Recherche für Slam-Texte: Wenn Fakten deine Zeilen schärfen
Ein präziser Fakt schlägt tausend Gefühle. So funktioniert Recherche für Texte, dass jede Zeile Gewicht bekommt – ohne dass es nach Vortrag klingt.

Dein Text ist vermutlich ehrlich.
Denn er ist gut gebaut, er hat Bilder, er hat einen Schluss.
Und trotzdem bleibt er in einer Reihe mit zwanzig anderen ehrlichen Texten.
Dabei fehlt ihm eigentlich nur eine Sache.
Nämlich etwas, das niemand sonst weiß.
Bei mir war es zunächst Duisburg. Ein Vereinsheim mit Resopaltischen, sechzig Leute, Freitagabend.
Ich hatte einen Text über Wohnungsnot dabei. Wütend, gut gemeint, komplett aus mir heraus geschrieben.
Darin kamen vor: steigende Mieten, gierige Vermieter, Menschen, die verdrängt werden.
Zwar alles richtig. Und trotzdem alles schon mal gehört.
Danach kam jemand mit demselben Thema.
Dabei hat er nicht über Mieten geschimpft. Er hat erzählt, wie viele Wohnungsbesichtigungen er besucht hat.
Achtundvierzig. Und bei jeder hat er mitgezählt, wie viele Leute vor der Tür standen.
Und das war keine Meinung mehr. Das war ein Befund.
Und gegen einen Befund kann niemand argumentieren.
Quelle 00
Warum ein Fakt mehr wiegt als eine Überzeugung
Denn der Grund ist unangenehm und einfach.
Deine Überzeugung teilt der Saal entweder oder nicht.
Und wer sie nicht teilt, hört ab Minute eins nicht mehr zu, sondern widerspricht innerlich.
Ein Fakt dagegen lässt sich schlicht nicht ablehnen.
Man kann ihn einordnen, man kann ihn deuten. Aber man kann ihm nicht widersprechen.
Gegen eine Meinung argumentiert dein Publikum. Gegen eine Zahl rechnet es mit.
Was Recherche für Texte wirklich bringt
Erstens Autorität. Wer eine konkrete Zahl nennt, klingt, als hätte er nachgesehen. Und das hat er ja auch.
Zweitens Bilder. Recherche liefert dir Details, auf die du am Schreibtisch nie gekommen wärst. Und Details sind das Rohmaterial für alles.
Drittens Überraschung. Die interessantesten Funde sind fast immer die, mit denen du nicht gerechnet hast.
Viertens Schutz. Wer recherchiert hat, muss sich nach dem Auftritt nicht fragen, ob das alles so stimmte.
Grafik 01 · Vier Stufen der Genauigkeit
Was in dieser Akte liegt
Die Ein-Fakt-Regel. Zehn Quellen, die niemand nutzt. Zehn Passagen mit verdeckter zweiter Fassung. Fünf Rechercheure zum Abgucken, ehrlich eingeordnet. Wie du Interviews führst. Drei Videos zur Quellenprüfung. Zehn Techniken. Wo Recherche unehrlich wird. Sechs Übungen. Ein Selbsttest. Zehn Fehler. Und eine Werkstatt zum Abhaken.
Aktenzeichen
Quelle 01
Die Ein-Fakt-Regel für die Recherche für Texte
Nun die wichtigste Regel. Und sie geht in die Gegenrichtung, als du erwartest.
Ein einziger Fakt pro Text. Nicht zehn.
Denn Recherche verführt bekanntlich.
Wer drei Wochen gelesen hat, will das auch zeigen. Und packt fünf Zahlen in vier Minuten.
Damit wird aus deinem Text ein Vortrag. Und Vorträge gewinnen keine Slams.
Warum ein Fakt reicht
Weil dein Publikum nämlich genau eine Zahl behalten kann.
Bei zwei Zahlen behält es keine.
Dabei muss die eine, die es behält, sitzen. Also such nicht die eindrucksvollste, sondern die anschaulichste.
Welcher Fakt der richtige ist
Dabei muss er drei Bedingungen erfüllen.
Erstens vorstellbar. Achtundvierzig Besichtigungen kann man sich vorstellen. Eine Prozentzahl im Nachkommabereich nicht.
Zweitens überprüfbar. Du musst sagen können, woher du ihn hast. Auch wenn du es auf der Bühne nicht sagst.
Drittens überraschend. Ein Fakt, den alle ahnen, bringt nichts. Der Wert liegt in der Abweichung von der Erwartung.
Mach das jetzt
→ Frag dich: Was wüsste ich gern genau, wenn ich es nicht selbst behauptet hätte?
→ Recherchier genau diese eine Sache. Eine Stunde reicht meistens.
→ Setz den Fund an die Stelle, an der vorher die Lautstärke stand.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Quelle 02
Zehn Quellen für die Recherche für Texte, die fast niemand nutzt
Also vergiss die Suchmaschine für einen Moment. Denn dort suchen alle.
Also zehn Stellen, an denen fast nie jemand nachschaut.
QUELLE 01
Deine eigene Zählung
Die beste Quelle überhaupt, weil sie exklusiv ist. Zähl selbst: wie viele Werbeplakate auf deinem Arbeitsweg, wie viele Anrufe bis zum Termin, wie viele Tage bis zur Antwort. Das kostet nichts außer Aufmerksamkeit und niemand kann es dir nachmachen.
