Es gibt einen Satz, den ich in Slam-Kneipen häufiger gehört habe als jeden anderen: „Ich verstehe nicht, warum der Text nicht besser bewertet wurde.“
Und das Erstaunliche ist: Meistens haben die Leute recht.
Der Text war wirklich gut. Sauber gebaut, ordentlich vorgetragen, kein Versprecher, im Zeitlimit.
Und trotzdem stehen da wieder diese Zahlen, die man auswendig kennt: 7,5. 7,5. 8,0. 7,5. 7,0.
Ich nenne das die Sieben-Komma-Fünf-Falle. Sie ist deshalb so zäh, weil nichts kaputt ist.
Ich habe für diesen einen Fehler sieben Jahre gebraucht, und ich habe ihn nicht selbst gefunden.
Jemand hat ihn mir in einem einzigen Satz gesagt, an einem Tisch in einer Kneipe, zwischen zwei Bier.
Der Satz hatte neun Worte. Er steht am Ende dieses Beitrags — vorher musst du wissen, was er nicht bedeutet.
Es ist wie mit einem Zug, der pünktlich fährt, sauber ist und trotzdem leer bleibt. Man kann die Bahnhofsdurchsage nicht dafür verantwortlich machen.
Irgendwo muss es einen Grund geben, warum niemand einsteigt. Nur steht der eben nicht am Bahnsteig, sondern auf der Streckenkarte.
Bei einer Vier weißt du, dass etwas schiefgelaufen ist. Bei einer 7,5 stehst du im Nebel: alles richtig gemacht, und trotzdem nichts passiert.
Jahrelang habe ich in dieser Falle gesessen und an den falschen Stellen geschraubt.
Bessere Pointen, sauberere Übergänge, mehr Blickkontakt. Es half ein bisschen, so wie frische Farbe an einem Bahnhof hilft, an dem kein Zug mehr hält.
Denn der Fehler saß ganz woanders. Er saß nicht im Vortrag und nicht in der Sprache.
Er war schon getroffen, bevor ich die erste Zeile geschrieben hatte. Es ist eine einzige Entscheidung — und du triffst sie fast immer unbewusst.
Aufgefallen ist es mir an einem Abend, an dem ich gar nicht selbst aufgetreten bin.
Ich saß hinten und sah zwei Texten zu, die dichter nicht beieinander liegen konnten.
Der erste war handwerklich der bessere. Ein Text über das Vergessen, mit Bildern, an denen jemand lange gefeilt hatte.
Jede Zeile saß, kein Wort zu viel. Er bekam 7,5 — natürlich.
Der zweite Text war deutlich roher. Eine Frau erzählte, wie sie ihrer Mutter das Autofahren verboten hat.
Sie stolperte zweimal, eine Formulierung war schief, und in der Mitte verlor sie kurz den Faden.
Trotzdem war es im Saal so still, dass man die Kühltruhe hinter der Theke hörte. Sie bekam 9,5.
Auf dem Heimweg habe ich mich gefragt, was der Unterschied war. Und die Antwort war so einfach, dass ich sie jahrelang übersehen hatte.
Beim ersten Text konnte nichts passieren. Beim zweiten stand eine Mutter-Tochter-Beziehung auf dem Spiel.

Das ist Absicht. Denn dieser eine Fehler erklärt mehr mittelmäßige Wertungen als alle Anfängerfehler zusammen — und er trifft besonders gern die Leute, die ihr Handwerk schon können.
Wenn du also gerade in der Sieben-Komma-Fünf-Falle sitzt: Der nächste Abschnitt ist für dich geschrieben.
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Jetzt Kanal folgenWas es alles NICHT ist
Die vier Verdächtigen, die es diesmal nicht waren — und der fünfte, den keiner nennt
Bevor wir den Täter benennen, müssen wir vier Verdächtige gehen lassen. Sie stehen nämlich immer zuerst unter Verdacht — und sind fast nie schuld.
Verdächtiger eins: der Versprecher. Er fühlt sich an wie ein Absturz, ist aber ein Schlagloch.
