12 Fragen · Ruhestand
Poetry Slam zum Ruhestand: die letzte Fahrt vor dem Depot

Donnerstag, kurz vor fünf.
Birgit sitzt im Pausenraum des Stellwerks.
Vor ihr liegt ein leeres Blatt.
In drei Wochen geht Gerd in Rente.
46 Jahre bei der Bahn, die meisten davon als Fahrdienstleiter.
Und der Chef hat gesagt: „Birgit, du kennst ihn am längsten.“
„Sag du was.“
Birgit hat noch nie vor mehr als fünf Leuten gesprochen.
Sie hat Gerd gern.
Sehr gern sogar.
Aber reden?
Vor der ganzen Belegschaft?
Also hat sie mir geschrieben.
Zwölf Fragen, eine nach der anderen.
Hier sind sie – mit meinen Antworten.
Ehrlich und ohne Schönfärberei.
Birgit und Gerd sind erfunden. Ihre Fragen aber sind typisch – so oder so ähnlich stellt sie fast jeder, der zum ersten Mal eine Rede zum Ruhestand halten soll.
Vielleicht bist du gerade in genau dieser Lage.
Jemand geht.
Jemand, der dir wichtig ist.
Und du sollst etwas sagen.
Dann lies weiter.
Birgits Fragen sind auch deine.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenTeil 1: Vor dem Schreiben
Weil du ihn kennst.
Nicht seine Personalakte.
Ihn.
Du weißt, wie er seinen Kaffee trinkt.
Du weißt, welches Lied er summt, wenn der Güterzug Verspätung hat.
Du weißt, wann er Witze macht und wann er lieber schweigt.
Ein Profi-Redner wüsste das alles nicht.
Und genau deshalb bist du die richtige Wahl.
Also merke: Bei einer Ruhestandsrede zählt nicht, wie gut du redest.
Es zählt, wie gut du hinschaust.
Quatsch!
Der Lebenslauf gehört ins Personalbüro.
Auf eine Feier gehören Dinge.
Klingt komisch?
Probier es aus.
Die Drei-Dinge-Methode
- Ein Ding von seinem Arbeitsplatz. Der Becher, der Schlüssel, der Kugelschreiber, den keiner anfassen durfte.
- Ein Ding, das er immer dabeihatte. Die Uhr, das Taschenmesser, das zerknitterte Foto im Portemonnaie.
- Ein Ding, das er ab jetzt braucht. Wanderschuhe, Angelrute, Gummistiefel.
Zu jedem Ding erzählst du eine kleine Geschichte.
Fertig ist dein Gerüst.
Bei Gerd waren das der Becher mit dem abgebrochenen Henkel.
Die Taschenuhr seines Vaters, die er jeden Morgen mit der Bahnhofsuhr verglichen hat.
Und ein Paar Gummistiefel.
Denn Gerd will ab jetzt Kartoffeln anbauen.
Drei Dinge, drei Geschichten, ein ganzes Arbeitsleben.
Kürzer, als du denkst.
Drei bis fünf Minuten.
Das sind grob 400 bis 650 gesprochene Wörter.
Mehr hält niemand aus, der Hunger hat und neben dem Buffet sitzt.
Und ehrlich …
Wenn du nach vier Minuten aufhörst und alle noch mehr hören wollen, hast du alles richtig gemacht.
Du darfst nicht nur.
Du solltest.
Lachen ist an so einem Tag eine Form von Respekt.
Es sagt: Wir kennen dich wirklich.
Es gibt nur eine Regel.
Du lachst mit ihm, nicht über ihn.
Mach vor jeder Pointe den Gerd-Test.
Frag dich: Würde er selbst darüber lachen – vor allen Leuten?
Wenn ja: rein damit.
Wenn nein: raus damit, egal wie gut sie ist.
Teil 2: Beim Schreiben

Dann ist das die wichtigste Frage von allen.
Denn für viele Menschen ist der Ruhestand kein Urlaub.
Er ist ein Umzug.
Raus aus einer Rolle, die man jahrzehntelang getragen hat.
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr der Fahrdienstleiter bin?
Wer ruft mich noch an?
Wofür stehe ich morgens auf?
Du musst diese Fragen in deiner Rede nicht beantworten.
Aber du kannst zeigen, dass du sie siehst.
Ein Satz reicht.
Etwa: „Gerd, das Stellwerk wird ohne dich leiser – und du vielleicht auch ohne das Stellwerk.“
So ein Satz tut nicht weh.
Er zeigt, dass du verstanden hast.
Stimmt, das klingt abgedroschen.
Weil es für jeden gilt.
Frag stattdessen seine Familie oder seine Freunde, was er wirklich vorhat.
Nicht: reisen.
Sondern: mit dem Wohnmobil ans Nordkap, weil er das vor 40 Jahren seinem Bruder versprochen hat.
Nicht: Garten.
Sondern: Kartoffeln, drei Sorten, und eine davon heißt „Linda“.
Die Zukunft berührt erst, wenn sie konkret wird.