SO KOMMST DU RAN ▸
Nimm dein Handy und leg eine Notiz an. Jeden Tag eine Zeile. Nach einer Woche hast du eine Zahl, die es sonst nirgends gibt.
QUELLE 02
Amtliche Statistik
Statistische Ämter veröffentlichen erstaunlich detaillierte Zahlen, und zwar kostenlos. Der Trick ist, nicht nach der großen Zahl zu suchen, sondern nach der kleinen: nicht die Gesamtbevölkerung, sondern die Anzahl der Ein-Personen-Haushalte in deiner Stadt.
SO KOMMST DU RAN ▸
Such auf der Seite deines Statistischen Landesamts nach deiner Stadt. Die regionalen Tabellen sind fast immer detaillierter als die bundesweiten.
QUELLE 03
Kommunale Sitzungsprotokolle
Fast jede Stadt veröffentlicht die Protokolle ihrer Ratssitzungen im Netz. Das ist trockene Lektüre und eine Goldgrube, weil dort steht, worüber tatsächlich gestritten wurde. Mit Namen, Daten und Beträgen.
SO KOMMST DU RAN ▸
Such nach dem Namen deiner Stadt zusammen mit dem Wort Ratsinformationssystem. Dort liegen die Protokolle, meistens frei zugänglich.
QUELLE 04
Alte Zeitungen
Digitalisierte Zeitungsarchive reichen oft Jahrzehnte zurück. Und nichts datiert einen Text so gut wie eine Kleinanzeige oder eine Wettervorhersage von damals.
SO KOMMST DU RAN ▸
Viele Stadtbibliotheken geben ihren Mitgliedern kostenlosen Zugang zu Zeitungsarchiven. Ein Bibliotheksausweis kostet wenige Euro im Jahr.
Fünf Quellen für Fortgeschrittene
QUELLE 05
Bedienungsanleitungen und Formulare
Die unterschätzteste Quelle für Sprache. Denn Behörden und Hersteller formulieren auf eine Weise, die sich niemand ausdenken könnte. Zitierbar, komisch und oft entlarvend.
SO KOMMST DU RAN ▸
Heb Beipackzettel, Bescheide und Bedienungsanleitungen auf. Ein Ordner reicht. In zwei Jahren ist das dein privates Sprachlabor.
QUELLE 06
Menschen, die dabei waren
Denn ein einziges Gespräch schlägt zwanzig Artikel. Und die meisten Menschen erzählen gern, wenn man ehrlich fragt. Wie das geht, steht weiter unten.
SO KOMMST DU RAN ▸
Fang bei jemandem an, den du kennst. Die erste Frage ist immer die schwerste, und bei Bekannten kostet sie am wenigsten Überwindung.
QUELLE 07
Fachzeitschriften außerhalb deines Themas
Eine Zeitschrift für Bestatter, Landwirtschaft oder Gebäudereinigung enthält Details über die Welt, die in keiner Tageszeitung stehen. Und genau daraus entstehen Bilder, die niemand kennt.
SO KOMMST DU RAN ▸
Zeitschriftenläden an großen Bahnhöfen führen Fachtitel, die es sonst nirgends gibt. Ein Heft kostet weniger als zwei Getränke.
QUELLE 08
Preise und Kosten
Was etwas kostet, sagt oft mehr als jede Beschreibung. Ein Preis von damals neben einem von heute ist ein vollständiger Text über Veränderung.
SO KOMMST DU RAN ▸
Alte Kataloge und Werbeprospekte findest du in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Ein Katalog von 1985 ist ein komplettes Zeitporträt.
QUELLE 09
Wissenschaftliche Zusammenfassungen
Studien selbst sind schwer zu lesen. Aber die Zusammenfassung am Anfang ist meistens verständlich und liefert dir belastbare Aussagen. Wichtig: Immer die Originalstudie, nie den Zeitungsartikel darüber.
SO KOMMST DU RAN ▸
Such nach dem Titel der Studie plus dem Wort Abstract. Wenn die Studie hinter einer Bezahlschranke liegt, hilft oft eine Anfrage direkt bei den Forschenden.
QUELLE 10
Deine eigenen alten Unterlagen
Kontoauszüge, Kalender, Chatverläufe, Fotos mit Datum. Diese Quellen sind unschlagbar genau und liegen bei dir zu Hause. Und sie widersprechen deiner Erinnerung häufiger, als dir lieb ist.
SO KOMMST DU RAN ▸
Fang mit einem einzigen alten Kalender an. Und vergleich, was dort steht, mit dem, was du erinnerst. Der Unterschied ist meistens der Text.
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Jetzt Kanal folgenQuelle 03
Zehn Passagen, zweimal geschrieben
Also links die behauptete Fassung. Schreib sie erst selbst um, dann vergleiche.
PASSAGE 01 · DIE WOHNUNGSSUCHE
BEHAUPTET
Wohnungen sind heute unbezahlbar und die Suche ist zermürbend.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Ich war bei achtundvierzig Besichtigungen. Bei der letzten standen wir zu neunundzwanzigst im Treppenhaus.
Zwei eigene Zählungen. Keine Meinung, kein Vorwurf. Und trotzdem ist die Empörung vollständig da, weil der Saal selbst rechnet.
