An Güterzügen hängen orange Tafeln. Sie sagen dem Feuerwehrmann im Ernstfall in zwei Sekunden, womit er es zu tun hat.
Für Bühnen gibt es solche Tafeln nicht. Das ist schade, denn auch dort wird ständig Gefahrgut transportiert.
Ich rede nicht von den offensichtlichen Dingen. Zu wenig Schlaf, drei Bier, ein ungeübter Text — die kennst du.
Ich rede von den Stoffen, die man nicht sieht. Die schon im Körper sind, wenn du den Saal betrittst.
Sie stehen in keiner Checkliste, weil sie nichts kosten und nichts wiegen. Man kann sie nicht vergessen und nicht verpassen.
Eines dieser sechs Gifte habe ich einmal in konzentrierter Form zu mir genommen, zwanzig Minuten vor einem Auftritt.
Der Abend war der schlechteste meines Lebens, und der Text hatte damit nichts zu tun.
Welches Gift es war, steht am Ende. Vorher lernst du die anderen fünf kennen.
Man nimmt sie einfach zu sich, meistens aus Langeweile oder aus Gewohnheit.
Und weil das so unauffällig passiert, sucht man den Grund für einen mittelmäßigen Abend hinterher überall — nur nicht dort.
Der Abend, an dem mir das zum ersten Mal aufgefallen ist, war eigentlich ein guter Abend.
Ausgeschlafen, pünktlich da, Text saß. Ich hatte alles richtig gemacht, was man in einer Checkliste abhaken kann.
Und trotzdem stand ich oben wie hinter einer Glasscheibe. Ich hörte mich selbst reden und kam nicht an die Leute heran.
Erst im Zug nach Hause fiel mir ein, was ich vierzig Minuten vor dem Auftritt gemacht hatte.
Ich hatte auf dem Handy einem anderen Slammer zugesehen. Einem sehr guten.
Das war das Gift. Es hatte drei Minuten gedauert, es zu schlucken, und es wirkte den ganzen Abend.
Seitdem achte ich darauf. Und ich habe fünf weitere gefunden.
Alle sechs haben dieselbe unangenehme Eigenschaft: Man merkt sie nicht beim Schlucken, sondern erst beim Wirken.
Und weil man sie nicht schmeckt, sucht man den Fehler hinterher immer am falschen Ort — im Text.
Man geht nach Hause und schreibt eine gute Stelle um, obwohl die Stelle nie das Problem war.

Sie alle handeln von etwas, das gar nicht im Raum ist: von gestern, von morgen, von anderen Menschen. Kein einziges davon hat mit den Leuten zu tun, die heute Abend vor dir sitzen.
Zu jedem Gift steht das Gegengift direkt daneben. Kein Ratschlag zum Nachdenken — ein Handgriff, den du noch heute Abend anwenden kannst.
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Gift 1: Das Handy in der Garderobe — und warum fünf Minuten Scrollen länger nachwirken
Es ist die harmloseste Bewegung der Welt. Du wartest, du bist nervös, du holst das Handy raus.
Und dann liegt da ein Video von jemandem, der genau das macht, was du gleich machst. Nur besser.
Das Problem ist nicht der Neid. Das Problem ist die Vergleichsgröße, die du dir gerade eingebaut hast.
Denn was du da siehst, ist der beste Auftritt eines Menschen aus vielleicht fünfzig Abenden. Ausgewählt, geschnitten, mit dem lautesten Publikum.
Zehn Minuten später stehst du in einer Kneipe mit vierzig Leuten und misst dich an einer Bestenauswahl.
Kein Mensch hält diesem Vergleich stand. Der Slammer im Video übrigens auch nicht — an seinen anderen neunundvierzig Abenden.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der noch direkter wirkt. Du nimmst fremden Rhythmus mit auf die Bühne.
Wer kurz vorher jemanden mit hohem Tempo gehört hat, spricht selbst schneller. Wer eine getragene Stimme gehört hat, wird selbst getragener.
Das ist keine Schwäche, das macht dein Gehirn automatisch. Es übernimmt, was es zuletzt gehört hat.

Und es wirkt auch dann, wenn du gar nichts Übles denkst. Dein Körper stellt sich einfach auf einen Maßstab ein, den er heute nicht erreichen kann.
