
Kiel.
Ein Kellergewölbe mit schlechter Luft und hundertzwanzig Leuten.
Zunächst steht vor mir ein Einmachglas mit gefalteten Zetteln.
Also greife ich rein.
Dann falte ich auf.
Also eine Eins.
Neben mir stöhnt jemand mitfühlend.
So, wie man stöhnt, wenn jemand anders die Rechnung zahlen muss.
Denn jeder im Raum weiß, was eine Eins bedeutet.
Du gehst raus, wenn der Saal noch redet.
Wenn die Jury noch keine Ahnung hat, was ein Zehner ist.
Wenn niemand aufgewärmt ist, am wenigsten du.
Am Ende habe ich an dem Abend 24,8 Punkte bekommen.
Der Typ mit der Acht bekam 28,1 für einen Text, den ich ehrlich gesagt schwächer fand.
Danach saß ich draußen auf der Treppe und war überzeugt: Das war reines Pech.
Aber das stimmt nur zur Hälfte.
Denn die eine Hälfte ist tatsächlich Statistik.
Die andere Hälfte war mein Fehler.
00 · Der Befund
Zählt die Startnummer wirklich? Die kurze Antwort
Ja. Aber weniger, als du gerade denkst.
Und deutlich weniger, als du nach einer schlechten Wertung glauben möchtest.
Die Kurzfassung
Ja, die Poetry Slam Auftrittsreihenfolge beeinflusst deine Punkte. Der Effekt heißt Score Creep: Jurys werten im Lauf des Abends milder. Das ist im Slam bekannt und in der Wissenschaft für Musikwettbewerbe, Eurovision und Eiskunstlauf sogar belegt. Aber: Der Effekt ist kleiner als dein Einfluss darauf. In dieser Startliste bekommst du jede Position einzeln analysiert, sieben Taktiken, das Ritual des Opferlamms – und die Geschichte eines Münzwurfs, der 1967 zwei Weltkarrieren entschieden hat.
Ablauf des Abends
01 · Der Befund
Was die Forschung zur Auftrittsreihenfolge wirklich sagt
Zunächst die unbequeme Wahrheit.
Du bildest dir das nicht ein.
Der Effekt ist real, er hat einen Namen, und er ist besser untersucht, als du denkst.
Score Creep: warum die Auftrittsreihenfolge beim Poetry Slam die Punkte hebt
In der internationalen Slam-Szene heißt das Phänomen Score Creep, also etwa Punkte-Schleichen.
Gemeint ist die gut dokumentierte Neigung von Jurys, im Verlauf eines Abends höhere Wertungen zu vergeben.
Dabei ist der Mechanismus simpel und ziemlich menschlich.
Die Jury hat am Anfang keine Skala.
Sie weiß nicht, wie gut der Abend noch wird, also hält sie sich nach oben etwas frei.
Nur für den Fall.
Wer zuerst auftritt, bekommt deshalb eine vorsichtige Note.
Nicht weil er schlechter war, sondern weil die Skala noch leer ist.
Dazu kommt der zweite Faktor, den man in der Szene mit trockenem Humor erwähnt: Die Jury sitzt in einer Bar.
Und Menschen an einer Bar werden im Laufe eines Abends selten strenger.
Der Effekt ist so bekannt, dass manche Wettbewerbe ihre Jurys vorher ausdrücklich davor warnen und um Konstanz bitten.
Die erste Wertung des Abends ist keine Bewertung. Sie ist eine Schätzung ins Leere.
Die Studien: von Brüssel bis zum Eurovision
Übrigens muss man das gar nicht glauben.
Denn es ist längst gemessen worden.
Die Ökonomen Renato Flôres und Victor Ginsburgh haben in den Neunzigern die Ergebnisse des renommierten Concours Reine Elisabeth in Brüssel untersucht, eines der härtesten Musikwettbewerbe der Welt.
Das Ergebnis: Wer früh auftrat, landete seltener ganz oben.
Wer am fünften Tag spielte, hatte deutlich bessere Chancen.
Herbert Glejser und Bruno Heyndels bestätigten das 2001 an denselben Wettbewerbsdaten.
Und weil das noch nicht reicht, kam die Psychologin Wändi Bruine de Bruin 2005 mit einer Arbeit, deren Titel schon alles sagt: „Save the last dance for me“.