PASSAGE 02 · DIE ARBEIT
BEHAUPTET
In meinem Job wird man völlig ausgebeutet und niemand interessiert sich dafür.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
In meiner Schicht sind wir für sechsunddreißig Zimmer zuständig. Für jedes sind zwanzig Minuten vorgesehen.
Zwei Zahlen, die zusammen eine dritte ergeben. Und diese dritte Zahl rechnet dein Publikum selbst aus, was stärker ist als jeder Vorwurf.
PASSAGE 03 · DIE STADT
BEHAUPTET
Meine Heimatstadt ist in den letzten Jahren völlig heruntergekommen.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
In der Fußgängerzone stehen elf Läden leer. Zwei davon haben noch das Schild von vor der Schließung.
Die zweite Beobachtung macht den Unterschied. Denn das alte Schild datiert den Verfall, ohne dass eine Jahreszahl fällt.
Drei Passagen aus dem eigenen Umfeld
PASSAGE 04 · DIE GROSSELTERN
BEHAUPTET
Meine Großeltern hatten es damals wirklich nicht leicht.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
In ihrem Haushaltsbuch von 1961 steht in jeder Woche derselbe Betrag für Butter. Bis auf zwei Wochen im Dezember.
Eine eigene Quelle aus dem eigenen Schrank. Die zwei Ausnahmen im Dezember erzählen die ganze Geschichte.
PASSAGE 05 · DIE BÜROKRATIE
BEHAUPTET
Bei Behörden wird man von einer Stelle zur nächsten geschickt.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Ich habe für diesen einen Antrag mit sieben Personen gesprochen. Vier davon haben denselben Satz gesagt.
Wieder eine eigene Zählung. Und der wiederholte Satz zeigt das System, ohne dass du es benennen musst.
PASSAGE 06 · DER KLIMAWANDEL
BEHAUPTET
Die Sommer werden immer heißer, das merkt doch jeder.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Im Wetterarchiv steht der Tag, an dem ich geboren wurde. Er war der kühlste Julitag dieses Jahres. Heute wäre er im Mittelfeld.
Ein persönlicher Anker plus eine überprüfbare Quelle. Damit wird eine große Debatte auf einen einzigen Tag heruntergebrochen.
Vier Passagen, bei denen Recherche für Texte besonders hilft
PASSAGE 07 · DIE KRANKENKASSE
BEHAUPTET
Man kämpft ewig mit der Kasse und bekommt trotzdem nichts bewilligt.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
In meinem Ablehnungsbescheid steht dreimal das Wort medizinisch notwendig. Zweimal davon verneint.
Das eigene Dokument als Quelle. Wörtlich zitiert, nicht zusammengefasst. Und die Zählung macht die Absurdität sichtbar.
PASSAGE 08 · DER VEREIN
BEHAUPTET
Bei uns im Verein macht die Arbeit immer dieselbe Handvoll Leute.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Wir haben zweihundertvierzig Mitglieder. Beim Aufräumen nach dem Sommerfest waren wir sechs.
Zwei Zahlen im direkten Kontrast. Mehr braucht es nicht, und niemand kann widersprechen.
PASSAGE 09 · DIE SCHULE
BEHAUPTET
An unserer Schule fällt ständig Unterricht aus, das ist ein Skandal.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Ich habe ein Schuljahr lang mitgeschrieben. Vierundsechzig Stunden Ausfall. Am häufigsten mittwochs.
Die eigene Erhebung über ein Jahr. Und das Detail mit dem Mittwoch zeigt, dass hier wirklich jemand hingeschaut hat.
PASSAGE 10 · DAS ENDE DES TEXTES
BEHAUPTET
Und deshalb müssen wir alle endlich anfangen, etwas zu verändern.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
BELEGT
Nächsten Dienstag gehe ich zur Bürgerfragestunde. Sie fängt um achtzehn Uhr an.
Statt eines Appells eine konkrete überprüfbare Handlung mit Datum und Uhrzeit. Das ist die stärkste Form von Aufruf, die es gibt.
Quelle 04
Fünf Vorbilder für Recherche im Text
Nun fünf Leute, die Recherche zum Handwerk gemacht haben. Und einer als Warnung.
Émile Zola: der Mann, der in die Grube fuhr
Zunächst zu Zola. Im Februar 1884 streikten die Bergleute im nordfranzösischen Kohlerevier.
Daraufhin verließ Zola Paris und reiste hin.
Er fuhr selbst in eine Grube ein, sah sich die Arbeitersiedlungen an und schrieb mit.
Dazu las er Fachbücher über Bergbautechnik und über die Krankheiten der Bergleute.
Im März 1885 erschien Germinal. Und der Roman wurde für seine Genauigkeit ebenso angegriffen wie gelobt.
Was du davon mitnimmst: Vor Ort zu sein liefert dir Material, das in keiner Quelle steht. Der Geruch, die Enge, das Geräusch.
Und es kostet dich einen Nachmittag.
Robert Caro: Blättere jede Seite um
Danach zu Robert Caro. Der amerikanische Biograf ist für einen Arbeitsstil bekannt, den man kaum glaubt.
Für seine Biografie über Lyndon B. Johnson zog er mit seiner Frau Ina für etwa drei Jahre in die Texas Hill Country, wo Johnson aufgewachsen war.