Der Saal kennt deinen Text nicht. Er merkt neunzig Prozent deiner Stolperer gar nicht, und die restlichen zehn hat er beim Applaus vergessen.
Verdächtiger zwei: das Zeitlimit. Wer zwanzig Sekunden überzieht, verliert vielleicht einen halben Punkt — aber keinen Abend.
Verdächtiger drei: die Nervosität. Von außen sieht Aufregung meistens aus wie Energie, und Energie wird belohnt, nicht bestraft.
Verdächtiger vier: die Startnummer. Sie macht ein paar Zehntel aus, und das war es auch schon.
Wer als Erster auftritt, wird etwas vorsichtiger bewertet — die Jury hält sich Luft nach oben frei. Das ist ärgerlich, aber es kostet kein Finale.
Alle vier sind Bahnsteiggeräusche. Sie stören, aber sie halten keinen Zug auf.
Das erkennt man daran, dass sie nach oben nichts bewirken. Ein fehlerfreier Vortrag hebt niemanden von 7,5 auf 9.
Er verhindert nur, dass man abrutscht. Perfektion ist eine Bremse, kein Motor.
Deshalb kommen so viele solide Slammer nicht weiter. Sie polieren jahrelang die Bremse und wundern sich, dass der Zug nicht schneller wird.
Der echte Fehler ist unauffälliger und wirkt viel früher. Er entsteht an dem Abend, an dem du dich hinsetzt und entscheidest, worüber du schreibst.
Endlich beim Namen genannt
Der eine Fehler: Du wählst ein Thema, bei dem du nichts verlieren kannst
Da ist er. Und beim ersten Lesen klingt er nach gar nichts.
Deshalb übersetze ich ihn in die Sprache dieses Beitrags: Du baust deine Strecke über flaches Land.
Eine Bahnstrecke durch die Ebene ist eine gute Strecke. Sie ist günstig, sicher, wartungsarm und bringt alle pünktlich ans Ziel.
Nur schaut auf dieser Strecke niemand aus dem Fenster.

Genau das ist die 7,5. Sie ist die Wertung für eine tadellose Fahrt durch flaches Land.
Die Jury findet nichts zu beanstanden, also gibt sie keine schlechte Note. Sie findet aber auch nichts, wovon sie hinterher erzählen würde, also gibt sie keine gute.
Und jetzt der entscheidende Punkt, an dem die meisten abbiegen: Fallhöhe ist kein Stilmittel. Sie ist eine Themenentscheidung.
Man kann sie nicht nachträglich einbauen, so wie man auch kein Tal unter eine fertige Strecke schieben kann.
Entweder du hast dir ein Thema gesucht, bei dem etwas auf dem Spiel steht — oder du hast es nicht getan.
Was heißt „auf dem Spiel“? Nichts Dramatisches.
Es heißt nur: Irgendetwas kann in diesem Text verloren gehen.
Und dieses Etwas muss nicht groß sein. Es muss nur wirklich dir gehören.
Eine Beziehung, ein Selbstbild, eine Freundschaft, ein Stolz. Oder auch nur die Sicherheit, dass man ein anständiger Mensch ist.
Solange nichts verloren gehen kann, ist dein Text ein Ausflugszug. Hübsch, freundlich, folgenlos.
Vielleicht denkst du jetzt an einen bestimmten Text von dir und wirst leicht unruhig. Das ist ein gutes Zeichen.
Denn dieser Fehler ist nicht die Folge von Faulheit. Er ist die Folge von Vernunft.
Wer eine Strecke plant, sucht sich den flachsten Weg — das ist bei der Bahn seit zweihundert Jahren richtig und beim Schreiben völlig natürlich.
Man umfährt das Tal, weil eine Brücke teuer ist. Man umfährt das Thema, weil es unangenehm ist.
Beides ist verständlich. Nur bewertet der Saal am Ende nicht die Vernunft deiner Streckenführung, sondern die Fahrt.
Warum die Jury das bestraft
Was eine Wertung wirklich misst — und es ist nicht die Qualität
Stell dir vor, was in einem Juror in den drei Minuten passiert. Er ist kein Kritiker, er hat keine Kriterien, er hat einen Stift und ein Pappschild.
