Das ABC · Merkmale
Poetry Slam Merkmale: die Baureihe erkennen

Bahnsteig 3, Samstagmorgen.
Ben, 14, hört ein Brummen, noch bevor der Zug zu sehen ist.
„Eine 218“, sagt er.
Sein Vater schaut von der Zeitung hoch.
Dreißig Sekunden später rollt eine rote Diesellok ein.
Baureihe 218.
Ben hat recht.
Wie immer.
Er erkennt jede Baureihe am Klang.
Am Umriss.
An der Form der Scheinwerfer.
Am Montag bekommt er in Deutsch eine Aufgabe.
„Nenne die typischen Merkmale eines Poetry-Slam-Textes.“
Ben stöhnt.
Merkmale auswendig lernen?
Langweiliger geht es nicht.
Bis sein Vater am Abend etwas sagt, das alles verändert.
Ben und sein Vater sind erfunden. Die Baureihe 218 gibt es wirklich – und die Merkmale von Poetry Slam auch.
Kennst du das?
Du sollst Merkmale lernen.
Eine Liste mit Begriffen.
Du lernst sie auswendig, schreibst sie in die Arbeit.
Und eine Woche später ist alles weg.
Das liegt daran, dass eine Liste nichts mit dir zu tun hat.
Aber was, wenn du Merkmale so lernst wie Ben seine Loks?
Nicht auswendig.
Sondern so, dass du einen Slamtext sofort erkennst.
Am Klang.
Am Umriss.
An den kleinen Details.
Heute bekommst du dafür zwei Dinge.
Einen Steckbrief.
Und ein ABC von A bis Z.
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Jede Baureihe hat ein Fabrikschild.
Darauf steht alles Wichtige auf einen Blick.
So sieht das Schild für Poetry Slam aus.
Fabrikschild · Baureihe Poetry Slam
Wenn du nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnimmst, dann dieses Schild.
Es passt auf einen Spickzettel.
Und es beantwortet die Frage „Was ist Poetry Slam?“ in einer Minute.
Das ABC: A bis F
Jetzt wird es genauer.
26 Buchstaben, 26 Merkmale.
Manche sind Regeln.
Manche sind Gewohnheiten der Szene.
Und manche sind einfach typisch.
Applaus
Die Währung des Abends. Bei manchen Slams entscheidet er sogar über den Sieg.
Bühne
Oft nur ein Mikro und ein bisschen Licht. Mehr braucht es nicht.
Chicago
Hier wurde das Format Mitte der 1980er-Jahre erfunden, als Erfinder gilt Marc Kelly Smith.
Direkte Ansprache
Slamtexte reden oft mit dem Publikum, nicht nur vor ihm.
Eigene Texte
Die wichtigste Regel: Wer vorträgt, hat selbst geschrieben.
Finale
Die Besten eines Abends treten noch einmal an. Oft entscheidet dann der Applaus.
E ist der wichtigste Buchstabe von allen.
Eigene Texte.
Ohne diese Regel wäre Poetry Slam einfach eine Lesung.
Mit ihr wird es ein Wettbewerb der eigenen Stimmen.
Das ABC: G bis M
Genre-Mix
Gedicht, Geschichte, Rap-artiges, Kabarett – erlaubt ist fast alles, was selbst geschrieben ist.
Humor
Häufig, aber keine Pflicht. Die stärksten Texte kippen oft vom Lachen in die Stille.
Ich
Das lyrische Ich spricht oft sehr persönlich, ist aber nicht automatisch die Person auf der Bühne.
Jury
Meist zufällig ausgewählte Menschen aus dem Publikum.
Kostüme
Nicht erlaubt. Genauso wenig wie Hüte, Stofftiere und andere Requisiten.
Lampenfieber
Gehört dazu. Auch bei denen, die seit zwanzig Jahren auftreten.
Moderation
Führt durch den Abend, erklärt die Regeln und wählt die Jury aus.
Achte auf I.
