Grenzen setzen: Über welche Themen du nicht schreiben musst
Nicht jede Wunde gehört auf die Bühne. So erkennst du deine Grenzen, schützt dich selbst – und schreibst trotzdem ehrlich und stark.
DIESSEITS
Alles, was du erzählen kannst, ohne dass es dich hinterher kostet.
JENSEITS
Der ganze Rest. Und der darf da bleiben.

Du kennst vermutlich diesen Ratschlag.
Sei mutiger. Geh tiefer. Trau dich, das Schwere zu erzählen.
Vermutlich stand er sogar schon mal auf diesem Blog.
Heute geht es dagegen um das Gegenteil.
Denn zu jedem Rat, tiefer zu gehen, gehört ein zweiter: Du musst nirgendwohin, wo du nicht hinwillst.
Und zwar nicht als Trostpflaster für Zaghafte.
Sondern weil eine Bühne ein öffentlicher Ort ist, an dem du hinterher noch leben musst.
DAS BILD FÜR DIESEN ARTIKEL
Du bist der Türsteher deines eigenen Textes. Freundlich, gut gelaunt, an einem Ort, an dem du gern arbeitest. Und trotzdem entscheidest du, wer reinkommt.
Bei mir war es zunächst Rostock. Ein Abend mit einer sehr aufmerksamen Moderation.
Ich hatte einen Text dabei, den ich seit Monaten mit mir herumtrug und den ich für meinen besten hielt.
Er ging um jemanden aus meiner Familie. Und ich hatte diese Person nicht gefragt.
Also habe ich ihn gespielt. Er lief gut.
Danach, vier Wochen später, hat mich jemand darauf angesprochen, der die Person kennt.
Nicht vorwurfsvoll. Nur interessiert.
Und ich stand da und habe zum ersten Mal begriffen, dass ein Text nicht im Saal aufhört.
Grenzen setzen: die drei Zonen für die Bühne
Denn es gibt genau drei Sorten von Material. Und nur eine davon gehört gespielt.
Grafik 01 · Die drei Zonen
Zone 1: erzählbar
Es ist deine Geschichte, du hast sie verarbeitet, und du kannst ruhig darüber sprechen.
Drei Bedingungen, alle drei müssen erfüllt sein.
Zone 2: noch nicht
Es gehört dir, aber es ist zu frisch. Die Stimme bricht weg, oder du merkst beim Schreiben, dass du noch mittendrin bist.
Das ist kein Nein für immer. Zone 2 wandert mit der Zeit nach links.
Manche Texte sind nach zwei Jahren spielbar, die es vorher nicht waren. Und sie werden dabei meistens besser.
Zone 3: nicht deins
Hier liegt die Geschichte einer anderen Person. Ihre Krankheit, ihre Trennung, ihr Geheimnis.
Dagegen wandert diese Zone nicht. Auch nicht in zehn Jahren.
Was du daraus verwenden darfst, ist deine Erfahrung damit. Und das ist mehr Material, als es klingt.
Die meisten Probleme entstehen nicht, weil jemand zu mutig war. Sondern weil er Zone 2 und Zone 3 verwechselt hat.
INHALT
DIE GUTE NACHRICHT VORWEG
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Zwölf Themen: wo die Grenze zur Bühne liegt
Also zwölf Fälle, die immer wieder auftauchen. Überleg bei jedem selbst, wo du die Linie ziehen würdest.
THEMA 01
Die Krankheit eines Angehörigen
Deine Mutter ist krank. Du willst darüber schreiben, weil es dein Leben bestimmt.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine Erfahrung: die Fahrten, das Warten, dein schlechtes Gewissen, dein Unvermögen. Das ist deins und gehört dir vollständig.
GEHT NICHT
Ihre Diagnose, ihre Prognose, ihr Verhalten im Krankenhaus. Das ist ihre Geschichte und sie hat nicht zugestimmt.
THEMA 02
Die eigene Trennung
Frisch getrennt, viel Material, und der Text schreibt sich fast von selbst.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Dein Anteil: was du falsch gemacht hast, wie du dich verhalten hast, was du vermisst. Am besten mit etwas zeitlichem Abstand.
GEHT NICHT
Detaillierte Vorwürfe gegen eine Person, die im Saal sitzen könnte oder von der Aufnahme erfährt. Und alles, was dir selbst noch die Stimme wegnimmt.
THEMA 03
Deine Kinder
Kinder liefern die besten Sätze. Und sie können nicht widersprechen.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine Erfahrung als Elternteil, deine Überforderung, deine komischen Momente. Und alles, was in fünfzehn Jahren noch harmlos ist.
