Ein Hilfsmittelverzeichnis · ChatGPT
ChatGPT für Poetry Slam: Hilfe oder Betrug? – KI als Werkzeug für Dichter

Dienstag, 21:47 Uhr, Wohnheimzimmer, drei Tage vor dem Hochschul-Slam im alten Lokschuppen.
Samira, 21, studiert Lehramt und hat sich angemeldet, bevor sie einen Text hatte.
Jetzt öffnet sie ChatGPT und tippt: „Schreib mir einen Poetry-Slam-Text über das Gefühl, unsichtbar zu sein.“
Nach wenigen Sekunden steht er da.
Flüssig.
Mit Rhythmus, mit Bildern, mit einer Pointe am Schluss.
Samira liest ihn und denkt: Klingt okay.
Eigentlich ziemlich gut.
Aber irgendwas riecht komisch.
Wie ein Parfüm, das jemand anderes trägt.
Bei der Probe am Donnerstag hört Irmela zu, 63, die den Slam organisiert.
Sie hat dreißig Jahre im Prüfungsamt der Hochschule gearbeitet und ein Ohr für Texte, die nicht von der Person stammen, die sie vorträgt.
Nach dem Vortrag stellt sie nur eine Frage.
„Welche Zeile davon ist dir passiert?“
Samira sucht.
Sie findet keine.
Irmela schiebt ihr den Anmeldebogen hin, ganz unten eine Zeile zum Unterschreiben.
Samira und Irmela gibt es so nicht. Aber den Moment, in dem sich ein fertiger KI-Text plötzlich falsch anfühlt, kennen inzwischen viele, die schreiben.
Kennst du das?
Du hast ein Notizbuch voller Zeilen, die nachts kommen.
Aber vor dem leeren Dokument passiert: nichts.
Das Gefühl ist da, die Worte sind auf der Flucht.
Und dann liegt da ein Werkzeug, das in Sekunden Sätze liefert.
Die Frage ist nicht, ob du es anfassen darfst.
Die Frage ist, wofür.
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- Gedanken vom Gleis
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenChatGPT beim Slam: Hilfe oder Betrug?
§ 2 Keine Requisiten, keine Kostüme, keine Musik.
§ 3 Zeitlimit: sechs Minuten.
§ 4 Das Publikum entscheidet.
Ich versichere, dass ich den vorgetragenen Text selbst geschrieben habe. Hilfsmittel habe ich nur so genutzt, wie im Hilfsmittelverzeichnis erlaubt.
Fangen wir mit der Regel an, auf der das ganze Format steht.
Beim Poetry Slam trägst du selbst geschriebene Texte vor.
Keine Requisiten, keine Musik, nur du, dein Text und ein Zeitlimit von meist wenigen Minuten.
Ein Text, den ChatGPT geschrieben hat, ist kein selbst geschriebener Text.
Auch nicht, wenn du ihn umformulierst.
Auch nicht, wenn du ihn großartig vorträgst.
Das ist keine Frage für die Polizei.
Es ist eine Frage der Fairness gegenüber allen, die an diesem Abend mit ihren eigenen Sätzen auf der Bühne stehen.
Und gegenüber einem Publikum, das nicht wegen eines Sprachmodells gekommen ist, sondern wegen eines Menschen.
Also ganz klar:
Bei Slams zählen eigene Texte.
KI kann höchstens dein Sparringspartner fürs Brainstorming sein.
Nie dein Ghostwriter.
Es gibt inzwischen Sonderabende, an denen KI-Texte ausdrücklich Thema sind.
Das ist in Ordnung, wenn alle vorher wissen, worauf sie sich einlassen.
Beim normalen Slam gilt die alte Regel.
Was ChatGPT kann – und was nicht
- ✓in Sekunden flüssige Texte bauen
- ✓Muster und Strukturen erkennen
- ✓Fragen stellen, wenn du darum bittest
- ✓abgenutzte Bilder aufzählen
- ✕sich an deinen Küchentisch erinnern
- ✕sich für etwas schämen
- ✕verlässlich Fakten liefern
- ✕für dich auf der Bühne stehen
ChatGPT ist ein Chatprogramm von OpenAI, das auf großen Sprachmodellen beruht und seit Ende 2022 öffentlich nutzbar ist.
Vereinfacht gesagt hat es aus riesigen Textmengen gelernt, welche Wörter wahrscheinlich aufeinander folgen.
Das ist seine Stärke.
Und genau das ist sein Problem.
Es liefert flüssige Texte in Sekunden.
Es erkennt Muster.
Es kann gute Fragen stellen, wenn du es darum bittest.
Aber es hat keine Kindheit, die es geprägt hat.
