Einmal im Jahr, immer im Dezember, passiert bei der Bahn etwas Gnadenloses: Der Fahrplan wird neu gemacht. Strecken verschwinden einfach.
Niemand fragt die Strecke, ob sie einverstanden ist. Sie war jahrelang gut, sie hat Menschen zuverlässig ans Ziel gebracht — und trotzdem steht sie eines Morgens nicht mehr auf der Tafel.
Beim Slam gibt es keinen Dezember. Deshalb fahren bei uns Verbindungen weiter, die längst niemand mehr braucht.
Sie sind nicht falsch. Sie sind nur satt gefahren, wie ein Sitzpolster, in dem hundert Leute vor dir dieselbe Kuhle hinterlassen haben.
Ich habe einen Abend erlebt, an dem mir das schlagartig klar wurde.
Von diesen neun ausgemusterten Verbindungen habe ich acht selbst jahrelang befahren.
Eine davon fahre ich bis heute, obwohl ich sie in diesem Beitrag streiche. Ich komme nicht davon los.
Welche es ist, steht ganz am Ende — und warum ich sie trotzdem auf die Liste gesetzt habe.
Sechs Texte hintereinander, und beim vierten begann ich, in Gedanken mitzuschreiben. Nicht die Worte — die Bauteile.
Aufzählung mit „Für die, die …“. Steigerung ins Lautere. Regen als Trauer. Am Ende leiser werden und ein großes Wort hinstellen.
Es war, als säße ich in einem Zug, der immer dieselbe Kurve nimmt. Man weiß nach zwei Sekunden, wo es langgeht, und schaut aus dem Fenster.
Und das Bitterste daran: Diese Bauteile waren mal großartig.
Vor zehn Jahren hat die erste Anaphern-Kette in einem Kneipensaal eingeschlagen wie ein Blitz in einen Fahrleitungsmast. Heute ist sie eine Ansage, die jeder mitsprechen kann.
Also machen wir hier unseren eigenen Fahrplanwechsel. Neun Verbindungen kommen von der Tafel — und zu jeder gibt es eine Ersatzverbindung, die dich schneller ans Ziel bringt.
Eine Sache vorweg, damit du beim Lesen nicht zusammenzuckst: Ich habe alle neun selbst gefahren.
Sieben davon sogar in einem einzigen Text. Der lief damals hervorragend, und heute würde ich ihn nicht mehr anfassen.
Denn das ist die Eigenart von Trends: Man merkt sie nie im eigenen Text. Man merkt sie immer nur bei den anderen.
Sie sind wie der eigene Dialekt. Zu Hause fällt er niemandem auf — und zweihundert Kilometer weiter dreht sich der ganze Bahnsteig um.

Das ist überhaupt das Traurige an Trends: Sie sterben nicht an ihrer Schwäche, sondern an ihrem Erfolg. Was alle machen, kann niemanden mehr überraschen.
Wenn du also eine dieser neun Sachen liebst, behalt sie. Aber wisse, dass du damit auf einer sehr vollen Strecke fährst — und dass die Jury dich mit allen anderen vergleicht, die heute dort unterwegs sind.
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Jetzt Kanal folgenNummer 1–3 · Was auf dem Blatt steht
Drei Bauteile, die der Saal an diesem Abend schon zweimal gehört hat
Nummer 1: Die Für-die-die-Kette. Du kennst sie, du hast sie selbst geschrieben, ich auch.
„Für die, die morgens den Wecker dreimal stellen. Für die, die nie zurückgerufen haben. Für die, die …“
Diese Kette ist gebaut wie ein Güterzug: Man hängt einen Waggon an den nächsten, und weil alle gleich aussehen, kann man beliebig verlängern.
Genau das ist ihr Problem. Nach dem dritten Waggon weiß der Saal, dass noch elf kommen — und steigt innerlich aus.
Dazu kommt ein Nebeneffekt, den kaum jemand bemerkt: Die Kette macht deinen Text zur Umfrage. Jeder prüft bei jedem Waggon, ob er gemeint ist.
