Ein Störungsbuch · Schreibblockade
„Entfessle deine Poesie: Überwindung der Schreibblockade bei Poetry-Texten“

Mittwoch, 23:10 Uhr, eine Küche in einer Kleinstadt.
Christa, 56, sitzt vor einem leeren Block, und ihre Schreibblockade dauert jetzt drei Wochen.
In zehn Tagen hat sie ihren dritten Poetry Slam, und außer dem Titel steht noch nichts auf dem Papier.
Seit zwei Jahren schreibt sie Slam-Texte, meistens nach der Spätschicht im Krankenhaus.
Bisher kam immer irgendwas.
Diesmal kommt nichts.
Um halb zwölf schließt ihre Tochter Mirjam die Wohnungstür auf.
Mirjam ist 24, macht eine Ausbildung zur Fahrdienstleiterin und kommt gerade aus dem Stellwerk.
Sie schaut auf den leeren Block.
„Abschnitt besetzt?“, fragt sie.
Christa versteht kein Wort.
Christa und Mirjam gibt es so nicht. Aber das rote Signal vor dem ersten Satz kennen alle, die schreiben.
Kennst du das?
Du willst schreiben.
Du hast Zeit, du hast Kaffee, vielleicht sogar ein Thema.
Und trotzdem bleibt das Blatt leer.
Jeder Satz, der dir einfällt, wird im selben Moment wieder abgewiesen.
Zu platt.
Zu privat.
Zu peinlich.
Irgendwann glaubst du, dir fällt einfach nichts mehr ein.
Aber hier kommt der Haken: Meistens stimmt das nicht.
Die Ideen sind da, nur lässt sie jemand nicht durch.
In diesem Beitrag findest du heraus, was deinen Abschnitt blockiert, und wie du ihn wieder freibekommst.
Am Ende erfährst du, welcher Satz Christas Strecke frei gemacht hat.
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Jetzt Kanal folgenSchreibblockade: Der Abschnitt ist besetzt
Streckenband · Blockstelle Küchentisch
B3 meldet: besetzt · Ursache unbekannt
Mirjam holt sich ein Glas Wasser und setzt sich dazu.
Dann erklärt sie ihrer Mutter, stark vereinfacht, wie eine Bahnstrecke gesichert wird.
Die Strecke ist in Abschnitte eingeteilt, und in jedem Abschnitt darf immer nur ein Zug sein.
Ist ein Abschnitt besetzt, zeigt das Signal davor Rot, und kein Zug fährt hinein.
Das ist gut so, denn es verhindert Unfälle.
„Und jetzt kommt das Interessante“, sagt Mirjam.
Manchmal meldet die Technik einen Abschnitt als besetzt, obwohl gar nichts darin steht.
Dann ist das Signal rot, und die Strecke ist trotzdem frei.
Christa schaut auf ihren leeren Block.
Genau so fühlt sich eine Schreibblockade an.
Das Signal steht auf Rot, und du weißt nicht, ob wirklich etwas im Weg steht oder ob nur die Anzeige spinnt.
Also merke: Eine Schreibblockade ist selten ein leerer Kopf.
Viel öfter ist sie ein besetzter Abschnitt.
Und die erste Aufgabe heißt nicht „schreiben“, sondern: herausfinden, was drinsteht.
Achszähler: Was steckt wirklich in deinem Abschnitt?
Auf vielen Strecken prüfen Achszähler, ob ein Abschnitt frei ist.
Sie zählen, wie viele Achsen hineinfahren und wie viele wieder herauskommen.
Stimmt die Zahl nicht überein, gilt der Abschnitt als besetzt.
Mirjam schiebt ihrer Mutter einen Zettel hin.
„Schreib auf, was in den letzten Wochen alles in deinen Kopf reingefahren ist.“
Christa schreibt.
Die Sorge um ihre Mutter im Pflegeheim.
Zwei Doppelschichten.
Der Satz einer Kollegin, ihr letzter Text sei „ganz nett“ gewesen.
Und die Angst, dass der nächste noch netter wird.
Genau das ist die wichtigste Unterscheidung dieses Beitrags: Es gibt echte Besetzungen und falsche.