GEHT NICHT
Peinliches, Körperliches, Diagnosen, Schulprobleme. Frag dich, ob du wollen würdest, dass jemand das über dich mit acht erzählt hat.
Drei Themen aus dem Alltag
THEMA 04
Der Job
Kolleginnen, Chefs, absurde Abläufe. Ein unerschöpfliches Reservoir.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Strukturen, Formulare, Abläufe, deine eigene Rolle darin. Alles, was nicht auf eine bestimmte Person zurückführbar ist.
GEHT NICHT
Erkennbare Einzelpersonen, interne Vorgänge, Vertrauliches. Und alles, was dich deinen Job kosten kann, wenn ein Video hochgeladen wird.
THEMA 05
Psychische Erkrankung
Deine eigene. Ein Thema, das viele im Saal betrifft und selten gut erzählt wird.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Rückblickend, aus stabiler Position, mit Abstand. Das Drumherum: Wartezeiten, Formulare, die Sprache der Ämter, die Reaktionen anderer.
GEHT NICHT
Mittendrin. Und niemals Methoden, Zahlen oder Details, die für jemanden im Saal ein Auslöser sein könnten.
THEMA 06
Gewalt, die dir angetan wurde
Das schwerste Thema in dieser Liste und das, bei dem am meisten Druck von außen kommt.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Nur wenn du es willst, nur verarbeitet, nur ohne Details, die anderen schaden. Und ausschließlich, wenn du es dreimal ruhig lesen kannst.
GEHT NICHT
Weil jemand sagt, es wäre wichtig. Weil es einen guten Text ergäbe. Weil andere es auch machen. Keiner dieser Gründe ist deiner.
Sechs Themen, bei denen die Linie überrascht
THEMA 07
Deine Eltern, die noch leben
Der häufigste Fall überhaupt in Slam-Texten.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine Kindheitserfahrung, deine Erinnerung, deine heutige Beziehung zu ihnen. Das ist alles deins.
GEHT NICHT
Ihre Ehe, ihre Fehler als Menschen, ihre Erkrankungen. Und alles, was du ihnen nie ins Gesicht sagen würdest.
THEMA 08
Deine Herkunft
Familie, Geld, Bildung, Milieu. Sehr starkes Material und sehr leicht verletzend.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine eigene Scham, deine Ausweichmanöver, deine Peinlichkeiten. Der eigene Anteil ist immer erzählbar.
GEHT NICHT
Deine Familie als komische Figuren, mit Dialekt und Marotten, für den Lacher. Das merkt der Saal, und es fällt auf dich zurück.
THEMA 09
Eine Freundschaft, die zerbrochen ist
Frisch, schmerzhaft und erstaunlich oft unterschätzt.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Was es mit dir gemacht hat. Und die Beobachtung, dass es für Freundschaften kein Wort für Trennung gibt.
GEHT NICHT
Der Konflikt mit Details, aus dem klar wird, wer gemeint ist. Bei Freundschaften ist der Kreis kleiner, also ist die Person schneller erkennbar.
THEMA 10
Etwas, das du bereust
Eigene Schuld ist das ehrlichste Material überhaupt.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Fast alles, solange es wirklich deine Handlung war und du sie nicht mehr rechtfertigen musst.
GEHT NICHT
Wenn andere Menschen dadurch identifizierbar werden. Und wenn du beim Schreiben merkst, dass du eigentlich um Absolution bittest.
THEMA 11
Ein Todesfall
Trauer ist ein Thema, das fast jeden erreicht. Und eines, das leicht kippt.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine Trauer, dein Alltag danach, die absurden organisatorischen Dinge. Und mit genug Abstand.
GEHT NICHT
Die letzten Stunden, medizinische Details, Dinge, die andere Trauernde nicht öffentlich sehen wollen.
THEMA 12
Politische Themen mit persönlichem Bezug
Wenn dich eine Debatte direkt betrifft und alle eine Meinung dazu haben.
WO DIE LINIE LIEGT ▸
GEHT
Deine Erfahrung, deine Beobachtung, deine Zahlen. Und die Entscheidung, wie viel du preisgibst.
GEHT NICHT
Eine Selbstoffenbarung, die du nur machst, weil sie das Argument stärkt. Du schuldest keiner Debatte dein Privatleben.

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Der Ampel-Test: gehört das auf die Bühne?
Also vier Fragen, zwei Minuten. Danach brauchst du kein Bauchgefühl mehr.
Grafik 02 · Der Ampel-Test
Warum die Reihenfolge zählt
Denn die erste Frage ist die härteste, weil sie nicht verhandelbar ist.
Wenn die Geschichte nicht dir gehört, hilft kein Abstand und kein Handwerk.