Am Ende muss er eine Zahl bilden. Und weil er kein Handwerksurteil fällen kann, fällt er das einzige Urteil, das ihm zur Verfügung steht.
Er fragt sich: Wie sehr war ich gerade dabei?
Und Dabeisein entsteht nicht durch Schönheit. Es entsteht durch Anteilnahme — und Anteilnahme braucht etwas, um das man bangen kann.
Das kennst du aus jedem Zugabteil. Wenn eine Frau erzählt, sie sei am Wochenende in Kassel gewesen, hörst du höflich weg.
Wenn sie erzählt, sie sei am Wochenende zu ihrem Vater gefahren, mit dem sie seit acht Jahren nicht gesprochen hat, legst du dein Buch weg.
Beide Sätze sind gleich lang. Beide sind gleich gut formuliert. Der zweite hat ein Tal darunter.
Und ein Saal ist nichts anderes als zweihundert Zugabteile nebeneinander.
Man kann diesen Mechanismus sogar an den Zahlen ablesen, wenn man einen Abend lang mitschreibt.
Texte ohne Einsatz bekommen erstaunlich einheitliche Wertungen. Fünf Juroren, und alle liegen zwischen 7 und 8.
Texte mit Einsatz streuen. Da gibt einer eine 9,5 und ein anderer eine 6,5 — weil der eine mitgegangen ist und der andere sich unwohl gefühlt hat.
Und jetzt kommt die unbequeme Rechnung: Beim Slam wird meistens die höchste und die niedrigste Wertung gestrichen.
Das Format ist also gebaut, um Ausreißer nach unten zu verzeihen. Es straft nicht das Risiko — es straft die Gleichgültigkeit.
Ein Text, der bei einem Juror aneckt und drei andere mitreißt, gewinnt fast immer gegen einen, den alle fünf ordentlich fanden.
Fallhöhe ist nicht dasselbe wie Schmerz. Ein Text über den peinlichsten Moment deines Lebens hat Fallhöhe. Ein Comedy-Text auch, wenn dabei deine Würde auf dem Spiel steht.
Der lustigste Text, den ich je gehört habe, handelte davon, wie jemand vor seiner Schwiegermutter einen Kuchen rettete, der ihm auf den Boden gefallen war. Es ging um nichts — und gleichzeitig um alles, was dieser Mensch an diesem Tag sein wollte.
Fallhöhe heißt nur: Es gibt einen Einsatz. Ob der Einsatz eine Ehe ist oder ein Kuchen, entscheidest du.
Drei Verkleidungen des Fehlers
Warum ausgerechnet du diesen Fehler in deinem Text nicht sehen kannst
Der Fehler wäre leicht zu beheben, wenn er nackt herumliefe. Er verkleidet sich aber — und zwar immer als Tugend.
Verkleidung eins: das große Thema. Du schreibst über Krieg, Klima, Einsamkeit, das Sterben.
Das fühlt sich nach maximalem Einsatz an. In Wahrheit ist es die flachste Strecke von allen.
Denn du riskierst dabei nichts. Niemand im Saal wird dich dafür verurteilen, dass du gegen Krieg bist.
Das große Thema ist ein Bahndamm, der so breit ist, dass man von ihm gar nicht herunterfallen kann. Man fährt oben in der Mitte und sieht ganz weit — nur passiert nichts.
Das heißt nicht, dass man über große Themen nicht schreiben darf. Es heißt nur: Das Thema allein liefert keine Fallhöhe.
Der beste Kriegstext, den ich kenne, handelt von einem Mann, der die Briefe seines Vaters nicht öffnet. Der Krieg steht dahinter wie ein Gebirge — aber gefahren wird durch ein Zimmer.
Verkleidung zwei: die fertige Geschichte. Du erzählst etwas, das du vollständig verarbeitet hast.
Das ist gesund und richtig — wir haben in einem eigenen Beitrag beschrieben, warum offene Wunden nicht auf die Bühne gehören.
Nur kippt es leicht ins andere Extrem. Wenn eine Geschichte restlos abgeschlossen ist, hat sie ihre Spannung abgegeben wie ein Akku im Winter.