Erschöpfung ist eine echte Besetzung, Trauer und Sorge sind es auch.
Da hilft kein Trick, da helfen Schlaf, Zeit, ein Gespräch, manchmal auch Hilfe von außen.
Wenn du dich eher leer als blockiert fühlst, lies hier weiter: Wenn du keinen Text mehr in dir spürst.
Perfektionismus dagegen ist fast immer eine Fehlanzeige.
Der innere Türsteher auch, der jeden Satz abweist, der zu ehrlich klingt.
Du nennst es Blockade, in Wahrheit ist es Zensur, die sich als Müdigkeit verkleidet.
Und manchmal ist der Abschnitt einfach zur falschen Tageszeit dran.
Franz Kafka arbeitete tagsüber in einer Versicherungsanstalt in Prag und schrieb vor allem spätabends und nachts.
„Die Verwandlung“ entstand so zwischen Mitte November und Anfang Dezember 1912, in rund drei Wochen.
Wenn tagsüber alle Abschnitte belegt sind, sucht sich das Schreiben eben eine andere Zeit.
Ersatzsignal: schreiben trotz Rot
Fahrdienstleitung: M.
Für eine Fehlanzeige gibt es auf der Bahn einen geregelten Weg.
Nach sorgfältiger Prüfung darf die Fahrdienstleitung einem Zug erlauben, am roten Signal vorbeizufahren, etwa mit einem Ersatzsignal oder einem schriftlichen Befehl.
„Du brauchst einen Befehl“, sagt Mirjam.
„Einen, den du dir selbst gibst.“
Hier sind vier Ersatzsignale für deinen Kopf.
Erstens: Schreib morgens als Erstes den Satz, den du gestern nicht schreiben wolltest, und bau alles andere um ihn herum.
Zweitens: Die Liste der verbotenen Zeilen.
Schreib zehn Sätze auf, die du auf keiner Bühne sagen würdest, und erkläre einen davon, als hinge alles an ihm.
Der Text muss nie auf eine Bühne, er soll nur die Schranke öffnen.
Drittens: Fang mit dem Satz an, den du fast gelöscht hättest.
Oft ist genau das der Satz, bei dem der Saal später still wird.
Viertens: Streich die Weichmacher, jedes „vielleicht“, jedes „ein bisschen“, jedes „irgendwie“.
Aus „Ich glaube, ich war damals ein bisschen einsam“ wird: „Ich war einsam.“
Kein Bullshit: Dieser eine Schritt macht aus vielen blassen Texten scharfe.
Christa stellt sich den Befehl selbst aus und schreibt am nächsten Morgen um halb sieben einen einzigen Satz.
Er ist unbequem, und er stimmt.
Mehr steht an diesem Tag nicht auf dem Block, und trotzdem ist das Signal zum ersten Mal seit drei Wochen nicht mehr ganz so rot.
Fahren auf Sicht: langsam in den schweren Abschnitt
Fahren auf Sicht · für schwere Abschnitte
Manchmal steht wirklich etwas im Abschnitt.
Ein Thema, das weh tut, eine Erinnerung, um die du seit Jahren herumschreibst.
Dann gilt eine andere Regel: Fahren auf Sicht.
Auf der Bahn heißt das, nur so schnell zu fahren, dass man vor jedem Hindernis rechtzeitig anhalten kann.
Beim Schreiben heißt es: in Etappen, mit Pausen, mit einem Ausgang.
Christa will über ihre Mutter im Pflegeheim schreiben.
Sie stellt den Küchenwecker auf zehn Minuten und schreibt, ohne abzusetzen.
Danach unterstreicht sie, was noch weh tut, was sie selbst nicht versteht und was sie fast gestrichen hätte.
Aus genau diesen Stellen baut sie einen Bogen.
Nach zwanzig Minuten ist Schluss, egal wie weit sie gekommen ist, und sie geht eine Runde um den Block.
So lernst du, durch den Schmerz zu fahren, ohne darin stehen zu bleiben.
Bonus: Schreib dir eine Postkarte aus fünf Jahren Zukunft, von dir, wenn du diesen Abschnitt schon hinter dir hast.