Was übrigens genauso vergiftet: Nachrichten lesen. Eine unangenehme Mail um 19:40 Uhr sitzt um 20:10 Uhr noch im Kiefer.
Und wenn du in der Garderobe etwas zu tun brauchst: Lies deinen eigenen ersten Satz. Zehnmal, leise. Das beruhigt und füllt genau die Minuten, in denen sonst der Vergleich einzieht.
Wirkung: schleichend · reist im Gepäck mit
Gift 2: Der ungeklärte Streit von heute Nachmittag
Dieses Gift kommt aus einem ganz anderen Leben. Es hat mit Slam überhaupt nichts zu tun — und das macht es so gefährlich.
Ein Streit am Telefon. Eine Nachricht, die offen im Raum steht. Ein Satz von der Arbeit, den du nicht loswirst.
Du steigst in den Zug und denkst, das legt sich unterwegs. Es legt sich aber nicht — es setzt sich nur.
Auf der Bühne merkst du es an einer bestimmten Stelle: Du sprichst schneller als sonst.
Ungelöste Konflikte machen Tempo. Der Körper ist in Alarmbereitschaft, und Alarmbereitschaft hält keine Pausen aus.
Genau das ist bitter, denn die Pausen sind auf der Bühne das Wertvollste, was du hast.
In den Pausen entsteht die Fallhöhe vor der Pointe. In den Pausen entscheidet der Saal, ob er dir folgt.
Ein ungelöster Streit nimmt dir also ausgerechnet das Werkzeug weg, an dem gute Abende hängen.

Besonders tückisch ist dabei ein Gedanke, den fast jeder kennt: Ich schreibe schnell noch eine Nachricht, dann ist es geregelt.
Meistens ist es danach nicht geregelt. Meistens wartest du ab jetzt auf eine Antwort.
Und Warten auf eine Antwort ist der schlechteste Zustand, in dem man eine Bühne betreten kann.
Ich sage ausdrücklich nicht, dass du vor jedem Auftritt alle Konflikte lösen musst. Das schafft niemand.
Es reicht, den Streit zu vertagen — aber richtig, mit einem konkreten Termin.
Das klingt banal und wirkt verblüffend. Dein Kopf hört auf, den Konflikt im Hintergrund weiterzurechnen, sobald er einen Platz im Kalender hat.
Und falls das nicht geht, weil die andere Seite nicht erreichbar ist: Schreib den Satz auf einen Zettel und lass den Zettel in der Jackentasche. Klingt albern — funktioniert aus demselben Grund.
Wirkung: lähmend · reichert sich an
Gift 3: Der letzte Auftritt, der noch im Kopf sitzt
Vor vier Wochen ist ein Abend danebengegangen. Und heute stehst du wieder auf einer Bühne.
Nur bist du nicht wirklich hier. Ein Teil von dir sitzt noch in diesem anderen Saal und schaut sich beim Scheitern zu.
Das Perfide daran: Du glaubst, du bereitest dich vor. In Wahrheit übst du das Scheitern.
Denn dein Kopf unterscheidet schlecht zwischen Erinnerung und Probe. Wer sich zehnmal vorstellt, wie er den Faden verliert, hat zehnmal geübt, den Faden zu verlieren.
Dazu kommt eine Eigenheit der Erinnerung, die es schlimmer macht. Wir erinnern uns nicht an den ganzen Abend.
Wir erinnern uns an die schlimmsten zehn Sekunden und an das Ende. Der Rest verschwindet, auch wenn er gut war.
Was du also mit dir herumträgst, ist gar nicht der letzte Auftritt. Es ist ein Zusammenschnitt seiner schlechtesten Stelle.

Es gibt einen sauberen Unterschied zwischen Auswerten und Grübeln, und er lässt sich in einem Satz sagen.
Auswerten hat ein Ergebnis und ein Ende. Grübeln hat weder das eine noch das andere.
Wenn du nach zehn Minuten einen Satz aufschreiben kannst, war es Auswertung. Wenn du nach zehn Minuten dasselbe fühlst wie am Anfang, war es Gift.
