Eine Versicherungspolice · Kreativ sein
Kreativ sein heißt Risiko. Alles andere ist Basteln.

Donnerstag, 21:50 Uhr, Slam im Kulturverein unter der Eisenbahnbrücke.
Stella, 31, hat gerade ihren Text gelesen, und er war tadellos.
Sauber gebaut, klug gereimt, jede Pointe an ihrem Platz, und trotzdem fragt sie sich hinterher, ob kreativ sein nicht mehr ist als das.
Der Applaus war freundlich.
Eine Frau am Tresen sagt im Vorbeigehen: „Schön gebastelt.“
Es ist nicht böse gemeint, und genau deshalb tut es weh.
Tagsüber arbeitet Stella in der Schadenabteilung einer Versicherung.
Sie weiß, wie man Risiken ausschließt.
Sie hat nur nicht gemerkt, dass sie es auch in ihren Texten tut.
Ruprecht, 68, moderiert den Slam unter der Brücke seit fast zwanzig Jahren.
Er räumt schon die Stühle zusammen, als Stella noch an der Bar sitzt.
„Weißt du, wie deine Texte klingen?“, fragt er.
„Wie eine Vollkaskoversicherung.“
„Alles abgedeckt, nichts kann passieren.“
„Und genau deshalb passiert auch nichts.“
Stella lacht, denn morgen um acht prüft sie wieder Policen.
Dann nimmt sie einen Bierdeckel und fängt an, die Police ihrer eigenen Texte aufzuschreiben.
Ob sie diese Police je kündigt, erfährst du am Ende.
Stella und Ruprecht gibt es so nicht. Aber Texte, die handwerklich sauber sind und trotzdem niemanden berühren, kennen viele, die schreiben.
Kennst du das?
Dein Text ist gut gemacht.
Keine schiefen Bilder, keine peinlichen Stellen, kein Satz, der dich angreifbar macht.
Und irgendwie bleibt er trotzdem kalt.
Das Problem heißt nicht fehlendes Talent.
Das Problem heißt Versicherungsschutz.
Kreativ sein klingt nach Aquarellkurs und Ingwertee.
In Wahrheit heißt es: etwas riskieren.
Einen Satz sagen, der schiefgehen kann, ein Bild wählen, über das jemand lachen könnte, eine Stelle zeigen, an der du verletzlich bist.
Alles andere ist Basteln.
Basteln ist nichts Schlimmes, nur eben nicht das, wofür Menschen in einen Saal kommen.
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VERSICHERUNGSSCHEIN
GÜLTIG
Stellas Bierdeckel wird in dieser Nacht zu einem ganzen Versicherungsschein.
Und beim Schreiben merkt sie etwas Merkwürdiges.
Das Spannende steht nicht im Deckungsumfang.
Es steht im Kleingedruckten, bei den Ausschlüssen.
Allgemeine Bedingungen · Kleingedrucktes
Risikoausschlüsse: Nicht versichert ist …
Genau hier fängt es an. – R.
Acht Ausschlüsse, acht Stellen, an denen ein Text gefährlich werden kann.
Genau dort beginnt, was man Kreativität nennt.
Also merke: Kreativ sein heißt nicht, alles zu wagen.
Es heißt, nicht alles abzusichern.
Die Abriss-Klausel: raus mit allem, was nett ist
Klausel 7a · Abrissverfügung
„Alles passiert aus einem Grund.“
entfernt · Glückskeks-Satz
„Ich bin wie ein Blatt im Wind.“
entfernt · abgenutzte Metapher
„Die Welt ist laut, und ich bin leise.“
entfernt · klingt nur schön
„In einer Welt voller Masken zeige ich mein wahres Gesicht.“
entfernt · Maskensatz
Was übrig bleibt, ist dein Text: roh, nackt, vermutlich ein bisschen hässlich.
Ruprechts erster Rat ist brutal einfach.
Nimm deinen Text und reiß alles raus, was nur nett ist.
Jeden Satz, der klingt wie eine Glückskeks-Botschaft.
Jede Metapher, die du so schon hundertmal gelesen hast.
Jede Zeile, bei der du denkst: Das klingt schön.
Was übrig bleibt, ist roh und wahrscheinlich ein bisschen hässlich, und genau so soll es sein.
