Über Körper schreiben: Krankheit, Scham, Selbstbild in Worte gießen
Der Körper ist Tabu und Goldgrube zugleich. So kannst du über den Körper schreiben – ehrlich über Krankheit, Scham und Selbstbild, nah und mutig und ohne Peinlichkeit.
02 was andere gesagt haben
03 was dein Körper kann, ohne dich zu fragen
04 und was du bis heute niemandem erzählt hast

Du hast vermutlich einen Text über deinen Körper.
Doch du spielst ihn nicht.
Vielleicht liegt er in einer Datei, vielleicht steht er nur im Kopf.
Und der Grund ist immer derselbe: Du hast Angst, dass es peinlich wird.
Dabei ist die Angst berechtigt. Denn Körpertexte kippen leicht.
Sie werden pathetisch, sie werden zu privat, oder sie klingen wie ein Aufruf zur Selbstliebe von einer Kaffeetasse.
Trotzdem lohnt sich dabei kaum ein Thema so sehr.
Denn es gibt keinen Gegenstand, zu dem jeder im Saal eine eigene Geschichte hat. Außer diesem einen.
Bei mir war es zunächst Münster. Ein Hinterzimmer mit Kerzenlicht, vierzig Leute, Mittwochabend.
Ich hatte einen Text über meinen Rücken dabei. Nichts Dramatisches, nur etwas, das seit Jahren da ist.
Doch ich habe ihn nicht gespielt. Ich habe stattdessen einen über die Bahn genommen.
Danach trat eine Frau auf, die über ihre Hände geschrieben hatte.
Kein Wort über Krankheit. Nur darüber, wie lange sie morgens braucht, bis sie eine Kaffeekanne halten kann.
Danach war es sehr still im Raum.
Und ich saß da mit meinem Bahntext und wusste, dass ich mich gedrückt hatte.
Stelle 00
Warum Körpertexte so oft danebengehen
Denn es gibt vier typische Arten zu scheitern. Und alle vier sind vermeidbar.
Fehlschlag 1 · Der Text klagt an
Also schreibst du gegen Schönheitsideale, gegen Werbung, gegen die Gesellschaft.
Das ist verständlich und es ist meistens richtig.
Aber es ist kein Text über deinen Körper. Es ist ein Text über eine Debatte.
Und Debatten hat der Saal schon gehört.
Fehlschlag 2 · Der Text tröstet
Am Ende steht ein Satz darüber, dass jeder Körper schön ist.
Zwar gut gemeint, und trotzdem der schnellste Weg, deinen eigenen Text zu entwerten.
Denn du hast vier Minuten lang etwas Schwieriges beschrieben und löst es im letzten Satz auf, als wäre es halb so wild.
Fehlschlag 3 · Der Text schockiert
Also sehr drastische Details, sehr direkt vorgetragen.
Das erzeugt eine Reaktion, aber es ist die falsche.
Denn dein Publikum wird dann zum Zuschauer bei etwas, statt sich selbst wiederzuerkennen.
Und Wiedererkennung ist das, worum es geht.
Fehlschlag 4 · Der Text bleibt allgemein
Nun der häufigste von allen.
Du schreibst über den Körper. Nicht über deinen.
Und alles, was allgemein bleibt, kann jeder geschrieben haben.
Der Saal will nicht wissen, was du über Körper denkst. Er will wissen, wie deiner morgens aufwacht.
Grafik 01 · Der Nähe-Regler
Was auf dieser Karte steht
Die Handlungsregel, die jeden Körpertext rettet. Zwölf Fundorte, an denen wirklich etwas liegt. Zehn Passagen mit verdeckter zweiter Fassung. Wie du über Krankheit schreibst, ohne Mitleid zu erzeugen. Wie du Scham umdrehst. Drei Videos. Zehn Techniken. Sechs Übungen. Die Grenze, an der du aufhören solltest. Ein Selbsttest. Zehn Fehler. Und eine Werkstatt zum Abhaken.
Stellen auf der Karte
Stelle 01
Die Handlungsregel: nicht beschreiben, sondern zeigen, was er tut
Nun die eine Regel, aus der alles Weitere folgt.
Beschreib nicht, wie dein Körper aussieht. Zeig, was er tut oder nicht mehr tut.
Denn Aussehen ist immer Bewertung. Und Bewertung kann dein Publikum nicht nachvollziehen.
Handlung dagegen versteht dabei jeder sofort.
Der Unterschied in zwei Sätzen
Beschreibung: „Meine Hände sind seit Jahren steif.“
Was siehst du? Nichts Bestimmtes. Und du weißt nicht, was das heißt.
