Der eine Fehler, der dich jede Wertung kostet

Eine Gegenüberstellung · Wertung

Der eine Fehler, der dich jede Wertung kostet

Waschbär auf der Brüstung eines hohen Ziegelviadukts über einem Flusstal – wer nichts riskiert, kann jede Wertung verlieren
Unter der Brücke liegt das Tal, das den Text trägt · bahn-slam.de

Man kann jede Wertung verlieren, ohne einen einzigen Fehler zu machen.

Das ist die gemeinste Erfahrung, die eine Slam-Bühne zu bieten hat.

Samstag, kurz nach elf, eine Kneipe mit kleiner Bühne.

Bent steht an der Theke und schaut noch einmal auf seine Zahlen.

7,5. 7,5. 8,0. 7,5. 7,0.

Sein Text war sauber gebaut.

Kein Versprecher, im Zeitlimit, jede Pointe saß.

Dritter Platz.

Wie so oft.

Neben ihm bestellt Hella ein Wasser.

Sie hat heute gewonnen.

Mit einem Text darüber, wie sie ihrer Mutter das Autofahren verboten hat.

Sie ist zweimal gestolpert, und in der Mitte hat sie kurz den Faden verloren.

Trotzdem war es im Saal so still, dass man die Kühltruhe hinter der Theke hörte.

„Ich versteh’s nicht“, sagt Bent.

Hella schaut ihn lange an.

Dann sagt sie einen Satz, sieben Wörter lang.

Bent wird zwei Jahre brauchen, um ihn zu verstehen.

Du bekommst ihn am Ende dieses Beitrags.

Bent und Hella gibt es so nicht. Aber die Sieben-Komma-Fünf-Falle kennen viele, die schon eine Weile auf Slam-Bühnen stehen.

Kennst du das?

Du machst alles richtig.

Du feilst an Übergängen, übst den Blickkontakt, polierst jede Pointe.

Und dann stehen da wieder diese Zahlen, die du längst auswendig kennst.

Bei einer Vier weißt du wenigstens, dass etwas schiefgelaufen ist.

Bei einer 7,5 stehst du im Nebel.

Alles richtig gemacht, und trotzdem ist nichts passiert.

Heute lösen wir diesen Fall.

Mit einer Gegenüberstellung.

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Die Gegenüberstellung: vier Verdächtige, die es nicht waren

Gegenüberstellung · Raum 2 · Fall „7,5“

1

Der Versprecher

Alibi: Der Saal kennt deinen Text nicht und merkt die meisten Stolperer gar nicht.

2

Das Zeitlimit

Alibi: Ein paar Sekunden drüber kosten vielleicht Punkte, aber keinen Abend.

3

Die Nervosität

Alibi: Von außen sieht Aufregung meistens aus wie Energie.

4

Die Startnummer

Alibi: Macht ein paar Zehntel aus. Mehr nicht.

5

?

Noch nicht identifiziert. War schon am Tatort, bevor der Text geschrieben wurde.

Bevor wir den Täter benennen, müssen wir vier Verdächtige gehen lassen.

Sie stehen immer zuerst unter Verdacht.

Und sie sind fast nie schuld.

Der Versprecher fühlt sich an wie ein Absturz, ist aber nur ein Schlagloch.

Das Zeitlimit kostet vielleicht einen halben Punkt, aber kein Finale.

Die Nervosität sieht von außen meistens aus wie Energie, und Energie wird eher belohnt als bestraft.

Die Startnummer macht ein paar Zehntel aus, weil sich eine Jury am Anfang gern Luft nach oben lässt.

Alle vier sind Bahnsteiggeräusche.

Sie stören, aber sie halten keinen Zug auf.

Und woran erkennt man das?

Sie bewirken nach oben nichts.

Ein fehlerfreier Vortrag hebt niemanden von 7,5 auf 9.

Er verhindert nur, dass man abrutscht.

Also merke: Perfektion ist eine Bremse, kein Motor.

Deshalb kommen so viele solide Slammer nicht weiter.

Sie polieren jahrelang die Bremse und wundern sich, dass der Zug nicht schneller wird.

Der echte Täter ist unauffälliger.

Und er war schon am Tatort, bevor du die erste Zeile geschrieben hast.

Der Täter: Warum du mit einem Thema ohne Einsatz jede Wertung verlierst

Täter identifiziert · Nr. 5Tatzeit: Wochen vor dem Auftritt

Das Thema, bei dem nichts verloren gehen kann

Tatort: dein Schreibtisch.