Sie untersuchte Jury-Bewertungen beim Eurovision Song Contest und bei Eiskunstlauf-Meisterschaften.
Auch dort galt: Wer später dran war, bekam im Schnitt bessere Wertungen.
Später fanden Lionel Page und Katie Page denselben Effekt sogar in Casting-Shows.
Und jetzt kommt der Punkt, der das Ganze wasserdicht macht: In all diesen Wettbewerben wurde die Reihenfolge ausgelost.
Also kann es nicht daran liegen, dass die Besseren zufällig später auftreten.
Denn das Los kennt keine Qualität.
Kurz erklärt
Serienpositions-Effekt: Schon Hermann Ebbinghaus zeigte im 19. Jahrhundert, dass wir aus einer Reihe vor allem den Anfang und das Ende behalten. Die Mitte verschwimmt. Für dich heißt das: Position 1 hat ein Erinnerungs-Plus beim Publikum, aber ein Punkte-Minus bei der Jury. Die Mitte hat beides nicht. Das Ende hat beides.
Warum das Ende doppelt zählt
Es gibt noch einen zweiten Grund, warum die späten Startnummern im Vorteil sind.
Und der stammt vom Nobelpreisträger Daniel Kahneman.
Kahneman hat gezeigt, dass wir Erlebnisse nicht als Durchschnitt erinnern, sondern über zwei Punkte: den Höhepunkt und das Ende.
Diese Peak-End-Regel erklärt, warum ein Konzert mit einem miesen letzten Song als miesen Abend erinnert wird, obwohl neunzig Minuten davon großartig waren.
Also übertrag das auf deinen Slam.
Wenn die Jury nach der letzten Wertung überlegt, wer den Abend gemacht hat, dann arbeitet ihr Gedächtnis gegen dich, falls du früh dran warst.
Aber – und das ist deine Chance – die Peak-End-Regel hat zwei Anker.
Das Ende kannst du dir nicht aussuchen.
Den Höhepunkt schon.
Wer als Startnummer 1 den emotionalen Gipfel des ganzen Abends setzt, bleibt trotzdem im Kopf.

02 · Die Startliste
Poetry Slam Auftrittsreihenfolge: alle acht Startplätze
Jetzt kommt jede Nummer einzeln dran.
Mit Risiko, Chance und einer konkreten Taktik.


03 · Das Ritual
Das Opferlamm: der Auftritt, der nicht zählt
In der amerikanischen Slam-Szene gibt es dafür eine feste Einrichtung, und sie hat einen wunderbar brutalen Namen.
Der Sacrificial Poet.
Auf Deutsch etwa: das Opferlamm.
Manche sagen auch freundlicher Kalibrierungs-Poet.
Das Prinzip: Vor dem eigentlichen Wettbewerb tritt jemand auf, der ganz normal bewertet wird, aber nicht mitspielt.
Seine Punkte zählen nicht.
Er ist da, damit die Jury ihre Skala einmal ausprobieren kann, ohne dass jemand dafür bezahlt.
Bei größeren Turnieren wird das Ritual sogar mehrfach eingesetzt: Wenn Juroren getauscht werden müssen, gibt es ein neues Opfergedicht, bevor es weitergeht.
Und weil selbst das nicht reicht, arbeiten manche Turniere zusätzlich mit Rotationssystemen.
Also nicht immer dieselbe Startreihenfolge, sondern von Runde zu Runde durchgetauscht, damit niemand ständig den ersten Platz erwischt.
Wenn ein Wettbewerb eigens ein Opferlamm einführt, ist der Nachteil der ersten Position kein Gefühl mehr. Sondern ein anerkannter Konstruktionsfehler.
Was du daraus mitnimmst
Erstens: Du bist nicht paranoid.
Die Szene hat für dein Problem ein eigenes Ritual erfunden.
Zweitens: Wenn dein Slam kein Opferlamm hat, weißt du jetzt, dass die erste Wertung des Abends systematisch zu niedrig ausfällt.
Rechne sie beim Vergleich einfach hoch.
Drittens, und das ist der praktische Teil: Meld dich freiwillig als Opferlamm, wenn du neu bist.
Denn du bekommst eine echte Bühne, echtes Publikum und echte Wertungen, aber ohne jeden Druck.
Es gibt keine bessere Trainingssituation.
