Ein Dating-Profil · Liebe
Poetry Slam über Liebe: die Kupplung, die einrasten muss

Sonntag, 22:40 Uhr, eine Altbauwohnung mit knarzenden Dielen.
Levin und Zoe sind seit sieben Jahren ein Paar.
In zwei Wochen ist Jahrestag.
Dieses Jahr wollen sie sich nichts kaufen.
Sie wollen sich Texte schreiben.
Jeder einen für den anderen, vorgelesen beim Jahrestagsessen.
Levin setzt sich mit dem Laptop in die Küche.
Nach zwanzig Minuten ist er fertig und ziemlich stolz.
Dann liest Zoe über seine Schulter.
Sie sagt nur einen Satz.
„Das könnte auch für jede andere sein.“
Levin und Zoe gibt es so nicht. Aber den Liebestext, der klingt wie eine Glückwunschkarte von der Tankstelle, hat fast jeder schon einmal geschrieben – vielleicht auch du.
Kennst du das?
Du willst über Liebe schreiben.
Über die größte Sache überhaupt.
Und dir fallen nur die größten Wörter ein.
Herz.
Für immer.
Seelenverwandt.
Alles richtig.
Alles schon tausendmal gehört.
Heute baust du deinen Liebestext anders.
Wie ein Dating-Profil, Karte für Karte.
Nur dass am Ende kein Fremder nach rechts wischt, sondern dein Publikum.
Oder der Mensch, den du meinst.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenProfil Nummer eins: der Kitsch
So sah Levins erster Entwurf aus.
Kein Wort davon ist gelogen.
Levin mag wirklich Sonnenuntergänge.
Und trotzdem hat Zoe recht.
Kein Bullshit: Kitsch ist nicht zu viel Gefühl.
Kitsch ist Gefühl ohne Beweis.
Probier die Austauschprobe.
Streich den Namen aus deinem Liebestext und setz einen anderen ein.
Passt der Text immer noch?
Dann hast du keinen Liebestext geschrieben, sondern ein Formular.
Levin macht die Probe und wird rot.
Sein Text passt auf ungefähr acht Milliarden Menschen.
Also löscht er alles.
Und fängt Karte für Karte neu an.
Über mich: Zeig dich, nicht dein Bestes
Die erste Karte heißt „Über mich“.
In einem Liebestext ist das die Stelle, an der du dich zeigst.
Nicht deine Schokoladenseite.
Dich.
Levin fällt als Erstes ein, wie er Zoe kennengelernt hat.
Der Zug wurde unterwegs geteilt, und er saß im falschen Zugteil.
Zoe saß ihm gegenüber.
Sie hat es ihm gesagt, allerdings erst eine Station später.
Früher hat Levin diese Geschichte nie erzählt, weil sie ihn blöd aussehen lässt.
Genau deshalb gehört sie in den Text.
Also merke: Ein Liebestext wird stark, wenn du darin nicht gut wegkommst.
Wer sich selbst ein bisschen auslacht, dem glaubt man den Rest.
Das suche ich: Einzelheiten statt Wunschzettel
Die zweite Karte heißt „Das suche ich“.
Im echten Dating-Profil steht da ein Wunschzettel.
Humorvoll, spontan, sportlich.
Im Liebestext steht da der Mensch, den du schon gefunden hast.
Und zwar nicht als Liste von Eigenschaften.
Sondern als Liste von Dingen, die er tut.
Zoe ist nicht „humorvoll“.
Zoe sagt vor jeder schwierigen Frage erst „Moment“.
Zoe liest Abfahrtstafeln, als wären es Horoskope.
Zoe friert bei jeder Temperatur, außer in der Sauna.
Merkst du den Unterschied?
Eigenschaften kann man behaupten.
Einzelheiten muss man erlebt haben.
Dass Liebe aus genau solchen Worten wachsen kann, zeigt eine berühmte Geschichte.
So ist es überliefert:
1845 schrieb der Dichter Robert Browning der Dichterin Elizabeth Barrett einen Brief, nachdem er ihre Gedichte gelesen hatte.
Daraus wurde ein Briefwechsel mit Hunderten von Briefen.
1846 heirateten die beiden heimlich und zogen nach Italien.
Ihre Liebessonette an ihn werden bis heute gelesen.