Danach gilt eine harte Regel: Der alte Abend ist erledigt. Wenn er trotzdem hochkommt, sagst du innerlich „ausgewertet“ und kehrst zu deinem ersten Satz zurück.
Warum drei Zeilen reichen und wie sie aussehen, steht bei den drei Weichen der Dauerdritten.
Wirkung: verkrampfend · besonders bei Wichtigem
„Heute muss es klappen“
Dieses Gift stellst du selbst her. Es entsteht immer dann, wenn ein Abend etwas beweisen soll.
Wichtige Jury, größerer Saal, jemand im Publikum, dem du gefallen willst. Und plötzlich hängt an drei Minuten eine ganze Bedeutung.
Was dann passiert, ist körperlich und hat nichts mit Willenskraft zu tun.
Bewegungen, die du tausendmal gemacht hast, werden plötzlich bewusst — und bewusste Bewegungen sind schlechter als automatische.
Du kennst das vom Treppensteigen. Solange du nicht hinschaust, geht es perfekt.
Sobald du über jeden Schritt nachdenkst, wird der Gang seltsam. Und genau das passiert mit deinem Text.
Auf einmal überwachst du dich beim Sprechen. Du hörst deine eigene Stimme, als säßest du im Saal.
Und während du dich beim Vortragen zuhörst, machst du zwei Dinge gleichzeitig. Beide leidet darunter.
Wie brutal das sein kann, hat 2021 die ganze Welt bei einer Frau gesehen, die ihren Sport besser beherrscht als irgendjemand vor ihr.
Tokio, Sommer 2021
Simone Biles und der Moment, in dem der Körper aussteigt
Simone Biles galt schon vor den Spielen in Tokio als beste Turnerin der Geschichte. Sie hatte Elemente erfunden, die vor ihr niemand geturnt hatte.
Im Mannschaftsfinale sprintete sie an, sprang ab — und etwas stimmte nicht.
Geplant waren zweieinhalb Schrauben. Sie schaffte anderthalb und landete unsauber.
Turnerinnen nennen dieses Phänomen die „Twisties“: Man verliert mitten in der Luft die Orientierung.
Mein Bühnen-Desaster
Das ist nicht nur ärgerlich, sondern lebensgefährlich. Wer nicht weiß, wo oben ist, landet auf dem Kopf.
Biles zog sich aus dem laufenden Wettkampf zurück. In den Tagen danach sagte sie ein Finale nach dem anderen ab.
Und dann kam der 3. August 2021, und sie tat etwas, das ich für die eigentliche Meisterleistung dieser Spiele halte.
Sie trat am Schwebebalken an — mit einer geänderten Übung. Sie hatte alle Elemente herausgenommen, bei denen sie sich in der Luft drehen musste.
Achte darauf, was sie NICHT getan hat. Sie hat nicht die Zähne zusammengebissen und es trotzdem versucht.
Sie hat die Aufgabe verkleinert, bis sie wieder zu ihr passte. Und ist damit angetreten statt gar nicht.
Das ist eine Entscheidung, die auf jeder Ebene funktioniert — auch auf unserer sehr viel kleineren.
Denn wir neigen zum Gegenteil. Wenn ein Abend wichtig ist, nehmen wir den anspruchsvollsten Text.
Wir erhöhen den Schwierigkeitsgrad genau an dem Abend, an dem unser Kopf am wenigsten mitspielt.
Für deine drei Minuten heißt das etwas sehr Praktisches.
An einem Abend, an dem der Druck zu groß ist, nimmst du nicht deinen schwierigsten Text. Du nimmst den, den du im Schlaf kannst.
Und formuliere dein Ziel für den Abend so, dass es nicht vom Publikum abhängt: „Ich halte meine drei Pausen“ ist ein gutes Ziel. „Heute muss es klappen“ ist keins — weil du es nicht selbst einlösen kannst.
Anspannung ist nach vorn gerichtet: Ich will da raus, ich freue mich, mein Puls ist hoch. Das ist Treibstoff.
Druck ist nach hinten gerichtet: Es darf nichts schiefgehen, sonst bedeutet es etwas über mich. Das ist Ballast.