Die zweite ist eine Frage der Zeit. Sie kann in einem Jahr anders ausfallen.
Die dritte ist handwerklich lösbar: ändern, was nicht trägt.
Und die vierte ist die, die fast alle vergessen.
Die vierte Frage im Detail
Zwar dauert ein Auftritt nur vier Minuten. Die Information ist danach dauerhaft draußen.
Jemand filmt mit. Jemand erzählt es weiter. Jemand kennt jemanden.
Das ist kein Grund zur Panik, sondern einfach ein Umstand, den man einplanen kann.
Frag dich also nicht nur, ob du es sagen willst. Frag dich, ob du damit gekannt werden willst.
Du spielst vier Minuten. Die Information bleibt deutlich länger im Umlauf.
Grenzen setzen, wenn andere Menschen im Bühnentext vorkommen
Nun der Bereich, in dem am meisten schiefgeht. Und in dem es die klarsten Regeln gibt.
Die Grundregel
Erzähl deine Erfahrung mit einem Menschen. Nicht seine Geschichte.
Das klingt nach einer Spitzfindigkeit und ist eine sehr praktische Trennlinie.
DIESSEITS
Wie es dir mit der Erkrankung deiner Mutter ging. Deine Fahrten, dein Warten, dein schlechtes Gewissen.
JENSEITS
Wie es deiner Mutter mit ihrer Erkrankung ging. Ihre Diagnose, ihre Angst, ihre Nächte.
Was du ändern darfst und was du behalten musst
Es gibt eine einfache Faustregel dafür.
Ändere alles, was nicht trägt: Namen, Orte, Berufe, Alter, Geschlecht, Anzahl der Geschwister.
Behalte, was trägt: die Details, die Sätze, die Handlungen.
Denn ein Text lebt nicht davon, dass jemand Petra heißt. Er lebt davon, dass Petra beim Abschied zweimal gewunken hat.
Wann du fragen solltest
Zwar ist Fragen keine Pflicht, trotzdem meistens eine gute Idee.
F1 · Bei Menschen, die dir wichtig sind
Nicht aus Rechtsgründen, sondern weil du danach mit ihnen weiterlebst.
Und weil ein Nein leichter zu ertragen ist als ein Anruf nach dem Auftritt.
F2 · Bei allem, was gesundheitlich oder sehr privat ist
Auch wenn es dein Erleben betrifft. Denn die Information gehört trotzdem beiden.
F3 · Wenn die Person erkennbar bleibt
Wenn du nichts ändern willst, weil alles trägt, dann ist Fragen der Preis dafür.
SO FRAGST DU, OHNE ES SELTSAM ZU MACHEN
→ Du kommst darin vor.
→ Ich schick es dir, bevor ich es spiele.
→ Und wenn du Nein sagst, ist das völlig okay.
Der letzte Satz ist der wichtigste. Ohne ihn ist es keine Frage, sondern eine Ankündigung.
Und wenn jemand Nein sagt?
Dann ist es eben ein Nein.
Das ist unbequem, wenn der Text gut ist. Und es ist trotzdem die einfachere Variante.
Denn der Text bleibt dir. Du kannst ihn in fünf Jahren nochmal anfragen, du kannst ihn umbauen, du kannst ihn behalten.
Was du nicht zurückbekommst, ist das Vertrauen von jemandem, der aus dem Publikum erfährt, was du über ihn denkst.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Drei, die den Preis kennen
Nora Ephron und der Satz, den alle zitieren
Zunächst zu Nora Ephron. Es gibt einen Satz, der in jedem zweiten Schreibratgeber steht.
„Everything is copy.“
VON PHOEBE EPHRON, ÜBERLIEFERT DURCH IHRE TOCHTER NORA EPHRON
Er bedeutet ungefähr: Alles, was dir passiert, ist Material.
Der Satz stammt ursprünglich von Nora Ephrons Mutter Phoebe, die selbst Drehbuchautorin war. Und Nora Ephron hat danach gelebt, ziemlich radikal sogar.
Ihr Sohn Jacob Bernstein hat später einen Dokumentarfilm über sie gedreht und ihn genau so genannt.
Und jetzt kommt der Teil, der in den Schreibratgebern fehlt.
DER TWIST
Das ist kein Widerspruch, den man ihr vorwerfen müsste.
Es ist die vollständigere Version des Satzes.
Alles kann Material sein. Und du entscheidest trotzdem, was davon du benutzt.
Knausgård und die Rechnung danach
Danach zu Knausgård. Der norwegische Autor hat zwischen 2009 und 2011 sechs Bände veröffentlicht, in denen er sein Leben ohne erkennbare Zurückhaltung ausbreitet.