Also nicht für Recherchereisen. Er ist tatsächlich dorthin gezogen.
Dabei stammt sein Leitsatz von einem frühen Redakteur namens Alan Hathaway und lautet: „Turn every page.“
Also: Blättere jede Seite um und nimm nichts an.
Sein Buch über den New Yorker Stadtplaner Robert Moses erschien 1974 und bekam den Pulitzer-Preis.
Für dich ist die brauchbare Version davon kleiner: Lies das Dokument zu Ende, auch den langweiligen Teil. Denn dort steht meistens das Interessante.
Swetlana Alexijewitsch: hundert Stimmen, ein Buch
Übrigens bekam die belarussische Autorin 2015 den Literaturnobelpreis.
Ihre Bücher bestehen fast vollständig aus Interviews. Sie hat über Jahre hinweg hunderte Gespräche geführt und daraus Chöre von Stimmen montiert.
Dabei kommt ihre eigene Meinung kaum vor.
Und genau das ist die Lehre: Die Auswahl ist die Aussage.
Du musst nicht kommentieren, was jemand gesagt hat. Du musst nur entscheiden, welche zwei Sätze davon in deinen Text kommen.
Günter Wallraff: die Rolle als Methode
Dagegen hat der deutsche Journalist über Jahrzehnte unter falscher Identität recherchiert und über die Verhältnisse berichtet, die er dabei erlebt hat.
Sein bekanntestes Buch erschien 1985 und löste eine öffentliche Debatte über Arbeitsbedingungen aus.
Zwar war und ist seine Methode umstritten, auch rechtlich.
Für dich ist die übertragbare Erkenntnis eine andere und harmlosere: Manche Dinge erfährst du nur, wenn du selbst hingehst.
Nicht verdeckt und nicht getarnt. Sondern einfach als jemand, der fragt.
Truman Capote: der Erfolg und der Zweifel
Schließlich Capote. Er hat für sein bekanntestes Buch jahrelang vor Ort recherchiert, unzählige Gespräche geführt und tausende Seiten Notizen angelegt. Das Buch erschien 1966.
Er hat außerdem behauptet, ein nahezu perfektes Gedächtnis zu haben und deshalb kaum mitschreiben zu müssen.
Und genau daran hat sich später die Kritik entzündet.
Ob einzelne Szenen und Dialoge tatsächlich so stattgefunden haben, wird bis heute diskutiert.
Ich nenne ihn hier trotzdem, weil sein Fall beide Seiten zeigt: was gründliche Recherche möglich macht und wo sie unbemerkt ins Erfinden rutscht.
Recherche macht deinen Text stark. Erfundene Recherche macht ihn wertlos, und zwar rückwirkend.
Und die Warnung: wenn Reportage zur Erzählung wird
Der polnische Reporter Ryszard Kapuściński war einer der einflussreichsten Journalisten des zwanzigsten Jahrhunderts.
Nach seinem Tod wurde öffentlich diskutiert, ob er in seinen Büchern Szenen ausgeschmückt oder verdichtet hat.
Dabei ist die Debatte bis heute nicht abgeschlossen, und es gibt Verteidiger wie Kritiker.
Für dich ist daran wichtig, dass so etwas schleichend passiert.
Denn niemand entscheidet sich morgens, etwas zu erfinden. Man rundet nur ein bisschen. Man macht aus zwei Gesprächen eines. Man schiebt eine Szene einen Tag nach vorn, weil es besser klingt.
Deshalb braucht Recherche für Texte eine klare Trennlinie. Wo die liegt, steht weiter unten.

Quelle 05
So führst du ein Interview
Ein einziges Gespräch schlägt zwanzig Artikel. Und die meisten Menschen sagen ja, wenn man ehrlich fragt.
Vor dem Gespräch
I1 · Sag, worum es geht
Und zwar unbedingt vorher und vollständig. Dass du einen Text schreibst, dass du damit auftreten willst, dass es öffentlich wird.
Wer sich hinterher überrumpelt fühlt, hat recht damit.
I2 · Frag nach der Aufnahme
Nimm also auf, aber frag vorher. Denn was du dir merkst, ist immer schon eine Auswahl.
Und wer nicht aufgenommen werden will, sagt das auch. Dann schreibst du mit.
I3 · Bereite fünf Fragen vor, nicht zwanzig
Denn zwanzig Fragen führen zu einem Verhör. Fünf führen zu einem Gespräch.
Während des Gesprächs
I4 · Stell offene Fragen
Nicht „War das schlimm?“, sondern „Wie war der Tag danach?“
Geschlossene Fragen bekommen Ja und Nein. Offene bekommen Geschichten.
I5 · Halt die Pause aus
Nun die wichtigste Technik überhaupt. Wenn jemand fertig ist, sag drei Sekunden nichts.
Sehr oft kommt danach der eigentliche Satz.
I6 · Frag nach Details, nicht nach Gefühlen
„Was hatten Sie an?“ bringt mehr als „Wie haben Sie sich gefühlt?“
Denn Details führen zu Erinnerung. Gefühlsfragen führen zu Zusammenfassungen.
I7 · Frag zum Schluss nach dem Rest
„Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe?“ Diese eine Frage ist erstaunlich oft die ergiebigste des ganzen Gesprächs.
