Giftschrank · fünf Bücher
Diese 5 Bücher wurden verboten – dein Erfolg als Poetry Slammer

Donnerstag, 16:05 Uhr, die Stadtbibliothek im alten Bahnhofsgebäude.
Luisa, 17, steht an der Ausleihtheke und sagt: „Ich suche verbotene Bücher.“
„Die krassesten, die ihr habt“, schiebt sie hinterher, denn in drei Wochen ist Schulslam, und danach soll keiner mehr ruhig sitzen.
Ralf, 63, Bibliothekar seit einer halben Ewigkeit, schaut sie über die Brille an.
Dann nimmt er einen kleinen Messingschlüssel vom Brett.
„Komm mit in den Keller.“
Unten steht ein alter Holzschrank mit einem Schloss, das quietscht.
Die Bibliothek hat ihn aus der Zeit behalten, als es noch Bücher gab, die man nur mit Genehmigung lesen durfte.
Heute stehen darin fünf Bände, die irgendwann irgendwo verboten waren.
„Such dir eins aus“, sagt Ralf.
„Aber vorher liest du die Karte dazu.“
Luisa und Ralf gibt es so nicht. Aber den Wunsch, mit einem Text endlich einmal richtig zu provozieren, kennt fast jeder, der auf eine Bühne will.
Kennst du das?
Du willst, dass dein Text knallt.
Dass die Leute danach diskutieren.
Dass er irgendwie gefährlich wirkt.
Und dann denkst du: Wer verboten wird, hat alles richtig gemacht.
Kein Bullshit:
Das stimmt höchstens zur Hälfte.
Verbotene Bücher wurden selten verboten, weil sie laut waren.
Sondern weil sie etwas gezeigt haben, das Mächtige nicht sehen wollten.
Dieser Unterschied entscheidet, ob dein Text wirkt oder nur Lärm macht.
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Jetzt Kanal folgenWas verbotene Bücher mit deinem nächsten Slam zu tun haben
Zweck: „Recherche für den Schulslam“
Ausgehändigt: 5 Katalogkarten
Frist: bis nach dem Auftritt
Genehmigt: Ralf, Unterschrift unleserlich
Ralf legt die fünf Katalogkarten auf den Tisch wie ein Kartenspiel.
Jede hat unten ein kleines Loch.
Früher steckte da eine Metallstange durch, damit niemand Karten aus dem Kasten nehmen konnte.
„Verbote funktionieren genauso“, sagt Ralf.
„Sie sollen etwas festhalten, das eigentlich wandern will.“
Wer ein Buch verbietet, verrät dabei immer etwas über sich selbst.
Nämlich, was ihn erschreckt hat.
Und genau das ist für dich als Slammer spannend.
Denn die Frage ist nicht, wie du verboten wirst.
Die Frage ist, was an diesen Büchern so stark war, dass jemand es nicht aushalten konnte.
Fünf Karten, fünf Antworten.
Und keine davon heißt: möglichst eklig sein.
Karte 1 · 1844: Heine lacht Preußen aus
FREI
Heinrich Heine lebte seit Jahren in Paris, als er Ende 1843 noch einmal nach Deutschland reiste.
Aus dieser Reise wurde sein berühmtes Versepos, das „Wintermärchen“.
Siebenundzwanzig Kapitel, gereimt, bissig, voller Heimweh und voller Spott.
Am 4. Oktober 1844 wurde das Buch in Preußen verboten und beschlagnahmt.
Im Dezember ließ der preußische König einen Haftbefehl gegen Heine ausstellen.
Das Schönste an der Geschichte ist aber der Trick davor.
Bücher mit mehr als zwanzig Druckbogen mussten damals nicht vor dem Druck zur Zensur.
Also erschien das Wintermärchen zusammen mit anderen Gedichten in einem dickeren Band.
Heine und sein Verlag haben die Zensur mit Seitenzahlen ausgetrickst.
Wenigstens für ein paar Wochen.
Was lernst du daraus?
Spott ist gefährlicher als Gebrüll.
Ein König, über den der Saal lacht, sieht kleiner aus als einer, den man beschimpft.
Und eine Reise ist eine großartige Form für einen Slamtext.
Du fährst durch deine Stadt, deine Schule, dein Land und beschreibst, was du siehst.
Bissig, aber mit Liebe.
