Ein Etüdenheft · Kreativität trainieren
Kreativität trainieren: Warum dein Geistesblitz eine Ausrede ist

Dienstag, 6:58 Uhr, ein Altbau direkt an der Bahnstrecke.
Durch die Wand dringt eine Tonleiter, C-Dur, rauf und runter, langsam wie ein Güterzug.
Lorena liegt wach und denkt: Kreativität trainieren, das machen andere, ich warte auf den Geistesblitz.
Seit vier Monaten hat sie keinen neuen Slam-Text fertig bekommen.
Im Handy stehen einundzwanzig Anfänge.
Alle sterben nach drei Sätzen.
Nebenan wohnt Arvo, er unterrichtet Klavier an der Musikschule im alten Bahnhofsgebäude.
Jeden Morgen um sieben spielt er zwanzig Minuten Tonleitern und Etüden.
Jeden Morgen.
Auch sonntags.
Im Treppenhaus fragt Lorena ihn, wie er das aushält.
„Immer dasselbe, jeden Tag?“
Arvo zuckt mit den Schultern.
„Ich übe nicht, weil mir Musik einfällt“, sagt er.
„Ich übe, damit mir irgendwann etwas einfällt.“
Zwei Tage später liegt ein dünnes Heft in ihrem Briefkasten.
Auf dem Umschlag steht: Etüden für Leute, die schreiben.
Lorena und Arvo gibt es so nicht. Aber das Warten auf den einen Einfall, der alles löst, kennt fast jeder Mensch, der schreibt.
Kennst du das?
Du willst schreiben.
Du hast sogar Zeit.
Und dann sitzt du da und wartest auf ihn: den großen Geistesblitz.
Er kommt nicht.
Er kommt nie, solange du auf ihn wartest.
Also scrollst du, räumst die Spülmaschine aus, suchst noch schnell ein schöneres Notizbuch …
Und abends denkst du: Heute war eben kein kreativer Tag.
Kein Bullshit: Der Geistesblitz ist in den meisten Fällen eine Ausrede.
Denn wer auf den Blitz wartet, muss nicht anfangen.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenKreativität trainieren statt warten: das Heft im Briefkasten
Musikschule im alten Bahnhof · Unterrichtsmaterial
Etüden für Leute,
die schreiben
für eine Stimme und einen Bleistift
Heft I · sieben Übungsstücke · Op. 1
täglich zu spielen, am besten vor dem Frühstück
Bleistiftnotiz auf der Innenseite: „Nicht schön spielen. Nur spielen. – A.“
Die Lüge, die dich festhält, klingt harmlos.
Kreativität hat man, oder man hat sie nicht.
Die einen sind eben „kreativ“, die anderen machen Steuererklärungen.
Quatsch!
Kreativität ist kein Erbstück.
Sie ist eher wie Klavierspielen.
Niemand setzt sich zum ersten Mal ans Klavier und spielt Chopin.
Alle fangen mit Tonleitern an.
Beim Schreiben dagegen erwarten wir, dass schon der erste Versuch klingt.
Und wenn er nicht klingt, erklären wir uns für unbegabt.
Dem Maler Chuck Close wird ein Satz zugeschrieben, der das auf den Punkt bringt.
Sinngemäß: Inspiration ist etwas für Amateure, der Rest von uns taucht einfach auf und arbeitet.
Klingt hart, ist aber eine gute Nachricht.
Denn auftauchen kann jeder.
Dafür brauchst du kein Talent, sondern einen Stuhl und zehn Minuten.
Kreativität trainieren heißt deshalb nicht, auf Eingebung zu warten.
Es heißt, einen Ort und eine Zeit zu haben, an denen du erscheinst.
Egal, ob die Muse mitkommt.
Jede der sieben Etüden in Arvos Heft trainiert genau eine Sache.
Lieber hören als lesen?