Handlung: „Ich brauche morgens vierzig Minuten, bis ich die Kaffeekanne halten kann.“
Und plötzlich ist alles da. Die Zeit, die Mühe, der ganz normale Morgen.
Du hast kein einziges Wort über Krankheit benutzt.
Warum das so gut funktioniert
Weil dein Publikum nämlich seinen eigenen Körper kennt und sonst nichts.
Es weiß, wie sich eine Kaffeekanne anfühlt. Es weiß, wie lange vierzig Minuten sind.
Also kann es dabei umrechnen.
Bei einer Zustandsbeschreibung kann es das nicht. Denn niemand weiß, wie sich fremde Steifheit anfühlt.
Mach das jetzt
→ Frag bei jeder Stelle: Woran merkt man das im Alltag?
→ Schreib die Antwort daneben. Sie ist fast immer eine ganz gewöhnliche Handlung.
→ Und dann streich die Beschreibung. Ohne Ersatzgefühl.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Stelle 02
Zwölf Fundorte, um über den Körper zu schreiben
Also hör auf, über deinen Körper nachzudenken. Das führt zu Bewertungen.
Geh stattdessen an konkrete Stellen. Hier sind zwölf.
FUNDORT 01
Die erste halbe Stunde des Tages
Der ergiebigste Fundort überhaupt. Denn morgens verhandelt fast jeder Mensch mit seinem Körper. Was geht heute, was nicht, wie lange dauert es. Und dabei sieht niemand zu.
FUNDORT 02
Kleidung, die du nicht mehr trägst
Nicht die Kleidung selbst, sondern die Entscheidung dagegen. Warum hängt sie noch da? Was müsste passieren, damit du sie wieder anziehst? Diese Frage öffnet fast immer eine Tür.
FUNDORT 03
Sätze, die andere gesagt haben
Menschen sagen erstaunlich beiläufige Dinge über fremde Körper. Ein Satz von einer Tante, einem Lehrer, einem Arzt. Zitier ihn wörtlich und kommentier ihn nicht. Der Saal erledigt das.
FUNDORT 04
Das Wartezimmer
Der neutralste Ort für schwere Themen. Denn du kannst über Zeitschriften, Stühle und Geräusche schreiben, und alle wissen trotzdem, worum es geht.
Vier Fundorte im Alltag
FUNDORT 05
Bewegungen, die du vermeidest
Der Umweg um eine Treppe. Der Platz, den du im Bus wählst. Der Arm, den du nicht hebst. Vermeidung ist konkret, sichtbar und braucht keine Erklärung.
FUNDORT 06
Was dein Körper ohne dich macht
Er verdaut, er heilt, er wächst, er altert. Und niemand hat ihn gefragt. Diese Fremdheit gegenüber dem eigenen Körper ist ein Thema, das fast nie beschrieben wird.
FUNDORT 07
Der Spiegel im Flur
Nicht das Spiegelbild. Sondern die Gewohnheit. Schaust du hin oder gehst du vorbei? Und seit wann machst du es so? Die Antwort ist meistens interessanter als das Bild selbst.
FUNDORT 08
Fotos, auf denen du bist
Wie reagierst du, wenn dir jemand ein Foto zeigt? Suchst du dich zuerst? Und was schaust du dann an? Fast jeder hat hier eine sehr feste Gewohnheit.
Vier Fundorte für Fortgeschrittene
FUNDORT 09
Berührung
Und zwar die alltägliche: die Hand am Rücken beim Vorbeigehen, die Umarmung, die zu kurz war. Berührung lässt sich beschreiben, ohne dass es intim wird.
FUNDORT 10
Die Sprache der Anderen über dich
Wie reden Ärztinnen, Trainer oder Verwandte über deinen Körper? Oft in einer sehr eigenen, sachlichen Sprache. Zitiere sie. Der Kontrast zwischen ihrem Ton und deinem Erleben ist der Text.
FUNDORT 11
Was du kannst und nicht erwähnst
Fast alle Körpertexte handeln von Mängeln. Aber dein Körper kann auch Dinge. Er trägt dich seit Jahrzehnten. Und darüber schreibt kaum jemand, obwohl es die überraschendere Richtung ist.
FUNDORT 12
Der Moment, in dem es dir egal war
Fast jeder hat eine Situation, in der der eigene Körper plötzlich keine Rolle spielte. Beim Tanzen, im Wasser, bei einer Arbeit. Diese Momente sind selten und deshalb erzählenswert.

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Zehn Passagen: über den Körper schreiben, zweimal
Links die Fassung, die fast jeder schreibt. Schreib sie erst selbst um, dann vergleiche.
PASSAGE 01 · DER MORGEN
BESCHRIEBEN
Ich habe chronische Schmerzen und jeder Morgen ist ein Kampf.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Ich stehe seit vier Jahren eine halbe Stunde früher auf als nötig. Niemand weiß, wofür.