Du erzählst dann von einer Brücke, über die du längst drüber bist. Das kann schön sein — aber der Saal steht nicht mit dir oben, er sieht dir beim Erinnern zu.
Die Kunst liegt genau dazwischen: verheilt genug, um souverän zu erzählen, und lebendig genug, dass es dir beim Schreiben noch warm wird.
Man erkennt diese Zone an einem körperlichen Zeichen. Beim Schreiben wird man kurz schneller und will die Stelle hinter sich bringen.
Genau da bleibst du stehen. Diese eine Stelle ist der Brückenpfeiler, an dem der ganze Text hängt.
Alles, was du davor und danach schreibst, ist Anfahrt und Ausfahrt. Wichtig, aber austauschbar.
Verkleidung drei: der clevere Text. Die schlaueste Tarnung, weil sie am besten funktioniert.
Du baust ein Wortspiel-Gewitter, eine Form-Spielerei, einen Text, der rückwärts genauso funktioniert wie vorwärts.
Der Saal staunt. Staunen ist aber Bewunderung aus der Ferne — und Bewunderung gibt selten mehr als 8,0.
Man bewundert eine Brücke vom Talboden aus. Um sie zu spüren, muss man oben stehen.
Diese dritte Verkleidung erwischt fast nur erfahrene Leute. Anfänger schreiben selten formverliebt — sie haben dafür noch gar nicht das Werkzeug.
Wer aber vier Jahre dabei ist, kann plötzlich zaubern. Und dann baut man Texte, die man selbst beim Schreiben bewundert.
Das ist der Moment, in dem man aufhört zu erzählen und anfängt vorzuführen. Der Saal merkt den Unterschied sofort, auch wenn er applaudiert.
Der Applaus für eine Vorführung klingt nämlich anders. Er kommt sofort, er ist gleichmäßig, und er hört pünktlich wieder auf.

Alle drei Verkleidungen haben dasselbe Muster. Sie sehen aus wie Anstrengung, sind aber Ausweichmanöver.
Und deshalb wehrt sich dein Kopf, wenn du diesen Beitrag liest. Er wird dir gleich sagen: Mein Text ist anders, bei mir steht sehr wohl etwas auf dem Spiel.
Dafür gibt es weiter unten einen Test. Er dauert dreißig Sekunden und ist unbestechlich.
New York, 7. August 1974
Philippe Petit und die teuerste Fallhöhe der Welt
Am Morgen des 7. August 1974 sahen Menschen in Manhattan nach oben und trauten ihren Augen nicht.
Zwischen den beiden Türmen des World Trade Center, gut vierhundert Meter über der Straße, ging ein Mann auf einem Stahlseil.
Kein Netz. Vierzig Meter Abstand zwischen den Häusern. Und der Mann blieb nicht etwa kurz stehen und lief zurück.
Philippe Petit war fünfundvierzig Minuten dort oben. Er ging mehrfach hin und her, kniete sich hin, legte sich auf das Seil und grüßte den Himmel.
Das ist die Geschichte, die jeder kennt. Die interessantere ist die davor.
Denn wer nur das Bild vom Mann auf dem Seil im Kopf hat, zieht daraus leicht den falschen Schluss.
Man hält ihn für einen Verrückten, der eines Morgens beschloss, etwas Waghalsiges zu tun.
Das Gegenteil ist wahr, und es ist der Grund, warum diese Geschichte in diesen Beitrag gehört.

Petit hatte mit achtzehn Jahren angefangen, diesen Gang zu planen. Sechs Jahre lang.
Er studierte die Bauweise der Türme, fälschte Ausweise, gab sich als Journalist und als Bauarbeiter aus und fuhr immer wieder hoch, um zu messen und zu fotografieren.
Sechs Jahre Vorbereitung für fünfundvierzig Minuten. Das ist das Verhältnis, um das es hier geht.
Denn Petit war kein Draufgänger. Er war der vorsichtigste Mensch dieser Geschichte.
Die Fallhöhe hat er nicht gesucht, weil er den Tod wollte. Er hat sie gesucht, weil sein Gang ohne sie nichts bedeutet hätte.