Achte in dieser Podcastfolge darauf, an welcher Stelle du innerlich widersprechen willst, denn dort sitzt meistens deine Lieblingsausrede.
Etüde Nr. 1: die Tonleiter, oder erscheinen
Die Tonleiter · erscheinen
Vortrag: gleichmäßig, täglich, ohne Anspruch
Übehinweis: Eine Uhrzeit, eine einzige. Zehn Minuten schreiben, auch Unsinn. Du trainierst nicht den Text, sondern das Erscheinen.
Stephen King beschreibt in seinem Buch über das Schreiben ein festes Tagespensum.
Rund zweitausend Wörter, jeden Tag.
Nach eigener Aussage auch an Feiertagen und an seinem Geburtstag.
Die Muse, schreibt er sinngemäß, kommt nicht durchs Fenster geflattert.
Sie muss wissen, wo sie dich jeden Tag findet.
Die Choreografin Twyla Tharp erzählt in ihrem Buch „The Creative Habit“ von ihrem Morgenritual.
Sie steht um halb sechs auf, zieht die Trainingssachen an und winkt sich ein Taxi zum Fitnessstudio.
Das Ritual, schreibt sie, ist nicht das Training.
Das Ritual ist das Taxi.
Sobald sie dem Fahrer das Ziel gesagt hat, ist die Entscheidung gefallen.
Dein Kopf ist ein Gewohnheitstier.
Wenn du dich zehn Tage lang zur selben Uhrzeit an denselben Platz setzt, muss er irgendwann nicht mehr verhandeln.
Und vergiss Motivation.
Motivation ist ein launischer Freund, der absagt, sobald es ungemütlich wird.
Routine ist die Kollegin, die einfach jeden Morgen da ist.
Metronom · deine Einstiegsstufen
jeden Tag, immer dieselbe Uhrzeit
ab der dritten Woche
wenn sich zwanzig kurz anfühlen
einmal pro Woche fertig machen, egal wie
Erst die Uhrzeit festlegen, dann das Tempo steigern. Nie umgekehrt.
Lorena beginnt mit zehn Minuten um 7:05 Uhr, direkt nach Arvos Tonleiter.
Am ersten Tag schreibt sie drei Sätze über ihren Kaffee.
Am zweiten Tag einen Absatz über den Güterzug, der jeden Morgen um 7:12 Uhr die Gläser im Küchenschrank zittern lässt.
Das ist noch kein Text.
Aber es ist ein Anfang, der am nächsten Tag wiederkommt.
Etüde Nr. 2: Fingerübungen, oder Menge vor Glanz
Fingerübungen · Menge vor Glanz
Vortrag: schnell, leicht, gern auch falsch
Übehinweis: Zehn Minuten, zehn Ideen, egal wie dämlich. Keine darf gut sein. Wer sich verbietet, gut zu sein, wird frei.
Ray Bradbury hat jungen Schreibenden in einem Vortrag einen einfachen Rat gegeben.
Schreib jede Woche eine Kurzgeschichte.
Seine Begründung: Zweiundfünfzig schlechte Geschichten hintereinander zu schreiben, sei so gut wie unmöglich.
Hier steckt der Denkfehler, der dich lähmt.
Du willst, dass schon der erste Versuch gut ist.
Aber beim Üben entsteht Qualität meistens aus Menge.
Niemand schreibt eine Perle.
Man schreibt einen Eimer Sand und siebt die Körner heraus.
Der US-Radiomacher Ira Glass nennt das Problem dahinter „The Gap“, die Lücke.
Am Anfang ist dein Geschmack besser als dein Können.
Du merkst genau, dass deine Sachen noch nicht gut sind.
Und genau an dieser Stelle hören viele auf.
Achte im Clip darauf, welchen Ausweg aus dieser Lücke er nennt.
Der Papierkorb ist also kein Zeichen des Scheiterns.
Er ist der Beweis, dass du übst.
