In jedem Zugabteil hängt eine Notbremse. Und über jeder Bühne hängt eine zweite — unsichtbar, direkt über deinem Kopf.
Ich habe einmal einen Auftritt gesehen, der nach vier Worten vorbei war.
Nicht nach vier Minuten. Nach vier Worten.
Ein junger Mann, Startnummer drei, ein Text über seinen Großvater. Er hatte ihn mir vorher in der Raucherecke erzählt, und ich wollte ihn unbedingt hören.
Dann ging er nach oben, nahm das Mikro und sagte: „Ist noch nicht ganz fertig.“
Einen dieser zwölf Sätze habe ich in fast jedem Auftritt meiner ersten zwei Jahre gesagt.
Ich hielt ihn für Höflichkeit. In Wahrheit war er eine Versicherung, und Versicherungen kosten Geld.
Welcher es war, steht weiter unten. Und der Abend, an dem ich ihn zum letzten Mal gesagt habe, steht ganz am Schluss.
Vier Worte. Und der ganze Saal lehnte sich zurück.
Man konnte es sehen. Eben noch saßen zweihundert Leute leicht nach vorn gebeugt, und dann sanken sie alle zwei Zentimeter in ihre Stühle.
Es war wie in einem Zug, der auf freier Strecke stehen bleibt. Niemand steigt aus, niemand beschwert sich — aber alle holen ihr Handy heraus.
Der Text kam trotzdem. Er war gut — wirklich gut, mit einer Stelle über Hände, die mir bis heute nachgeht.
Aber er kam bei niemandem mehr richtig an. Vier Worte hatten den Zug gestoppt, bevor er losgefahren war.
Genau davon handelt dieser Beitrag.
Es gibt eine Handvoll Sätze, die auf einer Bühne wirken wie ein Griff an der Notbremse. Du sagst sie in einer Sekunde — und der ganze Wagen kommt zum Stehen.
Das Fiese daran: Es sind keine bösen Sätze. Es sind höfliche, bescheidene, ehrliche Sätze.
Sie kommen aus den besten Absichten — und ziehen trotzdem die Bremse.
Wir gehen alle zwölf durch. Chronologisch: erst die vor dem ersten Wort, dann die mitten im Text, dann die im Umgang mit dem Saal, dann die letzten Meter.
Und zu jedem Satz bekommst du eine Ersatzformulierung, die genau dasselbe Bedürfnis erfüllt — nur ohne Vollbremsung.

Und eins vorweg, damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe jeden einzelnen dieser Sätze selbst gesagt. Manche jahrelang, einen davon in fast jedem Auftritt meiner ersten zwei Jahre.
Am Ende steht die Wendung — nämlich der eine Griff, den du sehr wohl ziehen darfst. Es gibt ihn wirklich, und er ist wichtig.
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Jetzt Kanal folgenSätze 1–3 · Vor dem ersten Wort
Drei Sätze, mit denen du bremst, bevor du losgefahren bist
Die ersten drei Griffe sitzen alle an derselben Stelle: zwischen deinem Namen und deinem ersten Satz.
Das sind ungefähr acht Sekunden. In diesen acht Sekunden entscheidet der Saal, mit welcher Erwartung er dir zuhört.
Man könnte auch sagen: In diesen acht Sekunden stellt der Saal seine Erwartung ein wie ein Fahrgast die Lehne — aufrecht oder zurückgeklappt.
Satz 1: „Der Text ist noch nicht ganz fertig.“ Der Weltmeister unter den Bremsgriffen.
Das ist auch der Satz, den ich selbst am längsten gesagt habe.
Er fühlt sich an wie Ehrlichkeit. Er ist aber eine Versicherung.
Denn was er in Wahrheit sagt, ist: Wenn das hier gleich schiefgeht, war nicht ich es — es war die fehlende Zeit.
Und der Saal hört genau das. Nicht bewusst, aber er hört es.