Dasselbe Seil, zwei Meter über einer Wiese: dieselbe Körperbeherrschung, dieselbe Eleganz — und niemand würde stehen bleiben.
Übersetzt auf deine drei Minuten heißt das etwas sehr Handfestes.
Deine Technik ist das Seil. Deine Vorbereitung ist die Balancierstange. Beides brauchst du — aber sie erzeugen keine Wirkung.
Die Wirkung kommt aus dem, was unter dir liegt. Und das entscheidest du bei der Themenwahl, nicht beim Üben.
Es gibt noch ein zweites Detail an Petits Geschichte, das mir lange nicht aufgefallen ist.
Er hat sich seine Fallhöhe nicht ausgesucht, weil sie besonders hoch war. Er hat sie ausgesucht, weil ihn diese beiden Türme nicht mehr losgelassen haben.
Mit siebzehn hatte er in einer Zeitschrift eine Zeichnung der geplanten Türme gesehen. Von diesem Tag an gab es für ihn nur noch dieses eine Ziel.
Das ist die Reihenfolge, die auch für deine Texte gilt. Erst kommt die Sache, die dich nicht loslässt — dann die Höhe, die sie mitbringt.
Wer es umgekehrt macht und nach Dramatik sucht, bekommt ein Seil ohne Grund. Und das spürt man von unten.
Dreißig Sekunden, unbestechlich
Die eine Frage, die dein Text beantworten muss, bevor die Jury die Tafeln hebt
Nimm deinen Text und beantworte einen einzigen Satz. Ohne Ausweichen, ohne „irgendwie“.
Wenn du darauf in einem Satz antworten kannst, hast du Fallhöhe. Dann steht unter deiner Strecke ein Tal.
Wenn du länger als zehn Sekunden brauchst, fährst du durch die Ebene. Und keine Politur der Welt macht daraus ein Viadukt.
Achte dabei auf zwei häufige Fehlantworten, die wie Lösungen klingen.
Die erste lautet: „Es geht um die Gesellschaft.“ Das ist keine Antwort, sondern eine Adresse, an der niemand wohnt.
Die zweite lautet: „Es geht darum, dass der Text gut ankommt.“ Das ist zwar ehrlich, aber es ist dein Einsatz — nicht der Einsatz im Text.
Eine gute Antwort klingt immer klein und konkret: Der Vater erfährt, dass ich ihn all die Jahre für feige gehalten habe. Die Freundschaft hält es nicht aus. Der Kuchen liegt auf dem Boden, und die Schwiegermutter kommt in zwei Minuten.
Es gibt noch einen zweiten Test, der ohne Nachdenken funktioniert. Ich nenne ihn den Küchentisch-Test.
Stell dir vor, du erzählst den Inhalt deines Textes einem guten Freund. Nicht den Text — die Sache dahinter.
Spürst du beim Erzählen irgendwo ein Zögern? Eine Stelle, an der du kurz überlegst, wie du es sagst?
Genau dort steht dein Viadukt. Dieses Zögern ist die zuverlässigste Anzeige, die es gibt — besser als jede Selbsteinschätzung.
Und wenn du die ganze Geschichte völlig locker erzählen kannst, ohne einen einzigen Widerstand: Dann ist sie eine schöne Anekdote. Aber sie ist kein Text, der Wertungen bewegt.
Sie existiert fast immer, und du erinnerst dich sogar an sie: der Moment, in dem du gedacht hast „das ist zu privat“ oder „das versteht keiner“ — und dann eine allgemeinere Formulierung gewählt hast.
Genau dort lag dein Tal. Geh zurück und bau die Brücke an dieser Stelle.
Und wenn du dabei merkst, dass dir der Mut fehlt: Fang mit einem kleineren Tal an. Es muss nicht die größte Geschichte deines Lebens sein — es muss nur eine sein, bei der du beim Erzählen kurz die Luft anhältst.
Die Wendung
Fallhöhe ist kein Absturzrisiko — sie ist ein Bauwerk
Jetzt kommt die Wendung, und sie ist wichtiger als alles davor.
Denn wer bis hierher gelesen hat, könnte auf einen gefährlichen Gedanken kommen: Ich muss mich also auf der Bühne in Gefahr bringen.