Links steht eine Auskunft. Rechts steht eine Gewohnheit mit einer Zahl und einem Geheimnis. Und der Saal rechnet den Rest selbst aus.
PASSAGE 02 · DIE KLEIDUNG
BESCHRIEBEN
Ich fühle mich in meinem Körper unwohl und verstecke ihn.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
In meinem Schrank hängen drei Hemden, die ich seit dem Sommer nicht angezogen habe. Gewaschen sind sie.
Das gewaschene Hemd ist der entscheidende Halbsatz. Es zeigt, dass die Absicht noch da ist und trotzdem nichts passiert.
PASSAGE 03 · DER SATZ VON FRÜHER
BESCHRIEBEN
Meine Tante hat immer abfällige Bemerkungen über mein Aussehen gemacht, das hat mich geprägt.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Meine Tante hat bei jedem Besuch gesagt: Du bist aber gewachsen. Und dabei geguckt, ob es stimmt.
Das Zitat plus der Blick. Kein Wort über Prägung, und trotzdem versteht jeder, was das Kind gelernt hat.
Drei Passagen, die besonders leicht ins Klagen kippen
PASSAGE 04 · DIE DIAGNOSE
BESCHRIEBEN
Als ich die Diagnose bekam, brach für mich eine Welt zusammen.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Sie hat den Bildschirm zu sich gedreht, damit ich nicht mitlesen kann. Ich hab trotzdem mitgelesen.
Der gedrehte Bildschirm ist konkret, alltäglich und dabei schwer. Und die zweite Hälfte macht daraus eine Handlung.
PASSAGE 05 · DER SPIEGEL
BESCHRIEBEN
Ich kann mich selbst im Spiegel nicht ansehen.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Im Flur hängt ein Spiegel. Ich weiß bis heute nicht, ob er sauber ist.
Rechts steht kein Gefühl. Sondern eine Tatsache, die dieselbe Information trägt und dabei fast beiläufig klingt.
PASSAGE 06 · DIE BEWEGUNG
BESCHRIEBEN
Ich meide seit meinem Unfall bestimmte Situationen.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Ich nehme die Rolltreppe, auch wenn die Treppe daneben leer ist. Und ich stelle mich rechts hin.
Zwei kleine Entscheidungen. Zusammen ergeben sie ein ganzes Verhalten, ohne dass das Wort Angst vorkommt.
Vier Passagen, die besonders leicht kippen
PASSAGE 07 · DAS ESSEN
BESCHRIEBEN
Mein Verhältnis zum Essen war lange schwierig.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Ich habe jahrelang zuerst geschaut, wie viel die anderen nehmen. Und dann etwas weniger genommen.
Achtung: Bei diesem Thema keine Zahlen, keine Mengen, keine Methoden. Beschreib das Verhalten in der Beobachtung, nicht die Technik dahinter.
PASSAGE 08 · DER FREMDE BLICK
BESCHRIEBEN
Ich werde ständig angestarrt und das ist verletzend.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
In der Bahn zählt man mit. Nicht bewusst. Aber man weiß am Ende, wie viele weggeschaut haben.
Der Wechsel ins unpersönliche Man macht die Erfahrung teilbar. Und das Zählen zeigt, wie tief die Aufmerksamkeit sitzt.
PASSAGE 09 · DAS ALTERN
BESCHRIEBEN
Ich merke, dass ich älter werde, und das macht mir zu schaffen.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Ich habe angefangen, beim Schuhezubinden auszuatmen. Das hat mir niemand beigebracht.
Eine winzige neue Gewohnheit, die man sich nicht ausgesucht hat. Komisch und ernst zugleich, und genau deshalb trägt sie.
PASSAGE 10 · DAS ENDE DES TEXTES
BESCHRIEBEN
Und heute habe ich gelernt, meinen Körper so anzunehmen, wie er ist.
ERST SELBST UMSCHREIBEN ▸ dann vergleichen
GEZEIGT
Vorgestern habe ich das blaue Hemd angezogen. Nur zum Einkaufen.
Statt einer Versöhnungsformel eine kleine, überprüfbare Handlung. Sie behauptet nichts und lässt trotzdem einen Ausgang offen.
Stelle 04
Über Krankheit schreiben, ohne Mitleid zu erzeugen
Nun der schwierigste Teil dieses Themas. Und der lohnendste.
Denn hier gibt es eine Falle, in die fast jeder tappt.
Die Mitleidsfalle
Denn wenn du Krankheit direkt schilderst, bekommst du Mitleid.
Und Mitleid fühlt sich für einen Moment gut an, weil der Saal reagiert.