Nicht mit „Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind heute hier, um …“
Das weiß jeder.
Alle sind ja da.
Fang mit einem Moment an.
Mit einer Uhrzeit, einem Ort, einem Geräusch.
Textprobe · so kann ein Anfang klingen
Vier Uhr zwölf.
Das Telefon im Stellwerk klingelt.
Draußen ist es noch dunkel.
Und Gerd sagt, wie jeden Morgen seit 46 Jahren:
„Na, wer will was von mir?“
Nach drei Sätzen sind alle im Stellwerk.
Und keiner schaut mehr aufs Handy.
Mit einem Satz, den er mit nach Hause nehmen kann.
Kein „Alles Gute für die Zukunft“.
Das steht schon auf der Karte.
Nimm ein Bild aus seiner Welt.
Bei einem Fahrdienstleiter liegt es auf der Hand.
46 Jahre lang hat er anderen die Fahrt freigegeben.
Jetzt gibt ihm jemand die Fahrt frei.
Gerd, Signal auf Grün. Diesmal fährst du.
Teil 3: Vor dem Auftritt
Dann weinst du eben.
Ehrlich: Das ist das Schönste, was passieren kann.
Niemand im Raum wird dich dafür schlechter finden.
Alle werden denken: So viel hat er ihr bedeutet.
Trotzdem ein paar Tricks, damit du durchkommst.
Notfallplan für feuchte Augen
- Ein Glas Wasser in Reichweite stellen.
- Den letzten Absatz extra groß ausdrucken.
- Wenn es kommt: Pause, einatmen, Blick auf den Zettel, weiterlesen.
- Vorher einen ruhigen Menschen im Publikum aussuchen und ihn anschauen.
Nein.
Reime sind wie Weichen.
Wenn sie gut gestellt sind, merkt man sie nicht.
Wenn nicht, entgleist alles.
Setz lieber auf Rhythmus.
Kurze Sätze.
Wiederholungen.
Zum Beispiel ein Satz, der dreimal kommt.
Rhythmus statt Reim
Gerd war da.
Beim Stromausfall im Januar.
Gerd war da.
Beim Schneesturm, als kein Zug mehr fuhr.
Gerd war da.
Beim Geburtstag der Kollegin, den alle anderen vergessen hatten.
Hörst du, wie das trägt?
Kein einziger Reim.
Und trotzdem klingt es wie ein Gedicht.
Im Auto.
Im Keller.
Oder mit einer Kollegin, die dichthalten kann.
Nimm dich einmal mit dem Handy auf.
Du wirst dich komisch finden.
Das tun alle.
Hör trotzdem zu und markier die Stellen, an denen du zu schnell wirst.
Dreimal üben reicht.
Beim zehnten Mal wird es auswendig – und damit steif.
Umso besser.
Sprecht euch vorher ab.
Der Chef macht die Zahlen: Dienstjahre, Stationen, Dank der Firma.
Du machst das Herz.
Und wenn du wählen darfst, sprich nach ihm.
Das Herz gehört ans Ende.
Schau einem Profi zu
Bevor du übst, sieh dir an, wie ein erfahrener Slammer ein Publikum führt.
Der Titel ist schon Programm.
Achte dabei nicht nur auf die Pointen.
Achte auf die Pausen davor.
Wie lange wartet er?
Wann schaut er ins Publikum?
Wann lässt er einen Satz einfach stehen?
Genau diese Pausen brauchst du auch.
Vor allem vor deinem letzten Satz.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenDein Abschieds-Check
Bevor du aufstehst, geh diese Liste einmal durch.
Und jetzt du.
Welche drei Dinge gehören zu deinem Menschen?
Wenn du die drei Dinge hast, ist die halbe Rede geschrieben.
Ehrlich.
Der Rest ist Erzählen.
Und Gerd?
Freitag, drei Wochen später.
Die Kantine ist voll.
Der Chef spricht über 46 Dienstjahre.
Gerd nickt höflich.
Dann steht Birgit auf.
Sie hat einen Becher in der Hand.
Den mit dem abgebrochenen Henkel.
Sie stellt ihn auf den Tisch.
Daneben legt sie eine Taschenuhr.
Und zuletzt ein Paar Gummistiefel.
Die ersten lachen, bevor sie ein einziges Wort gesagt hat.
Sie erzählt vom Becher.
Von der Uhr.
Von den Kartoffeln.
Dann macht sie eine Pause.
Und sagt ihren letzten Satz.
Gerd, Signal auf Grün. Diesmal fährst du.
Gerd steht auf.
Er sagt nichts.
Er zieht die Gummistiefel an, mitten in der Kantine.
Dann geht er einmal langsam durch den ganzen Raum.
Die Kolleginnen und Kollegen stehen auf und klatschen.
Birgit hat vier Minuten geredet.
Sie hatte Angst, dass sie weint.
Geweint hat am Ende Gerd.
Und du?
Du musst kein Profi sein.
Du musst nur hinschauen.
Such dir heute noch drei Dinge.
Der Rest kommt von allein.
