der innere Kritiker irgendwann ganz?
Nein. Und das ist auch nicht das Ziel. Maya Angelou hatte ihn nach elf Büchern noch, Steinbeck hatte ihn mitten in seinem berühmtesten Roman. Realistisch ist, dass er leiser wird und brauchbarer.
Ist der innere Kritiker nicht auch nützlich?
In der Form, in der er dich vor dem Auftritt anspricht, ist er es nicht. Umgebaut zu prüfbaren Einwänden wird er dagegen dein bester Lektor. Genau das meinte Rilke mit dem Satz, der Zweifel müsse wissend werden.
Was mache ich, wenn er mitten im Auftritt losredet?
Ein Wort genügt: „später“. Innerlich, nicht ins Mikrofon. Du vertagst ihn, statt mit ihm zu diskutieren. Diskutieren kostet dich nämlich genau die Aufmerksamkeit, die gerade der Text braucht.
Hilft mehr Übung gegen den inneren Kritiker?
Übung hilft gegen die Sache, über die er redet. Gegen ihn selbst hilft sie nur mittelbar. Deshalb brauchst du beides: bessere Texte und einen schlechteren Sitzplatz für ihn.

Fragen zur Praxis

Ich bin einfach ein selbstkritischer Mensch. Kann ich das ändern?
Du musst deine Persönlichkeit nicht umbauen. Du musst nur den Zeitpunkt verschieben, an dem die Kritik stattfindet. Selbstkritisch am Mittwoch ist ein Vorteil. Selbstkritisch vier Minuten vor dem Aufruf ist ein Problem.
Was ist mit echter Kritik von außen?
Die brauchst du dringend, und zwar von zwei bis drei Menschen, deren Urteil du kennst. Echte Kritik ist konkret und endlich. Der innere Kritiker ist vage und unendlich.
Warum ausgerechnet handschriftlich?
Weil Handschrift langsamer ist als Denken. Diese Verzögerung zwingt dich, den Satz zu Ende zu formulieren – und die meisten Sätze deines inneren Kritikers überleben das Zuendeformulieren nicht.
Funktioniert das auch außerhalb der Bühne?
Ja. Der Mitschrieb ist ursprünglich kein Slam-Werkzeug. Er funktioniert bei Bewerbungsgesprächen, bei Prüfungen und vor unangenehmen Telefonaten genauso.
Kapitel 20 Sein Platz: Vor der Tür

Reihe 3, Platz 7 – der Rest der Geschichte

Zurück nach Kassel.

Ich saß nach meinem Auftritt an der Bar und war beleidigt, was ich mir natürlich nicht eingestand.

Die Frau aus Reihe drei stand irgendwann auf, legte das Notizbuch auf den Tisch und ging nach vorn.

Sie war als Letzte dran.

Und ich tat das, was man nicht tut. Ich habe hingeschaut.

Auf der aufgeschlagenen Seite stand eine Liste. Fünfzehn Sätze, untereinander, in Anführungszeichen.

Was auf der Seite stand
„Deine Stimme ist zu hoch.“
„Du bist zu alt für sowas.“
„Die lachen dich gleich aus.“
„Du wirst wieder rot.“
„Der Text ist geklaut, zumindest vom Gefühl her.“

Und so weiter. Fünfzehn Stück.

Kein einziger Satz handelte von mir.

Sie hatte den Kopf nicht wegen meines Textes geschüttelt. Sie hatte den Kopf wegen ihres eigenen geschüttelt.

Während ich auf der Bühne stand, saß sie in Reihe drei und schrieb ihren inneren Kritiker mit. Wörtlich, Satz für Satz, kurz bevor sie selbst dran war.

Dann ging sie nach vorn und gewann den Abend.

Innerer Kritiker auf dem billigen Platz: der Waschbär spricht vor vollem Saal, in Reihe drei bleibt ein Sitz leer
Am Ende ist der Platz in Reihe drei einfach leer. Und niemand vermisst ihn.

Die Frage an der Bar

Ich habe sie später gefragt, warum sie das aufschreibt.

Ihre Antwort war ein Satz, und ich habe ihn mir noch am selben Abend notiert.

Weil sie auf Papier so dumm aussehen.
Die Frau aus Reihe drei · Kassel

Mehr steckt nicht dahinter.

Im Kopf klingt der innere Kritiker nach einem Urteil. Auf Papier sieht er aus wie das, was er ist: ein müder Papagei mit fünf Sätzen im Repertoire.

Nach dem Slam: der Waschbär steht mit Notizbuch am nächtlichen Bahnsteig, der innere Kritiker ist mitgeschrieben
Der letzte Zug ist der beste Ort für die erste Liste.

Ich habe im letzten Zug meine erste Liste angefangen.

Vier Sätze. Alle vier stehen bis heute auf jedem neuen Zettel.

Aber sie sitzen inzwischen ganz hinten.

Kapitel 21 Sein Platz: Bühne

Und wenn der Platz erst mal frei ist

Der innere Kritiker verliert seinen Platz nicht durch Motivation.

Er verliert ihn durch Handwerk.

Denn die meisten Sätze in seiner Liste sind gar keine Charakterfragen. Sie sind Technikfragen in schlechter Verkleidung.

„Das ist langweilig“ heißt eigentlich: Der Spannungsbogen sitzt nicht.

„Keiner versteht das“ heißt eigentlich: Das Bild braucht eine Vorbereitung.

„Ich kann nicht vortragen“ heißt eigentlich: Niemand hat dir je gezeigt, wie man Pausen setzt.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks – also alles, was aus einem vagen „irgendwie schwach“ eine konkrete Stelle mit einer konkreten Lösung macht. Du bekommst Aufbauten für Einstiege, Werkzeuge für Bilder, die tragen, und die Handgriffe für den Moment, in dem der Saal still wird.

Es geht dabei nicht um Talent. Es geht um Griffe, die man lernen kann – und die man danach einfach hat.

Der schönste Nebeneffekt: Je mehr davon du beherrschst, desto weniger hat dein innerer Kritiker zu sagen. Er redet nämlich am liebsten über die Dinge, die du noch nicht kannst.

Nimm ihm die Themen weg. Dann sitzt er ganz von allein hinten.

Und falls er trotzdem noch mitkommt: Gib ihm einen Zettel.

Er schreibt sich sowieso lieber selbst ab.

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

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Perfektionismus loslassen
Wenn dein innerer Kritiker den Text lieber in der Schublade sieht als auf der Bühne.
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Über welche Themen du nicht schreiben musst – und woran du die Grenze erkennst.
Über Wut schreiben, ohne zu brüllen
Kalte Wut trifft härter als Geschrei. Auch das ist Handwerk.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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