Genau diese Mischung macht es so schwer, dich abzuwehren.
Karte 2 · 1933: Remarque, Kästner und das Feuer
FREI
„Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque erschien 1929.
Ein Roman über den Ersten Weltkrieg, erzählt von einem jungen Soldaten, ganz ohne Heldenpose.
Keine Fahnen, keine großen Siege, nur Schlamm, Angst und Freunde, die nicht zurückkommen.
Die Nationalsozialisten hassten das Buch.
Am 10. Mai 1933 warfen Studenten in vielen deutschen Städten Bücher ins Feuer, dieses gehörte dazu.
In Berlin stand an diesem Abend ein Autor in der Menge, dessen Bücher ebenfalls brannten: Erich Kästner.
Er hat später selbst beschrieben, wie er dort stand und zusah.
Gut hundert Jahre vorher hatte Heinrich Heine in seinem Drama „Almansor“ geschrieben: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Der Satz steht heute am Denkmal für die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz.
Was lernst du daraus?
Die kleine Perspektive ist die stärkste.
Remarque hat keinen Krieg erklärt, er hat einen Soldaten erzählen lassen.
Keine These, sondern ein Mensch.
Für deinen Text heißt das: Erzähl das große Thema durch eine einzige Figur.
Nicht „Krieg ist schlimm“, sondern ein Brief, der nie ankommt.
Nicht „Armut ist ungerecht“, sondern der Pfandbon, den jemand viermal nachzählt.
Das Publikum kann einer These widersprechen.
Einem Menschen kaum.

Karte 3 · 1949: Orwell und die Wörter, die das Denken abschaffen
FREI
George Orwell veröffentlichte „1984“ im Jahr 1949.
In der Sowjetunion war der Roman bis 1988 verboten.
Er wurde heimlich abgeschrieben und weitergegeben, und wer das tat, ging ein hohes Risiko ein.
Erst 1989 erschien er dort offiziell, in der Literaturzeitschrift „Nowy Mir“.
Das Unheimlichste an „1984“ ist gar nicht die Überwachung.
Es ist eine Sprache, die im Buch „Neusprech“ heißt.
Sie streicht so lange Wörter, bis bestimmte Gedanken nicht mehr gedacht werden können.
Was lernst du daraus?
Hör dir deine eigenen Floskeln an.
Jede fertige Formel erspart dir einen Gedanken.
Ein starker Slamtext nimmt so eine Formel und dreht sie so lange, bis sie ihre Wahrheit ausspuckt.
Floskel-Presse · drei Drehungen
Eigene Beispielzeilen, frei zum Weiterdrehen.
Merkst du den Unterschied?
Die Floskel schließt eine Tür.
Die Drehung macht sie wieder auf.
Das wirkt Wunder, gerade bei Themen, über die alle schon alles gesagt haben.
Karte 4 · 1957: Pasternak und das Manuskript, das ausreiste
FREI
Boris Pasternak durfte seinen Roman „Doktor Schiwago“ in der Sowjetunion nicht veröffentlichen.
Das Manuskript gelangte ins Ausland, und 1957 erschien der Roman zuerst in Italien.
1958 bekam Pasternak den Literaturnobelpreis.
Unter dem Druck der Behörden lehnte er ihn ab.
In seiner Heimat konnte das Buch erst 1988 erscheinen.
Was lernst du daraus?
Ein Text findet seinen Weg, wenn er fertig ist.
Pasternak hat nicht auf eine Erlaubnis gewartet, bevor er schrieb.
Für dich geht es um etwas viel Kleineres, aber es fühlt sich manchmal ähnlich an.
Warte nicht, bis dir jemand sagt, dass dein Thema erlaubt ist.
Schreib es fertig.
Ob und wo du es zeigst, entscheidest du danach.
Heute hast du dafür mehr Wege als je zuvor.
Achte beim Schauen darauf, welche Wege es heute gibt, die Pasternak nicht hatte.
Und überleg, welcher davon zu deinen Texten passt, falls sie irgendwann zwischen zwei Buchdeckel wollen.
Karte 5 · 1988: Rushdie und der Preis der Freiheit
FREI
„Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie erschienen 1988.
Indien verbot die Einfuhr noch im selben Jahr, viele Länder folgten.
Am 14. Februar 1989 rief Irans Revolutionsführer Chomeini zur Tötung Rushdies auf.