Statt einer Geschichte bekommst du eine Abstimmung. Und Abstimmungen berühren niemanden.
Es gibt einen einfachen Grund, warum diese Kette trotzdem so verlockend ist: Sie schreibt sich fast von allein.
Man braucht keinen Aufbau, keine Wendung, keinen Schluss. Man braucht nur einen Anfangsbaustein und Geduld.
Und weil sie so leicht zu bauen ist, steht sie inzwischen in jedem zweiten Text. Ein Rangierbahnhof voller identischer Waggons, alle mit derselben Aufschrift.
Eine Person, richtig gezeigt, schlägt zwölf Kategorien. Der Saal erkennt sich nämlich nicht in Listen wieder, sondern in Details.
Nummer 2: Der Text über das Slammen. Der Text, in dem es um Mikrofone, Startnummern und Wertungstafeln geht.
Er funktioniert im Saal fast immer — und das ist die Falle. Denn er funktioniert nicht, weil er gut ist, sondern weil er schmeichelt.
Ein Slam-Text über Slam ist wie ein Zug, der eine Rundfahrt anbietet: Man fährt eine Stunde und steigt genau dort wieder aus, wo man losgefahren ist.
Die Aussicht ist nett, die Fahrgäste sind zufrieden. Nur mitgenommen hat niemand etwas.
Und noch ein Argument dagegen, das gern vergessen wird: Die Hälfte des Saals ist zum ersten Mal bei einem Slam.
Für diese Leute ist ein Insider-Text wie ein Betriebsausflug, zu dem man versehentlich eingeladen wurde. Alle lachen, und man selbst schaut auf sein Glas.
Ich habe das einmal von der anderen Seite erlebt, und es hat mich kuriert.
Meine Tante war zum ersten Mal bei einem Slam. Sie saß in der dritten Reihe, und drei von fünf Texten handelten vom Slammen.
Auf dem Heimweg fragte sie mich, ob das immer so sei. Ob die Leute dort hauptsächlich über sich selbst sprächen.
Sie sagte es nicht böse. Sie sagte es so, wie man über einen Verein spricht, in dem man nicht Mitglied ist.
Und wenn du unbedingt über die Bühne schreiben willst: Nimm sie als Ort, nicht als Thema. Ein Text, der in einer Garderobe spielt, ist etwas anderes als ein Text über das Auftreten.

Nummer 3: Regen, Herbst, Narben, Scherben. Die Standardbilder für alles, was wehtut.
Diese Bilder sind wie die vier Stationen, an denen jeder Regionalzug hält: bequem erreichbar, immer angefahren, nie ein Erlebnis.
Das Wort dafür kennst du. Es heißt Klischee — und seine Herkunft ist so passend, dass ich sie hier erzählen muss.
Genau das machst du, wenn du Regen schreibst statt Trauer. Du legst eine fertige Platte ein, statt neu zu setzen.
Es geht schneller, es sieht ordentlich aus — und es ist eben ein Abklatsch. Das Wort sagt es dir seit dreihundert Jahren ins Gesicht.
Und diese Platten haben eine Eigenschaft, die man ihnen von außen nicht ansieht: Sie sind abgenutzt.
Eine Druckplatte, die zehntausend Mal durch die Presse ging, druckt irgendwann flau. Die Konturen verlieren ihre Kanten.
Genau das hört man bei abgenutzten Bildern. Sie kommen im Saal an wie ein blasser Abzug, bei dem man ahnt, was gemeint war.
Der Regen fällt, und niemand wird nass. Die Narbe wird erwähnt, und niemand sieht sie.
Der Test ist einfach: Wenn dein Bild in drei anderen Texten dieses Abends auch vorkommen könnte, ist es eine Platte. Wenn es nur in deinem vorkommen kann, ist es Satz.
Wie man solche Bilder findet, steht ausführlich bei den vier Diagnosen für Texte, die nicht zünden.
