Ein Anzeigenmarkt · Regeln für Auftritte
24 ungewöhnliche Regeln für Auftritte [Der No-Bullshit-Guide]

Samstagmorgen, Wartesaal am kleinen Bahnhof, der Kreisanzeiger liegt aufgeschlagen auf der Bank.
Fritzi blättert sofort nach hinten zu den Kleinanzeigen, wie jeden Samstag seit einem halben Jahr.
Dort steht, zwischen einem Kinderwagen und einer Katzenpflege, wieder eine von vierundzwanzig Regeln für Auftritte.
Jede Woche eine.
Immer unter „Verschiedenes“.
Immer mit derselben Unterschrift: Chiffre 24.
Fritzi schneidet sie aus und klebt sie in ihr Notizbuch.
Dreiundzwanzig Schnipsel hat sie inzwischen.
Wer die Anzeigen aufgibt, weiß sie nicht.
Nur, dass ihr fast jede davon schon einen Abend gerettet hat.
Fritzi, Chiffre 24 und den Kreisanzeiger gibt es so nicht. Aber Regeln, die jemand teuer bezahlt und dann verschenkt, gibt es in jeder Szene.
Kennst du das?
Du liest Tipps für deinen Auftritt, und alle klingen gleich.
Sei authentisch.
Atme tief.
Glaub an dich.
Klingt gut und hilft dir am Mikrofon genau null.
Die Regeln, die wirklich helfen, stehen selten in Ratgebern.
Sie sind unbequem.
Und fast jede hat eine Geschichte, meistens eine peinliche.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenBei der Bahn gibt es dafür ein schönes Prinzip.
Jede Regel im Betriebsbuch steht dort, weil einmal etwas passiert ist.
Ein Regelwerk ist keine Sammlung von Meinungen.
Es ist eine Sammlung von Schäden, die niemand noch einmal haben will.
Und eine Vorschrift nimmt dir Entscheidungen ab, damit du an anderer Stelle denken kannst.
Wer bei jeder Fahrt neu übers Bremsen nachdenkt, schaut nie aus dem Fenster.
Genau dafür sind diese Regeln da.
Sie machen dir den Kopf frei für deinen Text.
Keine einzige sagt dir, was du schreiben sollst.
Kurz vorweg: Nimm dir drei davon mit.
Vierundzwanzig auf einmal schafft niemand, und das ist auch nicht der Zweck.
Vor der Abfahrt: Regeln für Auftritte, bevor dein Name fällt
Biete
Eine Stunde Vorsprung
Wer früher kommt, muss nicht mehr ankommen. Ankommen kostet Kraft, die dir oben fehlt.
Chiffre 01
Suche
Warme Mahlzeit, zwei Stunden vorher
Leerer Magen: In Runde zwei bist du weg. Voller Bauch: Die Stimme wird flach.
Chiffre 02
Verschenke
Das Bier vor dem Auftritt
Nimmt nicht die Nervosität, nur das Timing. Danach gern.
Chiffre 03
Biete
Genau einen Text
Wer zwei dabeihat, entscheidet bis zuletzt und trägt unentschlossen vor. Ausnahme: mehrere Runden.
Chiffre 04
Suche
Moderation, die meinen Namen richtig sagt
Zehn Sekunden vorher hingehen. Sonst korrigierst du oben zuerst.
Chiffre 05
Biete
Leeren Raum zur Besichtigung
Einmal dort stehen, wo du später stehst. Dein Körper merkt sich den Weg.
Chiffre 06
Die erste Rubrik handelt von allem, was vor deinem ersten Wort passiert.
Und sie klingt verdächtig banal.
Früher kommen, vorher essen, kein Bier.
Kein Bullshit: Genau an diesen banalen Dingen scheitern erstaunlich viele Abende.
Wer fünf Minuten vor Beginn hereinstürzt, ist beim Auftritt innerlich noch draußen.
Wer mit leerem Magen anfängt, ist in Runde zwei nicht mehr da.
Und ein Bier nimmt dir nicht die Nervosität, nur das Timing.
Timing ist auf einer Slambühne fast alles.
Auch Chiffre 04 hat es in sich.