Aber es ist die schwächste Reaktion, die es gibt.
Denn Mitleid schafft Abstand. Wer dich bemitleidet, stellt sich neben dich, nicht in dich hinein.
Und danach geht er nach Hause und hat es vergessen.
Was stattdessen funktioniert
K1 · Beschreib die Organisation, nicht das Leiden
Termine, Wartezimmer, Formulare, Anrufe, das Sortieren von Tabletten in eine Schachtel.
Krankheit ist zum größten Teil Verwaltung. Und das weiß fast niemand, der es nicht kennt.
K2 · Zitier die Sprache der anderen
Ärztinnen, Pflegekräfte und Behörden haben eine eigene Sprache. Sachlich, freundlich, seltsam distanziert.
Der Kontrast zwischen dieser Sprache und dem, was sie beschreibt, macht die ganze Arbeit.
K3 · Bleib bei einem einzigen Tag
Nicht die Geschichte der Erkrankung. Sondern ein Dienstag.
Denn ein einzelner Tag lässt sich durchhalten, für dich und für den Saal.
K4 · Erlaub dir Komik
Das klingt falsch und ist es nicht.
Denn wer krank ist, erlebt absurde Situationen. Und diese Absurdität mitzuerzählen ist keine Verharmlosung, sondern Genauigkeit.
Wichtig ist nur die Richtung: Der Witz geht auf Kosten der Umstände, nie auf Kosten kranker Menschen.
K5 · Lass die Deutung weg
Keine Sätze darüber, was die Krankheit dich gelehrt hat. Und keine Formeln wie „dankbar für jeden Tag“.
Denn solche Sätze sind das, was gesunde Menschen hören wollen. Nicht das, was du erlebst.
Mitleid ist die schwächste Reaktion, die du bekommen kannst. Wiedererkennung ist die stärkste.
Stelle 05
Scham umdrehen: das stärkste Werkzeug beim Schreiben
Nun zu dem Teil, vor dem die meisten am meisten Angst haben.
Und der gleichzeitig am zuverlässigsten funktioniert.
Grafik 02 · Wie Scham im Saal kippt
Warum das so wirkt
Denn Scham lebt von einer einzigen Annahme: dass du der Einzige bist.
Und diese Annahme ist fast immer falsch.
Wenn du also etwas aussprichst, von dem du glaubst, dass niemand es kennt, passiert regelmäßig dasselbe.
Ein Drittel des Saals denkt: Ich auch.
Und in dem Moment ist die Scham nicht weg, aber sie liegt nicht mehr allein bei dir.
Die zwei Bedingungen
Das funktioniert allerdings nur unter zwei Voraussetzungen. Und beide sind nicht verhandelbar.
Erstens: Du musst nüchtern darüber sprechen können. Wenn dir beim Üben die Stimme wegbricht, ist der Text noch nicht dran.
Zweitens: Es muss verarbeitet sein. Die Bühne ist kein Ort, um etwas zum ersten Mal zu fühlen.
Mehr dazu im Kapitel über die Grenze weiter unten. Und das ist das wichtigste Kapitel in diesem ganzen Artikel.
Wie du es technisch machst
Also nicht mit einem Geständnis, sondern mit einem Detail.
Also nicht „Ich habe mich für meinen Körper geschämt“.
Sondern „Ich habe im Schwimmbad immer das T-Shirt anbehalten und gesagt, mir ist kalt“.
Der zweite Satz enthält die Scham vollständig. Und dazu die Ausrede, die jeder kennt.

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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Stelle 06
Drei Videos zum Schreiben über den Körper
BJ Miller: Würde statt Drama
Zunächst zu BJ Miller. Der Arzt arbeitet in der Palliativmedizin und hat selbst nach einem Unfall drei Gliedmaßen verloren.
In diesem Vortrag spricht er darüber, was am Ende eines Lebens tatsächlich zählt.
VIDEO 01 · Über Körper, Krankheit und Würde. Englisch, Untertitel verfügbar.
Achte beim Zuschauen auf seinen Ton.
Er spricht über sehr schwere Dinge und klingt dabei nie dramatisch. Manchmal sogar komisch.
Genau diese Nüchternheit ist es, die du für deinen Text brauchst.
Lizzie Velasquez: das eigene Bild bestimmen
Danach zu Lizzie Velasquez. Sie lebt mit einer sehr seltenen Erkrankung und wurde im Netz massiv beleidigt.
In diesem TEDx-Vortrag erzählt sie, wie sie damit umgegangen ist.
VIDEO 02 · Über fremde Blicke und die eigene Definition.
Für dein Schreiben ist eine Sache besonders lehrreich: wie oft sie lacht.