Er hört: Der da oben glaubt selbst nicht an das, was gleich kommt. Warum sollte ich dann meine Aufmerksamkeit investieren?
Dass dieser Reflex kein Charakterfehler ist, sondern ein tief eingebauter Schutzmechanismus, haben zwei Psychologen schon in den Siebzigern gezeigt — mit einem Versuch, der auf den ersten Blick nichts mit Bühnen zu tun hat.
Lies das noch einmal in Ruhe. Menschen sabotieren sich lieber selbst, als das Risiko einzugehen, ohne Ausrede zu scheitern.
Genau das ist „Der Text ist noch nicht ganz fertig“. Es ist dein leistungssenkendes Mittel, und du nimmst es freiwillig.
Der Preis dafür ist höher, als er sich anfühlt. Du kaufst dir eine Ausrede für den Fall des Scheiterns — und bezahlst mit der Chance auf einen richtig guten Abend.
Das ist ungefähr so, als würdest du vor der Abfahrt vorsorglich die Bremse anlegen, damit der Zug nicht entgleisen kann. Er entgleist dann tatsächlich nicht.
Wenn du unbedingt etwas sagen willst, sag die Wahrheit ohne Rabatt: „Den hier habe ich letzte Woche geschrieben.“ Das ist dieselbe Information — nur ohne Entschuldigung. Neugier statt Mitleid.
Satz 2: „Ich bin total nervös.“ Auch beliebt in der Variante: „Ich bin heute etwas erkältet.“
Das Motiv dahinter ist sympathisch. Du willst Nähe herstellen und dich nicht größer machen, als du bist.
Nur passiert etwas anderes: Du gibst dem Saal eine Aufgabe, die er nicht wollte.
Ab dieser Sekunde hört er nicht mehr deinem Text zu. Er beobachtet deine Hände, ob sie zittern.
Aus einem Publikum sind Sanitäter geworden. Sanitäter lachen nicht, sie beobachten.
Und noch etwas: Nervosität, die man ausspricht, wird größer. Nervosität, die man einfach mitnimmt, wird nach drei Sätzen kleiner.
Das Publikum sieht dein Lampenfieber ohnehin viel weniger, als du denkst. Von außen sieht Aufregung meistens aus wie Energie.
Und falls dich das Zittern wirklich stört: Nimm einen festen Karton statt eines dünnen Blattes. Papier ist ein Zitterverstärker, Karton nicht. Mehr dazu bei den 30 Anfängerfehlern.
Satz 3: „Ich weiß nicht, ob das hier reinpasst.“ Der Zweifel am eigenen Platz.
Manchmal klingt er auch so: „Das ist jetzt ganz anders als die anderen Texte heute.“
Verstehe mich nicht falsch — anders zu sein ist beim Slam ein Vorteil. Wir haben den ganzen Beitrag über die Einheitsstrecken der Szene genau darum geschrieben.
Aber du darfst dein Andersein nicht als Entschuldigung anmelden. Du musst es einfach machen.
Ein Text, der angekündigt wird als „passt hier vielleicht nicht rein“, passt hinterher garantiert nicht rein. Du hast es dem Saal ja selbst gesagt.
Es ist wie eine Zugdurchsage, die vorab mitteilt, dieser Anschluss werde vermutlich nicht klappen. Danach rennt niemand mehr.
Steh einen Moment still, schau in den Raum, fang leise an. Der Unterschied macht deine Arbeit ganz von allein.

Sätze 4–6 · Mitten im Text
Drei Sätze, mit denen du mitten in der Fahrt aus dem eigenen Text steigst
Die zweite Griffgruppe ist heimtückischer, weil sie mitten in der Fahrt kommt.
Der Zug läuft, das Publikum ist drin, alles rollt — und dann sagst du einen Satz, der nicht zum Text gehört.
In dieser Sekunde verlässt du deine eigene Geschichte und stellst dich daneben. Und das Publikum stellt sich mit.
Es ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der eine Geschichte erzählt, und einem Menschen, der eine Geschichte vorführt und dabei kommentiert, wie sie gerade läuft.