Lorenas Fingerübung · Donnerstag · 10 Minuten
1. Ein Text über Kaffee
2. Warum Montage schlimm sind
3. Mein Handy und ich
4. Tauben am Bahnhof
5. Die Liebe, aber lustig
6. Ein Gedicht über Regen
7. Warum ich nicht schreiben kann
8. Das Wochenende, das nie kommt
9. Der Chef, der nie grüßt
10. Die Frau, die jeden Morgen ihren Kaffeebecher auf den Fahrkartenautomaten stellt
Neun Streichungen, ein Kreis. Ohne die neun gäbe es den Kreis nicht.
Lorena schreibt an einem Donnerstag zehn Ideen in zehn Minuten.
Neun davon sind grottig.
Die zehnte handelt von der Frau am Bahnsteig, die jeden Morgen ihren Kaffeebecher auf dem Fahrkartenautomaten abstellt.
Diesen Satz streicht sie nicht.
Etüde Nr. 3: nur auf den schwarzen Tasten
Nur auf den schwarzen Tasten · die Fessel
Vortrag: streng, mit Freude an der Grenze
Übehinweis: Dein schlimmster Tag in Sätzen mit höchstens drei Wörtern. Oder ein Liebestext ohne das Wort Liebe. Oder deine Kindheit in genau fünfzig Wörtern.
Frédéric Chopin hat 1830 eine Etüde geschrieben, in der die rechte Hand fast nur schwarze Tasten spielt.
Eine einzige weiße Taste kommt vor, ein einziges F.
Heute heißt das Stück „Schwarze-Tasten-Etüde“, und es wird bis heute gern gespielt.
Gib dir eine Regel, eine Grenze, eine Fessel, und dein Kopf fängt an, Lösungen zu suchen.
Theodor Geisel, bekannt als Dr. Seuss, soll mit seinem Verleger gewettet haben, dass er ein Kinderbuch mit nur fünfzig verschiedenen Wörtern schafft.
Das Ergebnis erschien 1960 und heißt „Green Eggs and Ham“.
Es gehört zu den meistverkauften Kinderbüchern in englischer Sprache.
Der Musiker Brian Eno hat 1975 zusammen mit dem Maler Peter Schmidt einen ganzen Kartenstapel für diesen Trick gebaut, die „Oblique Strategies“.
Auf jeder Karte steht eine seltsame Anweisung, die dich aus deiner Routine schubst.
Also merke: Die Grenze ist nicht das Gegenteil von Kreativität.
Sie ist ihr Motor.
Lorena nimmt die zweite Fessel.
Einen Liebestext ohne das Wort Liebe.
Sie flucht eine Viertelstunde lang.
Dann schreibt sie über eine Zahnbürste, die seit dem Sommer im falschen Becher steht.
Etüde Nr. 4: Variationen über ein fremdes Thema
Thema und Variationen · klauen wie ein Profi
Vortrag: neugierig, mit offenen Ohren
Übehinweis: Drei belauschte Sätze wortwörtlich notieren. Aus zweien, die nichts miteinander zu tun haben, eine Zeile bauen.
Es gibt einen berühmten Satz, der mal diesem, mal jenem Künstler zugeschrieben wird.
Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen.
Wer ihn wirklich zuerst gesagt hat, ist unklar, und das passt irgendwie.
In der Musik ist das Klauen sogar eine eigene Form.
Sie heißt Variation.
Niccolò Paganini hat für die Geige eine Caprice geschrieben, deren Thema später Johannes Brahms, Franz Liszt und Sergei Rachmaninow aufgegriffen haben.
Jeder von ihnen hat daraus etwas Eigenes gebaut.
Rachmaninow hat es 1934 sogar in den Titel geschrieben: „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“.
Der US-Autor Austin Kleon hat über dieses Prinzip 2012 ein ganzes Buch veröffentlicht, „Steal Like an Artist“.
Klauen heißt dabei nicht abschreiben.
Klauen heißt sammeln, beobachten und zwei fremde Dinge zu etwas Drittem verschmelzen.