Wer zwei Texte dabeihat, entscheidet bis zur letzten Sekunde.
Und trägt dann unentschlossen vor.
„Das ist mir zu streng, ich mach das lieber nach Gefühl.“
Kannst du.
Nur bezahlst du dafür mit Abenden.
Eine Regel ist nichts anderes als eine Erfahrung, die dir jemand geschenkt hat.
Auf der Strecke: die sechs Minuten, um die es geht
Biete
Drei Sekunden Stille, kaum gebraucht
Stehen, warten, dann anfangen. Sonst verschenkst du die ersten zwei Sätze.
Chiffre 07
Verschenke
Vorreden aller Art
Kein „Der Text handelt von“. Einzige Ausnahme: die Warnung vor schweren Inhalten.
Chiffre 08
Suche
Niemanden, der sich entschuldigt
Nicht für Stimme, Nerven, Text. Eine Entschuldigung lädt den Raum zum Bewerten ein.
Chiffre 09
Biete
Stimme für die letzte Reihe
Dann bist du laut genug, und alle davor fühlen sich mitgemeint.
Chiffre 10
Tausche
Verhaspler gegen Wiederholung
Den Satz einfach noch einmal sagen, ohne Kommentar. Wirkt wie ein Stilmittel.
Chiffre 11
Biete
Zwei Sekunden nach dem letzten Wort
Stehen bleiben. Applaus braucht Anlauf.
Chiffre 12
Diese Rubrik beginnt in dem Moment, in dem dein Name fällt.
Und die wichtigste Anzeige darin ist die kürzeste.
Drei Sekunden stehen, bevor du anfängst.
Nicht atmen üben, nicht lächeln, einfach stehen.
Der Saal braucht diese Zeit, um von der Moderation zu dir zu wechseln.
Wer sofort loslegt, verschenkt seine ersten zwei Sätze.
Die schwerste Anzeige ist Chiffre 09.
Eine Entschuldigung lädt den Raum ein, dich zu bewerten.
Vorher hat er nur zugehört.
Und dann das Ende.
Bleib nach dem letzten Wort zwei Sekunden stehen.
Wer sofort geht, nimmt dem Saal die Reaktion weg.
Zähl innerlich bis zwei, bevor du dich bewegst.
Oben fühlt es sich an wie zehn Sekunden.
Unten sieht es aus wie Souveränität.
Übrigens: Keine dieser sechs Regeln betrifft deinen Text.
Sie betreffen den Rahmen.
Und der entscheidet mehr, als den meisten lieb ist.
Ein guter Text in einem schlechten Rahmen kommt nicht an.
Ein mittlerer Text in einem guten Rahmen schon.
Wie man das Material selbst baut, hat der Schriftsteller Kurt Vonnegut in acht Regeln für Kurzgeschichten gefasst, 1999 im Vorwort seines Erzählbands „Bagombo Snuff Box“.
Die erste sagt sinngemäß: Nutze die Zeit eines fremden Menschen so, dass er sie nicht für verschwendet hält.
Die dritte: Jede Figur muss etwas wollen, und sei es nur ein Glas Wasser.
Die fünfte: Fang so nah am Ende an wie möglich.
Diese eine hat schon viele Slamtexte gerettet.
Achte darauf, wie er Geschichten als Kurven an die Tafel zeichnet, und überleg, welche Kurve dein letzter Text hatte.
Sonderseite für Neue: nur vier Anzeigen
Biete
Anmeldung ohne Bereitschaft
Bereit fühlt sich niemand. Melde dich trotzdem an.
Chiffre N1
Biete
Dreieinhalb Minuten
Bei fünf Minuten Limit: kürzer nehmen. Nervosität macht dich ohnehin schneller.
Chiffre N2
Biete
Ein Blatt für die Hand
Nicht zum Ablesen, sondern damit dein Kopf weiß: Es kann nichts passieren.
Chiffre N3
Biete
Denselben Text, dreimal
Beim ersten Mal überlebst du, beim zweiten hörst du zu, beim dritten spielst du.
Chiffre N4
Ein Lokführer lernt am ersten Tag nicht das ganze Regelwerk.
Er lernt zuerst das, was den Zug hält.