Nummer 4–6 · Was am Mikrofon passiert
Drei Fahrweisen, bei denen das Publikum den nächsten Satz mitdenken kann
Nummer 4: Die Steigerung ins Schreien. Der Text beginnt leise, wird lauter, und in der letzten Strophe geht die Stimme hoch bis an die Decke.
Das war einmal ein echter Effekt. Heute ist es der Standardgang eines Lokführers, der auf jeder Strecke im letzten Kilometer Vollgas gibt.
Das Problem ist nicht die Lautstärke. Das Problem ist die Vorhersagbarkeit.
Sobald der Saal die Kurve kennt, hört er nicht mehr zu — er wartet nur noch auf das Ende. Und Warten ist das Gegenteil von Ergriffensein.
Dazu kommt etwas Handfestes: Lautstärke frisst Genauigkeit. Wer schreit, kann keine feinen Betonungen mehr setzen, weil oben einfach kein Platz mehr ist.
Es ist wie bei einem Zug, der auf Höchstgeschwindigkeit fährt: Er kann noch schnell, aber er kann nicht mehr bremsen, ausweichen oder halten.
Man hört das sogar akustisch. Ab einer gewissen Lautstärke klingen alle Stimmen ähnlich, weil die Feinheiten im Druck verschwinden.
Deine Stimme ist aber dein Fingerabdruck. Wer schreit, legt ihn beiseite und benutzt ein Standardwerkzeug.
Und noch etwas passiert, das kaum jemand einkalkuliert: Nach dir kommt der nächste Act.
Wenn drei Leute vor dir laut geendet haben, ist der Saal taub für Lautstärke. Dann gewinnt der, der als Einziger die Kurve nicht nimmt.
Das ist der älteste Trick der Bühnenwelt und wirkt trotzdem jedes Mal. Ein Saal, der leiser werden muss, um dich zu verstehen, lehnt sich körperlich nach vorn — und wer sich vorbeugt, ist beteiligt.
Deine lauteste Stelle darf ruhig kommen. Nur nicht am Schluss, wo sie jeder erwartet.
Nummer 5: Der Popkultur-Namedrop als Pointenersatz. Eine Serie, eine Marke, ein Meme — und der Saal lacht.
Nur lacht er nicht über deine Pointe. Er lacht über das Wiedererkennen.
Das fühlt sich auf der Bühne identisch an, ist aber etwas ganz anderes. Wiedererkennungslacher sind Leihgaben: Du bekommst sie für einen Abend, und dann gehören sie wieder der Serie.
Und sie haben ein Verfallsdatum wie Frischmilch. Ein Text mit dem Meme von vorletztem Jahr ist im nächsten Sommer nicht mehr vorführbar.
Du baust dir damit einen Zug, der nur auf einem einzigen Streckenabschnitt fährt — und der wird bald stillgelegt.
Es gibt einen einfachen Test dafür, und er ist unbestechlich.
Stell dir vor, deine Großmutter sitzt im Saal. Nicht als Kritikerin — einfach als Mensch, der die Serie nicht kennt.
Bleibt an deiner Stelle noch etwas übrig, das sie versteht? Wenn ja, ist die Anspielung ein Bonus.
Wenn nein, hast du eine Fahrkarte verkauft, die nur ein Teil des Waggons einlösen kann.
Das erkennt jeder wieder — auch die, die deine Serie nie gesehen haben. Und es funktioniert in zehn Jahren noch.
Nummer 6: Die große Anklage ohne einen einzigen Menschen darin. Der Text über die Gesellschaft, das System, die Ellenbogen.
Er hat immer recht, und genau deshalb berührt er nicht. Zustimmung ist ein kühles Gefühl.
Ein solcher Text ist wie eine Netzkarte im Maßstab 1 zu einer Million: Man sieht alle Strecken auf einmal und keinen einzigen Bahnhof.
Menschen fühlen aber nur in Bahnhofsgröße. Sie brauchen eine Bank, einen Automaten und jemanden, der zu spät kommt.