Literarisch war es ein enormer Erfolg. In Norwegen wurden von der Reihe hunderttausende Exemplare verkauft, bei etwa fünf Millionen Einwohnern.
Privat war es etwas anderes.
Familienmitglieder und Bekannte protestierten. Sein Onkel ging rechtlich gegen das Projekt vor und erreichte, dass Namen geändert wurden. Seine erste Ehefrau antwortete öffentlich im norwegischen Radio.
Knausgård selbst hat sein eigenes Vorgehen später als schmerzhafte soziale Grenzüberschreitung beschrieben.
Er hat also nicht behauptet, es sei kostenlos gewesen.
Für dich ist daran das Wichtigste: Wer das macht, muss den Preis vorher einkalkulieren. Und bei einem Slam-Text ist der Ertrag ungleich kleiner als bei einem sechsbändigen Werk.
Ferrante und die Grenze, die niemand sieht
Schließlich ein Fall, der in die andere Richtung geht.
Die italienische Autorin, die unter dem Namen Elena Ferrante veröffentlicht, hat ihre Identität über Jahrzehnte nicht preisgegeben.
Keine Lesereisen, keine Fotos, kaum Interviews.
Ihre Bücher gehören trotzdem zu den erfolgreichsten der letzten Jahrzehnte.
Das ist der Gegenbeweis zu einer Annahme, die im Slam ziemlich verbreitet ist: dass Nähe zum Publikum bedeutet, sich selbst mitzuliefern.
Muss man nicht. Die Bücher sind sehr nah dran an ihren Figuren. Die Autorin ist es nicht an ihrem Publikum.
Du schuldest deinem Publikum einen guten Text. Du schuldest ihm nicht dich.
Drei Videos zum Grenzen setzen auf der Bühne
Jia Jiang: Nein hören üben
Zunächst der lustigste.
Jia Jiang hat sich hundert Tage lang absichtlich Absagen geholt. Er hat Fremde um völlig absurde Dinge gebeten, nur um das Gefühl auszuhalten.
VIDEO 01 · Sehr komisch, und die Doughnut-Geschichte allein lohnt sich.
Für dieses Thema ist das direkt anwendbar.
Denn der Hauptgrund, warum Leute nicht fragen, bevor sie über jemanden schreiben, ist die Angst vor dem Nein.
Und ein Nein ist ungefähr das Harmloseste, was dir in dieser Sache passieren kann.
Tim Ferriss: Ängste aufschreiben statt Ziele
In diesem Vortrag geht es um eine sehr simple Übung: die eigenen Befürchtungen konkret aufschreiben, statt sie im Kopf kreisen zu lassen.
HINWEIS ZUM VIDEO
VIDEO 02 · Über das Aufschreiben von Befürchtungen. Siehe Hinweis oben.
Die Übung selbst ist für Grenzfragen ausgesprochen nützlich.
Statt zu grübeln, ob ein Text zu weit geht, schreibst du auf: Was genau könnte passieren? Wie wahrscheinlich ist das? Und was könnte ich dann tun?
Bei den meisten Texten stellt sich dabei heraus, dass die Sorge diffus war. Bei manchen stellt sich heraus, dass sie sehr konkret ist.
Beides ist eine brauchbare Antwort.
Sisonke Msimang: Geschichten sind nicht magisch
Die südafrikanische Autorin Sisonke Msimang hält einen Vortrag gegen eine Idee, die auf Bühnen sehr beliebt ist.
VIDEO 03 · Komisch und klug. Und ziemlich unbequem für Geschichtenerzähler.
Ihre Kernaussage: Geschichten sind wichtig, aber sie sind nicht so zauberhaft, wie wir gern glauben.
Für dieses Thema ist das eine Entlastung.
Denn der Druck, das Schwerste zu erzählen, kommt oft aus der Vorstellung, dass Erzählen an sich heilt oder verändert.
Wenn das nicht automatisch stimmt, dann musst du auch nicht jedes Thema opfern, das dir gehört.
Zehn Formulierungen, die schützen statt zu verstecken
Denn Grenzen setzen heißt nicht weglassen. Es heißt anders formulieren.
Links die ungeschützte Fassung. Schreib sie erst selbst um.
FORMULIERUNG 01 · DIE DIAGNOSE
Meine Mutter hat vor drei Jahren die Diagnose bekommen, und seitdem ist alles anders.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Seit drei Jahren fahre ich freitags eine Strecke, die ich vorher nie gefahren bin.
Die Diagnose ist ihre Information. Die Fahrt ist deine. Und die Fahrt erzählt mehr.
FORMULIERUNG 02 · DER STREIT
Mein Bruder hat damals bei der Beerdigung eine Szene gemacht und alles kaputtgemacht.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Bei der Beerdigung habe ich die ganze Zeit auf den Ausgang geschaut.