Der Trick, den kaum jemand macht: eine Klau-Liste.
Ein Notizbuch nur für aufgeschnappte Fetzen.
Ein Satz aus der Bahn, ein Wort von der Speisekarte, ein Streit im Treppenhaus.
Thema mit Variationen · aus Lorenas Klau-Liste
Aus zwei fremden Fetzen wird ein eigener Satz.
Wichtig: Fremde Texte, Gedichte und Liedzeilen übernimmst du nicht einfach.
Du klaust Rohstoff, keine fertigen Werke.
Der Satz aus der Bahn gehört niemandem, das Gedicht aus dem Buch schon.

Etüde Nr. 5: Nocturne, oder der Fisch im Halbschlaf
Nocturne · der Fisch im Halbschlaf
Vortrag: leise, ohne Licht, ohne Handy
Übehinweis: Zettel neben das Bett. Den ersten Gedanken nach dem Aufwachen notieren, vor Handy und Kaffee.
Der Filmemacher David Lynch hat Ideen mit Fischen verglichen.
Die kleinen schwimmen an der Oberfläche.
Die großen findest du nur, wenn du tiefer tauchst, schreibt er in seinem Buch „Catching the Big Fish“.
Achte im Clip darauf, wie ruhig er über etwas spricht, das die meisten verbissen jagen.
Salvador Dalí hat für den Moment kurz vor dem Einschlafen einen eigenwilligen Trick beschrieben.
Er döste im Sessel, einen schweren Schlüssel in der Hand und einen Teller darunter.
Rutschte ihm der Schlüssel beim Einnicken aus den Fingern, weckte ihn das Klirren, und er hielt die Bilder aus dem Halbschlaf fest.
Klingt nach Künstlermarotte?
Forschende in Paris haben 2021 etwas Ähnliches im Labor ausprobiert, mit einem Gegenstand in der Hand, der beim Einschlafen herunterfällt.
Wer in der Pause kurz in die leichteste Schlafphase glitt, fand eine versteckte Abkürzung in einer Rechenaufgabe deutlich häufiger als die, die wach blieben.
Studie: Lacaux und andere, „Sleep onset is a creative sweet spot“, Science Advances, 2021. Eine einzelne Studie, kein Zauberrezept.
Das passt zu etwas, das in der Psychologie schon lange Inkubation heißt.
Der englische Sozialpsychologe Graham Wallas hat 1926 vier Phasen beschrieben: Vorbereitung, Inkubation, Erleuchtung, Überprüfung.
Du fütterst deinen Kopf mit einem Problem.
Dann lässt du los.
Und während du duschst, läufst oder Geschirr spülst, arbeitet es im Hintergrund weiter.
Aber hier kommt der Haken: Ohne Futter springt nichts.
Die Vorbereitung ist die Arbeit, die Erleuchtung ist nur ihr Echo.
John Cleese hat 1991 in einem Vortrag über Kreativität zwei Arbeitsweisen unterschieden, einen geschlossenen und einen offenen Modus.
Im geschlossenen Modus arbeitest du etwas ab.
Im offenen Modus spielst du.
Achte im Vortrag darauf, was er über Zeit sagt und über die Oase, die man sich dafür bauen muss.
Das einfachste Spielzeug für den offenen Modus besteht aus drei Wörtern.
Was wäre, wenn …
Improvisation · Was wäre, wenn
Was wäre, wenn dein Kühlschrank Tagebuch führt?
„Tag 4: Er stand wieder vor der offenen Tür und hat nichts genommen. Ich glaube, er sucht kein Essen. Ich glaube, er sucht Gesellschaft.“
Was wäre, wenn deine Angst eine Postanschrift hätte?
„Liebe Angst, du wohnst seit Jahren mietfrei in meinem Kopf. Langsam wird es eng für uns beide.“
Was wäre, wenn du deinem vierzehnjährigen Ich eine einzige Nachricht schicken dürftest?