Satz 4: „Sorry, ich muss noch mal von vorne anfangen.“ Der Blackout-Reflex.
Du hängst irgendwo in der Mitte fest. Die nächste Zeile ist weg, einfach nicht da.
Der Reflex sagt: zurück auf Anfang, noch mal sauber durchfahren.
Das Problem: Der Saal kennt deinen Text nicht. Er hat gar nicht gemerkt, dass etwas fehlt — bis du es ihm sagst.
Du reparierst also einen Schaden, den nur du sehen kannst. Und machst ihn dabei für alle sichtbar.
Schlimmer noch: Zurück auf Anfang heißt, dass alle noch einmal dieselben zwei Minuten hören. Das ist, als würde der Zug zum Startbahnhof zurückrollen, weil der Lokführer eine Ansage vergessen hat.
Die zweite Runde ist nie so gut wie die erste. Nie.
Von außen wirkt eine Pause wie Absicht. Der Saal denkt nicht „der hat’s vergessen“, sondern „jetzt kommt gleich was Wichtiges“.
Und wenn die Zeile wirklich weg bleibt: Spring zum nächsten Bild, das du sicher weißt. Niemand merkt, dass drei Zeilen fehlen. Alles Weitere im Beitrag über das Auswendiglernen von Texten.
Wie stark eine Pause trägt, hat vor hundert Jahren jemand vorgemacht, der auf der Leinwand nie ein einziges Wort sagen konnte.
Übersetze das auf deine Bühne: Wenn dir eine Zeile herunterfällt, geh weiter. Nicht drüberreden, nicht wegwischen, einfach weiter.
Satz 5: „Das versteht ihr jetzt vielleicht nicht.“ Der vorauseilende Erklärer.
Es gibt auch die freundliche Variante: „Also, das ist jetzt eine Anspielung auf …“
Beides tut dasselbe: Es nimmt dem Publikum den schönsten Moment weg — den, in dem es selbst versteht.
Ein Bild, das man erklärt bekommt, ist kein Bild mehr. Es ist eine Bedienungsanleitung.
Und mal ehrlich: Kein Mensch hat je ein Foto schöner gefunden, weil jemand daneben stand und die Blende erklärt hat.
Dahinter steckt oft eine ehrliche Angst. Du hast Sorge, nicht verstanden zu werden.
Aber die Lösung dafür liegt nicht auf der Bühne. Sie liegt am Schreibtisch.
Wenn eine Stelle Erklärung braucht, ist die Stelle nicht fertig. Der richtige Ort dafür ist die nächste Überarbeitung, nicht das Mikrofon.
Wenn du merkst, dass eine Stelle regelmäßig nicht ankommt, schreib sie um — bau eine Brücke in den Text hinein, statt eine daneben zu stellen. Wie das geht, steht im Beitrag über das Überarbeiten von Texten.
Satz 6: „Ich hab noch eine Minute, oder?“ Der Blick auf die Uhr, laut ausgesprochen.
In dem Moment, in dem du die Zeit erwähnst, denkt der ganze Saal an die Zeit.
Vorher war da eine Geschichte. Jetzt ist da eine Stoppuhr.
Und eine Stoppuhr ist ein miserabler Erzähler. Sie kennt nur eine Frage: Wie lange noch?
Es ist wie eine Verzögerungsdurchsage im Zug. Zehn Minuten Verspätung merkt kaum jemand — bis eine Stimme sie ansagt.
Danach schaut der ganze Wagen auf die Uhr.
Auf der Bühne wirst du automatisch langsamer — dieser Puffer ist kein Luxus, sondern Pflicht. Der Beitrag über das Zeitlimit beim Poetry Slam rechnet das genau vor.

Sätze 7–9 · Im Umgang mit dem Saal
Drei Sätze, die aus einem Publikum eine Prüfungskommission machen
Diese drei sind die gefährlichsten überhaupt. Sie ziehen nicht nur die Bremse — sie kuppeln den Wagen ab.