Aber hier kommt der Haken: Die Abriss-Klausel ist kein Stilmittel.
Du reißt nicht nur Wörter raus, du reißt eine Schutzschicht ab.
Und das fühlt sich an wie ein Risiko, weil es eins ist.
Achte im folgenden Video darauf, welche Techniken den ersten naheliegenden Einfall wegräumen, denn genau das tut die Abriss-Klausel mit deinem Text.
Wie du Kreativität regelmäßig trainierst, statt auf den großen Wurf zu warten, zeigt der Beitrag Kreativität trainieren.
Risikoklasse I und II: der erste Satz und der ungesagte
Die meisten Slam-Texte beginnen versichert.
Mit einem schönen Bild, einer Stimmung, einer Welt, die laut ist, während man selbst leise ist.
Das Publikum hört freundlich zu und denkt an sein Getränk.
Die Abriss-Version beginnt mit dem Satz, für den du dich am meisten schämst, nicht poetisch verpackt, sondern gerade heraus.
Kein Bullshit: Du musst das nicht selbst erlebt haben.
Ein Slam-Text ist kein Geständnis vor Gericht, sondern Literatur.
Aber du musst den Ton treffen, den Ton von: Ich sage dir jetzt etwas, das ich eigentlich nicht sagen sollte.
Bei diesem Ton hören Menschen zu, ob sie wollen oder nicht.
Risikoklasse II ist die Übung, vor der sich die meisten drücken.
Denk an eine einzige Person, nicht an das Publikum.
Die Mutter, der Bruder, der Ex, die Chefin, die Freundin, die immer alles besser weiß.
Und dann schreib den Satz, den du dieser Person nie sagen würdest.
Nicht morgen, sondern jetzt, auf ein Blatt, das nur dir gehört.
Welcher Satz auf der Karte hat dich gerade getroffen?
Genau über den lohnt es sich zu schreiben.
Ob er je auf eine Bühne kommt, entscheidest du später.
Risikoklasse III: der Körper
Die dritte Klasse ist die unbequemste: dein Körper, deine Nähe, deine Scham.
Die meisten Texte über Nähe klingen wie Werbung für Handcreme, sanft, zärtlich, wie ein Gedicht.
Die starken Texte beschreiben nicht, sie entblößen.
Nicht mit Details, die niemanden etwas angehen.
Sondern mit dem Moment, in dem du nicht wusstest, wohin mit dir.
Das Lachen an der falschen Stelle, die Hand, die du zurückziehst, die Nähe, die sich plötzlich wie ein Angriff anfühlt.
Bonus: Solche Momente kennen viele im Saal, und kaum einer spricht darüber.
Deshalb wird es still, wenn es jemand tut.

Risikoklasse IV: Schwäche am Schluss
Der letzte Satz entscheidet, ob ein Text in fünf Minuten vergessen ist oder nie.
Die meisten enden mit Stärke, mit einer Botschaft, einem Aufruf, einer Parole.
Das ist erwartbar, und Erwartbares vergisst man.
Die Abriss-Version endet mit Schwäche, mit dem verwundbarsten Satz, den du hast.
Das wirkt nicht schwach, sondern mutig.
Denn es zeigt: Ich stehe hier nicht, weil ich es kann, sondern weil ich es muss.
Und noch etwas trennt Basteln von Kunst: die Beschreibung.
BESCHREIBUNG
„Ich bin einsam.“
BILD
„Heute hat die Stimme im Aufzug ‚Erdgeschoss‘ gesagt, und ich habe ‚danke‘ gesagt. Es war das längste Gespräch des Tages.“
„Ich bin einsam“ ist eine Behauptung.
Die Aufzugsstimme ist ein Bild, und Bildern glaubt man.
Wer über Gefühle schreibt, beschreibt.
Wer aus Gefühlen schreibt, zeigt den Ort, an dem sie passieren.
Selbstbeteiligung und Schadenmeldung
Formular S-1
Schadenmeldung
Art des Schadens
Ich habe mehr erzählt, als ich wollte.
Jemand hat sich wiedererkannt, der das nicht wollte.
Der Text hat etwas aufgerissen, das noch nicht verheilt ist.