Nach dem Gespräch
I8 · Zeig, was du verwendest
Bei privaten Gesprächspartnern ist das keine Pflicht, aber fast immer richtig.
Schick die Stelle, die im Text landet. Und akzeptier ein Nein.
Die vier Sätze, mit denen du fragst
→ Sie kennen sich damit aus, ich nicht.
→ Hätten Sie zwanzig Minuten?
→ Und ich schicke Ihnen vorher, was ich verwenden möchte.

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Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Quelle 06
Quellen prüfen bei der Recherche für Texte
Nun der Teil, den man nicht überspringen darf. Denn eine falsche Zahl auf der Bühne ist schlimmer als gar keine.
Grafik 02 · Die Quellen-Pyramide
Wie du eine Nachricht einordnest
Diese TED-Ed-Lektion erklärt in vier Minuten, wie Nachrichten entstehen und woran man ihre Qualität erkennt.
VIDEO 01 · Wie du Nachrichtenquellen einordnest. Englisch, Untertitel verfügbar.
Dabei der für dich wichtigste Punkt: Jede Quelle hat einen Standpunkt, auch die seriöse.
Das ist kein Grund zum Misstrauen, sondern ein Grund, immer eine Stufe höher zu gehen.
Wie sich Falschmeldungen verbreiten
Danach zeigt diese Lektion den typischen Weg einer Behauptung, bis sie als Tatsache gilt.
VIDEO 02 · Der Weg einer Behauptung durch die Zitierkette.
Der Mechanismus heißt sinngemäß Zirkelberichterstattung: Eine Quelle zitiert die andere, und irgendwann zitieren sich alle gegenseitig.
Deshalb lautet die Regel für dich: Geh so lange zurück, bis du bei der Stelle bist, die die Zahl erhoben hat.
Wenn du dort nicht ankommst, nimm die Zahl nicht.
Und die unbequemste Prüfung: du selbst
Julia Galef beschreibt in diesem Vortrag, warum wir Belege unterschiedlich streng prüfen, je nachdem, ob sie uns passen.
VIDEO 03 · Über den Unterschied zwischen Verteidigen und Herausfinden.
Dabei unterscheidet sie zwei Haltungen: die eines Soldaten, der eine Position verteidigt, und die eines Kundschafters, der herausfinden will, was tatsächlich da ist.
Für Slam-Texte ist das direkt anwendbar.
Denn die meisten von uns recherchieren als Soldat. Wir suchen die Zahl, die unsere These stützt.
Und die findet man bekanntlich immer.
Wenn die Zahl stimmt und trotzdem täuscht
Übrigens gibt es einen Fall, der schwerer zu erkennen ist als eine falsche Zahl.
Nämlich eine richtige Zahl, die falsch dargestellt wird.
VIDEO 04 · Woran du eine irreführende Grafik erkennst. Vier Minuten.
Dabei sind zwei Dinge wichtig.
Erstens: Wenn du eine Grafik als Quelle nimmst, schau dir die Achsen an. Eine abgeschnittene Skala macht aus einem kleinen Anstieg einen Berg.
Zweitens: Genau dasselbe kannst du selbst versehentlich tun, wenn du eine Zahl ohne ihren Bezug nennst.
Denn „die Zahl hat sich verdoppelt“ ist ohne Ausgangswert eine leere Aussage. Von zwei auf vier ist auch eine Verdoppelung.
Und wie man Zahlen so erzählt, dass sie ankommen
Der schwedische Arzt Hans Rosling hat Statistik zu einer Bühnenform gemacht.
VIDEO 05 · Rosling erzählt Zahlen, als wären sie ein Sportkommentar.
Zwar ist sein Vortrag inhaltlich von 2006 und in Teilen überholt. Als Handwerksvorführung ist er trotzdem unschlagbar.
Achte darauf, was er mit den Zahlen macht: Er vergleicht, er personifiziert, er baut Spannung auf.
Und er sagt nie eine Zahl, ohne sie sofort in etwas zu übersetzen, das man sich vorstellen kann.
Genau das ist die Technik, die du für deine vier Minuten brauchst.
Wenn deine Recherche dich nie überrascht hat, hast du nicht recherchiert. Du hast gesammelt.
Der Quellencheck
Vier Fragen an jede Quelle. Überleg erst selbst, was die richtige Antwort wäre.
Wer hat diese Zahl erhoben?▸
Nicht wer sie veröffentlicht hat, sondern wer sie erhoben hat. Das sind fast nie dieselben. Wenn du den Erheber nicht findest, ist die Zahl für dich unbrauchbar.
Wann wurde sie erhoben?▸
Nicht wann der Artikel erschien. Zahlen aus einer Erhebung von vor acht Jahren wandern jahrelang durch Berichte, ohne dass jemand das Datum erwähnt.
Womit wird verglichen?▸
Jede Veränderung braucht einen Ausgangswert. Eine Verdoppelung von zwei auf vier ist etwas anderes als von zweitausend auf viertausend, klingt aber gleich.
Wer profitiert davon, dass ich das glaube?▸
Nicht als Verschwörungsfrage gemeint, sondern als handwerkliche. Auch seriöse Absender haben ein Interesse. Das macht die Zahl nicht falsch, aber es gehört in deine Einordnung.