Keinen Vater, vor dem es sich geschämt hat.
Keinen Moment, in dem es im Supermarkt stand und vergessen hat, warum.
Es kennt Wahrscheinlichkeiten.
Und wahrscheinliche Sätze ergeben selten gute Slam-Texte.
Sie ergeben Texte, die sich anfühlen wie Musik im Aufzug.
Angenehm.
Und sofort vergessen.
Dazu kommt: Sprachmodelle können sich irren und dabei sehr überzeugt klingen.
Sie erfinden manchmal Zahlen, Quellen oder Zitate.
Achte darauf, an welchen Stellen die Texte im Video glatt werden – und was dort fehlt, wenn du an einen Slam-Text denkst.
Das Hilfsmittelverzeichnis: erlaubt, verboten, ansagen
Irmela hat an der Hochschule jahrelang Eigenständigkeitserklärungen abgeheftet.
Unter jeder Abschlussarbeit steht so ein Satz: Ich habe diese Arbeit selbst verfasst und nur die angegebenen Hilfsmittel benutzt.
Für ihren Slam hat sie daraus ein Hilfsmittelverzeichnis gemacht.
Wörterbuch, Thesaurus, Reimlexikon: erlaubt, wie immer.
Eine KI als Interviewerin, die dir Fragen stellt, deren Antworten nur du kennst: erlaubt.
Eine KI als Klischee-Melder, die dir sagt, welche Bilder alle schon benutzen: erlaubt.
Eine KI als Spiegel für die Reihenfolge deiner eigenen Fragmente, ohne dass sie ein Wort umformuliert: erlaubt.
Aber sobald die KI Zeilen, Strophen oder Pointen liefert, ist Schluss.
Auch der beliebte Trick, sich zwanzig Anfangssätze oder dreißig Metaphern ausspucken zu lassen und den besten „umzuschreiben“, fällt durch.
Kein Bullshit: Was du umformulierst, bleibt ihr Satz.
Du hast ihn nur umgezogen.
Sparring statt Ghostwriting: drei Übungen
Wie sieht gutes Sparring aus?
So, wie Samira es am Donnerstagabend nach der Probe gemacht hat.
Übung 1: Lass dich interviewen.
Bitte die KI um zehn Fragen zu einem Moment aus deinem Leben.
Keine Antworten, nur Fragen.
Dann klappst du den Laptop zu und antwortest mit der Hand.
Samira bekommt unter anderem die Frage, wann sie sich zuletzt unsichtbar gefühlt hat.
Ihre Antwort: „Ich hab meinen eigenen Geburtstag verpasst.“
„Nicht den Termin.“
„Das Gefühl.“
„Ich saß dabei wie jemand, der aus Versehen mit eingeladen wurde.“
Das ist ihrs.
Das hat Schrammen.
Übung 2: Lass dir die Klischees zeigen.
Frag nach den zwanzig abgenutztesten Bildern zu deinem Thema.
Nicht, um sie zu benutzen.
Um sie zu verbieten.
Wenn dein Text ohne Nebel, Leere und Schatten auskommen muss, bist du gezwungen, genauer hinzuschauen.
Übung 3: Lass deine Reihenfolge spiegeln.
Gib deine eigenen Fragmente ein und frag nur, welche Reihenfolge Spannung aufbaut.
Die Antwort ist ein Vorschlag, kein Bauplan.
Übernimm die Hälfte.
Brich an einer Stelle absichtlich aus.
Ein zu glatter Bogen ist leblos, und echter Slam darf Risse haben.
Die Gefahr, über die keiner spricht

Die größte Gefahr ist nicht, erwischt zu werden.
Die größte Gefahr heißt Entfremdung.
Einen Text, den eine KI geschrieben hat, kannst du vorlesen.
Du kannst ihn auswendig lernen.
Aber du kannst ihn nicht sein.
Das Publikum merkt das, meistens ohne zu wissen, warum.
Echte Texte zittern in der Stimme, genau an der Stelle, die man eigentlich nicht sagen wollte.
Die besten Momente beim Slam entstehen, wenn jemand kurz aufhört zu performen und einfach redet.
Das kann kein Prompt erzeugen.
Das kannst nur du zulassen.
Ein Hammer baut Regale oder zertrümmert sie, je nachdem, wer ihn hält.
Mit Sprachmodellen ist es genauso.
Deshalb gehört vor jedes Öffnen des Chatfensters eine Frage.
Nicht: Was will ich von diesem Text?
Sondern: Was will dieser Text von mir?
Welchen Teil von dir will er haben, den peinlichen, den rohen, den unbearbeiteten?
Wenn du die Antwort kennst, kann die KI dir helfen, den Weg dorthin zu finden.