Denn ein Publikum ist keine Prüfungskommission. Es ist eine Reisegesellschaft, die freiwillig eingestiegen ist.
Wer sie behandelt wie eine Kommission, bekommt am Ende auch eine.
Satz 7: „Ihr seid heute aber ruhig.“ Die Schuldzuweisung im Plauderton.
Was du meinst: Ich bin unsicher, gebt mir bitte ein Zeichen.
Was ankommt: Ihr macht eure Sache schlecht.
Ein ruhiges Publikum ist übrigens fast nie ein schlechtes Publikum. Sehr oft ist es ein konzentriertes.
Stille bei einem ernsten Text ist ein Kompliment. Sie klingt nur nicht danach.
Ich habe einmal einen Text über meinen Vater gelesen, und danach war es so still, dass ich dachte, ich hätte alles falsch gemacht.
Es war der beste Auftritt des Jahres. Ich habe es nur zwei Minuten lang nicht gemerkt.
Und wenn du wirklich Kontakt brauchst, hol ihn dir über die Augen statt über den Vorwurf. Such dir drei Gesichter im Raum und sprich abwechselnd zu ihnen. Das fühlt sich sofort anders an — für dich und für den Saal.
Satz 8: „Das war jetzt der lustige Teil.“ Der eigene Lacher, nachträglich angemeldet.
Eine Pointe, die nicht zündet, ist eine kleine Sache. Man geht drüber hinweg, keiner merkt es.
Eine Pointe, die nicht zündet und danach erklärt wird, ist eine große Sache. Jetzt wissen alle, dass da ein Lacher hätte sein sollen.
Du hast aus einem stillen Moment eine offizielle Fehlermeldung gemacht.
Es ist, als würdest du einen umgekippten Kaffeebecher nicht wegwischen, sondern mit dem Finger drauf zeigen und „Achtung, Kaffee!“ rufen.
Und zu Hause prüfst du in Ruhe, ob der Witz wirklich schwach war oder ob nur das Timing nicht saß. Meistens ist es das Timing. Der Beitrag über Pointen bauen geht dem nach.
Satz 9: „Klatscht doch mal jemand!“ Das Betteln um Applaus.
Es gibt zwei Sorten Applaus. Der eine kommt von selbst, der andere wird abgeholt.
Der abgeholte klingt anders. Kurz, höflich, ein bisschen zu ordentlich.
Und jeder im Raum hört den Unterschied, auch du.
Der Fachbegriff dafür ist unfreundlich, aber genau: erbettelter Applaus fühlt sich hinterher wie geliehenes Geld an.
Du hörst ihn und weißt: Das war nicht meiner.
Dieser Schritt zurück ist das Signal. Er sagt dem Saal „fertig“, ohne dass du ein Wort brauchst.
Wenn du das Publikum wirklich einbinden willst, mach es am Anfang und mit einem echten Angebot — nicht am Ende als Bettelei. Der Beitrag über Publikum aktivieren ohne Fremdscham zeigt, wie.

Sätze 10–12 · Die letzten Meter
Drei Sätze, die einen guten Auftritt auf den letzten zehn Sekunden kosten
Die letzten zehn Sekunden sind unfair gewichtet.
Der Saal erinnert sich am stärksten an den Anfang und an das Ende. Der Mittelteil verschwimmt.
Deshalb ist das Ende so wertvoll — und deshalb tut es so weh, es wegzuwerfen.
Und weggeworfen wird es fast immer mit einem dieser drei Sätze.
Satz 10: „Das war’s, danke.“ Der Schluss, der den Schluss kaputtmacht.
Stell dir vor, dein Text endet auf einem Bild, das nachhallt. Zum Beispiel: eine Wohnungstür, die niemand mehr aufschließt.
Und dann kommt „Das war’s, danke“.
Das Bild ist weg. Endgültig, in einer Sekunde.