Denn Humor ist bei Körperthemen kein Widerspruch zur Ernsthaftigkeit. Er ist die Bedingung dafür, dass man zuhören kann.
Guy Winch: erst versorgen, dann erzählen
Schließlich Guy Winch. Der Psychologe argumentiert, dass wir seelische Verletzungen ganz anders behandeln als körperliche.
VIDEO 03 · Warum wir seelische Wunden anders behandeln als körperliche.
Ich verlinke das hier aus einem bestimmten Grund.
Denn dieser Artikel handelt vom Schreiben, nicht vom Heilen.
Und die Reihenfolge ist wichtig: erst versorgen, dann erzählen. Nicht umgekehrt.
Stelle 07
Zehn Techniken, um über den Körper zu schreiben
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Handlung statt Zustand
Die wichtigste Regel. Nicht wie etwas ist, sondern was es dich tun oder lassen lässt. Aussehen ist Bewertung, Handlung ist überprüfbar.
T2 · Nimm eine Zeitangabe
Vierzig Minuten, vier Jahre, jeden Dienstag. Zeit macht aus einem Zustand eine Erfahrung, die man sich vorstellen kann.
T3 · Beschreib die Umgebung, nicht den Körper
Wartezimmer, Umkleide, Bushaltestelle, Schrank. Der Raum trägt das Thema mit und nimmt dem Text die Peinlichkeit.
T4 · Zitier fremde Sätze wörtlich
Was Ärztinnen, Verwandte oder Fremde gesagt haben. Ohne Kommentar. Der Saal bewertet selbst, und das ist stärker.
T5 · Bleib bei einem Tag
Nicht die ganze Geschichte, sondern ein Dienstag. Ein einzelner Tag ist tragbar, eine Krankengeschichte ist es nicht.
T6 · Nutz die Vermeidung
Was du nicht mehr machst, sagt mehr als das, was du beschreibst. Die Treppe, der Sitzplatz, das Foto, dem du ausweichst.
T7 · Erlaub dir Komik
Absurde Situationen gehören dazu und ihre Erwähnung ist keine Verharmlosung. Die Richtung muss stimmen: auf Kosten der Umstände, nie auf Kosten kranker oder betroffener Menschen.
T8 · Streich jedes Gefühlswort
Scham, Angst, Ekel, Stolz. All das entsteht im Publikum von allein, wenn die Handlung stimmt. Und es entsteht nicht, wenn du es hinschreibst.
T9 · Verzichte auf die Versöhnung
Kein Schlusssatz über Selbstannahme. Nimm stattdessen eine kleine überprüfbare Handlung, die zeigt, dass sich etwas bewegt hat.
T10 · Bleib unter der Schmerzgrenze
Beim Schreiben darfst du alles. Beim Spielen nur das, was du ruhig sprechen kannst. Wie du das prüfst, steht im nächsten Kapitel.
Stelle 08
Die Grenze beim Schreiben über den Körper
Nun das wichtigste Kapitel dieses Artikels. Bitte überspring es nicht.
Denn bei Körperthemen gibt es eine Linie, die du kennen solltest.
Die Regel
Erzähl nur, was du schon verarbeitet hast. Die Bühne ist kein Ort, um etwas zum ersten Mal zu fühlen.
Und zwar nicht, weil das Publikum es nicht aushalten würde.
Sondern weil du es hinterher aushalten musst. Allein, um halb zwei nachts, wenn alle weg sind.
Der Test
Denn er ist einfach und ziemlich zuverlässig.
Lies den Text zu Hause dreimal laut.
Bricht dir dabei die Stimme weg? Fängst du an zu zittern? Musst du abbrechen?
Dann ist der Text noch nicht dran. Nicht nie, aber jetzt nicht.
Und das ist kein Scheitern. Manche Texte brauchen zwei Jahre Abstand, und danach funktionieren sie.
Was außerdem nicht auf die Bühne gehört
G1 · Details, die andere gefährden könnten
Bei Themen wie Essstörungen oder Selbstverletzung gilt eine besondere Vorsicht.
Beschreib niemals Methoden, Mengen, Zahlen oder Vorgehensweisen.
Denn im Saal sitzen Menschen, für die solche Details ein Auslöser sein können. Und du erfährst nie, wer das war.
Was du dagegen erzählen kannst, ist das Drumherum: das Verstecken, die Ausreden, die Erschöpfung, der Moment, in dem jemand nachgefragt hat.
Das trägt genauso gut und schadet niemandem.
G2 · Der Körper anderer Menschen
Über deinen eigenen Körper darfst du alles schreiben.
Über den deiner Mutter, deines Partners oder deines Kindes nicht ohne Weiteres.
Deren Krankheit ist ihre Geschichte. Deine Erfahrung damit ist deine.