Statt seiner Handlung deine. Der Saal versteht trotzdem, dass etwas passiert ist, und dein Bruder kommt nicht als Figur vor.
Vier Formulierungen aus dem Familienkreis
FORMULIERUNG 03 · DIE EX-PARTNERIN
Sie hat mich betrogen und hatte nicht mal den Anstand, es selbst zu sagen.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich habe vier Wochen lang nicht gefragt, obwohl ich es wusste.
Dein Anteil ist immer erzählbar und meistens interessanter. Anklagen klingen auf der Bühne fast immer kleiner, als sie gemeint sind.
FORMULIERUNG 04 · DIE ARBEIT
Meine Chefin hat gesagt, ich soll mich nicht so anstellen, als ich krank war.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
In meinem Betrieb gibt es ein Formular für alles. Für das eine nicht.
Die Struktur statt der Person. Damit ist niemand identifizierbar und der Text wird größer statt kleiner.
FORMULIERUNG 05 · DAS KIND
Mein Sohn hat in der Schule Probleme und kommt mit den anderen nicht klar.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich stehe morgens fünf Minuten länger im Flur als nötig.
Über dein Kind erzählst du das, was in fünfzehn Jahren noch harmlos ist. Alles andere gehört ihm.
FORMULIERUNG 06 · DIE EIGENE THERAPIE
Ich war zwei Jahre in Therapie und habe dort gelernt, dass ich Bindungsangst habe.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich kann inzwischen sagen, wann ich gehen will. Das hat gedauert.
Deine Veränderung statt deiner Diagnose. Diagnosen im Text laden zum Etikettieren ein, und du bekommst das Etikett nicht mehr los.
Vier Formulierungen für heikle Fälle
FORMULIERUNG 07 · DIE HERKUNFT
Bei uns zu Hause wurde nie über Geld gesprochen, weil keins da war.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich habe bei meiner ersten Wohnungsbesichtigung den Beruf meines Vaters geändert.
Deine Scham statt der Verhältnisse deiner Eltern. Und sie ist konkreter, also stärker.
FORMULIERUNG 08 · DER TODESFALL
Er ist im März gestorben, nach acht Wochen im Krankenhaus, und am Ende ging es sehr schnell.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich habe seine Nummer im März gelöscht und im April wieder eingespeichert.
Medizinische Details gehören selten in einen Text. Deine Handlung danach schon, und sie trifft härter.
FORMULIERUNG 09 · DIE EIGENE KRISE
Es ging mir damals so schlecht, dass ich nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
In dem Winter habe ich zweimal die Woche denselben Weg genommen, obwohl er länger war.
Bei eigenen Krisen gilt: das Verhalten, nicht der Zustand. Keine Details, keine Zahlen, nichts, was jemandem im Saal schaden könnte.
FORMULIERUNG 10 · DER SCHLUSS
Und deshalb erzähle ich das heute, weil man über solche Dinge sprechen muss.
ERST SELBST SCHÜTZEN ▸
Ich erzähle das, weil ich es kann. Vieles andere erzähle ich nicht.
Der erste Schluss verpflichtet alle anderen mit. Der zweite behauptet nur etwas über dich und lässt jedem seine eigene Grenze.
Zehn Techniken für Grenzen auf der Bühne
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Mach den Ampel-Test
Vier Fragen, zwei Minuten. Gehört es dir, kannst du es ruhig lesen, wird jemand erkennbar, hältst du es morgen aus.
T2 · Erzähl deine Erfahrung, nicht ihre Geschichte
Die wichtigste Einzelregel. Deine Fahrten statt ihrer Diagnose, dein Warten statt ihrer Angst.
T3 · Ändere alles, was nicht trägt
Namen, Orte, Berufe, Alter. Behalte die Details und die Sätze. Ein Text lebt nicht davon, dass jemand Petra heißt.
T4 · Nimm die Struktur statt der Person
Formulare, Abläufe, Wartezeiten. Damit ist niemand identifizierbar und der Text wird größer.
T5 · Frag, wenn es dir wichtig ist
Und sag dazu, dass ein Nein in Ordnung ist. Ohne diesen Satz ist es keine Frage, sondern eine Ankündigung.
T6 · Schreib das Verhalten, nicht den Zustand
Was du getan hast statt was du warst. Das schützt dich und ist handwerklich ohnehin besser.
T7 · Denk an die Aufnahme
Jemand filmt mit. Frag dich nicht, ob du es sagen willst, sondern ob du damit gekannt werden willst.