Dazu kommt ein Problem, das kein Handwerk lösen kann: Bei der großen Anklage sind sich alle einig, bevor du anfängst.
Niemand im Saal findet Ungerechtigkeit gut. Du trittst also gegen einen Gegner an, der gar nicht anwesend ist.
Das ist wie eine Fahrkartenkontrolle in einem Zug, in dem alle ein gültiges Ticket haben. Man kann sie durchführen — sie ändert nur nichts.

Die Anklage entsteht dann im Kopf des Publikums — und dort ist sie unendlich viel wirksamer als in deinem Mund.
Ein Fahrplanwechsel streicht ja keine Züge, er streicht Strecken. Deine Lokomotive bleibt dieselbe: dein Blick, dein Humor, deine Art zu sprechen.
Was wegfällt, sind nur die ausgefahrenen Gleise — und die gehörten dir sowieso nie. Du hast sie von den ersten hundert Leuten geerbt, die sie befahren haben.
Wenn dir also der Boden unter den Füßen fehlt, ist das ein gutes Zeichen. Genau in diesem Moment schreibst du zum ersten Mal etwas, das kein anderer hätte schreiben können.
Nummer 7–9 · Was drumherum passiert
Drei Angewohnheiten, die vor fünf Jahren noch funktioniert haben
Nummer 7: Das Handy-Bashing. Der Text darüber, dass alle nur noch auf Displays starren und niemand mehr miteinander redet.
Dieses Thema war ungefähr 2012 frisch. Inzwischen ist es die Bahnhofsuhr unter den Slam-Themen: Sie hängt überall, und niemand schaut mehr hin.
Es gibt aber noch ein zweites Problem, und das ist größer. Der Text stellt sich über den Saal.
Jeder im Raum hat ein Handy in der Tasche. Wenn du das Gerät anklagst, klagst du zweihundert Leute an, die dir gerade zuhören.
Und niemand lässt sich gern von der Bühne herab erklären, dass sein Leben falsch läuft. Auch nicht in Versen.
Der Text tut dabei so, als stünde er auf einem Bahnsteig und sähe den anderen beim Fahren zu. Dabei sitzt er im selben Zug wie alle.
Diese kleine Unehrlichkeit spürt der Saal, auch wenn er sie nicht benennen kann. Sie schmeckt nach Zeigefinger.
Aus einer Anklage wird ein Geständnis — und Geständnisse nimmt der Saal mit nach Hause. Anklagen lässt er im Saal liegen.
Nummer 8: Die Instagram-Weisheit mit Doppelpunkt. Der Satz, der klingt wie ein Poster mit Sonnenuntergang.
„Vielleicht ist Heimat kein Ort: Vielleicht ist Heimat ein Gefühl.“ Du weißt genau, welche Sorte ich meine.
Diese Sätze sind gebaut wie Sitzbezüge im Regionalzug: gemustert, weich, zweckmäßig — und in jedem Wagen dieselben.
Sie klingen tief, weil sie eine Form haben, die man mit Tiefe verbindet. Aber sie sagen fast nie etwas, das man vorher nicht wusste.
Der ehrliche Test ist brutal: Kehr den Satz um. Wenn das Gegenteil genauso weise klingt, war es keine Erkenntnis, sondern eine Verpackung.
Der Weisheitssatz ist meistens nur dein eigenes Misstrauen in Textform — die Angst, dass es der Saal sonst nicht kapiert. Er kapiert es. Er kapiert sogar mehr, wenn du ihn lässt.
Nummer 9: Der Schluss, der um Applaus angelt. Die letzte Zeile, die sich hebt wie eine Hand.
Man hört sie sofort: ein großes Wort, eine Kunstpause davor, die Stimme geht nach oben statt nach unten.
Das ist der Schaffner, der zwei Stationen vor dem Ziel schon die Türen entriegelt. Technisch funktioniert es — nur ist die Fahrt damit vorzeitig beendet.