Also schreib darüber, wie es dir damit ging. Nicht darüber, was sie durchgemacht haben.
G3 · Was gerade passiert
Ein Thema, das noch offen ist, gehört noch nicht in einen Text für Publikum.
Ins Notizbuch ja. Auf die Bühne später.
Wenn dich ein Thema dauerhaft beschäftigt
Das gilt unabhängig vom Schreiben: Wenn dich Gedanken über deinen Körper, dein Essverhalten oder Verletzungen dauerhaft belasten, ist das nichts, was ein Text lösen kann. Und es ist auch nicht Aufgabe eines Textes. Sprich mit jemandem, der dafür ausgebildet ist – deiner Hausärztin, einer Beratungsstelle oder einer Psychotherapeutin. Das ist kein Widerspruch zum Schreiben. Viele der besten Texte über den Körper sind erst entstanden, nachdem sich jemand Hilfe geholt hatte.
Bei Essstörungen und Fragen dazu berät in Deutschland zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anonym und kostenfrei. Und wenn es dir akut sehr schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, ebenfalls anonym.
Und noch ein Satz dazu, weil er oft fehlt.
Ein guter Text über den Körper ist kein Beweis dafür, dass es dir gut geht. Und ein Text, den du noch nicht spielen kannst, ist kein Beweis für das Gegenteil.
Beides sind einfach verschiedene Zeitpunkte.
Stelle 09
Sechs Übungen, um über den Körper zu schreiben
Insgesamt etwa vierzig Minuten. Hinweis und Lösungsweg sind dabei verdeckt.
UEBUNG 01
Beschreib deine erste halbe Stunde am Morgen, ohne ein einziges Gefühlswort.
HINWEIS ▸
Denk in Reihenfolgen und Zeiten. Was kommt zuerst, was dauert wie lange, was lässt du weg?
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Zuerst die Füße auf den Boden, dann eine Minute sitzen bleiben. Erst danach aufstehen. Das steht in keinem Kalender und passiert trotzdem jeden Tag.
UEBUNG 02
Schreib über ein Kleidungsstück, das du nicht mehr trägst.
HINWEIS ▸
Nicht über das Aussehen. Über den Ort im Schrank und die letzte Gelegenheit.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Das blaue Hemd hängt ganz rechts, wo ich nicht hinschaue. Das letzte Mal war eine Hochzeit, und ich habe es danach gewaschen.
UEBUNG 03
Zitier einen Satz, den jemand über deinen Körper gesagt hat.
HINWEIS ▸
Wörtlich, ohne Einordnung. Und schreib dazu, was die Person dabei gemacht hat.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Sie hat gesagt: Du siehst gesund aus. Und dabei zwei Schritte zurückgemacht, um mich ganz zu sehen.
Drei Übungen mit mehr Nähe
UEBUNG 04
Beschreib eine Bewegung, die du vermeidest.
HINWEIS ▸
Such den Umweg, nicht das Hindernis. Umwege sind konkret und verraten mehr.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Ich nehme im Kino den Platz am Gang. Nicht wegen der Beine. Wegen dem Aufstehen.
UEBUNG 05
Schreib drei Sätze darüber, was dein Körper kann.
HINWEIS ▸
Bewusst gegen die Richtung, in die dein Text sonst läuft. Das ist ungewohnt und deshalb interessant.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Er hat mich vierunddreißig Jahre getragen. Er heilt Dinge, ohne mich zu fragen. Und er wacht jeden Morgen wieder auf, obwohl ich ihn nicht besonders gut behandle.
UEBUNG 06
Nimm deinen fertigen Text und lies ihn dreimal laut.
HINWEIS ▸
Achte nicht auf Formulierungen. Achte nur auf deine eigene Stimme und deinen Atem.
EIN MOEGLICHER WEG ▸
Bleibt die Stimme ruhig? Dann kannst du ihn spielen. Bricht sie weg, leg den Text zurück in die Schublade und nimm ihn in einem Jahr wieder raus. Das ist eine sinnvolle Entscheidung, keine Niederlage.

Stelle 10
Selbsttest: acht Fragen zum Schreiben über den Körper
Denk erst selbst nach, dann klapp auf.
Kannst du den Text dreimal laut lesen, ohne dass die Stimme wegbricht?▸
Das ist die wichtigste Frage von allen. Wenn nein, ist der Text noch nicht dran. Nicht nie, aber jetzt nicht. Leg ihn zurück und nimm ihn in einem Jahr wieder raus.
Steht in deinem Text eine Handlung oder eine Beschreibung?▸
Beschreibungen sagen, wie etwas ist. Handlungen zeigen, was es dich tun oder lassen lässt. Nur die zweite Sorte kann dein Publikum nachvollziehen.