Der Test dauert eine Sekunde: Frag dich, ob du dich auf die nächsten drei Minuten freust oder ob du sie hinter dich bringen willst. Beim Freuen darfst du bleiben, beim Hintersichbringen greifst du zum Gegengift.
Wirkung: sich selbst erfüllend
„Die verstehen mich hier eh nicht“
Dieses Gift trinkst du meistens im Zug, spätestens beim ersten Blick in den Saal.
Zu viel Bier auf den Tischen, zu wenig Aufmerksamkeit, ein Publikum, das dir zu jung, zu alt oder zu betrunken vorkommt.
Und der Gedanke kommt ganz von allein: Bei denen funktioniert mein Text nicht.
Das Fatale ist: Du behältst recht. Aber nicht, weil du das Publikum richtig eingeschätzt hast.
Sondern weil du ab diesem Moment anders spielst. Vorsichtiger, schneller, mit weniger Blick nach vorn.
Ein Publikum spürt das sofort. Nicht die Worte — die Haltung dahinter.
Und dann tut es genau das, was du erwartet hast: Es bleibt auf Abstand.
Hinterher fühlst du dich bestätigt. Dabei hast du gerade eine Vorhersage getroffen und sie anschließend selbst eingelöst.

Dass eine Erwartung allein körperlich wirkt, ist keine Kaffeesatz-Psychologie. Es ist eines der bestuntersuchten Phänomene der Medizin — und es hat einen hässlichen Namen.
Lass diese Zahl kurz wirken. Die negative Erwartung ist stärker als die positive — ungefähr doppelt so stark.
Auf Bühnen bedeutet das: Ein Satz wie „Die verstehen mich hier eh nicht“ wiegt mehr als jede Mutmach-Formel, die du dir davor gesagt hast.
Deshalb ist Positivdenken hier auch nicht das Gegenmittel. Du kannst dir nicht einreden, dass alle dich lieben werden.
Was funktioniert, ist etwas anderes: Du ersetzt die Vorhersage durch eine Beobachtung.
Eine Vorhersage sagt, wie der Abend wird. Eine Beobachtung sagt nur, was gerade ist.
„Die verstehen mich hier nicht“ ist eine Vorhersage. „An Tisch drei wird gerade bestellt“ ist eine Beobachtung.
Der Unterschied wirkt lächerlich klein. Er entscheidet aber darüber, ob dein Körper in Abwehr geht oder offen bleibt.
Damit ersetzt du „die“ durch drei Personen. Über drei Personen kann man keine Vorhersage treffen — man kann sie nur anschauen.
Und falls der Saal wirklich schwierig ist: Auch dafür gibt es Handwerk, nachzulesen beim kalten Publikum.
Wirkung: langsam · kaum zu schmecken
Gift 6: Der stille Groll gegen die Szene, den keiner zugibt
Das letzte Gift ist das leiseste. Es entsteht nicht an einem Abend, sondern über Monate.
Immer dieselben werden gebucht. Immer dieselben Namen auf den Plakaten. Und du stehst wieder auf der offenen Liste.
Daraus wird eine Haltung, die man nicht ausspricht, aber mitnimmt: Hier läuft es sowieso über Beziehungen.
Und dieser Groll verändert dich auf der Bühne, lange bevor er dir bewusst wird.
Man hört ihn nämlich. Er klingt nach einer winzigen Spur Trotz in der Stimme — und Trotz ist das Gegenteil von Einladung.
Ich habe diesen Ton bei mir selbst gefunden, als ich mir eine Aufnahme angehört habe. Ich klang, als müsste ich mich gegen etwas verteidigen.
Dabei saß im Saal niemand, der mir etwas getan hatte. Die Leute waren gekommen, um einen schönen Abend zu haben.
Sie mussten sich meinen Ärger über eine Bookingpolitik anhören, mit der sie nichts zu tun hatten.
Das Gemeine an diesem Gift ist seine Halbwahrheit. Es stimmt ja, dass Bekanntheit beim Buchen hilft.
Nur folgt daraus nichts Brauchbares. Aus einer richtigen Beobachtung wird eine Haltung, die dich genau da schwächt, wo du stärker werden müsstest.
Denn bekannt wird man vor allem so: Man tritt auf, und die Leute erinnern sich gern daran.