Für deine ersten zehn Abende gelten deshalb nur diese vier.
Bereit fühlt sich übrigens niemand, auch nach zwölf Jahren nicht.
Der Unterschied zwischen Menschen mit einem Auftritt und Menschen mit hundert ist keine Begabung.
Es ist eine Anmeldung.
Das Blatt nimmst du nicht zum Ablesen mit.
Sondern damit dein Kopf weiß: Es kann nichts passieren.
Diese Sicherheit hört man in der Stimme.
„Und die anderen zwanzig Regeln?“
Die kommen von allein.
Jede bekommt irgendwann einen Abend, an dem du merkst, warum es sie gibt.
Eine gilt im ersten Jahr übrigens gar nicht: das Absagen.
Am Anfang sagst du alles zu, denn zuerst brauchst du Menge.
Rubrik Material: sechs Regeln für deine Texte
Biete
Dreimal laut gelesen
Dann ist ein Text fertig. Nicht wenn er sich gut liest, sondern wenn er sich gut sprechen lässt.
Chiffre 13
Verschenke
Ersten Absatz, kaum gebraucht
Der Anlauf beim Schreiben. Der Saal braucht ihn fast nie.
Chiffre 14
Suche
Texte, die mich selbst nicht langweilen
Auch wenn der alte Punkte bringt: Langeweile hört man.
Chiffre 15
Keine Anzeige
Geschichten über Ungefragte
Deine Geschichte gehört dir. Die deiner Schwester gehört deiner Schwester.
Chiffre 16
Behalte
Meinen schlechtesten Text
Nicht zum Vortragen. Um den Abstand zu sehen.
Chiffre 17
Biete
Einen Text, zwanzigmal gespielt
Er wird dabei besser, nicht schlechter.
Chiffre 18
Jetzt geht es um das, was du mitbringst.
Beim dritten lauten Lesen hörst du jede Stelle, an der du stolperst.
Genau die muss weg.
Dann der erste Absatz.
Fast immer ist er ein Anlauf, den du beim Schreiben brauchst und der Saal nicht.
Das ist Vonneguts fünfte Regel in klein.
Chiffre 16 ist die einzige Regel hier, die keine Technik ist, sondern eine Haltung.
„Chiffre 18 widerspricht doch Chiffre 15!“
Nur scheinbar.
Wiederhol einen Text, solange du ihn noch meinst.
Wird er dir egal, gilt Chiffre 15, und er kommt weg.
Ein guter Text braucht übrigens einige Auftritte, bis er sitzt.
Vorher weißt du nur, wie er sich in deiner Küche anhört.

Rubrik Fahrer: damit du lange bleibst
Suche
Mich, vor einem Jahr
Der einzige Vergleich, der etwas misst.
Chiffre 19
Biete
Siegesfeier, eine Nacht
Länger, und du trägst den Sieg mit auf die nächste Bühne.
Chiffre 20
Biete
Trauerzeit, eine Nacht
Keine Auswertung vor dem Mittagessen. Nie.
Chiffre 21
Absage
Einmal im Vierteljahr
Ein Nein pro Quartal macht dein Ja wieder wertvoll. Gilt erst ab dem zweiten Jahr.
Chiffre 22
Suche
Plätze bis zum Schluss
Wer nach dem eigenen Text geht, war Gast. Einzige Ausnahme: der letzte Zug.
Chiffre 23
Die letzte große Rubrik handelt nicht von der Bühne und nicht vom Text.
Sie handelt von dir.
Eine Nacht feiern, eine Nacht trauern, das klingt gleich und ist unterschiedlich schwer.
Nachts denkt man in Katastrophen.
Am nächsten Mittag ist derselbe Abend nur noch ein Abend.
Chiffre 22 wirkt seltsam und ist vielleicht die wichtigste.
Wer alles zusagt, verliert das Gefühl dafür, warum er zusagt.
Und bleib nach deinem Auftritt bis zum Ende.
Die besten Gespräche eines Abends passieren nach der letzten Wertung.
Einer der klügsten Sätze über Regeln stammt übrigens nicht aus der Bühnenwelt.