Kommt eine Zeitangabe vor?▸
Vierzig Minuten, vier Jahre, jeden Dienstag. Zeit macht aus einem Zustand eine Erfahrung, die man sich vorstellen kann. Und sie behauptet nichts.
Benennst du ein Gefühl?▸
Scham, Angst, Ekel, Stolz. Streich sie alle. Diese Gefühle entstehen im Publikum von allein, wenn die Handlung stimmt, und entstehen nicht, wenn du sie hinschreibst.
Endet dein Text mit einer Versöhnung?▸
Ein Satz über Selbstannahme entwertet vier Minuten Arbeit. Nimm stattdessen eine kleine überprüfbare Handlung, die zeigt, dass sich etwas bewegt hat.
Enthält dein Text Details, die jemanden gefährden könnten?▸
Bei Themen wie Essstörungen oder Selbstverletzung: keine Methoden, keine Zahlen, keine Mengen. Erzähl das Drumherum, nicht die Technik. Das trägt genauso gut.
Erzählst du die Geschichte einer anderen Person?▸
Über deinen eigenen Körper darfst du alles. Über den deiner Mutter oder deines Partners nur, wie es dir damit ging. Deren Krankheit ist ihre Geschichte.
Würdest du den Text spielen, wenn jemand aus deinem Umfeld im Saal säße?▸
Diese Frage klärt zwei Dinge auf einmal: ob du wirklich dahinterstehst und ob du jemanden mit hineinziehst, der nicht gefragt wurde.
Sieben oder acht richtig? Dann kannst du ihn spielen.
Und wenn die erste Frage ein Nein war, spielt der Rest keine Rolle. Dann wartest du.
Stelle 11
Zehn Fehler bei Texten über den Körper
F1 · Beschreiben statt zeigen
Der Grundfehler. Wie etwas aussieht, kann niemand nachfühlen. Was es dich tun lässt, versteht jeder sofort.
F2 · Der Text wird zur Debatte
Gegen Schönheitsideale, gegen Werbung, gegen die Gesellschaft. Verständlich, aber es ist dann kein Text über deinen Körper mehr.
F3 · Die Versöhnung am Schluss
Ein Satz darüber, dass jeder Körper schön ist. Damit löst du in fünf Sekunden auf, wofür du vier Minuten gebraucht hast.
F4 · Zu drastisch
Sehr harte Details erzeugen eine Reaktion, aber die falsche. Der Saal wird zum Zuschauer statt zum Wiedererkennenden.
F5 · Zu allgemein
Über den Körper statt über deinen. Alles Allgemeine könnte auch jemand anders geschrieben haben.
F6 · Gefühlswörter
Scham, Angst, Ekel. Sie ersetzen die Arbeit, statt sie zu machen. Und sie erzeugen genau das Gegenteil von dem, was sie benennen.
F7 · Mitleid als Ziel
Es fühlt sich im Moment gut an und ist die schwächste Reaktion überhaupt. Denn Mitleid schafft Abstand statt Nähe.
F8 · Die Deutung der Krankheit
Sätze darüber, was eine Erkrankung dich gelehrt hat. Das ist meistens das, was gesunde Menschen hören wollen.
F9 · Fremde Körper ohne Erlaubnis
Die Krankheit deiner Mutter ist ihre Geschichte. Schreib über deine Erfahrung damit, nicht über ihre.
F10 · Zu früh auf die Bühne
Der teuerste Fehler. Ein Text über etwas Unverarbeitetes kostet dich mehr, als jeder Applaus wert ist.
Stelle 12
Die Werkstatt: dein Körpertext in fünf Schritten
Insgesamt etwa eine Stunde. Dabei ist der letzte Schritt der wichtigste.
Schritt 1 · Wähl einen Fundort
Nimm einen der zwölf von oben. Am besten den Morgen oder das Wartezimmer.
Und zwar nicht den schwersten. Fang mit dem an, der dir am leichtesten fällt.
Schritt 2 · Schreib zwanzig Minuten Beobachtung
Nur was passiert. Reihenfolgen, Zeiten, Gegenstände, Sätze von anderen.
Ohne zu bewerten und ohne einzuordnen.
Schritt 3 · Streich alle Gefühlswörter
Jedes einzelne. Auch die, bei denen du sicher bist, dass sie nötig sind.
Lies danach noch einmal. In neun von zehn Fällen fehlt nichts.
Schritt 4 · Such die eine Handlung
In deinem Material steckt eine kleine Handlung, die alles trägt. Meistens etwas Unauffälliges.
Bau den Text um diese Handlung herum und streich den Rest.
Schritt 5 · Der Stimmtest
Dreimal laut lesen und dabei auf die eigene Stimme achten.