04 · Die Werkzeuge
Sieben Taktiken für jede Poetry Slam Auftrittsreihenfolge
Also jetzt der Teil, den du wirklich beeinflussen kannst.
T1 · Bring drei Texte mit, nicht einen
Das ist die wichtigste Regel des ganzen Artikels.
Wer nur einen Text dabeihat, ist der Auslosung vollständig ausgeliefert.
Wer drei dabeihat, entscheidet erst nach dem Zettel, welcher gespielt wird.
Du brauchst dafür keine drei fertigen Meisterwerke, sondern drei Texte mit unterschiedlichem Charakter: einen lauten für kalte Räume, einen feinen für konzentrierte Momente und einen mit einem Ende, das sitzt.
Diese drei decken jede Startnummer ab, die du ziehen kannst.
T2 · Baue dir drei Einstiege für denselben Text
Wenn du wirklich nur einen Text hast, dann variier wenigstens die ersten fünfzehn Sekunden.
Für Startnummer 1 brauchst du einen Einstieg, der Ruhe erzwingt: kurz, laut, konfrontativ.
Für die Mitte einen, der neugierig macht, etwa eine seltsame Behauptung.
Für das Ende einen, der sofort ernst wird, weil der Saal schon alles gesehen hat.
Der Rest des Textes bleibt gleich.
Nur die Tür, durch die du reingehst, wechselt.
T3 · Frag nach dem Ablauf, nicht nur nach der Nummer
Die Startnummer allein sagt wenig.
Entscheidend ist, was um dich herum passiert.
Kommt vor dir eine Pause?
Kommt nach dir eine?
Wie viele treten überhaupt an?
Gibt es ein Opferlamm?
Diese vier Fragen kosten die Moderation zwanzig Sekunden und verändern deine Taktik komplett.
Denn Position 5 von 8 direkt nach der Pause ist in Wahrheit eine Eins.
T4 · Höre den Vorgänger, aber nur mit halbem Ohr
Du solltest wissen, welche Stimmung im Raum ist, wenn du drankommst.
War der Text vor dir ein Trauertext, brauchst du eine Brücke, sonst wirkt deine Pointe kalt.
War er albern, kannst du mit Ernst gewinnen.
Aber hör nicht so genau hin, dass du anfängst zu vergleichen.
Denn nichts zerstört einen Auftritt zuverlässiger als der Gedanke, dass der Vorherige besser war.
T5 · Nutze die ersten Sekunden als Reset
Egal welche Nummer du hast: Der Raum kommt von woanders her, wenn du die Bühne betrittst.
Gib ihm zwei Sekunden, um bei dir anzukommen.
Stell dich hin, atme einmal, schau in den Saal, und fang erst dann an.
Diese zwei Sekunden fühlen sich für dich wie eine Ewigkeit an und wirken auf alle anderen wie Souveränität.
Wie du das aufbaust, steht hier: Bewegung auf der Bühne.
T6 · Setze deinen Höhepunkt bewusst
Die Peak-End-Regel gibt dir zwei Hebel, und einen davon kontrollierst du komplett.
Das Ende des Abends kannst du dir nicht aussuchen, den emotionalen Gipfel schon.
Wenn du früh dran bist, dann bau einen Moment ein, der so stark ist, dass er die nächsten sieben Auftritte überlebt.
Ein Bild, eine Zeile, ein Bruch.
Genau ein solcher Moment reicht, um in der Erinnerung zu bleiben.
T7 · Hör auf, gegen die Nummer zu kämpfen
Die teuerste Sekunde des Abends ist die, in der du deine Startnummer siehst und innerlich abschließt.
Ich habe in Kiel meine Eins gezogen und danach dreißig Minuten lang mit dem Los diskutiert statt mit meinem Text.
Das hat mich mehr Punkte gekostet als jeder Score Creep.
Denn eine schlechte Position kostet dich vielleicht einen Punkt.
Eine schlechte Haltung kostet dich den ganzen Auftritt.

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Jetzt Kanal folgen05 · Der Präzedenzfall
Der Münzwurf, der zwei Karrieren entschied
18.
Juni 1967, Monterey, Kalifornien.
Unter der Bühne des Monterey International Pop Festival steht ein enger Raum voller Musiker.
Janis Joplin ist da.
Eric Burdon.
Brian Jones von den Rolling Stones, angezogen wie ein Regency-Prinz.