Der Saal klatscht dann nämlich nicht, weil er berührt ist. Er klatscht, weil er das Signal erkannt hat.
Und du merkst es hinterher an einer Kleinigkeit: Niemand spricht dich auf deinen Schluss an. Man hat ihn gehört, aber nicht behalten.
Das Merkwürdige ist: Dieser Schluss fühlt sich beim Vortragen großartig an. Man spürt, wie der Applaus kommt, und hält das für Wirkung.
Es ist aber nur die Ankunftsdurchsage. Der Saal räumt schon mal die Jacken zusammen, während du noch sprichst.
Ein guter Schluss macht das Gegenteil. Er lässt die Türen zu und fährt eine Station weiter, als alle gedacht haben.
Das fühlt sich beim ersten Mal an wie Aussteigen bei voller Fahrt. Aber genau diese Sekunde Stille, in der der Saal nicht weiß, ob es vorbei ist, ist die Sekunde, an die man sich erinnert.
Mehr über diese Sekunde steht bei den zwölf Sätzen, die du nie sagen solltest.

New York, Februar 1917
Marcel Duchamp und das Ding, das nur einmal funktionierte
Im Februar 1917 kaufte ein Mann in New York ein Urinal. Nicht für ein Badezimmer — für eine Ausstellung.
Marcel Duchamp besorgte es im Sanitärhandel J. L. Mott Iron Works, drehte es auf die Seite, stellte es auf einen Sockel und unterschrieb mit einem Namen, den es nicht gab: R. Mutt.
Dann reichte er es bei der Society of Independent Artists ein — einer Ausstellung, die stolz darauf war, jede Einsendung anzunehmen.
Eine Stunde vor der Eröffnung lehnte sie das Stück ab. Duchamp trat daraufhin aus dem Vorstand aus.
Und jetzt kommt der Teil, der für uns zählt.
Stell dir vor, jemand reicht heute ein Urinal bei einer Ausstellung ein. Was passiert?
Nichts. Höflichkeit, vielleicht ein müdes Lächeln, ein Hinweis auf 1917.
Dieselbe Handlung, derselbe Gegenstand — und trotzdem das Gegenteil von damals. Der Schock war nie im Urinal, er war in der Neuheit.
Genau das gilt für jede Form auf jeder Bühne.
Die erste Anaphern-Kette war Duchamps Urinal — ein Schlag, den niemand kommen sah. Die tausendste ist Sanitärbedarf.
Dazwischen liegt kein Qualitätsunterschied, sondern nur die Zeit. Dieselbe Handlung, einmal als Ereignis und einmal als Inventar.
Deshalb hilft es auch nichts, ein Muster besonders gut auszuführen. Ein perfekt poliertes Urinal ist immer noch ein Urinal auf einem Sockel.
Daraus folgt eine Regel, die unbequem ist und trotzdem stimmt.
Du kannst eine große Geste nicht erben. Du kannst nur die Haltung erben, die sie hervorgebracht hat.
Wer Duchamp wirklich folgen will, stellt kein Urinal aus. Er sucht das, was heute genauso undenkbar ist wie ein Urinal im Jahr 1917.
Für Slam-Bühnen heißt das ganz konkret: Schau, was dort gerade als selbstverständlich gilt.
Dass ein Text drei Minuten dauert. Dass man ihn allein vorträgt. Dass er einen Höhepunkt hat und danach endet.
Nichts davon steht in den Regeln. Es sind Gewohnheiten, die sich wie Regeln anfühlen — und genau dort liegen die freien Gleise.
Ich sage nicht, dass du morgen die Form sprengen musst. Die meisten guten Abende entstehen ohne Revolution.
Aber es hilft, den Unterschied zu kennen zwischen dem, was verboten ist, und dem, was nur alle so machen.
Die Wendung
Was du gewinnst, wenn du alle neun streichst — es ist mehr als Zeit
Bis hierher klang dieser Beitrag wie eine Streichliste. Neun Sachen weg, und was bleibt dann?