George Orwell hat 1946 in seinem Aufsatz „Politics and the English Language“ sechs Regeln fürs Schreiben aufgestellt.
Unter anderem: kein abgenutztes Bild, kein langes Wort, wo ein kurzes reicht, streichen, was sich streichen lässt.
Und dann die sechste.
Sie sagt sinngemäß, man solle jede der anderen lieber brechen, als etwas ausgesprochen Barbarisches zu schreiben.
Ein Regelwerk, das sich selbst begrenzt.
Merk dir das, es kommt am Ende zurück.
Patrick Winston hat diese Vorlesung am MIT über Jahrzehnte gehalten.
Achte darauf, was er über den Anfang eines Vortrags sagt, und vergleich es mit den Anzeigen oben.
Rubrik Miteinander: sechs Anzeigen, die nicht dich betreffen
Biete
Einen Satz Dank
Hinterher, kurz und persönlich, an die Person, die den Abend macht.
Chiffre M1
Suche
Echte Zuhörer
Man sieht von der Bühne genau, wer zuhört und wer nur wartet.
Chiffre M2
Biete
Konkretes Lob
Nicht „war gut“, sondern eine Stelle. Daran erinnert man sich.
Chiffre M3
Verschenke
Lästereien
Nicht an der Bar, nicht im Zug. Die Szene ist kleiner, als du denkst.
Chiffre M4
Verschenke
Beschwerden über Wertungen
Die Jury ist kein Gericht. Wer sich beschwert, verliert doppelt.
Chiffre M5
Biete
Einen nützlichen Satz
Für die Person, die nach dir zum ersten Mal auf der Liste steht.
Chiffre M6
Kein Zug fährt allein.
Es gibt Fahrdienstleiter, Zugbegleiter und die Leute auf dem Bahnsteig.
Diese sechs Anzeigen stehen in keinem Handbuch für Slammer.
Und trotzdem entscheiden sie, ob du wieder eingeladen wirst.
Die Menschen, die Abende organisieren, arbeiten oft umsonst.
Sie hängen Plakate auf und räumen um Mitternacht Stühle.
Ein einziger Satz Dank wird öfter erinnert als dein Text.
„Ist die Szene wirklich so nett?“
Nein.
Es gibt Eitelkeit, Neid und Cliquen wie überall.
Aber die Leute, die zwanzig Jahre bleiben, halten sich fast alle an diese sechs.
Das ist kein Zufall.
Zu verschenken: sieben Ratschläge, die nicht funktionieren
Zu verschenken · gebraucht · funktioniert nicht
Der Nackt-Trick · Lenkt ab und macht dein Publikum zum Witz statt zu Menschen.
„Sprich langsam“ · Besser: unterschiedlich schnell. Gleichmäßig schläfert ein.
Auswendig als Pflicht · Wer an den Wortlaut denkt, klingt schlechter als mit Blatt.
„Schau allen ins Gesicht“ · Bei zweihundert Leuten hektisch. Nimm drei Punkte im Raum.
„Sei einfach du selbst“ · Oben bist du eine größere, klarere Version. Das ist Handwerk.
„Beweg dich viel“ · Bewegung ohne Grund ist Unruhe. Drei geplante Schritte reichen.
„Fang mit einem Witz an“ · Zündet er nicht, stehst du in Sekunde acht ohne Boden da. Fang mit einem Bild an.
Diese sieben Sätze hört man in jedem Workshop.
Sie klingen gut und stammen fast alle aus dem Vortragswesen.
Aber ein Slam ist kein Vortrag.
Du willst nicht überzeugen, sondern etwas auslösen.
Das ist ein anderer Beruf mit anderen Werkzeugen.
Also prüf jeden Tipp, den du bekommst.
Aus welcher Welt stammt er?
Und ist diese Welt deine?
„Woher weißt du, dass diese Regeln besser sind?“
Gar nicht.
Streich sie genauso, sobald du es besser weißt.
Genau dafür gibt es die letzte Anzeige.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenWenn die Anzeigen ins Handgelenk wandern
Chiffre 09 · Wohnzimmerlesung
Erkältung angekündigt, Texte überhört
Vierzehn Gäste, ein Vortragender mit Schnupfen, der es ehrlich zu Beginn sagte. Danach achteten alle den ganzen Abend auf seine Stimme. Hinterher gab es Tee, aber kein Wort über die Texte.