Alle vier beantwortbar? Dann kannst du die Zahl benutzen. Eine nicht? Dann formulier sie zur Beobachtung um.
Quelle 07
Zehn Techniken für die Recherche für Texte
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Fang mit einer Frage an, nicht mit einer These
Wer eine These hat, sucht Belege. Wer eine Frage hat, findet Antworten. Und die Antworten sind fast immer interessanter als die These.
T2 · Zähl selbst
Die exklusivste Quelle, die es gibt. Zähl Plakate, Anrufe, Wartetage, leere Ladenlokale. Das kostet nichts und niemand kann es dir nachmachen.
T3 · Nimm die kleine Zahl
Nicht die Gesamtsumme, sondern den Einzelfall. Nicht wie viele Menschen bundesweit, sondern wie viele in deiner Straße.
T4 · Geh eine Stufe höher
Wenn du eine Zahl in einem Artikel findest, such die Studie dahinter. Wenn du die Studie hast, lies ihre Zusammenfassung selbst.
T5 · Notier die Quelle sofort
Sonst findest du sie nie wieder. Ein Satz reicht: woher, wann, welche Seite. Das dauert zehn Sekunden und rettet dir später den Abend.
T6 · Setz dir ein Zeitlimit
Recherche ist die eleganteste Form der Aufschieberei. Zwei Stunden pro Text reichen fast immer. Danach schreibst du.
T7 · Verwende einen einzigen Fund
Der Rest bleibt im Hintergrund und macht deinen Text trotzdem sicherer. Denn man hört einem Text an, ob jemand mehr weiß, als er sagt.
T8 · Rechne die Zahl in Anschauung um
Zweihundert Quadratmeter sagen nichts. Ein Tennisplatz sagt etwas. Such für jede Zahl ein Bild, das dein Publikum kennt.
T9 · Prüf, ob dich etwas überrascht hat
Wenn nein, hast du nur gesammelt, was du ohnehin dachtest. Dann such gezielt nach der Gegenposition.
T10 · Sag die Quelle nicht auf der Bühne
Du brauchst sie im Kopf, nicht im Text. Denn eine Quellenangabe im Vortrag klingt nach Referat. Wer nachfragt, bekommt sie hinterher.
Quelle 08
Wo Recherche für Texte unehrlich wird
Nun die Trennlinie. Und sie ist wichtiger als alle Techniken davor.
Denn Slam ist Kunst und keine Nachrichtensendung. Du darfst verdichten, weglassen und zuspitzen.
Trotzdem gibt es vier Dinge, die nicht gehen.
G1 · Zahlen erfinden oder runden, bis sie passen
Zunächst der klarste Fall. Eine Zahl ist ein Versprechen an dein Publikum.
Wenn du sie nicht belegen kannst, sag sie nicht. Auch wenn sie gut klingt.
G2 · Zitate zusammenbauen
Zwei halbe Sätze aus zwei Gesprächen zu einem zusammenzusetzen ist ein Zitat, das nie gefallen ist.
Kürzen ist also erlaubt, Zusammenbauen dagegen nicht.
G3 · Erlebnisse behaupten, die du nicht hattest
Wenn du sagst, du warst bei achtundvierzig Besichtigungen, dann warst du dort.
Sonst gehört der Satz in den Konjunktiv oder in eine andere Figur.
G4 · Menschen erkennbar machen, die nicht gefragt wurden
Denn wer dir etwas erzählt hat, hat dir kein Recht auf seinen Namen gegeben.
Ändere, was nicht trägt: Namen, Orte, Berufe. Behalte, was trägt: die Details und die Sätze.
Verdichten ist Handwerk. Erfinden und es Recherche nennen ist etwas anderes.
Der einfache Test
Frag dich bei jeder Faktenaussage in deinem Text eine einzige Sache.
Könnte ich morgen jemandem zeigen, woher das kommt?
Wenn nein, formulier es um. Aus einer Behauptung wird dann eine Beobachtung, und die ist ohnehin stärker.
Quelle 09
Sechs Übungen für deine Recherche
Insgesamt etwa eine Stunde. Hinweis und Lösungsweg sind verdeckt.
UEBUNG 01
Zähl eine Woche lang etwas auf deinem täglichen Weg.
HINWEIS ▸
Nimm etwas, das dir sonst nicht auffällt. Werbeflächen, Kameras, Sitzbänke, geschlossene Läden.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Nach sieben Tagen hast du eine Zahl, die sonst niemand hat. Und meistens eine zweite Beobachtung dazu, etwa dass es an einem Tag deutlich anders war.
UEBUNG 02
Nimm eine deiner Überzeugungen und such die Gegenposition.
HINWEIS ▸
Nicht um sie zu übernehmen. Sondern um zu sehen, worauf sie sich stützt.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Fast immer findest du dabei ein Detail, das deinen eigenen Text besser macht. Denn ein Text, der den Einwand kennt, klingt souveräner als einer, der ihn ignoriert.
UEBUNG 03
Such in einem kommunalen Sitzungsprotokoll nach deinem Thema.
HINWEIS ▸
Die Protokolle stehen meistens auf der Seite deiner Stadt. Such nach einem Stichwort und lies eine Sitzung ganz.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Du findest dort Namen, Beträge und Formulierungen, die sich niemand ausdenken würde. Ein einziger Satz daraus kann einen ganzen Text tragen.