Das Gegenteil ist der Fall, und die Bahn beweist es seit fast zweihundert Jahren.
Im sächsischen Vogtland steht ein Bauwerk, das genau diese Frage beantwortet.
Achte auf das Detail mit den 81 Entwürfen. Keiner davon taugte.
Die Aufgabe war so groß, dass alles Bekannte versagte. Erst dadurch entstand etwas, das man heute noch anschauen fährt.
Und jetzt das Entscheidende: Diese Brücke ist nicht gefährlich. Sie ist eines der sichersten Dinge, die man in Sachsen befahren kann.
Unter dem Zug liegen 78 Meter Luft — und trotzdem sitzt niemand angespannt im Abteil.
Genau das ist Fallhöhe im Text. Nicht: Ich stelle mich ungeschützt ins Risiko.
Sondern: Ich baue eine Konstruktion, die etwas Tiefes überquert — und ich baue sie so sorgfältig, dass sie trägt.
Die Bauteile dieser Konstruktion kennst du alle schon. Sie sind das Handwerk, um das es in diesem Blog ständig geht.
Ein Text, der etwas riskiert, braucht einen festen Aufbau, saubere Bilder und einen geübten Vortrag — sonst wird aus Fallhöhe tatsächlich ein Absturz.
Deshalb ist dieser eine Fehler auch so tückisch für gute Leute. Wer sein Handwerk beherrscht, baut perfekte Strecken — nur eben durch die Ebene.
Und noch etwas Tröstliches steckt in dieser Brücke.
Das Tal war zuerst da. Niemand hat es gegraben, um eine schöne Brücke bauen zu können.
Genauso ist es bei dir. Du musst dir keine Fallhöhe ausdenken — du hast bereits welche, in reichlicher Menge.
Sie liegt in den Geschichten, bei denen du beim Erzählen kurz zögerst. Du kennst sie sofort, wenn du an sie denkst.
Wahrscheinlich ist dir beim Lesen dieses Beitrags sogar schon eine eingefallen. Und wahrscheinlich hast du sie sofort wieder weggeschoben.
Dieses Wegschieben ist der Moment, um den es in diesem ganzen Text geht. Es dauert eine halbe Sekunde und entscheidet über deinen nächsten Abend.
Denn genau dort, wo du gerade weggeschaut hast, liegt dein Tal. Es ist schon da, vermessen und tief.
Es fehlt nur noch die Brücke. Und Brücken bauen — das ist genau das Handwerk, das du sowieso schon übst.
Die einzige Entscheidung, die du treffen musst, ist die, ob deine Strecke dort entlangführt oder daran vorbei.
Und noch eine gute Nachricht steckt in dieser Brücke, die man leicht übersieht.
Sie steht seit 1851 und trägt bis heute Züge. Ein Text mit Fallhöhe hält genauso lange.
Das ist der praktische Unterschied, den du nach ein paar Monaten merkst. Flache Texte veralten schnell, weil ihr Reiz an der Formulierung hängt.
Texte mit Einsatz kannst du jahrelang spielen. Sie funktionieren in Kneipen, in Kirchen und in Schulaulen, weil unter ihnen etwas liegt, das nicht aus der Mode kommt.
Von meinen eigenen Texten haben genau zwei diese Haltbarkeit. Beide handeln von Dingen, die ich lange niemandem erzählt habe.
Alle anderen sind irgendwann leiser geworden. Sie waren gut gebaut — sie führten nur über nichts hinüber.

Der Fallhöhen-Check — fünf Fragen an jeden fertigen Text
2. Die Zögern-Frage: Gibt es eine Stelle, bei der du kurz überlegst, ob du sie wirklich sagen willst? Wenn nein, fehlt das Tal.
3. Die Namens-Frage: Kommt in deinem Text mindestens ein einzelner Mensch vor — nicht „die Menschen“, nicht „man“?
4. Die Verkleidungs-Frage: Ist dein Thema so groß, dass dir niemand widersprechen kann? Dann ist es der breite Bahndamm, nicht die Brücke.