Und mittendrin streiten sich zwei Männer über genau das, worüber du gerade liest: die Reihenfolge.
Der eine ist Pete Townshend von The Who.
Der andere ist ein in Amerika völlig unbekannter Gitarrist namens Jimi Hendrix.
Beide sind dafür berüchtigt, am Ende ihrer Sets Instrumente zu zerstören.
Beide behaupten, es zuerst gemacht zu haben.
Und beide wissen: Wer nach dem anderen spielt, sieht aus wie ein Nachahmer.
Townshend sagt Hendrix ins Gesicht, dass The Who ihm nicht folgen werden.
Hendrix stellt sich daraufhin auf einen Stuhl, spielt von oben herab auf seiner Stratocaster und sagt einen Satz, der alles sagt.
„Wenn wir euch folgen müssen, hole ich alles raus, was ich habe.“
— Jimi Hendrix, sinngemäß, Monterey 1967
Doch der Streit wird nicht durch Argumente entschieden.
John Phillips, Mitorganisator des Festivals und Kopf der Mamas and the Papas, holt eine Münze raus.
Schließlich gewinnt Townshend den Wurf.
Also spielen The Who zuerst.
Damit zieht Hendrix die schlechte Startnummer.
The Who liefern ein Set, das in der Zerstörung sämtlicher Instrumente endet.
Die Bühne sieht danach aus wie ein Tatort aus Holz und Draht.
Danach spielen noch die Grateful Dead.
Und dann ist Hendrix dran.
Was ein Mensch macht, der die schlechtere Position gezogen hat
Nun hätte Hendrix zwei Möglichkeiten gehabt.
Erstens: sein normales Set spielen und hinterher erklären, dass die Reihenfolge unfair war.
Zweitens: die Position annehmen und daraus etwas bauen, das niemand vergisst.
Brian Jones kündigt ihn an als den aufregendsten Gitarristen, den er je gehört habe.
Dann spielt Hendrix.
Und am Ende, bei „Wild Thing“, kniet er sich vor seine Gitarre, übergießt sie mit Feuerzeugbenzin und zündet sie an.
Das Foto davon ging um die Welt.
Es ist bis heute eines der bekanntesten Bilder der Rockgeschichte.
Und jetzt die Pointe, auf die es hier ankommt.
Wäre die Münze anders gefallen, hätte Hendrix zuerst gespielt.
Also ohne den Zwang, irgendetwas zu übertreffen.
Die brennende Gitarre gäbe es vermutlich nicht.
Die schlechte Startnummer hat ihn nicht behindert. Sie hat ihn gezwungen, größer zu werden, als er geplant hatte.
VIDEO 01 · „Wild Thing“, Monterey 1967. Das ist der Klang einer angenommenen Startnummer.
06 · Die Bilanz
Poetry Slam Auftrittsreihenfolge: was du wirklich beeinflusst
Also jetzt ehrlich, und zwar in beide Richtungen.
Ja, der Effekt existiert.
Nein, er ist nicht dein Hauptproblem.
Denn schau dir an, worüber wir hier reden.
Die Studien finden systematische Verzerrungen, die über viele Wettbewerbe hinweg messbar sind.
Das heißt aber nicht, dass die Startnummer den Abend entscheidet.
Es heißt, dass sie mitspielt.
Bei zwei Texten auf gleichem Niveau kann die Position den Ausschlag geben.
Bei zwei Texten auf unterschiedlichem Niveau fast nie.
Also lohnt es sich, den Unterschied klar zu sehen.
| Nicht in deiner Hand | Vollständig in deiner Hand |
|---|---|
| Deine Startnummer | Welchen Text du bei dieser Nummer spielst |
| Wer in der Jury sitzt | Deine ersten fünfzehn Sekunden |
| Wie streng am Anfang gewertet wird | Wo dein emotionaler Höhepunkt sitzt |
| Wer vor dir auftritt | Ob du dich davon aus der Ruhe bringen lässt |
| Ob es eine Pause gibt | Ob du vorher danach gefragt hast |
Schau dir die rechte Spalte an.
Sie ist länger, und sie ist wichtiger.
Deshalb lautet die einzige Regel, die für jede Startnummer gilt, so:
Du kannst deine Startnummer nicht wählen. Aber du kannst wählen, mit welchem Text du sie beantwortest.