T8 · Nimm den Zeitabstand ernst
Zone 2 wandert. Ein Text, der heute nicht geht, kann in zwei Jahren gut sein und ist dann meistens besser.
T9 · Leg dir eine Nie-Liste an
Zwei bis fünf Themen, über die du grundsätzlich nicht schreibst. Einmal entschieden, nie wieder diskutiert.
T10 · Sag Nein, ohne dich zu erklären
Wenn dich jemand fragt, warum du über etwas nicht schreibst: Ich schreibe darüber nicht. Das ist ein vollständiger Satz.
Sechs Übungen
Etwa vierzig Minuten. Hinweis und Lösungsweg sind verdeckt.
UEBUNG 01
Schreib deine Nie-Liste. Zwei bis fünf Themen, über die du grundsätzlich nicht schreibst.
HINWEIS ▸
Nicht lange überlegen. Was sofort einfällt, gehört drauf.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Häufig darauf: die Krankheit eines Angehörigen, ein bestimmter Mensch, eine bestimmte Zeit. Der Punkt der Übung ist, dass du sie einmal entscheidest und danach nie wieder abwägen musst.
UEBUNG 02
Nimm einen bestehenden Text und mach den Ampel-Test.
HINWEIS ▸
Alle vier Fragen, in der Reihenfolge. Ehrlich, auch wenn der Text gut ist.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Bei den meisten Texten sind drei Fragen unproblematisch und eine wird interessant. Meistens die vierte.
UEBUNG 03
Such in einem Text jede Stelle, an der eine andere Person handelt.
HINWEIS ▸
Markier alle Sätze, in denen jemand anderes das Subjekt ist.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Dreh sie testweise um: Was hast du in diesem Moment getan? In etwa der Hälfte der Fälle wird der Text dadurch besser und nebenbei unproblematischer.
Drei Übungen mit Widerstand
UEBUNG 04
Schreib einen sehr guten Text über etwas völlig Harmloses.
HINWEIS ▸
Ein Gegenstand, ein Weg, ein Wochentag. Nichts Schweres, ausdrücklich verboten.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Der Punkt: Du beweist dir selbst, dass Tiefe nicht dasselbe ist wie Schmerz. Die besten Texte handeln erstaunlich oft von einem Toaster.
UEBUNG 05
Frag eine Person, ob du einen Text über sie spielen darfst.
HINWEIS ▸
Mit dem Satz, dass ein Nein in Ordnung ist. Und dann wirklich aushalten, was kommt.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Zwei Ergebnisse sind gut: ein Ja, das dich entlastet, oder ein Nein, das dir einen Anruf nach dem Auftritt erspart. Ein drittes gibt es nicht.
UEBUNG 06
Formulier einen Satz, mit dem du Nein sagst, ohne dich zu erklären.
HINWEIS ▸
Kurz. Und ohne Begründung, denn Begründungen laden zum Verhandeln ein.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Darüber schreibe ich nicht. Fertig. Kein aber, kein weil. Übe ihn einmal laut, dann fällt er dir leichter, wenn du ihn brauchst.

Wenn es mehr ist als eine Grenzfrage
Nun ein kurzes Kapitel, das trotzdem hierhergehört.
Denn manchmal ist die Frage, ob ein Thema auf die Bühne gehört, gar nicht die eigentliche Frage.
Woran du das merkst
Bei einer normalen Grenzfrage kannst du in Ruhe abwägen. Du drehst den Text hin und her, entscheidest dich, und danach ist es erledigt.
Manchmal ist es allerdings anders.
Dann beschäftigt dich ein Thema unabhängig davon, ob du darüber schreibst. Es taucht auf, wenn du nicht am Schreibtisch sitzt. Es kostet dich Schlaf oder Antrieb.
Und beim Versuch, darüber zu schreiben, kommst du jedes Mal an dieselbe Stelle und nicht weiter.
Dann ist Schreiben nicht das richtige Werkzeug
Ein Text kann etwas ordnen, das du schon halbwegs sortiert hast. Er kann nichts sortieren, was noch offen ist – und das ist keine Schwäche des Schreibens, sondern eine Aufgabenteilung.
Sprich in so einem Fall mit jemandem, der dafür ausgebildet ist: deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, einer Beratungsstelle oder einer psychotherapeutischen Sprechstunde, die du ohne Überweisung anfragen kannst.
Wenn es dir akut schlecht geht oder du an Selbstverletzung oder Suizid denkst, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym, telefonisch und im Chat.
Und wenn du danach immer noch schreiben willst: Der Text läuft nicht weg. Er wird meistens sogar besser.
Ein Text ist ein gutes Werkzeug, um etwas zu zeigen. Er ist ein schlechtes Werkzeug, um etwas zu klären.