Das ist kein Formalitätsschritt. Das ist die Entscheidung, ob dieser Text jetzt auf eine Bühne gehört.
Abnahme zum Abhaken
Sechs Punkte. Der letzte zählt doppelt.
Alle sechs? Dann trägt er. Der Stimmtest nicht bestanden? Dann warte, egal wie gut der Rest ist.
Achtung, Werbung
Handwerk für die schweren Themen
Denn gerade bei Körpertexten entscheidet das Handwerk darüber, ob etwas ankommt oder peinlich wird.
Denn zwischen einem privaten Geständnis und einem Text, der einen Saal erwischt, liegt reine Technik.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder lass den Text weiter in der Schublade liegen.
Stelle 13
Häufige Fragen zum Schreiben über den Körper
Wie schreibe ich über den Körper, ohne dass es peinlich wird?
Über Handlungen statt über Aussehen. Beschreib nicht, wie dein Körper ist, sondern was er dich tun oder lassen lässt. Eine konkrete Alltagshandlung ist nie peinlich, eine Zustandsbeschreibung schnell.
Wie schreibe ich über Krankheit, ohne Mitleid zu erzeugen?
Beschreib die Organisation statt das Leiden: Termine, Wartezimmer, Formulare, Anrufe. Zitier die Sprache von Ärztinnen und Behörden. Und bleib bei einem einzigen Tag statt bei der ganzen Geschichte.
Darf ich über Scham schreiben?
Ja, und es ist das wirksamste Material, das es gibt. Denn Scham lebt von der Annahme, allein damit zu sein. Zwei Bedingungen: Du musst nüchtern darüber sprechen können, und es muss verarbeitet sein.
Woran merke ich, dass ein Text noch zu früh ist?
Lies ihn dreimal laut. Bricht die Stimme weg oder musst du abbrechen, ist er noch nicht dran. Das ist keine Niederlage, sondern eine Information. Manche Texte brauchen zwei Jahre Abstand.
Was darf ich über Essstörungen oder Selbstverletzung schreiben?
Das Drumherum: das Verstecken, die Ausreden, die Erschöpfung, den Moment, in dem jemand nachgefragt hat. Aber niemals Methoden, Mengen oder Zahlen. Denn im Saal sitzen Menschen, für die das ein Auslöser sein kann.
Darf ich über den Körper anderer Menschen schreiben?
Über deine Erfahrung damit ja, über ihre Krankheit nein. Also darüber, wie es dir mit der Erkrankung deiner Mutter ging, nicht darüber, was sie durchgemacht hat. Das ist ihre Geschichte.
Wie beende ich einen Körpertext?
Nicht mit einer Versöhnungsformel. Nimm eine kleine überprüfbare Handlung, die zeigt, dass sich etwas bewegt hat. Sie behauptet nichts und lässt trotzdem einen Ausgang offen.
Darf man bei Körperthemen komisch sein?
Unbedingt, denn Krankheit und Scham erzeugen absurde Situationen. Die Richtung muss stimmen: auf Kosten der Umstände, nie auf Kosten betroffener Menschen. Humor macht solche Texte hörbar.
Wie viel Detail ist zu viel?
Sobald dein Publikum vom Wiedererkennen ins Zuschauen kippt. Ein guter Anhaltspunkt: Wenn ein Detail nur schockiert und niemand es aus dem eigenen Leben kennt, gehört es nicht in den Text.
Was mache ich, wenn mich das Thema dauerhaft belastet?
Dann ist das nichts, was ein Text lösen kann, und auch nicht seine Aufgabe. Sprich mit deiner Hausärztin, einer Beratungsstelle oder einer Therapeutin. Das Schreiben läuft davon nicht weg.
Letzte Stelle
Zurück nach Münster
Übrigens habe ich den Text über meinen Rücken zwei Jahre später gespielt.
Nicht weil er besser geworden wäre. Sondern weil ich ihn ruhig lesen konnte.
Dabei habe ich fast alles gestrichen, was ich damals für das Wichtige hielt.
Kein Wort über Diagnosen, keine Erklärung, keine Versöhnung am Schluss.
Übrig geblieben ist eine Handlung: wie ich mir morgens die Schuhe anziehe.
Drei Minuten über das Schuheanziehen.
Danach kam ein Mann zu mir, deutlich älter als ich.
Er hat nichts über meinen Rücken gesagt. Er hat gesagt: „Ich setz mich dafür immer auf die Treppe.“
Und danach hat er kurz gelacht, als wäre ihm das gerade erst aufgefallen.
Zwei Menschen, ein Handgriff, kein einziges Wort über Krankheit.

Schreib nicht, wie dein Körper aussieht. Schreib, was er dich jeden Morgen kostet.
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