Genau hier liegt der Denkfehler, und die Bahn räumt ihn selbst aus.
Ein Fahrplanwechsel besteht nämlich nie nur aus Streichungen. Er besteht aus einem Tausch: Wo eine Strecke eingestellt wird, wird Kapazität frei — Gleise, Personal, Fahrzeuge, Zeitfenster.
Und genau das passiert in deinem Text.
Eine Anaphern-Kette frisst vierzig Sekunden. Das Schreien am Ende frisst deine ganze Dynamik. Die große Anklage frisst den Platz, an dem ein Mensch stehen könnte.
Wer die neun Sachen streicht, verliert also nichts. Er bekommt ungefähr die Hälfte seiner Auftrittszeit zurück — und die kann er jetzt mit etwas füllen, das es nur bei ihm gibt.
Und es kommt noch etwas dazu, das man erst beim zweiten Hinsehen bemerkt.
Die neun Muster sind nämlich nicht nur verbraucht — sie sind auch anstrengend. Eine Steigerung muss man durchhalten, eine Kette muss man treiben, eine Anklage muss man verteidigen.
Wer sie weglässt, hat auf der Bühne plötzlich Luft. Man muss nichts mehr aufrechterhalten, sondern nur noch erzählen.
Das hört man sofort. Ein Text ohne Muster klingt wie ein Zug, der zum ersten Mal ohne Gegenwind fährt.
Und der Saal hört es auch. Er merkt nicht, was fehlt — er merkt nur, dass er zum ersten Mal seit vier Texten nicht weiß, wie es weitergeht.
Wie das klingt, kann man sich anhören. Es gibt einen Slammer, der praktisch keinen einzigen Punkt dieser Liste bedient.
Jan Philipp Zymny baut Texte, die man nicht vorhersagen kann: keine Steigerung ins Laute, keine Weisheit am Schluss, keine Aufzählungsketten.
Stattdessen eine eigene Logik, die man erst versteht, wenn man drin ist — und die einen genau deshalb nicht mehr rauslässt.
Achte beim Zuschauen weniger auf die Pointen als auf etwas anderes: Du weißt zu keinem Zeitpunkt, was als Nächstes kommt.
Genau das ist die Währung, um die es hier die ganze Zeit geht.

Ein Text funktioniert, wenn der Saal reagiert. Ein Text trägt, wenn der Saal ihn mit nach Hause nimmt.
Die neun Sachen auf dieser Liste funktionieren zuverlässig — deshalb sind sie ja so verbreitet. Sie tragen nur nicht mehr, weil sie niemanden mehr überraschen.
Und es gibt einen ganz praktischen Grund, gerade jetzt umzustellen: Je voller die Hauptstrecke, desto größer der Effekt einer Nebenstrecke. Wenn fünf Leute vor dir dieselbe Kurve fahren, wird deine Abweichung zum Ereignis — ganz ohne dass du lauter wirst.
Der Fahrplanwechsel zum Abhaken — neun Streichungen, neun Ersatzverbindungen
1. Für-die-die-Kette → ein einziger Mensch mit Namen und Detail.
2. Text über das Slammen → Text über dein Leben außerhalb dieses Saals.
3. Regen, Herbst, Narben → das Bild aus deinem eigenen Alltag, das nur in deinen Text passt.
Am Mikrofon
4. Steigerung ins Schreien → am Höhepunkt leiser werden.
5. Popkultur-Namedrop → die Beobachtung dahinter beschreiben statt den Namen nennen.
6. Große Anklage → auf einen Menschen zoomen, die These weglassen.
Drumherum
7. Handy-Bashing → dich selbst als Fall nehmen statt die anderen.
8. Weisheit mit Doppelpunkt → streichen; die Szene davor hat es schon gesagt.
9. Applaus-Angel-Schluss → einen Satz früher aufhören, Stimme nach unten.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Teilweise ja. Aber es gibt ein Maß, das nichts mit Geschmack zu tun hat: Vorhersagbarkeit. Wenn ein Muster in einem Abend dreimal vorkommt, ist es verbraucht — unabhängig davon, ob man es mag. Diese Liste ist also weniger eine Meinung als eine Verkehrszählung.