Selbstcheck: Grenzen setzen vor dem Bühnenauftritt
Acht Fragen zum Vorgehen. Denk erst selbst nach, dann klapp auf.
Gehört die Geschichte dir?▸
Die erste und härteste Frage, weil sie nicht verhandelbar ist. Wenn die Geschichte jemand anderem gehört, hilft weder Abstand noch Handwerk. Was bleibt, ist deine Erfahrung damit – und die ist oft das bessere Material.
Kannst du den Text dreimal ruhig lesen?▸
Wenn die Stimme wegbricht, ist es Zone 2: dir gehörend, aber zu frisch. Das ist kein Nein für immer. In einem Jahr fällt der Test oft anders aus.
Wird eine bestimmte Person erkennbar?▸
Dann ändere, was nicht trägt: Namen, Orte, Berufe, Alter. Behalte, was trägt: die Details, die Sätze, die Handlungen. Ein Text lebt nicht vom richtigen Vornamen.
Hältst du es morgen noch aus, dass es öffentlich ist?▸
Der Auftritt dauert vier Minuten, die Information bleibt. Jemand filmt mit, jemand erzählt es weiter. Frag dich nicht nur, ob du es sagen willst, sondern ob du damit gekannt werden willst.
Vier Fragen zum Schutz anderer
Hast du gefragt, wenn dir die Person wichtig ist?▸
Keine Pflicht, aber fast immer klüger. Und sag dazu, dass ein Nein in Ordnung ist – sonst ist es keine Frage, sondern eine Ankündigung.
Schreibst du über eine Handlung oder über einen Zustand?▸
Handlungen schützen dich und sind handwerklich besser. Was du getan hast, statt was du warst. Diagnosen und Zustandsbeschreibungen laden zum Etikettieren ein.
Kommen Details vor, die jemandem im Saal schaden könnten?▸
Bei Themen wie Essstörungen oder Selbstverletzung: keine Methoden, keine Mengen, keine Zahlen. Das Drumherum trägt genauso gut und schadet niemandem.
Hast du eine Nie-Liste?▸
Zwei bis fünf Themen, über die du grundsätzlich nicht schreibst. Einmal entschieden, danach nie wieder abgewogen. Das spart erstaunlich viel Energie.
Sieben oder acht geklärt? Dann spiel ihn.
Und wenn Frage eins ein Nein war, spielt der Rest keine Rolle. Dann schreibst du deine Version derselben Geschichte.
Zehn Fehler beim Grenzen setzen auf der Bühne
F1 · Zone 2 und Zone 3 verwechseln
Der häufigste Fehler. Zu frisch wandert mit der Zeit. Nicht deins wandert nie.
F2 · Sich zu etwas drängen lassen
Weil jemand sagt, es wäre wichtig oder mutig. Kein fremder Wunsch ist ein Grund, ein Thema zu opfern, das dir gehört.
F3 · Die Geschichte anderer erzählen
Ihre Diagnose, ihre Trennung, ihr Geheimnis. Deine Erfahrung damit ist erlaubt und meistens ohnehin stärker.
F4 · Nur den Namen ändern
Wenn Beruf, Wohnort und Familienstand stimmen, ist die Person erkennbar. Ändere alles, was nicht trägt, nicht nur das Offensichtlichste.
F5 · Fragen, ohne ein Nein zuzulassen
Ohne den Satz, dass ein Nein in Ordnung ist, ist es keine Frage. Und beide merken das.
F6 · Die Aufnahme vergessen
Der Abend ist vorbei, das Video nicht. Rechne immer damit, dass es jemand sieht, für den es nicht gedacht war.
F7 · Tiefe mit Schmerz verwechseln
Ein Text über einen Toaster kann tiefer gehen als einer über eine Katastrophe. Das eine hat mit Handwerk zu tun, das andere mit Material.
F8 · Sich für ein Nein rechtfertigen
„Darüber schreibe ich nicht“ ist ein vollständiger Satz. Begründungen laden zum Verhandeln ein.
F9 · Keine Nie-Liste haben
Ohne sie wägst du bei jedem Text neu ab, und irgendwann wägst du falsch, weil du müde bist.
F10 · Schreiben statt reden
Wenn ein Thema dich unabhängig vom Schreibtisch beschäftigt, ist ein Text das falsche Werkzeug. Dann gehört es in ein Gespräch.
Die Werkstatt: Grenzen setzen für die Bühne in fünf Schritten
Etwa dreißig Minuten. Und danach musst du das nicht mehr bei jedem Text neu entscheiden.
Schritt 1 · Nie-Liste schreiben
Zwei bis fünf Themen. Was sofort einfällt, gehört drauf.