Drei Übungen mit fremden Quellen
UEBUNG 04
Führ ein zwanzigminütiges Interview mit jemandem aus deiner Familie.
HINWEIS ▸
Frag nach Details statt nach Gefühlen. Und halt nach jeder Antwort drei Sekunden die Klappe.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Die drei Sekunden sind die eigentliche Übung. In den meisten Fällen kommt danach ein Satz, den du sonst nie gehört hättest.
UEBUNG 05
Nimm eine Zahl aus einem Zeitungsartikel und such ihre Originalquelle.
HINWEIS ▸
Im Artikel steht meistens der Name einer Studie oder eines Amtes. Von dort aus weiter.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Zwei Dinge passieren häufig: Du findest die Quelle nicht, oder die Zahl steht dort anders im Zusammenhang. Beides ist eine wertvolle Erfahrung.
UEBUNG 06
Rechne eine große Zahl in ein Bild um.
HINWEIS ▸
Such einen Vergleich aus dem Alltag deines Publikums. Nicht Fußballfelder, das kennt jeder schon.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Aus einer Millionenzahl wird etwa: so viele Menschen, dass sie in dieser Stadt zweimal in jede Wohnung passen müssten. Der Vergleich muss nachrechenbar sein.

Quelle 10
Selbsttest: trägt deine Recherche für den Text?
Also acht Fragen. Denk zuerst selbst nach, dann klapp auf.
Steht mehr als eine Zahl in deinem Text?▸
Dann streich alle bis auf eine. Denn dein Publikum behält bei zwei Zahlen keine einzige. Und die eine, die bleibt, muss die anschaulichste sein, nicht die eindrucksvollste.
Könntest du morgen zeigen, woher dein Fakt kommt?▸
Wenn nein, nimm ihn nicht. Das ist die härteste und einfachste Regel im ganzen Artikel. Eine Zahl ist ein Versprechen an dein Publikum.
Hast du die Originalquelle gesehen oder nur einen Artikel darüber?▸
Geh eine Stufe höher. Denn in der Zitierkette verändern sich Zahlen, und irgendwann zitieren sich alle gegenseitig, ohne dass jemand nachgesehen hat.
Hat dich bei der Recherche irgendetwas überrascht?▸
Wenn nein, hast du gesammelt statt recherchiert. Du hast die Belege für das gefunden, was du ohnehin dachtest. Such gezielt nach der Gegenposition.
Ist deine Zahl vorstellbar?▸
Achtundvierzig Besichtigungen kann man sich vorstellen. Eine Prozentangabe im Nachkommabereich nicht. Rechne jede Zahl in ein Bild um, das dein Publikum kennt.
Nennst du im Text deine Quelle?▸
Dann streich die Angabe. Du brauchst sie im Kopf, nicht im Vortrag. Eine Quellenangabe auf der Bühne klingt nach Referat, und wer nachfragt, bekommt sie hinterher.
Hast du irgendwo zwei Aussagen zu einer zusammengezogen?▸
Kürzen ist erlaubt, Zusammenbauen nicht. Zwei halbe Sätze aus zwei Gesprächen ergeben ein Zitat, das nie gefallen ist. Das ist die Grenze.
Ist jemand erkennbar, der nicht gefragt wurde?▸
Ändere, was nicht trägt: Namen, Orte, Berufe. Behalte, was trägt: die Details und die Sätze. Wer dir etwas erzählt hat, hat dir kein Recht auf seinen Namen gegeben.
Sieben oder acht richtig? Dann trägt sie.
Und wenn die zweite Frage ein Nein war, spielt der Rest keine Rolle. Dann formulierst du um.
Quelle 11
Zehn Fehler bei der Recherche für Texte
F1 · Zu viele Fakten
Der häufigste Fehler nach getaner Arbeit. Wer drei Wochen gelesen hat, will das zeigen. Und macht aus vier Minuten ein Referat.
F2 · Die Quelle im Text nennen
Klingt nach Schulaufsatz und kostet Bühnenzeit. Du brauchst die Quelle im Kopf, nicht im Vortrag.
F3 · Die große Zahl statt der kleinen
Bundesweite Millionenzahlen sind abstrakt. Elf leere Läden in deiner Fußgängerzone sind es nicht.
F4 · Nur bis zum Zeitungsartikel gehen
Dort steht die Zahl schon gedeutet und oft ohne Datum. Geh zurück bis zu der Stelle, die sie erhoben hat.
F5 · Recherche als Aufschieberei
Die eleganteste Form, nicht zu schreiben. Setz dir zwei Stunden und fang danach an.
F6 · Nur Belege für die eigene These sammeln
Wir prüfen Quellen unterschiedlich streng, je nachdem, ob sie uns passen. Wer sich nie wundert, hat nur bestätigt.
F7 · Die Quelle nicht notieren
Zehn Sekunden Arbeit, die dir später einen Abend retten. Woher, wann, welche Seite.
F8 · Zahlen runden, bis sie besser klingen
Der Moment, in dem Recherche zur Erfindung wird. Und er passiert schleichend, nie bewusst.
F9 · Erlebnisse behaupten
Wenn du sagst, du warst dort, dann warst du dort. Sonst gehört der Satz einer anderen Figur.