Es ist, als würdest du ein Gemälde aufhängen und sofort eine Preisliste drüberkleben.
Der Grund ist nachvollziehbar: Du willst dem Saal helfen, den Schluss zu erkennen.
Aber der Saal braucht diese Hilfe nicht. Ein guter Schluss ist selbsterklärend, und der Rest ist Körpersprache.
Das ist der komplette Ablauf, und er funktioniert in jedem Saal der Republik. Deine Füße sagen „Ende“ deutlicher als jedes Wort.
Wie ein Schluss gebaut sein muss, damit er allein steht, steht im Beitrag über die letzte Zeile eines Textes.
Satz 11: „Ich hoffe, es hat euch gefallen.“ Der Hoffnungssatz auf dem Weg zur Treppe.
Er ist höflich gemeint und richtet trotzdem Schaden an.
Denn er verlangt vom Publikum eine Bestätigung, die es gerade nicht geben kann.
Und er verwandelt einen fertigen Auftritt rückwirkend in eine Frage.
Ein Text, der eben noch stand wie ein Brückenpfeiler, wackelt plötzlich.
Das ist kein Bremsgriff, sondern Höflichkeit. Der Unterschied liegt allein im Zeitpunkt.
Satz 12: „Ich glaub, das war nix.“ Das Urteil über sich selbst, laut gesprochen.
Dieser Satz fällt selten oben. Er fällt auf der Treppe, an der Bar, in der Raucherecke.
Und er ist trotzdem der teuerste von allen zwölfen.
Denn du sprichst ihn vor Leuten aus, die dich buchen könnten. Und du sprichst ihn vor dir selbst aus, was noch schwerer wiegt.
Ein Urteil, das du zwei Minuten nach dem Auftritt fällst, ist praktisch nie richtig.
Direkt nach der Bühne bist du voll Adrenalin, und Adrenalin ist ein schlechter Kritiker. Es übertreibt in beide Richtungen.
Ich habe Auftritte für Katastrophen gehalten, die auf Video vollkommen in Ordnung aussahen. Und ich habe mich nach Auftritten großartig gefühlt, die im Nachhinein zäh waren.
Die Selbsteinschätzung unmittelbar danach ist einfach kaputt. Sie misst deinen Puls, nicht deinen Text.
Wenn dich jemand fragt, wie es war, sag einfach: „Weiß ich noch nicht — frag mich morgen.“ Das klingt souverän und ist obendrein wahr.
Wie weit man mit Selbstsicherheit kommt, hat einer der erfolgreichsten Comedians des zwanzigsten Jahrhunderts einmal in einem einzigen Satz zusammengefasst.

Die drei Notfälle, in denen du sehr wohl abbrechen sollst
Bis hierhin klang es, als sei jedes Unterbrechen ein Fehler. Das stimmt nicht.
Eine Notbremse hängt ja nicht zur Dekoration im Wagen. Sie hängt da, weil es Situationen gibt, in denen man sie ziehen muss.
Nur sind das ganz andere Situationen, als die zwölf Sätze oben vermuten lassen.
Es gibt genau drei Fälle, in denen du deinen Text unterbrechen sollst.
1. Jemandem geht es schlecht. Ein Gast kippt um, jemandem wird übel, es riecht nach Rauch. Dann hörst du sofort auf und sagst ruhig und laut, was Sache ist. Ein Text ist nie wichtiger als ein Mensch.
2. Der Ton ist wirklich kaputt. Nicht „etwas leise“, sondern Rückkopplung, Aussetzer, ein totes Mikro. Dann winkst du kurz zur Technik und wartest. Weiterzureden, wenn niemand dich versteht, verbrennt deinen Text für nichts.
3. Jemand greift jemanden an. Wenn im Saal jemand rassistisch, sexistisch oder übergriffig wird, ist Weiterlesen keine Souveränität, sondern Zustimmung. Halt an, benenn es in einem Satz, hol dir die Moderation dazu. Der Beitrag über Zwischenrufe und Störungen geht ins Detail.