Schritt 2 · Vielleicht-Liste schreiben
Themen aus Zone 2. Mit einem Datum daneben, an dem du sie wieder anschaust.
Schritt 3 · Ampel-Test an einem bestehenden Text
Vier Fragen, in der Reihenfolge. Und ehrlich, auch wenn der Text gut ist.
Schritt 4 · Eine Person fragen
Falls jemand erkennbar vorkommt. Mit dem Satz, dass ein Nein in Ordnung ist.
Schritt 5 · Den Nein-Satz üben
Einmal laut. Dann sitzt er, wenn du ihn brauchst.
Abnahme
Sechs Punkte, einmal im Leben.
Alle sechs? Dann hast du eine Linie, und die trägt für die nächsten hundert Texte.
Achtung, Werbung
Wenn schwere Themen wegfallen, brauchst du Handwerk. Denn dann muss der Text aus sich heraus tragen.
Und das ist die gute Nachricht: Genau davon gibt es sehr viel zu lernen.
Dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – und schreib den besten Text des Abends über einen Toaster.
Häufige Fragen zum Grenzen setzen auf der Bühne
Muss ich über schwere Themen schreiben, um ernst genommen zu werden?
Nein. Tiefe entsteht durch Handwerk, nicht durch Material. Ein präzise gebauter Text über einen Alltagsgegenstand geht oft weiter als ein ungeformter über eine Katastrophe.
Woher weiß ich, ob ein Thema auf die Bühne gehört?
Mit vier Fragen: Gehört die Geschichte dir? Kannst du sie dreimal ruhig lesen? Wird jemand erkennbar? Und hältst du es morgen aus, dass es öffentlich ist? Zwei Minuten, und du weißt es.
Darf ich über meine Familie schreiben?
Über deine Erfahrung mit ihnen ja, über ihre Geschichte nicht ohne Weiteres. Die Krankheit deiner Mutter ist ihre Information, deine Fahrten ins Krankenhaus sind deine.
Muss ich Leute vorher fragen?
Pflicht ist es nicht, klug meistens schon – besonders bei Menschen, mit denen du danach weiterlebst. Wichtig ist der Zusatz, dass ein Nein in Ordnung ist. Ohne ihn ist es eine Ankündigung.
Was mache ich, wenn jemand Nein sagt?
Dann ist es ein Nein. Der Text bleibt dir, du kannst ihn umbauen oder in fünf Jahren nochmal anfragen. Was du nicht zurückbekommst, ist Vertrauen.
Wie ändere ich einen Text, ohne ihn zu verwässern?
Ändere alles, was nicht trägt: Namen, Orte, Berufe, Alter. Behalte alles, was trägt: die Details, die Sätze, die Handlungen. Ein Text lebt nicht vom richtigen Vornamen.
Was ist, wenn mir beim Üben die Stimme wegbricht?
Dann gehört der Text in Zone 2: Er ist deiner, aber noch zu frisch. Das ist kein Nein für immer. Leg ihn zurück und versuch es in einem Jahr wieder.
Darf ich über meine eigene psychische Erkrankung schreiben?
Ja, mit Abstand und aus stabiler Position. Beschreib das Drumherum und dein Verhalten, nicht den Zustand. Und niemals Methoden, Mengen oder Zahlen, weil im Saal Menschen sitzen, für die das ein Auslöser sein kann.
Wie sage ich Nein, wenn mich jemand drängt?
Mit einem vollständigen Satz: Darüber schreibe ich nicht. Ohne aber und ohne weil, denn Begründungen laden zum Verhandeln ein.
Ab wann ist es kein Schreibproblem mehr?
Wenn dich ein Thema unabhängig vom Schreibtisch beschäftigt, dir Schlaf oder Antrieb kostet und du beim Schreiben immer an derselben Stelle stehen bleibst. Dann gehört es in ein Gespräch, nicht in einen Text.
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Übrigens spiele ich den Text über die Person aus meiner Familie nicht mehr.
Nicht weil mir jemand verboten hätte. Es hat nie jemand etwas gesagt.
Sondern weil ich ihn nach diesem Gespräch einmal gelesen habe und gemerkt habe, wie leicht ich es mir gemacht hatte.
Stattdessen habe ich einen neuen geschrieben. Über denselben Abend, aber diesmal über mich.
Darüber, dass ich vier Stunden gefahren bin und dann im Auto sitzen geblieben bin.
Dabei ist er kürzer, unbequemer, und er ist deutlich besser.
Die Person kommt darin nur noch als jemand vor, auf den gewartet wird.
Ich habe nichts verloren. Ich habe nur aufgehört, mit fremdem Material zu arbeiten.

Du bist der Türsteher. Und Türsteher dürfen Nein sagen.
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