07 · Die Aufgabe
Das Worksheet: bau dir drei Startversionen
Also nimm jetzt deinen aktuellen Text und einen Stift.
Schritt 1 · Markiere deine ersten fünfzehn Sekunden
Zieh einen Strich nach dem Punkt, an dem du im Vortrag ungefähr fünfzehn Sekunden erreicht hast.
Alles davor ist deine Eintrittstür.
Wenn dieser Bereich aus Erklärungen, Begrüßung oder langsamer Exposition besteht, hast du auf Startnummer 1 keine Chance.
Denn in dieser Zeit entscheidet der Raum, ob er dir zuhört.
Schritt 2 · Schreib eine Kaltstart-Version
Bau einen zweiten Einstieg für denselben Text, gedacht für einen unruhigen Raum.
Er darf höchstens zwei Sätze lang sein, muss laut oder überraschend sein und braucht sofort ein Bild.
Diese Version spielst du auf Position 1 und direkt nach jeder Pause.
Notier sie dir auf demselben Blatt, damit du sie backstage in dreißig Sekunden auffrischen kannst.
Schritt 3 · Finde deinen Höhepunkt
Markier die eine Stelle in deinem Text, die am stärksten wirkt.
Wenn du sie nicht findest, hast du keine.
Und dann ist das dein eigentliches Problem, nicht die Startnummer.
Denn ohne Gipfel gibt es nichts, was die Peak-End-Regel für dich speichern könnte.
Schritt 4 · Der Zettel-Test
Schreib acht Zettel mit den Zahlen eins bis acht, falte sie und zieh einen.
Dann trag deinen Text sofort in der Version vor, die zu dieser Nummer passt.
Mach das eine Woche lang jeden Tag.
Danach ist die Auslosung für dich kein Schicksalsmoment mehr, sondern eine Information.
Drei Übungen für daheim
→ Der Abschluss: Schreib drei verschiedene letzte Sätze und sprich alle laut. Behalte den, nach dem du unwillkürlich stehen bleibst.
→ Der Kontrast: Hör dir einen fremden Slam-Text an und trag danach sofort deinen vor. Übe, bewusst anders zu klingen als das, was vorher war.
08 · Die Mängelliste
Sieben Fehler nach der Auslosung
F1 · Du diskutierst mit dem Los
Denn der Zettel ist gezogen, die Sache ist durch.
Jede Minute, die du mit Ärger verbringst, fehlt dir bei der Vorbereitung.
Und dein Frust ist auf der Bühne hörbar, auch wenn du es nicht merkst.
F2 · Du entschuldigst dich für deine Position
„Ich muss ja leider anfangen“ ist der schlechteste erste Satz der Slam-Geschichte.
Damit erklärst du dem Saal, dass du dich benachteiligt fühlst, bevor du eine Zeile gesagt hast.
Niemand vergibt Punkte für Mitleid.
F3 · Du spielst denselben Text wie immer
Wenn du drei Texte dabeihast und trotzdem automatisch deinen Lieblingstext nimmst, hast du die Auswahl umsonst getroffen.
Die Nummer soll die Entscheidung mitbestimmen, sonst brauchst du sie gar nicht erst zu erfragen.
F4 · Du vergleichst dich während der Wertung
Wenn du früh dran warst, wirst du bei jeder späteren Wertung rechnen.
Das macht den restlichen Abend zur Qual und ändert nichts.
Notier dir lieber, welche Texte funktioniert haben und warum.
F5 · Du wartest als Letzter im Kopf schon eine Stunde
Startnummer 8 heißt sechzig Minuten Anspannung.
Wer die ganze Zeit innerlich probt, steht am Ende leer auf der Bühne.
Geh raus, lauf einmal um den Block, komm zwei Auftritte vor dir zurück.
F6 · Du reagierst zu direkt auf den Vorgänger
Ein kurzer Bezug kann charmant sein, ein langer klaut dir Zeit und Aufmerksamkeit.
Und wenn der Vorgänger gerade abgeräumt hat, erinnerst du den Saal nur daran.
Bau die Brücke in zwei Sekunden und geh dann in deinen Text.
F7 · Du erklärst hinterher deine Punktzahl
Nach dem Slam an der Bar über Score Creep zu referieren, macht dich zum Erklärbären.
Alle wissen es.
Alle hatten es schon.