Ich bin Anfänger. Soll ich diese neun Sachen überspringen oder erst mal lernen?
Lern sie ruhig — aber als Handwerk, nicht als Ziel. Eine Anaphern-Kette zu bauen bringt dir Rhythmusgefühl bei, eine Steigerung schult deine Stimme. Nur gehören solche Übungen ins Notizbuch und nicht auf die Wettbewerbsbühne, wo sie mit hundert anderen verglichen werden.
Was kommt denn nach diesen neun? Gibt es schon neue Trends?
Ja, und sie werden genauso enden. Alles, was gerade frisch wirkt, ist in fünf Jahren die nächste Streichliste. Deshalb ist der einzige tragfähige Plan nicht, den neuesten Trend zu treffen, sondern die eigene Fahrweise so klar zu entwickeln, dass sie jeden Fahrplanwechsel überlebt.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche ist dein persönlicher Fahrplanwechsel. Er dauert eine halbe Stunde und braucht einen Rotstift.
Nimm deinen aktuellen Text und geh die neun Punkte durch. Markiere jede Stelle, die auf der Streichliste steht.
Bei den meisten Texten findest du zwei bis vier. Das ist völlig normal — wir haben alle dieselben Gleise geerbt.
Und erschrick nicht, wenn es mehr sind. Mein Rekord liegt bei sieben, und dieser Text hat mir damals einen zweiten Platz gebracht.
Es geht hier nicht um Schuld. Es geht um die Frage, wie viel Platz in deinen drei Minuten eigentlich dir gehört.
Und jetzt streichst du genau eine davon. Nicht alle, das wäre Kahlschlag.
Nimm die längste. Sie gibt dir die meiste Zeit zurück.
Und dann füllst du die freie Stelle mit etwas, das nur du erzählen kannst. Ein Detail aus deiner Wohnung, deinem Beruf, deiner Familie — irgendetwas, das in keinem anderen Text dieses Abends vorkommen könnte.
Das ist der ganze Wechsel. Eine Strecke raus, eine eigene rein.
Und mach dir keine Sorgen, dass der Text dadurch dünner wird. Das passiert nie.
Eine gestrichene Anaphern-Kette hinterlässt kein Loch, sondern eine Lichtung. Man sieht plötzlich, was vorher dahinter stand.
Bei mir war es damals ein einziger Satz über die Hände meines Großvaters. Er stand vorher im Text und ging zwischen all den Waggons unter.
Nach der Streichung stand er allein da. Und plötzlich war es der Satz, auf den mich die Leute ansprachen.
Und wenn du beim nächsten Auftritt merkst, dass der Saal an dieser Stelle plötzlich still wird: Das ist kein Zufall. Das ist eine Tafel, auf der zum ersten Mal etwas steht, das dort noch nie stand.

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Es ist Nummer 2, der Text über das Schreiben.
Ich habe in den letzten fünf Jahren drei Texte darüber geschrieben, wie schwer das Schreiben ist. Alle drei haben funktioniert, und alle drei gehören nach meinen eigenen Maßstäben gestrichen.
Der Grund, warum ich sie trotzdem gemacht habe, ist unangenehm ehrlich: Sie sind leicht. Ich kenne das Thema, ich muss nichts recherchieren, und ein Saal aus Slammern nickt zuverlässig mit.
Genau das ist die Definition einer satt gefahrenen Strecke — sie fühlt sich bequem an, weil hundert Leute vor dir dieselbe Kuhle hinterlassen haben.
Ich lasse sie trotzdem auf der Liste. Ein Fahrplanwechsel, bei dem man die eigene Lieblingsstrecke ausspärt, ist keiner.