Wenn du sie nicht kennst, gibt sie dir keine.
Sie gibt dir eine wahrscheinliche.
Achte darauf, was an diesem Video roh und ungeglättet wirkt – und ob man so etwas mit einem Prompt bestellen könnte.
Das Kleingedruckte: Fakten, Daten, Urheberrecht
- Fakten: Sprachmodelle können Zahlen, Quellen und Zitate erfinden. Alles, was du übernimmst, prüfst du an der Quelle.
- Daten: Was du eintippst, verlässt dein Gerät. Keine privaten Details über andere Menschen, und ein Blick in die Datenschutz-Einstellungen lohnt sich.
- Urheberrecht: Geschützt ist nach § 2 Abs. 2 UrhG nur eine persönliche geistige Schöpfung eines Menschen. Reine KI-Ausgaben gelten nach verbreiteter Auffassung nicht als geschützte Werke. Keine Rechtsberatung.
- Sonderformate: Es gibt Abende, an denen KI-Texte ausdrücklich Thema sind. Das ist in Ordnung, wenn alle es vorher wissen.
Drei Dinge gehören noch dazu, auch wenn sie trocken sind.
Erstens: Prüf alles, was nach Fakt aussieht.
Ein Sprachmodell kann eine Jahreszahl, eine Studie oder ein Zitat erfinden und klingt dabei genauso sicher wie bei der Wahrheit.
Zweitens: Pass auf, was du eintippst.
Deine Erlebnisse gehören dir, aber die Geschichten anderer Menschen gehören ihnen.
Drittens: das Urheberrecht.
In Deutschland schützt es nur, was ein Mensch als persönliche geistige Schöpfung gestaltet hat.
Reine KI-Ausgaben gelten nach verbreiteter Auffassung nicht als geschützte Werke.
Das ist keine Rechtsberatung, aber ein weiterer Grund, warum dein Text von dir kommen sollte.
Nur dann ist er wirklich deiner.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenUnd Samira?
Freitag, Hochschul-Slam im Lokschuppen.
Samira steht mit einem Text am Mikro, den sie in der Nacht davor mit der Hand geschrieben hat.
Er ist nicht so glatt wie der aus dem Chatfenster.
Er hat eine Stelle, bei der sie selbst nicht genau weiß, ob sie trägt.
Er beginnt mit dem verpassten Geburtstag.
Beim Satz mit der Einladung zittert ihre Stimme.
Genau da wird es im Saal still.
In der ersten Reihe sitzt Irmela, den Anmeldebogen auf dem Knie.
Unter der Eigenständigkeitserklärung steht Samiras Unterschrift, ohne Zögern gesetzt.
Nach dem Auftritt fragt jemand an der Theke, ob sie das mit KI gemacht hat.
Samira lacht.
„Die hat mir nur Fragen gestellt.“
„Die Antworten waren meine.“
Also merke:
ChatGPT ist ein Werkzeug.
Beim Slam darf es fragen, auflisten und spiegeln.
Schreiben darfst nur du.
Denn das Publikum kommt nicht wegen der wahrscheinlichsten Sätze.
Es kommt wegen deiner.
Dein Hilfsmittelverzeichnis: KI zum Mitnehmen
Nimm Samiras Hilfsmittelverzeichnis mit an deinen eigenen Schreibtisch.
Denn eine KI wie ein Chatprogramm ist ein Werkzeug, kein Dichter.
Sie kann helfen, aber sie darf dir das Herz des Textes nicht abnehmen.
Die Frage ist nicht Hilfe oder Betrug, sondern wie du sie nutzt.
Die folgenden Hacks zeigen dir den klugen Umgang mit der KI.
Jeder davon hält deine eigene Stimme im Mittelpunkt.
Hack 1: Nutz sie als Sparring, nicht als Ghostwriter
Dein erster Hack ist, die KI als Sparring zu nutzen, nicht als Ghostwriter.
Lass sie nicht deinen Text schreiben, sondern mit dir üben.
Frag sie nach Gegenargumenten, nach anderen Blickwinkeln, nach Fragen.
So schärfst du deine eigenen Gedanken am Widerstand.
Der fertige Text aber kommt aus dir, nicht aus der Maschine.
Sparring macht dich stärker, Ghostwriting macht dich überflüssig.
Hack 2: Wisse, was die KI kann und was nicht
Ein kluger Hack ist zu wissen, was die KI kann und was nicht.
Sie kennt viele Wörter, Muster und glatte Formulierungen.
Aber sie hat nie geliebt, getrauert oder auf einer Bühne gezittert.
Dein gelebtes Leben kann sie nicht ersetzen, nur du hast es.
Nutz sie für die Form, aber hol den Inhalt aus dir selbst.