5. Die Konstruktions-Frage: Wenn Fallhöhe da ist — trägt der Aufbau sie auch? Fallhöhe ohne Handwerk ist kein Viadukt, sondern ein Sprung.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Im Gegenteil — Comedy lebt geradezu von Fallhöhe. Jede Pointe braucht einen Einsatz, sonst ist sie nur eine Beobachtung. Der Unterschied zwischen „Bahnfahren ist anstrengend“ und einem großen komischen Text ist genau der: Beim zweiten steht etwas auf dem Spiel, und sei es nur die Würde des Erzählers vor einem vollen Abteil.
Ich schreibe gern über gesellschaftliche Themen. Muss ich damit aufhören?
Nein, du musst sie nur landen lassen. Ein politischer Text bekommt Fallhöhe, sobald ein einzelner Mensch darin etwas verlieren kann — die Nachbarin, der Kollege, du selbst. Die These bleibt, sie bekommt nur einen Bahnhof, an dem man aussteigen kann.
Und wenn ich einfach kein Tal in meinem Leben finde?
Dann suchst du an der falschen Stelle. Fallhöhe braucht keine Katastrophe: eine Absage, ein verpasster Anruf, eine Lüge in einem Bewerbungsgespräch, ein Streit über eine Spülmaschine. Es reicht, dass es dir wirklich passiert ist und dass du dich beim Erzählen ein kleines bisschen unwohl fühlst.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche ist eine Streckenbegehung. Du brauchst zehn Minuten und einen Zettel.
Schreib fünf Situationen aus deinem Leben auf, bei denen du dich unwohl fühlst, wenn du sie erzählst. Keine Katastrophen — nur Momente mit einem kleinen Ziehen.
Das sind deine Täler. Jedes einzelne ist ein möglicher Brückenstandort.
Heb den Zettel auf, auch wenn du diese Woche nichts damit machst. Solche Listen werden mit der Zeit wertvoller, nicht älter.
Ich habe meine seit Jahren, und sie ist nie leer geworden. Es kommen nämlich ständig neue Täler dazu — das nennt man gemeinhin Leben.
Und dann nimm eines davon und stell die Testfrage: Was geht kaputt, wenn es schiefgeht — und für wen?
Wenn du die Antwort in einem Satz hast, hast du deinen nächsten Text. Der Rest ist Handwerk, und Handwerk kannst du.
Erwarte beim ersten Mal keine Neun. Erwarte etwas Besseres: dass nach dem Auftritt jemand zu dir kommt und über deinen Text redet statt über deine Wertung.
Das ist nämlich das erste Anzeichen dafür, dass unter deiner Strecke zum ersten Mal ein Tal lag.
Und noch etwas wirst du bemerken, das mich damals mehr überrascht hat als jede Wertung.
Das Vortragen fühlt sich anders an. Ein Text mit Einsatz trägt dich, statt dass du ihn trägst.
Bei flachen Texten muss man auf der Bühne arbeiten: Stimme hoch, Tempo variieren, Pausen setzen, damit überhaupt etwas passiert.
Bei einem Text, unter dem ein Tal liegt, reicht es, ihn ruhig zu sagen. Die Spannung kommt aus dem Boden, nicht aus deiner Kehle.
Das ist der Moment, in dem viele zum ersten Mal verstehen, warum die ruhigen Slammer so oft gewinnen.

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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenBleibt der Satz, der mir sieben Jahre erspart hätte.
Er kam von einer Slammerin, die ich damals kaum kannte, nach einem Abend, an dem ich wieder eine 7,5 kassiert hatte.
Sie sagte: „Du riskierst in deinen Texten nie etwas.“
Ich habe zwei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass sie nicht das Thema meinte. Meine Themen waren groß genug — Tod, Trennung, Krankheit.
Was fehlte, war, dass in meinen Texten nie etwas auf dem Spiel stand. Ich habe über Verluste geschrieben, die längst verarbeitet waren, und über Fehler, die ich schon verziehen hatte.
Neun Worte. Ich habe sie sieben Jahre lang nicht gehört, weil ich in der Zeit damit beschäftigt war, meine Texte für gut zu halten.