Sofortmaßnahmen
- Text ruhen lassen. Du musst ihn nicht nächste Woche lesen.
- Verfremden: Namen, Orte, Details ändern.
- Andere schützen: Wer im Text vorkommt, hat eigene Rechte.
- Mit jemandem reden, dem du vertraust.
Rund um die Uhr: Telefonseelsorge, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Selbstbeteiligung: ein bisschen Mut. Nicht übertragbar.
Jetzt der Teil, den kaum ein Kreativitäts-Ratgeber gern schreibt.
Risiko heißt auch, dass etwas schiefgehen kann.
Du erzählst mehr, als du wolltest.
Jemand erkennt sich im Text wieder, der das nicht wollte.
Oder der Text reißt etwas auf, das noch nicht verheilt ist.
Also merke: Du bestimmst, was du zeigst.
Nicht jede Wunde gehört auf die Bühne, manche gehören zuerst in ein Gespräch.
Und Menschen, die in deinem Text vorkommen, haben eigene Rechte.
Wie du über sie schreibst, ohne sie bloßzustellen, steht im Beitrag Über echte Personen schreiben.
Wenn dich ein Text mehr aufwühlt, als dir guttut, sprich mit jemandem.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Die Selbstbeteiligung bleibt trotzdem: ein bisschen Mut.
Den kann dir keine Police abnehmen.
Folge dem Bahn-Slam
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenUnd Stella?
Drei Wochen später, wieder unter der Eisenbahnbrücke.
Stella liest einen neuen Text.
Der erste Satz ist der, für den sie sich am meisten schämt: die Geburtstagskarte ohne ein wahres Wort, die ihre Schwester eingerahmt hat.
Im Saal wird es sofort still.
In der Mitte steht ein Satz an ihren Vater, den sie ihm nie gesagt hat.
Ihre Stimme wackelt kurz, und sie lässt sie wackeln.
Der letzte Satz ist keine Parole, sondern ein Eingeständnis.
Sie hat den Text geschrieben, um mutiger zu werden, es hat nicht geklappt, und sie hat ihn trotzdem gelesen.
Zwei Sekunden Stille.
Dann klatscht jemand am Tresen, sehr laut.
Es ist die Frau, die neulich „schön gebastelt“ gesagt hat.
Nach der Show legt Stella einen gefalteten Zettel auf den Tresen.
An die Bastelkasse VVaG · Vertrag Nr. TXT-000-SICHER
Kündigung
Begründung: Ich möchte, dass etwas passieren kann.
Mit freundlichen Grüßen
Stella
EINGEGANGEN · R.
Ruprecht stempelt ihn mit dem Stempel, mit dem er sonst Getränkemarken entwertet.
Und du?
Hol deinen letzten Text heraus und lies das Kleingedruckte.
Wogegen ist er versichert?
Genau dort fängt dein nächster an.
Deine Police: Kreativität zum Mitnehmen
Nimm Stellas Versicherungspolice mit an deinen eigenen Schreibtisch.
Denn kreativ sein heißt Risiko, alles andere ist nur Basteln.
Wer auf Nummer sicher geht, schreibt glatte, harmlose Texte.
Erst das Wagnis macht aus einem netten Text einen echten.
Die folgenden Hacks sind die Klauseln deiner Risiko-Police.
Jeder davon fordert dich auf, ein bisschen mehr zu wagen.
Hack 1: Unterschreib die Risiko-Klausel
Dein erster Hack ist, die Risiko-Klausel bewusst zu unterschreiben.
Entscheide dich, lieber etwas zu wagen als nur nett zu sein.
Ein sicherer Text gefällt allen und berührt niemanden.
Ein gewagter Text kann scheitern, aber auch wirklich treffen.
Wähl bewusst das Risiko, denn nur dort wohnt die Kunst.
Ohne diese Entscheidung bleibt alles bloßes Basteln.
Hack 2: Nutz die Abriss-Klausel
Ein mutiger Hack ist, die Abriss-Klausel zu nutzen.
Geh deinen Text durch und markier alles, was nur nett ist.
Die glatten, gefälligen, ungefährlichen Stellen.
Reiß genau diese Stellen bewusst heraus.
Was übrig bleibt, ist der ehrliche, riskante Kern.