Ein verbitterter Auftritt bringt dich also ausgerechnet um das, was den Groll auflösen würde.
Auf der Bühne hat sie nichts verloren. Dort sitzen Leute, die dir gar nichts schulden und trotzdem gekommen sind.
Und wenn der Groll bleibt, hilft der ehrlichste Satz von allen: Der Ärger richtet sich fast nie gegen die Szene, sondern gegen die eigene Ungeduld. Mehr dazu beim Vergleich mit anderen.
Die Wendung
Alle sechs Gifte haben dieselbe Formel — und deshalb wirkt ein einziges Gegengift
Schau dir die sechs noch einmal an. Diesmal nicht einzeln, sondern nebeneinander.
Das Video auf dem Handy zeigt einen anderen Menschen an einem anderen Abend. Der Streit ist ein Gespräch, das woanders stattgefunden hat.
Der letzte Auftritt ist vier Wochen alt. „Heute muss es klappen“ handelt von einer Zukunft, die noch nicht passiert ist.
„Die verstehen mich hier eh nicht“ ist eine Vorhersage über Menschen, die du noch gar nicht kennst. Und der Groll gilt einer Szene, nicht diesem Saal.
Sechs Gifte, eine Formel: Keines davon ist im Raum.
Und genau daraus folgt das Gegengift, das für alle sechs funktioniert.
Das klingt nach Kalenderspruch, ist aber eine sehr konkrete Anweisung. Sie hat drei Teile, und alle drei dauern zusammen keine Minute.
Erstens: Schau dir den Raum an, in dem du stehst. Wie viele Leute, wie ist das Licht, wo ist die Bar.
Zweitens: Such dir die drei Gesichter, von denen vorhin die Rede war. Nicht das Publikum — drei Menschen.
Drittens: Sag deinen ersten Satz leise vor dich hin. Er ist das Einzige, was gleich wirklich passieren wird.
Und jetzt zur eigentlichen guten Nachricht dieses Beitrags — sie steckt in der Sache mit dem Gefahrgut.
Gefahrgut wird bei der Bahn nämlich nicht verboten. Es wird transportiert, jeden Tag, in großen Mengen.
Man kennzeichnet es, verpackt es richtig und stellt es an die passende Stelle im Zug. Dann fährt es sicher mit.
Genau so ist es mit deinen sechs Stoffen. Du musst den Ehrgeiz nicht abschaffen, den Ärger nicht wegatmen und den Vergleich nicht verlernen.
Du musst sie nur an die richtige Stelle laden. Der Ehrgeiz gehört an den Schreibtisch, der Ärger in ein Gespräch, der Vergleich in die Woche nach dem Auftritt.
Und die drei Minuten auf der Bühne bleiben frei. Das ist alles.
Und noch etwas gehört zur guten Nachricht, auch wenn es zuerst nach dem Gegenteil klingt.
Diese sechs Stoffe entstehen nicht aus Schwäche. Sie entstehen daraus, dass dir die Sache wichtig ist.
Wer sich nicht vergleicht, will nicht besser werden. Wer nicht grübelt, hat nichts investiert.
Wer keinen Druck spürt, dem ist der Abend egal — und Egalheit hört man von der ersten Reihe bis nach hinten.
Das Gift ist also immer ein Nebenprodukt von etwas Gutem. Deshalb wird man es auch nie ganz los.
Man muss es nur rechtzeitig abstellen. Genau dafür gibt es Bahnsteige.
Auftritte gehen auch aus ganz banalen Gründen daneben: Der Text ist noch nicht fertig, der Saal ist wirklich kalt, die Technik streikt, du hast dich schlicht verzählt.
Diese sechs Gifte sind kein moralisches Programm. Sie sind eine Liste vermeidbarer Handicaps — mehr nicht.
Der Unterschied ist wichtig: Wer sie weglässt, hat nicht garantiert einen guten Abend. Er hat nur einen fairen Abend, an dem sein Text zeigen darf, was er kann.
Die sechs Gifte und ihre Gegengifte — zum Mitnehmen
2 — Der ungeklärte Streit: Konflikt mit festem Termin vertagen („morgen um zehn“). Der Kopf rechnet nur weiter, solange kein Platz im Kalender steht.