Tatwaffe: Vernunft.

Schaden: eine tadellose Fahrt, von der niemand erzählt.

Da ist er.

Und beim ersten Lesen klingt er nach gar nichts.

Deshalb ein Bild aus der Bahn.

Eine Strecke durch flaches Land ist eine gute Strecke.

Günstig, sicher, pünktlich.

Nur schaut auf dieser Strecke niemand aus dem Fenster.

Genau das ist die 7,5.

Die Wertung für eine tadellose Fahrt durch die Ebene.

Die Jury findet nichts zu beanstanden, also gibt sie keine schlechte Note.

Sie findet aber auch nichts, wovon sie hinterher erzählen würde, also gibt sie keine gute.

Aber hier kommt der entscheidende Punkt, an dem die meisten abbiegen:

Fallhöhe ist kein Stilmittel.

Sie ist eine Themenentscheidung.

Du kannst sie nicht nachträglich einbauen, so wie man kein Tal unter eine fertige Strecke schieben kann.

Was heißt „auf dem Spiel“?

Nichts Dramatisches.

Es heißt nur, dass in deinem Text etwas verloren gehen kann.

Eine Beziehung, ein Selbstbild, ein Stolz.

Oder die Gewissheit, ein anständiger Mensch zu sein.

Und dieser Fehler hat nichts mit Faulheit zu tun.

Er ist die Folge von Vernunft.

Wer eine Strecke plant, sucht sich den flachsten Weg.

Man umfährt das Tal, weil eine Brücke teuer ist.

Man umfährt das Thema, weil es unangenehm ist.

Beides ist verständlich.

Nur bewertet der Saal nicht die Vernunft deiner Streckenführung, sondern die Fahrt.

Waschbär balanciert auf einer Schiene durch flaches, nebliges Ackerland – flache Texte lassen dich die Wertung verlieren
Pünktlich, sicher, flach: die Strecke, von der niemand erzählt · bahn-slam.de

Das Motiv: Was eine Wertung wirklich misst

Beweismittel · zwei Texte, fünf Tafeln (Beispiel)

Text ohne Einsatz

7,57,58,07,57,0

Alle fanden ihn ordentlich, keiner war dabei. Summe: 22,5

Text mit Einsatz

9,56,59,09,58,5

Einer fand ihn unbequem, die anderen sind mitgegangen. Summe: 27,0

Durchgestrichen: höchste und niedrigste Wertung, wie es bei vielen Slams üblich ist.

Eine Publikumsjury hat keinen Kriterienkatalog.

Sie hat einen Stift und eine Tafel.

Und am Ende muss sie eine Zahl bilden.

Weil sie kein Handwerksurteil fällen kann, stellt sie sich unbewusst eine einzige Frage.

Wie sehr war ich gerade dabei?

Dabeisein entsteht nicht durch Schönheit.

Es entsteht durch Anteilnahme, und Anteilnahme braucht etwas, um das man bangen kann.

Das kennst du aus jedem Zugabteil.

Erzählt jemand, er sei am Wochenende in Kassel gewesen, hörst du höflich weg.

Erzählt jemand, er sei am Wochenende zu seinem Vater gefahren, mit dem er seit acht Jahren nicht gesprochen hat, legst du dein Buch weg.

Beide Sätze sind gleich lang.

Der zweite hat ein Tal darunter.

Und ein Saal ist nichts anderes als viele Abteile nebeneinander.

Schreib an einem Abend einmal mit, dann siehst du das Muster.

Texte ohne Einsatz bekommen erstaunlich einheitliche Zahlen.

Texte mit Einsatz streuen, weil einer mitgeht und ein anderer sich unwohl fühlt.

Werden dann die höchste und die niedrigste Wertung gestrichen, verzeiht das Format Ausreißer nach unten.

Es bestraft nicht das Risiko.

Es bestraft die Gleichgültigkeit.

Und bevor du jetzt die Augen verdrehst: Nein, du musst kein Trauma auspacken, um zu gewinnen.

Fallhöhe ist nicht dasselbe wie Schmerz.

Ein Comedy-Text über einen Kuchen, der kurz vor dem Besuch der Schwiegermutter auf den Boden fällt, kann enorme Fallhöhe haben.

Es geht um nichts.

Und gleichzeitig um alles, was dieser Mensch an diesem Tag sein wollte.