Wichtig: Wenn Erinnerungen dich überrollen oder dich über Tage nicht loslassen, hör auf und hol dir Unterstützung. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.

Weichen umstellen: Körper, Ort, Licht, Richtung
Manchmal liegt die Blockade nicht im Kopf, sondern in der Stellung.
Du sitzt immer am selben Tisch, im selben Licht, vor demselben Bildschirm.
Dann hilft es, eine Weiche umzustellen.
Die wichtigste heißt Bewegung.
Die Forschenden Marily Oppezzo und Daniel Schwartz haben 2014 an der Universität Stanford gezeigt, dass Menschen beim Gehen mehr und originellere Ideen einfallen als im Sitzen.
Das gilt vor allem fürs Ideensammeln, weniger fürs genaue Ausarbeiten.
Also: Ideen im Gehen, Feinschliff am Tisch.
Christa probiert in dieser Woche jede Weiche einmal aus.
Sie schreibt auf dem Teppich liegend und liest ihren Anfang im Bad laut vor.
Sie dunkelt den Bildschirm ab, tippt blind und schreibt den letzten Satz zuerst.
Und sie lässt das alte Fahrrad aus dem Keller erzählen, was es in dreißig Jahren Familie gesehen hat.
Das Fahrrad wird der beste Erzähler der Woche.
Oft sagt ein Gegenstand, was du dich selbst nicht zu sagen traust.
Die Weiche Richtung unterschätzen viele.
Wenn du den letzten Satz kennst, zieht er den Rest des Textes zu sich hin wie ein Zielbahnhof.
Bonus für Mutige: Schreib nach dem Duschen die ersten drei Wörter auf den beschlagenen Spiegel.
Was stehen bleibt, bis der Dampf weg ist, kommt aufs Papier.
Gegenverkehr: Kritik als Schleifstein
Kommentarspalte · erfundene Kritik, echte Antworten
Klingt wie ein Kalenderspruch.
Stimmt. Zeile 4 fliegt raus, ich schreibe hin, was wirklich passiert ist.
Was willst du damit eigentlich sagen?
Dass ich meine Mutter vermisse, obwohl sie noch lebt. Das schreibe ich jetzt auch so hin.
Zu privat für eine Bühne.
Privat ja, bloßstellend nein. Namen und Heim bleiben ungenannt.
Am Freitag liest Christa ihren Anfang Mirjam vor, und Mirjam verzieht keine Miene.
Das war so abgesprochen.
Viele Texte bleiben stecken, weil sie nur für Menschen geschrieben werden, die sowieso nicken.
Deshalb helfen drei Übungen mit Gegenverkehr.
Schreib unter jeden Absatz einen erfundenen kritischen Kommentar und verteidige den Absatz schriftlich, sachlich, nicht beleidigt.
Lies neue Stellen laut vor dem Spiegel und markiere jede Stelle, an der du dich räusperst oder leiser wirst, denn dort sitzt meistens die versteckte Angst.
Und schreib einmal einen offenen Brief an jemanden, der deine Meinung nicht teilt, klar und direkt, aber ohne Beleidigung.
Wer Position bezieht, muss nicht mehr um Wörter herumkreisen.
Eine vierte Übung macht aus Gegenverkehr Stoff.
Erfinde zwei Figuren mit gegensätzlichen Meinungen und lass sie streiten, nur mit echten Argumenten.
Danach streichst du die Figur, die dir am sympathischsten ist, und schaust, ob die andere allein trägt.
So merkst du, wo dein Text bisher nur die eigene Meinung gestreichelt hat.
Und wenn du täglich trainieren willst, schreib jeden Morgen eine Meinung auf, bei der du kurz zögerst, ob man das sagen darf.
Ohne „vielleicht“ und ohne „könnte man auch anders sehen“, aber immer so, dass du sie begründen kannst.
Rote Wörter: die Sperrliste gegen den Einheitsbrei
Sperrliste · diese Gleise sind gesperrt
„Es war traurig.“
„Ich habe den Einkaufszettel meiner Mutter noch zwei Jahre im Portemonnaie getragen.“
„In meinem Stellwerk gibt es gesperrte Gleise“, sagt Mirjam.