Chiffre 12 · Jugendzentrum
Applaus kommt eine Sekunde zu spät
Ein leiser Schlusssatz, danach sofort von der Bühne. Der Applaus setzte ein, als der Vortragende schon weg war, und klang dadurch nach Höflichkeit. Ein leiser Schluss braucht länger als ein lauter.
Chiffre 22 · Terminkalender
Vierzig Abende, zwei Texte
Ein Jahr voller Auftritte, das nach Erfolg aussah. Am Ende standen zwei neue Texte darin. Ein Zug, der ständig fährt, kommt nie in die Werkstatt.
Ein Lokführer mit zwanzig Jahren Dienst denkt nicht mehr über Vorschriften nach.
Seine Hände machen sie einfach.
Das ist das Ziel.
Nicht dass du vierundzwanzig Regeln auswendig kannst.
Sondern dass du irgendwann drei Sekunden still stehst, ohne es zu merken.
Nimm dir deshalb eine pro Monat vor.
Und dann kommt eine Stufe, die kaum jemand beschreibt.
Irgendwann brichst du eine Regel absichtlich, genau einmal, an genau einer Stelle.
Das funktioniert aber nur, wenn du sie vorher kanntest.
Sonst ist es kein Bruch, sondern ein Fehler.
Der Test ist einfach.
Kannst du danach genau sagen, warum, war es Handwerk.
Suchst du erst hinterher eine Begründung, war es Bequemlichkeit.
Und noch etwas passiert mit den Jahren.
Deine Regeln werden weniger, nicht mehr.
Aus fünf kleinen wird eine große.
Das Ziel ist kein dickeres Betriebsbuch, sondern ein dünneres.
Aber dünn wird es nur, wenn es vorher dick war.
Chiffre 24: Nur mit Verstand
Verschiedenes
Brich jede dieser Regeln, bevor du etwas Unehrliches sagst.
Nur mit Verstand.
Chiffre 24
Am vierundzwanzigsten Samstag steht keine Anzeige im Kreisanzeiger.
Fritzi blättert zweimal durch.
Nichts.
Am Abend geht sie zur offenen Bühne im alten Bahnhofsrestaurant.
Moderiert wird sie von Gustav, dreißig Jahre Lokführer, seit der Rente jeden ersten Samstag im Monat hinter dem Mikrofon.
Nach der Show legt er ein altes Buch auf den Tisch.
Leineneinband, abgegriffen, eine Vorschriftensammlung aus einem Bahnbetriebswerk.
Auf einer Seite ist eine Regel mit Bleistift durchgestrichen.
Daneben, in einer fremden Handschrift, drei Wörter.
Nur mit Verstand.
„Das hat irgendwer vor langer Zeit reingeschrieben“, sagt Gustav.
„Jemand hatte gemerkt, dass eine Vorschrift in seinem Fall Unsinn war.“
Da versteht Fritzi, wer Chiffre 24 ist.
Und dass die letzte Regel alle anderen dreiundzwanzig aufhebt.
Wenn eine Regel dich zwingt, unehrlich zu sein, gilt sie nicht.
Dann entschuldigst du dich eben doch.
Oder erklärst deinen Text.
Oder gehst nach Hause.
Also merke: Eine Regel ist ein Werkzeug, kein Vorgesetzter.
Und jetzt du.
Leg dir ein eigenes Betriebsbuch an, ein Heft, eine Datei, egal.
Schreib drei Regeln hinein, deine eigenen.
Jede muss aus einem Abend stammen, der schiefging.
Sonst ist es keine Regel, sondern eine Meinung.
Und lass hinten Platz.
In zehn Jahren stehen dort dreißig, und die Hälfte davon ist durchgestrichen.
Jede dieser Regeln hat jemand teuer bezahlt.
Du bekommst sie geschenkt.
Das ist der einzige Vorteil, den Spätere gegenüber Früheren haben.
Und irgendwann schreibst du deine eigenen dazu und gibst sie weiter.
Vielleicht sogar als Kleinanzeige.