Drei Phantombilder: So tarnt sich der Täter

Fahndung · drei Verkleidungen desselben Täters

Phantombild 1

Das große Thema

Krieg, Klima, Einsamkeit, das Sterben. Fühlt sich nach maximalem Einsatz an und ist doch oft die flachste Strecke von allen.

Erkennungsmerkmal: Niemand im Saal könnte dir widersprechen.

Phantombild 2

Die fertige Geschichte

Etwas, das du vollständig verarbeitet hast. Gesund und richtig, aber ohne Restspannung.

Erkennungsmerkmal: Du erzählst es völlig locker, ohne ein einziges Zögern.

Phantombild 3

Der clevere Text

Wortspiel-Gewitter, Formspielerei, ein Text, der rückwärts genauso funktioniert. Der Saal staunt, aus sicherer Entfernung.

Erkennungsmerkmal: Du bewunderst deinen Text schon beim Schreiben.

Der Fehler wäre leicht zu finden, wenn er nackt herumliefe.

Aber er verkleidet sich.

Und zwar immer als Tugend.

Das große Thema fühlt sich mutig an.

Doch niemand im Saal wird dich dafür verurteilen, dass du gegen Krieg bist.

Das ist ein Bahndamm, so breit, dass man gar nicht herunterfallen kann.

Du darfst über große Themen schreiben.

Aber das Thema allein liefert keine Fallhöhe.

Fahr durch ein Zimmer, und lass den Krieg dahinter stehen wie ein Gebirge.

Die fertige Geschichte ist tückischer.

Offene Wunden gehören nicht auf die Bühne, das ist richtig.

Doch eine restlos abgeschlossene Geschichte hat ihre Spannung abgegeben wie ein Akku im Winter.

Die Kunst liegt dazwischen: verheilt genug, um sicher zu erzählen, und lebendig genug, dass dir beim Schreiben noch warm wird.

Du erkennst diese Stelle daran, dass du beim Schreiben schneller wirst und sie hinter dich bringen willst.

Genau da bleibst du stehen.

Und falls ein Thema dich beim Schreiben nicht mehr loslässt und dir den Schlaf raubt, sprich mit jemandem, dem du vertraust.

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.

Der clevere Text erwischt fast nur erfahrene Leute.

Wer ein paar Jahre dabei ist, kann plötzlich zaubern.

Dann baut man Texte, die man selbst beim Schreiben bewundert.

Der Saal staunt, aber Staunen ist Bewunderung aus der Ferne.

Man bewundert eine Brücke vom Talboden aus.

Um sie zu spüren, muss man oben stehen.

Der Zeuge vom 7. August 1974

Zeuge · New York, 7. August 1974

Zwischen den beiden Türmen des World Trade Center, gut 400 Meter über der Straße, geht ein Mann auf einem Stahlseil. Ohne Netz.

Philippe Petit bleibt etwa 45 Minuten oben und überquert die Lücke achtmal.

Mit 18 hatte er von den geplanten Türmen gelesen. Danach bereitete er sich sechs Jahre lang vor, heimlich und akribisch.

Der Dokumentarfilm „Man on Wire“ über diesen Gang gewann 2009 einen Oscar.

Wer nur das Bild vom Mann auf dem Seil kennt, zieht leicht den falschen Schluss.

Man hält Petit für einen Verrückten, der eines Morgens etwas Waghalsiges tun wollte.

Das Gegenteil stimmt.

Sechs Jahre Vorbereitung für eine Dreiviertelstunde.

Petit war nicht der Draufgänger dieser Geschichte.

Er war ihr vorsichtigster Mensch.

Die Fallhöhe hat er nicht gesucht, weil er den Tod wollte.

Er hat sie gesucht, weil sein Gang ohne sie nichts bedeutet hätte.

Dasselbe Seil zwei Meter über einer Wiese: gleiche Körperbeherrschung, gleiche Eleganz.

Und niemand würde stehen bleiben.

Philippe Petit · „From the archives: Philippe Petit’s Twin Towers walk“ · CBS Sunday Morning

Achte beim Zuschauen darauf, wohin die Menschen auf der Straße schauen.

Und frag dich, ob sie für ein Seil zwei Meter über einer Wiese stehen geblieben wären.

Übersetzt auf deine drei Minuten heißt das: Deine Technik ist das Seil.

Deine Vorbereitung ist die Balancierstange.

Die Wirkung aber kommt aus dem, was unter dir liegt.

Und das entscheidest du bei der Themenwahl, nicht beim Üben.