Siehst du den Unterschied? In allen drei Fällen unterbrichst du für jemand anderen.
Die zwölf Sätze weiter oben unterbrechen für dich. Und zwar meistens, um dich vor einem Gefühl zu schützen, das ohnehin vorbeigeht.
Das ist die ganze Regel, und sie passt in eine Zeile.
Warum diese Sätze überhaupt aus dir herauskommen — es liegt nicht am Text
Bleibt eine Frage, die mir in Workshops fast jedes Mal gestellt wird: Warum kommen diese Sätze überhaupt?
Niemand nimmt sich schließlich vor, sich zu entschuldigen. Sie rutschen einfach heraus.
Die Antwort hat mit einem Zeitpunkt zu tun. Alle zwölf Sätze fallen in genau den Sekunden, in denen du nichts zu tun hast.
Zwischen deinem Namen und dem ersten Satz. Zwischen zwei Absätzen.
Und zwischen der letzten Zeile und dem Applaus.
Das sind die Löcher im Ablauf, und dein Kopf hasst Löcher. Er füllt sie mit dem Erstbesten, das er findet — und das Erstbeste ist fast immer eine Absicherung.
Es ist derselbe Reflex, der Menschen im Aufzug über das Wetter reden lässt. Nicht weil das Wetter interessant wäre, sondern weil Stille sich wie ein Fehler anfühlt.
Auf der Bühne ist Stille aber kein Fehler. Sie ist das Material, mit dem du arbeitest.
Deshalb ist der beste Gegenzauber auch so unspektakulär: Plane die Löcher.
Leg vorher fest, was in den acht Sekunden vor dem ersten Wort passiert. Zum Beispiel so: Mikro justieren, einmal ausatmen, drei Gesichter suchen, anfangen.
Das ist kein Ritual aus Aberglauben, sondern eine Beschäftigung für deinen Kopf. Wer beschäftigt ist, entschuldigt sich nicht.
Nach drei oder vier Auftritten wird aus der Beschäftigung eine Gewohnheit. Dann brauchst du den Plan gar nicht mehr.
Alle zwölf Sätze auf einen Blick
Wenn du dir aus diesem Beitrag nur eine Sache mitnimmst, dann diese Tabelle.
Links steht der Griff an der Bremse, rechts die Weiterfahrt.
| Nie sagen | Stattdessen |
|---|---|
| „Ist noch nicht ganz fertig.“ | Nichts sagen. Direkt anfangen. |
| „Ich bin total nervös.“ | Hörbar ausatmen. Karton statt Blatt. |
| „Weiß nicht, ob das reinpasst.“ | Den Kontrast einfach nutzen. |
| „Ich fang noch mal von vorn an.“ | Pause halten. Zum nächsten Bild springen. |
| „Das versteht ihr vielleicht nicht.“ | Dem Saal vertrauen. Zu Hause umschreiben. |
| „Ich hab noch eine Minute, oder?“ | Vorher stoppen. Dreißig Sekunden Puffer. |
| „Ihr seid heute aber ruhig.“ | Stille als Aufmerksamkeit lesen. |
| „Das war jetzt der lustige Teil.“ | Durchziehen. Der nächste Satz löscht den vorigen. |
| „Klatscht doch mal jemand!“ | Schluss bauen, der von selbst trägt. |
| „Das war’s, danke.“ | Letzte Zeile. Zwei Sekunden. Schritt zurück. |
| „Ich hoffe, es hat euch gefallen.“ | Danke sagen — aber erst nach dem Applaus. |
| „Ich glaub, das war nix.“ | Vierundzwanzig Stunden Sperrfrist. |
Dir fällt vielleicht auf, dass die rechte Spalte fast immer kürzer ist als die linke.
Das ist kein Zufall. Die meisten dieser Bremsgriffe löst man durch Weglassen, nicht durch Hinzufügen.