3 — Der letzte Auftritt: Einmal schriftlich auswerten, drei Zeilen, nicht am Auftrittstag. Danach gilt: erledigt.
4 — „Heute muss es klappen“: Aufgabe verkleinern statt sich vergrößern. Sicherster Text, keine Experimente, ein Ziel, das nur von dir abhängt.
5 — „Die verstehen mich hier eh nicht“: Drei einzelne Menschen im Saal aussuchen. Über drei Personen kann man keine Vorhersage treffen.
6 — Der stille Groll: Booking-Frust gehört an den Schreibtisch, nicht auf die Bühne. Der Saal schuldet dir nichts und ist trotzdem da.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Wenn es dich wärmt statt zu messen, behalte es. Der Test ist einfach: Wie fühlst du dich nach dem Video — größer oder kleiner? Bei „größer“ ist es Brennstoff, bei „kleiner“ ist es Gift. Bei den meisten kippt es genau dann, wenn der eigene Auftritt näher rückt.
Was ist mit Aufregung? Die ist doch auch im Körper.
Aufregung ist kein Gift, sondern Energie mit schlechtem Ruf. Sie geht nach vorn, sie will auf die Bühne. Die sechs Stoffe hier ziehen dagegen weg vom Raum — das ist der Unterschied, und man spürt ihn deutlich, wenn man einmal darauf achtet.
Wie merke ich während des Auftritts, dass ein Gift wirkt?
An drei Zeichen: Du wirst schneller, du schaust weniger in den Saal, und du hörst dir selbst beim Sprechen zu. Wenn eines davon auftritt, hilft ein einziger Handgriff: eine bewusste Pause und ein Blick zu einem deiner drei Gesichter. Das holt dich zuverlässig zurück in den Raum.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche dauert genau eine Minute — und zwar die Minute, bevor du das nächste Mal auf die Bühne gehst.
Bau dir ein Verladeritual. Drei Handgriffe, immer dieselben, immer in derselben Reihenfolge.
Handy aus. Drei Gesichter suchen. Ersten Satz leise sagen.
Mehr nicht. Kein Atemtraining, keine Aufwärmroutine, keine Motivationsformel.
Und mach es beim nächsten Auftritt genauso wie beim übernächsten. Rituale wirken erst, wenn sie langweilig geworden sind.
Der Sinn dieser drei Handgriffe ist nicht, dich zu beruhigen. Ihr Sinn ist, die Minute zu belegen, in der sonst das Gift einzieht.
Denn diese Minute ist nie leer. Entweder du füllst sie — oder sie füllt sich selbst.
Und dann geh raus und lass die Kiste stehen. Sie läuft dir nicht weg, das tun Kisten nie.
Nach dem Auftritt darfst du sie wieder aufmachen. Der Streit ist dann immer noch da, der Ehrgeiz auch.
Nur haben sie in der Zwischenzeit keinen Schaden angerichtet. Mehr will dieser Beitrag gar nicht.
Und wenn du es einmal so gemacht hast, wirst du etwas Merkwürdiges bemerken.
Der Abend fühlt sich länger an. Drei Minuten ohne mitgeschleppte Fracht dauern gefühlt doppelt so lang wie drei Minuten mit.
Das ist der eigentliche Gewinn. Du bekommst deine eigene Bühnenzeit zurück.

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Jetzt Kanal folgenBleibt das Gift, das ich einmal in voller Dosis genommen habe.
Es war Nummer 2, der ungeklärte Streit von heute Nachmittag.
Ich hatte zwanzig Minuten vor der Show mit jemandem telefoniert, den ich sehr mag, und wir hatten aufgelegt, ohne fertig zu sein. Danach bin ich auf die Bühne gegangen.
Ich habe meinen Text fehlerfrei gesprochen. Kein Versprecher, kein Blackout, alles im Zeitlimit — und trotzdem war der ganze Auftritt tot.
Eine Freundin sagte mir hinterher, ich hätte geklungen, als würde ich etwas vorlesen, das jemand anders geschrieben hat.
Genau das ist die Wirkung dieses Gifts: Es nimmt dir nicht den Text, es nimmt dir die Anwesenheit. Und Anwesenheit ist das Einzige, was ein Saal wirklich merkt.