Noch etwas an dieser Geschichte ist wichtig.

Petit hat sich die Höhe nicht ausgesucht, weil sie besonders hoch war.

Die beiden Türme haben ihn nicht mehr losgelassen.

Erst kommt die Sache, die dich nicht loslässt.

Dann die Höhe, die sie mitbringt.

Wer nach Dramatik sucht, bekommt ein Seil ohne Grund.

Das Verhör: eine Frage, dreißig Sekunden

Verhör · eine Frage · dreißig Sekunden

„Was geht in diesem Text kaputt, wenn es schiefgeht – und für wen?“

Nimm deinen Text und beantworte diese Frage in einem Satz.

Ohne Ausweichen, ohne „irgendwie“.

Klappt das in unter zehn Sekunden, steht unter deiner Strecke ein Tal.

Brauchst du länger, fährst du durch die Ebene.

Und keine Politur der Welt macht daraus ein Viadukt.

Vorsicht vor zwei Antworten, die wie Lösungen klingen.

„Es geht um die Gesellschaft.“

Das ist keine Antwort, sondern eine Adresse, an der niemand wohnt.

„Es geht darum, dass der Text gut ankommt.“

Das ist ehrlich, aber es ist dein Einsatz, nicht der Einsatz im Text.

Eine gute Antwort klingt immer klein und konkret.

Die Freundschaft hält es nicht aus.

Der Kuchen liegt auf dem Boden, und die Schwiegermutter klingelt in zwei Minuten.

Bonus: der Küchentisch-Test.

Erzähl einem guten Freund die Sache hinter deinem Text, nicht den Text selbst.

Spürst du irgendwo ein Zögern?

Genau dort steht dein Viadukt.

Kannst du alles völlig locker erzählen, ist es eine schöne Anekdote.

Aber kein Text, der Wertungen bewegt.

Und wenn dein Text keine Antwort hat?

Schreib ihn nicht einfach um.

Such die Stelle, an der du beim Schreiben ausgewichen bist.

Du erinnerst dich fast immer an sie.

Es ist der Moment, in dem du gedacht hast, das sei zu privat, und dann etwas Allgemeineres geschrieben hast.

Genau dort lag dein Tal.

Kurzes Verhör

Welche Antwort auf die Verhörfrage zeigt echte Fallhöhe?

Auflösung anzeigen

Die dritte. Die erste ist eine Adresse, an der niemand wohnt. Die zweite ist dein Einsatz als Slammer, nicht der Einsatz im Text. Nur die dritte ist klein, konkret und kann wirklich kaputtgehen.

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Das Beweisstück aus dem Vogtland

Beweisstück · Göltzschtalbrücke im Vogtland

78 m

hoch

574 m

lang

98

Bögen, teils in vier Etagen

26 Mio.

Ziegelsteine

1845 gab es einen Wettbewerb mit 81 Entwürfen, keiner erfüllte alle Anforderungen. Gebaut wurde nach einem Entwurf von Johann Andreas Schubert, eröffnet am 15. Juli 1851. Sie gilt als größte Ziegelsteinbrücke der Welt.

Jetzt kommt die Wendung, und sie ist wichtiger als alles davor.

Wer bis hierhin gelesen hat, könnte denken: Ich muss mich also auf der Bühne in Gefahr bringen.

Quatsch!

Schau dir das Detail mit den 81 Entwürfen an.

Die Aufgabe war so groß, dass nichts Bekanntes passte.

Erst dadurch entstand etwas, zu dem Menschen bis heute hinfahren.

Und diese Brücke trägt seit 1851 Züge.

Unter dem Zug liegen 78 Meter Luft, und trotzdem sitzt niemand angespannt im Abteil.

Genau das ist Fallhöhe im Text.

Nicht: Ich stelle mich ungeschützt ins Risiko.

Sondern: Ich baue eine Konstruktion, die etwas Tiefes überquert, und zwar so sorgfältig, dass sie trägt.

Die Bauteile kennst du schon: fester Aufbau, saubere Bilder, geübter Vortrag.

Ohne sie wird aus Fallhöhe tatsächlich ein Absturz.

TV Westsachsen · „Göltzschtalbrücke soll Weltkulturerbe werden“ · TV Westsachsen

Achte im Beitrag darauf, wie klein die Züge oben auf der Brücke wirken.

Und dann erinnere dich daran, dass das Tal zuerst da war.

Niemand hat es gegraben, um eine schöne Brücke bauen zu können.