„Mach das mit deinen Wörtern.“
Viele blockierte Texte klingen am Ende wie Fahrstuhlmusik.
Angenehm, harmlos und vergessen, sobald die Tür aufgeht.
Ein scharfer Text dagegen hinterlässt etwas: ein Lachen, ein Brennen, einen Kloß im Hals.
Die Sperrliste ist der schnellste Weg von der Fahrstuhlmusik zum Text.
Bestimmte Wörter kommen in Texten ständig vor und sagen fast nichts.
Wenn du eines davon benutzt, ersetz es durch eine Handlung, ein Bild oder eine Reaktion.
Das Gefühl steht dann nicht mehr im Satz, und genau deshalb spürt man es.
Frag dich bei jeder Zeile: Wird hier jemand lachen, wütend werden oder schlucken?
Wenn nicht, ist die Zeile Füllmaterial.
Streckenfreigabe: Briefe, Beobachtung, fremde Formen
Streckenfreigabe · vier leise Wege
- Ein Brief an einen Menschen, der dich nicht mehr hören kann, nicht für die Bühne, nur zum Loslassen.
- Jeden Tag ein einziges Detail draußen, in einem genauen Satz.
- Eine fremde Form: Sonett, Limerick, Liste, Brief.
- Ein Slam als Zuschauer, ohne Text in der Tasche.
Und dann gibt es noch die leisen Wege, eine Strecke freizubekommen.
Der Brief an einen Menschen, der dich nicht mehr hören kann, ein früherer Freund, jemand, der gestorben ist, dein jüngeres Ich.
Das Detail auf dem Weg zur Arbeit, nicht „der Himmel war schön“, sondern seine Farbe und woran sie dich erinnert.
Und fremde Formen, denn wer immer im selben Ton schreibt, fährt irgendwann immer dieselbe Strecke.
Für den Brief gibt es einen einfachen Einstieg: „Das wollte ich dir noch sagen.“
Du schreibst ohne Zurückrudern, ohne Entschuldigung, ohne Korrektur.
Der Brief ist kein Werkstück, sondern eine Brücke, und oft kommst du auf der anderen Seite bei einem Text an.
Aber Achtung: Wenn der Brief alte Wunden aufreißt, gilt wieder die Notausgang-Regel.
Für die fremden Formen reicht ein Abend: ein Sonett, ein Limerick, eine Liste.
Du musst keine davon beherrschen, du sollst nur merken, wie anders dein Kopf arbeitet, wenn die Form ihm Regeln gibt.
Achte beim Zuschauen darauf, welche Idee du bei deiner nächsten Blockade als Erstes ausprobieren würdest.
Mehr Anstöße für leere Tage findest du hier: Schreibprompts nutzen, ohne beliebig zu klingen.
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Samstag, zehn Tage später, 20:15 Uhr, der Saal eines Jugendzentrums.
Christas Text heißt „Abschnitt besetzt“.
Er beginnt mit dem Satz, den sie am Mittwoch nicht schreiben wollte.
„Ich besuche meine Mutter jeden Sonntag im Heim, und jeden Sonntag hoffe ich heimlich, dass sie schläft.“
Im Saal wird es still.
Nicht die höfliche Stille.
Die andere.
Später erzählt das alte Fahrrad aus dem Keller, und die Leute lachen.
Am Ende steht Christa auf Platz zwei.
Ganz vorne hält Mirjam einen Zettel hoch, auf dem nur ein grüner Kreis gemalt ist.
Freie Fahrt.
Am Sonntag besucht Christa ihre Mutter.
Die ist wach, und diesmal bleibt Christa länger als sonst.
Abends trägt sie etwas in ein kleines Heft ein, das Mirjam ihr geschenkt hat.
● Signal B3: Fahrt
Das ist das Geheimnis hinter dem Titel.
Du musst deine Poesie nicht entfesseln, als wäre sie ein wildes Tier.
Du musst nur prüfen, was in deinem Abschnitt steht, und dann ehrlich entscheiden: Pause oder Ersatzsignal.
Fang heute an und schreib den Satz, den du gestern nicht schreiben wolltest.
Du schaffst das.