Wer als Erster ausgelost wurde und trotzdem gut gelaunt bleibt, gewinnt zwar keine Punkte, aber jede Menge Respekt.
Achtung, Werbung
Für jede Nummer gewappnet
Du kannst diesen Artikel jetzt zumachen und beim nächsten Slam wieder hoffen, dass das Glas gnädig ist.
Oder du sorgst dafür, dass es egal wird, was du ziehst.
Der Poetry Master ist kein Ratgeber zum Überfliegen.
Vielmehr ist er dein Trainingsraum: über 200 Storytricks, Einstiege, Schlusssätze und Auftritts-Hacks.
Also genau das Material, aus dem man drei Texte für drei Situationen baut.
Hol dir den Poetry Master – oder verhandle weiter mit einem Einmachglas.
09 · Nachfragen
Häufige Fragen zur Poetry Slam Auftrittsreihenfolge
Ist die Startnummer beim Poetry Slam wirklich wichtig?
Sie spielt nachweislich mit.
Jurys werten im Lauf eines Abends milder, dieser Effekt heißt Score Creep.
Studien zu Musikwettbewerben, Eurovision und Eiskunstlauf zeigen denselben Vorteil für späte Positionen.
Bei deutlich unterschiedlicher Textqualität entscheidet aber weiterhin der Text.
Welche Startnummer ist die beste?
Statistisch die letzte, weil dort Punkte-Inflation und Erinnerungsbonus zusammenkommen.
Viele erfahrene Slammer bevorzugen trotzdem Position 3, weil dort die Aufmerksamkeit am höchsten ist und die Wertungen schon nicht mehr ganz streng sind.
Was ist ein Opferlamm beim Slam?
Ein Auftritt vor dem eigentlichen Wettbewerb, der normal bewertet wird, aber nicht zählt.
Die Jury bekommt dadurch eine Orientierung für ihre Skala.
Im Englischen heißt das sacrificial poet oder Kalibrierungs-Poet.
Kann ich mir meine Startnummer aussuchen?
In aller Regel nicht, die Reihenfolge wird ausgelost.
Genau das macht sie fair, auch wenn sie sich unfair anfühlt.
Du kannst aber immer nachfragen, wie viele antreten und ob eine Pause geplant ist.
Was mache ich, wenn ich als Erster auftreten muss?
Nimm deinen lautesten Einstieg und deinen stärksten Text.
Verzichte auf langsamen Aufbau und entschuldige dich niemals für deine Position.
Rechne mit einer Wertung unter deinem Niveau und wertet es nicht als Urteil über deinen Text.
Sollte ich mehrere Texte mitbringen?
Unbedingt.
Drei Texte mit unterschiedlichem Charakter geben dir die Möglichkeit, nach der Auslosung zu entscheiden.
Das ist der einzige echte Hebel, den du gegen eine ungünstige Position hast.
Zurück nach Kiel
Die Eins, noch einmal
Übrigens stand ich zwei Jahre später wieder in demselben Kieler Keller.
Nämlich dasselbe Einmachglas.
Dieselbe schlechte Luft.
Ich griff rein, faltete auf, und da stand wieder eine Eins.
Doch diesmal habe ich nicht gestöhnt.
Denn diesmal hatte ich drei Texte in der Tasche.
Und für den lautesten davon hatte ich einen Einstieg gebaut, der genau für diesen Moment gedacht war.
Also bin ich raus, als der Saal noch redete.
Und ich habe den ersten Satz so gesagt, dass er aufgehört hat.
Gewonnen habe ich trotzdem nicht.
Es wurde ein dritter Platz, und der Typ mit der Sieben hat den Abend gemacht.
Aber danach kam die Moderatorin zu mir und sagte einen Satz, der mehr wert war als der Sieg.
„Du warst der Einzige, bei dem es egal war, wann er dran ist.“
Genau das ist das Ziel.
Nicht die gute Nummer.
Sondern der Zustand, in dem die Nummer keine Rolle mehr spielt.
Hendrix hat die schlechtere Position gezogen und daraus das berühmteste Bild seiner Karriere gemacht.
Du musst deine Gitarre dafür nicht anzünden.
Aber du musst aufhören, dich hinter dem Zettel zu verstecken.

Die Startnummer entscheidet, wie schwer es wird. Nicht, wer du auf dieser Bühne bist.
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