Was dich wirklich ausmacht, findet sie nie von allein.
Hack 3: Sag ehrlich an, was du nutzt
Ein ehrlicher Hack ist, anzusagen, was du genutzt hast.
Es ist kein Betrug, ein Werkzeug zu benutzen, wenn du ehrlich bist.
Zum Betrug wird es erst, wenn du fremde Arbeit als deine ausgibst.
Sei dir selbst gegenüber klar, wo die KI geholfen hat.
Diese Ehrlichkeit hält dein Schreiben sauber und frei.
So bleibst du stolz auf das, was wirklich von dir kommt.
Beispiel Schritt für Schritt
Lass dir von der KI Gegenfragen zu deinem Thema geben. Schreib den Text danach selbst, aus deinem Leben. Prüf jede Idee, ob sie wirklich nach dir klingt. Sei ehrlich, wo das Werkzeug geholfen hat. So nutzt du die KI klug statt als Ersatz.
Hack 4: Behalt deine eigene Stimme
Ein wichtiger Hack ist, deine eigene Stimme zu behalten.
KI-Texte klingen oft glatt, höflich und ein wenig gleich.
Genau diese Gleichheit ist die größte Gefahr für deinen Text.
Schreib bewusst schräg, persönlich und mit deinen Ecken.
Wo ein Satz zu glatt klingt, mach ihn wieder zu deinem.
Deine Ecken und Kanten sind genau das, was die Maschine nicht hat.
Hack 5: Prüf Fakten und Rechte
Ein verantwortungsvoller Hack ist, Fakten und Rechte zu prüfen.
Eine KI kann Dinge sehr sicher behaupten, die gar nicht stimmen.
Prüf jede Tatsache, die sie dir liefert, an einer echten Quelle.
Achte auch darauf, keine fremden Texte ungefragt zu übernehmen.
So bleibt dein Text ehrlich, korrekt und fair.
Das Kleingedruckte zu beachten gehört zum sauberen Arbeiten.
Hack 6: Lass die KI nicht die Angst wegnehmen
Ein feiner Hack ist, dir die gesunde Angst nicht abnehmen zu lassen.
Das Zittern vor dem leeren Blatt gehört zum Schreiben dazu.
Wer jede Hürde sofort an die Maschine abgibt, lernt nichts.
Halt die kleine Unsicherheit aus und ring selbst um deinen Satz.
Genau in diesem Ringen wächst dein eigenes Können.
Die KI darf dich begleiten, aber nicht dein Wachsen ersetzen.
Häufige Fehler beim Umgang mit KI
Ein paar Stolperfallen kehren hier immer wieder.
- Die KI den ganzen Text schreiben lassen.
- Glauben, sie könne dein gelebtes Leben ersetzen.
- Verheimlichen, dass und wie man sie genutzt hat.
- Die glatten, gleichen Sätze einfach übernehmen.
- Ihre Behauptungen ungeprüft für wahr halten.
- Jede eigene Hürde sofort an die Maschine abgeben.
Wer diese Fehler meidet, nutzt die KI als Werkzeug und bleibt Autor.
Merksatz
Eine KI ist ein Werkzeug, kein Dichter. Nutz sie als Sparring statt als Ghostwriter, wisse was sie kann und was nicht, sag ehrlich an was du nutzt, behalt deine eigene Stimme und prüf Fakten und Rechte.
Deine KI-Hacks auf einen Blick
Hier findest du alle Hacks noch einmal in Kurzform zum Mitnehmen.
- Sparring statt Ghostwriting: Mit der KI üben, nicht schreiben lassen.
- Grenzen kennen: Form von der KI, Inhalt aus dir.
- Ehrlich ansagen: Transparent mit dem Werkzeug umgehen.
- Eigene Stimme: Die glatten Sätze wieder zu deinen machen.
- Fakten und Rechte: Behauptungen und Quellen prüfen.
- Selbst ringen: Die gesunde Hürde nicht abgeben.
Mini-Übung
Lass dir zu deinem Thema drei Gegenfragen stellen, von einem Menschen oder einem Werkzeug. Beantworte sie selbst in eigenen Sätzen. Streich jeden Satz, der nicht wirklich nach dir klingt.
Ein ermutigender Schluss
Die KI ist weder Teufel noch Wunder, sondern nur ein Werkzeug.
Samira muss nur lernen, es klug und ehrlich zu nutzen.
Trau dich, die Maschine zum Sparring zu nutzen.
Aber hol das Herz deines Textes immer aus deinem eigenen Leben.
Dann bleibt dein Text unverwechselbar nach dir.
Und kein Werkzeug der Welt kann deine Stimme ersetzen.