„Die, die dich heute auslachen, erinnern sich morgen an nichts. Du an alles. Schreib es auf.“
Klau das Prinzip, nicht die Zeilen.
Wie neue Ideen entstehen, ist auch Thema dieser Gesprächsrunde der Universität Zürich.
Achte darauf, welche Bedingungen dort genannt werden, und vergleiche sie mit deinem Alltag.
Lorena legt sich einen Zettel neben das Bett.
In der dritten Nacht wacht sie um vier Uhr auf und schreibt im Dunkeln einen halben Satz.
Morgens kann sie ihn kaum lesen.
Aber das Wort „Zahnbürste“ ist deutlich zu erkennen.
Etüde Nr. 6: durchspielen, ohne abzubrechen
Vom Blatt spielen · nicht abbrechen
Vortrag: durchspielen, Fehler stehen lassen
Übehinweis: Zehn Minuten schreiben, ohne die Rücktaste zu drücken. Tippfehler bleiben, Blödsinn bleibt.
Es gibt einen Grund, warum du nach drei Sätzen aufhörst.
Er sitzt in deinem Kopf und kommentiert jeden Buchstaben.
„Das ist kitschig.“
„Das hat schon jemand.“
„Das kann doch jeder.“
Der innere Kritiker.
Beim Klavierüben gibt es eine alte Regel: Wer vom Blatt spielt, bricht nicht bei jedem Fehler ab.
Man spielt durch, korrigiert wird später.
Die US-Autorin Anne Lamott hat in ihrem Schreibratgeber „Bird by Bird“ von 1994 dafür einen derben Begriff geprägt: „shitty first drafts“, miserable erste Fassungen.
Denn Schreiben und Bewerten sind zwei verschiedene Jobs.
Der eine schüttet den Ton auf den Tisch.
Der andere formt die Vase.
Erst alles raus.
Dann, am nächsten Tag, mit kaltem Kopf, der Rotstift.
Bonus: Leg dem Kritiker einen eigenen Zettel hin.
Alles, was er während der zehn Minuten sagt, darf er dort aufschreiben.
Morgen liest du es, und meistens ist es dann erstaunlich wenig.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenEtüde Nr. 7: Üben ist kein Zaubertrick
Das Übeprotokoll · dranbleiben
Vortrag: geduldig, über Wochen
Übehinweis: Jeden Tag eintragen, ob du erschienen bist, nicht, ob es gut war. Nach vier Wochen siehst du ein Muster.
Wir feiern gern die Falschen als Naturtalente.
Übezimmer · wie andere geübt haben
Haruki Murakami
früh schreiben, danach laufen
nach eigenen Angaben in Interviews
Octavia E. Butler
Mut-Sätze im Notizbuch
ihre Notizbücher sind erhalten
Philip Glass
Taxi, Rohre, Partituren
erzählt er selbst
Ludwig van Beethoven
Skizzenbücher voller Anläufe
vielfach erhalten
The Beatles
Hamburg, Nacht für Nacht
Clubauftritte 1960 bis 1962
James Dyson
5.127 Prototypen
nach eigenen Angaben
Haruki Murakami beschreibt in Interviews einen Alltag aus frühem Aufstehen, Schreiben und Laufen.
Philip Glass hat noch nach seinen ersten Erfolgen als Taxifahrer und Installateur gearbeitet und nebenbei komponiert.
Und die Beatles haben Anfang der Sechzigerjahre in Hamburger Clubs Nacht für Nacht stundenlang gespielt, bevor die Welt sie kannte.
Keiner von ihnen hat nur auf den Blitz gewartet.
Vermutlich kennst du auch die Faustregel von den zehntausend Stunden.
Fußnote · die 10.000 Stunden
Die Zahl stammt aus einer Studie von 1993 mit Geigenstudierenden an einer Berliner Musikhochschule: Die Besten hatten bis zum Alter von zwanzig im Schnitt über zehntausend Stunden gezielt geübt.