Bei dir ist es genauso.

Du musst dir keine Fallhöhe ausdenken.

Du hast längst welche.

Sie liegt in den Geschichten, bei denen du beim Erzählen kurz zögerst.

Und noch eine gute Nachricht steckt in dieser Brücke.

Texte mit Einsatz halten länger.

Flache Texte veralten schnell, weil ihr Reiz an der Formulierung hängt.

Texte mit einem Tal darunter kannst du jahrelang spielen.

Deine Akte schließen

Der Fallhöhen-Check · fünf Fragen an jeden fertigen Text

Fünfmal Ja?

Dann hast du einen Text, der Wertungen bewegen kann.

Und wenn nicht, beginnt die Arbeit genau hier.

Rückfragen zur Akte · zum Aufklappen

Haben es lustige Texte jetzt schwerer?

Im Gegenteil. Jede Pointe braucht einen Einsatz, sonst ist sie nur eine Beobachtung. Und sei es nur die Würde der Erzählerin vor einem vollen Abteil.

Ich schreibe gern über Gesellschaft. Muss ich damit aufhören?

Nein, du musst das Thema nur landen lassen. Ein politischer Text bekommt Fallhöhe, sobald ein einzelner Mensch darin etwas verlieren kann: die Nachbarin, der Kollege, du selbst.

Und wenn ich in meinem Leben kein Tal finde?

Dann suchst du an der falschen Stelle. Fallhöhe braucht keine Katastrophe. Eine Absage, ein verpasster Anruf, ein Streit über die Spülmaschine reichen, wenn es dir wirklich passiert ist und du dich beim Erzählen ein bisschen unwohl fühlst.

Dein Auftrag für diese Woche ist eine Streckenbegehung.

Du brauchst zehn Minuten und einen Zettel.

Schreib fünf Momente aus deinem Leben auf, bei denen du dich unwohl fühlst, wenn du sie erzählst.

Keine Katastrophen, nur Momente mit einem kleinen Ziehen.

Das sind deine Täler.

Jedes einzelne ist ein möglicher Brückenstandort.

Keine Katastrophen, nur Momente mit einem kleinen Ziehen. Nichts wird gespeichert.

Dann nimm einen davon und stell die Verhörfrage.

Hast du die Antwort in einem Satz, hast du deinen nächsten Text.

Der Rest ist Handwerk.

Und Handwerk kannst du.

Und Bent?

Hellas Satz lautete: „Du riskierst in deinen Texten nie etwas.“

Bent hat ihn damals falsch verstanden.

Er dachte, es gehe um seine Themen.

Die waren doch groß genug.

Tod, Trennung, Krankheit.

Zwei Jahre hat es gedauert, bis er begriff, dass sie etwas anderes meinte.

In seinen Texten stand nie etwas auf dem Spiel.

Er schrieb über Verluste, die längst verarbeitet waren.

Und über Fehler, die er sich schon verziehen hatte.

Dann macht er die Streckenbegehung.

Auf seinem Zettel steht unter anderem ein Sonntag vor vielen Jahren.

Der Tag, an dem er seinem Vater zeigen wollte, dass er Auto fahren kann.

Und in der Einfahrt den Außenspiegel abfuhr.

Sein Vater hat damals nur genickt und ist ins Haus gegangen.

Bent hat nie gefragt, was dieses Nicken bedeutet hat.

Beim Schreiben wird er an genau dieser Stelle schneller.

Diesmal bleibt er stehen.

Drei Wochen später steht er mit diesem Text auf der Bühne.

Er muss nichts machen.

Keine hohe Stimme, keine Tempowechsel, keine Kunstpausen.

Der Text trägt ihn, statt dass er den Text trägt.

Bei der Stelle mit dem Nicken hört man wieder die Kühltruhe hinter der Theke.

Fall „7,5“ · Bents neue Tafeln

9,06,59,58,59,0

Summe nach Streichung: 26,5. Zum ersten Mal streuen seine Zahlen.

Akte geschlossen

Aber das Wichtigste passiert danach.

Ein älterer Mann kommt an die Theke und erzählt ihm von seinem eigenen Vater.

Er redet über den Text, nicht über die Wertung.

Das ist das erste sichere Zeichen, dass unter deiner Strecke ein Tal lag.

Später steht Hella neben ihm und bestellt ein Wasser.

„Sieben Wörter“, sagt Bent.

„Zwei Jahre“, sagt Hella.

Sie grinst.

Er auch.


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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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