F10 · Den Fakt als Pointe verwenden
Eine Zahl ist kein Schluss, sondern ein Fundament. Sie gehört an den Anfang oder in die Mitte, nicht in die letzte Zeile.
Quelle 12
Die Werkstatt: Recherche für Texte in fünf Schritten
Insgesamt etwa zwei Stunden. Und danach wird geschrieben.
Schritt 1 · Formulier eine Frage
Also keine These, sondern eine echte Frage. Etwas, dessen Antwort du nicht kennst.
Schreib sie oben aufs Blatt und ändere sie nicht mehr.
Schritt 2 · Zwei Stunden suchen
Und zwar mit Wecker. Denn ohne Grenze wird daraus ein Wochenende.
Und notier bei jedem Fund sofort die Quelle. Woher, wann, welche Seite.
Schritt 3 · Einen einzigen Fund auswählen
Also den vorstellbarsten, nicht den größten.
Der Rest bleibt im Hintergrund. Man hört einem Text an, ob jemand mehr weiß, als er sagt.
Schritt 4 · Den Quellencheck machen
Die vier Fragen von oben: Wer hat erhoben, wann, womit wird verglichen, wer profitiert.
Wenn eine davon offen bleibt, formulierst du den Satz zur Beobachtung um.
Schritt 5 · In Anschauung übersetzen
Such für deine Zahl ein Bild aus dem Alltag deines Publikums.
Und schreib den Satz so, dass die Zahl darin nicht wie ein Zitat klingt, sondern wie etwas, das du weißt.
Abnahme zum Abhaken
Sechs Punkte, bevor du den Text spielst.
Alle sechs? Dann steht dein Fakt. Punkt drei offen? Geh zurück, sonst findest du die Quelle nie wieder.
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Vom Fakt zum Text
Zwar ist ein guter Fakt noch kein guter Text.
Denn zwischen der Zahl und der Wirkung liegt alles, was diesen Beruf ausmacht: Aufbau, Bildsprache, Timing, ein Schluss, der sitzt.
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Quelle 13
Häufige Fragen zur Recherche für Texte
Wie viel Recherche braucht ein Slam-Text?
Zwei Stunden reichen fast immer. Und im Text landet davon ein einziger Fakt. Der Rest bleibt im Hintergrund und macht deinen Text trotzdem sicherer.
Warum nur ein einziger Fakt?
Weil dein Publikum genau eine Zahl behalten kann. Bei zwei Zahlen behält es keine. Deshalb such nicht die eindrucksvollste, sondern die anschaulichste.
Soll ich die Quelle auf der Bühne nennen?
Nein. Du brauchst sie im Kopf, nicht im Vortrag, denn eine Quellenangabe klingt sofort nach Referat. Wer nachfragt, bekommt sie hinterher.
Wo finde ich Zahlen, die niemand hat?
Bei dir selbst. Zähl etwas auf deinem täglichen Weg, eine Woche lang. Diese Quelle ist exklusiv, kostet nichts und lässt sich nicht nachmachen.
Wie prüfe ich eine Zahl?
Mit vier Fragen: Wer hat sie erhoben, wann, womit wird verglichen, und wer profitiert davon, dass du es glaubst. Bleibt eine offen, formulier den Satz zur Beobachtung um.
Wie führe ich ein Interview?
Fünf Fragen statt zwanzig, offene statt geschlossene, und nach jeder Antwort drei Sekunden schweigen. Sehr oft kommt danach erst der eigentliche Satz.
Darf ich Zitate kürzen?
Kürzen ja, zusammenbauen nein. Zwei halbe Sätze aus zwei Gesprächen zu einem zu verbinden ergibt ein Zitat, das nie gefallen ist. Genau dort verläuft die Grenze.
Was mache ich, wenn ich die Quelle nicht finde?
Dann benutz die Zahl nicht. Auch wenn sie gut klingt und überall steht. Eine Zahl, die du nicht belegen kannst, ist ein Risiko ohne Gegenwert.
Wie merke ich, dass ich zu lange recherchiere?
Wenn du dich beim Suchen wohler fühlst als beim Schreiben. Recherche ist die eleganteste Form der Aufschieberei. Setz dir einen Wecker.
Was ist der häufigste Fehler?
Nur nach Belegen für die eigene These zu suchen. Die findet man immer. Wenn dich deine Recherche nie überrascht hat, hast du gesammelt statt recherchiert.
Letzte Quelle
Zurück nach Duisburg
Übrigens habe ich den Mann mit den achtundvierzig Besichtigungen hinterher gefragt, wie lange er dafür recherchiert hat.
Daraufhin hat er mich angeguckt, als hätte ich etwas Seltsames gefragt.
Denn er hatte gar nicht recherchiert.
Stattdessen hatte er eine Wohnung gesucht. Und irgendwann angefangen mitzuzählen.
Auf einem Zettel im Portemonnaie, weil er es sonst nicht mehr geglaubt hätte.
Und das ist die ganze Methode.
Denn du musst nicht ins Archiv wie Zola und nicht umziehen wie Caro.
Du musst nur einmal aufschreiben, was du ohnehin erlebst.
Und dann hast du eine Zahl, die niemand sonst auf der Welt hat.

Hör auf zu behaupten. Fang an zu zählen.
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