Aus genauen Worten wurde Nähe.
Schon der Titel stellt eine Frage, die kein Kitsch beantworten kann.
Achte beim Zuhören darauf, welche Sinne der Text anspricht.
Und frag dich danach selbst: Wie riecht Liebe für dich?
No-Gos: Die Kitsch-Liste
Die dritte Karte ist die ehrlichste.
In Dating-Profilen stehen da Sachen wie „Raucher“ oder „keine Zeit“.
In deinem Liebestext stehen da die Wörter, die du nicht benutzen solltest.
Nicht, weil sie verboten sind.
Sondern weil sie verbraucht sind.
Ein Wort, das jeder benutzt, gehört niemandem mehr.
Aber hier kommt der Haken: Die No-Go-Liste schreibt sich nicht von allein.
Du musst deinen Entwurf durchgehen und jedes große Wort einzeln prüfen.
Bonus: Ersetz jedes gestrichene Wort durch eine Szene.
Statt „Schmetterlinge im Bauch“ erzählst du, wie du den Bahnsteig dreimal auf und ab gelaufen bist, bevor sie ausgestiegen ist.
Statt „für immer“ erzählst du von einem ganz normalen Dienstag.
Gemeinsamkeiten: Das Kleine ist das Große
Die vierte Karte ist in echten Profilen meistens die langweiligste.
Gemeinsame Interessen.
Reisen, Kochen, Serien.
In einem Liebestext ist genau diese Karte die wichtigste.
Denn nach sieben Jahren steht die Liebe nicht mehr in den großen Momenten.
Sie steht in den Ritualen.
In der Strichliste, wer sonntags Brötchen holt.
Im Streit über die Spülmaschine, der seit Jahren läuft und den keiner gewinnen will.
In der Serie, die keiner allein weiterschauen darf.
Levin schreibt all das auf und merkt, dass er beim Schreiben zum ersten Mal lächelt.
Das wirkt Wunder!
Also merke: Das Kleine ist nicht klein.
Es ist nur leise.

Die Kupplung: Wo es auch mal knirscht
Jetzt kommt die Karte, die in keinem Dating-Profil steht.
Die Reibung.
Ein Liebestext ohne jeden Konflikt klingt wie ein Werbeprospekt.
Schön.
Glatt.
Unglaubwürdig.
Eine Kupplung zwischen zwei Wagen ist dafür gebaut, Zug auszuhalten.
Genau so ist es mit der Liebe.
Levin kommt immer zu spät.
Zoe kommt immer zu früh.
Nach sieben Jahren treffen sie sich am Bahnsteig in der Mitte.
Das ist keine Schwäche der Beziehung.
Das ist ihr Beweis.
Wichtig: Sprich vorher ab, was du über den anderen erzählen darfst.
Ein Liebestext darf ehrlich sein, aber er darf niemanden bloßstellen.
Achte darauf, ob der Text auch die schwierigen Seiten der Liebe zeigt.
Und wo er zwischen großen und kleinen Worten wechselt.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenMatch 💞: Und Levin und Zoe?
Jahrestag, 19:30 Uhr, ein kleines Restaurant im alten Bahnhofsgebäude.
Zwischen Brot und Vorspeise zieht Levin einen Zettel aus der Jacke.
Er liest.
Keine Sonnenuntergänge.
Kein „für immer“.
Er liest vom falschen Zugteil.
Von der Strichliste für Brötchen.
Von einer Frau, die vor jeder schwierigen Frage „Moment“ sagt.
Zoe lacht an den richtigen Stellen, und an einer Stelle lacht sie gar nicht.
Da, wo es um den Winter geht, in dem sie fast auseinandergegangen wären.
Dann ist Zoe dran.
Ihr Text ist nur vier Sätze lang.
„Ich wusste sofort, dass du im falschen Zugteil sitzt.“
„Ich hätte es dir sagen können.“
„Ich habe eine Station gewartet.“
„Es war das Klügste, was ich je nicht gesagt habe.“
Levin braucht einen Moment.
Dann sagt er: „Moment.“
Und beide lachen so laut, dass sich der Kellner umdreht.
Also merke: Ein Liebestext muss nicht schön sein.
Er muss wahr sein.
Dann rastet er ein wie eine Kupplung.
Und hält.