Als „Regel“ verbreitet hat das der Journalist Malcolm Gladwell. Der Forscher Anders Ericsson hat widersprochen: ein Durchschnitt, keine magische Schwelle, und entscheidend ist, wie man übt.
Und es gibt Dinge, die sich nach Üben anfühlen, aber keines sind.
Rotstift des Lehrers · fünf Scheinübungen
✕ Auf die Muse warten
Sie kommt, wenn du schon arbeitest.
✕ Noch ein schönes Notizbuch kaufen
Ein Kassenbon tut es auch.
✕ Ewiges Brainstorming
Ideen sammeln, ohne je eine umzusetzen, fühlt sich nur an wie Arbeit.
✕ Inspiration konsumieren
Noch ein Podcast, noch eine Zitatsammlung: Konsum ist nicht Produktion.
✕ „Ich bin halt nicht kreativ“
Der bequemste Satz der Welt. Er befreit von jeder Anstrengung und von jedem Ergebnis.
Streich diese fünf.
Randnotizen im Heft
„Was, wenn mir wirklich nichts einfällt?“
Dann schreib genau das auf, fünfmal. Beim sechsten Mal kommt fast immer ein Warum hinterher. Das Warum ist dein Text.
„Was, wenn alles schon mal geschrieben wurde?“
Wurde es. Aber nicht in deiner Stimme, mit deinen Narben, an deinem Bahnsteig.
„Bin ich zu alt dafür?“
Nein. Die Tonleiter fragt nicht nach dem Geburtsdatum.
Das Vorspiel: und Lorena?
Offene Bühne im Bahnhofsbuffet · Freitag, 20 Uhr
Programm
Nr. 1 Begrüßung und Losen der Reihenfolge
Nr. 2 drei Texte von der offenen Liste
Nr. 3 Lorena · „Ohne das Wort“ · erstes Vorspiel
· Pause
Nr. 4 offene Liste, zweite Runde
Eintritt frei · der Hut geht rum · Bleistiftnotiz am Rand: „Etüde Nr. 3, Tag 19“
Sechs Wochen nach dem Heft im Briefkasten steht Lorena im Bahnhofsbuffet auf einer offenen Bühne.
Zwölf Stühle, ein Mikrofon mit Wackelkontakt, hinten zischt die Kaffeemaschine.
Ihr Text heißt „Ohne das Wort“.
Er handelt von einer Zahnbürste, die seit dem Sommer im falschen Becher steht.
Das Wort Liebe kommt kein einziges Mal vor.
Perfekt ist er nicht.
In der Mitte verhaspelt sie sich, und eine Zeile ist zu lang.
Aber als sie bei der Zahnbürste ankommt, wird es im Raum sehr still.
Ganz hinten sitzt Arvo und klatscht, ein bisschen zu spät, wie immer.
Hinterher fragt eine Frau am Tresen, wie sie auf diese Idee gekommen ist.
„War das ein Geistesblitz?“
„Nein“, sagt Lorena.
„Das war Etüde Nr. 3, Tag neunzehn.“
Am nächsten Morgen um 6:58 Uhr dringt die Tonleiter durch die Wand.
C-Dur, rauf und runter, langsam wie ein Güterzug.
Lorena sitzt schon am Küchentisch.
Nicht, weil sie Lust hat.
Sondern weil es ihre Zeit ist.
Und jetzt zu dir.
Du brauchst eine Uhrzeit, zehn Minuten und die Erlaubnis, schlecht zu sein.
Such dir für morgen eine einzige Etüde aus.
Nicht alle sieben.
Eine.
Ein Zug fährt nicht los, weil er sich inspiriert fühlt.
Er fährt nach Fahrplan, und genau deshalb kommt er an.
Mach deine Kreativität zum Fahrplan.
Dann bist du der Ort, an dem der Blitz einschlägt.
