Schilderkunde · Die dümmsten Fehler der Menschheit
Die 4 dümmsten Fehler der Menschheit und was das mit Poetry Slam zu tun hat

Montag, 7:15 Uhr, Schilderwerkstatt am alten Güterbahnhof.
Tristan, 27, Mediengestalter, steht mit einem Kaffee in der Tür und hat einen Plan: einen Slamtext über die dümmsten Fehler der Menschheit.
Arbeitstitel: „Idioten“.
Seine Liste ist lang: Leute, die sich an der Kasse in die längste Schlange stellen, Leute, die in den Zug drängen, bevor jemand ausgestiegen ist, und Leute, die vorwärts einparken.
Seine Tante Helga, 62, betreibt die Werkstatt seit dreißig Jahren und macht Schilder für Bahnhöfe, Parkhäuser und Büros.
Sie hört zu, während sie ein Blechschild abschleift.
Dann legt sie es auf die Werkbank.
Darauf steht: „Bitte nicht auf die Glasplatte setzen.“
„Weißt du, warum es dieses Schild gibt?“, fragt sie.
Tristan grinst.
„Weil Menschen Idioten sind.“
„Nein“, sagt Helga.
„Weil es jemand getan hat.“
„Und weil dieser Jemand vorher genau wie du gedacht hat, dass er selbst nie so dumm wäre.“
Tristan und Helga gibt es so nicht. Aber Schilder, hinter denen eine kleine menschliche Katastrophe steckt, hängen überall.
Kennst du das?
Du beobachtest Menschen und denkst: Wie kann man nur.
Das ist ein guter Anfang für einen Text.
Und ein schlechtes Ende.
Kein Bullshit: Texte, die nur über die Dummheit der anderen lachen, werden schnell billig.
Das Publikum lacht einmal mit und merkt dann, dass es selbst gemeint sein könnte.
Die besten Texte über menschliche Fehler fangen woanders an.
Bei dir.
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| Pos. | Schild | Einsatzort |
|---|---|---|
| 1 | Bitte nicht auf die Glasplatte setzen | Büro, Kopierraum |
| 2 | Nächste Kasse frei | Supermarkt |
| 3 | Erst aussteigen lassen, dann einsteigen | Bahnsteig |
| 4 | Bitte rückwärts einparken | Parkhaus |
Menschen sind nicht dumm.
Sie sind sparsam.
Die Sozialpsychologinnen Susan Fiske und Shelley Taylor haben dafür 1984 das Bild vom „kognitiven Geizhals“ geprägt.
Gemeint ist: Unser Kopf hat nur begrenzt Kapazität und nimmt deshalb Abkürzungen, wo er kann.
Faustregeln, Gewohnheiten, Schubladen.
Meistens spart uns das Zeit.
Manchmal setzt es uns auf einen Kopierer.
Dazu kommen zwei weitere Kräfte: der Wunsch, zur Gruppe zu gehören, und die Eile.
Zusammen machen sie uns berechenbar.
Und genau das ist gutes Material für die Bühne.
Denn was berechenbar ist, erkennt das Publikum sofort wieder.
Oft auch bei sich selbst.
Faktencheck · die unendliche Dummheit
Der Satz, nur zwei Dinge seien unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, wird oft Albert Einstein zugeschrieben.
Belegt ist das nicht. Die früheste bekannte Fassung steht 1942 in einem Buch des Psychotherapeuten Fritz Perls, dort noch als Spruch eines großen Astronomen. Erst viele Jahre später nannte Perls Einstein als Urheber.
Stimmt so nicht: Einstein als sicherer Absender. Stimmt: Der Spruch funktioniert auch ohne berühmten Namen.
Achte beim Hören darauf, bei welchem Alltagsbeispiel dir sofort ein eigenes einfällt.
Genau dieses eigene Beispiel ist dein Material.
Schild 1: Bitte nicht auf die Glasplatte setzen
Helga hat Tristan erzählt, wer dieses Schild bestellt hat.
Eine Versicherungsagentur, nach ihrer Weihnachtsfeier.
Ein Kollege, drei Gläser Sekt, eine Wette, ein Knacken.
Schwer verletzt wurde niemand, aber der Kopierer war hin, und der Kollege bekam noch Jahre später Weihnachtsgrüße mit Fotokopien.
Das ist die Sorte Anekdote, über die alle lachen.
Aber hier kommt der Haken:
Sie wird erst dann ein guter Slamtext, wenn du nicht der Zuschauer bist, sondern der Kollege.
Das Publikum liebt keine Helden.
Es liebt Geständnisse.
Also merke: Mach aus deiner Peinlichkeit deine Pointe.
Die Rede, bei der du „Orgasmus“ statt „Organismus“ gesagt hast.
Das Date, bei dem du Knoblauch für eine gute Idee gehalten hast.
Das Selfie, das versehentlich im Familienchat gelandet ist.
Das ist kein Müll, das ist Wahrheit mit Schrammen.
Schild 2: Nächste Kasse frei
Samstag, kurz nach sechs, drei Kassen offen, zwei davon leer.
Und trotzdem wächst die Schlange an Kasse 1.
Warum?
Weil der Mensch ein Herdentier ist, und die Psychologie hat das eindrucksvoll gezeigt.
Linienvergleich · welche Linie ist gleich lang?
Nach den Versuchen von Solomon Asch ab 1951. Die richtige Antwort war jedes Mal eindeutig.
Die Ergebnisse von Solomon Asch werden oft übertrieben erzählt, als hätten sich alle angepasst.
Das stimmt nicht.