Rushdie lebte danach viele Jahre unter Polizeischutz.
1991 wurde sein japanischer Übersetzer ermordet.
2022 wurde Rushdie bei einer Veranstaltung in den USA mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt.
Er hat überlebt.
Was lernst du daraus?
Freiheit ist nichts, was einfach da ist.
Sie wird immer wieder bezahlt, manchmal von anderen als denen, die schreiben.
Das heißt nicht, dass du mit jedem Text dein Leben riskieren sollst.
Es heißt, dass es ein Privileg ist, frei reden zu dürfen.
Und dass Mut nicht bedeutet, andere möglichst hart zu treffen.
Mut bedeutet, das Wahre zu sagen, obwohl es dich etwas kostet.
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Jetzt Kanal folgenDie Warnetiketten an der Schranktür
Als Luisa den Schrank wieder schließen will, zeigt Ralf auf die Innenseite der Tür.
Dort kleben fünf alte Etiketten, wie auf Apothekenflaschen.
„Die hab ich für Leute wie dich geschrieben“, sagt er und grinst.
Luisa liest sie und wird ein bisschen rot.
Denn das zweite hätte auch auf ihrem Notizbuch kleben können.
Aber hier kommt der Haken:
Ein Text, der nur schockt, verbraucht sich schneller als jeder andere.
Beim ersten Mal hält der Saal die Luft an.
Beim dritten Mal wartet er nur noch auf den Schock und hört den Rest nicht mehr.
Und du musst beim nächsten Mal noch eine Stufe drauflegen.
So wird aus Mut ein Zwang.
Die Bücher im Schrank funktionieren anders.
Sie verstören, weil sie genau hinschauen, nicht weil sie möglichst viel Dreck werfen.
Grauzone · keine Rechtsberatung
Das Grundgesetz sagt in Artikel 5 Absatz 3: Kunst ist frei.
Grenzenlos ist das trotzdem nicht, denn die Kunstfreiheit stößt an andere Grundrechte, etwa an das Persönlichkeitsrecht echter Menschen.
Heikel wird es bei Volksverhetzung, Beleidigung realer Personen, Bedrohungen und Aufrufen zu Straftaten.
Mehr dazu steht in unserem Beitrag über die Grenzen der Satire. Im Zweifel fragst du eine Fachanwältin, bevor du auf die Bühne gehst.
Luisas Rückgabe
Zustand der Karten: benutzt, Karte 1 mit Eselsohr
Notiz der Leserin: „Die Hälfte von uns hat Angst vor dem Abi, und alle tun so, als wär’s egal.“
Drei Wochen später war Schulslam.
Luisa hat kein Skandal-Gedicht geschrieben.
Sie hat eine Reise geschrieben, ganz nach Heine.
Mit der Linie 7 von der Haustür bis zum Schultor, vorbei am Rathaus, am Handyladen, am Lehrerzimmer.
Bissig, aber mit Liebe.
In der Mitte stand ein einziger Mensch: ihr Sitznachbar, der seit Wochen nichts mehr sagt.
Und am Ende stand der Satz, den an ihrer Schule niemand laut sagt.
Die Hälfte von uns hat Angst vor dem Abi, und alle tun so, als wär’s egal.
Es wurde still in der Aula.
Dann hat der Schulleiter gelacht, genau an der Stelle über ihn, und danach sehr nachdenklich geguckt.
Verboten hat den Text niemand.
Aber in der Pause haben drei Leute aus der Zwölften gefragt, ob sie ihn abfotografieren dürfen.
Am Montag hat Luisa die Karten zurückgebracht.
Ralf hat den Leihschein gestempelt und die Rückseite gelesen.
„Das ist der gefährlichste Satz im ganzen Keller“, hat er gesagt.
„Weil er stimmt.“
Also merke:
Du musst nicht verboten werden, um etwas zu bewegen.
Du musst nur etwas zeigen, das alle kennen und keiner ausspricht.
Das ist der eigentliche Inhalt aller Bücher im Giftschrank.
Und er passt in sechs Minuten.
Hör beim Zuhören genau hin, wo aus Verstören Verletzen werden könnte.
Und entscheide dann selbst, wo deine Grenze liegt.
Bonus: Leih dir eins der fünf Bücher aus, ganz ohne Genehmigung.
Das ist das Schönste an der ganzen Geschichte.