Was mich Leute nach Workshops dazu fragen
Ehrlichkeit im Text ist großartig — da gehört sie hin. Ehrlichkeit als Vorbemerkung ist etwas anderes: Sie stellt eine Behauptung über dich auf, bevor der Saal dich überhaupt kennengelernt hat.
Schreib deine Nervosität in einen Text hinein. Dort wird sie zu Material statt zu einer Warnung.
Erfahrene reden vor dem Text, um Kontakt aufzubauen, nicht um sich zu entschuldigen. Sie sagen „Schön, dass ihr da seid, ich war letztes Jahr schon mal hier“ und nicht „Das wird jetzt vielleicht nichts“.
Der Test ist einfach: Macht dein Vorabsatz dich größer oder kleiner? Nur das zählt.
Auf keinen Fall die Entschuldigung entschuldigen — das ist die Vollbremsung nach der Vollbremsung.
Ein Publikum vergisst erstaunlich schnell, wenn du selbst nicht daran erinnerst. Nach zwei starken Zeilen ist der Satz weg.
Schreib deinen ersten Satz auf der Bühne wortwörtlich auf — auch wenn es nur der erste Satz deines Textes ist. Automatismen entstehen in Lücken, und eine geplante Lücke ist keine Lücke mehr.
Zwei, drei Auftritte reichen. Danach ist der Reflex weg.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Ein Satz weniger, ein Auftritt mehr
Nimm dir nicht alle zwölf vor. Nimm dir einen.
Du weißt vermutlich schon, welcher es ist. Er ist dir beim Lesen aufgefallen, und du hast innerlich kurz gezuckt.
Schreib ihn auf einen Zettel und nimm ihn zur nächsten Bühne mit. Nicht als Text, sondern als Verbot.
Ein einziger Satz weniger. Mehr ist es nicht.
Und dann achte darauf, was in den ersten acht Sekunden passiert. Ob die Leute sich vorlehnen statt zurück.
Es ist ein kleiner Unterschied im Aufwand und ein großer in der Wirkung.

Zurück zu dem jungen Mann mit dem Großvater-Text vom Anfang.
Ich habe ihn ein halbes Jahr später wiedergetroffen, in einer anderen Stadt, mit demselben Text.
Diesmal ging er nach oben, nahm das Mikro, wartete zwei Sekunden und fing mit der ersten Zeile an.
Kein Wort vorher. Nichts.
Und derselbe Text, den beim ersten Mal niemand richtig gehört hatte, gewann diesmal den Abend.
Er hatte in dem halben Jahr nicht besser schreiben gelernt. Er hatte gelernt, die Finger von der Bremse zu lassen.
Dein Text ist besser, als du kurz vor dem Auftritt glaubst. Lass ihn einfach fahren.
Bleibt der Satz, den ich zwei Jahre lang in fast jedem Auftritt gesagt habe.
Es war Nummer 1: „Der Text ist noch nicht ganz fertig.“
Ich habe ihn zum letzten Mal an einem Abend in einer Kneipe gesagt, vor ungefähr dreißig Leuten. Danach kam mein bis dahin bester Text, und der Saal hat höflich geklatscht.
Eine Frau sagte mir hinterher, sie habe zwei Minuten gebraucht, um den Text ernst zu nehmen, weil ich ihr vorher gesagt hatte, dass er nichts taugt.
Zwei Minuten von fünf. Ich hatte vierzig Prozent meiner Auftrittszeit für eine Entschuldigung ausgegeben, die niemand verlangt hatte.
Seitdem sage ich vor dem ersten Satz gar nichts. Es hat ungefähr drei Auftritte gedauert, bis sich das normal anfühlte.
Texte auswendig lernen — damit die nächste Zeile gar nicht erst verschwindet.
Die letzte Zeile — damit du „Das war’s, danke“ nie wieder brauchst.
Lampenfieber auf der Bühne — woher die Aufregung kommt und was wirklich hilft.
Wenn auf der Bühne etwas schiefgeht — der große Nachbarbeitrag über Patzer und Pannen.
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