Das ist die Stelle, an der in Klausuren die meisten Punkte verloren gehen.
Wer „die Autorin sagt“ schreibt, obwohl eine Figur im Text spricht, liegt daneben.
Also merke: Im Text spricht ein Ich.
Auf der Bühne steht ein Mensch.
Die beiden können sich sehr ähnlich sein.
Aber sie sind nicht automatisch dasselbe.
Das ABC: N bis S
Neologismus
Erfundene Wörter sind im Slam beliebt, weil sie überraschen.
Opferlamm
Tritt zuerst außer Konkurrenz auf, damit die Jury ihre Wertung eichen kann.
Performance
Stimme, Tempo, Blick und Gesten sind Teil des Textes.
Quatsch
Darf sein! Unsinn und Wortspiel haben auf Slambühnen ihren festen Platz.
Rhythmus
Slamtexte sind für das Ohr geschrieben. Man hört sie, bevor man sie versteht.
Slam
Englisch, bedeutet etwa „zuschlagen“ oder „knallen“ – und so klingt es manchmal auch.
P und R gehören zusammen.
Ein Slamtext ist nicht fertig, wenn er auf dem Papier steht.
Er ist erst fertig, wenn er gesprochen wird.
Wie viel Performance und Rhythmus ausmachen, erklärt dieses Tutorial.

Das ABC: T bis Z
Teamtext
Zwei oder mehr Menschen tragen einen Text gemeinsam vor.
U20
Slams nur für junge Menschen unter 20. Für viele der erste Schritt auf die Bühne.
Verletzlichkeit
Die ehrlichsten Momente entstehen, wenn jemand etwas Persönliches wagt.
Wiederholung
Das wichtigste Stilmittel auf der Bühne, denn das Publikum hört den Text nur einmal.
X-beliebige Themen
Von der Tiefkühlpizza bis zur Trauer – alles kann Stoff sein.
YouTube
Viele Auftritte landen online. So hat die Szene ein riesiges Publikum gefunden.
Zeitlimit
Meist zwischen fünf und sieben Minuten, je nach Veranstaltung.
Und jetzt ein Test.
Schau dir diesen Auftritt an.
Wie viele Buchstaben aus dem ABC findest du darin?
Zehn sind ein guter Wert.
Fünfzehn sind hervorragend.
Und wenn du mehr als zwanzig findest, erkennst du Poetry Slam schon so sicher wie Ben seine Baureihen.
Vom Erkennen zum Schreiben
Merkmale kennen ist gut.
Merkmale nutzen ist besser.
Wenn du selbst einen Text schreibst, kannst du das ABC als Checkliste nehmen.
Nicht alle Merkmale müssen drin sein.
Aber die wichtigsten.
Kein Bullshit: Ein Text, der alle sieben Haken hat, ist noch kein guter Text.
Aber er ist ein echter Slamtext.
Der Rest ist Übung.
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Montagabend.
Ben sitzt über der Aufgabe und kommt nicht weiter.
Sein Vater setzt sich dazu.
„Woran erkennst du eine 218?“
Ben zählt auf: das Brummen, die Form, die Scheinwerfer, die Farbe.
„Und woran erkennst du einen Slam?“
Ben überlegt.
Dann schreibt er.
Eigener Text.
Zeitlimit.
Keine Requisiten.
Publikum als Jury.
Wiederholungen.
Er schreibt nicht mehr ab.
Er erkennt.
Zwei Wochen später gehen die beiden zum ersten Mal zu einem Slam.
Ben flüstert die ganze Zeit.
„Opferlamm.“
„Anapher.“
„Direkte Ansprache.“
Sein Vater muss grinsen.
Und auf dem Heimweg sagt Ben: „Ich glaube, ich schreibe einen Text über die 218.“
Über das Brummen, das man hört, bevor man den Zug sieht.
Das ist das Schöne an Merkmalen.
Wenn du sie wirklich kennst, willst du sie irgendwann selbst benutzen.
Welcher Buchstabe fehlt dir noch im ABC?