Rund ein Viertel ist immer bei der eigenen Antwort geblieben.
Aber drei Viertel sind mindestens einmal der Gruppe gefolgt, obwohl die richtige Linie eindeutig war.
Auf der Slambühne sieht der Herdentrieb so aus:
Du siehst, welche Texte gerade funktionieren, und schreibst denselben noch einmal, nur mit deiner Handschrift.
Das Publikum hat diesen Text aber schon gehört.
Es sehnt sich nach der leeren Kasse.
Nach einem Thema, bei dem du allein stehst, vielleicht mit zitternden Händen, aber mit deinem eigenen Blick.
Schild 3: Erst aussteigen lassen, dann einsteigen
Die Zugtür geht auf, und vorne drängt schon jemand hinein, obwohl noch fünf Menschen heraus wollen.
Leicht, sich darüber aufzuregen.
Interessanter ist die Frage, was in diesem Menschen vorgeht.
Oft ist Drängeln Angst in Bewegung: Angst, keinen Platz zu bekommen, den Anschluss zu verpassen, zu spät zu sein.
Warten dagegen ist Vertrauen im Stillstand.
Ein Slamabend ist ein bisschen wie ein Bahnsteig voller Worte.
Alle wollen in denselben Zug, und der heißt Aufmerksamkeit.
Manche schubsen, manche drängeln, und ein paar stehen einfach da, ruhig und bereit.
Im Gedächtnis bleiben meistens die.
Nicht, wer zuerst durch die Tür geht, sondern wer sie für die anderen offen hält.
Auch Texte können drängeln.
Pointe, Pointe, Pointe, ohne Luft dazwischen.
Das ist kein Rhythmus, das ist ein Presslufthammer.
Ein guter Text drängt sich nicht auf, er zieht dich hinein.
Gib deinen Sätzen Platz.
Jeder Satz, der warten darf, trifft doppelt.

Schild 4: Bitte rückwärts einparken
Vorwärts einparken geht schneller.
Beim Rausfahren sieht man zwischen zwei hohen Autos dann fast nichts und tastet sich Zentimeter für Zentimeter zurück.
Meistens geht es gut.
Und genau das ist das Problem.
Die Soziologin Diane Vaughan hat für dieses Muster einen Begriff geprägt: die Normalisierung von Abweichungen.
Sie hat ihn am Beispiel der Challenger-Katastrophe von 1986 untersucht, bei der sieben Menschen starben.
Warnungen von Ingenieuren wurden damals übergangen, auch weil ähnliche Probleme vorher scheinbar folgenlos geblieben waren.
Das war kein dummer Fehler, sondern eine Tragödie, und sie gehört in keine Pointe.
Aber das Muster dahinter kennt jeder im Kleinen: Es ist ja bisher immer gut gegangen.
Auch beim Schreiben.
Du weißt, dass dein Text noch einen Durchgang bräuchte.
Aber das ist anstrengend, und beim letzten Mal hat es ja auch so geklappt.
Also gehst du mit dem Text auf die Bühne, wie er ist.
Er ist okay.
Nicht großartig, nur okay.
Frag dich vor dem nächsten Auftritt: Wähle ich das, weil es richtig ist, oder weil es bequem ist?
Lachen mit, nicht über
Tristan hat an diesem Morgen lange auf die vier Schilder gestarrt.
Dann hat er gesagt: „Ich parke vorwärts ein.“
„Seit zwölf Jahren.“
Helga hat nur genickt, als hätte sie es gewusst.
Und genau hier liegt der Unterschied zwischen einem billigen und einem guten Text über menschliche Dummheit.
Der billige Text zeigt mit dem Finger.
Der gute Text hält zuerst den Spiegel.
Mehr zu dieser Grenze steht in Humor auf Kosten anderer: Der billigste Lacher der Welt.
Notier dir beim Anschauen einen Gedanken, dem du zustimmst, und einen, bei dem du widersprichst.
Beides kann in einen Text.
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Jetzt Kanal folgenDie Schilder-Methode: vom Verbot zur Geschichte
Probier es diese Woche aus.
Such dir ein Schild in deinem Alltag, im Treppenhaus, im Zug oder auf der Bürotoilette.
Frag dich, wer es nötig gemacht hat.
Schreib die Szene dieses Menschen, und zwar so, dass man ihn mag.
Dann such deine eigene Version dieses Fehlers.
Die Pointe kommt aus deinem Geständnis, nicht aus seinem.
Und Tristan?
Tristan hat seinen Text umbenannt.
Aus „Idioten“ wurde „Wir“.
Er beginnt mit der Weihnachtsfeier, dem Sekt und dem Knacken.
Dann kommen die Kasse, die Zugtür und das Parkhaus.
Und am Ende steht Tristan selbst, wie er seit zwölf Jahren vorwärts einparkt und beim Rausfahren jedes Mal zu einem Gott betet, an den er sonst nicht glaubt.
Beim Slam hat der Saal an genau dieser Stelle am lautesten gelacht.
Nicht über ihn.
Mit ihm.
Nach dem Auftritt hat Helga ihm ein kleines Blechschild in die Hand gedrückt, frisch geschliffen.
Darauf steht: „Bitte zuerst über dich selbst lachen.“
Es hängt jetzt über seinem Schreibtisch.
Und rückwärts einparken übt er auch.
Kein Bullshit: Die dümmsten Fehler der Menschheit beweisen nicht, dass die anderen dumm sind.
Sie beweisen, dass wir alle Menschen sind.
Und genau deshalb klatscht der Saal.