Oft ist der Text nach dem Abriss nur halb so lang und doppelt so stark.
Hack 3: Wag den ungesagten Satz
Ein starker Hack ist, den ungesagten Satz zu wagen.
In jedem Text gibt es einen Satz, der dir Angst macht.
Den, den du eigentlich nicht laut sagen willst.
Genau dieser Satz ist meist der wichtigste von allen.
Trau dich, ihn hinzuschreiben und auszusprechen.
Im riskantesten Satz steckt oft die größte Wahrheit.
Beispiel Schritt für Schritt
Entscheide dich bewusst für das Risiko statt für nett. Reiß alle glatten, gefälligen Stellen heraus. Schreib den einen Satz, der dir Angst macht. Zeig am Schluss eine echte Schwäche. So wird aus Basteln echte Kreativität.
Hack 4: Riskier den Körper
Ein kühner Hack ist, auch den Körper zu riskieren.
Kreativität lebt nicht nur im Text, sondern auch im Auftritt.
Trau dich, eine ungewohnte Geste, eine Stille, einen Blick.
Geh ein kleines Risiko ein, statt nur sicher dazustehen.
Ein gewagter Körper macht deinen Auftritt lebendig.
Das Publikum spürt den Mut in jeder Bewegung.
Hack 5: Zeig Schwäche am Schluss
Ein tiefer Hack ist, am Schluss eine echte Schwäche zu zeigen.
Das größte Risiko ist, sich wirklich verletzlich zu machen.
Zeig am Ende etwas, das dich angreifbar macht.
Eine Angst, einen Zweifel, eine offene Wunde.
Diese Schwäche ist der mutigste und stärkste Moment.
Denn nichts berührt so sehr wie echte Verletzlichkeit.
Hack 6: Akzeptier die Selbstbeteiligung
Ein ehrlicher Hack ist, die Selbstbeteiligung zu akzeptieren.
Jedes Risiko hat seinen Preis, auch das kreative.
Du zeigst dich, und manchmal tut das weh oder ist peinlich.
Diese Selbstbeteiligung gehört zur Police dazu.
Doch der Gewinn, ein echter Text, ist den Preis wert.
Wer nichts einsetzt, kann auch nichts gewinnen.
Häufige Fehler beim kreativ sein
Ein paar Stolperfallen kehren hier immer wieder.
- Auf Nummer sicher gehen und nur nette Texte bauen.
- Die glatten, gefälligen Stellen nicht herausreißen.
- Den einen angstmachenden Satz vermeiden.
- Im Auftritt gar kein Risiko eingehen.
- Jede Schwäche und Verletzlichkeit verstecken.
- Den Preis des Risikos scheuen und darum basteln.
Wer diese Fehler meidet, macht aus Basteln echte, riskante Kunst.
Merksatz
Kreativ sein heißt Risiko, alles andere ist Basteln. Unterschreib die Risiko-Klausel, reiß alles bloß Nette heraus, wag den ungesagten Satz, riskier den Körper, zeig Schwäche am Schluss und akzeptier den Preis dafür.
Deine Kreativ-Hacks auf einen Blick
Hier findest du alle Hacks noch einmal in Kurzform zum Mitnehmen.
- Risiko-Klausel: Bewusst das Wagnis statt das Nette wählen.
- Abriss-Klausel: Alle glatten Stellen herausreißen.
- Ungesagter Satz: Den angstmachenden Satz wagen.
- Körper riskieren: Eine gewagte Geste oder Stille einsetzen.
- Schwäche am Schluss: Sich verletzlich machen.
- Selbstbeteiligung: Den Preis des Risikos annehmen.
Mini-Übung
Geh einen deiner Texte durch und markier jede nur nette Stelle. Reiß die erste davon heraus. Schreib stattdessen den einen Satz, der dir Angst macht.
Ein ermutigender Schluss
Echte Kreativität beginnt dort, wo das Risiko anfängt.
Stella muss nur lernen, ihre Risiko-Police zu unterschreiben.
Trau dich, das Nette herauszureißen und etwas zu wagen.
Schreib den gefährlichen Satz und zeig echte Schwäche.
Dann wird aus bravem Basteln ein Text, der wirklich lebt.
Und das Risiko zahlt sich in echter Berührung aus.
